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Full text of "Kant's gesammelte Schriften"

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NUNC  COGNOSCO  EX  PARTE 


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NUNC  COGNOSCO  EX  PARTE 


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https://archive.org/details/kantsgesammeltes0008kant 


Hanf  0 

SrJjrtftnt 


ErauagBgBÖBit 


turn  ber 

limiglitfj  Pxmfytftfyrn  ÄftabmiB 
bet  XlDt]]'cnI'rf;afftui 


Banb  VIII 


ffix'lle  JUifI)Ei(uirg:  Wirkt 

Mtf)Ux  Banb 


Bcrltn  mtir  Xtnpjgi  1923 

W&ltzv  t»x  (Bvitgtzv  &  (£o. 

burmat*  ©.  3.  «örrijsn'l'rfje  »erlanaljattMunj,  -  3.  @uHE„tafl)  ßetia00. 
luufjljanblung  -  ©sorg  Etimn  -  Karl  3.  Evübnrr  -  »sif  & 


Hanfs  10 t v  1'.  t 


Banü  VIII 

HfifjanbluitßBn  nad;  1781 


Umbrud? 


Berlin  iinli  XtnpjtO  1928 

IDalfer  tn?  (Brutto  &  Co, 

bm-male  ffi.  3.  @ö('rfjsn’I'riie  ©erIagel>anMu»t0  -  3.  ffiatfjttfag,  ©erlagö- 
JmrfjIjanMmtji  -  ffijorg  ®etm*r  -  KavI  3.  ®rübitfr  -  $etf  Sc  domp. 


cL'T.'Ö'b 


gnfjafMfierfidjf  bes  Raubes. 


1782. 

Slngeige  be§  Sambert’fcfjen  23riefroed)fel<§  .  1 

9tad)rid)t  an  Slrgte  .  5 

1783. 

Dtecenfion  non  @d)ulg’3  SSerfud)  einer  Einleitung  gur  ©ittenleffre  für 
alle  2ftenfd)en,  ofjne  ttnterfcpieb  ber  fKeligion,  nebft  einem  21n= 
fyange  üon  ben  £obe<§ftrafen . .  9 

1784. 

$;bee  gu  einer  allgemeinen  ©efd)id)te  in  meltbftrgerlid)er  Slbftd)t  .  .  15 

23eantmortung  ber  2ßa§  ift  Etufflärung? .  33 

1785. 

fftecenfionen  non  %  ®-  Berbers  Sbeen  gur  $l)ilofopf)ie  ber  @e= 
fcfyidjte  ber  9D?enfd)f)eit.  Sljeil  1.  2 . .  43 

sftecenfion  be3  1.  2t)eil3 .  45 

(Erinnerungen  be3  iRecenfenten  ber  ^»erberfcben  Sbeen  über  ein  im 
gebruar  be<3  5£eutfd)en  SRerfur  gegen  biefe  3ftecenfion  gerid)teteä 

(Sdjreiben . 56 

Sfiecenfion  beä  2.  ££)eil§ .  58 

Über  bie  SSulfane  im  Wonbe .  67 

SSon  ber  Unredjtmäfeigfeit  be§  23üd)ernad)brud;3 .  77 

Seftimmung  be<§  Begriffs  einer  fIRenfctjenrace . .  89 


4  4 


VI 


1780. 

2Jtutl)maj3licf)er  Anfang  ber  2ftenfcf)engefd)tcf)te . 107 

SHecenfton  non  ©ottlieb  £ufelanb’§  SSerfud)  über  ben  ®runbfa£  be§ 
UtaturrecptS . 125 

2Ba§  bjetfet :  @id)  im  SDenfen  orientirert? . 131 

@inige23emerfungen  gu  S.^.^afob’S  Prüfung  ber  2Renbel§fo^n’fd)en 
■Dforgenftunben . 149 

1788. 

Über  ben  ©ebraucf)  te!eoIogifd)er  ißrinctpien  in  ber  $l)ilofopI)ie  .  .  157 

1790. 

Über  eine  ©ntbecfnng,  nad)  ber  alle  neue  Äritif  ber  reinen  Vernunft 

burd)  eine  ältere  entbeljrlid)  gemacht  merben  fall . 185 

(SSormort) . 187 

©rfter  Stbfdjnitt.  Uber  bie  objectioe  Realität  berjenigen  23egrtffe, 
betten  teilte  correfponbtrenbe  finnltcfje  2tnfd)auung  gegeben  tu  erben 
fann,  nach  ^terrn  ©bertjarb  ...  190 

A.  iBetneiä  ber  objecttüeit  Realität  bed  SBegriffö  üont  äureicfjeitben 

©runbe  nad)  §errn  ©bertjarb  .  .  . 193 

B.  23etnel3  ber  objectiüeti  SReatität  be§  33egriffd  nom  ©ittfadjen  an 

©rfabrungdgegeuftänben  nadj  ^terrn  ©berljarb  ......  198 

C.  3)7ett)obe,  öotn  ©innlidjen  jutn  97id)tfinnlic£)en  aufjufteigen,  nad) 

.fperrn  ©berljarb . 207 

3 na  etter  Slbfdjnitt.  2>ie  SXuftöfung  ber  Stufgabe:  SBte  finb  ftjn« 

ttjetifdje  Urttjeite  a  priori  tnöglid)?  nad)  £>errn  ©berljarb  .  .  .  226 

1791. 

Über  ba§  URifjlingen  aller  pl)ilofopf)ifd)en  2Serfud)e  in  ber  Sdfeobicee  253 

1793. 

Über  ben  ©emeiufprud):  2)a§  mag  in  ber  Sdjeorie  richtig  fein,  taugt 

aber  nid)t  für  bie  ^rapis . 273 

(S3ortnort) . 275 

I.  93on  betn  SSertjättnife  ber  Sljeorie  gur  $rariS  in  ber  9D7orat 

überhaupt.  (ßur  ^Beantwortung  einiger  ©intoürfe  bed  ftrtt. 

Sßrof .  ©aroe) . 278 


VII 


II.  Som  Serhältnifj  her  £f)eorte  gur  iprajib  im  <Staatßrecf)t  (©egen 

•&obbe<3) . . . 289 

III.  Som  Serhältnifj  ber  £f)eorie  gur  ißrajig  im  S  ölt  errett)  t.  3n 

aUgemein  =  p£)tlantf)ropifc^er,  b.  i.  loSmopotitifdjev  3lbficf)t  be= 
trachtet.  ©egen  StofecS  tDIenbelöfohn . 307 

1794. 

ßtmaS  über  ben  Sinflufj  be§  5Dlonbe§  auf  bte  2öitterung . 315 

3)a§  (Snbe  aller  3)inge . 325 

1795. 

3um  einigen  ^rieben . . 

Srfter  Slbfdjnitt,  welcher  bie  ißrältminarartifel  gutn  ewigen  grieben 

unter  (Staaten  enthält . . 

Spetter  Slbfdjnitt,  welcher  bie  ©efinitiöartifel  311m  ewigen  grieben 

unter  (Staaten  enthält . .  • . 348 

(Srfter  Sufai).  S011  ber  ©arantie  beö  ewigen  griebeuö . 360 

Breiter  Bufatg.  ©etjeimer  3Irti!el  gum  ewigen  grieben . 368 

SIntjan  g. 

I.  Über  bie  50^ife^eIItgfett  gwifchen  ber  9D?oraX  unb  ber  ißolitif  in  31  b- 

fictlt  auf  ben  ewigen  grieben .  . 370 

II.  San  ber  (Sinhelltgfeit  ber  ißolitif  mit  ber  SDIoral  nach  bem 

tranöfcenbentaten  begriffe  be3  öffentlichen  StechtS . 381 

1796. 

Sott  einem  neuerbingS  erhobenen  üornefftnen  $on  in  ber  $l)ilo= 

foptlie . 387 

2lu3gleid)ung  eines  auf  fJJliBDerftanb  berufen  ben  matl)ematifd)en 

(Streite . 407 

Serfünbigung  beS  naiven  Ülbfd)luffeS  eines  SractatS  jutn  etoigen 
^rieben  in  ber  Ißljilofop^ie  . . 411 

1797. 

Uber  ein  oermeinteS  9ted)t  aus  9Jfenfd)enIiebe  3U  lügen . 423 

1798. 

Uber  bie  Sud)  matt)  er  ei . 431 


VIII 


1800. 

SSorrebe  gu  3letnf)olb  33ernt)arb  3ad)tnann§  Prüfung  ber  $antifd)en 

3fMigion<§pt)ilofi).pf)ie  . 439 

3ta$f$rtft  gu  ßfyrifticm  ©ottlicb  ÜKielrfcS  2ittauifd)=beutfd)em  unb 
beut|'d)=nttauif(±)em  Sößrterbud) . 443 


91  a  d)  t  r  a  g. 

1764. 

3Recenfton  üon  @tlberfd)lag§  @d)rift:  Stjeorie  ber  am  23.  3toli  1762 
erfct)ienenen  ^-euerfugel . 447 

9t  it  f)  a  it  g. 

1788. 

$rau§’  Dlecenfion  »on  Ulridj’S  (Sleuttjeriologie . 451 


Anmerkungen . 461 


'Stnjeige 

be§ 

JlamßerfTdjm  ^riefwedjfek 


Ämtt’3  ©Triften.  Sßerfe.  VIII. 


1 


9Radjrtd)h 


10 


15 


20 


30 


®aS  ju  feiner  Beit  in  biefer  ßeitung  angefitnbigte  Unternehmen 
beS  sperren  (soh-  SSernoulli,  beS  berühmten  SambertS  h^terlaffenc 
Schriften  auf  Subfcription  herauS^ugeben,  ift  mit  ber  bewährten  Sorg* 
falt  jene§  oerbienftooUen  ©eiehrten  fo  eilig  betrieben  worben,  bah  nun 
fd)on  (feit  bem  3)ec.  1781)  ber  erfte  23anb  beS  Sambert’fchen  ä3rief= 
weihfei  in  ^Berlin  herauSgefomnten  ift. 

3n  einer  ^weiten  Nachricht  macht  Herr  23ernoulli  befannt:  bah  biefem 
erften  2heUe  beS  23riefwe<hfelS  ber  erfte  33anb  philofoph)ifdt)er  unb 
philologifher  Abhanblungen  unb  auf  biefen  ber  zweite  beS  23 r i e f = 
wechfelS  etwa  gegen  (Snbe  beS  Sttar^eS  1783  folgen  folle,  bis  bal)in  nur 
ber  ißränumerationSpreiS  non  ein  £>ufaten  auf  alle  brei  33änbe  $u* 
fammen  angenommen  wirb.  9la<h  biefem  Termine  wirb  eben  fo  Diel 
auf  bie  brei  folgenbe  23änbe,  nämlich  ben  Ilten  ber  philofophifhen 
Abhanblungen  unb  ben  III ten  unb  IVten  beS  33riefwechfelS  23or= 
fchuh  entrichtet.  SBiewohh  ba  bei  ber  groben  Stljätigfeit  unb  ßuoerläffig= 
feit  beS  Herausgebers  bie  ißränumeranten  feine  SSebenflichfeit  haben 
fönnen,  fte  nuferer  Meinung  nach  fürder  oerfahren  würben,  wenn  fte  fo= 
gleich  auf  alle  fechS  SSänbe  (wofern  fte  fonft  eine  etwas  gröbere  Summe 
ohne  Ungelegenheit  auf  einmal  rniffen  fönnen)  bie  jwei  3)ufaten  prä= 
numeriren  wollten. 

Aus  bem  erften  33anbe  beS  23riefwed)felS,  ben  wir  oor  uns  liegen 
haben,  fteht  man  fhon:  was  man  ftch  oon  bem  weit  umfaffenben  ©eifte 
beS  groben  Cannes  unb  feiner  unbefhreibtichen  Sßirffamfeit  in  ben  fol= 
genben  STfjeUen  gu  oerfprehen  habe.  Seine  Scharfftnnigfeit,  baS  2ftangel= 
hafte  in  allen  SBiffenfhaften  auSjufpähett,  Entwürfe  unb  SSerfuche  ju  ©r= 
gänjung  beffelben  meifterhaft  ju  erftntten,  fein  Vorhaben,  ben  üerunarteten 
©efdjmacf  beS  ßeitalterS  (oornefjmlich  in  bemjenigen  SBolfe,  baS  im  oorigett 
3ahrl)unbert  burch  ©elehrfamfeit  unb  ©rfinbung  glänzte,  jetst  aber  auf 
fchale  Spielwerfe  beS  SBi^eS,  ober  blobeS  ©opiren  theils  oeralteter,  tpeilS 
wenigftenS  nur  frember  Sßrobucte  oerfaüen  ift)  umsuftimmen,  fann  Oie© 
leiht  fräfttger  wie  irgenb  etwas  anbereS  baju  mitwirfen,  ben  beinahe  er= 
löfcbenben  ©ifer  ber  ©eiehrten  jur  Ausbreitung  nühliher  unb  grünblidjer 

1* 


4 


Sinnige  beä  Cambert’fdjen  SöriefroedjfeR 


2ßiffenfd}aft  aufs  neue  ju  beleben,  unb  fte  oeranlaffen,  baSfenige  auSju* 
jufüljren,  was  Sambert  anfing,  nämlich  eine  ßonföberation  gu  errieten, 
bie  mit  vereinigten  Kräften  ber  überljanbnefjmenben  ^Barbarei  entgegen 
arbeite  unb  jum  S£ljeil  burd)  SSerbefferitng  getoiffer  bisher  nod)  fet)Ier= 
Ijaften  9Jtetl)oben  ©rünblid)feit  in  SBtffenfcfyaften  Wieberum  in  ©ang 
bringe. 

©elegentlid)  wirb  nod)  gemelbet:  baff  non  ber  SSernouUi’fdjen 
Sammlung  furger  3fteifebefd)reibungen  unb  anberer  jur  @r= 
Weiterung  ber  Sänber*  unb  üflenfdjenfenntnif)  bienenben  3R a cf)= 
rieten,  mit  Tupfern,  ber  5 te  33anb,  als  ber  erfte  beS  ^weiten  3fal)r* 
ganges,  fo  eben  bie  treffe  üerlaffen  Ijabe,  unb  baf$  bie  4  33änbe  beS  erften 
3af)rgangeS  für  ben  ^ßreis  tion  ein  2)ulaten  nur  bann  gelaffen  werben, 
wenn  gugleid)  unb  noch  nor  ber  Hälfte  beS  9}?är^monatS  and)  für  bie  vier 
folgenbe  bie  Pränumeration  mit  ein  Smfaten  bejaljlt  wirb. 

2)ie  2Bagner=  unb  SDeng el’fd)e  23ud)i)anblung  nimmt  bis  gur 
Hälfte  beS  nädjften  HJtärjmonatS  auf  beibe  genannte  Sßerfe Pränumeration 
an  unb  wirb  foldje  ben  Satereffenten  fo  jeitig  als  mögltd)  jufteüen. 


'gtadjridjt  au  'gjCijfe. 


üftadjridjt  an  9Ivj\te. 

®ie  merfmürbige  unb  munberfatne  Gpibemie,  bie  nur  fo  eben  bei  uns 
nacpgelaffen  pat,  ift  in  Anfepung  iprer  (Symptomen  unb  baroiber  bien= 
lieber  Heilmittel  3mar  eigentlich  nur  ein  Gegenftanb  für  Är^te;  aber  ihre 
Ausbreitung  unb  SBauberfcpaft  burch  grope  Sauber  erregt  hoch  aud)  5 
bie  Pefrembung  unb  SJtacpforfcpung  beseitigen,  ber  biefe  fouberbare  Gr * 
fepeinung  bloS  aus  bem  Geficptspunfte  eines  pppfifepen  Geographen  an= 
fiept.  3n  biefem  SSetracpt  mirb  man  eS  niept  für  einen  (Singriff  in  frembeS 
Gefdpäfte  palten,  menn  icp  Arjten  pon  ermeiterten  Gegriffen  jumutpe, 
bem  Gange  biefer  Äranfpeit,  bie  niept  burep  bie  Suftbefcpaffenpeit,  fonbern  10 
burep  blope  Anftecfung  fiep  auSjubreiten  fepeint,  fo  weit  als  möglich  nady 
jufpüren.  3)ie  Gemeinfcpaft,  barin  fiep  Guropa  mit  allen  SBelttpeilen 
burep  ©epiffe  foroopl  als  Garamanett  gefept  pat,  perfcpleppt  Diele  Äranf= 
peiten  in  ber  ganzen  SBelt  perum,  fo  mie  man  mit  Dieter  2Baprfcpeinlicp= 
feit  glaubt,  bap  ber  ruffifepe  Sanbpatibel  naep  Gpitta  ein  paar  Arten  fcpäb=  15 
lieper  3nfecten  aus  bem  entfernteren  Dften  in  ipr  Sanb  übergebraept 
pabe,  bie  fiep  mit  ber  ßeit  mopl  tueiter  Derbreiten  bürften.  Unfere  Gpi= 
bemic  fing  nad)  öffentlichen  fltacpricpten  in  Petersburg  an,  Don  ba  fie  an 
ber  stifte  ber  Dftfee  feprittmeife  fortging,  opne  bajmifepen  liegenbe  Örter 
3’u  überfpringen,  bis  fie  ju  uns  fam  unb  naep  unb  über  SÖeftpreupen  20 
nnb  ©anjig  roeiter  meftmärts  30g,  faft  fo  mie  nad)  fRuffelS  33efd)reibung 
bie  Peft  Don  Aleppo,  ob  jene  gleich  mit  biefer  fd)recflicpen  ©euepe  in 
Anfepung  ber  ©d)äblicpfeit  in  gar  feine  33ergleid)ung  fornrnt.  Briefe 
aus  Petersburg  tnaepten  fte  uns  unter  bem  Pamen  ber  ^ufluenja  be= 
bannt,  unb  eS  fepeint,  fie  fei  biefelbe  Äranfpeit,  bie  im  3;apre  1775  in  25 
Sottbou  perrfd)te,  unb  melcpe  bie  bamalige  ^Briefe  Don  baper  gleichfalls 
Snfluenja  nannten.  3)amit  aber  beibe  Gpibemien  Don  ©acpDerftänbigen 
Derglicpett  merbeu  tonnen,  füge  icp  pier  bie  Überfettung  einer  fJtacprid)t 
beS  berühmten  (nunmepr  Derftorbenen)  35.  ftotpergül  bei,  fo  mie  fte  mir 

Don  einem  fjreunbe  mitgetpeilt  morben.  %  Äant.  30 

Au§  bent  Gentelman’s  Magazine  February  1776. 

;3efcpreibung  einer  eptbemtfdjen  Stranfpeit,  rote  fie  in  Gonbon  ift  beobaeptet  toorben. 

3m  Anfang  bed  oorigen  9D?onat3  parle  icp  in  oielen  Käufern,  baff  beinape 
alle  ©ienftboten  front  mären;  ba fj  fie  ©djnupfen,  duften,  fcplimme  Jpätfe  unb 
oerfepiebene  anbere  BufäHe  patten.  —  3»  Beit  oon  8  Sagen  mürben  bie  Magen  35 
barüber  angemeiner.  SBenige  Sienftboten  blieben  frei  baoon.  23efonber3  bie  00m 


Stadgicht  an  Ärjte. 


7 


männlichen  ©efd)Ied)t,  bie  am  meiften  auSgeben  mußten,  niete  fDtägbe  gleidffallS, 
unb  auch  Seute  non  höherem  ©taube  mürben  baöon  angegriffen.  Arid)  Äinber 
blieben  nicht  gä^lid)  frei.  ©ie  ^ranfffeit,  bie  biShero  fid)  felbft  überlaffen  mar, 
ober  mobei  tmcbftenS  bie  geroöhuliche  .cpauSmittel  bei  Serfältungen  maren  gebraucht 
5  morben,  erregte  enblid)  bie  AufmerffantFeit  ber  gacultät,  unb  mäffrenb  einer  ßeit 
oon  beinahe  3  äßocffen  mürben  alle  Strate  bamit  befdjäftiget.  ©ie  meiften  öon  ben 
Patienten,  bie  ich  gefeljen  höbe,  mürben  angegriffen  (unb  oft  fo  ptßtjlid),  baff  fie 
ee>  fogleich  merFten)  mit  einem  isdjroinbel  ober  geringen  ©dauerten  im  ^opf,  einem 
rohen  fpalfe  rtnb  ©efüljl  oon  Ställe  über  ben  ganzen  Sörper,  befonberS  in  ben 
io  (Sjtreuütäten;  --  ein  duften  folgte  halb  baranf,  «Schnupfen,  tnäffrict)te  Augen,  Xlb» 
ügfeiten,  öfterer  ©rieb  jnm  Urinireit,  unb  einige  betauten  einen  ©urdffalt,  — 
mehr  ober  meniger  fieberhafte  griffe;  Unruhe,  morauf  Sruftfchmerjen  unb  ©chmerjeu 
in  allen  ©Hebern  halb  folgten;  nur  in  oerfchiebenent  ©rabe.  —  Siele  tonnten 
mäffrenb  biefer  ©pmptomen  noch  ihren  ©efdjäften  nachgehen;  attbere  mufften  ihre 

iS  ßiinmer  unb  nidjt  menige  ihre  Setten  hüten. - ©ie  Sunge  war  jeberjeit  feucht, 

bie  fpaut  feiten  aufferorbentticff  heiff  ober  trocfen;  ber  SulS  oft  ooll,  ging  fchnetf 
unb  ftärter,  als  man  bei  einer  foldjen  Sefdfaffenheit  ber  fpaut  oermuthet  haben 
mürbe.  —  Siele  mürben  burd)  einen  ©urchlauf  angegriffen.  ®ie  natürlichen  ©tul)t= 
gange  maren  jeberjeit  fchmar^  ober  bunf'elgelb,  unb  eben  fo  maren  bie  meiften,  bie 
20  burd)  purgirenbe  SRittet  gumege  gebracht  mürben.  —  —  Sn  meuigen  ©agen  lieff 
bie  Trautheit  nach  bis  auf  ben  duften,  ber  am  läugften  anhielt  unb  bei  Anfang 
ber  Stacht  ben  Satienten  f ehr  incommobirte.  ©egen  SDtorgen  ftettte  fid)  gemeinhin 
bet  ©djmeiff  ein  mit  leichtem  AuSmurf.  ©iefenigen,  fo  31t  Anfangs  ftarFeS  Saufen 
auS  ber  Stafe  unb  bem  ©chlunbe  hatten,  unb  1  ober  2  Städjte  baranf  ftarte 
20  natürliche  ©tufffgänge  oon  fchmarjer  gallichter  Art,  Diel  unb  hodfgefärbten  Urin 
lieffen  unb  oon  felbft  Diel  fdjmifften,  —  mürben  am  erften  gefunb. 

Sn  oielen  gälten  mar  es!  nölhig,  megen  ber  Sefdjaffenheit  beS  Sulfeö  unb 
^eftigfeit  beS  tpuftenS  etmaS  Slut  ju  taffen ;  baS  Slut  mar  gemeinhin  gaCje  unb 
faffe  einem  platten  buchen  bon  gelben  ©alg  ähnlich,  meldjer  in  einem  tief  gelben 
so  Serum  fchmamm.  —  @S  fanben  fid)  menige  gälte,  100  ber  Seim  bie  ©affen  ähnliche 
gorm  annahm,  bie  bei  ben  ächten  hingen  Ä'ranFheiten  geroßhnlid)  angetroffen  mirb. 

©utd)  marme,  öerbünnenbe,  fühlenbe  ©etränfe,  gelinbe  fdjmeifftreibenbe  unb  mieber- 
holte  gelinbe  SteinigungSmittel  mürbe  bie  ^ranfheit  bei  fonft  gefunben  Seuten  halb 
gehoben;  juroeiten  maren  SSieberholungen  beS  AberlaffeitS  ttöthig;  gumeiten  mürben 
35  fpanifcffe  gliegen  mit  Scuffen  miber  ben  &uften  gebraucht,  welcher  immer  am  längfien 
anhielt.  Stad)  ben  nöthigen  Ausleerungen  thaten  Anobpna  gemeinhin  gute  SBirFung. 

Sn  oielen  gälten  nahm  bie  Äranfffeit  gegen  baS  @nbe  baS  Anfeljen  eines  inter= 
mittirenben  gieberS  an;  bie  gieberrinbe  hat  eS  aber  nicht  allezeit  heben  Fönnen. 
®ie  ©hmptomen,  mie  eS  fich  oft  bei  gallichten  ÄranFtjeiten  ereignet,  mürben  ju- 
40  meilen  burd)  biefe  Araneimittet  nod)  übler,  einige  ©ofen  oon  irgenb  einem  ge= 
linben  AbführungSmittet  haben  eS  aber  gemeinhin  gänjlich  gehoben. 

Siete  Seute,  bie  bie  ÄranFffeit  nicht  achteten  unb  babei  umher  gingen,  be= 
famen  oft  neue  SerFältungen,  welche  bie  gefährlichen  gieber  heroorbrachten,  unb 
einige  ftarben  rafenb. 


8 


SRadjridjt  an  Ürate. 


2llte  öeute,  bie  baS  21  ft h  nt  a  batten,  haben  aud)  burdjgängig  fefjv  babei  ge= 
litten;  ein  peripneumonifdjeS  Steber  [teilte  fid)  aHtnablig  ein  nnb  enbigte  [ich 
oft  mit  bem  Tobe  beS  Patienten.  3Jlit  benjenigen,  fo  nod)  baoon  famen,  ging  eS 
feljr  langfam,  nnb  baS  Sftebiciniren  mar  mit  ©cfjmierigf  eiten  öerfnüpft.  —  @S  geigte 
fid)  audj,  bafe  menigeßeute  ohne  2tnfälte  oon  biefer  Äranftjeit  abfamen,  unb  baß  anbere 
Äranftjeiten,  momit  niete  fonft  fdjott  behaftet  roaren,  baburch  fd)limmer  mürben.  — 
©S  öerurfadjte  auch  ben  Tob  eieler  febr  jungen  ^iitber  burdj  duften  utib  Turchfölle. 

@S  ift  inbeffen  üietteidjt  niemalen  eine  epibemifdje  Äranfheit  in  btefer  ©tabt 
gemefen,  momit  fo  Diele  Seute  in  fo  furaer  Seit  behaftet  morben,  unb  bennotb  fo 
menige  geftorben.  —  Dbgleidj  Berfudje,  um  bie  Urfadpn  öon  epibemifd)en  Äranf« 
beiten  au  beftimmen,  gemeinhin  mehr  ©djeinbarfeit  all  ©rünblichfeit  haben,  fo 
mödjte  eS  bennodj  nicht  übel  fein,  einige  Facta  au  berühren,  bie  mir  aufgefallen 
fittb.  —  SSieüeidjt  haben  anbere  nodj  mehr  Beobachtungen  gemalt,  bie  merttj  mären, 
aufbehalten  au  merben! 

SBahretib  beS  größten  TljeilS  beS  ©ommerS,  in  bem  Shetle  beS  SanbeS,  mo 
id)  mich  aufhielt  (Cheshire),  hatte  bie  Suft  bie  gleidjförmigfte  Temperatur,  bie  id) 
jetnald  bemerft  habe.  —  Sn  einer  Seit  öon  2  Blonaten  ftieg  baS  Quedfilber  im 
(Sahrenheit’fdjen)  Thermometer  einmal  bis  68  ©r.  unb  fiel  einmal  auf  56.  Slur 
mährenb  einer  Seit  öon  6  Sßodjen  blieb  eS  Tag  unb  2Radjt  aroifdjen  60  unb  66.  — 
TaS  Barometer  hat  audj  menig  oariirt.  —  TaS  SBetter  mar  in  ber  Seit  fehr  öer- 
änberlidt)  mit  einer  ^auptneignng  a»r  3Räffe,  unb  obgleiä)  eS  mährenb  6  2öoä)en 
beinahe  einen  Tag  um  ben  anbern  regnete,  fo  mar  bennodj  im  ganaen  leine  unge» 
möh»lid)e  Quantität  Stegen  gefallen.  @S  öerfanl  beim  Sailen  in  bie  ©rbe  unb 
utadjte  ben  Boben  feljr  meid)  unb  fotljig  —  hat  aber  bie  Bädje  feiten  aufge- 
fdjmollen  ober  Überfchmemmungen  üerurfacht.  — 

SBährenb  biefer  Seit  empfanben  auch  Sftferbe  unb  .fjunbe  bie  ^ranlheit, 
befoitberS  bie,  fo  gut  gehalten  mürben.  Sie  5ßferbe  hatten  heftige  duften,  öiele 
•Sntje,  öerloren  ben  2lppetit,  unb  eS  bauerte  lange,  ehe  fie  fid)  erholten.  Sch  habe 
nicht  gehört,  bah  öiele  baöon  geftorben  mären;  öerfdjiebene  £mnbe  aber  ftarben. 
—  Tiefer  fleine  Beriet  öon  ber  neulidjen  ©pibetnie  mirb  ber  Sacultät  biefer  ©tabt 
au  ihrer  reiferen  Überlegung  empfohlen,  mit  Bitte,  menn  ihre  Bemerfungen  nid)t 
mit  biefer  ©raählung  übereinftimmen,  ihre  Beobachtungen  belaunt  au  machen,  ba  bie 
Sache  noch  im  fvifcäjen  2lnbenfen  ift,  batnit  eine  fo  genaue  £HacE)ric£)t  als  möglich 
öon  biefer  jfranfheit  unferen  Stadjfommeu  ptnterlaffen  merben  möge.  — 

Söenn  bie  Herren  Birgte  auf  bem  Sanbe,  beiten  biefe  Stachricht  au  >£>änben 
fommt,  fo  gütig  fein  moEten  unb  bie  Seit  anaeigen,  in  melier  biefe  ©pibemie 
fid)  in  ihrer  Stadjbarfdjaft  eingefunben  hat,  unb  in  meldjem  ©tüde  fie  nicht  mit 
ber  üorftehenben  Befdjreibung  übereinftimmt,  eS  fei  in  ben  ©pmptomen  ober  ber 
2lrt  ber  (5ur,  fo  merben  fie  baburd)  benfelben  guten  S^ed  beförbern.  Tie  öer« 
einigte  Bemerfungen  einer  gangen  Sacultät  mi'tffen  nothmenbig  bie  eines  einaigen 
©liebeS,  menn  er  noch  fo  emfig  um  baS  Befte  feiner  tßrofeffion  bemühet  ift,  unenb= 
lieh  übertreffen.  — 

Conbon  ben  6.  Tecember  1775. 


5 

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©ig.  Sohn  Söttjergill. 


'glecenfion 

üon 

§  djuf^s 

:23er|ücfj  einer  ^Cnleiümg  pr  Sittenfeiiie 

für  alle  9Renfdjen  ofjne  Uttterfdjieb  ber  ^Religion. 


1.  ztjüi. 


®erfucfj  einer  Anleitung  jur  ©ittenletire  für  aüe  tDtenftfjen,  otjne  Unterfd)ieb  ber 
Religion,  nebft  einem  Sltitjange  üon  ben  Sobegftrafen.  ©rfter$^eil.  Serlin  1783, 
bei  ©taljlbaum. 

tiefer  erftc  $beil  fott  nur  als  Einleitung  p  einem  neuen  moralifeben 
@i)ftem  bie  pft)d)ologifd)e  ©runbfäije,  auf  bie  in  ber  $olge  gebauet  werben  5 
foll,  üon  ber  ©teile,  bie  ber  SJtenfd)  in  ber  Stufenleiter  ber  SBefen  ein= 
nimmt,  non  feiner  empftnbenben,  benfenben  unb  bitrcb  SBiden  tätigen 
9iatur,  non  Freiheit  unb  Stotbwenbigfeit,  00m  geben,  bem  Sobe  unb 
einem  fünftigen  geben  oor  Singen  [teilen;  ein  2Berf,  baS  burd)  feine  $rei* 
mütbjigfeit  unb  nod)  mehr  burd)  bie  aus  ben  oielen  febr  auffadenben  10 
ißarabopen  bennocb  l)erüorIeud)tenbe  guteSlbficbt  beS  felbftbenfenben  £errn 
33erfafferS  bei  febem  gefer  ungebulbige  Erwartungen  erregen  mu{  wie 
bod)  eine  auf  bergleid)en  SMmiffen  gegrünbete  Sittenlebre  auSfaden  werbe. 

Stecenfent  wirb  erftlidfc)  ben  ©ang  ber  ©ebanfen  beS  £errn  2?erfafferS 
für^lid)  oerfolgen  unb  pm  Schluffe  fein  Urteil  über  baS  ©anje  beifügen.  15 
©leid)  p  Slnfange  wirb  ber  begriff  ber  gebenstraft  fo  erweitert, 
baff  er  auf  ade  ©efd)öpfe  ol)ne  Unterfd)ieb  gebt,  nämlich  bloS  als  ber 
Inbegriff  aller  in  einem  ©efdppfe  oorbanbenen  unb  ju  feiner 
Statur  gehörigen  Kräfte,  daraus  folgt  benn  ein  ©efe^  ber  ©tätig* 
feit  aller  SBefen,  wo  auf  ber  groben  Stufenleiter  ein  jebeS  feinen  Sieben*  20 
mann  über  ftcb  unb  unter  fid)  bat,  bod)  fo,  baff  febe  ©attung  üon  ©e= 
fd)öpfen  jwifdjen  ©rennen  ftebt,  bie  biefe  nid)t  überfcbreiten  fönnen,  fo 
lange  fte  SJtitglieber  berfelben  ©attung  bleiben.  35aber  giebt  es  eigent* 
lieb  nichts  geblofeS,  fonbern  nur  ein  fleinereS  geben,  unb  bie  ©attungen 
unterfebeiben  fid)  nur  bureb  ©rabe  ber  gebenSfraft.  Seele,  als  ein  00m  2:, 
Äörper  unterfcbiebeneS  Söefen,  ift  ein  blofceS  ©efeböpf  ber  Einbilbung; 
ber  erl)abenfte  Seraph  unb  ber  Saum  ftnb  beibe  fünftlidje  2J?a[d)inen! 

So  oiel  üon  ber  Statur  ber  Seele. 

Ein  ähnlicher  ftufenartiger  Sufainmenbaitg  finbet  fid)  in  adern  Er* 
fenntniffe.  Srrtbum  unb  SBa&rbeit  ftnb  nicht  ber  SpecieS  nach  unter*  30 
febieben,  fonbern  nur  wie  baS  kleinere  00m  ©röteren,  fein  abfoluter  $rr* 
tl)um  finbet  ftatt,  fonbern  jebeS  Erfenntnig,  p  ber  ßeit,  ba  eS  beim 
SJtenfcben  entftebt,  ift  für  il)n  wahr.  3ured)tweifung  ift  nur  $inp* 


Stecenfion  Don  ©djitla’g  äierfud)  einer  Anleitung  jur  ©ittenle’tjre.  1 1 

thuung  ber  Vorftellungen,  bie  öorbem  nod)  fehlten,  nnb  öormalige  2Bal)r= 
heit  mirb  in  ber  $olge  burd)  ben  blohen  Fortgang  ber  ©rfenninih  in 
3rrtf)um  oermanbelt.  Unfere  ©rfenntnifs  ift  gegen  bie  eines  ©ngels 
lauter  (srrthum.  Sie  Vernunft  fann  nid)t  irren;  jeber  straft  ift  ihr  ©leis 
5  oorgejeid)net.  Sie  Verurtheilung  ber  Vernunft  burd)  fid)  felbft  gefd)ieb)t 
aud)  nid)t  aisbann,  toenn  man  urteilt,  fonbern  hinterher,  menn  man 
fc^on  auf  einer  anbern  (Stelle  ift  unb  mehr  ^enntniffe  ermorben  hat. 
Sd)  fall  nid)t  jagen:  ein  ^inb  irrt,  fonbern:  eS  oerfteljtS  nod)  nid)t  fo  gut, 
al§  erS  fünftig  oerfteljen  mirb,  eS  ift  ein  fleinereS  Urtfjeü.  2BeiSl)eit  unb 
io  Shorl)eit,  2Biffenfd)aft  unb  Unmiffenljeit  oerbienen  alfo  nid)t  ßob,  nic^t 
Sabel;  fie  ftnb  bloS  als  allmäljlige  y^ortfdjritte  ber  Statur  an^ufefjen,  in 
2lnfef)ung  bereu  ich  nicht  frei  bin.  —  2BaS  ben  2BiIlen  betrifft,  fo  ftnb  alle 
Neigungen  unb  Sriebe  in  einem  einzigen,  nämlidj  ber  Selbftliebe, 
enthalten,  in  2lnfel)ung  beren  aber  jeber  SJtenfd)  feine  befonbere  Stirn* 
l5  ntung  hat,  bie  bod)  aud)  üon  einer  allgemeinen  Stimmung  niemals  ab* 
meidjen  fann.  Sie  Selbftliebe  toirb  jebeSmal  burd)  alle  ©mpfinbungen 
gufammen  beftimmt,  bod)  fo,  bah  entmeber  bie  bunflere,  ober  bie  beut* 
liefere  baran  ben  gröfeten  2lntf)eil  haben.  ©S  giebt  alfo  feinen  freien 
2Bülen,  fonbern  biefer  fteb)t  unter  bem  ftrengen  ©efeüe  ber  Stotljmenbig* 
so  feit;  bod)  menn  bie  Selbftliebe  burd)  gar  feine  beutlid)e  Vorfteüungen,  fon* 
bern  bloS  burd)  ©nrpfinbung  beftimmt  mirb,  fo  nennt  man  biefeS  unfreie 
^anblungen.  3lUe  fReue  ift  nichtig  unb  ungereimt;  benn  ber  Verbrecher 
beurtheilt  feine  Shat  nicht  aus  feiner  vorigen,  fonbern  gegenwärtigen 
Stimmung,  bie  $mar  freilich,  menn  fie  bamalS  ftatt  gefunben  hätte,  bie 
25  Shat  mürbe  oerhinbert  haben,  mooon  aber  fälfd)lid)  oorauSgefeht  mirb, 
bah  he  folctje  aud)  hätte  oerhinbern  follen,  ba  fee  im  oorigen  ßuftanbe 
mtrfUd)  nicht  an^utreffen  mar.  Sie  Steue  ift  bloS  eine  tnihöerftanbene 
VorfteÜung,  mie  man  fünftig  b eff e r  banbeln  fönne,  unb  in  ber  SIjat 
hat  bie  Statur  htebei  feine  anbere  2lbfid)t  als  ben  3^ecf  ber  Vefferung. 
so  Sluflöfung  ber  Sd)mierigfeit,  mie  ©ott  ber  Urheber  ber  Sünbe  fein  fönne. 
Sugenb  unb  ßafter  finb  nid)t  mef entließ  unterfd)ieben.  (^)ier 
ift  alfo  mieberum  ber  fonft  angenommene  fpecififdje  Unterfd)ieb  in 
blohen  Unterfchieb  ben  ©raben  nad)  oermanbelt.)  Sugenb  ohne 
gafter  fann  uid)t  beftehen,  unb  biefe  ftnb  nur  ©elegenheitsgrünbe  beffer 
35  );u  merben  (alfo  eine  Stufe  t»öt)er  *u  fommen).  Sie  SJtenfcf)en  fönnen 
ftdj  über  baS,  maS  fie  Sagen b  nennen,  nicht  vergleichen,  anher  über  bie, 
ohne  melche  feine  menfchlid)e  Wohlfahrt  möglich  ift,  b.  t.  bie  allgemeine 


12  3tecenfion  üort  ©cljitlä’d  Cerfud)  einer  Anleitung  gur  StUeitlepe. 


Sugenb;  aber  oon  biefer  abgumetd)en  tft  bem  sU2enfct)en  fd)led)terbings 
unmöglich,  unb  ber,  fo  baoon  abmeicpt,  tft  nicht  tafter^aft,  fonbern  aber* 
unpig.  £>er  fHtenfd),  ber  ein  adgemeineS  Safter  beginge,  mürbe  miber  bie 
©elbftliebe  hanbeln,  melcpS  unmöglich  ift.  folglich  ift  bie  Bahn  ber 
allgemeinen  Sugenb  fo  eben,  fo  gerabe  unb  an  beiben  ©eiten  fo  öergäunt,  5 
baff  alle  Btenfchen  fd)lect)terbingS  brauf  bleiben  ntüffen.  ©S  ift  nichts 
al§  bie  befonbre  Stimmung  jebeS  2ftenfd)en,  melche  unter  ihnen  perin 
einen  Itnterfcpeb  macht;  wenn  fie  pre  ©tanborte  oermechfelten,  fo  mürbe 
einer  eben  fo  hanbeln  mie  ber  anbere.  Btoralifd)  gut  ober  bijfe  bebeuten 
nichts  meiter,  als  einen  höprn  ober  niebrigern  ©rab  oon  Bodfommenpit.  10 
Btenfdjen  finb  in  Begleichung  gegen  ©ngel  unb  biefe  gegen  ©ott  lafter- 
pft.  £)apr,  meil  feine  fpepeit  ift,  ade  räcpnbe  ©trafen  ungerecht  finb, 
oornehmlich  SobeSftrafen,  an  beren  ©tede  nichts  als  ©rftattung  unb 
SSefferung,  feineSmegeS  aber  blop  2Barnung  bie  Slbficp  ber  ©trafgefep 
auSmacpn  müffe.  Sob  megen  einer  erfpriepicpn  Spt  ertpilen,  geigt  u 
menig  Btenfipttfenntnifi  an;  ber  3J?enf<h  mar  eben  fo  gut  bagu  beftimmt 
unb  aufgezogen,  als  ber  5Korbbrenner  ein  £auS  angugünben.  £ob  pt  nur 
bie  Slbficp,  um  ben  Urheber  unb  anbre  gu  ähnlichen  guten  Spaten  auf* 
gumuntern. 

5)iefe  Sepe  oon  ber  Bothmenbigfeit  nennt  ber  £err  Berf.  eine  20 
fetige  Sehre  unb  behauptet,  baff  burd)  fte  bie  ©ittenlepe  adererft  ipen 
eigentlichen  SBerth  erhalte,  mobei  er  gelegentlich  anmerft:  baff  bei  33er* 
brechen  gemiffe  Seper,  bie  es  fo  leicht  normalen,  fich  mit  ©ott  gu  üer* 
föhnen,  in  Stnfprud)  genommen  merben  fodten.  Bf  an  fann  bie  gute  2lb= 
ficht  unfereS  SSerfafferS  t)iebei  nicht  oerfennen.  ©r  mid  bie  bloS  büpnbe  25 
unb  frucpiofe  Beue,  bie  hoch  fo  oft  als  an  fich  oerföfjnenb  empfohlen  mirb, 
meggefd)afft  miffen  unb  an  beren  ©tatt  fefte  ©ntfdpepungen  gum  befferen 
SebenSmanbel  eingeführt  haben;  er  fucp  bie  SBeiSpit  unb  ©ütigfeü 
©ottes  burd)  ben  ^ortfd^ritt  aller  feiner  ©efdmpfe  gur  Bodfommenheit  unb 
emigen  ©lücffeligfeit,  obgleich  auf  oerfchiebenen  Sßegen,  gu  oertpeibigen,  so 
bie  Religion  oom  müpgen©lauben  gur  Spat  gurüdgu  führen,  enbUch  auch 
bie  bürgerliche  ©trafen  ntenfchlicpr  unb  für  baS  befonbere  fomop  als  ge* 
meineBefte  erfprieplicher  gu  machen.  2lud)  mirb  bie Äüptpit  feiner  fpecu* 
latioen  Behauptungen  bemjenigen  nicht  fo  fchredpaft  auffaden,  bem  befannt 
ift,  maS  HSrieftlep,  ein  eben  fo  fepr  megen  feiner  fpömmigfeit  als  ©in*  8S 
ficht  hochgeachteter  engltfdjer  ©otteSgelehrte,  mit  unferemBerf.  einftimmig  ' 
behauptet,  ja  noch  mit  mehr  Kühnheit  auSgebrücft  hat,  unb  maS  nun  fchon 


Siecenfton  ooit  ©djuIä’S  Cerfucf)  einer  SXnleituna  jur  @ittenlet)re.  13 


mehrere  ©eiftlidje  biefeg  Sanbeg,  obgleich  meit  unter  it)m  an  Talenten,  iljm 
ohneßurücfhaltung  nad)fpred)en;  ja  mag  nur  neuerlich  fperr  ^Srof.  @f)lerg 
non  ber  Freiheit  beg  2BiC(en§  für  einen  SSegriff  gab,  nämlich  alg  einem 
SSermögen  beg  benfenben  SBefettg,  feiner  jebegmaligen  ^beenlage 
5  genraf?  p  fjanbeln. 

©leid)mof)l  mirb  fefcer  unbefangene  unb  t>orneb)utUd)  in  biefer  2trt  non 
Speculation  genugfant  geübte  Sefer  nidjt  unbemerft  taffen;  baf)  ber  atU 
gemeine  $ataligm,  ber  in  biefem  Söerfe  bag  oornehmfte,  alte  9Jtoral 
afficirenbe,  gemattfameißrincip  ift,  ba  er  atleg  menfd)lid)e  2f)nn  unbSaffen 
10  in  blojieg  9J?arionettenfptel  oermanbett,  beit  SSegriff  non  SSerbinblid)» 
feit  gänjtid)  aufhebe,  baff  bagegen  bag  (Sotten  ober  ber  ^mperatiü,  ber 
bag  praftifdje  ©efep  tiom  Siaturgefep  unterfdjeibet,  ung  aud)  in  ber  Sbee 
gan^lid)  außerhalb  ber  9taturfette  fetje,  inbem  er,  ohne  nuferen  SBitten  alg 
frei  p  benfen,  unmöglich  unb  ungereimt  ift,  oielmef)r  ung  algbann  nid)tg 
15  übrig  bleibt,  alg  abpmarten  unb  p  beobachten,  mag  ©ott  nermittelft  ber 
9tatururfad)en  in  ung  für  ©ntfd)liefiungen  mirt'en  merbe,  ntd)t  aber  mag 
mir  non  fetbft  alg  Urheber  tljun  fönnen  unb  fotlen;  moraug  benn  bie 
gröbfte  Sd)märmerei  entfpringen  tnufc,  bie  alten  ©inftuji  ber  gefunben 
Vernunft  aufhebt,  beren  3ted)te  gleichmohl  ber  fperr  SSerf.  aufrecht  p 
20  erhalten  bemüht  gemefen.  —  ©er  praftifdje  SSegriff  ber  Freiheit  hat  in 
ber  ©hat  mit  bem  fpeculatioen,  ber  ben  TOetaphpfifern  gän^lid)  überlaffen 
bleibt,  gar  nid)tg  p  tlfun.  ©enn  mofyer  mir  urfprüngtid)  ber  ßuftanb,  in 
meinem i(^fe^tf)anbetn  foU,  gefommen  fei,  fann  mir  gan^  gleidjgültig  fein; 
id)  frage  nur,  mag  id)  nun  p  tfpn  habe,  unb  ba  ift  bie  Freiheit  eine  no% 
25  menbige  praftifd)e  SSoraugfetpng  unb  eine  ©bee,  unter  ber  id)  allein 
©ebote  ber  SSernunft  alg  gültig  anfef)en  fann.  Selbft  ber  fjartnädigfte 
Sceptifer  geftefjt,  baff,  menn  eg  pm  fpanbeltt  fommt,  alle  fopl)i[tifd)e23e= 
benftidjfeiten  megen  eineg  aflgemein=täufd)enbenSd)eing  megfallen  müffen. 
©ben  fo  muji  ber  entfd)loffenfte  $atalift,  ber  eg  ift,  fo  lange  er  fid)  ber  blofjen 
30  Speculatiou  ergiebt,  bennod),  fo  halb  eg  ihm  um  2öeigt)eit  unb  Pflicht  p 
tlpn  ift,  jeberpit  fo  fyanbeln,  alg  ob  er  frei  märe,  unb  biefe  ©bee  bringt 
aud)  toirflid)  bie  bamit  einftimmige  ©hat  fjeroor  unb  fann  fie  and)  allein 
peroorbringen.  ©g  ift  ferner,  ben  9}tenfd)en  gan^  abplegen.  ©er  £err 
SSerf. ,  nad)bem  er  jebeg  9J?enfd)en  fbanblung,  fo  abgefdpiacft  fie  aud) 
35  anbern  erfd)einen  mag,  aug  bem  ©runbe  feiner  befonberen  Stimmung 
gerechtfertigt  hatte,  fagt  S.  137:  ,,5d)  miU  atleg,  fd)led)terbingg  unb  ohne 
3tugnat)me  atleg,  mag  mich  jeitlid)  unb  emig  glücfUd)  utad)en  fann,  oer= 


14  9iecettfiou  öon  ©djuta’S  SSerfucf)  einer  Anleitung  3m  ©ittenleljre. 

loren  haben  (ein  oertneffenerüluSbrud:),  trenn  bu  nicht  eben  fo  abgefdpnacft 
gehanbelt  gätteft  als  ber  anbere,  trenn  bu  nur  in  feinem  Stanborte  ge= 
trefen  wftreft."  Mein  ba  hoch  nach  feinen  eigenen  Behauptungen  bie 
gröftte  Überzeugung  in  einem  ßeitpunfte  baror  nicht  fiebern  fann,  bah 
nicht  in  einem  anberen  geitpunfte,  trenn  ba§  ISrfenntni^  meiter  fortgerüdt  5 
ift,  bie  rorige  Wahrheit  hintennad)  Srrthum  trerbe:  mie  mürbe  e§  ba  mit 
fetter  änfcerft  gewagten  Betheurung  audfehen?  ©r  hat  aber  im  ©runbe 
feiner  ©eele,  obgleid)  er  es  fid)  felbft  nicht  gefielen  woßte,  roraud  gefeüt: 
bah  ber  Berftanb  nach  obfectiren  ©rünben,  bie  feberzeit  gültig  finb,  fein 
Urthetl  za  beftimmen  ba§  Bermögen  habe  unb  nicht  unter  bem  9Bed)ani§m  10 
ber  blo§  fubfectio  beftimmenben  Urfadjen,  bie  ftd)  in  ber  $olge  änbern 
tonnen,  ftefje;  mithin  nahm  er  immer  Freiheit  zu  benfen  an,  ohne  welche  e§ 
feine Bernunft  giebt.  ©ben  fo  umher  auch  Freiheit  beSäBiflenS  im  ßanbeln 
roraud  fepen,  ohne  welche  e§  feine  Sitten  giebt,  wenn  er  in  feinem,  mie  ich 
nicht  zweifle,  rechtfdjaffenen  SebenSmanbel  ben  ewigen  ©efepen  ber  Bftid)t  » 
gemäh  oerfahren  unb  nicht  ein  (Spiel  feiner  Snftincte  unb  Beigungen 
fein  miß,  ob  er  fdmn  zu  gleicher  Beit  ftch  felbft  biefe  Freiheit  abfpricht, 
weil  er  feine  praftifepe  ©runbfäpe  mit  ben  fpeculatiren  fonft  nid)t  in  ©in= 
ft i tu titung  zu  bringen  rertnag,  woran  aber,  wenn  ed  auch  ttiemanben  ge* 
lange,  tu  ber  Spat  nicht  oiel  rerloren  fein  würbe. 


20 


ju  einer 


afftjent  einen  §efd)idjfe 

in  tt>eltbürgerlirf)er  2ibficf)t.*) 


*)  Gfine  Stelle  unter  ben  für jen 2ln jeigen  be3  jroölften  Stücfä  ber  (SotfjaifcEjen 
©el.  Seit.  b.  %,  bie  o^ne  .ßroeifel  au3  meiner  Unterrebung  mit  einem  burdfreifenben 
©eletyrteit  genommen  morben,  nötfjigt  mir  biefe  (Srläuterung  a6,  otjite  bie  jene  feinen 
begreiflichen  Sinn  tjaben  mürbe. 


2£a§  man  ftd)  and)  in  ntetapßßftfcßer  Slbficßt  für  einen  begriff  Don 
der  ^yreitjeit  beb  SBillenb  ntacßen  mag:  fo  finb  bod)  bie  ©rfcßeinun* 
gen  beffelben,  bie  menfcßlicßen  ^anblungen,  eben  fo  moßl  alb  jebe  anbere 
Diaturbegebenßeü  nad)  allgemeinen iltaturgefeßenbeftimmt.  3)ie  ©efdßicßte, 
5  meld)e  ftd)  mit  ber  ©rjäßlrtng  biefer  ©rfcßeinintgen  befd)äftigt,  fo  tief  and) 
bereit  Urfadjen  Derborgen  fein  mögen,  läfet  bennod)  Don  ftd)  ßoffen:  baß, 
roenn  fte  baS  «Spiel  ber  ^reißeit  beS  tttettfd)  ließen  2BilleitS  im  ©roßen 
betrachtet,  fte  einen  regelmäßigen  ©ang  berfelben  entbecfen  tonne;  mtb 
baß  auf  bie  2lrt,  maS  an  einzelnen  Subfecten  oermicfelt  und  regellos  in 
bie  klugen  fällt,  an  ber  ganzen  ©attung  bod)  als  eine  ftetig  fortgeßenbe,  ob= 
gleich  lattgfatne  ©ntmicfelung  ber  urfprünglicßen  Dlnlageit  berfelben  merbe 
erfannt  merben  tonnen.  So  fcßeinen  bie  ©ßeit,  bie  baßer  fomntenben  ©e- 
bürten  unb  baS  Sterben,  ba  ber  freie  2BiHe  ber  9Jiettfcßen  auf  fic  fo  großen 
©influß  hat,  feiner  Siegel  untermorfen  ju  fein,  nad)  loelcßer  man  bie  $aßl 
15  berfelben  3um  Doraub  burcß  diccßnung  beftimnten  tonne;  unb  bod)  bemeifen 
bie  jährlichen  Safeln  berfelben  in  großen  Säubern,  baß  fte  eben  fo  tooßl 
nad)  beftänbigen  üßaturgefeßen  gefcßeßen,  als  bie  fo  unbeftänbtgeit  2Bitte= 
rungen,  bereu  ©räugniß  man  einzeln  itid)t  Dorßer  beftimnten  tarnt,  bie  aber 
itn  ©anjen  nid)t  ermangeln  ben  SBacßbtßuui  ber  ipflanjen,  beit  Sauf  ber 
20  (Ströme  unb  anbere  Siaturanftalten  in  einem  gleichförmigen,  ununterbro= 
cßenen  ©aitge  gu  erßalteit.  ©injelne  9Jtenfd)en  unb  felbft  gange  35ölfer 
bettfen  menig  baran,  baß,  iitbem  fte,  ein  jebeö  nad)  feinem  Sinne  unb  einer 
oft  miber  ben  andern,  ißre  eigene  2lbftd)t  Derfolgen,  fie  unbemerft  an  ber 
9iaturabfid)t,  bie  ißnen  felbft  unbefannt  ift,  alb  an  einem  Seitfaben  fort* 
25  geßeit  unb  an  berfelben  ^Beförderung  arbeiten,  an  meld)er,  felbft  meint  fie 
ißnen  befannt  mürbe,  ißnen  bod)  menig  gelegen  fein  mürbe. 

3)a  bie  üJienfcßen  in  ißren  SSeftrcbungen  nicht  bloß  inftiitctmäßig  mie 
Schiere  unb  bod)  aucß  nicht  mie  oernünftige  Söeltbürger  nad)  einem  Derab= 
redeten  glatte  im  ©angen  Derfaßren:  fo  fcßeint  aucß  feine  planmäßige  ©e- 
30  fd)icßte  (mie  etmaoon  ben  SSieiteu  ober  ben  33ibern)  Don  ißnen  möglid)  31t 
fein.  2f?an  fanu  ftd)  eines  gemiffen  UmoiÜeitb  nicht  ermeßren,  wenn 
man  ißr  £ßun  unb  Saffeu  auf  ber  großen  SBeltbußne  anfgefteUt  fteßt  unb 

Kant’?  ©Triften,  ißeife.  VIII.  2 


18  Sfcee  ju  einer  allgemeinen  ©efd)idf)te  in  roelt&itrgerltcper  Slbfkpt. 

bei  pin  unb  mteber  anfdE)einenber  2Sei§b)ett  im  ©tngelnen  bocf)  enblicp  alles 
im  ©ropen  aus  Torheit,  ftnbifcfjer  eitelfeit,  oft  and)  aus  finbifcper  33oS= 
fjeit  unb  3crfl0?itngSfu(pt  gufammengemebt  finbet:  mobei  man  am  Qrnbe 
uic^t  meip,  maS  man  fid)  bon  unferer  auf  ipre  Sorgüge  fo  eingebilbeten 
Gattung  für  einen  begriff  maepen  foO.  ©S  ift  tjier  feine  SluSfunft  für  beu  5 
^P^ilofop^en,  als  bap,  ba  er  bei  2J?enfd)en  unb  iprent  Spiele  im  ©ropen 
gar  feine  vernünftige  eigene  Slbficpt  oorausfepen  fann,  er  oerfuepe,  ob 
er  nicf)t  eine  Staturabficpt  in  biefem  miberfinnigen  ©ange  menfcplicper 
£)inge  entbeefen  fönne;  aus  melcper  oon  ©efepöpfen,  bie  opne  eigenen 
^ßlan  üerfapren,  bennoep  eine  ©efd)id)te  nad)  einem  beftimmten  «ßlane  « 
ber  Statur  möglid)  fei.  —  2Bir  motten  fepen,  ob  eS  uns  gelingen  merbe, 
einen  Seitfaben  gu  einer  folcpen  ©efcpiä)te  gu  finben,  unb  motten  eS  bann 
ber  Statur  überlaffen,  ben  SJtann  perüorgubringen,  ber  im  Staube  ift,  fie 
baruaep  abgufaffen.  So  braepte  fie  einen  Äepler  peroor,  ber  bie  eccen* 
trifepen  Sapnen  ber  Planeten  auf  eine  unermartete  SBeife  beftimmten  ©e=  m 
fepen  untermarf,  unb  einen  Stemton,  ber  biefe  ©efepe  aus  einer  aflge= 
meinen  Statururfacpe  erfldrte. 

©  r  ft  e  r  S  a  p. 

Sille  Statutanlagen  eines  ©efcpöpfeS  finb  beftimmt,  fid) 
einmal  üollftdnbig  unb  gmeefmdpig  auSguroicfeln.  Sei  allen  20 
Spieren  beftatigt  biefeS  bie  äupere  fomopl,  als  innere  ober  gerglieberube 
Seobadjtung.  ©in  Organ,  baS  niept  gebrauept  merben  fott,  eine  2lnorb= 
nung,  bie  ipren  £mecf  niept  erreid)t,  ift  ein  SBiberfprucp  in  ber  teleolo* 
gifepen  Staturlepre.  Oenn  menn  mir  oon  jenem  ©runbfape  abgepen,  fo 
paben  mir  nid)t  mept  eine  gefeptnäpige,  fonbern  eine  gmecfloSfpielettbe  25 
Statur;  unb  ba»  troftlofe  Ungefäpr  tritt  an  bie  Stelle  beS  SeitfabenS  ber 
Sernunft. 


Breiter  S  a  p. 

2im  SJtenfcpen  (als  beut  eiugigen  üernünftigen  ©efepöpf  auf  ©rben) 
feilten  fiep  biejentgen  Staturanlagen,  bie  auf  ben  ©ebrauep  30 
feiner  Vernunft  abgegielt  finb,  nur  in  ber©attung,  nieptaber 
un  Bnbioibuum  üollftdnbig  entmicfeln.  Oie  Vernunft  in  einem 
©efepöpfe  ift  ein  Vermögen,  bie  Stegein  unb  Slbftepten  beS  ©ebraucpS 
aller  feiner  Ärafte  meit  über  ben  Staturinftinct  gu  ermeitern,  unb  fennt 


au  einer  allgemeinen  ©efc£)icf)te  in  metttmrgerlidjer  üfbfic^t.  19 

feine  ©rennen  xtjrer  ©ntmürfe.  ©ie  wirft  aber  felbft  nicht  inftinctmäfjig, 
fonbern  bebarf  SSerfuche,  Übung  unb  Unterricht,  um  non  einer  (Stufe  ber 
©inficht  jur  anbern  aßmählig  fortgufd)reiten.  ©aber  mürbe  ein  jeber 
ffJtenfd)  unmäßig  lange  leben  muffen,  um  gu  lernen,  mie  er  oort  aßen 
5  feinen  9iaturanlagen  einen  ooßftänbigen  ©ebraud)  machen  foße;  ober 
meitn  bie  9latur  feine  £ebenSfrift  nur  furg  angefe^t  hat  (mie  eS  mirllid) 
gefchehen  ift),  fo  bebarf  fte  einer  oielleicht  nnabfetjüc^en  dteilje  oon  3eu* 
gungen,  beren  eine  ber  anbern  ihre  Slufflärung  überliefert,  um  enblich 
ihre  Äeime  in  unferer  ©attung  gu  berfenigen  Stufe  ber  ©ntmicfelung  gu 
10  treiben,  welche  ihrer  2lbfid)t  ooßftänbig  angemeffen  ift.  Unb  biefer  ßeit* 
punft  muff  menigftenS  in  ber  (sbee  beS  9J?enfd)en  baS  Siel  feiner  23eftre* 
bungen  fein,  weil  fonft  bie  5ftaturanlagen  grö^tent£)eil§  alb  oergeblid)  unb 
gmedßoS  angefehen  werben  müßten;  welches  aße  praftifd)e  ^rincipien  auf* 
heben  unb  baburdh  bie  9iatur,  beren  Weisheit  in  33eurtheilung  aßer  übri* 
i5  gen  Slnftalten  fonft  gum  ©runbfafje  bienen  muff,  am  2Jienfchen  aßein 
eines  finbifc^en  ©pielS  oerbächtig  machen  würbe. 


2)  r  i  1 1  e  r  ©  a 

2)ie  3^ a tur  hat  gewollt:  baff  ber  9Jienf d)  alles,  was  über  bie 
medjanifche  2lnorbnung  feines  thierifdjeu  3) af eins  geht,  g äug* 
20  li  d)  aus  f  ich  fei  b  ft  her au  Sb  ringe  unb  feiner  an  beren  ©lü  cf  f  eli  g  = 
feit  ober  SSollfommenheit  th eilh af tig  werbe,  als  bie  er  fid) 
felbft  frei  oon  ^nftinct,  burd)  eigene  Vernunft,  ö er f d) af f t  hnt. 
3)ie  91atur  thut  nämlich  nichts  überflüffig  unb  ift  im  ®ebraitd)e  ber  Mittel 
gu  ihren  ßwecfen  nicht  oerfchwenberifch-  2)a  fie  bem  3D^enfd)eu  Vernunft 
25  unb  barauf  ftd)  grünbenbe  Freiheit  beS  SßißenS  gab,  fo  war  baS  fchon 
eine  flare  2lngeige  ihrer  2lbfid)t  in  Stnfeljung  feiner  üluSftattung.  ©r  foßte 
nämlich  nun  nicht  burd)  Snftinct  geleitet,  ober  burch  anerfd)affeneÄenntnifs 
oerforgt  unb  unterrichtet  fein;  er  foßte  oielmefjr  aßeS  aus  ftd)  felbft  heraus* 
bringen.  2)ie  ©rftnbung  feiner  Nahrungsmittel,  feiner  Sßebecfung,  feiner 
30  äufseren  Sicherheit  unb  SSertheibigung  (mogu  fie  ihm  Weber  bie  fbörner 
beS  Stiers,  noch  bie  flauen  beS  Sömen,  noch  baS  ©ebijf  beS  fbunbeS,  fon* 
bern  bloff  fpänbe  gab),  aße  @rg6^lid)feit,  bie  baS  Seben  angenehm  machen 
fann,  felbft  feine  ©inficht  unb  Klugheit  unb  fogar  bie  ©utartigfeit  feines 
SBißenS  foßten  gänglid)  fein  eigen  SBerf  fein.  Sie  fdjeint  ftd)  hier  in  ihrer 
größten  ©parfamfeit  felbft  gefaßen  gu  haben  unb  ihre  thierifche  SluSftat* 

2* 


36 


20  Sbee  311  einer  aUcjeineinen  @efcf)id)te  in  roeltbflrgcvli^er  3lbfiä)t. 


tung  fo  f'napp,  fo  genau  auf  bag  f)öd)[te  SSebürfniji  einer  anfanglid)eu 
(S,rtftens  abgemeffett  gu  l)aben,  alg  sollte  fie:  ber  fKenfd)  füllte,  menn  er 
ftd)  aug  ber  größten  3Ro^igfeit  bereinft  gur  größten  ©efd)itfUd)feit,  innerer 
33oÜ!ommenl)eit  ber  ©enf'uugsart  unb  (fo  oiel  eg  auf  (ärben  möglich  ift) 
baburd)  gur  ©Uitffeligfeit  empor  gearbeitet  Ijabeit  mürbe,  t)ieoon  bag  3Ser= 
bienft  gang  allein  traben  unb  eg  fid)  felbft  nur  oerbanfen  bürfen;  gleid)  alg 
Ijabe  fie  eg  ntel)r  auf  feine  öernünftige  @  el  b ft f  d)  d p u  n g ,  al-S  auf  ein  2M)t= 
befiuben  angelegt.  ©emt  in  biefem  ©äuge  ber  meitfd)lid)en  2lngetegen= 
^eit  ift  ein  gangeg  ^)eer  Don  iöiübfeligfeiten,  bie  ben  5Dtenfc£)en  erwarten. 

fcfyeint  aber  ber  tftatur  barum  gar  nid)t  gu  tpun  gemefen  gu  fein,  baff 
er  teol)I  lebe;  fonbern  bafs  er  frct)  fo  teeit  Ijeroorarbeite,  um  ftd)  burd) 
fein  Verhalten  heg  ßebeng  unb  heg  2Bol)lbefinbeng  mürbig  gu  machen.  33e= 
frembenb  bleibt  eg  immer  l)iebei:  baf)  bie  altern  (Generationen  nur  fd)eiuen 
um  ber  fpdteren  teilten  ipr  miiljfeligeg  ©efcbafte  gu  treiben,  um  nämlid) 
biefeu  eine  Stufe  gu  bereiten,  Dott  ber  biefe  bag  SSaumerf,  teeld)cg  bie  Statur 
gitr  2lb|id)t  bat,  l)öt)er  bringen  fönnten;  unb  baff  bod^  nur  bie  fpdtefteu 
bag  ©lüd  Ifaben  füllen,  in  beut  ©ebäube  gu  teofynen,  teoran  eine  lange 
IHeilje  ihrer  33orfal)ren  (gmar  freilich  opne  itjre  2ibftd)t)  gearbeitet  Ratten, 
ol)ne  bod)  felbft  an  beut  (Gifte!,  bag  fie  oorbereiteten,  2lutl)eil  nehmen  gu 
tonnen.  SlUein  fo  rätbfelbaft  biefeg  auch  ift,  fo  notf)teenbig  ift  eg  bod) 
gugleid),  teenn  mau  einmal  annimmt:  eine  Sljiergattung  foll  Vernunft 
fjaben  unb  alg  klaffe  oernünftiger  SBefen,  bie  inggefammt  fterben,  bereu 
©attung  aber  linfterblid)  ift,  bennod)  gu  einer  SMftdnbigfeit  ber  ©ut= 
teid'elung  ihrer  Anlagen  gelangen. 

Vierter  ©  a  p. 

2)ag  Wittel,  befjett  fid)  bie  9tatur  bebient,  bie  ©ntteicfe= 
tung  aller  ilirer  Anlagen  gu  ©tanbe  gu  bringen,  ift  ber  2lnta: 
gottidm  berfelben  in  ber  ©efellfdiaf t,  fo  fern  biefer  bod)  am 
®nbe  bie Urfadje  einer  gefehmdbigenOrbnung  berfelben  teirb. 
3d)  oerftefie  hier  unter  bem  Slntagonigm  bie  ungefellige  (Gefelligfeit 
ber  Wenfd)en,  b.  i.  ben  £aug  berfelben  in  ©efetlfcbaft  gu  treten,  ber  bod) 
mit  einem  burebgangigen  SBiberftanbe,  melier  biefe  ©efellfd)aft  beftdnbig 
gu  trennen  brobt,  oerbunben  ift.  ^piegu  liegt  bie  Einlage  offenbar  in  ber 
menfcbticben  Statur,  ©er  Wenfd)  bat  eine  Neigung  ftcb  gu  üergef ell= 
f^aften:  teeil  er  in  einem  folgen  ßuftanbe  ftd)  mehr  alg  Wenfd),  b.  t. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


21 


Sbee  31t  einer  allgemeinen  ©efcfetdjte  in  meltbürgerliifeer  Slbfidjt. 

öie  ©ntmicfelung  feiner  Siaturanlagen,  füfelt.  (Sr  feat  aber  aud)  einen  gvo= 
feen  £ang  ftd)  üerein^elnen  (ifoliren):  meil  er  in  ftd)  ^ug(eid)'  bie 
ungefeUige  ©igenfcfeaft  antrifft,  aEeS  blofe  nacfe  feinem  (Sinne  ricfeten 
moüen,  unb  bafeer  aEermartS  Sßiberftanb  ermartet,  fo  mie  er  non  ftd) 
5  felbft  meife,  bafe  er  feinerfeitS  junt  SBiberftanbe  gegen  anbere  geneigt  ift. 
©iefer  SSiberftanb  ift  es  nun,  melcfeer  aEe  Kräfte  beS  Wenfcfeen  ermcd't,  ifen 
bafein  bringt  feinen  £>ang  jur  ^aulfeeit  übertninbett  unb,  getrieben  bttrcfe 
®ferfucfet,  £errfcfefucfet  ober  fbabfucfet,  fid)  einen  »taug  unter  feinen  » 
genoffen  ju  oerfcfeaffen,  bie  er  nicfet  mofel  leiben,  non  benen  er  aber  aud) 
10  nicfet  l affen  fann.  ©a  gefcfeefeen  nun  bie  erften  maferen  Sd)ritte  aus  ber 
^ofeigfeit  jur  (Suttur,  bie  eigentlid)  in  bent  gefeEfcfeaftlicfeen  2Bertfe  beS 
2ftenfcfeen  beftefet;  ba  merben  aEe  Talente  nad)  unb  nacfe  entmicfelt,  ber 
©efcfemacf  gebilbet  unb  felbft  burcfe  fortgefefete  Slufflarung  ber  Anfang 
Jur  ©ntnbung  einer  ©enfungSart  gemacfet,  melcfee  bie  grobe  5Eaturanlage 
15  ^ur  fittlicfeen  Unterfcfeeibung  mit  ber  ßeit  in  beftimmte  praftifcfee  ^3rinci= 
pieu  unb  fo  eine  patfeologifd)  *  abgebrungene  ßufammenftimmung  ^u 
einer  ©efeEfcfeaft  enblic^  in  ein  moraltfcfeeS  ©an^e  oermanbetn  fann. 
©fene  jene  an  ftd)  jmar  eben  nicfet  liebettSmürbige  ©igenfcfeaften  ber  Un= 
gefeEigfeit,  morauS  ber  2Siberftanb  entfpringt,  ben  feber  bei  feinen  felbft= 
20  fücfetigen  Slnmafeungen  notfemenbig  antreffen  mufe,  mürben  in  einem  ar= 
fabiftfeeit  Sd)äferleben  bei  oollfommener  ©intracfet,  ©enitgfamfeit  unb 
SBecfefeEiebe  aEe  Talente  auf  emig  in  iferen  keimen  oerborgen  bleiben: 
bie  Sltenfcfeen,  gutartig  mie  bie  Scfeafe,  bie  fie  meiben,  mürben  ifercnt  ©afcin 
faum  einen  gröfeeren  SBertfe  oerfcfeaffen,  als  biefeS  ifer  £attSüiefe  feat;  fie 
25  mürben  baS  Seere  ber  Sdfeöpfung  in  2lnfefeungifereS,3®ecfS,  als  öernünftige 
Statur,  nicfet  auSfüEen.  ©an!  fei  alfo  ber  Statur  für  bie  ltnüertragfamfeit, 
für  bie  mifegünftig  metteifernbe  ©itelfeit,  für  bie  nicfet  31t  befriebigenbe  23e= 
gierbe  gum  ^aben  ober  aud)  jum  |)errfcfeen !  ©feite  fie  mürben  aEe  oortreffe 
licfee  Staturanlagen  in  ber  SJtenfcfefeeit  emig  unentmicfelt  fcfelummern.  ©er 
30  SJtenfd)  miE  ©intracfet;  aber  bie  Statur  meife  beffer,  maS  für  feine©attung 
gut  ift:  fie  mill  ßroietracfet.  @r  miE  gentäcfelid)  unb  oergnitgt  leben;  bie 
Statur  miE  aber,  er  foE  aus  ber  Säffigfeit  unb  untfeätigen  ©enitgfamfeit 
feinauS  ftd)  in  Arbeit  unb  SJtüfefeügfeiten  ftür^en,  um  bagegen  and)  9J?it= 
tel  anSjufinben,  ftd)  flügltcfe  mieberum  aus  ben  lefetern  feerauS  ju  jiefeen. 
35  ©ie  natürlichen  ©riebfebern  bagu,  bie  ©ueEen  ber  ttngefeEigfeit  unb  beS 
burcfegängigen  SBiberftanbeS,  morauS  fo  oiele  Übel  entfpringen,  bie  aber 
bocfe  and)  mieber  jur  neuen  Slnfpannung  ber  Kräfte,  mitfein  ju  mefererer 


22 


3bee  ju  einer  allgemeinen  ®efd)td)te  itt  roelttmrgertidjer  Slbfict)t. 


CSnttni cfelimg  bcr  Baturanlagen  antreiben,  üerratben  alfo  wol)l  bie  2ln* 
orbnung  eines  meifen  <Sd)öpferS ;  unb  nicht  etwa  bie  £>anb  eines  bösartigen 
©eifteS,  ber  in  feine  herrliche  2lnftalt  gepfufd)t  ober  fte  neibifd)er  2Beife 
oerberbt  tjabe. 

fünfter  S  a  t$. 

3)aS  gröffte  Problem  für  bie  9Benfd)engattung,  gu  beffen 
Siuflöfitng  bie  Statur  ihn  zwingt,  ift  bie  @rreid)ung  einer  a 1 1  = 
gemein  baS  Bed)t  »erwaltenben  bnrgerltdjen  ©efetlfdjaft  £)a 
nur  in  ber  ©efedfdjaft  unb  gwar  berfenigen,  bie  bie  größte  Freiheit,  mit* 
bin  einen  burdjgängigen  SlntagoniSm  ihrer  ©lieber  unb  bod)  bie  genaufte 
Beftimmung  unb  Sicherung  ber  ©rengen  biefer  Freiheit  bat,  bamit  fte 
mit  ber  Freiheit  anberer  beftetjen  fönne,  —  ba  nur  in  ihr  bie  böd)fte  Bb= 
ftd)t  ber  Batur,  nämlid)  bie  (Sntwicfelung  ader  ihrer  Anlagen,  in  ber 
9Jienfd)t)eit  erreicht  toerben  bann,  bie  Batur  auch  will,  baff  fte  biefen  fo  wie 
ade  3wecfe  ihrer  Beftimmung  jtdf)  felbft  oerfdjaffen  fotte:  fo  muh  eine 
©efedfdjaft,  in  welcher  Freiheit  unter  äußeren  ©efe^en  im  gröfft* 
möglichen  ©rabe  mit  unwiberfteblidjer  ©emalt  oerbunben  angetroffen 
wirb,  b.  i.  eine  oodtommen  gerechte  bürgerliche  Berfajfung,  bie 
böcbfte  Aufgabe  ber  Statur  für  bie  SHenfdjengattung  fein,  weit  bie  Batur 
nur  oermittelft  ber  Sluflöfung  unb  Bodgiefjung  berfelben  ihre  übrigen  2lb= 
fid)ten  mit unferer  ©attung  erreichen  !ann.  gn  biefen 3uftanbbe§3mangeS 
ju  treten,  gwingt  ben  fonft  für  ungebunbene^reibeitfofebr  eingenommenen 
9Benfd)en  bie  Botb;  unb  gwar  bie  gröfftc  unter  allen,  nämlid)  bie,  weld)e 
fid)  B?enfd)en  unter  einanber  felbft  gufügen,  beren  Neigungen  eS  machen, 
baff  fie  in  milber  Freiheit  nicht  lange  neben  einanber  befteben  fönnen. 
Sldein  in  einem  folgen  ©ebege,  als  bürgerliche  Bereinigung  ift,  tbun  eben 
biefelbeu  Beigungen  hernach  bie  befte  SSirfung:  fo  wie  Bäume  in  einem 
Sßalbe  eben  baburd),  baff  ein  feber  bem  anbern  fiuft  unb  «Sonne  gu  be= 
nehmen  fucbt,  einanber  nötbigen  beibeS  über  ftcb  gu  fliehen  unb  baburd) 
einen  fd)önen  geraben  2Bud)S  befommen;  ftattbaff  bie,  welche  in  Freiheit 
unb  oon  einanber  abgefonbert  ihre  tfte  nad)  SBoblgefaden  treiben, 
t'rüppelig,  fchief  unb  frutntn  machfen.  2lde  (Sultur  unb  Äunft,  welche  bie 
yjfenfcbbett  giert,  bie  fd)önfte  gefedfd)aftliche  Drbnung  ftnb  Früchte  ber  Un= 
gefedigfeit,  bie  burch  fid)  felbft  genötigt  wirb  ftch  gu  biScipliniren  unb  fo 
burch  abgebrungene  Äunft  bie  Meinte  ber  Batur  oodftänbig  gu  entwicfeln. 


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3t>ee  au  einer  allgemeinen  ©efd)id)te  in  meltbürgerlidjer  Stbfid&t.  23 
S  e  d)  ft  c  r  ©  a 

SDi e f  e g  fß r o b l e ui  i ft  3 u g l e i d)  b a g  f  d)  io e r ft e  u n b  b a g ,  ln e l  d) e g 
non  ber  ÜJtenfchengattung  ant  f^dteften  aufgelöfet  wirb.  3)ie 
Sd)toierigfeit,  toelche  and}  bie  bloffe  3bee  biefer  Stufgabe  fd)oti  nor  Singen 
&  legt,  ift  bicfe:  ber  SRenfd)  ift  ein  SUfier,  bag,  toenn  eg  unter  aitbern  feiner 
©attung  lebt,  einen  -perrn  nöttjig  tjat.  3)enn  er  mißbraucht  getoiß 
feine  ?5reib)eit  in  Slnfeßung  anberer  Seineggletd)en;  unb  ob  er  gleicf)  alb 
öernünftigeg  @efd)ö,pf  ein  ©efeß  toünfd)t,  tneld)eg  ber  Freiheit  Sitter  Sd)ratt= 
fen  feße:  fo  öerleitet  it)n  bod^  feine  felbftfüdjtige  tl)ierifd)e  Neigung,  mo  er 
io  barf,  fid)  felbft  augjunefjmen.  ©r  bebarf  alfo  einen  perrn,  ber  it)m  ben 
eigenen  SBillen  bred)e  unb  i£}n  nötßige,  einem  allgetneingülttgen  SBiUen, 
babei  feber  frei  fein  faun,  ju  gel)ord)en.  2Bo  nimmt  er  aber  biefen  perrn 
I)er?  SRirgenb  anberg  afg  aug  ber  9J?enfd}engattung.  Silber  biefer  ift  eben 
fo  mot)l  ein  2t)ier,  bag  einen  .perrn  nötljig  tjat.  ©r  mag  eg  alfo  anfangen, 
iS  tote  er  tnitt;  fo  ift  nid}t  abpfeljen,  tnie  er  fid)  ein  Oberhaupt  ber  öffentlichen 
©ered)tigfeit  nerfd)affen  tonne,  bag  felbft  geredet  fei;  er  mag  biefeg  nun 
in  einer  einzelnen  fßerfon,  ober  in  einer  ©efellfchaft  oieler  baju  auger= 
lefenett  tperfonen  futf)eii.  ©enn  feber  betreiben  tnirb  immer  feine  Freiheit 
mißbrauchen,  tnentt  er  feinen  über  fid)  f>at,  ber  nad)  ben  ©efeßen  überihn 
20  ©etoalt  augübt.  SDag  t)öc©fte  Oberhaupt  foH  aber  geredet  für  fid)  felbft 
unb  bod)  ein  SJtenfd)  fein.  3)iefe  Slufgabe  ift  baßer  bie  fcßtoerfte  unter 
allen;  ja  ihre  ooüfommene  Slufldfung  ift  unmöglich) :  aug  fo  frumtncm 
^olje,  alg  tnoraug  ber  fUienfcß  gemacht  ift,  tann  nid)tg  ganj  ©erabeg  ge= 
jimmert  tnerben.  9iur  bie  Slttnäherung  ju  biefer  3;bee  ift  ung  non  ber  Statur 
2s  auferlegt*).  0>aß  fie  aud)  biejentge  fei,  tneld)e  am  fpateften  ing  Sßert  ge= 
richtet  tnirb,  folgt  überbem  aud)  baraug:  baß  richtige  begriffe  non 
ber  9tatur  einer  möglichen  SSerfaffung,  große  bttrd)  Diel  SBeltlaufe  geübte 
©rfahrenheit  unb  über  bag  alleg  ein  jur  Slmtebmung  berfelbett  oorberei* 
teter  guter  SBille  erforbert  tnirb;  brei  fold)e  Stüde  aber  fid)  fehr  fchtner 
so  unb,  toenn  eg  gefchieht,  nur  fehr  fpät,  ttad)  üiel  oergebüchen  SSerfucßen, 
einmal  3ufammen  finben  tonnen. 

*)  ©ie  Dtotte  beg  2)tenfd)en  ift  alfo  fehr  tünftlicß.  2ßte  eg  mit  ben  ©inmohnent 
anberer  Planeten  unb  ihrer  fftatur  befdjaffen  fei,  roiffen  mir  nicht ;  menn  mir  aber 
biefen  Auftrag  ber  Dtatur  gut  augrießten,  fo  fiinnen  mir  ung  roohl  fchtneicheln,  bah 
35  mir  unter  unferen  9tad)baren  im  SBeltgeböube  einen  niäjt  geringen  3tang  behaupten 
bnrften.  Sieüeidjt  mag  bei  biefen  ein  jebeä  Snbibibuum  feine  Seftimmung  in  feinem 
geben  eöüig  erreiäjen.  23ei  ung  ift  eg  anberg ;  nur  bie  ©attung  tann  biefeg  hoffen. 


24  3bee  311  einer  allgemeinen  ©efd)kf)le  tit  meltbürgerücfjer  SKbfiiijt. 


siebenter  S  a  p. 

5)aS  Problem  ber  ©rricptung  einer  oollfommncn  bitrger= 
liehen  aSerfaffung  i ft  oon  bem  Problem  eines  gef  ermäßigen 
äußeren  ©taatenücrbältniffeö  abhängig  unb  fann  opne  baS 
leptere  ni  djt  auf gelöfct  werben.  2öaS  ^ilfts,  an  einer  gefepmäpigen 
bürgerlichen  SSerfaffung  unter  einzelnen  ftRenfcpen,  b.  i.  an  ber  Anorbnung 
eines  gemeinen  SBefenS,  ju  arbeiten?  ©tefelbe  Ungefelligfeit,  welche 
bie  9Renfd)en  l)iegu  nöttjigte,  ift  wieber  bie  Urfadje,  bap  ein  febeS  gemeine 
SBefen  in  äußerem  SSerpältniffe,  b.  i.  als  ein  Staat  in  33e$iet)ung  auf 
(Staaten,  in  ungebunbener  ^reipeit  fiept,  unb  folglich  einer  non  bem  anbern 
eben  bie  Übel  erwarten  muh,  bie  bie  einzelnen  2Renfd)en  brüdten  unb  fte 
swangen  in  einen  gefepmäpigen  biirgerlicpenBuftanb  ju  treten.  Sie  SRatur 
l)at  alfo  bieUnoertragfamfeit  ber  5D?enfcf)en,  felbft  ber  großen  ©efellfcpaften 
unb  StaatSförper  biefer  Art  ©efcpöpfe  wieber  ju  einem  Mittel  gebraucht, 
um  in  bem  unüermeiblichen  AntagoniSm  berfelben  einen  ßuftanb  ber 
3?upe  unb  Sicherheit  auSjuftuben;  b.  i.  fie  treibt  burch  bie  Kriege,  burch 
bie  überfpannte  unb  niemals  nacplaffenbe  3urüftung  su  benfelben,  burch 
bie  3doth,  bie  baburd)  enblid)  ein  feber  Staat  felbft  mitten  im  ^rieben 
innerlid)  fühlen  muh,  su  anfänglich  unooüfommenen  SBerfudjen,  enblich 
aber  nach  fielen  SSerwüftungen,  Vtmfippungen  unb  felbft  burchgängiger 
innerer  ©rfcpöpfung  ihrer  Kräfte  su  bem,  was  ihnen  bie  Vernunft  auch  ohne 
fo  Diel  traurige  Erfahrung  hätte  fagen  tonnen,  nämlich :  aus  bem  gefeplofen 
ßuftanbe  ber  SBilben  hinaus  §u  gehen  unb  in  einen  SSolferbunb  su  treten; 
wo  feber,  auch  öer  tleinfte  Staat  feine  Sicherheit  unb  Rechte  nicpt  oon  eigener 
2Rad)t,  ober  eigener  red)tlicf)en  S3eurtt)eilung,  fonbern  allein  oon  biefem  gro= 
pen  SSölferbunbe  (Foedus  Amphictyonum),  oon  einer  oereinigten  fBiacpt 
unb  oon  ber  ©ntfcpeibung  nad)  ©efepen  beS  oereinigten  SBiUenS  erwarten 
tonnte.  So  fchwärmerifch  biefe  3bee  aud)  ju  fein  fcheint  unb  als  eine  folcpe 
an  einem  Abbe  oon  St. Pierre  ober  SRouffeau  üerladt)t worben(üieHeic^t, 
weit  fte  folche  in  ber  Ausführung  su  nahe  glaubten):  fo  ift  eS  hoch  ber 
unoermeiblidje  AuSgang  berSRotp,  worein  fid)9Renfcpen  einanber  oerfepen, 
bie  bie  Staaten  ju  eben  ber  ©ntfcpliepung  (fo  fchwer  es  ihnen  auch  eingeht) 
SWingen  mup,  woju  ber  wilbe  füfenfcp  eben  fo  ungern  geswungen  warb, 
nämlich:  feine  brutale  Freiheit  aufsugeben  unb  in  einer  gefepmäpigen 
Söerfaffung  fRupe  unb  Sicherheit  su  fucpen.  —  Aüe  Kriege  finb  bemnacp 
fo  oiel  aSerfucpe  (swar  nicpt  in  ber  Abpcpt  ber  fJRenfcpen,  aber  bod)  in  ber 


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3bee  ju  einer  allgemeinen  ©efc^i^te  in  toeltbürgerlidjer  2lbjid)t.  25 

2lbjid)t  ber  SRatur),  neue  SSerßältniffe  ber  Staaten  gu  Stanbe  ju  bringen 
unb  burd)  ßerftörung,  menigftenS  ßerftürf elung  alter  neue  Äötper  gu 
hüben,  bie  fid)  aber  mieber  entmeber  in  ßcß  felbft  ober  neben  einanber  nicht 
erhalten  fonnen  unb  baher  neue,  ähnliche  Resolutionen  erleiben  müffen;  bis 
5  enblid)  einmal  tljeilS  burdb)  bie  beftmöglid)e  Slnorbnung  ber  bürgerlichen 
SSerfaffung  innerlid),  tljeilS  burch  eine  gerneinfchaftliche  33erabrebung  unb 
©efeßgebung  äußerlich  ein  ßuftanb  errichtet  rnirb,  ber,  einem  bürgerlichen 
gemeinen  Söefen  ähnlich,  jo  mie  ein  Automat  fid)  jelbjt  erhalten  fann. 

Ob  man  eS  nun  ootr  einem  epifurifdjen  ßufammenlauf  mirfenber 
10  Urfacßen  ermatten  jolle,  bah  bie  Staaten,  jo  mie  bie  fleinen  Stäubchen 
ber  Materie  burch  ihren  ungefähren  ßufammenßoß  allerlei  23ilbungen 
nerjuchen,  bie  burch  neuen  21  n floß  mieber  ger jtört  merben,  bis  enblid)  ein= 
mal  non  ungefähr  eine  folcße  SSilbung  gelingt,  bie  ftd)  in  ihrer  $orm 
erhalten  fann  (ein  ©lücfSgufaU,  ber  fid)  mohl  jd)merlid)  jemals  gutragen 
io  mirb !);  ober  ob  man  sielmef)r  annehmen  jolle,  bie  Statur  »erfolge  hier 
einen  regelmäßigen  ©ang,  unjere  ©attung  oott  ber  unteren  Stufe  ber 
£f)ierl)eit  au  alltnählig  bis  gur  höd)ften  Stufe  ber  2Renfd)heit  unb  gmar 
burd)  eigene,  obgmar  bem  9ftenfd)en  abgebntngene  Äunft  gu  führen,  unb 
entmicfele  in  biefer  fcheinbarliih  milben  2lnorbnung  gang  regelmäßig 
20  jene  ursprüngliche  Anlagen;  ober  ob  man  lieber  miß,  baß  aus  allen 
biejen  2öirfungen  unb  ©egenmirfungen  ber  9ftenjd)en  im  ©roßen  überall 
nichts,  menigftenS  nichts  JdugeS  herauSfomme,  baß  eS  bleiben  merbe,  mie 
eS  son  jeßer  gemefen  ijt,  unb  man  baher  nid)t  sorauS  jagen  fönne,  ob 
nicht  bie  ßmietrad)t,  bie  unjerer  ©attung  jo  natürlich  ift,  am  ©nbe  für 
25  uns  eine  -ipöHe  non  Übeln  in  einem  noch  jo  gefitteten  ßuftanbe  oorbereite, 
inbem  fte  nielleicht  biejen  ßuftanb  jelbjt  unb  alle  bisherigen  $ortfd)ritte 
in  ber  ©ultur  burch  barbartjche  SSermüftung  mieber  »ernid)ten  merbe  (ein 
Schief jal,  mofür  man  unter  ber  Regierung  beS  blürben  Ungefährs  nid)t 
flehen  fann,  mit  melcher  gefeßlofe  Freiheit  in  ber  SHjat  einerlei  ijt,  menn 
so  man  ihr  nicht  einen  ingeheim  an  SBeiSßeit  gefnüpften  Seitfaben  ber  Statur 
unterlegt!),  baS  läuft  ungefähr  auf  bie  $rage  hinaus:  ob  eS  mohl  ser= 
nünftig  fei,  ßmeefmäßigfeit  ber  üftaturanftalt  in  Steilen  unb  hoch 
ßmeef  lofigfeit  im  ©angen  anguneßmen.  2BaS  aljo  ber  gmecflofe  ßu= 
jtanb  ber  SBilben  tßat,  baß  er  nämlich  alle  laturanlagen  in  unferer 
35  ©attung  gurücf  hielt,  aber  enblid)  burd)  bie  Übel,  morin  er  bieje  serfeßte, 
ße  nötßigte,  aus  biejem  ßuftanbe  hinaus  unb  in  eine  bürgerliche  3Ser= 
fafjung  gu  treten,  in  melcher  alle  jene  Meinte  entmicfelt  merben  fönnen, 


26  3bee  31t  einer  oHgetneinen  ©efd)id)te  in  mettbnrgerlidjer  iiCbfidjt. 

baS  tput  and)  bie  barbarifdjc  $reil)eit  ber  fd)on  gegifteten  Staaten,  nänt= 
lid):  bap  burd)  bie  Bermenbung  aller  Kräfte  ber  gemeinen  SBefen  auf 
Lüftungen  gegen  einanber,  burd)  bicBermüftungen,  bie  ber^rieg  anrid)tet, 
nod)  met)r  aber  burd)  bie  3totl)wenbigfeit  ftd)  beftänbig  in  Bereitfd)aft 
bap  p  erhalten  ptar  bie  böUige  ©ntmicfelung  ber  Baturanlagen  in  itjrcnt 
Fortgänge  gehemmt  mirb,  bagegen  aber  aud)  bie  Übel,  bie  barauS  ent* 
fprittgen,  unfere  ©attuug  nötigen,  p  bem  an  ftd)  Ijetlfamen  SBiberftanbe 
bieler  Staaten  neben  einanber,  ber  aus  iljrer  ^reipeit  entfpringt,  ein 
©efcp  beS  ©Ieid)gemid)tS  auSpfinben  unb  eine  nereinigte  ©ewalt,  bie 
bemfelben  9flad)brud  giebt,  mithin  einen  weltbürgerlicpen  3uüani)  ^er 
öffentlichen  StaatSfidjerpeit  einpfüpren,  ber  nid)t  opne  alle  ©efapr  fei( 
batnit  bie  Kräfte  ber  Btenfdppeit  nidpt  einfcplafen,  aber  hoch  aud)  nicht 
ohne  ein  ißrincip  ber  Gleichheit  ihrer  med)felfeitigen  SBirfung  unb 
©egenwirfuug,  batnit  fte  einanber  nicht  prftören.  ©pc  biefer  lejjte 
Schritt  (nämlid)  bie  Staatenberbinbung)  gefdpepen,  alfo  faft  nur  auf  ber 
Hälfte  ihrer  SluSbilbitug,  erbulbet  bie  menfdplidpe  Batur  bie  pärteftcu 
Übel  unter  bem  betrüglidpen  2lnfd)eitt  anderer  SBoplfaprt;  unb  3t  onffeau 
hatte  fo  ttnredpt  nicht,  mettn  er  ben  ßuftanb  ber  2Bilben  twrpg,  fo  halb 
matt  nämlid)  biefelepte  Stufe,  bie  unfere  ©attuug  nod)  p  erfteigen  hat,  weg* 
läßt.  2öir  ftub  im  popen  ©rabeburd)  Äunftunb  SBiffenfcpaft  cultibirt. 
2Bir  ftttb  cibilifirt  bis  pm  Überläftigen  p  allerlei  gefellfcpaftlicper  3lrtig= 
teit  unb  Slnftänbigl'eit.  Slber  uns  für  fcpon  moraliftrt  p  halten,  baran 
fehlt  nod)  fehr  biel.  2)enn  bie  3bee  ber  Btoralität  gehört  nod)  pr  ©ultnr; 
ber  ©ebraucp  biefer  3bee  aber,  melier  nur  auf  baS  Sittenähnliche  in  ber 
©prliebe  unb  ber  äußeren  Slnftänbigfeit  pinaitSläuft,  mad)t  bloS  bie©ioi= 
lifirung  aus.  So  lange  aber  Staaten  alle  ihre  Äräfte  auf  ihre  eiteln  unb 
gewaltsamen  ©rmeiterungSabftdpten  bermettben  unb  fo  bie  langfame  Be= 
tnüpung  ber  inneren  Söilbung  ber  ©enfungSart  ihrer  Bürger  unaufpörlid) 
l)emnten,  il)nen  felbft  aud)  alle  llnterftüipng  itt  biefer  2lbficpt  entziehen,  ift 
nid)tS  bon  biefer  2lrt  p  erwarten:  weil  bap  eine  lange  innere  Bearbeitung 
jebeS  gemeinen  ÜJBefenS  pr  Bilbung  feiner  Bürger  erforbert  mirb.  2llleS 
©ute  aber,  baS  nidht  auf  moralifd)=gute  ©eftnnung  gepfropft  ift,  ift  nidpts 
als  lauter  Scpein  unb  fdpimmernbeS  ©tenb.  3>n  biefent  ßuftanbe  mirb  mopl 
ba§  menfcplidje  ©efcpledpt  oerbleiben,  bis  eS  fiep  auf  bie  $rt,  mie  td)  gefagt 
habe,  aus  bem  d)aotifd)en  ßttftaube  feiner  StaatSberpältniffe  perauSge* 
arbeitet  paben  mirb. 


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2>bee  311  einer  allgemeinen  @efd)td)te  in  »eltbürgerlidjer  Slbficjjt. 


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21  d)  t  c  r  S  a  {3. 

2J?an  fann  bie  ©efd)id)te  ber  2)7 enfdfeng attung  im  ©rohen 
als  bie  Vollziehung  eines  Verborgenen  $IanS  ber  Statur  an  = 
f eben,  um  eine  innerlich  =  nn b  zu  btefem  3*vecfe  aud)  au^erlid)  = 
5  vollfommene  Staats  verfaffung  juStanbeju  bringen,  als  ben 
einzigen  ßuftanb,  in  welchem  fie  alle  ihre  Anlagen  in  ber 
9J7enf(^l)eit  völlig  entmicfeln  fann.  £)er  Satj  i[t  eine  Folgerung 
aus  beut  vorigen.  Sftan  fief)t:  bie  ^ilofo^ie  fönne  aud)  ifjreit  ©l)iliaS  = 
muS  |aben;  aber  einen  folgen,  zu  beffen  Herbeiführung  ihre  Sbee,  obgleich 
10  nur  fe|r  von  meitern,  felbft  beförberlid)  tverbett  fann,  ber  alfo  nid)tS  tve= 
niger  als  fdimärmerifcb  ift.  @S  forntnt  nur  barauf  an,  ob  bie  Erfahrung 
etrnaS  von  einem  fo!d)en  ©ange  ber  Slaturabfid)t  entbedfe.  gd)  läge:  et* 
tvas  SBetügeS;  benn  bief er  Kreislauf  fd^eint  [0  lange  ßeit  Z11  erforbent, 
bis  er  fidj  fdflieht,  bah  man  auS  bem  fleinen  $|eil,  ben  bie  2J?enfd)|eit 
15  in  biefer  2lbftd)t  gurücfgelegt  |at,  nur  eben  fo  unftdjer  bie  ©eftalt  ihrer 
33a|n  unb  baS  Verhältnifj  ber  S|eile  ;um  ©anjen  beftimmen  fann,  als 
auS  allen  bisherigen  pimmelsbeobacbtungen  ben  Sauf,  ben  unfere  Sonne 
famntt  bem  ganzen  Heere  ihrer  Trabanten  im  großen  gprfternenfbftem 
nimmt;  obgleich  bod)  aus  bem  allgemeinen  ©runbe  ber  fpftematifdjen  Ver= 
20  faffung  beS  SBeltbaueS  unb  auS  bem  Wenigen,  tvaS  man  beobachtet  hat, 
guverlaffig  genug,  um  auf  bie  2Birflid)feit  eines  folgen  Kreislaufes  zu 
fc|lie|en.  ^nbeffen  bringt  eS  bie  menfd)lid)e  Statur  fo  mit  ftd):  felbft  in 
2lnfe|ung  ber  aHerentfernteften  ©poche,  bie  unfere  ©attung  treffen  foH, 
nicht  gleichgültig  ju  fein,  tvenu  fie  nur  mit  Sicherheit  ermartet  tverbett 
25  fann.  Vornehmlich  fann  es  in  unferem  $atle  um  befto  tveniger  'gefdjehen, 
ba  eS  fdjeint,  mir  fönnten  burd)  unfere  eigene  vernünftige  Veranftaltung 
biefen  für  unfere  Scad)fommen  fo  erfreulid)en  Beitpunft  fd)neller  herbei* 
führen.  Um  beStviden  merben  uns  felbft  bie  fd)tvad)en  Spuren  ber  2ln= 
naheruttg  beffelben  fe|r  midjtig.  ^ept  ftnb  bie  Staaten  fd)on  in  einem  fo 
30  fünftlichen  Verhältniffe  gegen  einanber,  bah  feiner  in  ber  inneren  Gultur 
nadflaffen  fann,  ohne  gegen  bie  anbern  anSJ7ad)t  unb  ©influh  gu verlieren; 
alfo  ift,  tvo  nicht  ber  gortfepritt,  bennod)  bie  ©rfjaltung  biefeS  .ßroecfS  ber 
Statur  felbft  burd)  bie  ehrfüd)tigen  Slbfichten  berfelbett  ziemlich  gefiebert, 
ferner:  bürgerliche  Freiheit  fann  fetzt  aud)  nicht  fe|r  mo|l  angetaftet  mer* 
35  ben,  o|ne  ben  Siad)tbeil  bavon  in  allen  ©emerben,  vornehmlich  bem Hanbel, 
baburd)  aber  and)  bie  Abnahme  ber  Kräfte  beS  Staats  im  äußeren  Ve r* 


28  3&ee  ju  einer  allgemeinen  ®ef$id)te  itt  roettbürgerlicfjer  2ltnicf)t. 


hältniffe  gu  füllen,  ©iefe  greiheit  geht  aber  attmählig  weiter.  Beim 
man  ben  ^Bürger  hindert,  feine  Bohlfahrt  auf  alle  ihm  felbft  beliebige  2lrt, 
bie  nur  mit  ber  Freiheit  anberer  gufamnten  befielen  fann,  31t  fuctjen:  fo 
hemmt  man  bie  Sebljaftigfeit  beS  durchgängigen  Betriebes  unb  hiemit 
mieberum  bie  Äräfte  beS  ©angen.  3)af)er  wirb  bie  perfönücbe  ©infchräu*  5 
fung  in  feinem  Sfyun  unb  Saffen  immer  mehr  aufgehoben,  bie  allgemeine 
Freiheit  ber  Religion  nachgegeben;  unb  fo  entspringt  attmählig  mit  um 
terlaufenbem  Bahne  unb  ©ritten  2lufflärung,  als  ein  gropeS  ©ut, 
welches  baS  menfchlicpe  ©efd)lecpt  fogar  non  ber  felbftfüchtigen  23ergröpe= 
rungSabftcht  feiner  23eherrfcher  ziehen  muh,  menn  fte  nur  ihren  eigenen  10 
23ortheil  nerftehen.  2)iefe  Slufflärnng  aber  unb  mit  ihr  auch  ein  gewiffer 
CpergenSantheil,  ben  ber  aufgeflärte  3J?enfdt)  am  ©uten,  bas  er  oottfommen 
begreift,  gu  nehmen  nicht  tiermeiben  tann,  mup  nach  unb  nach  bi§  gu  ben 
thronen  hinauf  gehen  unb  felbft  auf  ihre  fftegierungSgrunbfäpe  ©influp 
haben.  Obgleich  g.  23.  unfere  Beltregierer  gu  öffentlichen  ©rgiepungS*  15 
anftalten  unb  überhaupt  gu  allem,  was  bas  Beltbefte  betrifft,  für  fept  fein 
©elb  übrig  haben,  weil  alles  auf  ben  fünftigen  Ärieg  fcpott  gum  SJorauS 
»errechnet  tft:  fo  werben  fte  bod)  ihren  eigenen  23ortheil  barin  finben,  bie 
obzwar  fchwachen  unb  langfamen  eigenen  23emühungen  ihres  23olfS  in 
biefem  Stüde  wenigftenS  nicht  31t  hinbern.  ©nblid)  wirb  felbft  ber  Ärieg  20 
aUmdhlig  nicht  allein  ein  fo  fünftltdjeS,  im  SluSgange  oon  beiben  (Seiten  fo 
unficpereS,  fonberit  auch  durch  bie9iad)wehen,  bie  ber  Staat  in  einer  immer 
anwadjfenben  Schulbenlaft  (einer  neuen  ©rfinbung)  fühlt,  bereit  Tilgung 
unabfehlich  wirb,  ein  fo  bebenflicheS  Unternehmen,  babei  ber  ©influp,  ben 
jebeStaatSerfchütterung  in  unferem  burch  feine  ©ewerbefo  fehr  oerfetteten  25 
Belttheil  auf  alle  anbere  Staaten  tljut,  fo  merflich:  bap  ftd)  biefe,  burch  tt)re 
eigene  ©efahr  gebrungen,  obgleid)  ohne  gefehltes  2lnfef)en,  gu  ScpiebS* 
richtern  anbieten  unb  fo  alles  oon  weitem  gu  einem  fünftigen  großen  Staats* 
förper  anfcpicfen,  wooon  bie  23orwelt  fein  23eifpiet  aufgugeigen  hat.  Ob* 
gleich  biefer  StaatSförper  für  jefet  nur  noch  fehr  im  rohen  ©ntwurfe  bafteht,  30 
fo  fangt  fid)  bennod)  gleichfant  fcpon  ein  ©efühl  in  allen  ©liebem,  bereit 
jebent  an  ber  ©rhaltung  beS  ©angett  gelegen  ift,  an  gu  regen;  unb  biefeS 
giebt  Hoffnung,  bap  nach  manchen  ffteoolutionen  ber  Umbilbung  enblid) 
baS,  was  bie  3^atur  gur  hßd)ften  Slbficht  hat,  ein  allgemeiner  Weltbürger* 
lecher  guftanb,  als  ber  Sdjoop,  worin  alle  ttrfprünglid)e  Anlagen  35 
ber  SJieitfdhengattung  entwicfelt  werben,  bereinft  einmal  gu  Staube 
fotnmen  werbe. 


Sbee  ju  einer  allgemeinen  ©efdjidpe  in  meltbürgerticher  Stbficht.  29 
Neunter  <S  a  |. 

(Sirt^)]£)iIojop£)iyd^er  SSerjucf),  bie  allgemeine  2B eltge|cf)id^te 
nad)  einem  Blane  ber  9catur,  ber  auf  bie  »ollfommene  bürger= 
lid^e  Bereinigung  in  ber  Bienfdfengattung  abgiele,  gu  bear= 
5  beiten,  muff  als  möglid)  unb  felbft  für  biefe  SRaturabfi^t  be= 
förderlich  angefeljen  merben.  @S  ift  gmar  ein  befremdlicher  unb  bem 
SInfdjeine  nad)  ungereimter  2lnfd)lag,  nad)  einer  Sbee,  mie  ber  2Beltlauf 
geben  müßte,  ttenn  er  gemiffen  »ernünftigen  ßmecfen  angemeffen  fein  füllte, 
eine  ©efd)id)te  abfaffen  gu  moHen;  eS  febeint,  in  einer  folgen  Slbpcbt 
10  tonne  nur  ein  Boman  gu  Stande  tommen.  Sßenn  man  inbeffen  an= 
nehmen  barf:  baß  bie  $ftatur  felbft  im  (Spiele  ber  menfcßlichen  Freiheit 
nicht  ohne  Blan  unb  @nbabßd)t  »erfahre,  fo  tonnte  biefe  Sbee  doch  toobl 
braud)bar  merben;  nnb  ob  mir  gleich  gu  furgfichtig  finb,  ben  geheimen 
3Re<haniSm  ihrer  Beranftaltung  burchgufchauen,  fo  bürfte  biefe  Sbee  uns 
15  bod)  gum  Seitfaben  bienen,  ein  fonft  planlofeS  Aggregat  menfd)licher 
Handlungen  menigftenS  im  ©roßen  als  ein  Spftem  bargufteUen.  SDenn 
menn  man  oon  ber  griechifchen  ©efdjichte  —  als  beteiligen,  moburd) 
un§  febe  anbere  ältere  ober  gleidhgeitige  aufbehalten  morben,  menigftenS 
beglaubigt  merben  muh*)  —  anhebt;  menn  man  berfelben  ©infiuß  auf 
20  bie  Bildung  unb  ÜKißbilbung  beS  StaatSförperS  beS  rbmifchen  BolfS, 
baS  ben  griechifchen  Staat  »erfcßlang,  unb  beS  legieren  ©influß  auf  bie 
Barbaren,  bie  jenen  mieberum  gerftörten,  bis  auf  unfere  ßeit  »erfolgt; 
babei  aber  bie  Staatengefd)id)te  anberer  Bblfer,  fo  mie  beren  Äenntniß 
durd)  eben  biefe  aufgeflärten  Nationen  allmählig  gu  uns  gelangt  ift, 
25  epifobifd)  ßinguthut:  fo  mirb  man  einen  regelmäßigen  ©ang  ber  Ber= 
befferung  berStaatS»erfaffung  in  unferem  29elttheile(ber  mahrfdjeinlicher 
SBeife  allen  anberen  bereinft  ©efeße  geben  mirb)  entbecten.  Snbem  man 


*)  Nur  ein  gelehrtes  publicum,  baS  oon  feinem  Nnfange  an  bis  ju  mtS 
ununterbrochen  fortgebauert  hat,  fann  bie  alte  ©efdfichte  beglaubigen.  Über  baffelbe 
30  h'nauS  ift  aüeS  terra  incognita;  unb  bie  ©efchidpe  ber  Söller,  bie  außer  betm 
felbeit  lebten,  lann  nur  oon  ber  Seit  angefangen  merben,  ba  fie  barin  eintraten. 
3)ieS  gefeßah  mit  bem  jübifchen  Sott  jur  3e't  ber  Stotemäer  burch  bie  griedjifche 
Stbetüberfeßung,  ohne  meldje  man  ihren  ifolirten  Nachrichten  menig  ©tauben 
beimeffen  mürbe.  Son  ba  (menn  biefer  Anfang  oorerft  gehörig  auSgemittett  morben) 
35  tann  man  aufmärtS  ihren  ©rgähtungen  nachgehen.  Itnb  fo  mit  alten  übrigen 
Sötfern.  2)aS  erfte  Statt  im  SfjncfibibeS  (fagt  Quitte)  ift  ber  einzige  Anfang 
alter  mähren  ©efdjidjte. 


30 


Sbee  ja  einer  allgemeinen  ©efdjicfjte  in  meltbürgerlicEjer  3lbfid)t. 


ferner  allenthalben  nur  auf  bie  bürgerliche  Berfaffung  unb  bereu  ©efepe 
unb  auf  ba§  ©taatöoerhältnih  Sicht  hat,  in  fo  fern  beibe  burd)  ba§  ©ute, 
meld)e§  fie  enthielten,  eine  3eitlang  bagu  bienten,  SSölfer  (mit  ihnen  and) 
fünfte  unb  SSiffenf  (haften)  empor  gu  heben  unb  gu  oerherrlichen,  burd) 
ba<§  fehlerhafte  aber,  ba§  ihnen  anhing,  fie  mieberum  gu  ftürgen,  fo  bod), 
bah  immer  ein  Äeim  ber  Slufftärung  übrig  blieb,  ber,  burch  febe  3teoolu= 
tion  mehr  entmicfelt,  eine  folgenbe  noch  höhere  ©tufe  ber  Berbefferung  oor* 
bereitete:  fo  mirb  fid),  mie  ich  glaube,  ein  Seitfaben  entbecfen,  ber  nicht 
bloh  gur  ©rflärung  be<§  fo  oermorrenen  ©piel§  menfd^licher  3)inge,  ober 
gnr  politifchen  SBahrfagerfunft  fünftiger  ©taat§oeränberungen  bienen  fanu 
(ein  Buben,  ben  man  fd)on  fonft  au§  ber  ©efdjichte  ber  NJenfchen,  menn 
man  fee  gleich  al§  ungufammenhängenbe  BUrfung  einer  regellofen  f  reiheit 
anfal),  gegogen  hat!);  fonbern  e<§  mirb  (ma§  man,  ohne  einen  Naturplan 
oorauSgufetjen,  nid)t  mit  ©runbe  hoffen  fann)  eine  tröftenbe  SluSficht  in 
bie  ßufunft  eröffnet  merben,  in  melcher  bie  Nfenfdjengattung  in  meiter 
ferne  oorgefteUt  mirb,  mie  fie  ftd)  enblid)  bo<h  gu  bem  ßuftanbe  empor 
arbeitet,  in  meinem  alle  Meinte,  bie  bie  Natur  in  fie  legte,  oöüig  fönnen 
entmicfelt  unb  ihre  Beftimmung  hier  auf  ©rben  fann  erfüllt  merben.  ©ine 
folche  Rechtfertigung  ber  Natur  —  ober  beffer  ber  Borfefjung  — 
ift  fein  unmid)tiger  BemegungSgrunb,  einen  befonberen  ©eftdt)t§punft  ber 
2öeltbetracf)tnng  gu  mahlen.  £)enn  ma§  hilft§,  bie  £errlichfeit  unb  SBeiS- 
heit  ber  (Schöpfung  im  oernunftlofen  Naturreiche  gu  preifen  unb  ber  33e= 
tradhtung  gu  empfehlen,  menn  ber  2heü  he£  groben  ©d)auplape§  ber  ober* 
ften  2Bei§heit,  ber  oon  allem  biefem  ben  ßömcf  enthält,  —  bie®ef<hid)te  be§ 
menfd)lichen  ©ef<hlecht3  —  ein  unaufhörlicher  ©inmurf  bagegen  bleiben  foll, 
beffenSlnblicf  um§  nöthigtunfereSlugen  oon  ihm  mit  Unmillen  meggumenben 
unb,  inbem  mir  oergmeifeln  jemals  barin  eine  ooUenbete  oernünftige  Slb= 
ficht  angutreffen,  un§  bal)in  bringt,  fie  nur  in  einer  anbern  üffielt  gu  hoffen? 

©aff  ich  ötit  öiefer  f  bee  einer  2Beltgefd)ichte,  bie  gemiffermaben  einen 
Seitfaben  a  priori  hat,  bie  Bearbeitung  ber  eigentlichen  bloh  empirifd) 
abgefafden  «güftorie  oerbrängen  moUte:  märe  NJibbeutung  meiner  2lbfid)t; 
e§  ift  nur  ein  ©ebanfe  oon  bem,  ma§  ein  philofophifdjer  Äopf  (ber  übri= 
gen§  fehr  gefd)icht§funbig  fein  mühte)  noch  au§  einem  anberen  ©tanb* 
punfte  oerfudfen  fönnte.  Überbem  muh  hie  fonft  rühmliche  Umflänblich* 
feit,  mit  ber  man  je^t  bie  ©efd)i<hte  feiner  ßeit  abfaht,  hoch  einen  feben 
natürlicher  Söeife  auf  bie  BebenfUcfjfeit  bringen:  mie  e§  unfere  fpäten 
Nachfommen  anfangen  merben,  bie  Saft  oon  ©efchidjte,  bie  mir  ihnen  nach 


s 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


3bee  31t  einer  allgementen  ©efcfjidjte  in  mettbürgevlidjer  Bl 

einigen  $af)rl)unöerten  ijinterlaffen  möchten,  gu  faffen.  Cf)ne  ßtceifel 
werben  fie  bie  ber  älteften  Beit,  non  ber  ihnen  bieUrtnnben  längft  erlofd)en 
fein  bürften,  nur  aus  betn  ©efid)tSpunfte  beffen,  maS  fie  intereffirt,  nam= 
lid)  beSfenigen,  maS  Golfer  unb  Regierungen  in  tr»ettbürgcrlict)er  2lbfid)t 
5  geleiftet  ober  gefchabet  fabelt,  fd)äpen.  hierauf  aber  Rüdftd)t  ju  nehmen, 
ungleichen  auf  bie  (St)rt)egierbe  ber  (Staatsoberhäupter  fomopl  als  ihrer 
^Diener,  um  fie  auf  baS  einzige  Mittel  gu  ridjten,  baS  ihr  rühmliches  2ln- 
bent'en  auf  bie  fpätefte  Beit  bringen  fann:  baS  fann  nod)  überbem  einen 
fleinen  33emeguugSgrunb  jum  3Serfud)e  einer  fo!d)en  phtlofophifchen  ®e= 
10  fd)id)te  abgeben. 


Beantwortung  ber  fraget 


3Betfe.  VIII. 


3 


2luffldrung  ift  berSluSgang  beS  9flenfd)en  aus  feiner  felbft 
nerf djulbeten  Unmünbig!  eit.  Unmünbigfeit  ift  baS  Unoermögen, 
ftdb  feine§  SSerftanbeS  ohne  Seitung  eines  anberen  gu  bebienen.  @elbft= 
5  üerfctjulbet  ift  biefe  Unmünbigfeit,  wenn  bie  Urfadje  berfelben  nicht  am 
Mangel  beS  SSerftanbeS,  fonbern  ber  @ntfd)lief$ung  unb  beS  ÜUtutheS  liegt, 
fid)  feiner  ohne  Seitung  eines  anbern  gu  bebienen.  Sapere  aude!  .ipabe 
2Rut^  bid)  beines  eigenen 23erftanbeS  gu  bebienen!  ift  alfo  ber  SBahlfprud) 
ber  Slufflärung. 

Faulheit  unb  geigheü  ftnb  bie  Urfadjen,  warum  ein  fo  großer  5T^eil 
10  ber  2J?enfd)en,  nadjbem  fte  bie  Statur  längft  non  frember  Seitung  frei  ge= 
fprod)en  (naturaliter  maiorennes),  bennod)  gerne  geitlebenS  unmünbig 
bleiben;  unb  warum  es  Anberen  fo  leidet  wirb,  ftd)  gu  beren  Sßormünbern 
aufguwerfen.  @S  ift  fo  bequem,  unmünbig  gu  fein.  £abe  ich  ein  33ud), 
bas  für  mich  Serftanb  hat,  einen  Seelforger,  ber  für  mid)  ©ewiffen  hat, 
u  einen  Slrgt,  ber  für  mid)  bie  2)iät  beurteilt,  u.  f.  w.,  fo  brauche  id)  mid) 
fa  nic^t  felbft  gu  bemühen.  3d)  habe  nicht  nöthig  gu  benfen,  wenn  ich  nur 
begaben  tann;  anbere  werben  baS  üerbriefjlidje  ©efdjaft  fdhon  für  midh 
übernehmen.  £)ah  ber  bei  weitem  größte  2ljeil  ber  2Kenfd)en  (barunter 
baS  gange  fdjöne  @efd)led)t)  ben  Schritt  gur  2)?ünbigfeit,  auffer  bem  baff 
20  er  befdhwerlid)  ift,  aud)  für  feljr  gefährlich  halte:  bafür  forgen  fdhon  jene 
SSormünber,  bie  bie  Dberauf  jtd)t  über  fte  gütigft  auf  ftd)  genommen  haben. 
$ad)bem  fte  ihr  £auSöieh  guerft  bumm  gemacht  haben  unb  forgfältig  oer= 
hüteten,  bah  biefe  ruhigen  ©efdjöpfe  ja  feinen  ©chritt  aufjer  bem  ©ängeU 
wagen,  barin  fte  fte  einfperrten,  wagen  burften,  fo  geigen  fte  ihnen  nad)= 
2s  her  bie  ©efalfr,  bie  ihnen  brol)t,  wenn  fte  es  oerfudhen  allein  gu  gehen. 
9tun  ift  biefe  ©efafjr  gwar  eben  fo  grofs  nicht,  benn  fte  würben  burd) 

3* 


36 


333ag  ift  Stufflärung '? 


einigemal  fallen  wofel  enblicfe  gefeen  lernen;  allein  ein  39eifpiel  non  ber 
2lrt  macfet  bocf)  fcfeücfetern  unb  feferecft  gemeiniglicfe  oon  allen  ferneren 
33erfucfeen  ab. 

©S  ift  alfo  für  feben  einzelnen  2Jienf<feen  ferner,  fed)  aus  ber  ifern 
beinahe  gur  9iatur  geworbenen  Unmünbigfeit  feerauSguarbeiten.  (Sr  feat  5 
fie  fogar  lieb  gewonnen  unb  ift  oor  ber  £anb  wirflid)  unfähig,  fed)  feines 
eigenen  SSerftanbeS  gu  bebienen,  weil  man  ifen  niemals  ben  SSerfud)  baoon 
machen  liefe,  Safeungen  unb  Formeln,  biefe  mecfeanifcfeen  SSerfgeuge  eines 
tiernünftigen  ©ebraucfeS  ober  oielmefer  fDtifebraucfeS  feiner  9taturgaben, 
fenb  bie  gmfefdjeUen  einer  immerwaferenben  Unmünbigfeü.  2Ber  fie  audj  w 
abwürfe,  würbe  bennod)  aud)  über  ben  fdfemalften  ©raben  einen  nur  un= 
feefeeren  (Sprung  tfeun,  weil  er  gu  bergleicfeen  freier  ^Bewegung  nid)t  ge= 
wöfent  ift.  £>afeer  giebt  eS  nur  Sßenige,  benen  eS  gelungen  ift,  burefe  eigene 
^Bearbeitung  ifereS  ©eifteS  fed)  aus  ber  Unmünbigfeit  feerauS  gu  witfeln 
unb  bennoefe  einen  feefeeren  ©ang  gu  tfeun.  15 

2)afe  aber  ein  publicum  feefe  felbft  auffläre,  ift  efeer  mögliefe ;  ja  es 
ift,  wenn  man  ifem  nur  ^reifeeit  lafet,  beinafee  unauSbleiblicfe.  £Denn  ba 
werben  feefe  immer  einige  Selbftbenfenbe  fogar  unter  ben  eingefefeten  33or= 
münbern  beS  grofeen  Haufens  fenben,  welefee,  naefebem  fee  baS  3od)  ber 
Unmünbigfeit  felbft  abgeworfen  feaben,  ben  ©eift  einer  tiernünftigen  ro 
Scfeäfeung  beS  eigenen  SBertfeS  unb  beS  ^Berufs  febes  fDienfefeen  felbft  gu 
benfen  um  feefe  tierbreiten  werben.  SSefonberS  ift  feiebei:  bafe  baS  $u= 
blicum,  welcfeeS  guoor  »on  ifenen  unter  biefeS  Socfe  gebraefet  worben,  fee 
feernaefe  felbft  gwingt  barunter  gu  bleiben,  wenn  eS  oon  einigen  feiner 
SSormünber,  bie  felbft  aller  Slufflärung  unfäfeig  fenb,  bagu  aufgewiegelt  25 
worben;  fo  fcfeäbliefe  ift  eS  SSorurtfeeile  gu  pflangen,  weil  fee  fed)  gulefet  an 
benen  felbft  räcfeen,  bie  ober  beren  Vorgänger  ifere  Urfeeber  gewefen  fenb. 
3)afeer  fann  ein  publicum  nur  langfam  gur  Slufflarung  gelangen.  3)urcfe 
eine  fReoolution  wirb  oielleicfet  wofei  ein  Slbfatl  oon  perfönlicfeem  IDeSpotiSm 
unb  gewinnfücfetiger  ober  feerrfdfefüdfetiger  33ebrücfung,  aber  niemals  rnafere  so 
Reform  ber  SDenfungSart  gu  Stanbe  fommen;  fonbern  neue  3Sorurtfeeile 
werben  eben  fowofel  als  bie  alten  gum  Seitbanbe  beS  gebanfenlofen  grofeen 
^aufenS  bienen. 

3u  biefer  Slufflärung  aber  wirb  nicfetS  erforbert  als  $reifeeit;  unb 
gwar  bie  unfcfeäblidfefte  unter  allem,  was  nur  ^reifeeit  feeifeen  mag,  namlicfe  35 
bie:  oon  feiner  Vernunft  in  allen  Stücfen  öffentlichen  ©ebraud)  gu 
macfeen.  9iun  feöre  id)  aber  oon  allen  Seiten  rufen:  rafonnirt  niefet! 


37 


Söaö  ift  Slufflarung? 

S)er  Offizier  jagt:  räfonnirt  ntdt)t,  fonbern  e;rercirt!  ©er  ginangratl): 
räfonnirt  nicht,  fonbern  begaf)lt!  ©er  ©eiftlid)e:  räfonnirt  nicht,  fonbern 
glaubt!  (5ftur  ein  einziger  £err  in  ber  Söelt  fagt:  räfonnirt,  fo  öiel  itjr 
tüotlt,  unb  worüber  Ufr  wollt;  aber  gehorcht!)  Jpter  ift  überall  ©in- 
5  fchränfung  ber  greiheit.  2Beld>e  ©infcfjränfung  aber  ift  ber  Slufflärung 
hinberlid)?  tttelc^e  nid)t,  fonbern  ihr  wohl  gar  beförberlic^?  —  ^dj  ant- 
Worte:  ber  of f entUd) e  ©ebraud)  feiner  Vernunft  muff  jebergeit  frei  fein, 
unb  ber  allein  fann  Slufflärung  unter  2J?enfd)en  gu  «Stanbe  bringen;  ber 
prioatgebrauch  berfelben  aber  barf  öfters  fef)r  enge  eingefc^ränft  fein, 
10  ohne  bodj  barum  ben  gortfd)ritt  ber  Slufflärung  fonberlid)  gu  bjinbern. 
Sd)  Derftet)e  aber  unter  bem  öffentlichen  ©ebrauche  feiner  eigenen  Vernunft 
benjenigen,  ben  femanb  als  ©ele^rter  oon  ihr  oor  bem  gangen  pub¬ 
licum  ber  Sef  erat  eit  macht,  ©en  Prioatgebrauch  nenne  ich  benfenigen, 
ben  er  in  einem  geroiffen  ihm  anoertrauten  bürgerlichen  Poften  ober 
iS  Slmte  oon  feiner  Vernunft  machen  barf.  9iun  ift  gu  manchen  ©efchäften, 
bie  in  baS  gntereffe  beS  gemeinen  BefenS  laufen,  ein  gewiffer  2Red)aniSm 
nothmenbig,  oermittelft  beffen  einige  ©lieber  beS  gemeinen  SBefenS  fid) 
blofe  paffio  oerhalten  muffen,  um  burd)  eine  fünftlic^e  ©inheUigfeit  oon 
ber  Regierung  gu  öffentlichen  Bwecfen  gerichtet,  ober  wenigftenS  oon  ber 
20  Berftörung  biefer  Bwecfe  abgehalten  gu  werben.  £ier  ift  eS  nun  freilich 
nicht  erlaubt,  gu  räfonniren;  fonbern  man  mufc  gehorchen.  6o  fern 
ftch  aber  biefer  Sfwtf  ber  2ftafd)ine  gugleich  als  ©lieb  eines  gangen  ge- 
meinen  SBefenS,  ja  fogar  ber  2Beltbürgergefeßfd)aft  anfteht,  mithin  in  ber 
Qualität  eines  ©eiehrten,  ber  ftd)  an  ein  Publicum  im  eigentlichen  58er- 
25  ftanbe  burd)  «Schriften  wenbet:  fann  er  aHerbingS  räfonniren,  ohne  bafc 
baburch  bie  ©efchäfte  leiben,  gu  benen  er  gum  3:heile  als  paffioeS  ©lieb 
angefe^t  ift.  So  würbe  eS  felfr  Derberblich  fein,  wenn  ein  Dfftgier,  bem 
üon  feinen  Oberen  etwas  anbefohlen  wirb,  im  ©ienfte  über  bie  Bwecf- 
mäfcigfeit  ober  üftüpchfeit  biefeS  58efel)lS  laut  oernünfteln  wollte;  er  muh 
so  gehorchen.  ©S  fann  ihm  aber  bitUgermajjen  nicht  üerwehrt  werben,  als 
©elehrter  über  bie  gehler  im  ÄriegeSbienfte  Slnmerfungen  gu  machen  unb 
biefe  feinem  Publicum  gur  5ßeurtheilung  oorgulegen.  ©er  ^Bürger  fann 
ftch  nicht  weigern,  bie  ihm  auferlegten  Abgaben  gu  leiften;  fogar  fann  ein 
oorwifjiger  Sabel  foldjer  Auflagen,  wenn  fte  oon  ihm  geleiftet  werben  füllen, 

35  als  ein  Sfanbal  (baS  allgemeine  5ffiiberfef3lid)feiten  oeranlaffen  fönnte) 
beftraft  werben,  ©ben  berfelbe  hanbelt  bemungeachtet  ber  Pflicht  eines 
Bürgers  nicht  entgegen,  wenn  er  als  ©elehrter  wiber  bie  Unfdjidlichfeit 


38 


äßaä  ift  2luff(ärimg? 


ober  aud)  Urtgeredjtigfeit  folget  2luSfd)reibungen  öffentlich  feine  ©ebanfen 
äupert.  eben  fo  ift  ein  ©eiftlidjer  oerbunben,  feinen  ilated)iSmuSfd)ülern 
unb  feiner  ©emeine  nad)  bem  ©pmbol  ber  Äirdje,  ber  er  bient,  feinen 
Vortrag  zu  tfjun;  benn  er  ift  auf  biefe  Vebingung  angenommen  morben. 
2lber  als  ©eleljrter  ^at  er  oode  Freiheit,  ja  fogar  ben  Veruf  baju,  ade 
feine  forgfältig  geprüften  unb  moplmeinenben  ©ebanfen  über  bas  fehler« 
hafte  in  fenem  ©pmbol  unb  Vorfdjläge  wegen  befferer  ©inrieptung  beS 
VeligionS»  unb  .HirdjenWefenS  bem  publicum  mitjutpeilen.  ©S  ift  hiebei 
aud)  nichts,  was  bem  ©ewiffen  zur  Saft  gelegt  werben  fönnte.  ©enn  was 
er  $u  golge  feines  2lmts  als  ©efdjäftträger  ber  Äirche  lehrt,  bas  [teilt  er 
als  etwas  oor,  in  Slnfepung  beffen  er  nicht  freie  ©ewalt  hat  nad)  eigenem 
©utbünfen  zu  lehren,  fonbern  baS  er  nad)  SSorfchrift  unb  im  tarnen  eines 
anbern  oorjutragen  angeftedt  ift.  ©r  wirb  fagen :  unfere  Kirche  lehrt  biefeS 
ober  jenes;  baS  finb  bie  VeweiSgrünbe,  beren  fie  fi<h  bebient.  ©r  ziept 
aisbann  allen  praftifdpen  3>tupen  für  feine  ©emeinbe  aus  ©apungen,  bie  er 
felbft  nicht  mit  ooller  Überzeugung  unterfdjreiben  würbe,  zu  beren  Vortrag 
er  ftdj  gleichwohl  anf)eifd)ig  machen  !ann,  weil  eS  bod)  nicht  ganz  unmög* 
lieh  ift,  bap  barin  SSaprpeit  oerborgen  läge,  auf  ade  $äde  aber  wenigftenS 
bod)  nichts  ber  innern  !Religion  BiberfpredjenbeS  barin  angetroffen  wirb, 
©enn  glaubte  er  baS  ledere  barin  ju  finben,  fo  würbe  er  fein  2lmt  mit 
©ewiffen  nid)t  oerwalten  tonnen;  er  rnüfjte  es  nieberlegen.  ©er  ©ebraud) 
alfo,  ben  ein  angeftedter  Seprer  oon  feiner  Vernunft  oor  feiner  ©emeinbe 
mad)t,  ift  Mop  ein  Vrioatgebraud):  weil  biefe  immer  nur  eine  häusliche, 
obzwar  noch  fo  grope  Verfammlung  ift;  unb  in  anfepung  beffen  ift  er  als 
^riefter  nicht  frei  unb  barf  eS  aud)  nicht  fein,  weil  er  einen  frem ben  Auftrag 
auSrid)tet.  ©agegen  als  ©eleprter,  ber  burch  ©epriften  zum  eigentlichen 
publicum,  nämlich  ber  SBelt,  fpriept,  mithin  ber ©eiftlicpe  im  öffentlichen 
©ebrauepe  feiner  Vernunft  geniept  einer  uneingefepränften  greipeit,  ftch 
feiner  eigenen  Vernunft  zu  bebienen  unb  in  feiner  eigenen  Verfon  zu  fpreepen. 
©enn  bap  bie  Vormünber  beS  VolfS  (in  geiftlicpen  ©ingen)  felbft  wieber 
unmünbig  fein  füllen,  ift  eine  Ungereimtheit,  bie  auf  Verewigung  berUn* 
gereimtheiten  hinausläuft. 

Slber  füllte  nicht  eine  ©efedfepaft  oon  ©eiftUchen,  etwa  eine  £ircpen= 
oerfammlung,  ober  eine  eprwürbige  ©laffis  (wie  fte  fiep  unter  ben  -hodän* 
bern  felbft  nennt),  berechtigt  fein,  ftch  eiblich  unter  einanber  auf  ein  gewiffes 
unoeränberlicheS  ©pmbol  zu  oerpflichten,  um  fo  eine  unaufhörliche  Ober-- 
oormunbfehaft  über  jebeS  ihrer  ©lieber  unb  oermittelft  ihrer  über  baS 


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2Baä  tfi  Slufflärung? 


39 


SSolf  gu  führen  un b  biefe  fogar  ju  oeremigen?  3h  fage:  baS  ift  ganj  un= 
möglich.  (Sin  foId)er  ©ontract,  ber  auf  immer  alle  meitere  Slufflärung 
üom  2Jtenfd)engefhled)te  abjuljalten  gefhloffen  mürbe,  ift  fd)ledE)terbing§ 
null  unb  nichtig;  unb  foUte  er  aud)  burdl)  bie  oberfte  ©emalt,  burd)  Veid)3= 
5  tage  unb  bie  feierlichen  3riebenSfd)lüffe  beftatigt  fein,  ©in  Beitalter 
fann  fid)  nict)t  oerbünben  unb  barauf  oerfhmören,  bas  folgenbe  in  einen 
Suftanb  $u  .fefjen,  barin  eS  ihm  unmöglich  merben  muh,  feine  (öorneljm= 
lid)  fo  fet)r  angelegentliche)  ©rfenntniffe  ju  ermeitern,  öon  3rrtl)ümern 
gu  reinigen  unb  überhaupt  in  ber  Slufflärung  meiter  gu  fchreiten.  2)aS 
10  märe  ein  Verbrechen  miber  bie  menfd)lid)e  3iatur,  beren  urfprünglid)e  Ve= 
ftimmung  gerabe  in  biefem  f^ortfdjreiten  befielt;  unb  bie  ültahfommen 
finb  alfo  nollfommen  baju  berechtigt,  jene  Vefhlüffe,  als  unbefugter  unb 
frenelhafter  2Beife  genommen,  gu  oermerfen.  2)er  ^Srobirftein  alles  beffeu, 
maS  über  ein  Volt  al§  ©efelj  befchloffen  merben  fann,  liegt  in  ber  Stage: 
15  ob  ein  Volf  fid)  felbft  mohl  ein  fold)eS  ©efet)  auferlegen  fönnte.  Vun  märe 
biefeS  mohl  gleichfam  in  ber  ©rroartung  eines  beffern  auf  eine  befümmte 
furje  Seit  möglich,  um  eine  gemiffe  Drbnung  einjufül)ren :  inbem  man  es 
zugleich  febem  ber  Vürger,  oornehmlich  bem  ©eiftlihen  frei  liefee,  in  ber 
Dualität  eines  ©eiehrten  öffentlich,  b.  i.  burd)  Schriften,  über  baS  $ef)ler= 
20  hafte  ber  bermaligen  ©inrid)tung  feine  Stnmerfungen  gu  machen,  inbeffen 
bie  eingeführte Drbnung  noch  immer  fortbauerte,  bis  bie©infid)tin  bie  23e= 
fdhaffenheit  biefer  Sachen  öffentlich  fo  meit  gefommen  unb  bemährt  morben, 
bah  fte  burd)  Vereinigung  ihrer  Stimmen  (menn  gleich  nicht  aller)  einen 
Vorfdhlag  t>or  ben  £l)ron  bringen  fönnte,  um  biefenigen  ©emeinben  in 
25  Schup  gu  nehmen,  bie  fid)  etma  nach  ihren  Vegriffen  ber  befferen  ©infrcht 
ju  einer  oeränberten  VeligionSeinrichtung  geeinigt  hätten,  ohne  bod)  bie= 
fenigen  gu  hinbern,  bie  es  beim  Sllten  moHten  bemenben  laffen.  Slber  auf 
eine  beharrliche,  oon  ÜJUemanben  öffentlich  gu  begmeifelnbe  VeligionSoer* 
faffung  auh  nur  binnen  ber  SebenSbauer  eines  Vtenfhen  fih  gu  einigen 
30  unb  baburd)  einen  Zeitraum  in  bem  Sortgange  ber  9D?enfd)heit  gur  Ver= 
befferung  gleihfam  gu  oernihten  unb  fruchtlos,  baburd)  aber  mohl  gar  ber 
9iad)fommenfchaft  nahtheilig  gu  mähen,  ift  fhledjterbingS  unerlaubt,  ©in 
2J?enfd)  fann  gmar  für  feine  Verfon  unb  auh  aisbann  nur  auf  einige  Seit 
in  bem,  maS  ihm  gu  miffen  obliegt,  bie  2lufflärung  auffhieben;  aber  auf 
35  fie  Vergibt  gu  thun,  es  fei  für  feine  Verfon,  mehr  aber  noh  für  bie  Stodj* 
fommenfhaft,  hetfjt  bie  heiligen  Ved)te  ber  Vienfbheit  »erleben  unb  mit 
Süfjen  treten.  2BaS  aber  niht  einmal  ein  Volf  über  fid)  felbft  befbliefeen 


40  2Ba<3  ift  Slitfflärung? 

barf,  bag  barf  noch  meniger  ein  SJtonard)  über  bag  3SoIf  befdßiehen;  benn 
jein  gejehgebenbeg  Slnfehen  beruht  eben  barauf,  baff  er  beit  gefammtea 
SßoIföiniHen  in  bem  feintgen  vereinigt.  SBenn  er  nur  barauj  ftef)t,  bah 
alle  maßre  ober  oermeinte  SSerbefferung  mit  ber  bürgerlichen  Drbnung 
gujammen  beftebje:  jo  fann  er  jeine  Unterbauen  übrigeng  nur  jelbft 
madjen  laffen,  mag  fie  um  itjreg  (Seelenheils  mißen  ju  tljun  nötf)ig  finben; 
bag  geßt  ihn  nicbtg  an,  mobl  aber  ju  öerhüten,  bah  nicht  einer  ben  anbern 
gemaltthätig  hinbere,  an  ber  Seftimmung  unb  SSeförberung  befjelbeti  nach 
aßem  jeinern  SSermögen  ju  arbeiten.  @g  thut  jelbft  feiner  ÜRajeftäi  2lb= 
bruch,  menn  er  ftd)  hierin  mifd)tr  inbem  er  bie  «Schriften,  moburd)  jeine 
llnterthanen  ihre  ©inficpten  ing  Steine  jtt  bringen  juchen,  feiner  fRegierungg* 
aufficht  mürbigt,  fomohl  menn  er  biejeg  aug  eigener  höd)fteu  (Sinftdjt  thut, 
mo  er  ftd)  bem  SSormnrfe  augfefd:  Caesar  non  est  supra  Grammaticos, 
alg  aud)  unb  nod)  meit  mehr,  menn  er  feine  oberfte  ©emalt  fo  meit  er* 
niebrigt,  ben  geiftlichen  2)egpotigm  einiger  Sprannen  in  feinem  Staate 
gegen  feine  übrigen  Untertanen  ju  unterftühen. 

SBenn  benn  nun  gefragt  mirb:  Seben  mir  fe^t  in  einem  auf  geflärten 
Beitalter?  fo  ift  bie  Slntmort:  Stein,  aber  mohl  in  einem  Seitalter  ber 
Sluffläruttg.  £)ah  bie  2l?enfcf)en(  mie  bie  Sachen  je^t  flehen,  im  ©anjen 
genommen,  fd)on  im  Staube  mären,  ober  barin  auch  nur  gefegt  merben 
tonnten,  in  Steligiongbingen  ftd)  ihreg  eigenen  35erftanbeg  ohne  Leitung 
eineg  Slttbern  ficher  unb  gut  gu  bebienen,  baran  fehlt  noch  fel)r  fiel-  Slßein 
bafe  jefd  ihnen  hoch  bag  Selb  geöffnet  mirb,  jtd)  bahin  frei  gu  bearbeiten, 
unb  bie  ^inberniffe  ber  aßgemeinen  Slufflärung,  ober  beg  Sluggangeg  aug 
ihrer  felbft  öerjcpulbeten  Unmünbigfeit  aßmählig  meniger  merben,  baoon 
haben  mir  bod)  beutliche  Mjeigen.  Sn  biefem  23etrad)t  ift  biefeg  Seitalter 
bag  Seitalter  ber  Mfflärung,  ober  bag  Saluhunbert  Srieberid)g. 

©in$ürft,  ber  eg  feiner  nicht  unmürbig  finbet,  ju  jagen:  bah  er  eg 
für  $ flid)t  halte,  in  Steligiongbingen  benSJtenfdjen  itidjtg  nor^ufchreiben, 
fonbern  ihnen  barin  ooße  Freiheit  p  laffen,  ber  alfo  felbft  ben  podp 
müthigen  Stauten  ber  Soleranj  oott  ftch  ablehnt,  ift  felbft  aufgeflärt  unb 
oerbient  üott  ber  banfbaren  Söelt  unb  Stadjmelt  alg  berjenige  gepriefeit 
ju  merben,  ber  juerft  bag  menfdjliche  ©ejchlecpt  ber  Unmünbigfeit  menig^ 
fteng  oon  Seiten  ber  Regierung  entjcplug  unb  Sebent  frei  lieh,  fid)  in 
aßem,  mag  ©emifjengangelegenheit  ift,  feiner  eigenen  Vernunft  ju  be= 
bienen.  Unter  ihm  bürfen  üerehrunggmürbige  ©eiftüche  unbefd)abet 
il)rer  Mitgpflid)t  ihre  oom  angenommenen  Spmbol  hier  ober  ba  abmeO 


s 

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3Ba§  ift  Slufftcmtng?  . 


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henben  Urteile  unb  ©infthten  in  ber  Qualität  ber  ©eleljrten  frei  unb 
öffentlich  ber  SBelt  gur  Prüfung  barlegen;  nod)  mehr  aber  feber  anbere, 
ber  burd)  feine  2lmt§pflid)t  eingefhränft  ift.  Qiefer  ©eift  ber  Freiheit 
breitet  fid)  aud)  außerhalb  au§,  felbft  ba(  mo  er  mit  dufteren  ^»inberniffen 
5  einer  fid)  felbft  mi^öerftebjenbenütegierung  gu  ringen  hat.  £>enn  e§  leuchtet 
biefer  bod)  ein  SSeifpiel  oor,  baff  bei  Freiheit  für  bie  öffentliche  3tuf)e  unb 
©inigfeit  be§  gemeinen  SBefenS  nicht  ba§  3Jtinbefte  gu  beforgen  fei.  2)ie 
9J?enfd)en  arbeiten  fid)  non  felbft  nach  unb  nad)  au§  ber  S^ofjigfeit  herau3, 
menn  man  nur  nicht  abjid)tlich  fünftelt,  um  fie  bartn  gu  erhalten. 

10  3h  habe  ben  fpauptpunft  ber  Slufflärung,  b.i.  beS  2lu§gange§  ber 
9J?enfd)en  au§  ihrer  felbft  oerfhulbeten  Unmünbigfeit,  öorgüglich  in  9t  e= 
ligion§fad)en  gefegt:  metl  in  2lnfel)ung  ber  fünfte  unb  SBiffenf  haften 
unfere  Sßeherrfd^er  fein  3ntereffe  haben,  ben  SSormunb  über  ihre  Unter* 
thanen  gu  fpielen;  überbem  aud)  jene  Unmünbigfeit,  fo  mie  bie  fdbäblichfte, 
15  alfo  aud)  bie  entehrenbfte  unter  allen  ift.  2lber  bie  QenfungSart  eineö 
Staatsoberhaupts,  ber  bie  erftere  begünfiigt,  geht  noch  weiter  unb  fiefjt 
ein:  bah  felbft  in  Sinfehung  feiner  ©efepgebung  eS  ohne  ©efahr  fei, 
feinen  Untertanen  gu  erlauben,  oon  ihrer  eigenen  Vernunft  öffentlichen 
©ebraud)  gu  mähen  unb  ihre  ©ebanfen  über  eine  beffere  Slbfaffung  her* 
20  felben  fogar  mit  einer  freimüthigen  Äritif  ber  fhon  gegebenen  ber  2Belt 
öffentlich  oorgulegen;  baoon  mir  ein  glängenbeS  23eifpiel  haben,  woburd) 
noh  fein  2ftonard)  bemjenigen  oorging,  melhen  mir  oerehren. 

Slber  aud)  nur  berjenige,  ber,  felbft  aufgeflärt,  fih  nicht  oor  ©hatten 
fürchtet,  gugleid)  aber  ein  wohlbiScipUnirteS  gaf)lreid)eS  -fpeer  gurn  ^Bürgen 
25  ber  öffentlichen  3tuf)e  gur  |>anb  hat,  fann  baS  fagen,  was  ein  $reiftaat 
niht  magen  barf:  räfonnirt,  fo  oiel  ihr  mollt,  unb  worüber  ihr 
wollt;  nur  gehorcht!  ©o  geigt  fth  hier  ein  befremblidjer,  niht  erwarteter 
©ang  menfd)lid)er  $>inge;  fo  mie  aud)  fonft,  menn  man  ihn  im  ©rohen  be= 
trabtet,  barin  faft  alles  parabor  ift.  ©in  gröberer  ©rab  bürgerlicher  $rei= 
so  heü  fcpeint  ber  Freiheit  beS  ©  e  i  ft  eS  beS  23olfS  oortheühaft  unb  fept  ihr  boh 
unüberfteiglihe  ©cpranfen;  ein  ©rab  weniger  oon  jener  oerfhafft  hingegen 
biefem  3taum,  fih  nah  allem  feinem  Vermögen  auSgubreüen.  2Benn  benn 
bieüftatur  unter  biefer  harten  £üHe  ben  Äeim,  für  ben  fie  am  gärtlihften 
forgt,  nämlih  ben  £ang  unb  23eruf  gum  freien  Renten,  auSgewicfelt  hat: 
35  fo  wirft  biefer  atlmählig  gurücE  auf  bie  ©inneSart  beS  33olfS  (woburh  biefeS 
ber  Freiheit  gu  hanbeln  nah  unb  nah  fähiger  wirb)  unb  enblicf)  aud) 
fogar  auf  bie  ©runbfäpe  ber  Regierung,  bie  eS  ihr  felbft  guträglid)  finbet, 


42 


28ag  ift  21ufflärung? 


ben  5J?enfd)en,  bcr  nun  rnelfr  alb  9Jiafd)ine  ift,  feiner  SBürbe  gemäfj  gu 
beljanbeln.*) 

Königsberg  in  $reufjen,  ben  BO.  ©eptemb.  1784. 


*)  3n  Öen  23  ö  f  dj  t  n  g  ’  fdjett  wöchentlichen  91a<^rtd^tert  bom  13.  ©ef>t.  lefe  idf)  b? ntc 
ben  30ften  eben  beff.  bie  Slnjeige  ber  23erlinifd)en  3J?onatöfdE)rift  bon  biefem  aRonab  5 
worin  be§  &ertn  aRenbelSfobn  Süeantmortung  eben  berfelben  $rage  angeführt 
wirb.  aftir  ift  fte  noch  nicht  ju  £änben  gefommen;  fonft  mürbe  fie  bie  gegen- 
märtige  jurudgebalten  ^aben,  bie  je^t  nur  jum  tBerfucbe  ba  fielen  mag,  wiefern 
ber  ßufatt  (Sinftimmigfeit  ber  ©ebanfen  auwege  bringen  fßnne. 


%emfmen 


non 


5.  Jnrbers 

Ideen  ptr  2?(Hfo(opl)ic  der  $efd)idjfc 
der  2&eiil'djl)eit. 


I. 

Sbeen  jur  5ßt)Uofopf)te  ber  ©efd)icf)te  ber  3ftenfd)l)ett  oon  3of).  ©ottfr.  Berber. 

Quem  te  Deus  esse  iussit  et  humana  qua  parte  locatus  es  in  re  disce. 

Srfter  Sljeil.  318.  4.  3tiga  unb  Seipjig  bet  <£mrt!nocf)  1784. 

5  £)er  ©eift  unferS  finnreid)en  unb  berebten  3Serfaf|er§  geigt  in  bieder 
<Sd)rift  feine  fd)on  anerfannte  ©igentf)ümlid)feit.  @ie  börfte  alfo  wol)l 
eben  fo  wenig,  als  manche  anbere  aus  feiner  $eber  gefloffene  nad)  bent 
gewöhnen  TOapftabe  beurteilt  werben  tonnen.  ©S  ift,  als  ob  fein 
©enie  nicht  etwa  bloS  bie  3been  aus  bem  weiten  $elbe  ber  2Biffenfd)aften 
io  unb  fünfte  fammelte,  um  fte  mit  anbern  ber  Mitteilung  fähigen  gu  oer= 
mehren,  fonbern  als  oerwanbelte  er  fie  (um  ifjm  ben  SluSbrucf  abguborgen) 
nad)  einem  gewtffen  ©efefee  ber  Slffimilation  auf  eine  if)tn  eigene  Sßeife 
in  feine  fpecififd)e  3)enfungSart(  woburd)  fte  oon  benjenigen,  baburd)  fid) 
anbere  ©eelen  nähren  unb  wad)fen  (©.  292),  merflid)  unterfd)ieben  unb 
is  ber  Mitteilung  weniger  fäfjig  werben.  2)al)er  mödjte  wof)l,  was  it)m 
^3t)itofopt)ie  ber  ©efd)id)te  ber  Menfd)f)eit  Reifet,  etwas  gang  SlnbereS  fein, 
als  was  man  gewöhnlich  unter  biefem  Sftamen  üerftef)t:  nid)t  etwa  eine 
Iogifd)e  $ünftlid)feit  in  23eftimmung  ber  begriffe,  ober  forgfältige  Unter= 
fcheibung  unb  33ewäf)rung  ber  ©runbfätje,  fonbern  ein  fid)  ntd)t  lange 
io  oerweüenber,  oiel  umfaffenber  SSlid,  eine  in  Sluffinbung  oon  Analogien 
fertige  ©agacität,  im  ©ebraud)e  berfelben  aber  füllte  GnnbilbungSfraft, 
oerbunben  mit  ber  ©efd)icflid)feit,  für  feinen  immer  in  bunteier  $erne 
gehaltenen  ©egenftanb  burdh  ©efüljle  unb  ©mpftnbungen  eingunelfmen, 
bie  als  SBirtungen  oon  einem  großen  ©eljalte  ber  ©ebanfen,  ober  als  oiel= 
25  bebeutenbe  SBtnfe  meffr  oon  ftch  oermuten  laffen,  als  falte  Beurteilung 
mopl  gerabe  gu  in  benfelben  antreffen  würbe.  3)a  inbeffen  Freiheit  im 
Renten  (bie  hier  in  großem  Mafse  angetroffen  wirb),  oon  einem  frud)t= 
baren  klopfe  auSgeübt,  immer  ©toff  gum  ©enfen  giebt,  fo  wollen  wir  oon 
ben  Sbeen  beffelben,  foweit  eS  uns  glücfen  will,  bie  wid)tigften  unb  iljnt 
so  eigentümlichen  auSgupeben  fucpen  unb  in  feinem  eigenen  SluSbrucfe 
barftellen,  gulept  aber  einige  Slnmerfungen  über  baS  ©attge  pingufttgen. 


46 


JRecenfion  Don  ^erberä  S'beeti  jur  $ßf)ilofo^l)te 


Unfer  SSerfaffer  tjebt  bamit  an,  bie  SluSfecfet  gu  erweitern,  um  bem 
9D?enfd)en  feine  ©teile  unter  ben  übrigen  Panetenbewofenern  unferer 
©onnenwelt  anguweifen,  unb  fdfeiefet  au§  bem  mittleren,  nicfet  unt»ortt)eil= 
feaften@tanbe  be§  3Seltförper§,  ben  er  bewohnt,  auf  einen  blofe  „mittelmä* 
feigen  ©rboerftanb  unb  eine  nocfe  Diel  gweibeutigere  $Renfcfeentugenb,  bar= 
auf  er  feier  gu  rechnen  feabe,  bie  aber  bocfe  —  ba  unfere  ©ebanten  unb 
Prüfte  offenbar  nur  au§  unferer  ©rborganifation  feinten  unb  fedfe  fo  lange 
gu  Deränbern  unb  Derwanbeln  ftreben,  bi§  fee  etwa  gur  9ieinigfeit  unb  Sein* 
feeitgebiefeen  fenb,  bie  biefe  unfere  ©djöpfung  gewähren  fanu,  unb,  wenn 
Sinologie  unfere  ^üfererin  fein  barf,  e§  auf  anberen  ©fernen  nid)t  anber§ 
fein  werbe  —  Dermutfeen  laffen,  bafe  ber  fJJtenfcfe  mit  ben  SSewofenern  ber 
lefeteren  ©in  3iel  feaben  werbe,  um  enblicfe  nid)t  allein  einen  SBanbelgang 
auf  mefer  als  einen  ©tern  angutreten,  fonbern  Dietleicfet  gar  gurn  Umgänge 
mit  allen  gur  Steife  gefommenen  ©efcfeöpfen  fo  Dieler  unb  Derfdfeebener 
©cfewefterwelten  gu  gelangen."  2Son  ba  gefet  bie  SSetracfetung  gu  ben  9te= 
Dolutionen,  welcfee  ber  ©rgeuguttg  ber  fDfenfcfeen  Dorfeer  gingen,  „©fee  unfere 
Suft,  unfer  SBaffer,  unfere  ©rbe  feeroorgebradfe  werben  tonnte,  waren 
mancfeerlei  einanber  auflofenbe,  nieberfd)lagenbe  ©tamina  notfeig;  unb 
bie  Dielfacfeen  ©attungen  ber  ©rbe,  ber  ©efteine,  ber  ^rtyftaüifationen, 
fogar  ber  Drganifation  in  SKufcfeeln,  piangen,  ^feieren,  guiefet  im  3J?en= 
fcfeen,  wie  Diel  Sluflöfungen  unb  fReooluttonen  be§  ©inen  in  ba§  Slnbere 
fefeten  bie  nicfet  Dorau§?  ©r,  ber  ©ofen  aller  ©lemente  unb  SBefen,  ifer 
au3erlefenfter  Inbegriff  unb  gleicfefam  bie  33Iütfee  ber  ©rbfcfeöpfung, 
tonnte  nidfetd  anberg  als  baS  lefete  ©cfeoofeftnb  ber  Statur  fein,  gu  beffen 
23übung  unb  ©ntpfang  Diel  ©ntwictelungen  unb  ÜieDolutionen  Dorfeer® 
gefeen  mufeten." 

3n  ber  Äugelgeftalt  ber  ©rbe  fenbet  er  einen  ©egenftanb  be§  ©r= 
ftaunenS  über  bie  ©infeeit,  bie  fee  bei  aller  erbenfltcfeen  SKannigfaltigteit 
Deranlafet.  „2Ber,  ber  biefe  $igur  je  befeergigt  featte,  wäre  feingegangen, 
SU  einem  Söortglauben  in^feilofopfeie  unb  Religion  gubefeferen,  ober  bafür 
mit  bumfefem,  aber  feeiligem  ©ifer  gu  morben?"  ©ben  fo  giebt  ifem  bie 
©dfeiefe  ber  ©flifetif  Slnlafe  gur  33etracfetung  ber  9Jtenfcfeenbeftimmung: 
„Unter  unferer  fcferäge  gefeenben  ©onne  ift  alles  Sfeun  ber  2ftenfcfeen  SafereS® 
feeriobe."  ©ie  näfeere  Äenntnife  beS  fiuftfreifeS,  felbft  ber  ©influfe  ber 
’&immelSförper  auf  benfelben,  wenn  er  näfeer  gefannt  fein  wirb,  fcfeeint 
ifem  auf  bie  ©efdfecfete  ber  fDfenfcfefeeit  einen  grofeen  ©influfe  gu  Derfpredfeen. 
Sn  bem  Slbfcfenitt  Don  ber  SSertfeeilung  beS  SanbeS  unb  ber  SJteere  wirb 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


ber  ©eftßicßte  ber  5)fenjd)t)eit.  S^eil  1. 


47 


ber  Krbbau  als  ein  KrHärungSgrunb  ber  SSerfcßiebenßeit  ber  23ölferge= 
aufgefüßrt.  „Stfien  ift  fo  jufammenßängenb  an  ©itten  unb  @e= 
bräunen,  als  eS  bem  23oben  nad)  in  einem  fortgeftrecft  ift;  baS  Heine  Aotße 
A?eer  fct)eibet  bagegen  fc^on  bie  ©Uten,  ber  Heine  $erßfd)e  Ateerbufen 
5  nod)  meßr;  aber  bie  Dielen  ©een,  ©ebirge  unb  bluffe  Don  Amerifa  unb  baö 
fefte  £anb  Ratten  nid£)t  oßne  ©runb  fo  große  Ausbreitung  im  gemäßigten 
«pimmelsftridje,  unb  baS  23aumerf  beS  alten  Kontinents  ift  mit  Abßd)t 
auf  ben  erften  SBoßnftß  ber  9Aenfcßen  anberS  als  in  ber  neuen  2Belt  Don 
ber  Aatur  eingerid)tet  roorben."  2)aS  jmeite  33ud^  befcßäftigt  fidj  mit  ben 
io  Organifattonen  auf  ber  Krbe  unb  fängt  Don  bem  ©ranit  an,  auf  ben 
£id)t,  2öärme,  eine  grobe  £uft  unb  Söaffer  mirften  unb  DieUeicßt  ben  Wiefel 
gur  4?alferbe  beforberten,  in  ber  fid)  bie  erften  ßebenbigen  beS  AteereS,  bie 
©cßalengefcßöpfe,  bilbeten.  35ie  Vegetation  nimmt  ferner  ißren  Anfang.  — 
Vergleidjung  ber  AuSbilbung  bei  AJenfcßen  mit  ber  ber  Vflanjen  unb  ber 
iS  @efd)led)tSliebe  beS  erftern  mit  bem  Vlüßen  ber  leßtern.  Außen  beS 
^flanjenreidjS  in  Anfeßung  beS  Afenfcßen.  Sßierreidj.  Veränberung  ber 
Sßiere  unb  beS  füfenfdjen  nad)  ben  Älimaten.  £>ie  ber  alten  2Belt  finb 
unooKtommen.  „2)ie  Klaffen  ber  @efd)öpfe  erweitern  fid),  je  meßr  fte  fid) 
Dom  Atfenfcßen  entfernen,  fe  näßer  ißm,  befto  meniger  merben  ißrer.  —  Sn 
20  allen  ift  eine  £auptform,  ein  äßnlidßer  ^nocßenbau.  —  £>iefe  Übergänge 
machen  eS  nicßt  unmaßrfcßeinlicß,  baß  in  ben  ©eegefcßöpfen, 
ja  DieHeicßt  gar  in  ben  tobt  genannten  SBefen  eine  unb  biefelbe 
Anlage  ber  Organifation,  nur  unenblid)  roßer  unb  Dermorrner  ßerrfcßen 
möge.  3m  SSlicE  ewigen  SBefenS,  ber  alles  in  einem  ßufammenßange 
25  ßeßt,  ßat  DieUeicßt  bie  ©eftalt  beS  KiStßeilcßenS,  wie  eS  fid)  erzeugt,  unb  ber 
©cßneeflocfe,  bie  fid)  in  ißr  bilbet,  nod)  immer  ein  analoges  Verßältniß 
mit  ber  Sßilbung  beS  Kmbrpo  im  Aiutterleibe.  —  2)er  Atenfd)  ift  ein 
SRittelgefdjöpf  unter  ben  gieren,  baS  ift,  bie  auSgebreitetefte  $orm,  in  ber 
ftd)  alle  Büge  aller  ©attungen  um  tßn  ßer  im  feinften  Inbegriff 
so  fammeln.  —  AuS  Suft  unb  Söaffer  feße  id)  gleid)fam  bie  Sßiere  aus  §ößen 
unb  Siefen  $u  Uftenfcßen  fommen  unb  ©cßritt  oor  ©cßritt  ftd)  feiner  ©eftalt 
näßern."  2)iefeS  Vucß  fcßließt:  „$reue  bid)  beineS  ©tanbeS,  o  Atenfcß, 
unb  ftubire  bidj,  ebleS  Atittelgefcßöpf,  in  allem,  maS  um  bi(ß  lebt!" 

2)aS  britte  Vud)  Dergleidßt  ben  Vau  ber  Vflanjen  unb  Sßiere  mit 
35  ber  Drganifation  ber  füftenfcßen.  2Bir  fönnen  ißm  ßier,  ba  er  bie  Vetracß* 
tungen  ber  Aaturbefcßreiber  ju  feiner  Abfidjt  nußt,  nicßt  folgen;  nur  einige 
Aefultate:  „Surcß  folcße  unb  folcße  Organen  erzeugt  ftd)  baS  ©efcßöpf 


48 


Stecenfion  tion  ^»erberS  Sbeett  jut  ^tlofo^^ie 


aus  be m  tobten  Vflanaenleben  lebenbigen  fReij,  unb  aus  ber  Summe 
biefeS,  burd)  feine  Kanäle  geläutert,  baS  üftebium  ber  ©mpftnbung.  Das 
gftefultat  ber  Steife  mirb  Trieb,  baS  Vefultat  ber  ©mpfinbung  ©ebanfe, 
ein  emiger  Fortgang  oon  organtfd)er  Stopfung,  ber  in  febeS  leben* 
bige  ©efdjöpf  gelegt  marb."  Der  SSerfaffer  regnet  nid)t  auf  Meinte, 
fonbern  eine  organifcfje  Äraft,  fo  bei  Vflanjen  als  Spieren.  (Srfagt:  „So 
mit  bie  ^ßflanje  felbft  organifd)  geben  ift,  ift  aud)  ber  Volpp  organifd) 
geben.  ©S  ftnb  baher  üiele  organifd)e  Kräfte,  bie  ber  Vegetation,  ber 
VJuSfelreije,  ber  ©mpfhtbung.  3e  mehr  unb  feinere  Heroen,  je  größer 
baS  ©ehtrn,  befto  oerftänbiger  mirb  bie  ©attung.  Tl)ierfeele  ift  bie 
Summe  aller  in  einer  Drganifation  mirfenben  Kräfte,"  unb  ber^nftinct 
nid)t  eine  befonbere  fftaturfraft,  fonbern  bie  Vid)tung,  bie  bie  Statur  Jenen 
fämmtlichen  Kräften  burd)  ihre  Temperatur  gab.  Te  mehr  baS  eine  or= 
gantfdje  Vrincipium  ber  üftatur,  baS  mir  fept  bilbenb  (im  Stein),  fept 
treibenb  (in  ^flan^en),  fe^t  empfinbenb,  fe|t  fünftlid)  bauenb 
nennen  unb  im  ©runbe  nur  eine  unb  biefelbe  organifcpe  Äraft  ift,  in  mehr 
SSerfjeitge  unb  Derfd)iebentlid)e  ©lieber  öertheilt  ift,  fe  mehr  eS  in  ben= 
felben  eine  eigene  2öelt  hat,  —  befto  mehr  oerfdjminbet  ber  Tnftinct,  unb 
ein  eigner  freier  ©ebraud)  ber  Sinne  unb  ©lieber  (mie  etma  beim  V?en= 
fdjen)  fängt  an.  ©nblid)  fommt  ber  2lutor  ju  bem  mefentlid)en  fftatur* 
unterfd)iebe  beS  2ftenfd)en.  „Der  aufrechte  ©ang  beS  Vienfdjen  ift  ihm 
einzig  natürlid),  ja  er  ift  bie  Drganifation  jum  gangen  Veruf  feiner 
©attung  unb  fein  unterfd)eibenber  ©harafter." 

3Hi<j^t  meil  er  jur  Vernunft  beftimmt  mar,  marb  ihm  jum  ©ebraud) 
feiner  ©liebmaffen  nad)  ber  Vernunft  bie  aufrechte  Stellung  angemiefen, 
fonbern  er  befam  Vernunft  burd)  bie  aufrechte  Stellung,  als  bie  natürliche 
2Birfung  eben  berfelben  Slnftalt,  bie  nötfyig  mar,  um  ihn  bloS  aufrecht  gehen 
gu  laffen.  „gaffet  uns  bei  biefem  heiligen  ^unftmerf,  ber  2Bof)ltl)at,  burd) 
bie  unfer  ©efd)led)t  ein  9Jtenfd)engefd)led)t  marb,  mit  banfbaren  Vlicfen 
Oermeilen,  mit  Vermunberung,  meil  mir  fehen,  melche  neue  Drganifation 
oon  Kräften  in  ber  aufrechten  ©eftalt  ber  2Jienfd)heit  anfange,  unb  mie 
allein  burd)  fte  ber  VJenfd)  ein  Vtenfd)  marb!" 

3m  öierten  Vud)  führt  ber  £r.  Verf.  biefen  Vunft  meiter  auS: 
„2BaS  fehlt  bem  menfd)enähnlid)en  ®efd)öpfe  (bem  ittffen),  baff  er  fein 
5J?enfd)  marb,"  —  unb  rooburd)  marb  tiefer  eS?  Durch  bie  Normung 
beS  ^opfs  jur  aufrechten  ©e  ft  alt,  burd)  innere  unb  duffere  Drgani* 
fation  gum  perpenbtculären  Sdjmerpmtft;  —  ber  5lffe  hat  alle  Tlfeile  beS 


ber  ©efd)tcf)te  bev  SJJcnfcfjtjett.  Stjeit  1. 


49 


©ehirnS,  bie  bcr  Vienfeh  hat;  er  hat  fie  aber  nad)  ber  ©eftalt  feine§ 
Sd)äbelS  in  einer  gurüdgebntdten  Sage,  unb  biefe  t)atte  er,  Weil  fein  Äopf 
unter  einem  anbern  Vßinfel  geformt  unb  er  nicht  gum  aufrechten  ©ange 
gemalt  mar.  «Sofort  mirften  alle  organifcpe  Kräfte  anberS,  —  „blid  alfo 
5  gen  Fimmel,  o  Vienfeh,  unb  erfreue  bid)  fctjaubernb  beineS  unermehlichen 
VorgugS,  ben  ber  Schöpfer  ber  Sßelt  an  ein  fo  einfaches  Principium,  beine 
aufrechte  ©eftalt,  fnüpfte.  —  Über  bie  Gerbe  unb  trauter  erhoben,  herrfdjt 
ber  ©erud)  nicht  mehr,  fonbern  baS  2luge.  —  Viit  bem  aufgerichteten 
©ange  mürbe  ber  V?enfd)  ein  $unftgefd)öpf,  er  befam  freie  unb  fünftliche 
io  £änbe,  —  nur  im  aufrechten  ©ange  finbet  wahre  menfd)lid)e  Sprache 
ftatt.  —  3:heoretif<h  unb  praftifd)  ift  Vernunft  nichts  als  etwas  Ver¬ 
nommenes,  gelernte  Proportion  unb  Dichtung  bergen  unb  Äräfte, 
gu  welcher  ber  Vieufd)  nach  feiner  Drganifatton  unb  SebenSmeife  gebilbet 
worben."  Unb  nun  Freiheit.  „£>er  Vienfeh  ift  ber  erfte  $reigelaffene  ber 
15  Schöpfung,  er  fteht  aufrecht."  £Die  Scham:  „Sie  muhte  fid)  bei  aufrechter 
©eftalt  halb  entmidetn."  Seine  Vatur  ift  feiner  fonberlichen  Varietät 
unterworfen.  „Vßoburd)  biefeS?  ©urd)  feine  aufrechte  ©eftalt,  burd)  nichts 
anberS.  —  ($r  ift  gur  Humanität  gebilbet;  $rieblid)feit,  ©efd)led)tsliebe, 
Spmpathie,  Viutterliebe,  eine  Sproffe  ber  Humanität  feiner  aufgerichteten 
20  Vilbung  —  bie  Vegel  ber  ©erechtigfeit  unb  2Baf)rl)eit  grünbet  fich  auf  bie 
aufrechte  ©eftalt  beS  Vienfchen  felbft,  biefe  bilbet  ihn  auch  gur  2Bohlan= 
ftänbigfeit;  Veligion  ift  bie  fjöchfte  Humanität.  5)aS  gebüdte  3:hter  em= 
pfinbet  bunfel;  ben  Vienfchen  erhob  ©ott,  bah  erf  felbft  ohne  bah  er  ^  weih 
unb  will,  Urfachen  ber  £>inge  nachfpähe  unb  bid)  finbe,  bu  grober  ßu» 
25  fammenhang  aller  £>inge.  Veligion  aber  bringt  Hoffnung  unb  ©laube  an 
Unfterblichfeit  herüor."  Von  biefer  lefjtent  rebet  baS  fünfte  Vud).  „Vom 
Stein  gu  ^rpftaüen,  oon  biefen  gu  Vietaßen,  non  biefen  gur  Pflangen= 
fd)öpfung,  oon  ba  gum  $f)ier,  enblicf)  gum  Vienfchen  fahen  wir  bie  $orm 
ber  Qrganifation  fteigen,  mit  ihr  auch  bie  Kräfte  unb  Triebe  beS  ©efchöpfS 
so  oielartiger  werben  unb  ft<h  enblich  äße  in  ber  ©eftalt  beS  Vienfchen,  fo 
fern  biefe  fie  faffen  fonnte,  oereinigen.  — " 

„$)urch  biefe  Veihe  üon  2Befen  bemerken  wir  eine  tf)ntid)feit  ber 
£auptform,  bie  ftch  immer  mehr  ber  Vienfdjengeftalt  nahete  —  eben  fo 
fahen  wir  aud)  bie  Kräfte  unb  Triebe  ftch  ihm  nähern.  —  Vei  febem  ©e- 
35  fdjöpf  war  nad)  bemßwed  ber  Vatur,  ben  eS  gu  beförbern  hatte,  auch  feine 
SebenSbauer  eingerichtet.  —  3e  organiftrter  ein  ©efd)öpf  ift,  befto  mehr 
ift  fein  Vau  gufammengefeht  auS  ben  niebrigen  Veiten.  2)er  Vienfeh 

^ant’ä  ©djrtften.  aBettc.  VIII.  4 


50 


SReccrtfion  öon  .frerberS  Sbeett  jur  Sßptloftwbie 


i(t  ein  ©ompenbiunt  ber  2Belt:  $alf,  ©rbe,  Salge,  Säuren,  Öl  unb  Söaffer, 
Äräfte  ber  Vegetation,  ber  fReige,  ber  ©ntpfinbung  ftnb  in  iprn  organifc^ 
vereinigt.  —  £ieburcp  werben  Wir  barauf  geflogen,  and)  ein  unficpt= 
bareä  fReid)  ber  Kräfte  angunepmen,  baS  in  eben  betreiben  genauen 
3ufamtnenpange  unb  Übergange  fiept,  unb  eine  auffteigenbeVeipe  Don  un=  5 
fidjtbaren  Kräften,  wie  im  ftcptbaren  Veidfe  ber  Schöpfung.  —  OiefeS 
tput  alles  für  bie  Unfterblicpfeit  ber  Seele  unb  nicpt  biefe  allein,  fon= 
bern  für  bie  ©ortbauer  aller  wirfenben  unb  lebenbigen  Grafte  ber  2Belt= 
fd)öpfung.  Äraft  fann  nicpt  untergeben,  baS  SBerfgeug  fann  wot)l  ger= 
rüttet  werben.  3BaS  ber  SlUbelebenbe  ins  ßeben  rief,  baS  lebet;  was  wirft,  10 
wirft  in  feinem  ewigen  gufammentjange  ewig."  Oiefe  5ßrinctpien  werben 
nid)t  auSeinanber  gefept,  „weil  pie  bagu  ber  Drt  nicpt  ift."  ^nbeffen  „fepen 
wir  in  ber  SRaterie  fo  Diel  geiftäpnlicpe  Kräfte,  bap  ein  üödiger  ©egen= 
fap  unb  SBiberfprucp  biefer  beiben  aüerbingS  fepr  üerfctjiebenen  SBefen, 
beS  ©eifteS  unb  ber  9Raterie,  wo  nid^t  felbft  wiberfprecpenb,  bod)  wenige  15 
ftenS  gang  unerwiefen  fcpeint."  —  „^räformirte  Meinte  tjat  fein  Singe  ge= 
fepen.  SBenn  man  Don  einer  ©pigeneftS  rebet,  fo  fpricpt  man  uneigent= 
U<p,  als  ob  bie  ©lieber  Don  aupen  guwitcpfen.  Vilbung  (genesis)  iftS, 
eine  SBirfung  innerer  Kräfte,  benen  bie  Statur  eine  Stoffe  oorbereitet 
patte,  bie  fte  ftd)  3 ubilben,  in  ber  fie  ftcp  ftdjtbar  ntacpen  foUten.  *Ri(pt  20 
unfere  oernünftige  Seele  iftS,  bie  ben  Seib  bilbete,  fonbern  ber  Ringer  ber 
©ottpeit,  organifcpe  Äraft."  5Run  peipt  eS:  „1.  Äraft  unb  Organ  ftnb 
gwar  innigft  üerbunben,  nicf)t  aber  eins  unb  eben  baffelbe.  2.  ©ebe  Äraft 
wirft  iprem  Organ  parmonifcp,  benn  fte  pat  fiep  baffelbe  gur  Offenbarung 
ipreS  SöefenS  nur  gugebilbet  unb  fiep  affimilirt.  3.  SBenn  bie  £üüe  25 
wegfällt,  fo  bleibt  bie  Äraft,  bie  oorauS,  obwopl  in  einem  niebrigett  3u= 
ftanbe  unb  ebenfalls  organtfep,  bennoep  öor  biefer  £üHe  fepon  epiftirte." 
Oarauf  fagt  ber  SSerfaffer  gu  ben  VJaterialiften:  „ßaffet  eS  fein,  bap  un= 
fere  Seele  mit  allen  Kräften  ber  Materie,  beS  fReigeS,  ber  ^Bewegung,  beS 
SebenS  urfprünglicp  einerlei  fei  unb  nur  auf  einer  pöpern  Stufe,  in  einer  30 
auSgebilbetern  feinem  Organifation  wirfe;  pat  man  benn  je  auep  nur  eine 
Äraft  ber  Bewegung  unb  beS  Steiges  untergepen  fepen,  unb  ftnb  biefe 
niebern  Kräfte  mit  ipren  Organen  ©ins  unb  baffelbe?"  3km  bern  3u= 
fammenpattge  beffelben  peipt  eS,  bap  er  nur  ©ortfepreitung  fein  föntte. 
OaS  Vtenfcpengefiplecpt  fann  man  als  beit  gropen  3ufammenflup  nieberer  35 
organifepen  Kräfte  anfepen,  bie  in  ipm  gur  Vilbung  ber  Humanität  feimen 
foKten." 


ber  ©efdE)icE)te  ber  5)lenfd)I)eit.  Stjeil  1. 


51 


bie  Menfd)en=£)rganifation  in  einem  Reiche  geiftiger  Kräfte 
gefhehe,  mirb  fo  gegeigt:  „©er  ©ebanfe  ift  gang  ein  anber  ©ing,  als 
maS  ii)r  ber  (Sinn  guführt;  alle  (Erfahrungen  über  ihren  Urfprung  finb 
Belage  non  SBirfung  eines  gmar  organifhen,  aber  bennoch  eigenmächtigen, 
5  nad)  ®efe£en  geiftiger  $erbinbung  mirfenben  SBefenS.  2.  2ßie  ber  ßeib 
burch  Speife  gunimmt,  fo  ber  Oeift  burch  Sbeen;  ja  mir  bemerf'en  bei  ihm 
eben  bie  ©efetge  berSlffimilation,  beS2öach§ihuntS  unb  ber^eroorbringung. 
^nrg  es  mirb  in  unS  ein  innerer  geiftiger  Menfch  gebilbet,  ber  feiner  eige= 
nen  SRatur  ift  unb  ben  Körper  nur  als  SBerfgeug  brauet.  —  2)aS  federe 
xo  SSemufjtfein,  biefer  grojje  SSorgug  ber  menfhlihen  Seele,  ift  berfelben  auf 
eine  geiftige  Söeife  burch  bie  Humanität  erft  gugebilbet  roorbeu  u.  f.  m.", 
mit  einem  2Borte,  menn  mir  eS  recht  oerftehen:  3)ie  Seele  ift  aus  geiftigen 
nach  unb  nad)  hhtgu  fommenbeu  Kräften  allererft  gemorben.  —  „Unfere 
Humanität  ift  nur  Vorübung,  bie  knospe  gu  einer  gufünftigen  33lume. 
ls  £)ie  Statur  mirft  Schritt  oor  Schritt  bas  ttnebte  meg,  bauet  bagegen  baS 
©eiftige  an,  führet  baS  fg-eine  noch  feiner  aus,  unb  fo  fönnen  mir  oon  ihrer 
Äünftlerhanb  hoffen,  baß  and)  unfere  ÄnoSpe  ber  Humanität  in  jenem 
©afein  in  ihrer  eigentlichen,  maljren,  göttlid)en  Menfhengeftalt  erfct)ei= 
nen  merbe." 

20  £>en  SBefchluh  macht  ber  Safe:  „®er  je^ige  ßuftanb  beS  Menfhen  ift 
mahrfcpeinlid)  baS  oerbinbenbe  Mittelglieb  gmeier  SBclten.  —  2ßenn  ber 
DJienfd)  bie^ette  ber  (Erborganifationen  als  il)r  höchfteS  unb  lelgteS  ©lieb 
fchlieft,  fo  fängt  er  auch  eben  baburd)  bie  ^ette  einer  hohem  Gattung  oon 
©efhöpfen  als  ihr  niebrigfteS  ©lieb  an,  unb  fo  ift  er  mahrfd)einlid)  ber 
25  Mittelring  gmifchen  gmei  in  einanber  greifenben  Spftemen  ber  Schöpfung. 
—  (Er  fteHet  uns  gmei  SBelten  auf  einmal  bar,  unb  baS  macht  bie  am 
fcheinenbe  ©uplicität  feines  SBefenS.  —  3)aS  ßebett  ift  ein  Äantpf  unb 
bie  23lume  ber  reinen,  unfterblichen  Humanität  eine  fchmer  errungene 
J?rone.  —  Unfere  trüber  ber  hohem  Stufe  lieben  uns  baher  gemifj  mehr, 
so  als  mir  fie  fud)en  unb  lieben  fönnen;  benn  fie  fehen  unfern  Buftanb 
ftärer,  —  unb  fie  ergiehen  an  uns  oietleidht  ihres  ©lücfs  Sljeilnehmer.  — 
(ES  läfjt  ftch  nid)t  mol)l  üorfteöen:  bafj  ber  fünftige  ßuftanb  bem  jetiigen 
fo  gang  unmittheilbar  fein  foClte,  als  baS  3d)ier  im  Menfhen  gern  glauben 
möchte,  —  fo  fcheint  ohne  höhere  Anleitung  bie  Sprache  unb  erfte  2Biffen= 
35  fcpaft  unerflärlich.  —  Sind)  in  fpätern  ßeiten  ftnb  bie  größten  SBtrfungen 
auf  ber  (Erbe  burch  unerflärliche  Umftänbe  entftanben,  —  felbft  Äranf= 
heiten  maren  oft  Sßerfgeuge  bagu,  menn  baS  Drgan  für  ben  gemöhnlihen 

4* 


52 


9lecenfion  oort  £erber3  Sbeett  jur  Sßtjtloiop^ie 


ÄreiS  beS  (SrblebenS  unbrauchbar  geworben;  jo  baff  eg  natörlicJ)  fd^eint, 
bah  Me  innere  raftlofe  Jfraft  Dielleid)t  ©inbrücfe  empfange,  bereu  eine 
ungeftörte  Drganifation  nicht  fal)ig  mar.  —  2)od)  fott  ber  fUtenfd)  ftd)  nicht 
in  feinen  fünftigen  ßuftanb  ^ineinfdjauen,  fonbern  fid)  hineinglauben.“ 
(2Bie  aber,  menn  er  einmal  glaubt,  bah  er  h<h  ^inernfdtjauen  tönne,  fann  5 
man  ihm  oermehren,  bah  er  nicht  bisweilen  bon  biefem  Vermögen  (Gebrauch 
ju  machen  fud)e ?)  —  „So  niel  ift  gemiff,  bah  in  feber  feiner  Kräfte  eine 
Unenblichfeit  liegt;  aud)  bie  Kräfte  beS  2BeltaüS  fdjeinen  in  ber  (Seele  Der= 
borgen,  unb  fte  bebarf  nur  einer  Organifation,  ober  einer  dteifje  non 
Drganifationen,  biefe  in  STt)ätigfeit  unb  Übung  fetten  ju  bürfen.  —  SBie  10 
alfo  bie  33lume  ba  ftanb  unb  in  aufgerichteter  ©eftalt  baS  dteid)  ber 
unterirbifchen,  nod)  unbelebten  Schöpfung  fd)loh,  —  fo  ftel)t  über  allen 
gur  ©rbe  ©ebüdten  (Spieren)  ber  fDienfd)  mieber  aufrecht  ba.  9Rit 
erhabenem  ©lief  unb  aufgehobenen  §änben  ftehet  er  ba,  als  ein  Sol)n  beS 
Kaufes  ben  Ü^uf  feines  fßaterS  ermartenb."  15 

3)ie  ^öee  unb  ©nbabficht  biefeS  erften  £l)etls  (eines,  mie  es  ber  An= 
fd)ein  giebt,  auf  Diele  23anbe  angelegten  ÜHSerfS)  befteht  in  folgenbem.  ©S 
foU  mitSSermeibung  aller  metaphhfifchenUnterfuchungen  bie  geiftige  dtatur 
ber  menfd)lid)en  Seele,  ihre  23ef)arrlid)feit  unb  $ortfd)ritte  in  ber  23oü= 
fommenljeit  aus  ber  Analogie  mit  ben  -ftaturbilbungen  ber  Materie  Dor*  20 
nel)mlich  in  ihrer  Drganifation  bemiefen  merben.  3u  biefem  23ef)uf  merben 
geiftige  Kräfte,  ju  melden  Materie  nur  ben  23aujeug  auSntad)t,  ein  ge= 
miffeS  unfid)tbareS  fReid)  ber  Schöpfung,  angenommen,  meld)eg  bie  belc= 
benbe  Äraft  enthalte,  bie  alles  organifirt,  unb  $mar  fo,  bah  baS  Schema 
ber  SSoüfommenheit  biefer  Drganifation  ber  2Renfd)  fei,  meld)em  ftd)  alle  25 
©rbgefdjöpfe  Don  ber  niebrigften  Stufe  an  nähern,  big  enblich  burd)  nid)tg 
alg  biefe  Dollenbete  Drganifation,  beren  23ebingung  Dornehmlid)  ber  anf= 
reihte  ©ang  beg  £f)ierS  fei,  ber  fDienfd)  marb,  beffen  Sob  nimmermehr 
ben  fd)on  Dorher  umftänblid)  an  allen  Arten  Don  ©efd)öpfen  gezeigten 
Fortgang  unb  Steigerung  ber  Drganifationen  enbigen  fönne,  fonbern  30 
Dielmehr  einen  itberfd)ritt  ber  9iatur  gu  noch  mehr  Derfeinerten  £>pera= 
tionen  ermarten  laffe,  um  ihn  baburd)  ju  fünftigen  nod)  hohem  Stufen  beg 
ßebenS  unb  fo  fortan  ins  Unenblid)e  ju  förbern  unb  ju  erheben.  fRecenfent 
muh  geftehen:  bah  er  biefe  Sd)luhfolge  aus  ber  Analogie  ber  fftatur,  menn 
er  gleich  fene  continuirlid)e©rabation  ihrer  ©efchöpfe  famrnt  berfRegel  ber=  35 
felben,  nämlich  ber  Annäherung  gum  9Rettfd)en,  einräumen  rnollte,  bod) 
nicht  einfehe.  $>enn  eg  ftnb  ba  Derfd)iebene  Söefett,  melche  bie  mancher- 


ber  @efd)id)te  ber  IDienfdjtjeit.  Streit  i.  5ä 

let  (Stufen  ber  immer  oollfommneren  Drganifation  beferen.  Sllfo  mürbe 
uad)  einer  folgen  Analogie  nur  gefd)loffen  merben  fönnen:  bah  irgenb 
anberSmo,  etma  in  einem  anbern  Planeten,  mieberum  ©efd)öpfe  fein 
bürften,  bie  bie  näd)ft  höhere  Stufe  ber  Drganifation  über  ben  $tenfd)en 
5  behaupteten,  nicht  aber  bah  baffelbe  3nbioibuum  hiezu  gelange.  Sei 
ben  aus  Stäben  ober  Raupen  ftd)  entmicfelnben  fliegenben  Dl)ierd)en  ift 
hier  eine  ganz  eigene  unb  oon  bem  gemöf)nlid)en  Verfahren  ber  5<iatur 
oerfd)iebene  Slnftalt,  unb  bod)  auch  ba  folgt  bie  ^alingenefte  nicht  auf  ben 
Dob,  fonbern  nur  auf  ben  ^uppen^uftanb.  Dagegen  hier  geroiefen 
10  merben  mühte:  baff  bie  Natur  Dl)iere  felbft  nach  %er  Sermefung  ober  Ser= 
brennung  aus  ihrer  Sffd)e  in  fpecififd)  ootlfommeuerer  Drganifation  auf= 
fteigen  laffe,  bamit  man  nad)  ber  Sinologie  biefeS  auch  oom  Ntenfchen,  ber 
hier  in  3Ifd)e  oermanbelt  mirb,  fehlten  fönne.  (5s  ift  alfo  zmifepen  ber 
Stufenerhebung  eben  beffelben  Stenfcpen  gu  einer  oollfommneren  Drga* 
15  nifation  in  einem  anbernSeben  unb  ber  Stufenleiter,  melcpe  man  fiep  unter 
ganj  oerfchiebenen  Slrten  unb  gnbioibueti  eines  Naturreichs  benfen  mag, 
nicht  bie  minbefte  Slpnlicpfeit.  ^>ier  läßt  uns  bie  Natur  nichts  anberS 
fehen,  als  bah  he  &ie  Snbioibuen  ber  oölligen  ßerftörung  überlaffe  unb 
nur  bie  Slrt  erhalte;  bort  aber  oerlangt  man  ju  miffen,  ob  auch  baS 
20  Snbioibuum  oom  Stenfcpen  feine  Berftörung  hier  auf  (5rben  überleben 
merbe,  meines  oieHeicpt  aus  moralifchen,  ober,  menn  man  min,  inetappp* 
fifd)en  ©rünben,  niemals  aber  nach  irgenb  einer  Sinologie  ber  fteptbaren 
Erzeugung  gefchloffen  merben  tann.  2ßaS  nun  aber  jenes  unftchtbare 
Neid)  mirffamer  unb  felbftftänbiger  Äräfte  anlangt,  fo  ift  nicht  mopl  ab= 
25  jufehen,  marum  ber  Serfaffer,  nad)bem  er  geglaubt  hat  aus  ben  organifd)en 
Erzeugungen  auf  beffen  ©piftenz  fieper  fcpliehen  ju  fönnen,  nicht  lieber 
baS  benfenbe  Nrincip  im  Stenfcpen  bahin  unmittelbar,  als  bloS  geiftige 
Natur,  übergehen  lieh,  ohne  folcheS  burd)  baS  Saumerf  ber  Drganifation 
aus  bemßpaoS  herauszuheben;  eS  mühte  benn  fein,  bah  er  biefe  geifiigen 
so  Äräfte  für  ganz  etnoaS  anberS  als  bie  menfd)lid)e  Seele  hielt  unb  biefe 
nicht  als  befonbere  Subftanz,  fonbern  bloS  als  ©ffect  einer  auf  Staterie 
einmirfenben  unb  fte  belebenben  unjid)tbaren  allgemeinen  Natur  anfäl)e, 
meld)e  SNeinung  mir  hoch  ihm  beizulegen  billig  Sebenfen  tragen.  SlHein 
maS  foU  man  überhaupt  oon  ber  ^ppotpefe  unfrct)tbarer,  bie  Drganifation 
35  bemirfenber  Prüfte,  mithin  oon  bem  Slnfd)lage,  baS,  maS  man  nicht 
begreift,  aus  bemjenigen  erflaren  zu  mollen,  maS  man  nod)  meniger 
begreift,  benfen?  Son  jenem  fönnen  mir  hoch  menigftenS  bie  ©efepe 


54 


Necenfion  üon  |>erberä  3been  gur  ^Ejtlofop^ie 


burd)  ©rfahrung  fennen  lernen,  obgleich  freilich  bie  Urfad)eit  berfelben 
unbefannt  bleiben;  non  biefem  ift  uns  fogar  alle  ©rfahrung  benommen, 
unb  maS  fann  beu  Bhilofoph  nun  hier  gur  D^ec^tferligung  feines  Bor= 
gebenS  anführen,  als  bie  blojge  Bergmeifelung  ben  Nuffchluf)  in  irgenb 
einer  Äenntnifc  ber  Natur  gu  finben  unb  ben  abgebrungenen  ©ntfd)luj3 
fte  im  fruchtbaren  $elbe  ber  £Did)tungSfraft  gu  juchen?  2lud)  ift  biefeS 
immer  Nietaphhfif,  ja  fogar  fef)r  bogmatifche,  fo  fetjr  fie  aud)  unfer  Schrift- 
fteller,  toeil  es  bie  Ntobe  fo  mitl,  oon  fidh  ablehnt. 

2BaS  inbeffen  bie  Stufenleiter  ber  Drganifationen  betrifft,  fo  barf 
man  es  il)m  utd)t  fo  feb)r  gum  Bormurf  anrechnen,  menn  fie  gu  feiner  meit 
über  biefe  Söelt  htnauSreid)enben  2lbftd)t  nicht  hat  gulangen  motlen;  benn 
ihr  (Gebrauch  in  2lnfef)ung  ber  Naturreiche  hier  auf  ©rben  führt  eben  fo- 
mohl  auf  nichts.  2)ie  Kleinheit  ber  Unterfchiebe,  menn  man  bie  Gattungen 
ihrer  94  h  n  l  i  d)  f  e  i  t  nad)  an  einanber  pafet,  ift  bei  fo  großer  ÜRannigfaltig- 
feit  eine  notljmenbige  ^olge  eben  biefer  Niannigfaltigfeit.  Nur  eine  33 er = 
manbtfd)aft  unter  ihnen,  ba  entmeber  eine  ©attung  aus  ber  anbern  unb 
alle  aus  einer  eingigen  Driginalgattung  ober  etma  aus  einem  etngigen 
ergeugenben  Niutterfchoofee  entfprungen  mären,  mürbe  auf  Sbeen  führen, 
bie  aber  fo  ungeheuer  ftnb,  bah  öie  Vernunft  oor  ihnen  gurüefbebt,  ber- 
gleichen  man  unferm  Berf.,  ohne  ungerecht  gu  fein,  nicht  beimeffen  barf. 
2BaS  ben  Beitrag  beffelben  gur  üergleid)enben  Slnatomie  burd)  alle  3:E)ier= 
gattungen  bis  herab  gur  Bftange  betrifft,  fo  mögen  bie,  fo  bie  Natur- 
befchreibung  bearbeiten,  felbft  urtfjeilen,  miefern  bie  Slnmeifung,  bie  er 
hier  gu  neuen  Beobachtungen  giebt,  ihnen  nupen  fönne,  unb  ob  fte  mohl 
überhaupt  einigen  ©ruub  habe.  Slber  bie  Einheit  ber  organifchen  Äraft 
(@.  141),  bie  als  felbftbilbenb  in  2tnfel)ung  ber  2Jiannigfaltigfeit  aller 
organifchen  ©efdjöpfe  unb  nachher  nach  Berfchiebenheit  biefer  Organen 
burd)  fie  auf  oerfd)iebene  2lrt  mirfeub  beu  gangen  Unterfd)ieb  ihrer  mancher- 
lei  ©attungen  unb  ülrten  auSmache,  ift  eine  Sbee,  bie  gang  aufcer  bem 
Selbe  ber  beobad)tenben  Naturlehre  liegt  unb  gur  bloS  fpeculatioen  Bhi= 
lojophie  gehört,  barin  fte  benn  auch,  menn  fte  ©ingang  fänbe,  groffe  Ber- 
müftungen  unter  ben  angenommenen  Begriffen  anrid)ten  mürbe.  Slßein 
beftimmen  gu  moUen,  melcpe  Organifirung  beS  ^opfS  äu&erlid)  in  feiner 
Stgur  unb  innerlid)  in  Stnfeljung  feines  ©ehirnS  mit  ber  Anlage  gum  auf¬ 
rechten  ©ange  nothmenbig  oerbunben  fei,  noch  mehr  aber,  mie  eine  bloS  auf 
biefen  Broecf  gerichtete  Organifation  ben  ©runb  beS  BernunftoermögenS 
enthalte,  beffen  bas  Ohier  baburch  theilhaftig  mirb,  bas  überfteigt  offen* 


s 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


ber  ©efd)id)te  bet  SDieufcfefeeit.  $feeit  ].  55 

‘  bar  aüe  menfWe  Vernunft,  fte  mag  nun  am  pfepfeologifcfeen  Seitfaben 
ta^en,  ober  am  metapfepfefcfeen  fliegen  motten. 

2)urd)  tiefe  Erinnerungen  foU  inbeffen  tiefem  fo  gebanfenüotten 
SBerfe  nidf)t  atteg  SSerbienft  benommen  merben.  Ein  oorgüglicfeeg  barin 
ift  (um  t)ier  nicfet  fo  mancher  eben  fo  fd)ön  gejagten,  alg  ebel  unb  mafer 
gebauten  Reflexionen  gu  gebenfen)  ber  Riutfe,  mit  meinem  fein  SSerfaffer 
bie  alle  ^feilofopfeie  fo  oft  oerengenben  Sebenflicfefeiten  feineg  @tanbeg  in 
2tnfef)ung  biofeer  SSerfucfee  ber  Vernunft,  miemeit  fte  für  fecfe  felbft  mofel 
gelangen  fönne,  gu  überminben  gemufet  feat,  morin  mir  ifem  Diele  Racfe= 
10  folger  münfcfeen.  Uberbem  trägt  bie  gefeeimnifeootte  ©unfelfeeit,  in  melcfee 
bie  Ratur  felbft  ifere  Eefcfeafte  ber  Drganifation  unb  ber  Eiaffenoer« 
tfeeilung  iferer  Eefcfeöpfe  einfeüßte,  einen  Sfeeil  ber  ©cfeulb  megen  ber 
2)unfelfeeit  unb  Ungemifefeeit,  bie  tiefem  erften  £feeüe  einer  pf)ilofo= 
pfeifen  RJenfcfeengefcfeicfete  anfeängen,  ber  bagu  angelegt  mar,  um  bie 
15  äufeerften  Enten  berfelben,  ben  gJunft,  üon  bem  fee  anfeob,  unb  ben,  ba  fee 
fecfe  über  bie  Erbgefcfeidfete  feinaug  im  Unenblicfeen  oerliert,  mo  mßglicfe  an 
einanber  gu  fnüpfen;  melier  SSerfucfe  gmar  füfen,  aber  bod)  bem  gor= 
fcfeunggfriebe  unferer  Vernunft  natürlich  unb  felbft  bei  nicfet  oöttig  gelitt= 
genberSlugfüferung  nicfet  unrüfemlicfe  ift.  ©efto  ntefer  aber  ift  gu  münfcfeen, 
so  bafe  unfer  geiftootter  Serfaffer  in  ber  ftortfefeung  beg  SBerfg,  ba  er  einen 
feften  23oben  oor  fecfe  finben  mirb,  feinem  lebfeaften  Eenie  einigen  ßrnang 
auflege,  unb  bafe  ^feüofopfeie,  beren  Seforgung  mefer  im  SSefcfeneiben  alg 
Treiben  üppiger  ©cfeöfelinge  beftefet,  ifen  nicfet  burcfe  Söinfe,  fonbern  be= 
ftimmte  begriffe,  nicfet  burcfe  gemutfemafete,  fonbern  beobacfetete  Eefefee, 
25  nicfet  oermittelft  einer,  eg  fei  burcfe  Rietapfepfef,  ober  burcfe  Eefüfele,  be= 
flügelten  Einbilbunggfraft,  fonbern  burcfe  eine  im  Entmurfe  auggebreitete, 
aber  in  ber  5tugübung  befeutfaute  SSernunft  gur  SMeubimg  feineg  Unter- 
nefemeng  leiten  möge. 


II. 

(Srmneruttgeit  bed  3Recenfenten  ber  £erberfcf)en  Sbeen  511  einer  5ßf)ttofopt)te  ber  ©e= 
fd)id)te  ber  ÜJienf^^eit  (SRro.  4  unb  Seil.  ber  Stllg.  8it.=3eit.)  über  ein  im 
gebruar  beä  Seutfdjen  ÜJtertur  gegen  biefe  SRecenfton  gerid)teted  «Schreiben. 

3m  Februar  beS  ©.  M.,  ©eite  148,  tritt  unter  bem  SRamen  eines 
cpfarrerS  ein  SSert^eibiger  beS  VuchS  beS  perrn  Berber  gegen  ben  oer= 
meintlichen  Ingriff  in  unferer  Sl.8.»3-  auf.  es  märe  unbillig  ben  tarnen 
eines  geachteten  lutorS  in  ben  Streit  jmifcffen  Stecenfenten  unb  IntU 
recenfenten  mit  gu  oermicteln;  baffer  motlen  mir  hier  nur  unfere  Ver= 
faffrungSart  in  Vefanntmacffung  unb  Veurtfjeilung  gebauten  2BerfS  als 
ben  Maximen  ber  Sorgfalt,  Unparteilichleit  unb  Mäffigung,  bie  biefe 
geitun g  fich  gur  Vicfftfcffnur  genommen  hat,  gemäff  rechtfertigen,  ©er 
Pfarrer  jault  in  feinem  ©Treiben  Diel  mit  einem  Metapfffffifer,  ben  er 
in  ©ebanfen  hat,  unb  ber,  mie  er  iffn  ftd)  Dorfteilt,  für  alle  «Belehrung 
burch  ©rfaffrnngSmege,  ober,  mo  biefe  bie  ©atffe  nid)t  oollenben,  für©cfflfiffe 
nach  ber  lualogie  ber  Statur  gänzlich  oerborben  ift  unb  alles  feinem  Seiften 
fcffolaftifcffer  unfruchtbarer  Ibftractionen  anpaffen  miU.  ©er  3lecenfent 
tann  fid)  biefenßanf  recht  mol)l  gefallen  laffen,  benn  er  ift  hierin  mit  bem 
Pfarrer  tiöllig  einerlei  Meinung,  unb  bie  Vecenffon  ift  felbft  ber  befte 
VemeiS  baooti.  ©a  er  aber  bie  Materialien  ju  einer  Intffropologie  §iem= 
lid)  ju  fennen  glaubt,  imgleichen  auch  etmaS  oon  ber  Metffobe  ihres  ©e* 
braueffs,  um  eine  ©efchichte  ber  Menfd)ffeit  im©anjen  ihrer  SBeftimmung 
ju  oerfuchen:  fo  ift  er  überzeugt,  baff  fie  meber  in  ber  Metapffpfit,  noch  im 
5Raturaliencabinet  burch  Vergleichung  beS  ©felets  beS  Menfd)en  mit  bem 
oon  anbern  Sffiergattungen  aufgefucht  merben  muffen;  am  menigften  aber 
bie  lefftere  gar  auf  feine  Veftimmung  für  eine  anbere  Sßelt  führe;  fonbern 
baff  fie  allein  in  feinen  -fpanblungen  gefunben  merben  tonnen,  babureff 
er  feinen  ©ffaratter  offenbart;  auch  ift  er  überrebet,  baff  perr  perber 
nid)t  einmal  bie  Ibffcfft  gehabt  habe,  im  erften  £ffeile  feines  SBerfS  (ber 
nur  eine  luffteUung  beS  Menfcffen  als  £ffierS  im  allgemeinen  9tatur= 
fhftem  unb  alfo  einen  fßrobromuS  ber  tünftigen  3<^een  enthält)  bie  rcirf* 
liehen  Materialien  jur  Menfcffengefcfficffte  ju  liefern,  fonbern  nur  ©ebanfen, 
bie  ben  Vffpfiologen  aufmerffam  machen  tonnen,  feine  fRadfforfcffungen, 
bie  er  gemeiniglich  nur  auf  bie  mechanifche  Ibficfft  beS  tffierifeffen  VaueS 


5 

10 

IS 

20 

25 

30 


Erinnerungen  beS  9iecenfenten  ber  ^)erberfd)en  3been.  57 

richtet,  »o  möglich  weiter  unb  bis  ju  ber  für  ben  ©ebraud)  ber  Vernunft 
an  biefem  ©efd)öpfe  jwecfmäfeigen  Drganifation  auSjubehnen;  wiewohl  er 
il^nen  hierin  mehr  ©ewid)t,  als  fie  je  befommen  fönnen,  beigelegt  bat.  2lud) 
ift  nicht  nßtbig,  bafe  ber,  fo  ber  le^teren  Meinung  ift,  (wie  ber  Pfarrer 
5  161  forbert)  betoeife:  bah  bie  menfcblicbe  Vernunft  bei  einer  anbern 

gorm  ber  ©rganifation  aud)  nur  möglich  märe,  benn  bas  fann  eben 
fo  wenig  jemals  eingefeben  werben,  als  bafe  fie  bei  ber  gegenwärtigen 
3orm  allein  möglid)  fei.  ©er  vernünftige  ©ebraud)  ber  ©rfafjrung  bat 
aud)  feine  ©renjen.  ©iefe  fann  jmar  lehren,  bafe  etwas  fo  ober  fo  be= 
io  f cbaffen  fei,  niemals  aber  baf)  eS  gar  nicht  anberS  fein  fönne;  aud) 
fann  feine  Analogie  biefe  unermeßliche  Äluft  ^wifcben  bem  3ufäÜigen  unb 
9totljmenbigen  auSfüÜen.  3a  ber  fKecenfion  würbe  gejagt:  ,,©ie  Älein* 
beit  ber  Unterfd)iebe,  wenn  man  bie  ©attungen  ihrer  tbnlidjfeit  nach 
an  einanber  paßt,  ift  bei  fo  grober  SRannigfaltigfeit  eine  nottjwenbige 
io  3olge  eben  biefer  ÜDiannigfaltigfeit.  9tur  eine  SSerwanbtfdjaft  unter 
ihnen,  ba  entweber  eine  ©attung  aus  ber  anbern  ober  ade  aus  einer 
einzigen  Originalgattung  unb  etwa  aus  einem  einzigen  er^eugenben 
2ftutterfd)ooße  entfprungen  wären,  würbe  auf  3b een  führen,  bie  aber  fo 
ungeheuer finb,  bab  bie  Vernunft  oor  ihnen  gurücf  bebt,  bergleidjen  man 
20  unferm  SSerfaffer,  ohne  ungerecht  p  fein,  nid)t  beitneffen  barf."  ©iefe 
Söorte  oerführten  ben  Pfarrer  p  glauben,  als  fei  in  ber  SRecenfton  beS 
SBerfS  metaphhfifdje  ©rthobopie,  mithin  3ntoIeranj  anptreffen; 
unb  er  feßt  ßinp:  ,,©ie  gefunbe  ihrer  Freiheit  überlaffene 
Vernunft  bebt  auch  oor  feiner  3bee  ^urücf."  ©S  ift  aber  nichts 
25  oon  allem  bem  p  fürchten,  was  er  mäl)nt.  ©S  ift  bloS  ber  Horror  vacui 
ber  allgemeinen  2ttenfd)enoernunft,  nämlich  ba  gurücf  ju  beben,  wo 
man  auf  eine  3bee  ftöbt,  bei  ber  ftd)  gar  nichts  benfen  l ä b t ,  unb  in 
biefer  2tbfid)t  möchte  wohl  ber  ontologifche  ©obep  bem  theologifchen  unb 
Swar  gerabe  ber  ©oleran^  wegen  pm  ^anon  bienen,  ©er  Pfarrer  finbet 
30  überbem  bas  bem  23ud)e  beigelegte  SSerbienft  ber  %  r  e  i  h  e i  t  i  m  ©  e  n  f  e  n 
oiel  p  gemein  für  einen  fo  berühmten  SSerfaffer.  Ohne  Bweifel  meint  er, 
es  fei  bafelbft  oon  ber  äußeren  Freiheit  bie  3Rebe,  bie,  weit  fte  oon  Drt 
unb  ßeit  abhängt,  in  ber  ©hat  Öar  fein  SSerbienft  ift.  SlUein  bie  fRecenßou 
hatte  jene  innere  Freiheit,  nämlich  bie  non  ben  Ueffeln  gewohnter  unb 
35  burd)  bie  allgemeine  Meinung  beftarfter  begriffe  unb  ©enfungSarten, 
oor  Singen;  eine  Freiheit,  bie  fo  gar  nicht  gemein  ift,  baß  felbft  bie,  fo 
ftd)  bloS  pr  ^ß^Uofop^ie  befennen,  nur  feiten  fich  p  ihr  haben  empor 


58 


JRecenfiort  Dort  Berbers?  3&een  äur  ißbitofopljte 


arbeiten  fönnen.  2Bag  er  an  ber  fRecenfton  fabelt:  „baff  f i e  Stellen, 
m  e  l  dj  e  bieVcfultate  aitgbrüden,  n  i  d)  t  aber  §ugletd)  bie,  fo 
fie  torbereiten,  augf)ebt,"  möchte  mol)l  ein  untermeiblid)eg  Übel 
für  bie  gan^e  Slutorfdjaft  fein,  tüeldjeS  bei  allem  bem  immer  bod)  nod) 
erträglicher  ift,  alg  mit  Slugfjebung  einer  ober  anbern  Stelle  blog  über* 
haupt  ju  rühmen,  ober  gu  terurtheilen.  Eg  bleibt  alfo  bei  bem  mit  aller 
billigen  Sichtung  unb  felbft  mit  She^ne^mun9  an  &em  Vuljme,  noch 
mehr  aber  an  bem  Vachruljme  beg  Verfafferg  gefällten  Urtljeile  über 
ba§  gebachte  2Berf,  meld)eg  mithin  gan^  anberg  lautet  als  tag,  mag  ber 
Pfarrer  ihm  S.  161  (nicht  fel)r  gemiffenhaft)  unterfd)iebt,  bafebagVud) 
nicht  geleiftet  habe,  mag  fein  ©itel  t) erfp r ach-  £)enn  ber  £itel 
terfprad)  gar  nicht,  fd)on  im  erften  Vanbe,  ber  nur  allgemeine  ph9ftologifd)e 
Vorübungen  enthält,  tag  ju  leiften,  mag  ton  ben  folgenben  (bie,  fo  oiel 
man  urteilen  fann,  bie  eigentliche  Slnttjropologie  enthalten  merben)  er= 
märtet  mirb,  unb  bie  Erinnerung  mar  nicht  überflitffig:  in  tiefer  bie  $rei= 
heit  ein^ufcbränfen,  bie  in  jenen  mol)l  Vadjficht  oerbienen  möchte.  Übrigeng 
fommt  eg  jefct  nur  auf  ben  Verfaffer  felbft  an,  bagjenige  §u  leiften,  mag 
ber  STitel  terfprad),  meld)eg  man  benn  auch  »on  feinen  Talenten  unb  feiner 
©elehrfamteit  ju  hoffen  Urfad)e  hat. 


III. 

96ga  unb  Setpjig  bet  Jpartfnod).  Sbeen  jur  «ßtjüofophie  ber  ©efcfjtcfjte  ber  WenfdE)= 
beit  oon  Sohann  ©ottfrieb  Berber,  .ßioeiter  SEjetl.  344  (5.  8°.  1785. 

2)iefer  £heil,  ber  big  jum  sehnten  Vudje  fortrüdft,  befchreibt  juerft 
in  fed)g  Slbfchnitten  beg  fedjften  Vud)g  bieOrganifation  ber  Voller  in  ber 
Vähe  beg  Vorbpolg  unb  um  ben  aftatifchen  Vüden  ber  Erbe,  beg  Erbftrid)g 
fd)ön  gebilbeter  Völler  unb  ber  afrifanifchen  Nationen,  ber  V?enfd)en  in 
ben  Snfeln  beg  heifeen  Erbftrid)g  unb  ber  Slmerifaner.  ©er  Verfaffer  be= 
fd)lieht  bie  Vefchreibung  mit  bem  Sßunfche  einer  Sammlung  oon-  neuen 
SIbbilbungen  ber  Nationen,  mo^u  Viebufjr,  Varfinfon,  Eoof,  £öft,  ©eorgi 
u.  a.  fd)on  Slnfänge  geliefert  haben.  „Eg  märe  ein  fd)öneg  Eefchenf,  mentt 
2>emanb,  ber  eg  fann,  bie  hie  unb  ba  jerftreueten  treuen  ©emälbe  ber 
Verfd)iebenl)eit  ünferg  ®efd)led)tg  fammelte  unb  bamit  benErunb  gu  einer 
fprechenben  Vaturlehre  unb  ^hijpognomil  ber  Vtenfchheit 
legte.  Vhilofophifcher  fönnte  bie  Äunft  fchroerlich  angemenbet  merben 


5 

10 

15 

20 

25 

30 


bet  ©efcfiidjte  ber  SOtenfdjljett.  Sljett  2. 


59 


imb  eine  antf)ropologifd)e  Karte,  wie  3i  mm  er  mann  eine  $oologifd)e 
nerfutfjt  ^at,  auf  ber  nichts  angebeutet  werben  müfcte,  alg  wag  ©ioerfität 
ber  2Jienfd)l)eit  ift,  biefe  aber  aud)  in  allen  ©Meinungen  unb  Dtücffupten, 
eine  fold)e  würbe  bag  p^ilantt)ropifd)e  SBerf  fronen." 

5  2)ag  ftebente  Such  betrautet  oorerft  bie  Säpe,  bap  bei  fo  betriebenen 
formen  bennoct)  bag  V7enfd)engefd)led)t  überall  nur  eine  ©attung  fei,  unb 
bafj  bieg  eine  ©efd)led)t  ftd)  überall  auf  ber  ©rbe  flimatiftrt  pabe.  ^>ier= 
näd)ft  werben  bie  Söirfungen  beg  Klima  auf  bie  Gilbung  beg  2ftenfd)en  an 
Körper  unb  Seele  beleuchtet.  £)er  Verfaffer  bemerft  fcfiarffinnig,  bafc  nod) 
io  fiele  Vorarbeiten  fehlen,  ef)e  wir  an  eine  pl)pftologifd)=patf)ologifd)e,  ge= 
fd)weige  an  eine  Klimatologie  aller  menfd)lid)en  2)enf=  unb  ©mpftnbungg= 
frdfte  fommen  fönnen,  unb  bafe  eg  mtmöglid)  fei,  bag  ©Ifaog  oon  Urfacpen 
unb  folgen,  welche^  hier  §of)e  unb  STiefe  beg  ©rbftricpg,  Vefd)affenl)eit 
beffelben  unb  feiner  Vrobucte,  Steifen  unb  ©eträufe,  SebenSweife,  2lu 
iS  beiten,  Kleibung,  gewohnte  Stellungen  fogar,  Vergnügen  unb  Künfte 
nebft  anbern  Umftänben  jufammen  augmacpen,  ju  einer  Sßelt  gu  orbnen, 
in  ber  febem  SDinge,  feber  einzelnen  ©egenb  fein  3ted)t  gefdjepe,  unb  feineg 
gu  oiel  ober  ju  wenig  erhalte.  Vtit  rüfpulicper  Vefcpeibenpeü  fünbigt  er 
baljer  aud)  bie  S.  99  folgenben  allgemeinen  Slnmerfungen  S.  92  nur  al§ 
20  Probleme  an.  Sie  ftnb  unter  folgenben  .fpauptfäpen  enthalten.  1.  £)urd) 
allerlei  Urfacpen  mirb  auf  ber  ©rbe  eine  flimatifche  ©emeiufcpaft  beforbert, 
bie  jum  geben  ber  Sebenbigen  gehört.  2.  2)ag  bewohnbare  Sanb  unfrer 
©rbe  ift  in®egenben  gufammengebrängt,  wo  bie  weiften  lebenbigen  SBefen 
in  ber  ihnen  genügfamften  gorm  wirfen;  biefe  Sage  ber  Sßelttljeile  hat 
25  ©influfj  auf  ihrer  aller  Klima.  3.  2)urd)  ben  Vau  ber  ©rbe  an  bie  ®e= 
bürge  warb  nicht  nur  für  bag  grof$e  Vtandjerlei  ber  Sebenbigett  bag  Klima 
berfelben  gapllog  oeränbert,  fonbern  aud)  bie  Slugbreitung  beg  9Henfd)en= 
gefd)led)tg  oerf)ütet,  wie  fte  berietet  werben  fattn.  3m  öierten  Slbfcpnitt 
biefeg  Vucpg  behauptet  ber  Verfaffer,  bie  genetifcpe  Kraft  fei  bie  Vtutter 
30  aller  Vilbungen  auf  ber  ©rbe,  ber  bag  Klima  nur  freunblid)  ober  feinblich 
juwirfe,  unb  befdjlie^t  mit  einigen  Slnmerfungen  über  ben  3 tt) i ft  ber 
©enefig  unb  beg  Klima,  wo  er  unter  anbern  aud)  eine  pf)pfifd)  = 
geograpl)ifd)e  ©efd)id)te  ber  Slbftammung  unb  Verartung 
unferg  ©efd)led)tg  nad)  Klimaten  unb  ßeiten  wünfdft. 

35  3m  achten  Vudje  »erfolgt  £r.  ben  ©ebraud)  ber  menfdjlid)eu 
Sinne,  bie  ©inbilbunggfraft  beg  Vienfcben,  feinen  praftifdjen  Verftanb, 
feine  Triebe  unb  ©lücffeligfeit  unb  erläutert  ben  ©influfe  ber  3rabitiom 


60  Sftecenfion  öon  ^>etber§  Sbeen  jitr  ^’Otlofopt)^ 

ber  Meinungen,  ber  Übung  unb  ©ewo^ntjeit  burd)  SSeifpiele  nerfcfeiebe* 
ner  Nationen. 

£>as  neunte  befcfeäftigt  fid)  mit  ber  ülbfeangigfeit  beS  ÜDfenfcfeen  non 
anbern  in  ber  Gmtroicfelung  feiner  $äfeigfeiten,  mit  ber  ©pracfee  als  Mittel 
jur  23ilbung  ber  9J?enf<jfeen,  mit  ber  ©rfinbung  ber  fünfte  unb  2Biffen=  5 
fcfeaften  burd)  9ßad)afemung,  Vernunft  unb  ©pracfee,  mit  ben  Regierungen 
als  feftgefteßten  Drbnungen  unter  ben  3J?enfcfeen  meiftenS  aus  ererbten 
$£rabitionen:  unb  fcfeliefet  mit  Semerfungen  über  bie  Religion  unb  bie 
ältefte  £rabition. 

2)aS  geinte  enthält  gröfetentfeetlS  baS  Refnltat  ber  ©ebanfen,  bie  ^ 
ber  SSerf.  fcfeon  anbermärtS  norgetragen;  inbem  eS  anfeer  ben  23etrad)= 
tungen  über  ben  erften  Söofenfife  ber  2J?enfcfeeit  unb  bie  afiatifcfeen  £rabi* 
tionen  über  bie  ©cfeöpfung  ber  ©rbe  unb  beS  9J?enfcfeengefd)lecfetS  baS 
2Befentlid£)fte  ber  £ppotfeefe  über  bie  mofaifcfee  ©cfeöpfungSgefcfeicfete  aus 
ber ©cferift:  StltefteUrfunbebeS-äftenfcfeengefcfeledjtS  mieberfeolt.  15 

2)iefe  trodene  Sinnige  foß  aucfe  bei  biefem  Sfeeile  nur  ülnfünbigung 
beS  3;nfealtS,  nicfet  ©arfteßung  beS  ©eifteS  non  biefem  SBerfe  fein;  fte  foß 
einlaben,  eS  ju  lefen,  nicfet  bie  Seetüre  beffelben  erfefeen  ober  unnötfeig 
macfeen. 

2)a§  feefefte  unb  jiebente  23itd)  enthalten  faft  gröfetentfeeüS  nur  2luS*  20 
jüge  aus  SSölferbefcfereibungen;  freilid)  mit  gefefeidter  SüBafel  auSgefitd)t, 
meiftertjaft  bisponirt  unb  aßermartS  mit  eignen  finnreiefeen  33eurtt)eüun= 
gen  begleitet;  aber  eben  baritrn  befto  meniger  eines  ausführlichen  2luS= 
jugS  fähig-  ©S  gehört  aud)  feier  nicht  ju  unfrer  2lbfid)t,  fo  manefee  fcfeöne 
©teßen  noß  biefeterifefeer  23erebfamfeit  auSgufeeben  ober  ju  jergliebern,  25 
bie  febem  Sefer  non  ©mpfinbung  fed)  felbft  anpreifen  tnerben.  Slber  eben 
fo  toenig  moßen  mir  hier  unterfuefeen,  ob  nicht  ber  poetifefee  ©eift,  ber  ben 
SluSbrucf  belebt,  aud)  ^umeilen  in  bie  ^ßfeilofopfeie  beS  23erfafferS  einge* 
brungen;  ob  nicfet  feie  unb  ba  ©puonpmen  für  ©rHärungen  unb  Slßegorien 
für  SBaferfeeiten  gelten;  ob  nicht  ftatt  nacfebarlicfeer  Übergange  aus  bent  30 
©ebiete  ber  pfeilofopfeififeen  in  ben  33ejirf  ber  poetifeben  ©pracfee  jumeilen 
bie  ©rennen  unb  SSefifeungen  non  beiben  nößig  nerrüdt  feien;  unb  ob  an 
mamfeen  Drten  baS  ©emebe  non  füfenen  2Jtetapfeern,  poetifefeen  Silbern, 
tnptfeologifcfeen  Slnfpielungen  nicht  efeer  baju  biene,  ben  Körper  ber  ©e= 
banfen  rnie  unter  einer  Sßertugabeju  oerfteefen,  als  ifen  mie  unter  einem  35 
b.ircfefcfeeinenben  ©emanbe  angetiefetn  feeroorfefeimmern  julaffen.  Sffiir über= 
laffen  eS  Äritifern  ber  fdjönen  pfeilofopfeifefeen  ©efereibart,  ober  ber  lefeten 


ber  ©efdjichte  ber  Sttenfcfitjeit.  2,£)ei[  2. 


61 


£anb  beg  2?erfafferg  felbft,  g.  23.  ju  unterfud)en,  obg  nicf)t  ettoa  beffer 
gejagt  fei:  nicht  nur  Sag  unb  Stacht  unb  2!Becbfel  ber  ^ahreg* 
gelten  üeranbern  bag  ßlima,  als  S.  99:  „Sticht  nur  Sag  unb  3dac^t 
unb  ber  Steihentanj  abmecf)felnber ^afjreSgeiten  oeränbern  bag  ÄUtna"; 
s  ob  S.  100  an  eine  naturhiftorifche  23efd)reibung  biefer  ©eränberungen 
folgenbeg  in  einer  bitljhrambtfdjen  Dbe  ungegtueifelt  fd)öne  23ilb  ftd) 
pnffenb  anfd)liehe:  „Um  ben  Sljron  Jupiters  tanken  ihre  (ber  ©rbe) 
„£oren  einen  3^eit)entang,  unb  mag  ftd)  unter  ipren  Süffen  bitbet,  ift 
„jmar  nur  eine  unooltfommne  ©oltfommenheit,  »eil  alleg  auf  bie  23er= 
io  „einigung  üerfcpiebenartiger  £)inge  gebauet  ift,  aber  burdj  eine  innere 
„Siebe  unb  23ermählung  mit  einanber  mirb  allenthalben  bag  $inb  ber 
„Statur  geboren,  finnige  3ftegetmäpigfeit  unb  Schönheit" ;  ober  ob  nicht  für 
ben  Übergang  üon©emerfungen  ber  3teifebefd)reiber  über  bie  Drganifation 
oerfd)iebner  23ölfer  unb  über  bag  Älima  gu  einer  Sammlung  baraug  ab= 
iS  gezogner  ©emeinfähe  folgenbe  Benbung,  mit  ber  bag  achte  23uch  anhebt, 
gu  ep t f cp  fei:  „Bie  einem,  ber  oon  ben  Betten  beg  SSteereg  eine  Sdjiff» 
„fahrt  in  bie  fiuft  thun  foO,  fo  ift  mir,  ba  ich  iefct  nach  ben  ©Übungen 
„unb  Staturfräften  ber  SJtenfchheit  auf  ihren  ©eift  fomme  unb  bie  oer= 
„änberlicpen  (Sigenfcf)aften  beffelben  auf  unferm  meiten  ©rbenrunbe  aug 
20  „fremben,  mangelhaften  unb  gum  Sheit  unftchern  Stad)richten  gu  erforfchen 
„wage."  2lud)  unterfud)en  mir  nicht,  ob  nicht  ber  Strom  feiner  ©erebfam* 
feit  ihn  hie  ober  ba  in  Biberfprüd)e  oermicfele,  ob  g.  23.,  rnenn  S.  248  an= 
geführt  mirb,  bah  ©rfinber  oft  mehr  ben  Stufen  tpreg  gunbeg  ber  Stad)= 
melt  übertaffen  mußten,  alg  für  ftd)  fetbft  erfanben,  nicht  hier  ein  neueg 
25  23eifpiel  jur  23eftätigung  beg  Sa^eg  liege,  bah  bie  Staturanlagen  beg 
SS?enfd)en,  bie  ftd)  auf  ben  ©ebraud)  feiner  23ernunft  begteljn,  nur  in  ber 
©attung,  nicht  aber  im  Snbioibuum  üoUftdnbig  entroicfett  merben  foHten, 
meld)em  Sa^e  er  bod)  mit  einigen  baraug  fliehenden,  miemohl  nicht  gang 
richtig  gefahten,  S.  206  beinahe  eine  ©eleibigung  ber  Statur= 
30  majeftät  (meldjeg  andere  in  $rofa  ©ottegtäfterung  nennen)  fchulb  gu 
geben  geneigt  ift;  bieg  atteg  müffen  mir  hier,  ber  Schranfen,  bie  ung  ge= 
feht  find,  eingebenf,  unberührt  taffen. 

©ineg  hätte  Stecenfent  fomohl  unferm  23erf.  alg  jedem  andern 
phitofophifäjen  Unternehmer  einer  allgemeinen  Staturgefd)id)te  beg  SJten= 
35  fdjen  gemünfcht:  nämlich  bah  ein  hiftorifd)=fritifd)er  Äopf  ihnen  ingge= 
fammt  oorgearbeitet  hätte,  ber  aug  ber  unermehtichen  SJtenge  oon  23ölfer= 
befchreibungen  ober  Steifeergäf)lungen  unb  alten  ihren  muthmahtid)  gur 


62 


ßiecenfiott  oon  ^erberä  Sbeen  3m:  sp^ilofoptjte 


ntenfd)Iict)en  9tatur  gehörigen  3ßad)rid)ten  öornehntüd)  biejenigen  auSge= 
hoben  hätte,  barin  fte  einanber  miberfpred)en,  nnb  fte  (bod)  mit  beigefügten 
Erinnerungen  megen  ber  ©laubmürbigfeit  jebeS  Erzählers)  neben  ein= 
anber  gefteßt  hätte;  benn  fo  mürbe  niemanb  ficb)  fo  breift  auf  einfeitige 
ERad)ridE)ten  fufen,  ohne  öorher  bie  Berichte  anberer  genau  abgemogen  gu  5 
laben.  3e|t  aber  fann  man  au§  einer  fJRenge  t)on  ßänberbefdjreibungen, 
menn  man  miß,  bemeifen,  baff  Slnterifaner,  Tibetaner  uttb  anbere  ächte 
mongolifd)e  Golfer  feinen  23art  haben,  aber  aud),  mem  e§  beffer  gefaßt, 
ba|  fte  inSgefammt  non  Statur  bärtig  ftnb  unb  ftd)  btefen  nur  au§rupfen; 
ba|  ülmerifaner  unb  3teger  eine  in  ©eifteSanlagen  unter  bie  übrigen  10 
©lieber  ber  2Renfd)engattung  gefunfene  Sftace  ftnb,  anbererfeitS  aber  nad) 
eben  fo  fd)einbaren  Nachrichten,  bafc  fte  hierin,  ma§  ihre  Naturanlage  be» 
trifft,  febem  anbern  2ßeltbemo|ner  gleid)  $u  fd^en  ftnb,  mithin  bem 
^3f)ilofof)|en  bie  2öaf)l  bleibe,  ob  er  Naturöerfd)iebenl)eiten  anne|men,  ober 
aße§  nad)  bem  ©runbfatje  tout  comme  chez  nous  beurteilen  miß,  baburd)  is 
benn  aße  feine  über  eine  fo  manfenbe  ©runblage  errichtete  Spfteme  ben 
SXnfcfjein  baufäßiger  £ppotbefen  befommen  muffen,  ©er  Eintheilung  ber 
9Jtenfd)engattung  in  Nacenift  unfer  Ißerfaffer  nicht  günftig,  oorne|mlid) 
berjenigen  nid)t,  melcfje  ftd)  auf  anerbenbe  Farben  grünbet,  üermuthlid) 
metl  ber  begriff  einer  Nace  i|m  nod)  nicht  beutlid)  beftimmt  ift.  %n  beö  20 
ftebenten  23ud)e§  britter  Kummer  nennt  er  bie  ltrfad)e  ber  flimatifd)en 
33erfd)iebenf)eit  ber  Ntenfchen  eine  genetifdje  Äraft.  Nec.  mad)t  ftd)  oon 
ber  Sebeutung  biefeS  2lu§brucf§  im  (Sinne  be§  QSerf.  biefen  begriff.  Er 
miß  einerfeits  ba§  EoolutionSfpftem,  anbererfeitS  aber  aud)  ben  blo§  me= 
d)anifd)en  Einfluß  äußerer  Urfadjen  als  untauglid)e  ErläuterungSgrüube  25 
abroeifen  unb  nimmt  ein  innerlid)  nad)  33erfd)iebenf)eit  ber  äußeren  Um= 
ftänbe  fid)  felbft  biefen  angemeffen  mobificirenbeS  SebenSprincip  als  bie 
llrfac|e  berfelben  an,  morin  i|m  Necenfent  oößig  beitritt,  nur  mit  bem 
Vorbehalt,  bafj,  menn  bie  öon  innen  organiftrenbe  Urfad)e  burcf)  i|re 
Dtatur  etma  nur  auf  eine  gemiffe  3a|l  unb  ©rab  oon  $erfd)ieben|eiten  30 
ber  SluSbilbung  ihres  @efd)öpfs  eingefchränft  märe  (nad)  beren  2luSrid)= 
tung  fte  nid)t  meiter  frei  märe,  um  bei  üeränberten  Umftänben  nad)  einem 
anberen  3ß)puS  gu  bilben),  man  biefe  Naturbeftimmung  ber  bilbenben 
Statur  aud)  mo|l  Äeime  ober  urfprüngltdje  Anlagen  nennen  fönnte,  ohne 
barum  bie  erftern  als  uranfättglid)  eingelegte  unb  ftdE)  nur  gelegentlich  auS=  35 
einanber  faltenbe  9J?afdE)inen  unb  knospen  (mie  im  EüolutionSfpftem) 
anjufelen,  fonbern  mie  blofce,  meiter  nicht  erflärliche  Einfdjränfungen  eines 


bet  ©efd)tcf){e  ber  2ÖJeitfct)beit.  S^Ejeit  2. 


63 


fid)  felbft  bilbenben  Vermögens,  welches  ledere  wir  eben  fo  wenig  er* 
Hären  ober  begreiflich  machen  fönnen. 

2Rit  betn  achten  33ud)e  fängt  ein  neuer  ©ebanfengang  an,  ber  bis 
§um  Schluffe  biefeS  3:f)eil§  fortwährt  unb  ben  Urfprung  ber  SSilbung  beS 
5  $Renfhen  als  eines  üernönftigen  unb  fittlidjen  ©efhöpfS,  mithin  ben  Sin* 
fang  aller  ©ultur  enthält,  welcher  nach  bem  Sinn  beS  33erfafferS  nicht  in 
bem  eigenen  Vermögen  ber.9Jtenfd)engattung,  fonbern  gänzlich  auffer  ihm 
in  einer  Belehrung  unb  Unterweifung  oon  anbern  Naturen  zu  frühen  fei, 
oon  ba  anhebenb  alles  Sortfhreiten  in  ber  ©ultur  nichts  als  weitere  9Rit= 
to  theilung  unb  zufälliges  SBuhern  mit  einer  urfprünglidjen  ©rabition 
fei,  welcher  unb  nicht  ihm  felbft  ber  2Renfd)  ade  feine  Annäherung 
Zur  Söeisljeit  zuzufhreiben  habe.  ©a  üftecenfent,  wenn  er  einen  $uh 
außerhalb  ber  DRatur  unb  bem  ©rfenntniffweg  ber  Vernunft  fe|t,  fich  nicht 
weiter  zu  helfen  weih,  ba  er  in  gelehrter  Sprachforfdjung  unb  ^enntnih 
i5  ober  33eurtheilung  alter  Urfunben  gar  nicht  bewanbert  ift,  mithin  bie 
bafelbft  erzählten  unb  baburd)  zugleich  bewährten  $acta  philofophifd)  zu 
nufcen  gar  nicht  oerfteht:  fo  befcheibet  er  fid)  oon  felbft,  bah  er  hier  fein 
Urtheil  h«be.  ©nbeffen  läht  fich  non  ber  weitläuftigen  33elefenheit  unb 
oon  ber  befonbern  ©abe  beS  SßerfafferS,  jerftreute  ©ata  unter  einen  ©e= 
20  ftdjtspunft  zu  faffen,  wahrfheitilid)  zunt  oorauS  oermuthen,  bah  wir 
wenigftenS  über  ben  ©ang  menfhliher  ©inge,  fo  fern  er  bazu  bienen  fann, 
ben  ©harafter  ber  ©attung  unb  wo  möglich  felbft  gewiffe  claffifd)e  33er* 
fchiebenheiten  berfelben  näher  fennen  zu  lernen,  oiel  Schönes  werben  zu 
lefen  befommeu,  welches  auch  für  benfenigen,  ber  über  ben  erften  Anfang 
25  aller  menfd)lid)en  ©ultur  anberer  Meinung  wäre,  belehrenb  fein  fann. 
©er  SSerfaffer  brücft  bie  ©runblage  ber  feinigen  (S.  338 — 339  fammt  ber 
Anmerfung)  fürzlid)  fo  auS:  „©iefe(mofaifd)e)  lehrenbe  ©efihichte  erzählt: 
bah  bie  erften  gefchaffenen  2Renfd)en  mit  ben  unterweifenben  ©lohim  im 
Umgänge  gewefen,  bah  fie  unter  Anleitung  berfelben  burd)  Äenntnih  ber 
so  2f)iere  fich  Sprache  unb  herrfchenbe  33ernunft  erworben,  unb  ba  ber 
2J?enfd)  ihnen  auch  auf  eine  oerbotene  Art  in  ©rfenntnih  beS  33öfen  gleich 
werben  wollen,  er  biefe  mit  feinem  Schaben  erlangt  unb  oon  nun  an  einen 
anberen  £)rt  eingenommen,  eine  neue,  funftlidjere  SebenSart  angefangen 
habe.  SBollte  bie  ©ottheit  alfo,  bah  ber  2Renfd)  33ernunft  unb  33orfi<ht 
35  übte:  fo  muhte  fie  fich  feiner  auch  mit  33ernunft  unb33orfid)t  annehmen. — 
2ßie  nun  aber  bie  ©lohiui  fich  berfKenfhen  angenommen,  b.  i.  fie  gelehrt, 
gewarnt  unb  unterrichtet  haben?  Sßenn  es  nicht  eben  fo  fühn  ift  hierüber 


64 


SRecenfton  bort  £erberi§  Sbecn  gut  5p^tIofop^ie 


$u  fragen,  als  ju  antroorten:  fo  foE  uns  an  einem  aitberen  £>rt  bie  ü£ra* 
bitton  felbft  barüber  Slnffc^tu^  geben." 

Sn  einer  unbefahrenen  2ßüfte  mufs  einem  £Denfer  glei<±)  Neifenben  frei 
fielen,  feinen  2ßeg  nad)  ©utbiinfen  git  mahlen;  man  muh  abmarten,  mie 
eg  ihm  gelingt,  unb  ob  er,  ttad)bem  er  fein  Siel  erreicht  hat,  mohlbehalten 
mieber  ju  £aufe,  b.  i.  im  ©ipe  ber  Vernunft,  jur  regten  S^t  eintreffe 
unb  ftd)  alfo  auch  Nachfolger  oerfpred)en  fönne.  Hm  beSmiflen  hat  Necen= 
fent  über  ben  eigenen  öon  bem  Sßerfaffer  eingefdjlagenen  ©ebanfenmeg 
nichts  ju  fagen,  nur  glaubt  er  berechtigt  ju  fein,  einige  auf  biefem  Sßege 
non  ihm  angefochtene  ©äpe  in  ©d)up  3U  nehmen,  meil  ihm  fene  Freiheit, 
ftd)  feine  23af)n  felbft  oorjujeichnen,  auch  juftehen  muh-  ©S  heifet  nämlich 
©.  260:  „(Sin  jmar  leichter,  aber  böfer  ©runbfap  märe  eg  gur  Vhil^ 
fophie  ber  N?enf<hengefchid)te:  ber  Nienfd)  fei  ein  Sh^  baS  einen  -fperrn 
nöthig  habe  unb  oon  biefem  Herren  ober  ber  Verbinbung  berfelben  bag 
©lücf  feiner  ©nbbeftimmung  ermarte."  Seicht  mag  er  immer  fein,  barum 
meil  ihn  bie  Erfahrung  aEer  Seiten  unb  an  aEen  Völfern  beftätigt,  aber 
böfe?  @.  205  mirb  gefagt :  „©ütig  bachte  bie  Vorfeljung,  bap  fte  ben 
Äunftenbjmecfen  großer  ©efeEfcpaften  bie  Ieid)tere  ©lücffeligfeit  einzelner 
Nfenfchen  öor^og  unb  jene  foftbare  ©taatSmafchinen,  fo  oiel  fte  fonnte,  für 
bie  Seit  fparte."  ©anj  recht,  aber  aEererft  bie  ©lücffeligfeit  eineg  2;hierS, 
bann  bie  eines  ÄinbeS,  eineg  ^ünglingg,  enblich  bie  eines  NiantteS. 
Sn  aEen  ©pochen  ber  Ntenfd)heit,  fo  mie  and)  ju  berfelben  Seit  in 
aEen  ©tänben  finbet  eilte  ©lücffeligfeit  ftatt,  bie  gerabe  ben  Gegriffen 
unb  ber  ©emoljnheit  beS  ©efdjöpfS  an  bie  Hmftänbe,  barin  eS  geboren 
unb  ermachfen  ift,  angetneffen  ift;  ja  es  ift  fogar,  mag  biefen  ^fßunft  bc= 
trifft,  nicht  einmal  eine  Vergleichung  beS  ©rabeS  berfelben  unb  ein 
Vorzug  einer  Nienfdjenclaffe  ober  einer  ©eneration  oor  ber  anbern 
attjugeben  möglich-  2Bie,  menn  aber  nicht  biefeS  ©chattenbilb  ber  ©Iücf= 
feligfeit,  meldjeS  fid)  ein  jeber  felbft  macht,  fonbern  bie  babttrchinS  ©piel 
gefepte  immer  fortgehenbe  unb  mahfenbe  3f)ätigfeit  unb  ©ultur,  beren 
größtmöglicher  ©rab  nur  baS  ^3robuct  einer  nach  Gegriffen  beS  N?enfd)en= 
rechts  georbneten  ©taatsoerfaffung,  folglich  eittSBerf  ber  Nienfcpen  felbft 
fein  fann,  ber  eigentliche  Smecf  ber  Vorfeljung  märe?  fo  mürbe  nach 
@.  206  „jeber  einzelne  NJettfd)  baS  90?aß  feiner  ©lücffeligfeit  in  fi<h  haben", 
ohne  im  ©enuffe  berfelben  irgenb  einem  ber  nadjfolgenben  ©lieber  nadj= 
juftehen;  mag  aber  ben  2öerth  nicht  ihres  SuftanbeS,  menn  fte  epiftiren, 
fonbern  ihrer  ©piftenj  felber,  b.  t.  marum  fte  eigentlich  bafeien,  betrifft, 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


ber  ®efd)id)te  ber  Sftenfdüjeit.  Stjeil  2. 


65 


fo  Würbe  fi(^  nur  hier  allein  eine  weife  Abjidjt  im  (Sanken  offenbaren.  «Weint 
ber  £err  SSerfaffer  wohl:  bafs,  wenn  bie  glüdliCheit  ©inwohner  oon  £)ta= 
t)eitef  niemals  öon  gefittetern  Nationen  befudjt,  in. ihrer  ruhigen  ^nbolenj 
aud)  taufenbe  non  ^alfrhunberten  burdE)  ju  leben  beftimmt  waren,  man 
5  eine  befriebigenbe  Antwort  auf  bie  $rage  geben  fönnte,  warum  fte  benn 
gar  egriftiren  unb  ob  eS  nicht  eben  fo  gut  gemefen  wäre,  baff  biefe  Snfel 
mit  glücflicfyen  Sdjafen  unb  SRinbern,  als  mit  im  blojfen  ©enuffe  glücf= 
licken  9J?enfd)en  befept  gewefen  wäre?  Sener  ©runbfap  ift  alfo  nicht  fo 
b  ö  f  e,  als  ber  £err  SSerfaffer  meint.  —  ©S  mag  ilfn  wobjl  ein  b  o  f  e  r  9Jt  a  n n 
io  gefagt  haben.  —  (Sin  jweiter  in  Schutt  jxt  neljmenber  Sat}  wäre  biefer. 
@.  212  tjei^t  eS:  „SBenn  femanb  fagte:  baff  nid)t  ber  einzelne  «Wenfd), 
fonbern  baS  ©efd)led)t  erjogen  werbe,  fo  fprädtje  er  für  mich  unberftänb* 
lief),  ba  Oefc^lecfjt  unb  (Gattung  nur  allgemeine  begriffe  ftnb,  auffer 
in  fo  fern  fte  in  einzelnen  Söefen  epiftiren.  —  Als  wenn  id)  Don  ber 
i5  heit,  ber  (Steinzeit,  ber  «Wetallheit  im  Allgemeinen  fpräthe  unb  fte  mit  ben 
herrlichften,  aber  in  einzelnen  SütbiDibuen  einanber  wiberfpreChenben 
Attributen  auSjierte!  —  Auf  biefetn  2Bege  ber  Aoerroifdjen  Pfilofophie 
fotl  unfere  ^fjilofoplfie  ber  @efc^icf)te  nicht  wanbeln".  freilich,  wer  ba 
jagte:  .dein  einziges  $ferb  f)at  Corner,  aber  bie  ^ferbegattung  ift  bod) 
20  gehörnt,  ber  würbe  eine  platte  Ungereimtheit  fagen.  2)enn  Gattung  be= 
beutet  aisbann  nid)tS  weiter,  als  baS  füterfmal,  Worin  gerabe  alle  3;nbi= 
Dibuen  unter  einanber  übereinftimmen  müffen.  SBenn  aber  2Jtenfd)en= 
gattung  baS  ©an je  einer  inSUnenblid)e(ltnbeftimmbare)  gefjenben  Weihe 
Don  Beugungen  bebeutet  (wie  biefer  Sinn  benn  ganj  gewöhnlich  ift),  unb 
25  eS  wirb  angenommen,  baff  biefe  3Rei£)e  ber  Stnie  ihrer  SBeftimmung,  bie 
ihr  jur  Seite  läuft,  ftd)  unaufhörlich  nähere,  fo  ift  eS  fein  SBiberfprud)  ju 
fagen:  baff  fte  in  allen  ihren  ^heilen  biefer  afpmptotifd)  fei  unb  hoch  im 
©anjen  mit  ihr  jufammen  fomtne,  mit  anberen  SBorten,  baff  fein  ©lieb 
aller  Beugungen  beS  fUtenfchengefchleChtS,  fonbern  nur  bie  ©attung  ihre 
30  SSeftimmung  Döllig  erreiche.  2Der  fJJJathematifer  fann  hierüber  ©rläute* 
rung  geben;  ber  Pfitofoph  würbe  fagen:  bie  23eftimmung  beS  menfd)liChen 
©efthlecptS  im  ©anjen  ift  unaufhörliches  $ortfd)reiten,  unb  bie 
SMenbung  berfelben  ift  eine  blofee,  aber  in  alter  Abficpt  fehr  nüpliche 
3bee  Don  bem  Biele,  worauf  wir  ber  Abfid)t  ber  SSorfehung  gemäjf  unfere 
35  33eftrebungen  ju  rid)ten  haben.  £>od)  biefe  Srrung  in  ber  angeführten 
polemifdjen  Stelle  ift  nur  eine  ^leinigfeit.  2öid)tiger  ift  ber  Sd)luff  ber* 
felben:  „Auf  btefem  2Bege  ber  Aoerroifdjen  «ß^üofop)t)te  (hexfft  eS)  fod 

Äant’l  tften.  Sßerfe.  VIII.  5 


66 


3Jecenffott  btm  ^erbenS  Sbeert  aur  5ß^iIofo|>t)te  tc. 

unfere  $l)ilofopl)ie  ber  ®efd)idjte  nid)t  manbeln."  2)arau§  läfet  ftd) 
fdilie^en,  bafe  unfer  SSerfaffer,  bem  fo  oft  alles,  ma§  man  bisher  für  qgE)Uo= 
folgte  auggegeben,  mißfällig  gemefen,  nun  einmal  ni$t  in  einer  unfrudf)!* 
baren  Borterflärung,  fonbern  burd)  Sljat  unb  Seifpiel  in  biefem  au§= 
füljrlidben  SBerfe  ein  dufter  ber  ächten  2lrt  ju  p^ilofop^iren  ber  2Belt 
barlegen  merbe. 


Uber  bie 


^ufßmte  im  211  o u 5 e. 


5* 


3m  ©enileman’S  SRagajine,  1784,  befinbet  ftä)  gleich  p  Anfang  ein 
©etibfchreiben  beS  ruffifchen  ©taatSratlfS  £rn. Sterin uS  an  £rn.PallaS 
über  eine  [Rachricht,  bie  £r.  3R  a  g  e  1 1  a  n  Der  Äaiferl.  Slfabemie  ber  SBiffen» 
fcbaften  in  Petersburg  mitgetheilt  bat,  betreffenb  einen  oom  £rn. 
5  ^erfcbel  am  4.  2Rai  1783  entbecften  Bulfan  im  2Ronbe.  3)iefe  [Reuig* 
feit  intereffirte  §rn.  SlepinuS,  ane  er  jagt,  um  befto  mehr,  rneil  fte  feiner 
Meinung  nad)  bie  SRidjtigfeit  feiner  [JRuthmafjung  über  bett 
oulfanifdjen  Urfprung  ber  Unebenheiten  ber  [IRonbSfläche 
bemeife,  bie  er  im  3ahr  1778  gefaxt  unb  1781  in  Berlin  burd)  ben 
jo  3)rucf  befannt  gemalt  bat*);  unb  morin  ftdj,  mie  er  mit  Vergnügen  ge= 
ftebt,  brei  [Raturforfcher  einanber  ohne  [IRittheüung  begegnet  haben:  er 
felbft,  £r.  SlepinuS  in  Petersburg,  $r.  Prof.  Beccaria  p  £urin  unb 
«£>r.  Prof.  Sichtenberg  in  ©öttingen.  ^nbeffen  ba  burd)  ben  [Ritter 
Hamilton  bie  Slufmerffamfeit  auf  t»ulfanifd£)e  ^ratere  in  allen  Säubern 
i5  fo  allgemein  gerichtet  morben:  fo  fei  jene  2Ruthmafpng  mit  einer  über* 
ftanbig  reifen  $rud)t  p  Dergleichen,  bie  in  bie  £änbe  beS  erften  beften 
fallen  müffen,  ber  pfäUig  ben  Baum  anrührte.  Um  enbUcb  burd)  9ln= 
fprütf)e  auf  bie  ($hre  ber  erften  Bermuthung  unter  Bettgenoffen  feinen 
3®ift  p  erregen,  führt  er  ben  berühmten  [Robert  -fpoofe  als  ben  erften 
20  Urheber  berfelben  an,  in  beffen  2Rifrograpf)ie  (gebrucft  1655)  im  20ften 
Kapitel  er  grabe  bie  nämlichen  3&een  angetroffen  habe.  Sic  redit  ad 
Dominum  — 

£errn  ^erfchelS  ©ntbeefung  hat,  als  Betätigung  ber  peibeutigen 
Beobachtungen  beS  [Reffen  beS  £rn.  Beccaria  unb  beS  3)on  Uüoa,  aller* 
25  bingS  einen  großen  SBerth  unb  führt  auf  2(hnlid)feiten  beS  9RonbeS  (mapr* 
fd>einli(h  auch  anberer  SSeltförper)  mit  unferer  @rbe,  bie  fonft  nur  für 
gewagte  Btuthmafpngen  hätten  gelten  fönnen.  SIKein  bie  [JRuthmapung 
beS  £rn.  SlepinuS  betätigt  fie  (mie  ich  bafür  halte)  nid)t.  @S  bleibt 
uneraeptet  aller  thnlichfeit  ber  ringförmigen  3RonbSflecfen  mit  ^rateren 


so  *)  ©on  ber  Ungleichheit  be§  ©tonbsä;  im  2ten  ©anbe  ber  3tbl).  ber  ©efelt« 
fepaft  naturforfepenber  greunbe. 


70 


Uber  bie  Sulfane  im  3)tonbe. 


üott  Shtlfanen  bennoch  fo  ein  er^eblidjer  Unterfdjieb  gmifcfeen  betben,  unb 
dagegen  geigt  ftcb  eine  jo  treffenbe  tähnlictjfeit  berjelben  mit  anberen  freiS= 
förmigen  Bügen  unüulfanifcher  ©ebirge  ober  ßanbeSrücfen  auf 
unferer  ©rbe,  bafe  eher  eine  anbere,  obgmar  nur  gemiffermafeen  mit  jener 
analogifdje,  2Ruthtnafeung  über  bie  33ilbung  ber  SBeltförper  baburd)  be=  5 
(tätigt  fein  möchte. 

©ie  ben  Krateren  ähnlichen  ringförmigen  (Erhöhungen  im  fjflonbe 
machen  allerbingS  einen  Urfprung  burd)  ©rufetionen  mahrfcfeeinlid). 
SKir  finben  aber  auf  unferer  ©rbe  gmeiertei  treisförmige  ©rfyötjungen: 
bereu  bie  einen  burctjgängig  nur  üon  fo  fleinem  Umfange  finb,  bafe  fie,  10 
00m  Wonbe  aus  beobachtet,  burch  gar  fein  ©eleffofe  tonnten  untergeben 
merben,  unb  üon  biefen  geigen  bie  Materien,  morauS  fie  befielen,  ihren 
Urfferung  aus  üulfanifchen  ©ruptionen.  Slnbere  bagegen  befaffen  gange 
Sänber  ober  fßroüingen  üon  Dielen  hunbert  ©uabratmeüen  Inhalt  inner* 
halb  eines  mit  höhern  ober  minber  hohen  ©ebirgen  beferen  unb  ftch  freiS*  « 
förmig  herumgiehenben  ßanbrücfenS.  ©iefe  mürben  allein  üom  2J?onbe 
aus  unb  gmar  üon  berjelben  ©röfee,  als  mir  jene  freisinnigen  $lecfen  im 
TOonbe  erblicfen,  gefehen  merben  fönnen,  mofern  nur  2lhnlid)feit  ihrer  23e= 
fteibung  (burch  2®alb  ober  anbere  ©emäcbfe)  bie  Unterfdl)eibung  berfelben 
in  fo  großer  fterne  nid)t  etma  üerhinberte.  ©iefe  laffen  alfo  auch  ©rup  =  20 
t  i  0  n  e  n  üermutfeen,  burch  bie  fie  entftanben  fein  mögen,  bie  aber  nach  bem 
Seugnifc  ber  Materien,  morauS  fie  beftehen,  teineSmegeSüulfanifche 
haben  fein  fönnen.  —  ©er  Krater  beS  ^efuos  hat  in  feinem  oberftenUtn* 
freife  (nach  bella  STorre)  5624  fßarifer  $ufe  unb  alfo  etma  500  rljein* 
länbifdje  Ruthen  unb  im  ©urcfemeffer  beinahe  160  berfelben;  ein  folcher  25 
aber  fönnte  gemife  burch  fein  ©eleffop  im  fDlonbe  erfannt  merben*).  ©a* 
gegen  hat  ber  frateräfenliche  ftlecfen  Si)d)o  im  fUJonbe  nah  an  breifeig 
beutfcfee  teilen  im  ©urdijmeffer  unb  fönnte  mit  bem  Königreich  Böhmen, 


*)  216er  feine  feurige  (Sruption  felbft  fönnte  in  ber  5D?onbönad)t  gleidjmohl  ge= 
fef)en  merben.  Sn  bem  oben  angeführten  23riefe  mirb  an  ber  Beobachtung  beS  «Reffen  so 
beö  förn.  Beccaria  unb  beS  $ott  Ultoa  bie  2tnmerfung  gemacht,  baff  beibe  Bulfane 
non  entfebtidjem  Umfange  gemefen  fein  müßten,  roeil^r.  £erfd)el  ben  feinigen  burch 
etn  ofjne  Bergteich  größeres  Seleffop  nur  fo  eben  unb  gmar  unter  alten  «titjufchauern 
nur  allein  hat  bemerfen  fönnen.  2lHein  bei  felbftteudjtenben  Materien  fommt  eS 
md)t  fo  fehr  auf  ben  Umfang  als  bie  3Reinigfeit  beS  Seuerg  an,  um  beutlid)  gefehen  35 
au  merben;  unb  öon  ben  Bulfanen  ift  eS  befannt,  bafe  ihre  Stammen  beeilen  helteö 
btSmeilen  im  9taud)e  gebämpfteö  Sidjt  um  fid>  oerbreiteu.  — 


Über  öte  SSutfcme  im  3Konbe. 


71 


ber  ihm  nahe  Rieden  ^Iabiu§  aber  an  ©rohe  mit  bent  3ttarfgraftf)um 
ÜMljren  Derglid)en  merben.  5Jhin  finb  bie[e  Sänber  auf  ber  ©rbe  eben  aud) 
frateräfc)nlxd^  non  ©ebirgen  eingefaßt,  non  melden  eben  fo,  al§  non  bem 
fid)  Bergfetten  gleidtjfam  im  ©ferne  oerbreiten.  SBenn  aber  unfere 
5  burd)  Sanbrüden  eingefc^loffene  fraterförmige  BaffinS  (bie  inSgefammt 
©ammlungSplähe  ber  ©emäffer  für  bie  ©frönte  abgeben  unb  momit  ba§ 
fefte  2anb  überall  bebedt  ift)  bem  Btonbe  ben  af)nlid)en  Slnblid  bod)  nicht 
üerfdjaffen  foüten  —  mie  e§  in  ber  £l)at  aud)  nur  non  einigen  gu  nermut^en 
ift  — :  fo  mürbe  biefe§  nur  bem  zufälligen  Itmftanbe  gugufchreiben  fein: 
10  bah  bie  ÜJtonbSatmofphare  (beren  2Birftid)feit  burd)  bie  $erfd)elfd)e 
©ntbedung,  meit  geuer  bafelbft  brennt,  bemiefen  ift)  bei  meitem  nid)t  fo 
t)od)  reichen  fann,  al§  bie  unfrige  (mie  bie  umnerttidje  (Strahlenbrechung 
am  dtanbe  biefeS  Trabanten  e§  bemeifet),  mithin  bie  Bergrüden  be§ 
3Ronbe§  über  bie  ©ränge  ber  Vegetation  hinaugreid)en;  bei  un§  hingegen 
i5  bie  Bergrüden  ihrem  größten  Steile  nad)  mit  ©emädjfen  bebedt  finb  unb 
bal)er  gegen  bie  §läd)e  be§  eingefd)loffenen  Bafftn§  freilid)  nid)t  fonber* 
Ucd)  abftechen  fönnen. 

2Bir  haben  alfo  auf  ber  ©rbe  gmeierlei  trateräljnlid)e  Bilbitngen  ber 
Sanbesfläd)e:  eine,  bie  oulfanifd)en  Urfprung§  finb,  unb  bie  160  dtuthen 
20  im  ©urdjmeffer,  mithin  etma  20000  £}uabratrutf)enin  ber^lädje  befaffen; 
anbere,  bie  feine3mege§  oulfanifd)en  Urfprung§  finb  unb  gegen  1000 
Quabratmeilen,  mithin  mol)l  200000mal  mehr  in  ihrem  §läd)eninl)alte 
haben.  B?it  melcher  motlen  mir  nun  jene  ringförmigen  ©rl)öl)uugen  auf 
bem  2Ronbe  (beren  feine  beobachtete  meniger  al§  eine  beutfehe  Vteile, 
25  einige  mohl  breiig  im  3)urd)meffer  haben)  Dergleichen?  —  3<h  benfe: 
nad)  ber  Analogie  gu  urteilen,  nur  mit  ben  lefdern,  meld)e  nid)t  oulfanifd) 
finb.  ©)enn  bie  ©eftalt  mad)t  e§  nid)t  allein  au§;  ber  ungeheure  Untere 
fd)ieb  ber  ©rohe  muh  aud)  in  2tnfd)lag  gebracht  merben.  2ll3bann  aber 
hat  .fprn.  £  e  r  f  d)  e  l  §  Beobachtung  gmar  bie  3'bee  oon  Vulfanen  im  2Ronbe 
30  beftätigt,  aber  nur  oon  folchen,  beren  Ärater  meber  non  ihm  noch  ooti 
jemanb  anberä  gefehen  morben  ift,  noch  gefehen  merben  fann;  hingegen 
hat  fie  nicht  bie  ÜReinung  beftätigt,  bah  bie  fid)tbaren  ringförmigen  ©on= 
figurationen  auf  ber  9J?onb§fIäd)e  Dulfanifd)e  ÄraterS  mären.  3)enn  ba§ 
finb  fie  (menn  man  hier  nach  ber  Analogie  mit  ähnlichen  großen  BaffinS 
B5  auf  ber  ©rbe  urtheilen  foll)  aller  2öahrfd)einlid)feit  nach  nicht-  B?an 
mühte  alfo  nur  fagen:  ba  ber  9Jtonb  in  3lnfef)ung  ber  fraterähnlid)en 
Bafftn§  mit  benen,  bie  auf  ber  ©rbe  bie  ©ammlung§beden  ber  ©emäffer 


72 


Über  bie  ©ulfane  im  «Dfonbe. 


für  Ströme  auSmatpen,  aber  nicpt  öulfanifct)  ftnb,  fo  Diel  ätpnlicpfeit  pat: 
fo  fönne  man  öermutpen,  baß  er  aucp  in  Slnfepung  ber  auf  ber  Erbe 
befinblicpett  tmlfanifcpen  Kraters  ät)nlict)  gebilbet  fei.  f^ar  fönnett  mir 
biefe  leßtern  im  5D7onbe  nicpt  feiert;  aber  eS  ftnb  boct)  in  ber  9J?onbSnacpt 
felbft  leucptenbe  fünfte,  als  SSemeife  eines  feuere  auf  beutfelben,  mapr=  5 
genommen  morben,  bie  ßcp  am  beften  aus  biefer  nacß  ber  Analogie  ju  oer= 
mutpenben  Urfadje  erflären  taffen*). 

Sbiefe  fleine  ßmeibeutigfeit  in  ber  Folgerung  obgebacpter  berühmter 
Männer  nun  bei  Seite  gefegt,  —  melcper  Urfacpe  tann  man  benn  bie  auf 
ber  ©rbflädje  fo  bnrd^gängig  anjutreffenben  nicptoulfanifcpen  ÄraterS,  10 
nämlid)  bie  23afftnS  ju  Strömen,  gufcpreiben?  Eruptionen  muffen  pier 
natürtid^er  SBeife  ginn  Erunbe  gelegt  merben;  aber  oulfanifd)  fonnten  fte 
nidbt  fein,  meit  bie  ©ebirge,  melcpe  ben  9tanb  berfelben  auSmacpen,  feine 
2J?aterien  folcper  2lrt  enthalten,  fonbern  aus  einer  mäffericpten  -Btifcpung 
entftanben  git  fein  fd)einen.  3fcp  benfe:  baß,  menn  man  fiep  bie  Erbe  ur=  15 
fprünglicp  als  ein  im  13  aff  er  aufgelöfeteS  EpaoS  üorfießt,  bie  erften 
Eruptionen,  bie  aßermürtS,  felbft  aus  ber  größten  ü£iefe  entfpringen  mußten, 
atmofpßarifcß  (im  eigenttidjen  Sinn  be§  2BortS)  gemefen  fein  merben. 
SDenn  man  fann  fepr  mopl  annepmen:  baß  unfer  ßitftmeer  (Slerofppdre), 
baS  fiep  feßt  über  ber  Erbfldcpe  befinbet,  oorper  mit  ben  übrigen  Materien  20 
ber  Erbmaffe  in  einem  EpaoS  oermifept  gemefen;  baß  e§  gufammt  Dielen 
anbern  elaftifcpen  fünften  aus  ber  erpißten  Äuget  gleicpfam  in  großen 
Olafen  auSgebrocpen;  in  biefer  Ebußition  (baoon  fein  £peil  ber  Erbfldcpe 
frei  mar)  bie  Materien,  melcpe  bie  urfprnngli(pen  Eebirge  auSmacpen, 
fraterförmig  auSgemorfen  unb  baburep  bie  ©runblage  gu  aßen  33afftnS  25 
ber  Ströme,  momit  als  ben  3Jtafcpen  eines  SReßeS  baS  gange  fefte  £anb 
burepmirft  ift,  gelegt  pabe.  3sene  Dfdnber,  ba  ße  aus  2T?aterie,  bie  im 
Söaffer  ermei(pt  mar,  beftanben,  mußten  ipr  Sluflöfungsmaffer  aßmäplig 
fapren  laffen,  melöpeS  beim  Abläufen  bie  Einfcpnitte  auSfpülte,  moburep 
ft  cp  jene  Stanber,  bie  feßt  gebirgig  unb  fdgeförmig  ftnb,  üon  ben  üulfanifcpen,  so 
bie  einen  fortgepenben  Dffücfen  Dorfteßen,  unterfepeiben.  2)iefe  nranfang= 
liepen  Eebirge  beftepen  nun,  naepbem  anbere  Materien,  bie  ftep  niept  fo 

)  Seccaria  hielt  bie  amS  ben  ringförmigen  SDfonböerbößungen  ftrafjIentDeife 
amSIanfenben  SRiicfen  für  Sabaftrötne;  ober  ber  ganj  ungeheure  Unterfcpieb  berfelben 
oon  benen,  bie  au3  ben  Sultanen  unfererßrbe  flie&en,  in  Slnfeßung  ißrer  ®röße  miber*  35 
legt  biefe  Meinung  nnb  tnatßt  e$  tboljrfcbeinlicß:  ba&  fie  «Bergfetten  ftnb,  bie  fo  wie 
bte  auf  unfeter  (Srbe  au3  einem  ^auptftamm  ber  ©ebirge  ftraplenmeife  auSlaufen. 


Über  bie  Sultane  im  Sionbe. 


73 


gefdhminbe  IrfeftaHifirten  ober  »erhärteten,  3.  33.  pornftein  unb  nrfprüng* 
lieber  tfalf,  baoon  gefefeieben  morben,  aug  ©ranit;  auf  melchen,  ba  bie 
EbuUilxon  an  bemfelben  £>rte  immer  fchmädjer,  mithin  niebrtger  marb, 
ftä)  bie  letztem  alg  auggemafdhene  SJiaterien  in  ftufenartiger  Drbnung 
5  nach  ihrer  minbern  Sdhmere  ober  Sluflöfitnggfähigfeit  im  SBaffer  nieber= 
liefen.  Sllfo  mar  bie  erfte  bilbenbe  itrfadje  ber  Unebenheiten  ber  Dber= 
fläche  eine  atmofphörifd^e (SbuUition,  bie  ich  ober  lieber  dhaotifd)  nennen 
möchte,  um  ben  erften  Anfang  berfelben  ju  bezeichnen. 

Stuf  biefe,  muh  »ran  ji<h  »orfteßen,  hat  eine  pelagif d£) e  SÜtuoion 
10  nach  unb  nach  Materien,  bie  gröfetentheilg  fchon  Bteergefchöfefe  enthielten, 
gefeuchtet.  ®enn  jene  chaotifcpe  Kraters,  mo  beren  eine  Bienge  gleichfam 
gruhpirt  mar,  bitbeten  meit  auggebreitete  Erhöhungen  über  anbere  ©e= 
genben,  mofelbft  bie  Ebußition  nicht  fo  heftig  gemefen  mar.  Slug  fenen 
marb  Sanb  mit  feinen  ©ebirgen,  aug  biefen  Seegrunb.  Snbem  nun  baS 
15  überflüffige  Ärtjftaßifationgmaffer  aug  jenen  Bafftng  ihre  ßiänber  burch* 
mufch,  unb  ein  Baffln  fein  SBaffer  in  bag  anbere,  alte  aber  zu  bem  niebrigen 
$heil  ber  fld)  eben  formenben  Erbfläche  (nämlich  bem  Bteere)  ablaufen 
liefe:  fo  bilbete  eg  bie  $äffe  für  bie  fünftigen  Ströme,  meldhe  man  noch 
mit  Bermunberung  zmifchen  [teilen  gelgmänben,  beiten  fte  jefet  niefetg  an* 
20  haben  fönnen,  burefegehen  unb  bag  SJieer  fud)en  fleht.  Qiefeg  märe  alfo 
bie  ©eftalt  beg  Sfeletg  oon  ber  Erboberfläche,  fofern  fte  aug  ©ranit  befiehl, 
ber  unter  allen  ^löfef  Richten  fortgeht,  meldhe  bie  folgenben  pelagifchen 
StUuoionen  auf  fenen  aufgefefet  haben.  Slber  eben  barum  mufete  bie  ©eftalt 
ber  2änber  felbft  ba,  mo  bie  neuern  Schichten  ben  in  ber  £iefe  befinblichen 
25  alten  ©ranit  ganz  bebeefen,  bodh  auch  fraterförmig  merben,  meil  ihr 
©runblager  fo  gebilbet  mar.  35aher  fann  man  auf  einer  starte  (morauf 
leine  ©ebirge  gezeichnet  ftnb)  bie  Sanbrücfen  ziehen,  menn  man  öurdt) 
bie  Quellen  ber  Ströme,  bie  einem  grofeen  bluffe  zufaßen,  eine  fortgeljenbe 
Sinie  zeichnet,  bie  feberzeit  einen  Äreig  alg  Baffin  beg  Stromeg  ein* 
30  fchliefeen  mirb. 

2)a  bag  Beeten  beg  Bieereg  oermuthlich  immer  mehr  »erlieft  mürbe 
unb  äße  aug  obigen  Baffing  ablaufenbe  Blaffer  nadh  fleh  S°9:  mürben 
nun  baburdh  bie  $lufebetten  unb  ber  ganze  jetzige  Bau  beg  Sanbeg  erzeugt, 
ber  bie  Bereinigung  ber  Blaffer  aug  fo  oielen  Baffing  in  einen  Äanal 
35  möglich  macht,  Qenn  eg  ift  nichts  natürlicher,  alg  bafe  bag  Bette,  morin 
ein  Strom  jetzt  bag  SBaffer  oon  grofeen  ßänbern  abführt,  eöen  oon  bem* 
jenigen  Blaffer  unb  bem  Bücfzuge  beffelben  auggefpült  morben,  zu  toelchem 


74 


Über  bie  Sultane  im  «Dtonbe. 


e§  feßt  abfliefet,  nämlich  oom  fDteere  unb  beffen  uralten  Sllluoionen.  Unter 
einem  allgemeinen  Ocean,  mie  23uffon  miü,  unb  burd)  Seeftröme  im 
©runbe  beffelben  läßt  fid)  eine  2Begmafd)itng  nad)  einer  folgen  ÜRegel  gar 
nid)t  benfen :  in  eit  unter  bem  üffiaffer  fein  ülbftuß  nad)  ber  2lbfd)üffigfeit 
be§  23oben§,  bie  bod)  t)ier  ba§  2öefentlid)fte  au3mad)t,  möglid)  ift*).  5 

Oie  oulfanifchen  Eruptionen  fcßeinen  bie  fpäteften  gemefen  gu 
fein,  nämlid)  nad)bem  bie  Erbe  fcßon  auf  ibjrer  Oberfläche  feft  gemorben 
mar.  Sie  tjaben  and)  nid)t  ba§  2  a  nb  mit  feinem  hhbraulifd)  regelmäßigen 
SSaumerf  gum  Ablauf  ber  Ströme,  fonbern  etma  nur  einzelne  33erge  ge= 
bilbet,  bie  in  SSergleidjuitg  mit  bem  ©ebäube  be§  gangen  feften  SanbeS  unb  10 
feiner  ©ebirge  nur  eine  Äleinigfeü  finb. 

Oer  Dtußen  nun,  ben  ber  ©ebanfe  obgebad)ter  berühmter  Männer 
haben  fann,  unb  ben  bie  Jperf  d)elfd)e  Entbecfung,  obgmar  nurinbirect, 
beftätigt,  ift  in  Slnfeßung  ber  ÄoSmogonie  oon  Erf)eblid)feit:  baß  nämlich 
bie  SBeltförper  giemlid)  auf  ähnliche  Slrt  ihre  erfte  Silbung  empfangen  15 
haben.  Sie  maren  inSgefammt  anfänglich  in  flüffigem  guftanbe;  ba§  be= 
meifet  ihre  fugetrunbe  unb,  mo  fie  ficf)  beobachten  läßt,  auch  nach  Maßgabe 
ber  Stchfenbreßung  unb  ber  Sdjmere  auf  ihrer  Oberfläche  abgeplattete 
©eftalt.  Ohne  SBärrne  aber  giebtö  feine  $lüfftgfeit.  SBoßerfam  nun 
biefe  urfprünglicße  Söärme?  Sie  mit  iBuffon  üon  ber  Sonnen*  20 
glut,  mooon  aUe  planetifdhe  Äugeln  nur  abgeftoßene  23rocfen  mären,  abgu* 
leiten,  ift  nur  ein  Seßelf  auf  furge  Seit;  benn  moherfambieSBärme 
ber  Sonne?  2Benn  man  annimmt  (melcheS  auch  au§  anbern  ©ränben 
feßr  mahrfd)einlid)  ift),  baß  ber  Urftoff  aller  Söeltförper  in  bem  gangen 
meiten  Sftaume,  morin  fte  fid)  feßt  bemegen,  Anfangs  bunftförmig  oerbreitet  25 
gemefen,  unb  fid)  barauS  nach  ©efeßen  guerft  ber  d)emifd)en,  hernach  unb 
üornehmlid)  ber  foSmologifcßen  Slttraction  gebübet  haben:  fo  geben  Eram* 
f  0 r  b §  Entbecfungen  einen  SBinf,  mit  ber  SSilbung  ber  Söeltförper  gugleich 
bie  Ergeugung  fo  großer  ©rabe  ber  £iße,  als  man  felbft  miü,  begreiflich 
gu  mad)en.  Oenn  menn  ba§  Element  ber  SBärrne  für  ftd)  im  SBeltraum  30 
aüermärtS  gleichförmig  auSgebreitet  ift,  fid)  aber  nur  an  berfchiebene 

*)  ©er  Sauf  ber  Ströme  fdjeint  mir  ber  eigentliche  Schlüffe!  ber  (Srbtheorie  au 
fein,  ©enn  bagu  roirb  erforbert:  baß  bad  8anb  erftli c£>  burd)  ganbrüden  gleichfam 
in  Seicße  abgettjeilt  fei;  aroeitenö,  baß  ber  23oben,  auf  welchem  biefe  Seiche  ihr 
«Kaffer  einanber  mittheilen,  um  eö  enblid)  in  einem  Äanat  ahguführen,  non  bem  35 
«Baffer  felbft  gebauet  unb  geformt  morben,  tt>eid)eg  fich  nad)  unb  nad)  t>on  ben  höheren 
23affin§  big  jum  niebrigften  auritcfjog,  nämlich  bom  «öteere. 


Über  bte  S3u[fone  int  Sttonbe. 


75 


Weiterten  itt  bem  Wabe  hängt,  als  fte  eS  tierfd)iebentlich  anphen;  wenn, 
tote  er  bemeifet,  bunftförmig  auSgebreitete  Waterien  weit  mehr  ©letnentar= 
toartne  in  ft  et)  faffen  unb  aud)  p  einer  bunftformigen  Verbreitung  bebürfen, 
alsS  jte  galten  fßnnen,  jobalb  jie  in  ben  guftanb  bitter  Waffen  übergeben, 
5  b.  i.  jtdj  p  SBeltfugeln  tiereinigen:  jo  muffen  biefe  Äugeln  ein  Übermaß 
Don  SBarmmaterie  über  baS  natürliche  ©leichgemicht  mit  beräBarmmaterie 
im  tRaurne,  toorin  fte  jtdj  beftnben,  enthalten;  b.  i.  ihre  relatiue  SBärnte  in 
Slnfehung  beS  ÜSBeltraumS  mirb  angemachfen  fein.  (@o  tierliert  tittriol= 
jaure  Suft,  toenn  jte  baS  ©iS  berührt,  auf  einmal  ihren  bunftartigen  ßu= 
io  ftanb,  unb  baburd)  tiermehrt  jid)  bie  SBarme  in  jolchem  Wabe,  bah  baS  ©iS 
im  Slugenblicf  fchmiljt.)  2Bie  grob  ber  2lntoad)§  fein  möge,  barüber  haben 
mir  feine  Eröffnung;  hoch  fdjeint  baSWab  ber  urfprünglicbenSSerbünnung 
ber  ©rab  ber  nachmaligen  23erbid)tung  unb  bie  Äürje  ber  ßeit  berfelben 
hier  in  ^Cnfdjlag  p  fommen.  2)a  bie  letztere  nun  auf  ben  ©rab  ber  2ln= 
i5  jiehung,  bie  ben  gerftreuten  Stoff  tiereinigte,  biefe  aber  auf  bie  Quantität 
ber  Waterie  beS  ftd)  bilbenben  2Beltför^>er§  anfommt:  fo  mubte  bie  ©röbe 
ber  ©rhijpng  ber  le^teren  auch  tproportionirlich  feilt.  Stuf  bie  ffieife 
würben  mir  einfehen,  toarum  ber  ©entralförper  (als  bie  gröbte  Waffe  in 
iebern  Weltfpftem)  auch  bie  gröbte  ^i^e  haben  unb  atlertoärtS  eine  ©onne 
20  fein  föntte;  imgleichen  mit  einiger  2Bahrfd)einlid)feit  tiermuthen,  bab  bie 
hohem  Planeten,  toeil  jte  tljeilS  meiftenS  gröber  finb,  theilS  auS  tier= 
bünnterem  ©toffe  gebilbet  toorben  als  bie  niebrigern,  mehr  innere  Sßarme 
als  biefe  haben  fönnen,  meld)e  be  aud)  (ba  fte  oon  ber  ©oune  beinahe  nur 
8id)t  genug  jutn  Sehen  befotntnen)  p  bebürfen  febetnen.  2lud)  toürbe 
25  uns  bie  gebirgid)te  23ilbung  ber  Oberflächen  ber  SBeltförper,  auf  toelche 
unfere  Beobachtung  reicht,  ber  ©rbe,  beS  WonbeS  unb  ber  BenuS,  auS 
atmofphärifchen  ©ruptionen  ihrer  urfprünglid)  erbitten  d)aotifd)=fIüfftgen 
Waffe  als  ein  ziemlich  allgemeines  ©efetj  erfcheinen.  ©üblich  mürben  bie 
tiulfanifd)en  ©ruptionen  auS  ber  ©rbe,  bem  Wonbe  unb  fogar  ber  ©ottne 
30  (beren  ÄraterS  SBUfon  in  ben  S'lecfen  berfelben  fah,  inbem  er  ihre 
©rfcheinungen,  toie  .föupgenS  bie  beS  ©aturnringeS  ftttnreid)  unter* 
einattber  tierglid))  ein  allgemeines  Brincip  ber  Ableitung  unb  ©rflärung 
befommen. 

28otlte  man  hier  ben  Qabel,  ben  ich  oben  in  BuffonS  ©rflärungS= 
35  art  fanb,  auf  mid)  prücffchieben  unb  fragen:  tooher  fant  benn  bie  erfte 
Bewegung  jener  ültomen  im  SBeltraume?  fo  mürbe  ich  antworten:  bab  ich 
mid)  baburd)  nid)t  anheije^ig  gemacht  habe,  bte  erfte  aller  3Haturtier= 


76 


Über  bie  33ul!ane  im  SBiottbe. 


änberungen  anjugeben,  meines  in  ber  Stfat  unmöglich  tft.  3)ennod)  aber 
falte  id)  e§  für  unplaffig,  bei  einer  Staturbefcfaffenfait,  j.  33.  ber  ^>i^e  ber 
Sonne,  bie  mit  (Meinungen,  bereu  Urfacfa  mir  nad)  fonft  befannten 
®efefan  menigftenS  mutfjmafeen  fönnen,  $faltd)f  eit  £)at,  fielen  ju  bleiben 
unb  oerjmeifelter  SBeife  bie  unmittelbare  göttliche  Slnorbnung  $um  grs  5 
flärungSgrunbe  herbei  ju  rufen,  2)iefe  lefcte  mufe  jmar,  menn  üon  Statur 
im  ©ankert  bie  Ü^ebe  ift,  unoermeiblid)  unfere  Stacfarage  befd)liefan;  aber 
bei  feber  @fad)e  ber  Statur,  ba  feine  berfelben  in  einer  Sinnenmelt  als  bie 
fd)led)tf)in  erfte  angegeben  »erben  fann,  ftnb  mir  barum  oon  ber  23er= 
binblid)feit  nid)t  befreit,  unter  ben  2Belturfad)en  gu  fucfan,  fo  meit  e§  unö  10 
nur  möglid)  ift,  unb  ibjre  Äette  nad)  un§  befannten  ©efefan,  fo  lange  fte 
aneinanber  fangt,  31t  oerfolgen. 


$Bon  ber 


^nredjtmttßicjßdf 

be§ 


ü  d)  c  v  ii  n  d)  b  x  it  cß  s. 


^Diejenigen,  »eiche  ben  Verlag  eines  SuchS  als  ben  ©ebraud)  beS 
©igenthumS  an  einem  ©petnplare  (eS  mag  nun  als  SWanufcript  Dom 
SSerfaff er,  aber  als  Slbbrucf  beffelben  non  einem  fcpon  Dorljanbenen  2Ser= 
leger  auf  ben  33ejtper  gefommen  fein)  anfepen  unb  aisbann  bod)  burch 
5  ben  Vorbehalt  gemiffer  Rechte,  eS  fei  beS  SSerfafferS,  ober  beS  Don  ihm 
emgefe^ten  Verlegers,  ben  ©ebrauch  noch  baljin  einfdjränfen  »ollen,  bafe 
e§  uner laubt  fei,  eS  nachgubrucfen,  —  tonnen  bamit  niemals  jumßtoecfe 
tommen.  Senn  bas  ©igenthum  beS  SSerfafferS  an  feinen  ©ebanfen  (loenn 
man  gleich  einraumt,  bafc  ein  folcpeS  nad)  andern  0^ec^ten  ftatt  finbe) 
10  bleibt  ihm  ungeachtet  beS  5ftad)brucfS;  unb  ba  nicht  einmal’ füglich  eine 
auSbnt  etliche  ©inmilligung  ber  Käufer  eines  33ud)S  gu  einer  folgen 
©infehränfung  ihres  ©igenthumS  ftatt  finben  tarnt*),  wie  Diel  weniger 
wirb  eine  blofj  präfumirte  gur  SSerbinblichteit  berfelben  gureichen? 

Sch  glaube  aber  llrfache  gu  haben,  ben  SSerlag  nicht  als  baS  33erfef)r 
i5  mit  einer  Baare  in  feinem  eigenen  tarnen,  fonbern  als  bie  Rührung 
eines  ©efd)äfteS  im  tarnen  eines  anbern,  nämlich  beS  SSerfafferS, 
angufehen  unb  auf  biefe  Beife  bie  Unrechtmäfeigfeit  beS  5llachbructenS 
leicht  unb  beutlich  barftettert  gu  tonnen.  9J?ein  Argument  ift  in  einem  3Ser= 
nunftfchluffe  enthalten,  ber  baS  0fted)t  beS  Verlegers  betoeifet;  betn  ein 
20  gtteiter  folgt,  toelc^er  ben  Slnfpruch  beS  fRad) bruef erS  miberlegen  foU. 

I. 

IDebuction  beS  Rechts  beS  Verlegers  gegen  ben  5Rachbrutfer. 

Ber  ein  ©efd)äft  eines  anbern  in  beffen  tarnen  unb 
bennoch  wiber  ben  Billen  beffelben  treibt,  ift  gehalten, 

25  *)  äßürbe  e<8  wohl  ein  ©erleget  mögen,  jeben  bet  bem  3(ntaufe  feines  ©erlagt 

merfS  an  bie  ©ebinguug  gu  binben,  wegen  ©eruntreuung  eines  fretnben  itjm  anuer* 
trauten  ©utS  angeftagt  gu  werben,  wenn  mit  feinem  ©orfatj,  ober  auch  bnrd)  feine 
Unoorfid)tig!eit  baS  ©Eemplar,  baS  er  oertauft,  gum  5ltact)brucfe  gebraucht  würbe? 
(Schwerlich  würbe  jemanb  bagu  ein  willigen:  weil  er  fic£)  baburch  allerlei  ©efcf)Werli<h= 
so  feit  ber  9tachforf<hung  unb  ©erantwortung  auSfehen  würbe,  ©er  ©erlag  würbe  jenem 
alfo  auf  bem  .jpalfe  bleiben. 


80 


58on  ber  Itnredjtmäfeigfeit  be<3  23ücE)ernad)bi-ucf3. 


biefem  ober  feinem  Seoollmächtigten  alle n  Pütjen,  bet  ifynt 
barauS  erwad)fen  möchte,  abjutreten  unb  allen  Staben 
ju  oergüten,  b  e  r  f  e  n  e  in  ober  biefem  b  a  r  a  u  S  e  n  t  f  p  r  i  n  g  t. 

u n  t ft  berüftachbruder  ein  f  old)  er,  ber  ein  ©efdjäft  eines 
anbern  (beS  SlutorS)  u.  f.  w.  Sllfo  ift  er  gehalten,  biefem  ober  feinem 
23eootUnäd)tigten  (bem  Verleger)  u.  f.  m. 

^Beweis  beS  DberfapeS. 

5)a  ber  ft  cf)  einbringenbeEefdjäftträger  unerlaubter  SBeife  im  Flamen 
eitte§  anbern  |anbelt,  fo  l)at  er  leinen  Slnfprudj  auf  ben  SSortljeil,  ber 
aus  biefem  ©efd)äfte  entfpringt;  fonbern  ber,  in  beffen  tarnen  er  baS 
Eefdjäft  füt)rt,  ober  ein  anberer  23eOoHmäd)tigter,  welchem  jener  eS  an* 
oertrauet  Ijat,  befipt  baS  tRedjt,  biefen  SSort^eil  als  bie  $rud)t  feines 
Eigentums  ftd)  jusueignen.  Sßeil  ferner  btefer  ®efd)äftträger  bem  £Red)te 
beS  23efi|erS  burd)  unbefugte  Einmifchung  in  frembe  ®efd)äfte  Abbruch 
ttjut,  fo  muf  er  nothwenbig  allen  Schaben  oergüten.  IDiefeS  liegt  o^ne 
3weifel  in  ben  Elementarbegriffen  beS  3Raturred)tS. 

23eweiS  beS  Unterfa^eS. 

£)er  erfte  ißunft  beS  UnterfapeS  ift:  baff  ber  Verleger  burd)  ben 
Verlag  baS  ©efcpäft  eines  anbern  treibe.  —  £ier  fomrnt  aHeS  auf 
ben  begriff  eines  33ud)ö  ober  einer  Schrift  überhaupt,  als  einer  Arbeit 
beS  SSerfafferS,  unb  auf  ben  33egriff  beS  Verlegers  überhaupt  (er  fei  be= 
ooümdd)tigt  ober  nicht)  an:  ob  nämlich  ein  23ud)  eine  SBaare  fei,  bie 
ber  Slutor,  eS  fei  mittelbar  ober  oermittelft  eines  anbern,  mit  bem  ^ubli= 
cum  Oerfehren,  alfo  mit  ober  ohne  Vorbehalt  gemiffer  Rechte  oeräupern 
fann;  ober  ob  eS  öielmehr  ein  bloßer  Gebrauch  feiner  Kräfte  (opera) 
fei,  ben  er  anbern  jtoar  oertoilligen  (concedere),  niemals  aber  oer= 
äußern  (alienare)  fann;  ferner:  ob  ber  Verleger  fein  ®efd)äft  in  feinem 
tarnen,  ober  ein  frembeS  ©efd)äft  im  SRanten  eines  anbern  treibe. 

2>n  einem  23ud)e  als  Schrift  re b et  ber  Slutor  ju  feinem  Sefer;  unb 
ber,  meld)er  fte  gebrudt  hot,  rebet  burd)  feine  Epemplare  nicht  für  ftd) 
felbft,  fonbern  ganj  unb  gar  im  kanten  beS  SSerfafferS.  Er  fteUt  ihn  als 
rebenb  öffentlich  auf  unb  »ermittelt  nur  bie  Überbringung  biefer  tRebe 
ans  publicum.  3)aS  Exemplar  biefer  tRebe,  eS  fei  in  ber  ^anbfchrift  ober 
im  2)rud,  mag  gehören,  wem  eS  wolle ;  fo  ift  hoch,  biefeS  für  fid)  ju 
brauchen,  ober  bamit  SSerfehr  ju  treiben,  ein  ©efdjäft,  bas  feber  Eigen* 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


33cm  ber  Unrecfjtntäßigfeit  bee>  23üd)erna<f)bru<f3. 


81 


t^ümer  beff eiben  in  feinem  eigenen  Manien  unb  nacfy belieben  treiben 
tann.^  SIdein  jemand  öffentlich  reben  gu  l affen,  feine  Diebe  als  foldje 
in§  publicum  gu  bringen,  baS  Reifet,  in  jenes  tarnen  reben  unb  gleich® 
fam  gum  publicum  fagen:  ,,£>urd)  mich  läßt  ein  @d)riftfteder  eud)  biefeS 
5  ober  jenes  fmdjftäblid)  f)interfmngen,  lehren  u.  f.  tu.  Bd)  üerantmorte 
nichts,  felbft  nicht  bie  $reif)eit,  bie  jener  fid)  nimmt,  öffentlich  burd)  mid) 
§u  reben;  idj  bin  nur  ber  Vermittler  ber  ©elangung  an  eud);"  baS  ift 
o^ne  B^eifel  ein  ©efd)äft,  melcßeS  man  nur  im  Vamen  eines  anbern, 
niemals  in  feinem  eigenen  (als  Verleger)  üerrid)ten  fann.  fDiefer  fd)afft 
io  gmar  in  feinem  eigenen  Kamen  baS  ftumme  SBerfgeug  ber  Ü b e r  = 
bringnng  einer  Vebe  beS  KutorS  ans  publicum*)  an;  aber 
bafe  er  gebachte  Kebe  burd)  ben  £)rucf  ins  publicum  bringt,  mit« 
f)in  baff  er  ftd)  als  benjenigen  geigt,  bnrd)  ben  berStutorgu  biefem 
rebet,  baS  fann  er  nur  im  -Kamen  beS  anbern  tjjun. 

is  2)er  gmeite  §ßunft  beS  Unterfa^eS  ift:  baß  ber  Kadjbrucfer  nicht 
allein  ohne  ade  (Srlaubnifj  beS  ($igentl)ömerS  baS  ©efdjäft  (beS  SlutorS), 
fonbern  es  fogar  miber  feinen  SBillen  übernehme.  2)enn  ba  er  nur 
barum  Kad)brucfer  ift,  weil  er  einem  anbern,  ber  gum  Verlage  üom  2lutor 
felbft  beoollmächtigt  ift,  in  fein  ®efd)äft  greift:  fo  fragt  fid),  ob  ber 
20  Dtutor  nocß  einem  anbern  biefelbe  Vefugnifj  erifjeiten  unb  bagu  einmidigen 
fönne.  @S  ift  aber  flar:  bafj,  meil  aisbann  jeber  üon  beiben,  ber  erfte 
Verleger  unb  ber  fid)  nad)f)er  beS  Verlags  anmafenbe  (ber  Kad)brucfer), 
beS  Autors  ©efdjäft  mit  einem  unb  bemfelben  gangen  publicum  führen 
mürbe,  bie  Vearbeitung  beS  einen  bie  beS  anbern  unnü|  unb  für  {eben  ber= 
25  felben  üerberblid)  machen  müffe ;  mithin  ein  Vertrag  beS  SlutorS  mit  einem 
Verleger  mit  bem  Vorbehalt,  nod)  aujjer  biefem  einem  anbern  ben  Verlag 
feines  SßerfS  erlauben  gu  bürfen,  unmöglich  fei;  folglich  ber  Slutor  bie 
Grrlaubnifs  bagu  feinem  anbern  (als  Kadjbrucfer)  gu  erteilen  befugt 
gemefen,  biefe  alfo  üom  letztem  aud)  nicht  einmal  Ijat  präfumirt  merben 


30  *)  ©in  Sßuä)  ift  bad  Söerfaeug  ber  Überbringung  einer  3tebe  anS  publicum, 

nid)t  bloß  ber  ©ebanfen,  toie  etwa  ©emälbe,  ftjntbofifclje  33orfteKung  irgenb  einer  Sbee 
ober  Vegebenßeit.  SDaran  liegt  ißer  baS  3öefentlidjfie,  baß  ed  feine  Sadße  ift,  bie 
baburcb  überbrad)t  roirb,  fonbern  eine  opera,  nämtid)  iRebe,  unb  jtoar  bucßftäblicf). 
©aburcß,  baß  eö  ein  ftummeso  SBerf^eug  genannt  toirb,  unterfd)eibe  icß  e£  bon  bem, 
35  toad  bie  SRebe  burd)  einen  8a ut  überbringt,  toie  3.  23.  ein  ©pradjroljr,  ja  felbft  ber 
fDfunb  anberer  ift. 

Äattt'3  ©Triften.  SBerfe.  VIII. 


6 


82 


Sßon  ber  nnred}tmä?5tc|fett  be§  SSüdjernadjbrucfä. 


biirfeti ;  folglich  ber  9tad)brucf  ein  gänjlid)  triber  ben  er  la übten  SBillen 
beS  ©igentljümerS  unb  bennod)  ein  in  beffen  Dlamen  unternommenes 
©efdjdft  fei. 

*  * 

* 

2luS  biefem  ©runbe  folgt  aud),  bajj  nid)t  ber  Slutor,  fonbern  fein 
beDollmdd)tigter  Verleger  läbirt  merbe.  2)enn  meil  jener  fein  fftedjt  megen  5 
üBerwaltiing  feines  ©efd)afteS  mit  bem  publicum  bem  Verleger  gan^lid) 
unb  oljne  Vorbehalt,  barüber  nod)  anbermeitig  p  bisponiren,  überlaffen 
hat:  fo  ift  biefer  allein  ©igenthümer  biefer  ©efdjäftführung,  unb  ber 
9tad)brucfer  tljut  bem  Verleger  Slbbrud)  an  feinem  0fled)te,  nid)t  bem 

SSerfaffer.  10 

❖  * 

* 

2Beil  aber  biefeS  9ted)t  ber  Rührung  eines  ®efd)afteS,  metd)eS  mit 
pünftlid)er  ©enauigfeit  eben  fo  gut  aud)  Don  einem  anbern  geführt  toerben 
fann,  —  menn  nid)tS  befonberS  barüber  oerabrebet  worben,  für  fid)  nict)t 
als  unDeräujjerlid)  (ius  personalissimum)  anpfef)en  ift:  fo  f)at  ber 
Verleger  Sefugnijj,  fein  23erIagSred)t  aud)  einem  anbern  p  überlaffen,  15 
meil  er  ©igenthümer  ber  2Mmad)t  ift;  unb  ba  Ijiep  ber  -Serfaffer  ein= 
willigen  muff,  fo  ift  ber,  melier  aus  ber  ^weiten  £anb  baS  ©efcpäft  über* 
nimmt,  nid)t  5Rad)bruifer,  fonbern  rechtmäßig  beDoümädjtigter  Verleger, 
b.  i.  ein  foldjer,  bem  ber  Dom  Slutor  eingefeßte  Verleger  feine  2Mmad)t 
abgetreten  hat.  20 


II. 

SBtberlegung  beS  Dorgefdpßten  9ted)tS  beS  9Rad)brucferS  gegen  ben 

Verleger. 

©S  bleibt  nod)  bie  $rage  p  beantworten  übrig:  ob  nid)t  babitrd), 
baß  ber  Verleger  baS  ®erf  feines  ülutorS  im  publicum  Deräußert,  mit*  25 
l)in  aus  bem  ©igenthum  beS  ©pemplars  bie  ^Bewilligung  beS  Verlegers 
(mithin  auch  beS  Autors,  ber  ihm  bap  33oümaä)t  gab)  p  jebem  beliebigen 
©ebraudje  beffelben,  folglich  aud)  prn  ftad)brucfe  Don  felbft  fließe,  fo  un* 
angenehm  foldjer  jenem  aud)  fein  möge,  ©enn  eS  hat  jenen  Dielleid)t  ber 
3Sortt)eil  angelodt,  baS  ©efc^dft  beS  Verlegers  auf  biefe  ©efafjr  p  über*  30 
nehmen,  ohne  ben  Ä'äufer  burd)  einen  auSbrücflid)en  Vertrag  baDon  aus* 
pfd)Ueßen,  weil  biefeS  fein  ©efd)äft  rücfgängig  gemacht  haben  möd)te.  — 


33on  ber  Unreäjtntn^icjfeit  beä  fflücfeetncnäjbrucfs. 


83 


©afe  nun  baS  ©igentfeum  beS  ©):emplarS  biefeS  9fed)t  nid)t  oerfcfeaffe,  be= 
toeife  id)  burd)  folgenben  33ernunftfcfelitfe: 

(Sin  p  e  r  f  ö  n  l  i  d)  e  S  befafeenbeS  9t  e  d) t  auf  einen  an  ber  n 
!ann  aus  bem  ©igentfeum  einer  <Sad)e  allein  niemals  ge= 
5  folgert  wer  ben. 

9tun  ift  baS  Sftedjt  gum  Verlage  ein  perfönlidfeeS  be  = 
j  a  fe  e  n  b  e  S  5K e d) t. 

o l g l i d)  fann  es  aus  bem  ©i gentium  einer  @adfee  (beS 
©pemplarS)  allein  niemals  gefolgert  werben. 

io  33eweiSbeSDberfafeeS. 

ÜJtit  bem  ©igentfeum  einer  @acfee  ift  gwar  baS  oerneinenbe  9ted)t 
oerbunben,  febermann  gu  wiberftefeen,  ber  mid)  im  beliebigen  ©ebraud) 
berfelben  feinbern  wollte;  aber  ein  befafeenbeS  9tecfet  auf  eine 
^ßerfon,  oon  ifer  gu  forbern,  bafe  fte  etmaS  leiften  ober  mir  morin  gu 
i5  SMenften  fein  folle,  fann  aus  bem  biofeen  ©igentfeum  feiner  @acfee  fliefeen. 
3war  liefee  ftd)  biefeS  lefetere  burd)  eine  befonbere  SSerabrebung  bem 
Vertrage,  woburcfe  id)  ein  ©igentfeum  oon  femanb  erwerbe,  beifügen; 
g.  33.  bafe,  wenn  id)  eine  2Baare  laufe,  ber  33erfaufer  fte  a liefe  poft= 
•  frei  an  einen  gewiffen  Drt  feinfefeiefen  folle.  2lber  aisbann  folgt  baS 
20  9ted)t  auf  bieißerfon,  etmaS  für  midfegu  tfeun,  niefet  aus  bem  biofeen  ©igen» 
tfeurn  meiner  erfauften  @acfee,  fonbern  au§  einem  befonbern  Vertrage. 

33emeiS  beSttnterfafeeS. 

Vorüber  femanb  in  feinem  eigenen  9t  amen  nad)  33elieben 
bisponiren  fann,  baran  feat  er  ein  ßfeefet  in  ber  @ad)e.  2BaS  er  aber  nur 
2s  im  üRatnen  eines  Slnbern  oerriefeten  barf,  bieS  ©efefedft  treibt  er  fo, 
bafe  ber  Slnbere  baburefe,  als  ob  eS  oon  ifem  felbft  gefüfert  wäre,  oerbinb= 
liefe  gemalt  wirb.  (Quod  quis  facit  per  alium,  ipse  fecisse  putandus  est.) 
8tffo  ift  mein  9tecfet  gur  gmferung  eines  ©efcfedfteS  im  tarnen  eines  anbern 
ein  perfönlicfeeS  befafeenbeS  9tecfet,  namlicfe  ben  Slutor  beS  ©efcfeafteS  gu 
so  notfeigen,  bafe  er  etwas  prdftire,  nämlicfe  für  alles  ftefee,  was  er  burd) 
miefe  tfeun  läfet,  ober  wogu  er  fid)  burd)  mid)  üerbinblid)  madfet.  2)er 
Sßerlag  ift  nun  eine  9tebe  ans  publicum  (burd)  ben  £)rucf)  im  tarnen  beS 

6* 


84 


$on  ber  ttnrechttnäfäigfeit  be§  SBüdjernacfjbruäS. 


SSerfafferS,  folglich  ein  ©efdjäft  im  tarnen  eines  atibern.  2lIfo  ift  baS 
3ftedfc>t  bagu  ein  fftedjt  beS  Verlegers  an  eine  fßerfon:  nictjt  blofe  ftcf)  im  be= 
liebigen  (Gebrauche  feines  ©igentljumS  gegen  ihn  gu  oert^eibigen;  fonbern 
ihn  gu  nötigen,  baff  er  ein  gemiffeS  ©efdjäft,  meldjeS  ber  Verleger  auf 
feinem  tarnen  fü^rt,  für  fein  eigenes  erfenne  unb  oerantmorte,  —  mithin 
ein  perföttlidjeS  bejafjenbeS  SKedjt. 

*  * 

* 

2)aS  ©.remplar,  mornad)  ber  Verleger  brucfen  iäfet,  ift  ein  SB  er!  beS 
StutorS  (opus)  unb  gehört  bem  Verleger,  nad)bem  er  eS  im  SKanufcript 
ober  gebrudt  erhanbelt  hat,  gänglid)  gu,  um  alles  bamit  gu  ttjun,  rnaS  er 
miß,  unb  maS  in  feinem  eigenen  tarnen  gethan  merben  fann;  benn 
baS  ift  ein  ©rforbernijf  beS  üoßftänbigen  0^ect)te§  an  einer  @ad)e,  b.  i. 
beS  ©igenthutnS.  £)er  ©ebraud)  aber,  ben  er  baoon  nidjt  anberS  als  nur 
im  dtamen  eines  ülnbern  (nämlich  beS  SBerfafferS)  machen  !ann,  ift 
ein  ©efd)äft  (opera),  baS  biefer  Slnbere  burd)  ben  ©igenthümer  beS 
©pemplarS  treibt,  mogu  auffer  bem  ©igenthum  nod)  ein  befonberer  Vertrag 
erforbert  mirb. 

9tun  ift  ber  23ud)üerlag  ein  ©efd)äft,  baS  nur  im  tarnen  eines 
anbern  (nämlid)  beS  SBerfafferS)  geführt  merben  barf  (melden  SBerfaffer 
ber  Verleger  als  burd)  ft d)  gum  publicum  rebenb  aufführt);  alfo  fann  baS 
eftecht  bagu  nicht  gu  ben  Rechten  gehören,  bie  bem  ©igenthum  eines 
©pemplarS  anljängen,  fonbern  fann  nur  burd)  einen  befonbern  Vertrag 
mit  bem  SSerfaffer  redjtmäffig  merben.  SBer  ohne  einen  folgen  Vertrag 
mit  bem  SSerfaffer  (ober,  menn  biefer  fdjon  einem  anbern  als  eigentlichen 
Verleger  biefeS  Iftecht  eingemiUigt  hat,  ohne  Vertrag  mit  biefem)  oerlegt, 
ift  ber  5ftad)brucfer,  melier  alfo  ben  eigentlichen  Verleger  läbirt  unb  ilpn 
alten  5ftad)theil  erfefjen  muff. 

Sillgemeine  Slnmertung. 

£>afc  ber  Verleger  fein  ®efd)äft  beS  Verlegers  nicht  bloff  in  feinem 
eigenen  tarnen,  fonbern  im  tarnen  eines  anbern*)  (nämlid)  be§  SSerfaff erS) 

p  Sßenn  ber  Verleger  auä)  gugleich  äßerfaffer  ift,  fo  ftnb  beibe  ©efchäfte  hoch 
üerfcf)tebert;  unb  er  Oerlegt  in  ber  Qualität  eines  6anbelSnianne3,  waS  er  in  ber 
Qualität  eine§  ©eiehrten  geschrieben  hat.  Mein  wir  tonnen  biefen  galt  bei  ©eite 
fe^en  unb  unfere  (Srörterung  nur  auf  ben,  ba  ber  Verleger  nicht  gugleid)  «Berfaffer  ift, 
einfct)rän!en :  eS  wirb  nachher  leicht  fein,  bie  Folgerung  auch  auf  ben  erften  fgall  auS= 
pbel)nen. 


5 

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15 

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25 

30 

35 


85 


©tm  bet  Itnrecfjtmäfcigfett  beä  23ücberna<$bru<f3. 

fitere  unb  ohne  befjen  Einmiüigung  gar  nicht  fuhren  fönne:  beftätigt  jtdj 
au§  gemiffen  Verbinblidhfeitett,  bie  bemfelben  nach  allgemeinem  ®eftänb= 
niffe  anhängen.  SBäre  ber  SSerfaffer,  nahbern  er  feine  ^anbfdjrift  beut  Ver= 
leger  jum  Orucfe  übergeben  unb  biefer  ficf)  bap  oerbinblicf)  gemalt  hat, 
5  geftorben:  fo  fleht  eS  bem  ledern  nic^t  frei,  fte  als  fein  Eigenthum  p  unter* 
brüten;  fonbern  bas  publicum  hat  in  Ermangelung  ber  Erben  ein  Vecht,  ihn 
pm  Verlage  p  nötigen,  ober  biefpanbfhrift  an  einen  anbern,  ber  fich  pm 
Verlage  anbietet,  abptreten.  Oenn  einmal  mar  eS  ein  Eefhäft,  baS  ber 
Slutor  burch  ihn  mit  bem  publicum  treiben  moßte,  unb  mop  er  ftd)  als 
10  Eefdjäftträger  erbot.  £>aS  publicum  tjatte  auch  nicht  nöthig,  biefeS  Ver= 
fpre^en  beS  SSerfafferS  p  miffen,  noch  eS  p  accegtiren;  es  erlangt  biefeS 
3^ed)t  an  ben  Verleger  (etmaS  p  präfüren)  burcf)S  Eefeß  allein.  2)enn 
jener  beftßt  bie  £anbfdt)rift  nur  unter  ber  Vebingung,  fte  p  einem  Ee* 
f  hafte  beS  Autors  mit  bem  publicum  p  gebrauchen;  biefe  Verbinbli<h= 
i&  teit  gegen  baS  publicum  aber  bleibt,  menn  gleich  bie  gegen  ben  Verfaffer 
burch  beffen  £ob  aufgehört  hat.  ^>ier  mirb  nicht  ein  Veht  beS  ^ublicumS 
an  ber  £anbfhrift,  fonbern  an  einem  Eefhäfte  mit  bem  Stutor  pm  Erunbe 
gelegt.  Sßenn  ber  Verleger  baS  Sßerf  beS  SlutorS  nach  öem  Oobe  beffelben 
oerftümmelt  ober  oerfälfdht  herauSgäbe,  ober  es  an  einer  für  bie  Nachfrage 
20  nötigen  ßahl  ©temglare  mangeln  liefe;  fo  mürbe  baS  publicum  23e* 
fugnif  haben,  ihn  p  mehrerer  Vihttgfeit  ober  Vergrößerung  beS  Verlags 
p  nöthigen,  mibrigenfatlS  aber  biefen  anbermeitig  p  beforgen.  Welches 
alles  nicht  ftatt  finben  fönnte,  menn  baS  Vecf)t  beS  Verlegers  nicht  üon 
einem  Eefhdfte,  baS  er  pifhen  bem  Slutor  unb  bem  publicum  im 
25  ÜRamen  beS  er  ft  er  n  führt,  abgeleitet  mürbe. 

2)iefer  Verbiublihfeit  beS  Verlegers,  bie  man  oermuthlih  pgefteßen 
mirb,  muß  aber  auch  ein  barauf  gegrünbeteS  Veht  entfgrehen,  nämlich 
baS  Sfteht  p  allem  bem,  ohne  melcßeS  jene  Verbinblichfeit  nicht  erfüllt 
merben  fönnte.  SDiefeS  ift:  baß  er  baS  Verlagsrecht  auSfhließlth  auSübe, 
30  meil  anberer  Eoncurrenj  p  feinem  Eefdjäfte  bie  Rührung  beffelben  für 
ihn  praftifd)  unmöglich  machen  mürbe. 

Äunftmerfe  als  Sachen  fönnen  bagegen  nach  einem  Exemplar 
berfelbett,  melcheS  man  rechtmäßig  ermorben  hat,  nachgeahmt,  abgeformt 
unb  bie  Eoßien  berfelben  öffentlich  öerfeßrt  merben,  ohne  baß  eS  ber  Ein* 
35  milligung  beS  Urhebers  ißreS  Originals,  ober  berer,  melcher  er  ftdt)  als 
SBerfmeifter  feiner  ^öeen  bebient  hat,  bebürfe.  Eine  Zeichnung,  bie  je* 
manb  entmorfen,  ober  burch  einen  anbern  hat  in  Äußfer  fielen,  ober  in 


86 


93on  ber  Unrechtmäfjigfeit  bed  93üd)ernact)brucE§. 


cgtein,  Metall,  ober  ©ipS  ausführen  laffen,  fann  ton  bem,  ber  biefe  Sro* 
bucte  lauft,  abgebrucft  ober  abgegoffen  unb  fo  öffentlich  terfelpt  werben; 
fo  wie  alles,  was  femanb  mit  feiner  @ad)e  in  feinem  eignen  tarnen 
«errieten  fann,  ber  ©inwiUigung  eines  anbern  nid^t  bebarf.  ßippertS 
©aftpliothef  lann  ton  febem  Sefiper  berfelben,  ber  eS  terftefjt,  nachgeahmt 
unb  pm  Serfauf  auSgefteHt  werben,  ohne  bah  ber  ©rfinber  berfelben  über 
©ingriffe  in  feine  ©efchafte  flagen  fönne.  ©enn  fte  ift  ein  2Berf  (opus, 
nid)t  opera  alterius),  welches  ein  jeber,  ber  eS  befrist,  ohne  einmal  ben 
tarnen  beS  Urhebers  p  nennen,  teräuhern,  mithin  and)  nachmachen  unb 
auf  feinen  eigenen  tarnen  alSbaS  feinigepm  öffentlichen  Serfehr  brauchen 
fann.  ©ie  (Schrift  aber  eines  anbern  ift  bie  Diebe  einer  $erfon  (opera); 
unb  ber,  welcher  fie  oerlegt,  fann  nur  im  tarnen  biefeS  anbern  pm  $u= 
blicum  reben  unb  ton  fid)  nichts  weiter  fagen,  als  bafs  ber  SSerfaffer  burch 
ihn  (Impensis  Bibliopolae)  folgenbe  Diebe  ans  publicum  halte.  ©enn  eS 
ift  ein  SBiberfprucf):  eine  SR:ebe  in  feinem  tarnen  p  halten,  bie  hoch 
nad)  feiner  eigenen  Sinnige  unb  gemäh  ber  Nachfrage  beS  fßublicumS  bie 
JRebe  eines  anbern  fein  fotl.  ©er  ©runb  alfo,  warum  alle  ^unftwerfe 
anberer  pm  öffentlichen  Vertrieb  nachgemacht,  Sucher  aber,  bie  fdjon  ihre 
eingefepte  Serleger  haben,  nicht  nachgebrucft  werben  börfen,  liegt  barin: 
bah  bie  erftern  2Berfe  (opera),  bie  pceiten  §anblungen  (operae)  finb, 
baoon  jene  als  für  fiel)  felbft  epiftirenbe  ©inge,  biefe  aber  nur  in  einer 
ißerfon  ihr  ©afein  haben  fönnen.  folglich  fommen  biefe  le^tern  ber  ^ßer= 
fon  beS  SerfafferS  auSfchliehlid)  P*);  unb  berfelbe  hat  baran  ein  unter* 
äufserlidjeS  Specht  (ius  personalissimum)  burch  jeben  anbern  immer  felbft 
p  reben,  b.  i.  bah  niemanb  biefelbe  Diebe  pm  publicum  anberS,  als  in 
feines  (beS  Urhebers)  Diamen  halten  barf.  2Benn  man  inbeffen  baS  Such 
eines  anbern  fo  teränbert  (abfür^t  ober  termehrt  ober  umarbeitet),  ba| 
man  fogar  Unrecht  tlpn  würbe,  wenn  man  eS  nunmehr  auf  ben  Diamen 


*)  2)er  Slutor  unb  ber  ©igenthümer  bed  ©jempIarS  fbnnen  beibe  mit  gleichem 
9ted)te  öon  bemfelben  fagen:  e§  ift  meinSBud)!  aber  in  oerfd)iebenem  Sinne.  2>er  erftere 
nimmt  bae>  33nd)  also  (Schrift  ober  Diebe;  ber  zweite  blofj  atd  bad  ftumme  Snftrument 
ber  Überbringung  ber  Diebe  an  ihn  ober  bad  publicum,  b.  i.  al<3  ©pemplar.  25iefed 
9}ed)t  bed  SßerfafferS  ift  aber  lein  Died)t  in  ber  Sache,  nämlich  bem  ©jemplar  (benn 
ber  (Sigenthümer  fann  eö  oor  beS  23erfaffer3  Singen  oerbrennen),  fonbern  ein  ange« 
borned  3ted)t  in  feiner  eignen  Sßerfon,  nämlich  3U  terhinbern,  bah  ein  anberer  ihn  nicht 
ohne  feine  (SinmiHigung  junt  publicum  reben  laffe,  welche  ©tnwiüigung  gar  nicht 
präfnmirt  werben  fann,  weit  er  fie  fdfon  einem  anbern  auäfdfliehlicf)  ertheilt  hat. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


33on  ber  Itnredjtmäpigfett  beö  Südjernadjbritcfä. 


87 


beS  Autors  beS  Originals  auSgeben  toürbe:  fo  ift  bie  Umarbeitung  in  bem 
eigenen  -Rauten  beS  Herausgebers  fein  fftachbrucf  unb  alfo  nicht  uner= 
laubt.  2)enn  b)ier  treibt  ein  anberer  Slutor  burcf)  feinen  Verleger  ein  am 
bereS  ©efcpäft  als  ber  erftere  unb  greift  biefem  alfo  in  fein  ©efcpäfte  mit 
5  bem  publicum  nicht  ein;  er  fteHt  nicht  jenen  Stutor  als  burdh  i£)n  rebenb 
nor,  fonbern  einen  anbern.  2tud)  fann  bie  Überfepung  in  eine  anbere 
Sprache  nicht  für  üRachbrucf  genommen  rnerben;  benn  fte  ift  nicht  biefelbe 
fRebe  beS  SSerfafferS,  obgleid)  bie  ©ebanfen  genau  biefelben  fein  mögen. 

SBenn  bie  hier  jum  ©runbe  gelegte  2>bee  eines  tßücheroerlageS  über* 
10  paupt  moplgefapt  unb  (mie  ich  nrir  fchmeichle,  bap  eS  möglich  fei)  mit  ber 
erforberlichen  ©leganj  ber  römifchen  tRechtSgeleprfamfeit  bearbeitet  mürbe: 
fo  fönnte  bie  Mage  gegen  ben  tftadhbrucfer  mopl  nor  bie  ©erichte  gebracht 
rnerben,  ohne  bap  es  nötpig  märe,  juerft  um  ein  neues  ©efep  beSpalb 
an^uhalten. 


■ 


9$ e ff i nt ntiut g  öes  Begriffs 

einer 


'gtf  enfdjenrace. 


3)ie  ^enntniffe,  welche  bie  neuen  fReifen  über  bie  ßRannigfaltigfeiteu 
in  bet  2Renfcpengattung  oerbreiten,  haben  bi^bjer  mehr  baju  beigetragen, 
ben  SSerftanb  über  biefen  ifSunft  jur  fRachforfcpung  ju  reifen,  al<3  ihn  ju 
beliebigen.  (5§  liegt  gar  Diel  baran,  ben  SSegriff,  melden  man  burcp  23e= 
5  obacptung  aufflären  miß,  Dorfjer  felbft  mof)l  beftimmt  ju  haben,  etje  man 
feinetmegen  bie  Erfahrung  befragt;  benn  man  finbet  in  ihr,  ma<§  man 
bebarf,  nur  aisbann,  menn  man  oorher  meip,  mornad)  man  fucpen  foß. 
@3  mirb  oiel  Don  ben  Derfd)iebenen  fIRenfcpenracen  gefprocpen.  Einige 
Derfteljen  barunter  mohl  gar  Derfcpiebene  Slrten  Don  2Renfcpen;  Slnbere 
10  bagegen  fcpränfen  fiep  grnar  auf  eine  engere  SSebeutung  ein,  fcpeinen  aber 
biefen  Unterfcpiebnicpt  Diel  erheblicher  ju  ftnben,  ab§beu,  melchenÜRenfcpen 
baburd)  unter  ftd)  machen,  baß  fie  fiep  bemalen  ober  befleiben.  5Reine  Slbficpt 
iffjept  nur,  biefen  begriff  einer  DRace,  menn  e§  bereu  in  ber  9Renfd)en= 
gattung  giebt,  genau  ju  beftimmen;  bie  (Srflärung  be§  Urfprungg  ber  mirf= 
15  lieh  öorpanbenen,  bie  man  biefer  Benennung  fähig  hält,  ift  nur  9Reben= 
merf,  momü  man  e§  palten  fann,  mie  man  miß.  Unb  bod)  fehe  ich,  baß 
übrigens  fcparfftnnige  fJRanner  in  ber  23eurtpeilung  beffen,  ma§  oor  einigen 
fahren  lebiglicp  in  jener  iübficpt  gefagt  mürbe*),  auf  biefe  Siebenfache, 
namltcp  bie  pppotpetifepe  Slnmenbung  beS  $rincip§,  ihr  Slugenmer!  aßein 
20  richteten,  ba§  ißriucip  felbft  aber,  morauf  hoch  aße§  anfommt,  nur  mit 
leichter  £anb  berührten.  (Sin  Scpicffal,  melcpeS  mehreren  9Rad)forfcpungen, 
bie  auf  ^rincipien  jurüeffehren,  miberfaprt;  unb  melcheS  baper  aße§ 
Streiten  unb  fRecptfertigen  in  fpeculatiben  ^Dingen  miberrathen,  bagegen 
aber  ba§  SRäperbeftimtnen  unb  Ülufflären  bed  2Rifmerftanbenen  aßein  ald 
25  rathfam  anpreifen  fann. 


I. 

SRur  baS,  ma§  in  einer  Spiergattung  anerbt,  fann  $u  einem  ^laffeu= 
Unterfcpiebe  in  berfelben  berechtigen. 

£)er  ßRopr  (2Raurüanier),  ber,  in  feinem  Saterlanbe  oon  ßuft  unb 
so  Sonne  braun  gebrannt,  ftd)  oon  bem  ©eutfepen  ober  Scpmeben  burep  bie 


*)  9Rcm  fepe  ©ngeI3  5ߣ)itofopt)en  für  bie  Söelt,  St).  II.  @.  125f. 


92 


23eftimmung  beß  23egrtffS  einer  2ftenfd)enrace. 


Hautfarbe  fo  fe^r  unterfdjeibet,  unb  ber  franaöfifdfe  ober  ettglifc^e  Kreole 
tu  SBeftinbien,  meldfer,  tote  oon  einer  -Uranfpeit  faurn  mieber  genefen,bleid) 
unb  erfcpöpft  auSfiept,  fonnen  um  beSmiHen  eben  fo  rnenig  ju  oerfcpiebenen 
Staffen  ber  3J?enfd^engattung  geadplt  merben,  als  ber  fpanifcpe  23auer  oon 
la  ÜRancpa,  ber  fcpmara  mie  ein  ©cpulmeifter  gefleibet  einher  gebt,  ineil 
bie  ©d)afe  feiner  ißrooina  burd)gepenbS  fdjtoarje  2BoUe  haben.  ©enn 
menn  ber  üftolfr  in  Bimtnern  unb  ber  Kreole  in  (Europa  aufgemadpfen 
ift,  fo  finb  beibe  oon  ben  SSemolfnern  unferS  SBelttpeilS  nid)t  ju  unter1 
fcpeiben. 

©er  2ftifftonar  ©ent  an  et  giebt  fidf  baS  SXnfe^en,  als  ob  er,  ineil  er 
ftd)  in  ©enegambia  einige  3eit  aufgebalten,  oon  ber  ©cpmdrae  ber 
9teger  allein  recht  urtljeilen  fönne,  unb  fpricpt  feinen  ßanbSleuten,  ben 
2franaofen,  alles  Urtbeil  hierüber  ab.  Bd)  hingegen  behaupte,  bap  man 
in  $ranfreidf  oon  ber  $arbe  ber  Sieger,  Me  frdt)  bort  lange  aufgehalten 
haben,  noch  beffer  aber  berer,  bie  ba  geboren  finb,  in  fo  fern  man  barnadf 
ben  ^laffenunterfdfieb  berfelben  oon  anbern  füienfdjen  beftintmen  toiH, 
toeit  richtiger  urtheilen  fonne,  als  in  bem  SSaterlanbe  ber  ©Cpmaraen  felbft. 
©enn  baS,  maS  in  Slfrifa  ber  $aut  beS  Negers  bie  ©onne  einbrücfte  unb  alfo 
ihm  nur  jufdUig  ift,  rnttp  in  $ranfreid)  megfatlen  rtub  allein  bie  ©Cpmdrae 
übrig  bleiben,  bie  ihm  burd)  feine  ©eburt  au  ©heü  toarb,  bie  er  toeiter 
fortpflanjt,  unb  bie  baffer  allein  p  einem  Älaffenunterfcpiebe  gebraucht 
merben  f'ann.  SSon  ber  eigentlichen  $arbe  ber  ©übfeeinfulaner  fann  mau 
fich  nach  alten  bisherigen  23efd)reibungen  noch  feinen  fieberen  ©egriff 
machen,  ©enn  ob  einigen  oon  ihnen  gleich  bie  fDiabagonibol^arbe  p= 
gefcprieben  mirb,  fo  meip  ich  bod)  nid)t,  mie  oiel  oon  biefern  23raun  einer 
blopen  Narbung  burch  ©onne  unb  ßitft  unb  mieoiel  baoon  ber  ®eburt  ju= 
pfchreiben  fei.  (Ein  Äinb,  oon  einem  foldjen  2>aare  in  (Europa  gejeugt, 
mürbe  allein  bie  ihnen  oon  Sfiatur  eigene  Hautfarbe  opne  Bmeibeutigfeit 
entbecfen.  2luS  einer  ©teile  in  ber  fReife  (EarteretS  (ber  freilich  auf 
feinem  ©eepge  menig  Sanb  betreten,  bennoch  aber  oerfchiebene  Snfulaner 
auf  ihren  (EanotS  gefel)en  hatte)  fdpliepe  id£) :  bap  bie  SSemopner  ber 
meiften  Unfein  SBeipe  fein  muffen,  ©enn  auf  fjreoill* (Sil au b  (in  ber 
iftdhe  ber  au  ben  inbifcpen  ©emdfferu  gegdhlten  Unfein)  fal)  er,  mie  er  fagt, 
auerft  bas  map  re  ®elb  ber  inbifchen  Hautfarbe.  Ob  bie  SBilbung  ber 
^opfe  auf  21? a lifo lo  ber  2tatur  ober  ber  Äünftelei  auaufdfreiben  fei,  ober 
mie  meit  ftd)  bie  natürtid)e  Hautfarbe  ber  Gaffern  oon  ber  ber  5ftegern 
uttterfd)eibe,  unb  anbere  charafteriftifdfe  (Eigenfd)aften  mehr,  ob  fte  erblid) 


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93 


SSeftimmung  be3  SSegriffä  einer  Sftenfcfjenrnce. 

unb  Don  ber  fRat ur  felbft  in  ber  ©eburt,  ober  nur  gufäntg  eingebrücft 
feien,  wirb  fid)  bafjer  noch  lange  nidtjt  auf  entfcheibenbe  2lrt  ausmachen 
laffen. 


II. 

5  2Ran  iann  in  2lnfef)ung  ber  Hautfarbe  hier  ßlaffenunterfchiebe  ber 

9Renfd)en  annehmen. 

2öir  fennen  mit  ©etoihheit  nicht  mehr  erbliche  Unterfdjiebe  ber  £aut= 
färbe,  als  bie:  ber  Söeihen,  ber  gelben  (snbianer,  ber  flieg  er  unb 
ber  fupferfarbig  =  rotf)en  Slmerifaner.  SDierfmurbig  ift:  bah  biefe 
10  gljaraftere  ftd)  er  ft  Heb  barum  gur  Maffeneintf)eilung  ber  SKenfdjen» 
gattung  borgüglid)  gu  fd^iefen  feinen,  weil  jebe  biefer  klaffen  in  2tn= 
febung  ihres  Aufenthalts  fo  giemlid)  ifolirt  (b.  i.  bon  ben  übrigen  abge= 
fonbert,  an  ftd)  aber  bereinigt)  ift;  bie  klaffe  ber  SBeihen  bom  ©ap 
ganiSterrä  über  iRorbcap,  ben  Obftrom,  bie  fleine  23ud)arei,  fßerfien,  baS 
iS  ©lücfliche  Arabien,  Slbefftnien,  bie  nörblid)e  ©ränge  ber  SBüfte  Sara  bis 
jum  Beiden  Vorgebirge  in  Slfrifa  ober  ber  2Rüttbung  beS  Senegal;  bie 
ber  Sd)W  argen  bon  ba  bis  ©apo  fRegro  unb  mit  2tuSfd)liehnng  ber 
Gaffern  gurücf  nad)  Abefftnien;  bie  ber  ©eiben  im  eigentlichen  ^inboftan 
bi§  ©ap  jbomorein  (ein  ipalbfchlag  bon  itjnen  ift  auf  ber  anbern  ^>alb* 
20  infei  3jnbienS  unb  einigen  nahe  gelegenen  Unfein);  bie  ber  Äupferrothen 
in  einem  gang  abgefonberten  SBelttljeile,  nämlich  Slmerifa.  Oer  gweite 
©runb,  weswegen  biefer  ©Ijarafter  ftd)  borgüglid)  gur  klaffen  etntljeilung 
fehieft,  obgleich  ein  $arbenunterfd)ieb  manchem  feljr  unbebeutenb  bor= 
fommen  mochte,  ift:  bah  bie  ülbfonberung  burd)  SluSbünftung  baS 
25  michtigfte  Stücf  ber  Vorforge  ber  fRatur  fein  muh,  fo  fern  baS  ©efdjöpf 
—  in  allerlei  Rimmels*  unb  ©rbftridj,  mo  eS  burd)  fiuft  unb  Sonne  fehr 
berfd)iebentlich  afficirt  wirb,  berfept  —  auf  eine  am  menigften  ber  Jbunft 
bebürftige  21  rt  auSbauren  foö,  unb  bah  bie  £aut,  als  Organ  jener  2lb= 
fonberung  betrachtet,  bie  Spur  biefer  Verfd)iebenheit  beS  5Raturd)arafterS 
30  an  ftd)  trägt,  welche  gur  @intf)eilung  ber  2Renfdjengattung  in  ftdjtbarlidj 
berfd)tebene  klaffen  berechtigt.  —  Übrigens  bitte  ich,  ^en  bisweilen  be= 
ftrittenen  erblichen  Unterfd^ieb  ber  Hautfarbe  fo  lange  einguräumen,  bis 
ftd)  gu  beffen  Veftätigung  in  ber  $olge  2lnlah  ftnben  wirb ;  ungleichen 
gu  erlauben,  bah  ich  annehme:  eS  gebe  feine  erbliche  VolfSdjaraftere  in 


94 


Seftimmuttg  beä  23egrip  einer  Sftenfdjenrctce. 


Slnfel)ung  btejer  Staturlioerei  met)r,  als  bie  genannten  üier;  lebiglid)  auS 
bem  ©runbe,  »eil  ftd)  jene  ßahl  be»eifen,  aufjer  it)r  aber  feine  anbere  mit 
©emi&pit  barpun  läfct. 

TTI. 

3n  ber  klaffe  ber  Sßeijjen  ift  aufeer  bem,  »aS  jur  SJtenfpengattung  über* 
haupt  gehört,  feine  anbere  djarafteriftifche  ©igenfpaft  noth»enbig 
erblip;  unb  fo  aup  in  ben  übrigen. 

Unter  uns  SBeifsen  giebt  eS  oiele  erbliche  Vefpaffenheiten,  bie  nipt 
jum  ©harafter  ber  ©attung  gehören,  morin  ftd)  Familien,  ja  gar  Völfer 
non  einanber  unterfcpiben;  aber  aup  feine  einzige  berfelben  artet  un* 
auSbleiblip  an,  fonbern  bie,  meld)e  bamit  behaftet  ftnb,  jeugen  mit 
anbern  non  ber  klaffe  ber  2Beif$en  aud)  Äinber,  benen  biefe  unterfpeibenbe 
23efd)affenb)eit  mangelt.  So  ift  ber  Unterfpieb  ber  blonben  $arbe  in 
(Dänemarf,  pngegen  in  Spanien  (nod)  mep  aber  in  Elften  an  ben 
Golfern,  bie  ben  SBeifeen  gejault  »erben)  bie  brünette  Hautfarbe  (mit 
iper  ^olge,  ber  Singen*  unb  Haarfarbe)  prrfpenb.  ©S  fann  fogar  in 
einem  abgefonberten  SSolf  biefe  lepte  $arbe  ope  SluSnahme  anerben  (»ie 
bei  benSinefern,  benen  blaue  Singen  läperlip  norfommen):  »eil  in  ben* 
felben  fein  Vlonber  augetroffen  »irb,  ber  feine  $arbe  in  bie  Beugung 
bringen  fönnte.  SlUein  »enn  bon  biefen  Vrunetten  einer  eine  blonbe  $rau 
pt,  fo  geugt  er  brünette  ober  aud)  blonbe  Äinber,  napbern  fie  auf  bie  eine 
ober  anbere  Seite  auSfplagen;  unb  fo  aud)  umgefept.  ßn  ge»iffen 
Familien  liegt  erblid»  Sd)»inbfud)t,  Spiefmerbett,  SBapfmn  u.  f.  ».; 
aber  feines  oon  biefen  unppbaren  erblipett  Übeln  ift  unausbleiblich 
erblid).  £)enn  ob  eS  gleich  Beffer  »äre,  folche  Verbinbungen  burch  einige 
auf  ben  ^amilienfplag  gerichtete  Slufmerffamfeit  beim  fpeirapen  forg* 
faltig  ju  üermeiben,  fo  habe  id)  bop  mehrmals  felbft  »apgenommen: 
ba§  ein  gefunber  2)?ann  mit  einer  fpminbfüptigen  $rau  ein  Äinb  sengte, 
baS  in  allen  ©eftptspgen  ptn  ähnelte  unb  babei  gefunb,  unb  auprbem 
ein  anbereS,  baS  ber  Vtutter  ähnlich  fah  unb  »ie  fie  fpminbfüptig  »ar. 
©ben  fo  pnbe  id)  in  ber  ©p  eines  Vernünftigen  mit  einer  $rau,  bie  nur 
aus  einer  Familie,  »orin  SBahnftnn  erblich,  felbft  aber  oernünftig  »ar, 
unter  üerfpiebenen  Hugen  nur  ein  »ahnfinnigeS  ftittb.  ^>ier  ift  3R  ach= 
artung;  aber  fte  ift  in  bem,  »orin  beibe  ©Itern  üerfpieben  ftnb,  nipt 
unauSbleiblip.  —  ©ben  biefe  fRegel  fann  man  aud)  mit  ßuoerfipt  bei  ben 


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Seflimmurtg  be-§  SBegriffS  einer  9Dfenf<feenrace. 

übrigen  -Klaffen  jutn  ©runbe  legen.  Sieger,  Snbianer  ober  Slmerifaner 
^aöen  aucfe  ifere  perfönlicfee  ober  Familien»  ober  proüingietle  2Serfcfeieben= 
feiten;  aber  feine  berfelben  trtirb  in  33ermifcfeung  mit  benen,  bie  oon  ber= 
felben  -Klaffe  ftnb,  feine  refpectioe  ©igentfeümlicfefeit  unausbleiblich 
5  in  bie  Beugung  bringen  unb  fortpflan^en. 

IV. 

Sn  ber  23ermifcfeung  jener  genannten  oier  klaffen  mit  einanber  artet  ber 
©fearafter  einer  jeben  unauSbleiblicfe  an. 

2)er  Beifee  mit  ber  Negerin  unb  umgefefert  geben  ben  Bulatten 
10  mit  ber  Snbianerin  ben  gelben  unb  mit  bem  Slmerifaner  ben  rotfeen 
3)teftijen;  ber  Slmerifaner  mit  bem  Dteger  benfcfemarpn-Karaiben  unb 
umgefefert.  (3)ie  SSermifcfeung  beS  SnbierS  mit  bem  sfteger  ^Qt  man  uod) 
triefet  oerfucfet.)  £)er  ©fearafter  ber  klaffen  artet  in  ungleicfeartigen  33er» 
mijcfeungen  unauSbleiblicfe  an,  unb  eS  giebt  feieoon  gar  feine  2Ius= 
is  nafeme;  mo  man  beren  aber  angefüfert  finbet,  ba  liegt  ein  Bifeberftanb 
pm  ©runbe,  inbem  man  einen  Üllbino  ober  -Kaferlaf  (beibeS  Bifege= 
bürten)  für  Beifee  gefealten  feat.  ©iefeS  Unarten  ift  nun  feberjeit  beiber= 
feitig,  niemals  blofe  einfeitig  an  einem  unb  bemfelben  -Kinbe.  2)er  meifee 
SSater  brücft  ifem  ben  ©fearafter  feiner  -Klaffe  unb  bie  fcfemarje  Butter  ben 
20  iferigen  ein.  ©S  mufe  alfo  feberpit  ein  Bittelfcfelag  ober  Saftarb  ent» 
fpringen,  melcfee  SSlenblingSart  in  mefer  ober  toeniger  ©Hebern  ber 
Beugung  mit  einer  unb  berfelben  -Klaffe  allmäfelig  erlöfcfeen,  menn  fte  ficfe 
aber  auf  ifereS  gleichen  einfcferanft,  ficfe  ofene  SluSnafeme  ferner  fortpflanjen 
unb  bereinigen  rairb. 


23etradfetung  über  baS  ©efefe  ber  notfemenbig  fealbfcfelacfetigen  Beugung. 

©S  ift  immer  ein  fefer  merfmürbigeS  ^feänomen:  bafe,  ba  es  fo  mancfee, 
pm  2feeil  micfetige  unb  fogar  familienmeife  erblicfee  ©fearaftere  in  ber 
Benfefeengattung  giebt,  ficfe  bocfe  fein  einziger  innerfealb  einer  burcfe  blofee 
30  Hautfarbe  cfearafterifirten  Benfifeenflaffe  finbet,  ber  notfemenbig  anerbt; 
bafe  btefer  tefetere  ©fearafter  feingegen,  fo  geringfügig  er  aucfe  fcfeeineit  mag, 
bocfe  fomofel  innerfealb  biefer  -Klaffe,  als  aucfe  in  ber3?ermifcfeung  berfelben 


96 


Seftimmuttg  be§  93 cgrtff ä  einer  9J?enfd)enrace. 


mit  einer  ber  brei  übrigen  allgemein  unb  unausbleiblich  anartet.  2Siel= 
leidjt  läjjt  fid)  aus  biefern  feltfamen  Phänomen  etwas  über  bie  Urfad)en 
beS  2lnartenS  folher  ©igenfhaften,  bie  nid^t  wefentlid)  pr  ©attung 
gehören,  blof  auS  bem  Umftanbe,  baff  fie  unausbleiblich  jinb,  mutlj= 
waffen. 

ßuerft:  was  bap  beitrage,  baff  überhaupt  etwas,  baS  nid)t  pm 
Söefen  ber  ©attung  gehört,  anerben  fönne,  a  priori  auSpmad)en,  ift  ein 
mifelid)e§  Unternehmen;  unb  in  biefer  £)unfelf)eit  ber  ©rlenntniffquelleu 
ift  bie  Freiheit  ber  -fppothefen  fo  uneingefhränft,  baf$  eS  nur  Schabe  um 
alle  3J?ü£)e  unb  Arbeit  ift,  fid)  beSfallS  mit  SBiberlegungen  p  befaffen, 
inbem  ein  feber  in  folgen  fallen  feinem  Äopfe  folgt.  3h  meines  2d)eilS 
fet)e  in  foldjen  t5aUen  nur  auf  bie  befcnbere  SSernunftmapime,  wooon 
ein  feber  auSgel)t,  unb  nach  weld)er  er  gemeiniglich  auch  $acta  aufptreiben 
weif),  bie  jene  begünftigen;  unb  fud)e  nachher  bie  meinige  auf,  bie  mid) 
gegen  alle  fene  ©rflärungen  ungläubig  mäht,  ehe  id)  mir  nod)  bie  ©egen= 
grünbe  beutUh  p  mähen  weif).  2Benn  ih  nun  meine  9)?apime  bewährt, 
bem  SSernunftgebraud)  in  ber  ^aturmiffenfhaft  genau  angemeffen  unb 
pr  confequenten  2)en!ungSart  allein  tauglich  befinbe:  fo  folge  ih  ihr, 
ohne  mih  an  fene  üorgeblid)en  $acta  p  lehren,  bie  ihre  ©laubhaftigfeit 
unb  ßuldnglihfeit  pr  angenommenen  .jpppothefe  faft  allein  non  jener 
einmal  gewählten  Daphne  entlehnen,  benen  man  überbem  ohne  ?D?ü he 
hunbert  anbere  $acta  entgegenfeijen  fann.  2)aS  Sltterben  burd)  bie 
Sßirfung  ber  ©inbilbungSfraft  fhmangerer  grauen,  ober  auh  wohl  ber 
Stuten  in  Sftarftällen;  baS  SluSrupfen  beS  33artS  ganjer  üBölferfhaften, 
fo  wie  baS  Stufen  ber  Schwätze  an  englifdjen  ^ferben,  woburh  bie 
datier  genöthigt  werbe,  aus  ihren  Beugungen  ein  sProbuct,  worauf  fie 
uranfdnglih  organifirt  war,  nahgerabe  weg  p  laffen;  bie  gepldtfhten 
Olafen,  weihe  anfänglich  non  ©Itern  an  neugebornen  Äinbern  gefünftelt,  in 
ber  $otge  non  ber  91atur  in  ihre  geugenbe  Äraft  aufgenommen  waren :  biefe 
unb  anbre  ©rflärungSgrünbe  würben  wohl  fdjwerlid)  burh  bie  p  ihrem 
23ef)uf  angeführten  fyacta,  benen  man  weit  beffer  bewährte  entgegenfepen 
fann,  in  ©rebit  fommen,  wenn  fee  nicht  non  ber  fonft  ganj  rihtigen 
Wapinte  ber  Vernunft  ihre  ©mpfehlung  befdmen,  nämlih  biefer:  eher 
alles  im  üntuthmafen  aus  gegebenen  ©rfheinungen  p  wagen,  als  p 
beren  23ef)uf  befonbere  erfte  ?ftaturfräfte  ober  anerfhaffene  Anlagen  anp= 
nehmen  (nah  hem  ©runbfat)e:  principia  praeter  necessitatem  non  sunt 
multiplicanda).  Allein  mir  fleht  eine  anbere  ÜUiapime  entgegen,  weihe 


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äSeftimmung  beg  93egriff§  einer  Sfenfdjenrace. 


97 


jene  Don  5er  ©rfparung  entbehrlicher  ißrincipien  einfcpränft,  nämtid^ :  bah 
in  ber  ganzen  organifcpen  Diatur  bei  allen  SSerdnberungen  einzelner  @e= 
|d)ßpfe  bie  ©pecieS  berfelben  fiel)  unoeränbert  erhalten  (nach  ber  formet 
ber  Schulen:  qnaelibet  natura  est  conservatrix  sui).  3hm  ift  eS  flar:  bah, 
s  menn  ber  Bauberfraft  ber  ©inbübung,  ober  ber  Äfinftelei  ber  SDtenfdfjen 
an  tpierifepen  Körpern  ein  Vermögen  gitgeftanben  würbe,  bie  BeugungS* 
traft  felbft  abjuänberu,  baS  uranfängliche  SJfobeU  ber  ttiatur  umzuformen, 
ober  burch  Bufäpe  zu  oerunftalten,  bie  gleichwohl  nachher  beharrlich  in 
ben  folgenben  Beugungen  aufbehalten  mürben,  man  gar  nicht  mehr  wiffen 
io  mürbe,  oon  meinem  Originale  bie  Sttatur  ausgegangen  fei,  ober  mie  weit 
eS  mit  ber  Abänderung  beffelben  gehen  tonne,  unb,  ba  ber  SJtenfcpen  ©in= 
bilbung  feine  ©rangen  ertennt,  in  melche  grapengeftalt  bie  ©attungen 
unb  Arten  zulept  noch  Dermilbern  bürften.  Oiefer  ©rmägung  gemdh 
nehme  ich  e§  mir  jum  ©runbfape:  gar  feinen  in  baS  BeugungSgefchäft  ber 
iS  SRatur  pfufepenben  (äinfluh  ber  ©inbilbungSfraft  gelten  zu  taffen  unb  fein 
Vermögen  ber  fTOcnfcpen,  burch  duhere  Äünftelet  Abänderungen  in  bem 
alten  Original  ber  ©attungen  ober  Arten  zu  bemirfen,  folche  in  bie 
BeugungSfraft  zu  bringen  unb  erblich  zu  machen.  Oenn  laffe  ich  auch  nur 
©inen  $atl  biefer  Art  ju,  fo  ift  eS,  als  ob  ich  auch  nur  eine  einzige  ©e= 
20  fpenftergefcf)i(hte  ober  Bauberei  einräumte.  Oie  Scpranfen  ber  SSernunft 
find  bann  einmal  durchbrochen,  unb  berSBapn  brängt  fich  bei  kaufenden 
burch  btefelbe  Sücfe  burd).  ©S  ift  auch  feine  ©efapr,  bah  i<h  bei  biefent 
©ntfehluffe  mich  Dorfeplicp  gegen  mirfliche  ©rfahrungen  blinb  ober,  melcpeS 
einerlei  ift,  oerftoeft  ungläubig  machen  mürbe.  Oenn  alle  bergleichen 
25  abenteuerliche  ©räuguiffe  tragen  ohne  itnterfcpieb  baS  Kennzeichen  an  fich, 
ba  fte  gar  fein  ©pperiment  oerftatten,  fonbern  nur  burch  Aufpafcpung 
zufälliger  SBahrnepmungen  bemiefen  fein  motten.  AßaS  aber  Don  ber  Art 
ift,  bah  ab  eS  gleich  beS  ©pperimentS  gar  mopl  fähig  ift,  bennod)  fein 
einziges  auSpält,  ober  ihm  mit  allerlei  SSormanb  beftänbtg  auSmeicpt:  baS 
30  ift  nichts  als  SBapn  unb  ©rbichtuug.  OieS  ftnb  meine  ©rünbe,  marum  ich 
einer  ©rflärungSart  nicht  beitreten  fann,  bie  bem  fchmärmerifchen  £ange 
Zur  magifcpenKunft,  melctjer  jebe,  auch  bie  fleinfte  ^Bemäntelung  ermünfept 
fommt,  im  ©runbe  SSorfcpub  tput:  bah  nämlid)  baS  Unarten,  felbft  aud) 
nur  ba§  zufejüföe,  welches  niept  immer  gelingt,  jemals  bie  SBirfung 
35  einer  anberen  Urfacpe,  als  ber  in  ber  ©attung  felbft  tiegenben  Keime  unb 
Anlagen  fein  fönne. 


Ännt’ö  Schriften.  SBerfe.  VIII. 


7 


98 


gkftimmung  beS  iöegriffä  einer  9D?enfd;enrace. 


SBenn  id)  aber  gleich  aus  zufälligen  ©inbrücfeit  entfpringenbe  unb 
bennod)  erblich  merbenbe  ©haraftere  einräumen  rnotlte:  fo  mürbe  eS  bod) 
unmöglich  fein,  baburd)  31t  erflären,  mie  jene  oier  Farbenunterfhiebe  unter 
allen  anerbenben  bie  einzigen  ftnb,  bie  unausbleiblich  anarten.  2BaS 
fann  anberS  bie  Urfa^e  hiebon  fein,  als  bah  fie  in  ben  keimen  beS  uns 
nnbefannten  urfprünglid)en  Stammes  ber  9)ienfd)engattung  unb  zmar  als 
fold)e  9fiaturanlagen  gelegen  haben  muffen,  bie  zur  Erhaltung  ber  ©attung 
menigftenS  in  ber  erften  ©poche  ihrer  Fortpflanzung  nothmenbig  ge= 
hörten  unb  balfer  in  ben  folgenben  Beugungen  unausbleiblich  oorfontmen 
mußten? 

2öir  merben  alfo  gebrungen  anzunehmen:  bah  eS  einmal  oer= 
fchiebene  Stämme  oon  fDtenfchen  gegeben  habe,  ungefähr  in  ben  2Bot)ix= 
fipen,  morin  mir  fie  fept  antreffen,  bie,  bamit  fid)  bie  ©attung  erhielte, 
oon  ber  Statur  ihren  oerfhiebenen  2Beltftrid)en  genau  angemeffen,  mithin 
auch  oerfhiebentlih  organifirt  maren;  monon  bie  viererlei  Hautfarbe  baS 
äuhere  Kennzeichen  ift.  SDiefe  mirb  nun  einem  feben  Stamme  nicht  allein 
in  feinem  SBohnfitje  nothmenbig  anerben,  fonbern,  menn  fid)  bie  fDtenfhen* 
gattung  fhon  genugfam  geftärft  hat  (eS  fei,  bah  nur  nah  unb  nah  bie 
oöüige  ©ntmicfelung  §u  Stanbe  getommen,  ober  burd)  aUmähligen  @e= 
brauh  ber  Vernunft  bie  Kunft  ber  SRatur  hat  Seihülfe  leiften  fönnen), 
fth  aud)  in  febem  anberen  ©rbftrihe  in  allen  Beugungen  eben  berfelben 
Klaffe  unoerntinbert  erhalten.  2)enn  biefer  ©harafter  hängt  ber  BeugungS* 
fraft  nothmenbig  an,  meil  er  zur  ©rhaltung  ber  2lrt  erforberlih  mar.  — 
SBären  biefe  Stämme  aber  urfprün  glich,  fo  liehe  eS  fth  gar  nicht  er= 
Hären  unb  begreifen,  marunt  nun  in  ber  mehfelfeitigen  2ßermifd)ung  ber= 
felben  unter  einanber  ber  ©harafter  ihrer  2ßerfd)iebenheit  gerabe  unauS= 
bleiblth  anarte,  mie  eS  bod)  mirHid)  gefhiept.  £)enn  bie  %atur  hat 
einem  feben  Stamm  feinen  ©harafter  urfprünglih  tu  Beziehung  auf  fein 
Klima  unb  zur  2lngemeffenl)eit  mit  bemfelben  gegeben.  3)ie  Organifation 
beS  einen  hat  alfo  einen  ganz  anberen  Broecf,  als  bie  beS  anberen;  unb  bah 
bent  ungeachtet  bie  BeugungSfräfte  beiber  felbft  in  biefem  fünfte  ihrer 
haratteriftifhen  33erfhiebenheit  fo  zufammen  paffen  foUten,  bah  barauS 
ein  fHüttelfhlag  nid)t  bloh  entfpringen  tönne,  fonbern  fogar  unauSbleib* 
lih  erfolgen  müffe:  baS  Iaht  fid)  bei  ber  äßerfhiebenheit  urfprüngliher 
Stämme  gar  nicht  begreifen,  fftur  aisbann,  menn  man  annimmt,  bah  in 
ben  keimen  eines  einzigen  erften  Stammes  bie  Einlagen  ju  aller 
biefer  flafftfdjen  2ßerfd)iebenl)eit  nothmenbig  haben  liegen  muffen,  bamit 


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äSeftimmuttg  be3  23egriff§  einer  Sftenfdjenrace. 


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er  p  aHmäJ)Itger  23eoölferung  ber  oerfd)iebenen  SBeltftriche  tauglich  fei, 
läfst  ftd)  üerftefjen:  marurn,  menn  biefe  Anlagen  ftd)  gelegentlich  unb  biefem 
gemäfe  aud)  üerfchiebentlich  augmicfelten,  oerfd)iebene  klaffen  oon  3J?en= 
fd)en  entfielen,  bie  aud)  ihren  beftimmten  ©jarafter  in  ber  $olge  noth= 
5  menbig  in  bie  Beugung  mit  jeber  anbern  klaffe  bringen  mußten,  meil  er 
pr  9)töglid)feit  ihrer  eigenen  ©fiftenj,  mithin  auch  ber  2)?öglichfeit  ber 
gortpflanpng  ber  2lrt  gehörte  unb  non  ber  ttotlpenbigen  erften  Anlage 
in  ber  Stammgattung  abgeleitet  mar.  $on  folgen  unausbleiblich  unb 
par  felbft  in  ber  23ermifd)ung  mit  anberen  klaffen  bennod)  h^löfchlnchtig 
10  anerbenben  ©igenfchaften  ift  man  alfo  genötl)igt,  auf  biefe  ihre  Ableitung 
Uon  einem  einigen  «Stamme  p  fchliefjen,  meil  ohne  biefen  bie  9iotf)men= 
bigfeit  beS  2lnartenS  nicht  begreiflich  wäre. 


VI. 

9tur  ba§,  maS  in  bem  Älaffenunterfchiebe  ber  9)?enfd)engattung  unauS  = 
15  bleiblich  anerbt,  fann  p  ber  Benennung  einer  befonbern  2ltenfd)enrace 

berechtigen. 

©igenfchaften,  bie  ber  ©attung  felbft  mefentlich  angehören,  mithin 
allen  9)?enfcf)en  als  folchen  gemein  ftnb,  ftnb  par  unauSbleiblid)  erblich; 
aber  meil  barin  fein  Unterfchieb  ber  9)tenfd)en  liegt,  fo  mirb  auf  fie  in  ber 
20  (Sintheitung  ber  9tacen  nicht  3ftücfftd)t  genommen.  ißhhfif<he  Ghoraftere, 
moburch  ftd)  2f?enfd)en  (ohne  Unterfchieb  beS  ©efd)led)tS)  oon  einanber 
unterfdjeiben,  unb  par  nur  bie,  melche  erblich  ftnb,fommen  in33etracf)t 
(f.  §111),  um  eine  ©intheilung  ber  ©attung  in  Älaffen  barauf  p  grfmben. 
SMefe  klaffen  ftnb  aber  nur  aisbann  9tacen  p  nennen,  mentt  jene 
25  ©haraftere  unausbleiblich  (fomohl  in  ebenberfelben  klaffe,  als  in  5ßer= 
mifchung  mit  jeber  anberen)  anarten.  £)er  SSegriff  einer  9taee  enthalt  alfo 
erftlid)  ben  begriff  eines  gemeinfchaftlicben  Stammes,  peitenS  nott)= 
menbig  erbliche  ©haraftere  beS  flaffifchen  UnterfchiebeS  ber  2lb= 
föntmlinge  beffelben  oon  einanber.  2)urd)  baS  lejjtere  merben  fid)ere 
30  UnterfdjeibungSgrünbe  feftgefejU,  mornach  mir  bie  ©attung  in  Älaffeu 
eintheilen  fönnen,  bie  bann  megen  beS  erfteren  ijßunftS,  nämlich  ber  ©in= 
heit  beS  Stammes,  feineSmegeS  Slrten,  fonbern  nur  9ftacen  heifeen 
muffen.  S)ie  Älaffe  ber  SBeifcett  ift  nicht  als  befonbere  2lrt  in  ber  9D?enfd)en= 

7* 


100 


Söeftimmung  bed  SSegriffd  einer  3)tenfd)enrace. 


gattung  oon  ber  ber  Schmarren  unterfd)ieben;  unb  eS  giebt  gar  feine  oer= 
fd)iebene  Wirten  non  2Jtenfd)en.  3)aburd)  mürbe  bie  ©inpeit  beS 
@tatnme§,  morauS  fie  Ratten  entspringen  tonnen,  abgeleugnet;  moju  man, 
mie  aus  ber  unausbleiblichen  Slnerbung  ihrer  flaffifd)en  ß^araftere  be= 
miefen  morben,  feinen  ©runb,  oielmetjr  einen  fefjr  midftigen  ;;um  ©egen= 
tt)eil  hat.*) 

®er  begriff  einer  3^ace  ift  alfo:  ber  $laffenunterfd)ieb  ber 
2;f)iere  eines  unb  beweiben  Stammes,  fo  fern  er  unauS* 
bleiblich  e r b l i <±)  ift. 

£>aS  ift  bie  23eftimmung,  bie  id)  in  biefer  2lbt)anblung  gur  eigent= 
litten  Slbfictjt  habe;  bas  Übrige  fann  man  als  jur  9tebenabfid)t  gehörig, 
ober  blope  Butljat  anfepen  unb  eS  annehmen  ober  oermerfen.  fftur  baS 
erftere  Ifalte  id)  für  bemiefen  unb  überbem  jur  5ßad)forfd)ung  in  ber 
9taiurgefd)id)te  als  fjßrincip  brauchbar,  meil  eS  eines  ©pperimentS  fät)tg 
ift,  meines  bie  Stnmenbung  jenes  ^Begriffs  fid)er  leiten  fann,  ber  ol)ne 
jenes  fcpmanfenb  unb  unftdjer  fein  mürbe.  —  SBenn  üerfd)iebentlid)  ge1 
ftattete  5Dtenfd)en  in  bie  Hmftänbe  gefegt  merben,  fid)  ju  oermifd)en,  fo 
giebt  eS,  menn  bie  Beugung  f)albfd)lad)tig  ift,  fd)on  eine  ftarfe  23er= 
mutfjung,  fie  mosten  mof)l  51t  t>erfd)iebenen  Sftacen  gehören;  ift  aber  biefeS 
fßrobuct  ibjrer  2krmifd)ung  jeberjeit  ^albfd)ldd)tig,  fo  mirb  jene  SSer* 
mutfjung  jur  ©emifcheit.  ^Dagegen  menn  aud)  nur  eine  einzige  Beugung 
feinen  fD?ittelfd)lag  barfteüt,  fo  fann  man  gemifj  fein,  baff  beibe  ©Itern 
oon  berfelben  ©attung,  fo  üerfd)ieben  fte  aud)  ausfeiten  mögen,  bennod)  ju 
einer  unb  berfelben  Dfctce  gehören. 

3d)  fjabe  nur  oier  D^acen  ber  9Jtenfd)engattung  angenommen:  nid)t 
als  ob  id)  gan^  gemife  mare,  eS  gebe  nirgenb  eine  Spur  oon  nod)  mehreren ; 

*)  2lnföttglid),  menn  man  blof;  bie  (Sbataftere  ber  Sergleidjung  (ber  2lf)nlid)feit 
ober  Unäbnltd)fett  nad))  oor  Stngen  f)at,  erhält  man  Ät affen  oon  ®efd)öpfen  unter 
einer  ©attung.  (Siebt  man  ferner  auf  itjre  Stbftammung,  fo  muff  fid)  feigen,  ob  jene 
Ä'taffen  eben  fo  oiel  oerfdjiebene  2lrten,  ober  nur  3t acen  feien.  2)er  2Bolf,  ber  guä)d, 
ber  Safat,  bie  ^)t)äne  unb  ber  &audbitnb  finb  fo  oiet  Maffen  Dtetfüfjiger  S£t)iere. 
Stimmt  man  an:  baff  jebe  berfelben  eine  befonbere  Ülbftammung  beburft  habe,  fo  finb 
ed  fo  oiet  2lrtett;  räumt  man  aber  ein,  baf;  fie  and)  oon  einem  Stamme  haben  ent= 
fpringen  Jönnen,  fo  finb  fie  nur  Stacen  beffetben.  2t rt  unb  ©attung  finb  in  ber 
9taturgefd)id)te  (in  bered  nur  um  bie  ©rjeugung  unb  beit  2tbftamm  ju  tt)un  ift)  an 
fid)  nidjt  unterf cbieben.  3n  ber  9taturbef<hretbuttg,  ba  ed  blofe  auf  33ergleid)nng  ber 
SRerfmale  anfommt,  finbet  biefer  ttnterfd)ieb  allein  ftatt.  2Bad  hier  21  rt  Reifet,  muff 
bort  öfter  nur  3tace  genannt  merben. 


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Befiimmung  beg  iöegrtffä  einer  3)ien)cf)enrace.  \()\ 

fonbern  weil  bloh  an  biefen  bas,  was  id)  jum  (Eharafter  einer  Bace  forbere, 
nämlich  bie  f)alb[ct)läcf)tige  Beugung,  ausgemacht,  bei  feiner  anberen 
3Jie.nfct)enflaffe  aber  genugfam  bewiefen  ift.  <So  fagt  £err  B  alias  in 
feiner  Beitreibung  ber  mongolifd)en  Bölferfd)aften:  bah  bie  erfie  ßeugung 
5  non  einem  Muffen  mit  einer  grau  ber  lederen  Bölferfd)aft  (einer  B  ur  ä  t  i  n) 
fcfjon  fofort  fdjöne  Äinber  gebe;  er  merft  aber  nicht  an,  ob  gar  feine  (Spur 
be<§  falmücfifd)en  ItrfprungS  an  benfelben  anjutreffen  fei.  (Sin  merfroürbiger 
Umftanb,  menn  bie  Bermengung  eines  Bfongolen  mit  einem  (Europäer  bie 
djarafteriftiften  Büge  beS  erftern  gänzlich  auSlöfdjen  foüte,  bie  bod)  in  ber 
io  Bermengung  mit  füblid)ern  Bölferfdiaften  (oermuthlid)  mit  gitbianern) 
an  ben  ©inefen,  SlDanern,  Malaien  u.  f.  m.  mehr  ober  meniger 
fenntlid)  nod)  immer  anjutreffen  finb.  2lHein  bie  mongolifd)e  (Eigentl)üm= 
litfeit  betrifft  eigentlich  bie  ©eftalt,  nicht  bie  garbe,  Don  meld)er  allein 
bie  bisherige  Erfahrung  eine  unau§bleiblid)e  Ülnartung  als  ben  (Eharafter 
15  einer  Bace  gelehrt  hat.  B?an  fann  auch  nicht  mit  ©ewihheü  auSmad)en, 
ob  bie  Gaffern g eftalt  ber  BapuaS  unb  ber  ihnen  ähnlichen  Derfdpebenen 
gnfelbeiüohner  beS  (Stillen  BfeereS  eine  befonbere  Bace  an^eige,  weil 
man  baS  Brobuct  aus  ihrer  Bermifchung  mit  SBeifsen  nod)  nid)t  fennt; 
benn  Don  ben  Begern  finb  fie  burd)  ihren  bufchichten,  obgwar  gefräufelten 
üo  Bart  hinreichenb  unterfd)ieben. 

Slnmerfung. 

(Gegenwärtige  Theorie,  welche  gewiffe  urfprünglidje,  in  bem  erften 
unb  gemeinfchaftlidjen  B?enfd)enftamm  auf  bie  jejjt  Dorhanbenen  Bacen* 
unterfd)iebe  ganj  eigentlich  angelegte  ^eime  annimmt,  beruht  gän^ 
25  lieh  anf  ber  ttuauSbleiblichfeit  ihrer  Slnartung,  bie  bei  ben  Dier  genannten 
Bacen  burd)  alle  (Erfahrung  beftätigt  wirb.  2Ber  biefen  (SrflärungSgrunb 
für  unnötige  BerDielfdltigung  ber  Brincipien  in  ber  Baturgefd)id)te  hält 
unb  glaubt,  man  fönne  begleichen  fpecielle  Baturanlagen  gar  wohl  ent* 
behren  unb,  inbem  man  ben  erften  (Elternftamm  als  weife  annimmt,  bie 
so  übrigen  fogenannten  Bacen  aus  ben  in  ber  golge  burd)  ßuft  unb  (Sonne 
auf  bie  fpätern  Bad)fömmlinge  gefefeehenen  (Einbrücfen  erfldren:  ber  hat 
aisbann  nod)  nichts  bewiefen,  wenn  er  anführt:  bah  mand)e  anbere  (Eigen* 
thümlidfefert  blofe  aus  bem  langen  2öohnftf?e  eines  Bolf'eS  in  eben  bem* 
felben  ßanbftridje  auch  wohl  enblid)  erblich  geworben  fei  unb  einen  pf)hft* 
35  fd)en  BolfScharafter  ausmache,  (Er  muh  üon  ber  UuauSbleiblid)feit 
ber  Slnartung  fold)er  (Eigenthümlid)feiteu  unb  jwar  nicht  in  bemfelbeu 


102 


SBefttmmuitg  be>5  93egrtffö  einer  5D?enfd)cnrace. 


23olfe,  fonbern  in  ber  23ermifd)ung  mit  jebem  anbent  (baS  barin  oou  ii)m 
abmeidht),  fo  baff  bie  Beugung  ohne  Ausnahme  fyalbfd)lää)tig  ausfalle, 
ein  23eifpiel  anführen.  ©iefeS  ift  er  aber  nicht  im  ©tanbe  ju  leiften. 
©enn  eS  finbet  ftd)  non  feinem  anbern  (El)arafter  als  bem,  beffen  mir 
ermähnt  haben,  unb  mooon  ber  Anfang  über  alle  ©efdhidhte  htnauSgeht, 
ein  Seifpiel  ju  biefem  23el)uf.  SBollte  er  lieber  t>erfd)iebeue  er fte 
2Jienfdhenftämnie  mit  begleichen  erblichen  (Eharafteren  annehmen:  fo 
mürbe  erftlid)  baburd)  ber  Ißhilofophie  mentg  gerätsen  fein,  bie  aisbann 
ju  oerfchiebenen  ©efd)öpfen  ihre  3ufXuct)t  nehmen  müfste  unb  felbft  babei 
bod)  immer  bie  (Einheit  ber  Gattung  einbüfjte.  ©enn  2f)iere,  beren  $er= 
fd)iebenheit  fo  grofs  ift,  baff  gu  beren  (Epiftenj  eben  fo  oiel  oerfdhiebene 
(Erfdhaffungen  notfjig  mären,  fönnen  mof)l  ju  einer  Dtominalgattung 
(um  fie  nad)  gemiffen  2lf)nlid)feiten  ju  flafftftciren),  aber  niemals  ju  einer 
Stealgattung,  als  ju  melier  burdhauS  menigftenS  bie  Sftöglichfeit  ber 
Slbftammung  oon  einem  einzigen  Ißaar  erforbert  mirb,  gehören.  ©ie 
leptere  aber  ju  finben,  ift  eigentlich  ein  ®efd)äft  ber  5ftaturgefdhichte;  mit 
ber  erfteren  fann  fid)  ber  9taturbef dfreiber  begnügen.  Slber  auch  aisbann 
mürbe  Reitens  bod)  immer  bie  fonberbare  ptbereinftimmung  ber 
BeugungSfräfte  ^meier  oerfcfjiebenen  Gattungen,  bie,  ba  fie  in  Slnfeljung 
ifjreS  UrfprungS  einanber  ganj  fremb  ftnb,  bennod)  mit  einanber  frud)t< 
bar  oermifd)t  merben  fönnen,  gang  umfonft  unb  ohne  einen anberen  ©runb, 
als  bafc  es  ber  üftatur  fo  gefallen,  angenommen  merben.  2Biü  man,  um 
biefeS  festere  ju  betreifen,  ©Ijiere  anführen,  bei  benen  biefeS  ungeachtet 
ber  23erfd)iebenl)eit  if)reS  erften  ©tarnmeS  bennod)  gefcbehe:  fo  mirb  ein 
feber  in  folgen  fällen  bie  leptere  SSorauSfepung  leugnen  unb  üieltnehr 
eben  barauS,  bafe  eine  fold)e  fruchtbare  23ermifd)ung  ftatt  finbet,  auf  bie 
(5inf)eit  beS  ©tarnmeS  fd)lief)en,  mie  aus  ber  33ermifd)ung  ber  .fpunbe 
unb  güdhfe  u.  f.  m.  ©ie  unausbleibliche  Inartung  beiberfeitiger 
(Eigentl)ümtid)feiten  ber  (Eltern  ift  alfo  ber  einzig  mahre  unb  zugleich  l)in= 
reid)enbe  ^ßrobirftein  ber  SBerfdpiebenheit  ber  D^acen,  moju  fie  gehören,  unb 
ein  23emeiS  ber  (Einheit  beS  ©tammeS,  morauS  fie  entfprungen  jinb: 
nämlidh  ber  in  biefem  ©tamm  gelegten,  ftd)  in  ber  golge  ber  Beugungen 
entmicfelnben  urfprünglidhen  ifeime,  ohne  meldhe  jene  erblichen  2Rannig^ 
faltigfeiten  nicht  mürben  entftanben  fein  unb  oornehmlidh  nicht  hätten 
nothmenbig  erblich  merben  fönnen. 

©aS  Btoecfmähige  in  einer  Drganifation  ift  hoch  ber  allgemeine 
®runb,  morauS  mir  auf  urfprünglidh  in  bie  9latur  eines  ®efd)öpfs  in 


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SBeftimmung  be<§  33egrtffä  einer  Sienf^enrace. 


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biefer  2lbfid)t  gelegte  ßurüftung  unb,  wenn  biefer  ßtoetf  nur  fpäter^in  p 
erretten  toar,  auf  anerfhaffene  Jteirne  fhlfefjen.  9iun  ift  biefeS  ßmecf* 
mäßige  prnr  an  ber  @igenthümlid)feit  feiner  3face  fo  beutlicf)  p  bemeifen 
möglich,  als  an  ber  ftegerrace;  allein  baS  Seifpiel,  baS  non  biefer  allein 
5  fiergenommen  morbett,  berechtigt  uns  auch,  nah  ber  Slnalogie  eben  ber= 
gleichen  oon  ben  übrigen  menigftenS  p  oermuthen.  5Ran  meih  nämlich 
fehl:  bah  baS  2Renfd)enbIut  blofe  baburd),  bah  e§  mit  Wogifton  überlaben 
mirb,  fdjmarg  merbe  (mie  an  ber  unteren  Seite  eines  23lutfud)enS  p  fehen 
ift).  fftun  giebt  fchon  ber  ftarfe  unb  burd)  feine  ffteinlihfeü  p  oer= 
10  meibenbe  ©erud)  ber  ffteger  Slnlah  p  oermuthen,  bah  ihre  §aut  fel^r  oiel 
^hlogifton  au§  bem  33lute  »egfchaffe,  unb  bah  bie  «Ratur  biefe  £aut  fo 
organifirt  haben  müffe,  bah  baS  33lut  frch  bet  ihnen  in  meit  gröberem 
‘©taffe  burd)  fte  bep^legiftxfiren  fönne,  als  eS  bei  uns  gefehlt,  mo 
baS  letztere  am  meiften  ein  ©efdjäft  ber  Sunge  ift.  Allein  bie  ächten  Sieger 
iS  mohnen  aud)  in  2anbftrid)en,  morin  bie  £uft  burd)  biefe  Söälber  unb 
fumpfid)te  bemad)fene  ©egenben  fo  phlogiftifirt  mirb,  bah  nad)  Sinb’S 
SSeridgte  SobeSgefafjr  für  bie  englifd)en  SRatrofen  babei  ift,  auch  nur  auf 
einen  Sag  ben  ©ambiaftrom  hinauf  3U  fahren,  um  bafelbft  2fteifd)  ein= 
jufaufen.  üllfo  mar  eS  eine  oon  ber  Statur  fehr  meislid)  getroffene  Slnftalt, 
20  ih«  £aut  fo  p  organiftren,  bah  baS  23lut,  ba  eS  burd)  bie  ßunge  noch 
lange  nicht  ^hlogifton  genug  wegfdjafft,  jtd)  burch  jene  bei  meitem  ftärfer 
als  bei  unS  bephlogiftiftren  fönne.  ©S  muhte  alfo  in  bie  ©nben  ber 
Arterien  fehr  Diel  $l)logifton  hinfehaffen,  mithin  an  biefent  Drte,  baS  ift 
unter  ber  £aut  felbft,  bamit  überlaben  fein  unb  alfo  fdjmaq  burd)fd)einen, 
25  menn  eS  gleich  im  Snnern  beS  ÄörperS  roth  genug  ift.  Überbem  ift  bie 
23erfd)iebenl)eit  ber  Drganifation  ber  iRegerljaut  oon  ber  unfrigen  felbft 
nad)  bem  ®efüf)le  fchon  tnerflid).  —  2BaS  aber  bie  3*nedmähigfeit  ber 
Drganifation  ber  anbern  Iftacen,  fo  mie  fie  fid)  aus  ber  $arbe  fchliehen 
Xäht,  betrifft:  fo  fann  man  fie  freilich  mol)t  nicht  mit  gleicher  2Bal)rfd)ein= 
30  lieh  feit  barthun;  aber  eS  fehlt  hoch  auch  nicht  gan^  an  ©rflärungSgrünben 
ber  Hautfarbe,  melhe  jene  23ermutf)ung  ber  Bmecfmähigfeit  unterftüfjen 
fönnen.  2Benn  ber  Slbt  Montana  in  bem,  maS  er  gegen  ben  Dritter 
Sanbriaiti  behauptet,  nämlich:  bah  bie  fipe  Suft,  bie  bei  febem  2luS= 
athmen  aus  ber  gunge  geflohen  mirb,  nicht  aus  ber  Sltmofphäre  nieberge= 
35  fd)lagen,  fonbern  aus  bem  tßlute  felbft  gefommen  fei,  reht  hat:  fo  fönnte 
mol)l  eine  ©tenfdjenrace  ein  mit  biefer  Suftfäure  überlabeneS  SSlut  haben, 
melhe  bie  Sungen  allein  nicht  fortfhaffen  fönnten,  unb  mop  bie  £aut= 


104 


«Beftimmung  beä  iSegrip  einer  5Dienfcpnr«ce. 


gefäffe  nod)  ba§  irrige  beitragen  müßten  (freilid)  nid)t  in  fiuftgeftalt, 
fonbern  mit  anberem  auSgebünftetem  Stoffe  oerbunben).  2luf  biefem 
ftatt  mürbe  gebaute Suftfäure  ben  (Sifentpilcpn  im  2Stute  bie  rötpicp 
tRoftfarbe  geben,  meld)e  bie  §aut  ber  Slmerifeuter  unterfcpibet;  unb  bie 
Slnartung  biefer  £autbefd)affenpit  fann  ipe  üRotljmenbigfeit  bapr  be= 
tommen  pben,  baff  bie  feigen  tßemoper  biefe§  SBelttpilS  aus  bem 
SRorboften  oon  2lften,  mithin  nur  an  ben  lüften  unb  oielteicp  gar  nur 
über  baS  ©iS  beS  ©iSnteereS  in  ipe  feigen  SBopfip  pben  gelangen 
tonnen.  Das  Söaffer  biefer  fJReere  aber  muff  in  feinem  continuirlid)en 
©efrieren  aud)  continuirlid)  eine  ungeheure  2Renge  fperßuft  fahren  taffen, 
mit  meldjer  alfo  bieSltmofppre  bort  nermutpidj  tnep überlaben  feinmirb, 
all  irgenb  anbermartS;  für  beren  SBegfcpffung  bapr  (ba  fte,  eingeatfjmet, 
bie  fpe  ßuft  aus  ben  ßungen  nidjt  pnreicpnb  megnimmt)  bie  ÜRatur  put 
SSorauS  in  ber  Drganifation  ber  §aut  geforgt  pben  mag.  9Ran  miß  in 
ber  Dpt  and)  meit  meniger  Grmpfinblidjfeit  an  ber  £ant  ber  urfprüng* 
litten  Slmerifaner  mapgenommen  pben,  melcpS  eine  $o!ge  jener 
Drganifation  fein  tonnte,  bie  ftd)  nacper,  menn  fte  ftcf)  einmal  pnt 
JRacenunterfcpebe  entmidelt  pt,  aud)  in  marineren  Mimaten  erplt.  3ur 
Ausübung  ipeS  ©efdjäfteS  fann  eS  aber  aud)  in  biefen  an  Stoffe  nidjt 
fehlen;  benn  ade  ÜRapungSmittel  enthalten  eine  5Renge  per  Suft  in  ftd), 
bie  burd^S  SSlut  eingenommen  nnb  burd)  ben  gebauten  2Beg  fortgefcpfft 
merben  fann.  —  Das  flüchtige  31  If alt  ift  nod)  ein  Stoff,  ben  bie  fRatur 
au§  bem  Sölute  megfcpffen  muff;  auf  meldje  Slbfonberung  fte  gleichfalls 
gemiffe  Meinte  pr  befonberen  Drganifation  ber  £aut  für  biejenigen  2lb= 
föntmlinge  beS  erften  Stammet  angelegt  pben  mag,  bie  in  ber  erften 
3eit  ber  SluSmidetung  ber  2Renfd)pit  ipen  Slufentplttn  einem  trodenen 
unb  pipn  Sanbftricp  finben  mürben,  ber  ip  23 lut  oorpglid)  p  über* 
muffiger  ©rjeugttng  jenes  Stoffes  fapg  machte.  Die  falten  £änbe  ber 
3nbier,  ob  fte  gleich  mitScpeiff  bebedt  ftnb,  fdjeinen  eine  non  ber  unfrigen 
oerfd)iebene  Drganifation  p  beftätigen.  —  Dod)  eS  ift  menig  Dt  oft  für  bie 
Sßplofoppe  in  ©rfünftelung  oon^potpfen.  Sie  ftnb  inbeffen  bap  gut, 
um  allenfalls  einem  ©egner,  ber,  menn  er  gegen  ben  «fjaupfafj  nichts 
DüdjtigeS  einpmenben  meiff,  barüber  fropodt,  baff  baS  angenommene 
pittcip  nicht  einmal  bie  SRögltdjfeit  ber  ^pttomene  begreiflich  mad)en 
tonne,  —  fein  §potpfenfpel  mit  einem  gleichen,  menigftenS  eben  fo 
fcpinbaren  p  oergelten. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


Sefitmmung  be<3  23egrtff3  einer  2)tenfd)enrace. 


105 


Plan  mag  aber  ein  (Sftftem  anneftnten,  metd)eS  man  molle;  fo  i(t  boc^ 
fo  niel  gereift,  baft  bie  feftt  Dorftanbenen  fRacen,  menn  alle  Permifdpng 
berfelben  unter  einanber  üerftütet  mürbe,  nid)t  meftr  erlöfdjen  tonnen. 
3)ie  unter  ttnS  beftnblicften  ßigeuuer,  non  betreu  ermtefen  i[t,  baft  fie 
5  iftrem  Slbftamme  nad)  Sn  hier  ftnb,  geben  baoon  ben  beutlidjften 
23emeiS.  Plan  tann  iftrer  IKnmefenfteit  in  Europa  meit  über  breiftutibert 
Saftre  nacftfpüren;  unb  nod)  ftnb  fte  nieftt  im  minbeften  non  ber  ©eftalt 
iftrer  Sßorfaftren  auSgeartet.  ®ie  am  ©ambia  in  üfteger  auSgeartet  fein 
foUenbe  Portugiefen  ftnb  31bfömntlinge  non  Söeiften,  bie  fid)  mit 
10  <Sd)marpn  nerbaftert  ftaben;  bettn  mo  fteftt  es  berichtet,  unb  mie  ift  eS 
auct)  nur  maftrfcfteittlid),  baft  bie  erften  ftiefter  gefotnmenen  Portugiefen 
eben  fo  niel  meifte  2Beiber  mitgebracpt  ftätten,  biefe  aud)  äße  lange  genug 
am  geben  geblieben,  ober  burd)  aubere  SEBeifte  erfeftt  mären,  um  einen 
reinen  Slbftamm  non  Steiften  in  einem  frentben  SBelttfteile  p  grünben? 
jS  (Dagegen  ftnb  beffere  Pacftricftten  baoon :  baft  ^önig  Sofia nn  II.,  ber  non 
1481  bis  1495  regierte,  ba  ift  nt  alle  nad)  @4.  SlftomaS  abgefdfidte 
©oloniften  auSftarben,  biefe  Snfel  bttreft  lauter  getaufte  Subentinber  (mit 
portugiefifd)=d)riftlid)em  ©emiffen)  benölferte,  non  meld)en,  fo  niel  man 
meift,  bie  gegenmärtigen  Sßeiften  auf  berfelben  abftammen.  (Die  Peger= 
20  treolen  in  Porbamerita,  bie  ^»ollänber  auf  Sana  bleiben  iftrer  Pace  getreu. 
(Die  Scftntinle,  bie  bie  (Sonne  auf  iftrer  £aut  ftinptftut,  eine  litftlere  guft 
aber  mieber  megnimmt,  muft  man  nur  nid)t  mit  ber  ber  Pace  eigenen 
garbe  nermecftfeln;  benn  jene  erbt  bocft  niemals  an.  Plfo  müffen  ftd)  bie 
Äeinte,  bieurfprünglid)  in  ben  (Stamm  ber  Plenfcftengattung  ptSr^eugung 
25  ber  Pacen  gelegt  maren,  fefton  in  ber  älteften  Seit  nad)  bem  23ebürfnift 
beS  J^linta,  menn  ber  Pufentftalt  lange  baurete,  entmidelt  ftaben;  unb 
naeftbem  eine  biefer  Anlagen  bei  einem  SSolte  entmidelt  mar,  fo  löfeftte  fte 
alle  übrigen  gänjUcft  aus.  (Dafter  tann  man  and)  nieftt  anneftmen,  baft 
eine  in  gemiffer  Proportion  norgeftenbe  Plifdpng  nerfeftiebener  Pacen 
30  aud)  nod)  feftt  bie  ©eftalt  beS  PlenfcftenftammeS  aufs  neue  fterfteßeit 
tonne.  (Denn  fonft  mürben  bie  SSlenblinge,  bie  auS  biefer  ungleichartigen 
(Begattung  erzeugt  merbeit,  fid)  aud)  nod)  feftt  (mie  eftematS  ber  erfte 
(Stamm)  non  felbft  itt  iftren  Beugungen  bei  iftrer  Perpflanpng  in  oer= 
fbftiebeuen  Älimaten  mieberum  in  iftre  urfprünglid)e  Farben  prfeften, 
35  melcfteS  p  nermutften  man  burd)  leine  biSfterige  ©rfaftrung  beredjtigt 
mirb:  meit  aHe  biefe  (Baftarber^eugungen  in  iftrer  eigenen  meiteren  $ort= 
pflanpng  ftd)  eben  fo  beftarrlid)  erftalten,  als  bie  Pacen,  aus  beren 


106 


SSeftimmung  beä  ^Begriffs  einer  SKenfiäjenrace. 


3Sertntfd)ung  fie  entfprungen  finb.  2Bie  alfo  bie  ©eftalt  be§  erfteit 
2fienfd)enftamme§  (ber  ^autbefct)affen^eit  nad))  befd)affen  gewefen  fein 
möge,  ift  bafyer  je^t  unmöglid)  311  erraten;  felbft  ber  ßljarafter  ber 
SBeifjen  ift  nur  bie  ©ntmicfelung  einer  ber  urfprünglictyen  Anlagen,  bie 
nebft  ben  übrigen  in  jenem  an^utreffen  mären.  5 


SKutfymafjlidjer 

Anfang  6er  ^(enfdjengefdjidjfe. 


3nt  Fortgänge  einer  ©efhihte  BZuthmafsungen  einjujtreuen, 
um  ßücfen  in  ben  Bahrihten  auSpfüUen,  tft  mof)l  erlaubt:  meil  ba§ 
Borhergeljenbe  alc§  entfernte  ttrfache  unb  ba§  Bahfolgenbe  als  SBirfung 
eine  pmlih  fixere  Leitung  pr  ©ntbecfung  ber  fORittelurfahen  abgeben 
5  fann,  um  ben  Übergang  begreiflich  p  machen.  SlUein  eine  ®efd)ichte 
ganj  unb  gar  au§  Sfftuthmafpngen  entftehen  p  taffen,  fheint  nicht  üiel 
beffer,  al§  ben  ©ntmurf  p  einem  Bornan  p  machen.  Sludf  mürbe  fie 
nicht  ben  tarnen  einer  muthmafelihen  ©efhihte,  fonbern  einer 
bloßen  (ärbichtung  führen  fönnen.  —  ®Ieihmof)t  fann  ba§,  ma§  im 
10  Fortgänge  ber  ©efhihte  menfchlicher  .fpanblungett  nicht  gemagt  merben 
barf,  boh  toohl  über  ben  er  fte  n  St  n  fang  berfelben,  fo  fern  ihn  bie 
91  atu r  mäht,  burh  9Jtutf)mafpng  oerfuht  merben.  3)enn  biefer  barf 
nicht  erbihtet,  fonbern  fann  non  ber  Erfahrung  hergenommen  merben, 
menn  man  oorauSfefh,  baf$  biefe  im  erften  Slnfange  niht  beffer  ober 
15  fhtehter  gemefen,  als  mir  fie  fettf  antreffen:  eine  Borausfetpng,  bie  ber 
Slnatogie  ber  Batur  gemäfi  ift  unb  nichts  ®emagte§  bei  fih  führt.  ©ine 
©efhihte  ber  erften  ©ntmicfelung  ber  Freiheit  au§  ihrer  urfpünglihen 
Slntage  in  ber  Batur  be<§  fIRenfhen  ift  baf)er  ganj  etmaS  attbereS,  als  bie 
®efhi<hte  ber  Freiheit  in  ihrem  Fortgänge,  bie  nur  auf  üRahrihten 
20  gegrünbet  merben  fann. 

©teihtoof)!,  ba  Biuthmafpngen  ihre  Slnfpfthe  auf  Bestimmung 
niht  p  hoch  treiben  bürfen,  fonbern  fth  allenfalls  nur  als  eine  ber  ©in» 
bilbung§fraft  in  Begleitung  ber  Bernunft  pr  Erholung  unb  ©efunbheit 
beS  ©emüth§  oergönnte  Bemegung,  niht  aber  für  ein  ernfthafteS  ©efdpft 
25  anfünbigen  müffen:  fo  fonnen  fie  fth  cuuh  niht  mit  berfenigen  ©efhihte 
meffen,  bie  über  eben  biefelbeBegebenheit  als  mirfliheBahriht  aufgefteüt 
unb  geglaubt  mirb,  beren  Prüfung  auf  gan$  anbern  ®rünben,  als  blofser 
Baturphilofophie  beruht,  ©ben  barum,  unb  ba  ih  hier  eine  blofe  Suft= 
reife  mage,  barf  ih  mir  mot)l  bieöunft  oerfprehen,  bah  e§  mir  erlaubt  fei, 
so  mih  einer  heiligen  Urfunbe  bap  als  starte  p  bebienen  unb  mir  pgleih 
einpbitben,  als  ob  mein  3ug,  ben  ih  auf  ben  klügeln  ber  ©inbilbungS» 


110 


5Rutf)ma§lid)er  Anfang  ber  9Jienfd)engefd)id)te. 


fraft,  obgleich  nid^t  ohne  einen  burd)  33ernunft  an  Erfahrung  gefnüpften 
geitfaben,  tl)uer  gerabe  biefelbe  ginie  treffe,  bie  jene  t)iftorif<i)  oorgejeichnet 
enthält.  (Der  ßefer  wirb  bie  33lätter  jener  Urfunbe  (1. 50? o f  e  Äap.  IT — VI) 
auffd)lagen  unb  (Stritt  oor  @d)ritt  nadjfehen,  ob  ber  2Beg,  ben  $t)ilo= 
fopf)ie  nad)  ^Begriffen  nimmt,  mit  bem,  melden  bie  ©efd)id)te  angiebt, 
jnfammentreffe. 

2öiü  man  nid)t  in  TOut^mafeungen  fd)märmen,  fo  muff  ber  Anfang 
oon  bem  gemacht  merben,  ma§  feiner  Slbleitung  au§  oort)ergel)enben 
9tatururfad)en  burd)  menfd)lid)e Vernunft fätjigift,  alfo:  mit  ber  ©piftenj 
be3  9J?enfd)en;  unb  jmar  in  feiner  auSgebilbeten  ©reffe,  meil  er  ber 
mütterlichen  33eif)ülfe  entbehren  muff;  in  einem  ijßaare,  bamit  er  feine 
Slrt.fortpflange;  unb  auch  nur  einem  einzigen  ißaare,  bamit  nicht  fofort 
ber  Ärieg  entfpringe,  menn  bie  9Jtenfd)en  einanber  nahe  unb  bod)  ein* 
anber  fremb  mären,  ober  auch  bamit  bie  fftatur  nicht  befchulbigt  merbe, 
fie  h«be  burd)  bie  33erfd)iebenl)eit  ber  Slbftammung  e§  an  ber  fd)icflid)ften 
33eranftaltung  ^ur  ©efeHigfeit,  al<§  bem  größten  3mecfe  ber  menfd)lichen 
33eftimmung,  fehlen  laffen;  benn  bie  (Sinheit  ber  Familie,  morau§  alle 
33?enfct)en  abftammen  füllten,  mar  ohne  Steifet  hiep  bie  befte  Slnorbnung. 
Sch  fetje  biefe§  $aar  in  einen  miber  ben  Unfall  ber  Utaubtljiere  gefieberten 
unb  mit  allen  Mitteln  ber  Nahrung  oon  ber  3Ratur  reichlich  oerfebenen 
Pah,  alfo  gleichfam  in  einen  ©arten  unter  einem  jeberjeit  milben 
£immel<§ftrid)e.  Unb  ma§  noch  mel)r  ift,  ich  betrachte  e§  nur,  nad)bem  e<§ 
fchon  einen  mächtigen  Schritt  in  ber  ©efd)icflid)feit  gethan  hat,  fid) 
feiner  Kräfte  bebienen,  unb  fange  alfo  nicht  oon  ber  gänzlichen  3tof)ig= 
feit  feiner  ütatur  an;  benn  e§  fönnten  ber  TOuthmafjungen  für  ben  gefer 
leicht  ju  oiel,  ber  2Bahrfd)einlid)feiten  aber  ju  menig  merben,  menn  ich 
biefe  gücfe,  bie  üermuthlid)  einen  groben  ßeitraum  begreift,  auSjufüHen 
unternehmen  motlte.  (Der  erfte  fUtenfd)  fonnte  alfo  ft  eben  unb  gehen; 
er  fonnte  fpredien  (1.  33.  2ftofe  Äap.  II,  33.  20),*)  ja  reben,  b.  i.  nach 
jufammenhängenben  ^Begriffen  fpred)en  (33.  23),  mithin  benfen.  gauter 
©efd)idlid)feiten,  bie  er  alle  felbft  ermerben  muhte  (benn  mären  fie  aner* 
fdjaffen,  fo  mürben  fie  auch  anerben,  meld)e§  aber  ber  Erfahrung  miber* 

*)  ®er  Sriel)  fid)  rrt i t a u t £) e i l en  muff  ben  9Jtenfd)en,  ber  noch  allein  ift, 
gegen  lebenbe  Sßefen  auffer  ifjm,  bornefnnlid)  btejenigen,  bie  einen  Saut  geben, 
welchen  er  nadjaljmen  unb  ber  nadjtjer  jutn  (Rauten  bienen  fann,  juerft  jur  Äunb* 
madjung  feiner  ©giftena  bewogen  tjaben.  ©ine  ütjnlicEje  2Birfung  biefeS  SriebeS 
fieht  man  and;  nod)  an  Äinbern  unb  an  gebanfenlofen  Seuten,  bie  burd)  @d)uarren, 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


üftutljmajjliäjer  Anfang  ber  ®ienfd)engefd)id)te. 


111 


ftreitet);  mit  benen  ich  il)n  aber  fetjt  fd)on  als  oerfeljen  annehme,  um  blof 
bie  ©ntmidelung  be§  (Sittlichen  in  feinem  SUjun  unb  fiaffen,  meld)e§  jene 
©efd)icfli<hfeit  nott)toenbig  oorauSfept,  in  Betrachtung  31t  gieren. 

®er  3fnfttnct,  biefe  Stimme  ©otteS,  ber  alle  2^ere  gehorchen, 
5  muffte  ben  Neuling  anfänglich  allein  leiten,  ©iefer  erlaubte  ihm  einige 
£>inge  jur  Nahrung,  anbere  uerbot  er  ihm  (III,  2.  3).  —  ©§  ift  aber 
nicht  nöthig,  einen  befonbern  jept  oerlorenen  gnftinct  ju  biefetn  Behuf  am 
junehmen;  e§  tonnte  blofj  ber  Sinn  be§  ©erud)3  unb  befjen  Bermanbt= 
fdjaft  mit  beut  Drgan  beS  ©efdjmacfS,  biefeS  lepteren  befannte  Sympathie 
io  aber  mit  ben  SBerfjeugen  ber  Berbauung  unb  alfo  gleichfam  ba§  Ber= 
mögen  ber  Borempftnbung  ber  Sduglichfeit  ober  Untauglichfeit  einer 
Steife  jum  ©enuffe,  begleichen  man  auch  noch  jept  mahrnimmt,  gemefen 
fein.  Sogar  barf  man  biefen  Sinn  im  erften  Sßaare  nicht  fdjärfer,  als  er 
jept  ift,  annehmen;  benn  eS  ift  befannt  genug,  melier  Unterfdjieb  in  ber 
15  SBaljrnehmungSfraft  jmifchen  ben  blojj  mit  ihren  Sinnen  unb  ben  zugleich 
mit  ihren  ©ebanfen  befchäftigten,  baburd)  aber  oon  ihren  ©mpfinbungen 
abgemanbten  9Nenf<hen  angetroffen  merbe. 

So  lange  ber  unerfahrne  Nlenfd)  biefem  Nufe  ber  Natur  gehorchte, 
fo  befanb  er  fid)  gut  babei.  Mein  bie  Bernunft  fing  balb  an  fid)  j$u 
20  regen  unb  fud)te  burch  Begleichung  beS  ©enoffenen  mit  bem,  ma§  ihm 
ein  anberer  Sinn  als  ber,  rnoran  ber  ^nfünct  gebunben  mar,  etma  ber 
Sinn  beS  ®efid)t§,  als  bem  fonft  ©enoffenen  ähnlich  oorfteüte,  feine 
Äenntnijj  ber  Nahrungsmittel  über  bie  Sd)ranfen  beS  fjnftincts  gu 
erweitern  (III,  6).  £)iefer  Berfud)  hätte  gufäüigermeife  noch  gut  genug 
25  auSfatlen  fönnen,  obgleich  ber  gnftinct  nicht  anrieth,  menn  er  nur  nicht 
miberfprad).  Mein  eS  ift  eine  ©igenfd)aft  ber  Bernunft,  baf  fie  Begierben 
mit  Beihülfe  ber  ©inbilbungSfraft  nicht  allein  ohne  einen  barauf  gerid)te= 
ten  Naturtrieb,  fonbern  fogar  miber  benfelben  erfünfteln  fann,  meld)eim 
Anfänge  ben  Namen  ber  ßüfternheit  befommen,  moburcf)  aber  nach  unb 
30  nad)  ein  ganzer  Schmarrn  entbehrlicher,  ja  fogar  naturmibriger  Neigungen 
unter  ber  Benennung  ber  Üppigfeit  auSgehecft  mirb.  3)ie  Beranlaffung, 
oon  bem  Naturtriebe  abtrünnig  gu  merben,  burfte  nur  eine  ßleinigfeit 
fein;  allein  ber  ©rfolg  beS  erften  Berfud)S,  nämlich  ftd)  feiner  Bernunft 

(Sekreten,  Sßfeifen,  Singen  unb  anbere  lärmenbe  Unterhaltungen  (oft  aud)  ber* 
35  gleichen  Slnbadpen)  ben  benfenbett  SEjetI  be§  gemeinen  2ßefene>  ftören.  ®enn  id) 
fefje  feinen  anbern  BewegungSgrunb  bi e3u,  ale>  baff  fie  ihre  ©Jtftenj  weit  unb 
breit  um  fid)  funb  madjen  motten. 


112 


2J?utt)mn§lid)er  SKnfong  ber  iD?enfd)engefd)id)te. 


als  eines  Vermögens  bewuht  31t  werben,  baS  ftd)  über  bie  Schranfeu, 
worin  alle  Spiere  gehalten  werben,  erweitern  fann,  war  fehr  wichtig  unb 
für  bie  SebenSart  entfehetbenb.  SBenn  eS  alfo  and)  nur  eine  $rud)t  ge* 
wefen  wäre,  beren  Ülnblicf  burd)  bie  2(f)nlid)feit  mit  anberen  annehmlichen, 
bie  man  fonft  gefoftet  hatte,  gum  Verfudje  einlabete;  wenn  bagu  nod)  etwa  5 
baS  Veifpiel  eines  £f)tereb  fam,  beffen  Statur  ein  foldjer  ©enuh  ange* 
nteffen,  fo  wie  er  im  ©egentheil  bem  2J?enfdjen  nachteilig  war,  bah  folg* 
lid)  in  biefern  ein  |ld)  bawiber  fetjenber  natürticfcjer  Ijnftinct  war:  fo 
fonnte  biefeS  fdbjoix  ber  Vernunft  bie  erfte  Veranlagung  geben,  mit  ber 
Stimme  ber  Statur  gu  d)ifanireu  (III,  1)  unb  trojj  ihrem  SBiberfprud)  10 
ben  erften  Verfud)  von  einer  freien  2Bal)l  311  machen,  ber  alb  ber  erfte 
wahrfcheinlicherweife  nicht  ber  Erwartung  gemäh  ausfiel.  ©er  Schabe 
mochte  nun  gleich  fo  unbebeutenb  gewefen  fein,  als  man  will,  fo  gingen 
bem  90tenfd)en  hierüber  bod)  bie  Slugen  auf  (V.  7).  ©r  entbeefte  in  ftd) 
ein  Vermögen,  ftd)  felbft  eine  SebenSweife  auSguwählen  unb  nicht  gleich  15 
anberen  ©fäeren  du  eine  einzige  gebunben  gu  fein.  Stuf  baö  augenblid* 
lidje  SBohlgefaKen,  baS  ihm  biefer  bem  erfte  Vorgug  erweefen  mochte,  muhte 
bod)  fofort  Slngft  unb  Vangigfeit  folgen:  wie  er,  ber  noch  fein  ©ing  nad) 
feinen  verborgenen  ©tgenfdjaften  unb  entfernten  SBirfungen  fannte,  mit 
feinem  neu  entbedten  Vermögen  31t  Sßerfe  gehen  foüte.  ©r  ftanb  gleich*  20 
fam  am  Staube  eines  SlbgrunbeS;  benn  aus  ein3elnen  ©egenffänben 
feiner  SSegierbe,  bie  ihm  bisher  ber  3mftinct  angewiefen  hatte,  war  ihm 
eine  ltnenblichfeit  berfelbeit  eröffnet,  in  beren  SBahl  er  ftd}  nod)  gar  nicht 
31t  finben  Wufde;  unb  aus  biefern  einmal  gefofteten  Stanbe  ber  Freiheit 
war  eS  ihm  gleichwohl  je^t  unmöglich,  in  ben  ber  ©ienftbarfeit  (unter  ber  25 
£errfd)aft  beS  SnftinctS)  wieber  3itrüd  31t  fehren. 

Stächft  bem  Snftinct  3ur  Stauung,  burch  welchen  bie  Statur  jebeS 
Snbtoibuum  erhält,  ift  ber  Snftinct  311m  ©efdjledjt,  wobnreh  fte  für 
bie  ©rhaltung  feber  Strt  forgt,  ber  üor3Üglid)fte.  ©ie  einmal  rege  ge* 
worbene  Vernunft  fäumte  nun  nid)t,  ihren  ©influfc  auch  an  biefern  311  be*so 
weifen,  ©er  SJtenfd)  fanb  halb:  bah  öcr  Steig  beb  ®efd)led)tö,  ber  bei  ben 
gieren  bloh  auf  einem  oorübergehenben,  gröhtenthetls  .periobifchett 
Antriebe  beruht,  für  ihn  ber  Verlängerung  unb  fogar  Vermehrung  burch 
bie  ©inbilbungSfraft  fähig  fei,  welche  ihr  ©efebäft  gwar  mit  mehr 
SDtähigung,  aber  gugleid)  bauerhafter  unb  gleichförmiger  treibt,  je  mehr  35 
ber@egenftanb  ben  Sinnen  eutgogen  wirb,  unb  bah  baburd)  ber  Über* 
brüh  verhütet  werbe,  ben  bie  Sättigung  einer  bloh  thierifd)en  Vegierbe 


äftutfjirtafjlicfier  Anfang  ber  SOienfc£)engefcf)ic£)te.  X1B 

Bei  ftd)  führt.  2)aS  Feigenblatt  (SS.  7)  mar  alfo  baS  5)3robuct  einer  naeit 
größeren  tuperung  ber  Vernunft,  als  fre  in  ber  erfteren  Stufe  ihrer  ©nt* 
midelung  betüiefen  hatte.  5)enn  eine  Steigung  baburd)  inniglicher  unb 
bauerhafter  gu  machen,  bah  man  ihren  ©egenftanb  ben  ©innen  entsteht, 
5  geigt  fdjon  baS  SSemuftfein  einiger  #errfd)aft  ber  Vernunft  über  Antriebe 
unb  nid)t  blofc,  wie  ber  erfiere  Schritt  ein  Vermögen  ihnen  im  Heineren 
ober  größeren  Umfange  ©ienfte  §u  leiften.  Steigerung  mar  baS  Jhtnft* 
ftüd,  um  oon  Mob  empfunbenen  gu  ibealifchen  Steigen,  üon  ber  blop 
thierifchen  SSegierbe  aHutäl)lig  gur  Siebe  unb  mit  biefer  Dom  ©efüljl  beS 
10  blof  Singenehmen  gum  ©efd)tnad  für  Schönheit  anfänglich  nur  an  SJten* 
fd)en,  bann  aber  auch  an  ber  Statur  überguführen.  2)ie  Sittfamfeit,  eine 
Steigung  burch  guten  Stnftanö  (Verhehlung  beffen,  maS  ©eringfd)ähwtg 
erregen  fonnte)  Slnbern  Sichtung  gegen  uns  einguftöfjen,  als  bie  eigentliche 
©runblage  aller  mähren  ©efelligfeit,  gab  überbem  ben  erften  SBinf  gur 
i5  SluSbilbung  beS  3)tenfd)en  als  eines  ftttlid)en  ®efd)öpfS.  —  ©in  Heiner 
Slnfang,  ber  aber  ©poche  macht,  inbern  er  ber  tDenfuugSart  eine  gang  neue 
Stiftung  giebt,  ift  mistiger,  als  bie  gange  uuabfehliche  Stei£)e  oon  barauf 
folgenben  ©rmeiterungen  ber  ©ultur. 

2)er  britte  Schritt  ber  Vernunft,  nad)bem  fte  ftd)  in  bie  erften  um 
so  mittelbar  empfunbenen  SSebftrfniffe  gemifd)t  hatte,  mar  bie  überlegte 
©rmartung  beS  künftigen.  5)iefeS  Vermögen,  nicht  blob  ben  gegen* 
märtigen  SebenSaugenblicf  gu  geniefeen,  fonbern  bie  fommenbe,  oft  fel)r 
entfernte  ßeit  ftd)  gegenmärtig  gu  machen,  ift  baS  entfdjeibenbfte  Jt'enm 
geichen  beS  menfchlidjen  VorgugeS,  um  feiner  33eftimmung  gentctfe  ftd)  gu 
25  entfernten  ßmecfen  oorgubereiten,  —  aber  auch  zugleich  ber  unüerftegenbfte 
Quell  oon  Sorgen  unb  Vefüntmentiffen,  bie  bie  uttgemiffe  ßufunft  erregt, 
unb  meldjer  alle  ^hiere  überhoben  finb  (SS.  13—19).  ®er  SJtann,  ber 
fid)  unb  eine  ©attin  farnmt  fünftigen  Äinbern  gu  ernähren  hatte,  fat)  bie 
immer  machfenbe  SJfühfeltgfeit  feiner  Slrbeit;  baS  SBeib  fah  bie  Vefdjmer* 
so  lichfeiten,  benen  bie  Statur  ihr  ©efd)led)t  untermorfen  hatte,  unb  noch 
obenein  biefenigen,  melcfee  ber  mächtigere  SJtann  ihr  auferlegen  mürbe, 
oorauS.  Veibe  faljen  nad)  einem  mühfeligen  geben  noch  int  fjintergrunbe 
beS  ©emälbeS  baS,  maS  gmar  alle  ihiere  unoernteiblid)  trifft,  ohne  fte 
bod)  gu  befüntmern,  nämlich  ben  ü£ob,  mit  Furcht  oorauS  unb  fd)ienen 
35  ftd)  ben  ©ebraudj  ber  Vernunft,  bie  ihnen  alle  biefe  Übel  üerurfad)t,  gu 
oermeifen  unb  gum  Verbrechen  gu  machen.  ßn  ihrer  Stad)fommenfd)aft 
gu  leben,  bie  es  Dielleicht  beffer  haben,  ober  auch  lüofel  als  ©lieber  einer 

Äant’S  ©(Stiften,  Sßerfe.  VIII.  3 


114 


üftutljmafslidjer  Slnfang  bev  SD?enfc^engcfd;td£)te. 


Familie  ihre  33ef<hmerben  erleichtern  fönnten,  mar  üießeid)t  bie  einzige 
tröftenbe  2htSftd)t,  bie  fte  aufrichtete  (33.  16—20). 

£>er  üierte  unb  le|te  Schritt,  ben  bie  ben  2ftenfchen  über  bie  Gefeß= 
fcpaft  mit  £hieren  gänzlich  erhebenbe  Vernunft  that,  mar:  bafs  er  (mie= 
rool)l  nur  bunfel)  begriff,  er  fei  eigentlich  ber  ßmec!  ber  Sßatur,  unb 
nichts,  maS  auf  Erben  lebt,  fönne  hierin  einen  2ttitmerber  gegen  ihn  ab= 
geben.  2)aS  erftemal,  bafj  er  junt  Schafe  fagte:  ben  5ßelj,  ben  bu 
trag  ft,  hat  bir  bie  5ftatur  nicht  für  bich,  fonbern  für  mich  ge  = 
geben,  ihm  ihn  abjog  unb  fiep  felbft  anlegte  (33.  21):  marb  er  eines  33or* 
rechtes  ittne,  meines  er  üermöge  feiner  Statur  über  aße  5Thiere  hatte,  bie 
er  nun  nicht  mehr  als  feine  fUUtgenoffen  an  ber  Schöpfung,  fonbern  als 
feinem  Sßißen  überlaffene  ÜRittel  unb  Söerf^euge  gu  Erreichung  feiner  be= 
liebigen  2lbfi<hten  anfah-  SMefe  33orfteUung  fchliept  (miemohl  bunfel)  ben 
Gebanfen  beS  GegenfapeS  ein:  bah  er  fo  etmaS  ju  feinem  Sftenfchen 
fagen  bürfe,  fonbern  biefen  als  gleichen  £f)rilnehmer  an  ben  Gefcpenfen 
ber  Statur  angufepen  habe;  eine  33orbereüung  üon  meitem  gu  ben  Ein* 
fchränfungen,  bie  bie  33ernunft  fünftig  bem  SBißen  in  Slnfepung  feines 
5Ritmenfchen  auferlegen  foUte,  unb  melche  meit  mehr  als  ßuneigung  unb 
Siebe  §u  Errichtung  ber  Gefeßfcpaft  nothmenbig  ift. 

Unb  fo  mar  ber  fSRenfd)  in  eine  Gleichheit  mit  allen  üernünfti= 
gen  SBefen,  oon  melchem  tätige  fie  auch  fein  mögen,  getreten  (III,  22): 
nämlich  in  Ülnfepung  beS  SlnfprucpS  felbft  3*0 e cf  gu  fein,  üon  jebem 
anberen  auch  als  ein  folcher  gefehlt  unb  üon  feinem  blofs  als  Mittel  gu 
anberen  ßmecfen  gebraucht  gu  merben.  hierin  unb  nicht  in  ber  33ernunft,  mie 
fie  blop  als  ein  3Berfgeug  gu  33efriebigung  ber  mancherlei  Neigungen  be= 
trachtet  mirb,  ftecft  ber  Grunb  ber  fo  unbefcpränften  Gleichheit  beS  9Ren= 
fchen  felbft  mit  höheren  3$efen,  bie  ihm  an  5ftaturgaben  fonft  über  aße 
33ergleichung  üorgehen  möchten,  beren  feines  aber  barum  ein  Dlecpt  hat, 
über  il)n  nach  biofeem  33elieben  gu  fchalten  unb  gu  malten.  2)iefer  Schritt 
ift  baher  zugleich  mit  Entlaffung  beffelben  aus  bem  SRutterfchoohe  ber 
iftatur  üerbnnben:  eine  33eränberung,  bie  gmar  ehrenb,  aber  zugleich  fehr 
gefal)rüoß  ift,  inbem  fie  ihn  aus  bem  harmtofen  unb  fixeren  Buftanbe  ber 
ÄinbeSpflege,  gleicfefam  aus  einem  Garten,  ber  ihn  ohne  feine  2)iühe 
üerforgte,  heraustrieb  (33.  23)  unb  ihn  in  bie  meite  Belt  ftiefe,  mo  fo  üiel 
Sorgen,  9Ml)e  unb  unbefannte  Übel  auf  ihn  märten,  künftig  mirb  ihm 
bie  3J?übfeligfeit  beS  SebenS  öfter  ben  Bunfd)  nach  einem  ^arabiefe,  bem 
Geftpöpfe  feiner  EinbilbungSfraft,  mo  er  in  ruhiger  Untl)ätigfeit  unb  be= 


5 

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35 


9Nut£)ma&licf)ei:  Anfang  ber  2)ienf(|engefc£)id)te. 


115 


[tänbigem  ^rieben  fein  3)afein  tierträumen  ober  öcrtänbeln  fönne,  ab= 
toden.  Slber  eS  lagert  ftd)  groifchen  ihm  unb  fenetn  eingebilbeten  Sit?  ber 
SSottne  bie  raftlofe  unb  gur  ©ntwicfelung  ber  in  itjn  gelegten  gäfyigfeiteit 
unwiberftehlid)  treibenbe  Vernunft  unb  erlaubt  eS  nicht,  in  ben  «Staub 
5  ber  3ttot)igfeit  unb  Einfalt  gurücf  gu  fetjren,  aus  bem  fte  ihn  gegogen 
l)atte  (V.  24).  Sie  treibt  il)n  an,  bie  Vfülfe,  bie  er  Ijafjt,  bennod)  gebulbig 
über  ft cb  gu  nehmen,  bent  ftlitterwerf,  baS  er  »erachtet,  nachgulaufen  unb 
ben  £ob  felbft,  oor  bem  ihn  grauet,  über  alle  jene  Meinigfeiten,  bereu 
SSerluft  er  noch  wehr  freuet,  gu  »ergeffen. 

io  Slnmerfung. 

3lu§  biefer  £>arftellung  ber  erften  2Jtenfd)engef<hi<hte  ergiebt  ftd):  bah 
ber  SluSgang  beS  ÜRenfchen  aus  bem  ihm  burd)  bie  Vernunft  als  erfter 
Aufenthalt  feiner  ©attung  norgeftetlten  ^ßarabiefe  nicht  anberS,  als  ber 
Übergang  aus  ber  fRofjigfeit  eines  blök  tkierifchen  ©efchöpfeS  in  bie 
i5  2ftenfd)keit,  aus  bem  ©ängelwagen  beS  Snftincts  gur  Leitung  ber  Ver¬ 
nunft,  mit  einem  2Borte,  aus  ber  Vormunbfdjaft  ber  Statur  in  ben  Staub 
ber  Freiheit  gemefen  fei.  £>b  ber  Vtenfch  burcf)  biefe  Veränberung  ge¬ 
wonnen  ober  öerloren  ^abe,  fann  nun  nicht  mehr  bie  $rage  fein,  wenn 
man  auf  bie  Veftintmuttg  feiner  ©attung  ftef)t,  bie  in  nid)tS  als  im 
20  gortfchreiten  gur  VoHfommenheit  befiehl,  fo  fehlerhaft  auch  Me  erften 
felbft  in  einer  langen  Veil)e  ihrer  ©lieber  nach  einanber  folgenben  Ver¬ 
fuge,  gu  biefem  giele  burchgubringen,  auSfaüen  mögen.  —  ^nbeffen  ift 
biefer  ©ang,  ber  für  bie  ©attung  ein  Sortfdjritt  oom  Schlechteren  gunt 
Vefferen  ift,  nicht  eben  baS  Vämlid)e  für  baS  Snbioibuum.  ($he  Me  Ver= 
25  nunft  erwachte,  war  noch  fein  ©ebot  ober  Verbot  unb  alfo  noch  feine 
Übertretung;  als  fte  aber  ihr  ©efchäft  anfing  unb,  fd)Wad)  wie  fte  ift,  mit 
ber  Shierfjeit  unb  beren  gangen  Stärfe  ins  ©emenge  fam,  fo  muhten 
Übel  unb,  was  ärger  ift,  bei  cultioirterer  Vernunft  Safter  entffiringen,  bie 
bem  Stanbe  ber  Unwiffenheit,  mithin  ber  Unfd)ülb  gang  fremb  waren, 
so  £Der  erfte  Schritt  alfo  aus  biefem  Stanbe  war  auf  ber  fittlichen  Seite 
ein  $all;  auf  ber  phhFÜfhen  waren  eine  Vtenge  nie  gefannter  Übel  beS 
SebenS  bie  ^olge  biefeS  $atlS,  mithin  Strafe.  2)ie  ©efchichte  ber  üliatur 
fängt  alfo  oom  ©uten  an,  benn  fte  ift  baS  2B erf  ©otteS;  bie  ©efchichte 
ber  Freiheit  oom  Vöfen,  benn  fte  ift  Vfenfchenwerf.  gür  baS  3n- 
35  biüibuunt,  welches  im  ©ebraudje  feiner  Freiheit  bloh  auf  ftch  felbft  fieht, 
war  bei  einer  foldjen  Veränberung  Verluft;  für  bie  Vatur,-bie  ihren 

8* 


116 


Sltuthmnfjlidjer  Slnfang  ber  ül?enf(hengefd)id)te. 


ßwed  mit  bem  fjftenfchen  auf  bie  ©attung  richtet,  war  fte  ©ewinn.  (seneS 
hat  baffer  llrfache,  ade  Übel,  bie  e§  erbulbet,  unb  aHe§  SSöfe,  ba§  e§  oerübt, 
feiner  eigenen  @d)ulb  gugufchreiben,  gugleidb)  aber  and)  al§  ein  ©lieb  be§ 
©angen  (einer  ©attung)  bie  SBeiSljeit  unb  ßtoedmäfeigfeit  ber  Slnorbnttng 
gu  betounbern  unb  gu  greifen.  —  2luf  biefe  SBeife  fann  man  and)  bie  fo  5 
oft  gemifjbeuteten,  bem  Steine  nad)  eiitanber  miberftreitenben  33e= 
hauptungen  be§  berühmten  %  %  dtouffeau  unter  ftd)  unb  mit  ber  3Ser= 
nunft  in  ©inftimmung  bringen.  3n  feiner  6d)rift  über  ben  ©in f Inh 
ber  2Biffenfd)aften  unb  ber  über  bie  Ungleichheit  ber  ÜJJen* 
f  d)  e  n  geigt  er  gang  richtig  ben  unoermeiblichen  SBiberftrett  ber  ©ultur  mit  1° 
ber  Statur  be§  menf<hlid)en  ©efdb)ledt)tö,  al§  einer  pt)Qjtfcheir  ©attung, 
in  melier  jebe§  ^nbioibnunt  feine  SSeftimmung  gang  erreichen  fodte;  in 
feinem  ©mit  aber,  feinem  gef ellf ch af tltd) en  ©ontracte  unb 
anberen  Schriften  fud)t  er  toieber  ba§  fd)tDerere  Problem  aufgulöfen:  mie 
bie  ©ultur  fortgehen  nuiffe,  um  bie  Anlagen  ber  SDtenfchheit  als  einer  15 
fitt liehen  ©attung  gu  ihrer  SSeftimmung  gehörig  gu  entmideln,  fo  bah 
biefe  fener  als  Staturgattung  nicht  mehr  miberftreite.  2tu§  melchem 
SBiberftreit  (ba  bie  ©ultur  nach  wahren  ißrincipien  ber  ©rgtefjung 
gum  SDtenfchen  unb  33itrger  gugleid)  oiedeicht  nod)  nicht  red)t  angefangen, 
oiel  weniger  üoltenbet  ift)  alle  wahre  Übel  entfpringen,  bie  ba§  menfch=  20 
liehe  Sehen  brüden,  unb  alle  Safter,  bie  e§  oerunehren*);  inbeffen  bah  öie 


*)  Um  nur  einige  Veifpiele  biefeö  SBiberftreitd  groifd^en  ber  Veflrebmtg  ber 
Sttenfchheit  ju  ihrer  fittlidjen  Sefttmmung  einerfeitS  unb  ber  unüeranberlidjen 
^Befolgung  ber  für  ben  rohen  unb  thierifdjen  ßufianb  in  iljrer  Statur  gelegten 
©efeise  anbererfeitS  beijubringen,  führe  id)  folgenbeS  an.  25 

2)ie  ©podfe  ber  SJtünbigfeit,  b.  i.  beä  SriebeS  foioohl  al<3  Vermögend,  feine 
31  rt  au  eraeugen,  £)at  bie  Statur  auf  baä  2llter  üon  etwa  16  bi3  17  Sauren  feft- 
gefegt:  ein  Sitter,  in  n>eld)em  ber  Süngling  im  rohen  Staturftanbe  bucE)ftäbIicf)  ein 
Sftann  mirb;  benn  er  ^at  atSbann  baä  Vermögen  fid)  felbft  au  erhalten,  feine 
3lrt  au  eraeugen  unb  auch  biefe  fammt  feinem  äöetbe  au  erhalten.  3)ie  ©infalt  30 
ber  SSebürfniffe  macht  ihm  biefe<3  leid|t.  3m  cuttioirten  guftanbe  hingegen  ge= 
hören  aum  letzteren  oiele  ©rroerbmittel  fotoohl  an  ©efd)idlid)leit,  als  auch  an 
günftigen  äuffern  Umftänben,  fo  bafj  biefe  ©pod>e  bürgerlich  loenigftenS  im  2)urcf)‘ 
fchnitte  um  10  3ahre  weiter  hwauggerüdt  wirb.  ®ie  Statur  hot  inbeffen  ihren 
Seitpunft  ber  Steife  nicht  augleid;  mit  bem  gortfdjritte  ber  gefeüfdjaftlichen  35 
Verfeinerung  öeränbert,  fonbern  befolgt  hartnädig  ihr  ©efe|,  welche«  fie  auf  bie 
©rhaltung  ber  3)tenfd)engattung  al<8  Slmrgattung  gefteüt  hat.  £ierau«  entfpringt 
nun  bem  Staturawede  burdf  bie  (Sitten  unb  biefen  burth  jenen  ein  unoermeiblicher 


Mutfyjnaptfier  Anfang  ber  SRenfchengefctndjte. 


117 


2lureige  p  ben  lederen,  benen  man  beSfaUS  <Sdplb  gtebt,  an  ftd£)  gut  unb 
al§  3RaturanIagen  pecfmafjig  ftnb,  oiefe  Anlagen  aber,  ba  fte  auf  ben 
btofeen  üftaturjuftanb  gefteUt  maren,  burd)  bie  fortgefyenbe  Suttur  Slbbrudf 
leiben  unb  biefer  bagegen  Slbbrud)  tl)un,  bi§  nottfommene  Äunft  mieber 

5  Slbbrud)-  (Denn  ber  Staturmenfd)  tft  itt  einem  gemiffen  Silier  fdjon  SRann,  wenn 
ber  bürgerliche  SRenfd)  (ber  bod)  nicht  aufhört  Staturmenfd)  gu  fein)  nnr  3ftng= 
ling,  ja  motjl  gar  nur  Äinb  ifi;  benn  fo  tann  man  benjenigen  wohl  nennen,  ber 
feiner  3aljre  raegen  (im  bürgerlichen  gufianbe)  fidj  nicht  einmal  felbft,  oiel  mettiger 
feine  2lrt  erhalten  lann,  ob  er  gleich  ben  Srieb  unb  bad  Vermögen,  mithin  beit 
10  Stuf  ber  Statur  für  fich  hat,  fie  51t  erzeugen.  ®enn  bie  Statur  hat  gewih  nicht 
Snftincte  unb  ©ermögen  in  lebenbe  ©ef<$)öpfe  gelegt,  bamit  fie  foldEje  befämpfen 
unb  unterbrüden  füllten.  3tlfo  mar  bie  Einlage  berfelben  auf  ben  gefitteten 
3uftanb  gar  nicht  gefteUt,  fonbern  bloh  auf  bie  Erhaltung  ber  SJtenfchengattung 
ald  $htergattung ;  unb  ber  cioilifirte  ßuftanb  lommt  alfo  mit  bem  lederen  in 
15  unoermeiblidjen  Sßiberftreit,  ben  nur  eine  ootlfommene  bürgerliche  ©erfaffung  (bad 
äufjerfte  Biel  ber  Eultur)  heben  tonnte,  ba  jefct  jener  gmtfchenraum  gewöhn» 
licherweife  mit  ßaftern  unb  ihrer  gPlge,  bem  mannigfaltigen  menfchlichen  Elenbe, 
befe^t  wirb. 

(Sin  anbered  ©eifpiel  gum  ©eweife  ber  2öaf)rl)eit  bed  ©atged:  baff  bie  Statur 
20  in  und  gwei  Slnlagen  gu  gwei  oerfchiebenen  Sieden,  nämlich  ber  SRenfdjheit  ald 
Shiergattung  unb  eben  berfelben  ald  fittlidjer  ©attung,  gegrünbet  habe,  ift  bad:  Ars 
longa,  vita  brevis  bed  .jpippotrated.  2öiffenfd)aften  uttb  fünfte  tonnten  bnrh  einen 
Äopf,  ber  für  fie  gemacht  tft,  wenn  er  einmal  gur  rechten  Steife  bed  Urtf)eild  burch  lange 
Übung  unb  erworbene  Gürfeuntnifj  gelangt  ift,  oiel  weiter  gebracht  werben,  ald  gange 
25  ©enerationen  oon  ©eiehrten  nach  einanber  ed  leiften  mögen,  wenn  jener  nur  mit 
ber  nämlichen  jugenblicfjen  Jtraft  bed  ©eifted  bie  3eit,  bie  biefeit  ©enerationen 
gufatnmen  oerliehen  ift,  burdjtebte.  Stun  hat  bie  Statur  ihre  Gfntfchliefjung  wegen 
ber  ftebendbauer  bed  SRenfdjen  offenbar  aud  einem  anberen  ©efichtdpunfte,  ald 
bem  ber  ©eförberung  ber  SBiffenfhaften  genommen.  2)enn  wenn  ber  glüdtichfte 
30  £opf  am  Stanbe  ber  größten  Entbedungen  fteht,  bie  er  oon  feiner  ®efc£)tcflid)= 
fett  unb  Erfahrenheit  hoffen  barf,  fo  tritt  bad  Sllter  ein ;  er  wirb  ftumpf  unb  muh 
ed  einer  gweiten  ©eneration  (bie  wieber  00m  31  23  E  anfängt  unb  bie  gange  ©trede, 
bie  fdjon  gurüdgelegt  war,  nochmald  burchwanbern  muh)  überlaffen,  noch  eine 
Spanne  im  fjortfchritte  ber  Eultur  l)ingugut£)un.  2>er  ©aug  ber  SJtenfchengattung 
35  gur  Erreichung  ihrer  gangen  ©eftimmung  fheint  baher  unaufhörlich  unterbrochen 
unb  in  continuirlicher  ©efahr  gu  fein,  in  bie  alte  Stofjigfeit  gurüdgufaden;  unb  ber 
gried)ifche  ©hüofoph  flagte  nicht  gang  ohne  ©runb:  ed  ift  ©(habe,  bah  nt  an 
aldbann  fterben  muh,  wenn  man  eben  angefangen  hat  eingufeljen, 
wie  man  eigentlich  hatte  leben  füllen. 

40  Ein  britted  ©eifpiel  mag  bie  Ungleichheit  unter  ben  SRenfchen  unb  gwar 
nicht  bie  ber  Staturgaben  ober  ©liiddgüter,  fonbern  bed  allgemeinen  3Renfd)en» 
rechtd  berfelben  fein:  eine  Ungleichheit,  über  bie  Stouffeau  mit  Oteler  Sßahrheit 


118 


9J?utf)mafeltd)er  Anfang  ber  Sülenfchengefchichte- 


fftatur  mirb:  als  melcpeS  baS  lepte  3i^  ber  fittlidjeu  Beftimmung  ber 
Btenfcfyengattung  ift. 

Befdjlup  ber  ®efd)id)te. 

3)er  Anfang  ber  folgenben  ^eriobe  mar:  bajj  ber  teufet)  aus  bem 
3eitabfd)nitte  ber  ©emad)lid)feit  unb  beS  ^riebenS  in  ben  ber  Arbeit 
unb  ber  ßmietradft,  als  baS  SSorfpiet  ber  Bereinigung  in  ©efeüfdjaft, 
überging.  -fpier  müffen  mir  mieberum  einen  großen  Sprung  tlfun  unb  il)n 
auf  einmal  in  ben  Beftp  gefilmter  2d)iere  unb  ber  ©emäd)fe,  bie  er  felbft 
burd)  Sden  ober  ^ßflan^en  ju  feiner  üftaljrung  DerDielfdltigen  tonnte,  Der* 
feigen  (IV,  2),  obmof)l  es  mit  bem  Übergange  aus  bem  milben  Sdgerleben 
in  ben  erften  unb  aus  bem  unftaten  SBur^elgraben  ober  $rttd)tfammlen 
in  ben  gmeiten  Buftonb  langfam  genug  ^gegangen  fein  mag.  £ier 
mufjte  nun  ber  3wift  jmifepen  bis  bafiin  frieblid)  neben  einanber  leben* 
ben  $Renfd)en  fdjon  anfangen,  beffen  $olge  bie  Trennung  berer  Don  Der* 
fdjiebener  SebenSart  unb  ipre  ßerftreuung  auf  ber  (Srbe  mar.  3)aS 
Jpirtenleben  ift  nid)t  allein  gemad)lid),  fonbern  giebt  aud),  meil  eS  in 
einem  meit  unb  breit  unbemolniten  Boben  an  Butter  nid)t  mangeln  fann, 
ben  fteperften  Unterhalt.  ^Dagegen  ift  ber  21  derb  au  ober  bie  ^ßflangung 
fepr  müljfam,  Dom  llnbeftanbe  ber  SBUterung  abljangenb,  mithin  unftd)er, 
erforbert  aud)  bleibenbe  Berufung,  Gngentlfum  beS  BobenS  unb  l)in* 
reid)enbe  ©emalt,  ihn  gu  Dertfyeibigen;  ber  £irte  aber  Ijafjt  biefeS  (Sigen* 
tpurn,  meld)eS  feine  $reil)eit  ber  Söeiben  einfcprdnft.  2BaS  baS  erfte  betrifft, 
fo  tonnte  ber  2lcferSmamt  ben  Wirten  als  Dom  ^immel  mefyr  begünftigt 
gu  beneiben  fepeinen  (B.  4);  in  ber  Slfat  aber  mürbe  iljm  ber  lefgtere,  fo 
lange  er  in  feiner  2tad)barfd)aft  blieb,  fefyr  laftig;  benn  baS  meibenbe 


flagt,  bie  aber  üon  ber  ßultur  nicht  abjufonbertt  ift,  fo  lange  fie  gleidjfam  planlos 
fortgebt  (welches  eine  lange  ßeit  Ijinburct)  gleichfalls  unoermeiblicf)  ift),  unb  3U 
melier  bie  Statur  ben  ÜJtenfchen  gewifi  nicht  beftimmt  fjatte,  ba  fie  tljm  gretbed 
gab  unb  Sßermmft,  biefe  grei^eit  burd)  nichts  a(S  ihre  eigene  allgemeine  unb  jwar 
duffere  ©efebmäfjigfeit,  weihe  baS  bürgerliche  fRedjt  einjufchränfen.  2)er 
3)?enfch  füllte  fich  auS  ber  8to£)igfeit  feiner  Staturanlagen  felbft  tierauSarbeiten 
unb,  inbent  er  fid)  über  fie  erhebt,  bennod)  Sicht  haben,  bafs  er  nicht  miber  fie 
öerftoffe;  eine  ©efdjidtidjleit,  bie  er  nur  fpät  unb  nach  öielen  mifjlingenben  SSer* 
fuchen  erwarten  fann,  binnen  welcher  ßwifhenjeit  bie  SDtenfhbeit  unter  ben  Übeln 
ieufgt,  bie  fie  fich  auS  llnerfabrenbeit  felbft  anthut. 


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9JJutl)mafjIt(ä)er  Anfang  ber  2)leni<ijengef<pid)te. 


119 


Biep  fepont  feine  Pflanzungen  rttct)t.  3)a  es  nun  jenem  naep  öetn  Stäben, 
ben  er  angertcf)tet  pat,  ein  Seichtes  ift,  ft  cp  mit  feiner  beerbe  meit  weg  ju 
machen  unb  ft<±)  aller  «ScpabloSpaltung  zu  entziehen,  weil  er  nichts  pinter= 
läfjt,  was  er  nicpt  eben  fo  gut  allenthalben  mieber  fänbe :  fo  mar  es  wopl 
5  ber  üleferSmann,  ber  gegen  fot<f)e  ^Beeinträchtigungen,  bie  ber  anbere  nicht 
für  unerlaubt  hielt,  (bemalt  braunen  unb  (ba  bie  Beranlaffung  bazu  nie= 
mals  ganz  aufpören  tonnte),  menn  er  nicht  ber  fruchte  feines  langen 
SleifjeS  oerlufüg  gehen  wollte,  fich  enblich  fo  weit,  als  eS  ipm  möglicp 
mar,  oon  benen,  bie  baS  §irtenleben  trieben,  entfernen  rnufte  (SS.  16). 
io  2)iefe  ©Reibung  maept  bie  britte  ©poche. 

©in  Boben,  oon  beffen  Bearbeitung  nnb  Bepflanzung  (oornepmlicp 
mit  Bäumen)  ber  Unterhalt  abhängt,  erforbert  bleibenbe  Bepaufungen; 
nnb  bie  Bertpeibigung  beffelben  gegen  alle  Berlepungen  bebarf  einer 
SDienge  einanber  Beiftanb  leiftenber  SJtenfcpen.  BJitpin  tonnten  bie  fUten* 
i5  fchen  bei  biefer  SebenSart  fiep  nicht  mepr  fatnilienmeife  zerftreuen,  fonbern 
mußten  zufammen  palten  unb ©orffcpaften  (uneigentlich  ©tä bte  genannt) 
errichten,  um  ipr  ©igentpum  gegen  milbe  Säger  ober  korben  perutm 
fcpmeifenber  Wirten  zu  fcpüpen.  £>ie  erften  Bebürfniffe  beS  £ebenS,  bereu 
Slnfcpaffung  eine  oerifcpiebene  SebenSart  erforbert  (SS.  20),  tonnten 
20  nun  gegen  einanber  oertaufept  werben.  ©arauS  mufte  ©uttur 
entfpringen  unb  ber  Anfang  ber  Äunft,  beS  ßeitoertreibeS  fowopl  als 
beS  $leif$eS  (B.  21.  22);  maS  aber  baS  Bornepmfte  ift,  aucp  einige  Slnftalt 
Zur  bürgerlichen  Berfaffung  unb  öffentlicher  ©erecptigfeit,  znerft  freilid) 
nur  in  Slnfepung  ber  größten  ©emalttpätigfeüen,  beren  Bäcpung  nun  nicht 
25  mepr  mte  im  milben  ßuftanbe  (Sinzeinen,  fonbern  einer  gefepmäfigen 
Btacpt,  bie  baS  ©anze  zufammenpielt,  b.  i.  einer  2lrt  oon  Regierung  über* 
laffen  mar,  über  melcpe  felbft  feine  Ausübung  ber  ©ewalt  ftatt  fanb 
(B.  23,  24).  —  Bon  biefer  erften  unb  ropen  Einlage  tonnte  fiep  nun  naep 
unb  naep  alle  menfcplicpe  $unft,  unter  melcper  bie  ber  ®ef  eilig  feit 
30  unb  bürgerlichen  ©idperpeit  bie  erfpriefliepfte  ift,  aümäplicp  ent= 
micfeln,  baS  menfcplicpe  ©efcplecpt  fiep  oermepren  unb  aus  einem  Mittel* 
punfte  wie  Bienenftöcfe  burep  SluSfenbung  fepon  gebilbeter  ©oloniften 
überall  oerbreiten.  Mit  biefer  ©poepe  fing  and)  bie  Un  gl  ei  epp  eit  unter 
Menfcpen,  biefe  reiepe  Quelle  fo  oieles  Böfen,  aber  auep  alles  ©uten,  an 
35  unb  napm  fernerpin  zu. 

@o  lange  nun  noep  bie  nomabifepen  -fnrtenoblfer,  welche  allein  ©ott 
für  ipren  £errn  erfennen,  bie  ©täbtebemopner  unb  Slcferleute,  melcpe 


120  SRutfjntafjlidjer  Slnfang  ber  9Jtenfchengefd)td)te. 

einen  9D?enfd)en  (Obrigfeit)  pm  .fperrn  fyaben  (VI,  4)*),  umfh'üörmten 
unb  als  abgesagte  f^einbe  aEeS  2anbeigenthumS  tiefe  anfeinbeten  unb 
non  tiefen  mieber  gebaut  mürben,  mar  p>ar  continuirlid)er  Krieg  jmifchen 
beiben,  toenigftenS  unaufhörliche  Kriegsgefahr,  unb  beiberfeitige  2Sölfer 
fonnten  bal)er  im  inneren  menigftenS  beS  unfhäpbaren  ©ntS  ber  Freiheit 
frol)  Serben  —  (benn  Kriegsgefahr  ift  auch  rroch  fetd  baS  einzige,  maS 
ben  ^Despotismus  mäpigt:  meil  Steichthum  bap  erforbert  mirb,  baff  ein 
Staat  fept  eine  2Tfa<±)t  fei,  ohne  Freiheit  aber  feine  23etriebfamfeit,  bie 
IReichthum  peroorbringen  fönnte,  ftatt  finbet.  3n  einem  armen  23olfe 
mup  an  beffen  Stelle  grobe  2heilnel)mung  an  öer  Erhaltung  beS  gemeinen 
SBefenS  angetroffen  merben,  melche  miebernm  nicht  anberS,  als  menn  eS 
fid)  barin  frei  fühlt,  möglich  ift).  —  2Jiit  ber  3^it  aber  mitpte  benn 
bod)  ber  anhebenbe  SupuS  ber  Stäbtebemopner,  oornehmlich  aber  bie 
Kunft  p  gefallen,  moburd)  bie  ftäbtifcpen  Leiber  bie  fhmuptgen  $Dirnen 
ber  Sönften  oerbunfelten,  eine  mächtige  ßocffpeife  für  jene  Wirten  fein 
(23.  2),  in  23erbinbitng  mit  biefen  p  treten  unb  fid)  in  baS  glänjenbe 
©lenb  ber  Stabte  jiepen  p  laffen.  S)a  benn  burd)  3ufammenfhmelpng 
jmeier  fonft  einanber  feinbfeligen  23ölferfhaften  mit  bem  (Snbe  aEer  Kriegs^ 
gefapr  zugleich  baS  ©nbe  aEer  Freiheit,  alfo  ber  ^Despotismus  mächtiger 
Scannen  einerfeitS,  bei  faurn  noch  angefangener  ©ultur  aber  feelenlofe 
Üppigfeit  in  oermorfenfterSflaoerei,  mit  aEenßafternbeS  rohen  ßuftanbeS 
oermifd)t,  anbrerfeitS  baS  ntenfhlthe  ©efcplecpt  non  bem  ihm  burch  bie 
Etatur  öorge^eichneten  Fortgänge  ber  ÜluSbilbung  feiner  Anlagen  pm 
©uten  unmiberftehlid)  abbracpte;  unb  eS  baburch  felbft  feiner  ©piftenj,  als 
einer  über  bie  ©rbe  p  herrfdtjen,  nicht  tnefjifch  p  geniepen  unb  fflaoifcp 
p  bienen  beftimmten  ©attung,  unmürbig  machte  (23.  17). 

S<hlups2lnmerfung. 

£>er  benfenbe  9J?enfh  fühlt  einen  Kummer,  ber  mol)I  gar  Sitten* 
öerberbnip  merben  f'ann,  üon  melhem  ber  ©ebanfenlofe  nichts  meip: 
nämlid)  Unpfriebenpeit  mit  ber  23orfehung,  bie  ben  Söeltlauf  im  ©anjen 

*)  ®ie  arabifchen  23ebitinen  nennen  fic£)  noch  Kinber  eined  ehemaligen 
@ (ä) e dj ö ,  be§  Stifter^  if)re§  Stammed  (ald  23 ent  £>aleb  u.  b.  gl.).  2)iefer 
ift  feineä»ege§  £err  über  fie  unb  fann  nad)  feinem  Kopfe  feine  ©etoalt  an 
ihnen  aueiüben.  Senn  in  einem  £irtent>olfe,  ba  nientattb  liegenbeä  @igen= 
fhnm  hat,  meldjeö  er  gurucflaffen  müfjte,  fann  jebe  gantilie,  ber  eg  ba  mifjfällt, 
ft<f)  fehr  leidjt  oom  Stamme  abfonbern,  um  einen  anbern  ju  Oerftärfen. 


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iDtuthmafelidjer  Stnfang  ber  2Renfc^engefc§tdE)te. 


121 


regiert,  trenn  er  bie  Übel  überfhlägt,  bie  baS  menfcfelihe  ©efhlecpt  fo 
febr  unb  (wie  es  fcfeeint)  ofene  Hoffnung  eines  33effern  bröcfen.  KS  ift 
aber oon  ber  größten  SBihtigfeit:  mit  ber  SSorfefeung  jufrieben  gu 
fein  (ob  fre  uns  gleich  auf  unferer  Krbenmelt  eine  fo  müfefame  SSafen  oor* 
5  gezeichnet  hat):  tfeeilS  um  unter  ben  Sttüpfeligteiten  immer  nocfe  SJhitl)  ju 
faffen,  tt)eil§  um,  inbem  mir  bie  Shulb  baoon  aufs  Scfeicffal  fcfeieben, 
nicht  unfere  eigene,  bie  üießeid)t  bie  einzige  Urfacfje  aller  biefer  Übel  fein 
mag,  barüber  aus  bent  Singe  ju  fefeen  unb  in  ber  Selbftbefferung  bie 
«5>ülfe  bagegen  ju  oerfäumen. 

10  SJtan  mufe  geftefeen:  bafe  bie  größten  Übel,  meiere  gefettete  SSölfer 
brüden,  uns  oom  Äriege  unb  jmar  nicht  fo  feb)r  non  bem,  ber  mirflicfe 
ober  gemefen  ift,  als  oon  ber  nie  nadjlaffenben  unb  fogar  unaufhörlich 
oermehrten  gurüftung  jum  fünftigen  zugezogen  werben,  hiezu  werben 
alle  Kräfte  beS  (Staats,  alle  fruchte  feiner  Kultur,  bie  ju  einer  noch 
i5  größeren  Kultur  gebraucht  werben  fönnten,  oerwanbt;  ber  Freiheit  wirb 
an  fo  oiel  Orten  mächtiger  Slbbrud)  gethan  unb  bie  mütterliche  SSorforge 
beS  Staats  für  einzelne  ©lieber  in  eine  unerbittliche  £ärte  ber^orberungen 
oerwanbelt,  inbefe  biefe  boh  auh  burh  bie  23eforgnife  äufeerer  ©efapr 
gerechtfertigt  wirb.  SWein  würbe  wohl  biefe  Kultur,  würbe  bie  enge  93er= 
20  binbung  ber  Stänbe  beS  gemeinen  SBefenS  zur  wehfelfeitigen  33eförberung 
ihres  SBohlftanbeS,  würbe  bie  23eoölferuug,  fa  fogar  ber  Krab  ber  $rei= 
heit,  ber,  obgleich  unter  fepr  einfhränfenben  Kefefeen,  noh  übrig  ift,  wohl 
angetroffen  werben,  wenn  jener  immer  gefürchtete  Ärteg  felbft  ben  Ober* 
feäuptern  ber  Staaten  biefe  Sichtung  für  bie  SJfenfhheit  nicht  ab* 
25  nötpigte?  SJian  fe£)e  nur  Sina  an,  welheS  feiner  Sage  nah  roofel  etwa 
einmal  einen  unoorfeergefefeenen  Überfall,  aber  leinen  mächtigen  $einb  zu 
fürhten  hat,  unb  in  welchem  baher  alle  Spur  oon  Freiheit  oertilgt  ift.  — 
Stuf  ber  Stufe  ber  Kultur  alfo,  worauf  baS  menfcfelihe  ©efhlecfet  noh  ftefet, 
ift  ber  Ärieg  ein  unentbehrliches  Mittel,  biefe  nod)  heiter  ju  bringen;  unb 
so  nur  nah  einer  (Kott  weife  wann)  oottenbeten  Kultur  würbe  ein  immer* 
wäferenber  Triebe  für  uns  feeilfam  unb  auh  burh  jene,  allein  möglih 
fein.  Sllfo  finb  wir,  was  biefen  ^unft  betrifft,  an  ben  Übeln  boh  tnofel 
felbft  fhulb,  über  bie  wir  fo  bittere  Klagen  erheben;  unb  bie  heilige 
Urlunbe  pat  ganz  reht,  bie  ßufammenfhmelzung  ber  Böller  in  eine  ©e= 
35  feüfhaft  unb  ihre  üöüige  Befreiung  oon  äufeerer  ©efafer,  ba  ifere  Kultur 
faum  angefangen  patte,  als  eine  Hemmung  aller  ferneren  Kultur  unb  eine 
SSerfenlung  in  unheilbares  SSerberbnife  oorgufteüen. 


122 


SKuttjmafelidjer  Slnfang  ber  3Jtenf<hengefc£)i<hte. 


Sie  3 kr) eit e  Unjufriebenheit  ber  Wenfd)en  trifft  bie  Drbnung 
ber  5Jtatur  in  Slnfehung  ber  Äür  je  beS  SebenS.  Wan  mufe  ftä)  jrnar 
nur  fd)ted)t  auf  bie  Schälung  beS  SöertljS  beffelben  »erflehen,  wenn  man 
noch  münfdfen  fann,  bah  eS  länger  mähren  foHe,  als  es  mirflidj  bauret; 
benn  bas  märe  bod)  nur  eine  Verlängerung  eines  mit  lauter  Wühfelig* 
teiten  beftänbig  ringenben  Spiels.  2lber  man  mag  es  einer  !inbifd)en 
ltrtheilsfraft  allenfalls  nid£)t  »erbeuten,  bah  jte  ben  Sob  fürchtet,  ohne  baS 
Seben  ju  lieben,  unb,  inbem  es  il)r  ferner  mirb,  ihr  Safein  jeben  einzelnen 
Sag  mit  leiblicher  Bufriebent>eit  burd)jübringen,  bennocf)  ber  Sage  nie= 
rnalS  genug  hat,  biefe  Vlage  ju  mieberljolen.  SBenn  man  aber  nur  bebenft, 
mie  oiel  Sorge  um  bie  Wittel  jur  Einbringung  eines  fo  furjen  SebenS  uns 
quält,  mie  oiel  llngered)tigfeit  auf  Hoffnung  eines  fünftigen,  objmar  fo 
menig  baurenben  ©enuffeS  auSgeübt  mirb,  fo  muh  man  üernänftiger  Weife 
glauben:  bah,  wenn  bie  Wenfd)en  in  eine  2ebenSbauer  oon  800  unb  mehr 
fahren  hinauSfelfen  tonnten,  ber  Vater  oor  feinem  Sohne,  ein  Vruber 
oor  bem  anberen,  ober  ein  $reunb  neben  bem  anbereu  faum  feines  SebenS 
mehr  ftcher  fein  mürbe,  unb  bah  bie  ßafter  eines  fo  lange  lebenben 
Wenfd)engefd)le(htS  ju  einer  Eöhe  feigen  mühten,  rnoburd)  fie  feines 
beffern  SchicffalS  mürbig  fein  mürben,  als  in  einer  allgemeinen  Über* 
fchmemtnung  oon  ber  ©rbe  üertitgt  ju  merben  (V.  12.  13). 

Ser  britte  SBunfd),  ober  oielmehr  bie  leere  Sehnfucht  (benn  man 
ift  ftch  bemüht,  bah  baS  ©emünfd)te  uns  niemals  ju  Shell  merben  fann) 
ift  baS  Sd)attenbilb  beS  oon  Sichtern  fo  gepriefenen  golbenen  3 e 1 1  = 
alterS:  mo  eine  ©ntlebigung  oon  allem  eingebilbeten  Vebürfniffe,  baS 
uns  bie  Üppigfeit  auflabet,  fein  foH,  eine  ©enügfamfeit  mit  bem  blohen 
Vebarf  ber  iftatur,  eine  burdhgängige  ©leichheit  ber  Wenfdfen,  ein  immer= 
mährenber  Triebe  unter  ihnen,  mit  einem  SBorte  ber  reine  ©enuh  eines 
forgenfreien,  in  Faulheit  oerträumten  ober  mit  finbifchem  Spiel  oer= 
tänbelten  SebenS:  —  eine  Sehnfudjt,  bie  bie  3tobinfone  unb  bie  IReifen 
nad)  ben  Sübfeeinfeln  fo  reijenb  macht,  überhaupt  aber  ben  Überbruh 
bemeifet,  ben  ber  benfenbe  Wenfd)  am  cioilijirten  Seben  fühlt,  menn  er 
beffen  SBerth  lebigliä)  im  ©  e  n u f  f  e  fudjt  unb  baS  ©egengemid)t  ber  $aul= 
heit  babei  in  Slnfchlag  bringt,  menn  etma  bie  Vernunft  ihn  erinnert,  bem 
Seben  burd)  Ennblungen  einen  SBerth  ju  geben.  Sie  5ftid)tigfeit  biefeS 
2Bunfd)eS  jur  Oiücffehr  in  jene  Seit  ber  ©infalt  unb  ttnfchulb  mirb  hin= 
reidjenb  gezeigt,  menn  man  bur<h  bie  obige  Vorfteüung  beS  urfprüngli<hen 
SuftanbeS  belehrt  mirb:  ber  Wenfd)  fönne  ftch  barin  nicht  erhalten,  barum 


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2Rutt)ma§Itdier  Slrtfang  ber  9)tenfcl)ertgefd)tcbte. 


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toeil  er  iljm  nid)t  genügt;  nod)  meniger  fei  er  geneigt,  jemals  mieber  in 
benfelben  gurücfguf'ehren;  fo  baff  er  alfo  ben  gegenwärtigen  ßuftanb  ber 
fDtühfeligfeiten  bod)  immer  fid)  felbft  unb  feiner  eigenen  2Bal)l  bei3U= 
meffen  habe. 

5  ©S  ift  alfo  bem  fDtenfd)en  eine  foldje  ©arfteöung  feiner  ©efd)id)te 
erfpriefelid)  unb  bienlict)  gur  Sehre  unb  gur  23efferung,  bie  ifjm  geigt:  bah 
er  ber  33orfeI)ung  megen  ber  Übel,  bie  ihn  brüden,  feine  ©d)ulb  geben 
ntüffe;  baff  er  feine  eigene  SSergeljung  aud)  nict)t  einem  ursprünglichen 
Verbrechen  feiner  ©tammeitern  gugufd)reiben  berechtigt  fei,  moburd)  etma 
10  ein  pang  gu  ähnlichen  Übertretungen  in  ber  Vad)fommenfd)aft  erblicf)  ge= 
morben  märe  (benn  mißfürlid)e  panblungen  fönnen  nichts  SlnerbenbeS  bei 
fid)  füfjren);  fonbern  bah  er  baS  non  fenen  ©efdjeljene  mit  Dollem  2fted)te 
als  Don  if)m  felbft  getljan  anerfennen  unb  fid)  alfo  Don  allen  Übeln,  bie 
aus  bem  9J?ihbraud)e  feiner  Vernunft  entfpringen,  bie  @d)ulb  gänglid) 
i5  felbft  beigumeffen  habe,  inbem  er  fid)  fet)r  mol)l  bemüht  merben  fann,  er 
mürbe  fid)  in  benfelben  Umftänben  gerabe  eben  fo  Debatten  unb  ben 
erften  Gebrauch  ber  Vernunft  bamit  gemacht  hoben,  fie  (felbft  miber  ben 
2Binf  ber  Vatur)  gu  mifebrauchen.  SMe  eigentlid)en  phhftfdjen  Übel,  menn 
jener  Vunft  megen  ber  moralifchen  berichtigt  ift,  fönnen  aisbann  in  ber 
2o  ©egenred)nung  Don  Verbienft  unb  ©chulb  fchmerlid)  einen  Überfd)uh  gu 
unferem  33ortheil  austragen. 

Unb  fo  ift  ber  2tuSfd)lag  einer  burd)  ^S^Uofophte  Derfuchten  älteften 
9Jienfcpengefd)id)te :  ^ufriebenheit  mit  ber  Vorfebung  unb  bem  ©ange 
menfd)lid)er  2)inge  im  ©angen,  ber  nicht  Dom  ©uten  anfjebenb  pm  Vöfen 
25  fortgeht,  fonbern  fxd)  Dom  ©d)led)tern  jum  SSefferen  aUmählig  entmicfelt; 
gu  melchem  ^ortfdjritte  benn  ein  jeher  an  feinem  Sheile,  fo  Diel  in  feinen 
Kräften  fteht,  beigutragen  burd)  bie  Statur  felbft  berufen  ift. 


'^teenfton 

Dort 

^offfteG  J>ufefanö’s 


^erfudj  nßer  den  §ruuöfa|  6  es 
glalnrredHs. 


93etfud)  über  ben  ©runbfi»  be<3  ÜRaturredjtsS  —  nebft  einem  2lttf)an(te,  üotx  ©ott» 
lieb  ^mfelanb,  ber  2ßeltineiäbeit  u.  beiber  3ted)te  ®octor.  ßeip^tg  bei  ©.  3- 
©öfdjen  1785. 

3n  SBiffenf haften,  bereit  ©egenftanb  burdt)  lauter  SBernunftbegrxffe 
s  gebaut  »erben  mu|,  wie  bie  eS  ftnb,  welche  bie  praftifche  SßeltmeiSheit 
auSmachen,  nicht  bloS  ju  ben  erften  ©runbbegriffen  unb  ©runbfäizen  zu* 
rücfgehen,  fonbern,  »eil  eS  btefen  leicht  an  ßuläffigfeit  unb  obfectioer 
Realität  festen  fönnte,  bie  felbft  burct)  ihre  ßulänglichfeit  für  einzelne  nor= 
fomntenbe  ^äüe  noch  nicht  tjinreichenb  be»iefen  ift,  ihre  Quellen  in  betn 
10  Senutnftüermögen  felbft  auffudjen,  ift  ein  rühmliches  Unternehmen, 
»elchent  ftct)  cperr  #ufelanb  hier  in  Slnfehung  beS  SaturredjtS  unterzogen 
hat.  ©r  [teilt  in  zehn  2lbfd)nitten  ben  ©egenftanb  beS  SaturrechtS,  bie 
©ntmicfelung  beS  SegriffS  oom  9ted)t,  bie  noth»enbigen  @igenfd)aften  beS 
©runbfafeeS  beffelben,  bann  bie  öerfdfiebenen  ©hfteure  hierüber  unb  bie 
i5  Prüfung  berfelben,  jene  mit  hiftorifdjer  2luSführlid)feit,  btefe  mit  fritifcher 
©enauigteit  bar,  »o  man  bie  ©runbfätje  eines  ©rotiuS,  £»bbeS,  Sufen= 
borf,  ShontaftuS,  Heinrich  unb  ©am.  non  (Socceji,  Söolff,  ©unbling,  Seher, 
Qreuer,  Äöfjler,  ©laproth,  ©chmaufj,  2Id)en»aK,  ©ulzer,  lieber,  ©berljarb, 
Patner,  Stenbelsfohn,  ©aroe,  Döpfner,  Ulrich,  ßöllner,  £amann,  ©eile, 
20  §Iatt,  ©chlettmein  antrifft  unb  nicht  leicht  einen  oermiffen  »irb,  »elcheS 
betn,  »eld)er  gerne  baS  ©an^e  alles  bisher  in  biefern  Fa<he  ©efd)ehenen 
überfeinen  unb  bie  allgemeine  Stufterung  beffelben  anftetlen  möchte,  eine 
angenehme  ©rleichterung  ift.  ©r  fucht  bie  Urfachen  biefer  Ser f «hiebe n= 
heit  in  ©runbfähen  auf;  fetzt  barauf  bie  formalen  Sebingungen  beS 
25  Saturred)tS  feft,  leitet  ben  ©runbfah  beffelben  in  einer  non  ihm  felbft 
auSgebad)ten  Theorie  ab,  beftimmt  bie  Serbinblichfeit  imSaturred)t  näher 
unb  oollenbet  biefeS  Sßerf  burch  bie  barauS  gezogenen  Folgerungen;  bern 
im  Anhänge  noch  einige  befonbere  2ln»enbungen  fener  Segriffe  unb 
©runbfätze  beigefügt  ftnb. 

30  3u  einer  fo  großen  Stannigfaltigfeit  ber  Staterien  über  einzelne 
fünfte  2lnmer!ungen  zu  machen,  »ürbe  eben  fo  »eitf<h»eiftg,  als  unz»ecf= 
nräfjig  fein.  ©S  mag  alfo  genug  fein,  ben  ©runbfat?  ber  ©rrichtung  eines 


128  Stecenfion  üon  ^ufelanbä  SSerfud)  über  ben  ©rutibfa^  be3  SRaturrecbtS. 

eigenen  <St)fiemS,  ber  biefeS  2Berf  d)arafterifirt,  Dom  achten  2lbfd)nitte  an 
auSguljeben  unb  feine  Quelle  fomoljl  als  bie  23eftimmung  angugeigen. 
Ser  SSerfaffer  t)ält  nämlid)  $rinripten,  bie  bloS  bie  gorm  beS  freien 
2BiüenS  unangefehen  aUeS  Objects  beftimmen,  nid)t  für  tjinreic^enb  311m 
praftifd)en  ©efejje  unb  alfo,  um  33erbinblid)feit  baoon  abguleüen.  Saf)er  5 
fud)t  er  3U  jenen  formalen  Regeln  eine  Materie,  b.  i.  ein  Object,  meld)eS 
als  ber  hödjfte  ßnoecf  eines  oernünftigen  2öefenS,  ben  if)nt  bie  Statur  ber 
Singe  oorfchreibt,  als  ein  ^oftulat  angenommen  merben  fönne,  unb  fet)t 
eS  in  ber  SSeroollfommnung  beffelben.  Safjer  ber  oberfte  praftifdt)e 
©runbfajj:  SSeförbere  bie  3Mfomment)eit  aller  empfinbenben,  oorgüglid)  10 
ber  oernünftigen  SBefen,  —  alfo  and)  beine  eigene;  morauS  benn  ber  Saig: 
2Sert)inbere  bie  SSerminberung  berfelben  an  anbern,  —  oor^üglid)  an  bir 
felbft  (fo  fern  anbere  baoon  bie  Urfad)e  fein  möchten),  meines  lefetere  einen 
SBiberftanb,  mithin  einen  ßmang  offenbar  in  fid)  fdjliefjt. 

SaS  6igentf)ümli<he  beS  ©tyftemS  unferS  SSerfafferS  beftefjt  nun  15 
barin,  bafj  er  ben  ©rutib  aUeS 5Raturred)tS  unb  aHer ißefugnifj  in  einer  oor* 
l)ergef)enben  natürlichen  SSerbinblid^feit  fetjt,  unb  bafj  ber  SJtenfd)  barum 
befugt  fei  anbere  3U  gmingen,  meü  er  t)ie^u  (nad)  bem  lebten  S|eile  beS 
©runbfajgeS)  oerbunben  ift;  anberS,  glaubt  er,  fönne  bie  SSefugnifj  gurn 
ßmange  nicht  erflärt  merben.  Ob  er  nun  gleich  bie  gange  SBiffenfchaft  20 
natürlicher  0fted)te  auf  3Serbinblid)feiten  grünbet,  fo  marnt  er  hoch,  barunter 
nicht  bie  33erbinblid)feit  anberer,  unferm  Siecht  eine  ©nüge  gu  leiften,  gu 
oerftehen  (§obbeS  merft  fd)on  an,  baff,  mo  berßmangunfere  2lnfprüd)e  be* 
gleitet,  feine  33erbinblid)feit  anberer,  fid)  biefem  ßmange  gu  untermerfen, 
mehr  gebacht  merben  fönne).  hieraus  fehltest  er,  bafe  bie  Sehre  üon  ben  3Ser=  25 
binblichfeiten  im  Staturrecht  überflüfftg  fei  unb  oft  mißleiten  fönne.  hierin 
tritt  Stecenfent  bem  tßerfaffer  gerne  bei.  Senn  bie  grage  ift  hier  nur, 
unter  melden  SSebingungen  id)  ben  ßmang  auSüben  fönne,  ohne  ben  all* 
gemeinen  ©ruitbfäjjen  beS  Sted)tS  gu  miberftreiten;  ob  ber  anbere  nach  eben 
benfelben  ©runbfäjgen  ftd)  paffiü  »erhalten  ober  reagiren  bürfe,  ift  feine  30 
(Sache  gu  unterfuchen,  fo  lange  nämlid)  aUeS  im  Staturguftanbe  betrachtet 
mirb,  benn  im  bürgerlichen  ift  bem  Süchterfpruche,  ber  baS  Siecht  bem  einen 
£ljeil  guerfennt,  jebergeit  eine  33erbinblid)feit  beS  ©egnerS  correfponbirenb. 
2tud)  hat  biefe  23emerfung  im  Staturredjt  ihren  großen  Stufen,  um  ben 
eigentlichen  Sted)tSgrunb  nicht  burd)  ©inmengung  ethifcher  ß-ragen  gu  uer=  35 
mirren.  SlUein  bafj  bie  23efugni§  gu  gmingen  fogar  eine  3Serbinblid)feit 
bagu,  melche  uns  oon  ber  Statur  felbft  auferlegt  fei,  burd)auS  gum  ©runbe 


jRecertfion  Don  .pufelattbä  S3erfuct)  über  ben  ©runbfa|j  beä  iftaturrecfetS.  129 

fabelt  müffe,  baS  jd)etnt  fftecenfenten  nicfet  flar  gu  jein;  oornefemlicfe  meil 
ber  ©runb  mehr  enthält,  als  p  jener  Folge  nötfeig  ift.  3>enn  barauS 
fc^eint  p  folgen,  bafe  man  non  feinem  9iecfete  fogar  nicfetS  nadjlaffen 
fönne,  mop  uns  ein  3toang  erlaubt  ift,  meil  tiefe  ©rlaubnife  auf  einer 
5  innern  3Serbinblid)feit  beruht,  fid)  burcfeauS  unb  mithin  allenfalls  mit 
©emalt  bie  uns  geftrittene  aSoÜfommenfeeit  p  erringen.  ©S  fdjeint  aucfe: 
bafe  nacfe  bem  angenommenen  Sfticfetmafee  ber  Sßefugnife  bie  33eurtfeeilung 
befjen,  mop  id)  ein  3ftect)t  habe,  felbft  in  ben  gemeinften  fällen  beS  SebenS 
fo  fünftlicfe  auSfaüen  muffe,  bafe  felbft  ber  geübtefte  SSerftanb  ftd)  in  com 
10  tinuirlicbjer  2Serlegent>eit,  mo  nid)t  gar  in  ber  Unmöglicfefeitbefinbenmürbe, 
mit  ©emifefeeü  auSpmacfeen,  mie  meit  fid)  fein  diecfet  erftrecfe.  —  2Son 
bem  3Red)te  pm  Grrfafe  behauptet  ber  SSerfajfer,  bafe  eS  im  biofeen  5Ratur* 
pftanbe  als  ßmangSrecfet  nicfet  Statt  finbe,  bod)  geftefet  er,  bafe  er  eS  blofe 
barum  aufgebe,  meil  er  eS  nid)t  bemeifen  p  tonnen  glaubt.  3n  eben 
i5  bemfelben  ßuftanbe  räumt  er  aucfe  feine  ßurecfenung  ein,  meil  ba 
fein  Odcfeter  angetroffen  mirb.  —  Einige  Fingerzeige  pr  Slnmenbung 
giebt  ber  £err  SSerfaffer  im  Slnfeange:  mo  er  oou  ber  erften  @rmer* 
bung,  oon  ber  burcfe  Verträge,  bem  Staats*  unb  SSölferrecfete  feanbelt 
uub  plefet  eine  neue  notfemenbige  Wiffenfcfeaft  oorfcfelägt,  melcfee  bie 
20  £ücfe  pnfcfeen  bem  9tatur=  unb  pofttioen  Sfiecfete  auSfuCten  fönne.  Wan 
fann  nicfet  in  Slbrebe  siefeen,  baff  in  biefem  Werfe  oiel  SHeueS,  Stiefge* 
bacfeteS  unb  zugleid)  WafereS  enthalten  fei,  überall  aber  etmaS,  baS  pr 
©ntbecfung  beS  Äriterii  ber  Waferfeeit  in  Säfeen  beS  ÜRaturrecfetS  unb  ber 
©renjbeftimmung  beS  eigentümlichen  SSobenS  beffelben  oorbereitet  unb 
25  Anleitung  giebt.  $)ocfe  regnet  Otecenfent  nocfe  fefer  auf  ben  fortgefefeten 
©ebraucfe,  ben  ber  fxrr  SSerfaffer  nocfe  fönftig  in  feinen  geferftunben  non 
feinem  ©runbfafee  machen  mirb.  2>enn  biefe  2Xrt  oon  Gfrperiment  ift  in 
feiner  2lrt  oon  ©rfenntnife  aus  biofeen  «Begriffen  nötiger  unb  babei  bocfe 
Zugleid)  fo  tfeunlicfe,  als  in  fragen  über  baS  3iecfet,  baS  auf  biofeer  23er- 
so  nunft  berufet;  niemanb  aber  fann  bergleicfeen  SSerfucfe  mannigfaltiger  unb 
ausführlicher  anfteUen  als  ber,  metcfeer  fein  angenommenes  ^rinäp  an  fo 
oiel  Folgerungen,  als  ifem  baS  ganjeSfeftem,  baS  er  öfters  burcfegefeen  mufe, 
barbietet,  p  prüfen  ©elegenfeeit  feat.  @S  märe  unfcfeicflicfe,  ©inmmfe 
miber  eine  Scferift  aufpftetlen,  bie  ficfe  auf  baS  befoubere  'Sofeftem  grünben, 
35  b«S  ficfe  ber  fftecenfent  über  eben  benfelben  ©egenftanb  gemacfet  feat;  feine 
«Befugnife  erftrecft  ficfe  nicfet  meüer,  als  nur  auf  bie  Prüfung  ber  ßufam* 
mcnftimmung  ber  oorgetragenen  Säfee  unter  einanber,  ober  mit  folcfeeit 

Staut’ 3  ©Triften.  äBerfe.  VIII.  9 


130  Stecettfton  bon  £ufelanb«  SerfucE)  über  ben  ©runbfa|  be<3  'Jfaturrec^t'S. 

SBahrpeiten,  bie  er  als  nom  SSerfaffer  gugeftanben  annepmen  fann.  35a^er 
fönneti  wir  nict)t§  weiter  hin^ufitgen,  als  bafj  gegenwärtige  <2cl)rift  ben 
lebhaften  unb  forfchenben  ©eift  beS  BerfafferS,  non  welchem  ftd)  in  ber 
Solge  Diel  erwarten  Ifijjt,  beweife,  unb  eine  ähnliche  Bearbeitung,  in  biefer 
fowo^l  als  in  anbern  Bernunftwiffenfchaften  bie  ^rincipien  forgfältig  5 
31t  berichtigen,  bem  ©efchmacfe  unb  nielleicpt  and)  bem  Berufe  biefeS  ßeit= 
alters  angemeffen  unb  baper  allgemein  anjupreifen  fei. 


■pas  ije t|t: 

$idj  im  Deußen  oricniircu? 


9* 


2Bir  mögen  unfre  SSegriffe  noch  fo  pod)  anlegen  unb  habet  noch  fo 
fetjr  non  ber  Sinnlid)teit  abftra^iren,  fo  hängen  Upen  bod)  nocp  immer 
bilblicpe  SSorfteßungen  an,  beren  eigentliche  Seftimmung  e§  ift,  fte,  bie 
fonft  nid)t  ton  ber  ©rfaprung  abgeleitet  ftnb,  prn  ©rfaprung§ge= 
5  brauche  tauglich  p  machen.  Senn  mie  müßten  mir  aud)  nuferen  33e= 
griffen  Sinn  unb  SSebeutung  terfchaffen,  menn  ihnen  nicpt  irgenb  eine 
Slnfcpauung  (melcpe  §ule^t  immer  ein  23eifpiel  au§  irgenb  einer  möglichen 
Erfahrung  fein  muh)  untergelegt  mürbe?  SBenn  mir  pernadp  Don  biefer 
concreten  33erftanbe§panblung  bie  Seimifcpung  be<§  33ilbe<S,  perft  ber  p= 
10  fäüigen  SBaprnepmung  burcp  Sinne,  bann  fogar  bie  reine  ftnnlicpe  5In= 
fchauung  überhaupt  meglaffen:  fo  bleibt  jener  reine  3Serftanbe§begriff 
übrig,  beffen  Umfang  nun  ermeitert  ift  unb  eine  Oftegel  be§  Senfeng  über= 
haupt  enthält.  Stuf  fold)e  Söeife  ift  felbft  bie  aügemeine  Sogif  p  Stanbe 
gefommen;  unb  manche  heuriftif chie  SRetpobe  p  beuten  liegt  in  bem 
15  ©rfaprungggebraucpe  unfereg  33erftanbeg  unb  ber  Vernunft  tießeicht  noch 
oerborgen,  melche,  menn  mir  fte  beputfam  au§  jener  Erfahrung  perauSp* 
fiepen  Derftänben,  bie  Oßpilofoppie  mol)l  mit  mancher  mi^lidtjen  Oßtapime 
felbft  im  abftracten  Senfen  bereichern  tonnte. 

SSon  biefer  Slrt  ift  ber  ©runbfap,  p  bem  ber  fei.  fUtenbelgfopn,  fo 
20  Diel  ich  nur  in  feinen  lebten  Schriften  (ben  fUtorgenftunben 

S.  164 — 65  unb  bem  Briefe  an  SeffingS  $reunbe  S.  33  unb  67)  fid) 
augbrücflicp  betannte;  nämlich  bie  fßtapime  ber  Ototpmenbigfeit,  im  fpecu= 
latioen  ©ebrauepe  ber  Vernunft  (melcpem  er  fonft  in  ülnfepung  ber  ©r* 
fenntnip  ftberftnnlicper  ©egenftänbe  fepr  Diel,  fogar  big  pr  ©Diben^  ber 
25  Semonftration,  ptraute)  burep  ein  gemiffeS  ßeitunggmittel,  melcpeg  er 
balb  ben  ©emeinfinn  (2Jtorgenftunben),  halb  bie  gefnttbe  Vernunft, 
halb  ben  fcplicpten  ODRenfcpenterftanb  (an  ßefjtngg ^reunbe)  nannte, 
ftep  p  orientiren.  2Ber  pätte  benfen  foßen,  baff  biefeg  ©eftänbnifj  nicpt 
allein  feiner  Dortpeilpaften  Meinung  Don  ber  $Rad)t  beg  fpeculatioen 
30  SSernunftgebraucpg  in  Sachen  ber  Speologie  fo  Derberblid)  merben  foßte 
(melcpeg  in  ber  Spat  unDermeiblicp  mar);  fonbern  baff  felbft  bie  gemeine 


1B4 


2Ba§  tjeifet:  ©idj  im  ©enfen  orientiren? 


gefunbe  Vernunft  bei  ber  ßmeibeutigfeit,  morin  er  bie  Ausübung  biefeS 
Vermögens  im  ©egenfafee  mit  ber  ©peculation  liefe,  in  ©efafer  geraden 
mürbe,  jum  ©runbfafee  ber  ©d)märmerei  unb  ber  gän^lidtjen  ©nttferonung 
ber  Vernunft  zu  bienen?  Unb  bod)  gefcfeah  biejeö  in  ber  MenbelSfoljn* 
unb  Sacobi’fcheu  ©treifigfeit  nornefemlicfe  burd)  bie  nicht  unbebeuten*  5 
ben  ©dfeüffe  beS  feharffennigen  SBerfafferS  ber  fftefultate*);  miemofel  id) 
feinem  öon  beiben  bie  Slbfedfe,  eine  fo  oerberblicfee  OenfungSart  in  ©ang 
ju  bringen,  beilegen  miH,  fonbern  beS  letzteren  Unternehmung  lieber  als 
argumentum  ad  hominem  anfefee,  beffen  man  fed)  gur  blofeen  ©egenmefer 
Zu  bebienen  mofel  berechtigt  ift,  um  bie  SSIöfee,  bie  ber  ©egner  giebt,  ju  10 
befjen  Sftadfeheil  ju  benufeen.  2lnbererfeitS  merbe  id)  zeigen:  bafe  eS  in  ber 
$feat  blofe  bie  Vernunft,  nicht  ein  üorgeblicher  geheimer  SBahrfeeitSfenn, 
feine  überfdjmengltcfee  Slnjchauung  unter  öem  tarnen  beS  ©laubenS, 
worauf  Orabition  ober  Offenbarung  ohne  ©inftimmung  ber  Vernunft  ge* 
pfropft  merben  fann,  fonbern,  mieMenbelSfohn  ftanbpaft  unb  mit  gerechtem  15 
©ifer  behauptete,  blofe  bie  eigentliche  reine  Menfehenoernunft  fei,  moburd) 
er  eS  nötfeig  fanb  unb  anprieS,  fi<±)  ju  orientiren;  obzwar  freilich  bjiebei 
ber  hohe  Slnfprud)  beS  fpeculatioen  Vermögens  berfelben,  oornehmlid)  ihr 
allein  gebietenbeS  Slnfepen  (burd)  Oemonftration)  megfaHen  unb  ihr,  fo 
fern  fee  fpeculatio  ift,  nichts  meiter  als  baS  ©efcfeäft  ber  Reinigung  beS  20 
gemeinen  SSernunftbegriffS  üon  2Siberfprüd)en  unb  bie  2Sertf)eibigung 
gegen  ihre  eigenen  fophiftifcfeen  Angriffe  auf  bie  Mapimen  einer  ge* 
funben  Vernunft  übrig  gelaffen  merben  mufe.  —  Oer  ermeiterte  unb  ge* 
nauer  beftimmte  begriff  beS  ©ichorientirenS  fann  uns  behülflid)  fein, 
bie  Mapirne  ber  gefunben  SSernunft  in  ihren  ^Bearbeitungen  zur  ©rfennt*  25 
nife  überfennlicfeer  ©egenftänbe  beutUcfe  barzuftellen. 

©ich  orientiren  heifet  in  ber  eigentlichen  SBebeutung  beS  SBortS: 
aus  einer  gegebenen  SBeltgegenb  (in  beren  oier  mir  ben  Horizont  eintheilen) 
bie  übrigen,  namentlich  ben  Aufgang  ju  fenben.  ©ehe  ich  nun  bie  ©onne 
am  Fimmel  unb  meife,  bafe  eS  nun  bie  Mittagszeit  ift,  fo  meife  ich  ©üben,  30 
SBeften,  korben  unb  Often  gu  fenben.  3u  biefem  SBefeuf  bebarf  ich  aber 
burcfeauS  baS  ©efühl  eines  UnterfdfeebeS  an  meinem  eigenen  ©ubfect 
nämlich  ber  rechten  unb  linfen  £anb.  Sch  nenne  eS  ein  ©efüfel:  weil 

*)  Sa cobi,  «Briefe  über  bie  ?et)re  beS  Spin 03a.  «Breälau  1785.  —  Sacobi 
roiber  «Btenbelöfofm ä  SBefcEjuIbigung  beireffenb  bie  ^Briefe  über  bie  8et)te  be§  35 
@ptno3a.  Ceip3ig  1786.  —  5)ie  «Refultate  ber  3acobifd)en  unb  2JtenbeI3fohnfd)en 
$bitofopf)ie,  fritifd)  unterfucht  bon  einem  greimiUigen.  ©benbaf. 


2ßad  Reifet:  ©id)  im  S)en!en  orientiren? 


135 


biefe  gtoei  ©eiten  äußerlich  in  ber  Slnfchauung  feinen  merfltd)en  Untere 
fd)ieb  geigen.  Dfjne  biefeS  Vermögen:  in  ber  Schreibung  eines  ©irfelS, 
ohne  an  ifjm  irgenb  eine  Verfd)iebenf)eit  ber  ©egenftänbe  p  bebftrfen, 
bod)  bie  Semegung  oou  ber  Sinfen  pr  Rechten  non  ber  in  entgegenge= 
5  fester  3Rid)tung  p  unterfd)eiben  unb  baburd)  eine  Verfd)iebenl)eit  in  ber 
Sage  ber  ©egenftänbe  a  priori  p  beftimmen,  würbe  id)  nid)t  wiffen,  ob 
id)  SBeften  bem  ©übpunfte  beS  £oripntS  gur  3Red)ten  ober  pr  Sinfen 
fetjen  unb  fo  ben  .Ureis  burd)  Storben  unb  Dften  bis  mieber  p  ©üben 
ooüenben  foUte.  Sllfo  orientire  id)  mich  geographifd)  bei  allen  ob= 
10  jectioen  3)atiS  am  Fimmel  bod)  nur  burd)  einen  fubjectiüen  Unter* 
fdfeibungSgrunb;  unb  wenn  in  einem  Jage  burd)  ein  Söunber  alte  ©tern* 
bilber  par  übrigens  biefelbe  ©eftalt  unb  eben  biefelbe  Stellung  gegen 
einanber  bedielten,  nur  baf)  bie  3tid)tung  berfelbeu,  bie  fonft  öftlid)  mar, 
fetjt  meftlid)  geworben  wäre,  fo  würbe  in  ber  näd)ften  fternheüen  fJlad^t 
iS  par  fein  menfd)lid)eS  Sluge  bie  geringfte  Veränberung  bemerfen,  unb 
felbft  ber  Stftronom,  wenn  er  blofe  auf  baS,  was  er  fiel)t,  unb  nid)t  p= 
gleich,  was  er  füljlt,  Sicht  gäbe,  würbe  fid)  unoermeiblid)  beSorientiren. 
©o  aber  fommt  ihm  ganj  natürlid)  baS  par  burd)  bie  Statur  angelegte, 
aber  burd)  öftere  Ausübung  gewohnte  UnterfdjeibungSöermögen  burd)§ 
20  ©efüht  ber  rechten  unb  Hufen  £anb  p^ülfe;  unb  er  wirb,  wenn  er  nur  ben 
ißolarftern  ins  Sluge  nimmt,  nicht  allein  bie  oorgegangene  Veränberung 
bemerfen,  fonbern  fid)  aud)  ungeachtet  berfelben  orientiren  fönnen. 

liefen  geograpl)ifd)en  Segriff  beS  Verfahrens  ftch  p  orientiren  fann 
id)  nun  erweitern  unb  barunter  oerftehen:  jtdj  in  einem  gegebenen  Vautn 
25  überhaupt,  mithin  blofe  mathematifch  orientiren.  3m  puffern  orientire 
id)  mich  in  einem  mir  befannten  ßimmer,  wenn  id)  nur  einen  einzigen 
©egenftanb,  beffen  ©teile  id)  im  ©ebächtnife  habe,  anfaffen  fann.  Slber 
hier  hilft  mir  offenbar  nichts  als  baS  SeftimmungSoermögen  ber  Sagen 
nad)  einem  fubjectioen  UnterfdjeibungSgrunbe:  beim  bie  Objecte,  beren 
so  ©teile  id)  finben  foU,  fehe  id)  gar  nicht;  unb  hätte  femanb  mir  pm  ©pafee 
alle  ©egenftänbe  par  in  berfelben  Drbnung  unter  einanber,  aber  ItnfS 
gefegt,  was  oorher  red)tS  war,  fo  würbe  id)  mich  in  einem  ßimtner,  wo 
fonft  alle  Sßänbe  gan^  gleich  mären,  gar  nicht  finben  fönnen.  ©o  aber 
orientire  id)  mich  halb  burd)  baS  blofee  ©efühl  eines  Unterfd)iebeS  meiner 
35  pei  ©eiten,  ber  rechten  unb  ber  linfen.  ©ben  baS  gefd)iel)t,  wenn  ich  pr 
3tad)tpt  auf  mir  fonft  befannten  ©tragen,  in  benen  ich  ieht  fein  #auS 
unterfcheibe,  gehen  unb  mich  gehörig  wenben  foU. 


136 


2Bci3  fteiftt:  @ic()  im  ©enfen  orientiren'? 


(Snbltcf)  fann  icft  biefen  SSegriff  nocft  meftr  ermeitern,  ba  er  benn  in 
bem  Vermögen  beftänbe,  fid)  nicftt  blofe  im  Iftaume,  b.  i.  matftematifcft, 
fonbern  überftanpt  im  ©enfen,  b.  i.  logifcft,  gu  orientiren.  Wan  fann 
nad)  ber  Analogie  leicftt  errafften,  baft  biefeS  ein  ©efd)äft  ber  reinen  33er= 
nunft  fein  rnerbe,  iftren  ©ebraucft  gu  lenfen,  menn  fie,  non  befannten 
©egenftänben  (ber  ©rfaftruttg)  auSgeftenb,  ftcft  über  alle  ©rennen  ber  ©r* 
faftrung  erweitern  miü  unb  gang  unb  gar  fein  Dbject  ber  Slnfcftauung, 
fonbern  bloft  Scannt  für  biefelbe  finbet;  ba  fie  aisbann  gar  nicftt  meftr  im 
©taube  ift,  nad)  objectiüen  ©rünben  ber  ©rfenntnift,  fonbern  lebiglicft 
nad)  einem  fubfectioen  UnterfcfteibungSgrunbe  in  ber  a3eftimmung  iftreS 
eigenen  UrtfteilSDertnögenS  iftre  Urtfteile  unter  eine  beftimmte  Wapitne 
gu  bringen*).  £>ie§  fubfectioe  Wittel,  ba§  alsbann  nocft  übrig  bleibt,  ift 
fein  anbereS,  als  ba§  ©efüftl  beS  ber  SSernunft  eigenen  ÜBebürfniffeS. 
Wan  fattn  Dor  allem  Srrtftum  geftcftert  bleiben,  menn  man  ftcft  ba  nicftt 
unterfangt  gu  urtfteilen,  mo  man  nicftt  fo  oiel  meift,  als  gu  einem  be= 
ftimmenben  Urtfteile  erforberlicft  ift.  Stlfo  ift  Unmiffenfteit  an  ftcft  bie 
Urfacfte  gmar  ber  ©cftranfen,  aber  nicftt  ber  ^rrtftümer  in  unferer  ©rfennt» 
nift-  2lber  mo  e§  nicftt  fo  miüfürlicft  ift,  ob  man  über  etmaS  beftimmt 
urtfteilen  moKe  ober  nicftt,  mo  ein  mirflicfteS  «Beb  ürfnife  unb  moftl  gar 
ein  folcftes,  melcfteS  ber  Vernunft  an  ftcft  felbft  anftängt,  ba§  Urtfteilen 
notftmenbig  macftt,  unb  gleid)moftl  Mangel  be§  BiffenS  in  Slnfeftung  ber 
gum  Urtfteil  erforberlicften  ©tücfe  uns  einfcftranft:  ba  ift  eine  Wapitne 
nötftig,  mornacft  mir  unfer  Urtfteil  fällen;  beun  bie  Vernunft  miü  einmal 
befriebigt  fein.  2ßenn  benn  oorfter  fcfton  auSgemacftt  ift,  baft  eS  ftter  feine 
Slnfcftauung  oom  Dbfecte,  nicftt  einmal  etmaS  mit  biefem  ®leid)artigeS 
geben  fönne,  moburcft  mir  ltnferen  ermeiterten  «Begriffen  ben  iftnen  ange= 
meffenen  ©egenftanb  barfteüen  unb  biefe  alfo  iftrer  realen  Wöglicftfeit 
megen  fid)ern  fönnten:  fo  mirb  für  uns  nidftts  meiter  gu  tftun  übrig 
fein,  als  guerft  ben  Segriff,  mit  melcftem  mir  uns  über  alle  mögliche  ©r= 
faftrung  ftinauS  mögen  motlen,  moftl  gu  prüfen,  ob  er  and)  Don  28iber= 
fprücften  frei  fei;  unb  bann  menigftenS  baS  «Berftältnifc  beS  ©egen» 
ftanbeS  gu  ben  ©egenftänben  ber  ©rfaftrung  unter  reine  33erftanbeSbe= 
griffe  gu  bringen,  moburcft  mir  iftn  nocft  gar  nicftt  Derftnnlicften,  aber  bocft 
etmaS  ÜberftnnlicfteS  menigftenS  tauglicft  gum  ©rfaftrungSgebraucfte 

*)  ®i(*)  im  Renten  überhaupt  orientiren,  Ijei&t  alfo:  ftcft  bei  ber  Unju- 
länglicftleit  ber  objectioen  qSrincipien  ber  Vernunft  im  gürmaftrftalten  na*  einem 
jubjectioen  $ßrincip  berfelben  beftimmen. 


5 

10 

IS 

20 

25 

30 

35 


SBaS  Ijetjst:  ©ich  im  Senfen  orientirenV 


137 


unferer  Vernunft  benfen;  benn  oßne  biefe  SSorftdjt  mürben  mir  oon  einem 
folgen  begriffe  gar  feinen  ©ebraucß  machen  fönnen,  fonbern  feßmärmen, 
anftatt  p  benfen. 

SlCtein  ßiebureß,  nämlich  burd)  ben  bloßen  SSegriff,  ift  bodb)  nod)  nichts 
5  in  Slnfeßung  ber  ©piftenj  biefeS  ©egenftanbeS  unb  ber  mirflid)en  3Ser= 
fnüpfung  beffelben  mit  ber  Sßelt  (bem  Inbegriffe  aHer  ©egenftänbe  mag* 
lid)er  ©rfaßrung)  auSgerid)tet.  5Run  aber  tritt  baS  3F£ed£)t  beS  23e= 
bürfniffeS  ber  Vernunft  ein,  als  eines  fubjectioen  ©ruttbeS  etmaS 
oorauSpfeßen  unb  anpneßmen,  rnaS  fte  burd)  objectioe  ©rünbe  p  miffen 
10  fid)  nid)t  anmaßen  barf;  unb  folglich  fid)  im  2)enfen,  im  unermeßlichen 
unb  für  uns  mit  bider  97ad)t  erfüllten  dtaume  beS  Überfinnlicßen,  lebig= 
ließ  burd)  ißr  eigenes  33ebürfniß  p  orientiren. 

©S  läßt  fid)  mancßeS  Überftnnlicße  beiden  (benn  ©egenftänbe  ber 
(ginne  füllen  bod)  nicht  baS  ganje  $elb  aller  5D7öglid)feit  aus),  mo  bie 
is  Vernunft  gleicßmoßl  fein  SSebürfniß  füßlt,  fid)  bis  p  bemfelben  p  er* 
meitern,  niel  meniger  beffen  SDafein  anpneßmen.  2)ie  Vernunft  finbet  an 
ben  Ursachen  in  ber  2Belt,  rnelcße  fid)  ben  ©innen  offenbaren  (ober  menig* 
ftenS  oon  berfelben  21rt  finb,  als  bie,  foficßißtien  offenbaren),  33efd)äftigung 
genug,  um  nicht  ben  ©influß  reiner  geiftiger  5taturmefen  p  beren  23eßuf 
20  uöthig  p  haben,  beren  Slnneßmung  oielmeßr  ißrem  ©ebraueße  nachteilig 
fein  mürbe.  $)enn  ba  mir  oon  ben  ©efeßen,  nach  melden  folcße  SSßefen 
mirfen  mögen,  nichts,  non  jenen  aber,  nämlich  ben  ©egenftänben  ber 
ginne,  oieleS  miffen,  menigftenS  nocß  3U  erfahren  hoffen  fönnen:  fo  mürbe 
burd)  folcße  SSorauSfeßung  bem  ©ebraudje  ber  SSernitnft  oielmehr  Slbbruch 
25  gefeßeßen.  ©S  ift  alfo  gar  fein  Sebürfniß,  eS  ift  nielmeßr  bloßer  SSormiß, 
tber  auf  nicßtS  als  Träumerei  ausläuft,  barnaeß  p  forfeßen,  ober  mit  fpirn* 
gefpinften  ber  2lrt  p  fpielen.  ©anj  anberS  ift  eS  mit  bem  begriffe  oon 
einem  erften  Urmefen,  als  oberfter  SntelUgenj  unb  pgleicß  als  bem 
höcßften  ©ute,  bemanbt.  2)enn  nicht  allein,  baß  unfere  Vernunft  fdßon 
30  ein  33ebürfniß  füßlt,  ben  33egriff  beS  llneingefd)ränften  bem  begriffe 
adeS  ©ingefeßränften,  initßin  aller  anberen  SMnge*)  3um  ©runbe  p 


*)  Sa  bie  33ernunft  jur  IDRöglichfeit  aller  Singe  Utealität  als  gegeben  öorauS- 
pfeifen  bebarf  unb  bie  ©erfdjiebenljett  ber  Singe  burd)  ihnen  anljcingenbe  SRega» 
tionen  nur  als  (Scßranfen  betrautet :  fo  fiet)t  fie  fiel)  genöibjigt,  eine  einzige  Sltög* 
35  lic^feit,  rrämlid)  bie  beS  uneingefchränften  SöefenS,  als  urforütiglid)  pm  ©runbe 
p  legen,  alle  anberen  aber  als  abgeleitet  p  betrachten.  Sa  aitdj  bie  burd)-- 
gängige  2Jtüglid)feit  eineS  jeben  SingeS  burdjauS  im  ©anjen  aller  @£ifdn3  ange= 


138 


äBad  fyeifjt:  Sich  im  ©eitlen  ortentuen? 


legen;  fo  geht  btefeS  33ebürfnife  and)  auf  bie  2Sorau§fe^ung  be<§  2)afetn§ 
beffelbeti,  ot)ne  welche  fie  ftd)  oon  ber  ßufdlligfett  ber  G^iften^  ber  £)tnge 
in  ber  üffielt,  am  menigften  aber  oon  ber  Sroecfmdfcigfeit  ltnb  Drbnung, 
bie  man  in  fo  beaunberung§mürbigem  ©rabe  (im  kleinen,  meü  e§  un§ 
naf)e  ift,  nod)  mehr  mie  im  ©rojjen)  allenthalben  antrifft,  gar  feinen  be*  5 
friebigenbeu  ©runb  angeben  fann.  Df)ue  einen  oerftanbigen  Urheber  an» 
junehmen,  läfct  fiel),  ohne  in  lauter  Ungereimtheiten  ju  oerfallen,  menigftenS 
fein  oerftdnblid)er  ©runb  baoon  angeben;  unb  ob  mir  gleich  bie  litt» 
möglichfeit  einer  folgen  ßmecfmäfeigfeit  oljne  eine  erfte  oerftanbige 
U r f a cf) e  nicht  betoeifen  fönnen  (benn  aisbann  hdtten  mir  Ijinreicheube  10 
objectioe  ©rünbe  biefer  Behauptung  unb  bebitrften  e§  nicht,  un§  auf  ben 

troffen  werben  mufj,  wetiigftend  ber  ©runbfafj  ber  burchgängigen  23eftimmung  bie 
Unterfheibnng  bed  fDtöglictjen  öom  äBirflicfjen  unferer  ©ernunft  nur  auf  foldje 
Strt  tnüglid)  madjt:  fo  finben  mir  einett  fubjectioeti  ©runb  ber  fftotfjmenbigteit,  b.  i. 
ein  ©ebürfnifj  unferer  ©ernnnft  felbft,  aller  9)füglict)feit  bad  ©afein  eined  aller»  15 
realften  (höchften)  SBefend  jum  ©runbe  31t  legen.  @0  entfpringt  nun  ber  ©arte» 
fianifdje  ©eweid  Dom  ©afein  ©otted,  inbettt  fubjectioe  ©rünbe  etwad  für  ben 
©ebrauct)  ber  Vernunft  (ber  im  ©runbe  immer  nur  ein  ©rfahrungdgebraud)  bleibt) 
Dorant  3U  fe^en  für  objectiD  —  mithin  ©ebürfrtifi  für  (£inficf)t  —  gehalten 
werben.  (£0  ift  ed  mit  biefern,  fo  ift  ed  mit  alten  ©emeifen  bed  würbigett  EJlenbeld«  20 
f  0  h n  in  feinen  ÜWorgenftunben  bewanbt.  @ie  leiftett  nicfjtS  311m  Setjuf  einer  ©emon« 
ftratiou.  ©arum  finb  fie  aber  feineSweged  unnüp.  ©enn  nid)t  3u  ermähnen,  wetten 
fdmnert  Stntafj  biefe  überaus  fdjarffimtigen  ©ntwicfelungen  ber  fubjectioen  ©e= 
binguugen  bed  ©ebratuhd  unferer  Vernunft  31t  ber  Dottftänbigen  ©rfenntnifj  biefed 
unferd  Vermögens  geben,  als  3U  welchem  ©eljuf  fie  bteibenbe  ©eifpiele  finb:  fo  25 
ift  bad  gürmahrljalten  aud  fubjectioen  ©rünben  bed  ®ebrau<hd  ber  ©ernunft,  wenn 
und  objectioe  mangeln  unb  wir  bennod)  3a  urtheilen  genöttjigt  finb,  immer  noch 
ooti  grofjer  SBidjtigfeit;  nur  muffen  wir  bad,  rnad  nur  abgenötfjigte  ©oraud=„ 
fetjuug  ift,  nid)t  für  freie  ©inficht  audgeben,  um  betn  ©egner,  mit  bent  wir 
und  aufs  ©ogmatifiren  eingelaffen  haben,  nicht  ohne  Eloth  Schwächen  bar3u*  30 
bieten,  beren  er  fid)  31t  unferem  Etadjtheil  bebienen  fann.  fDtenbeldfohn  badjte  wohl 
nicht  baratt,  bafj  bad  ©ogmatifiren  mit  ber  reinen  Vernunft  im  gelbe  bed 
Überfinnlichen  ber  gerabe  2Beg  31U  hh'lofophifchen  Schwärmerei  fei,  unb  baff  nur 
Jfritif  eben  beffelben  Sernunftbermögend  biefern  Übel  grünblich  abhelfen  fönne. 

3 war  fann  bie  ©idciplin  ber  f<holaftifd)en  fDtethobe  (ber  2Bolffifd)en  3.  23.,  bie  er  35 
barum  auch  anrieth),  ba  ade  ^Begriffe  burch  ©efinitionen  beftimmt  unb  aEe 
(Schritte  burch  ©runbfäije  geredjtfertigt  werben  müffen,  biefen  Unfug  wirffich  eine 
Seit  lang  hemmen,  aber  feinedmegeS  gänalid)  abhalten,  ©enn  mit  welchem  9ted)te 
wiU  man  ber  ©ernunft,  ber  ed  einmal  in  jenem  gelbe  feinem  eigenen  ©eftänbniffe 
nach  fo  wohl  gelungen  ift,  Dermeljren,  in  eben  bemfelben  noch  weiter  3U  gehen?  40 
unb  wo  ift  bann  bie  ©ränse,  wo  fie  fteljen  bleiben  muff? 


2ßa3  Reifet:  ©ich  im  ©enfen  orientiren? 


139 


fubfectioen  zu  berufen):  jo  bleibt  bei  biefem  Mangel  ber  Gsittfidjt  bod)  ein 
genugfamer  fubjectioer  ©runb  ber  Sinn e^tnung  berfelben  barin,  baff 
bie  Bernunft  eS  b  e  b  a  r  f :  ettoaS,  maS  if)r  Oer ftänblid)  i jt,  oorauS  gu  feigen, 
um  biefe  gegebene  @rfd)einung  barauS  ju  erfldren,  ba  alles,  momit  fte 
6  jonft  nur  einen  ^Begriff  oerbinben  fann,  biefem  Bebürfniffe  nicht  abhilft. 

Blan  fann  aber  baS  Bebürfnif  ber  Vernunft  als  jmiejad)  anfehen: 
e r ft l i dt)  in  if)rem  ttjeoretijdtjen,  jmeitenS  in  ihrem  praftifctjen 
©ebraud).  !DaS  erjte  SSebürfni js  ^abe  id)  eben  angeführt;  aber  man  fiefyt 
toof)l,  baff  eS  nur  bebingt  fei,  b.  i.  mir  muffen  bie  ©pifteng  ©otteS  an* 
10  nehmen,  menn  mir  über  bie  erften  llrfad)en  alles  ßufäUigen  oornehtnlid) 
in  ber  Drbnung  ber  mirflid)  in  ber  Sßelt  gelegten  ßmecfe  urt^ eilen 
m ollen.  Stßeit  midjtiger  ift  baS  Bebürfnifj  ber  Vernunft  in  if)rem 
praftifdjen  ©ebraud)e,  meü  eS  unbebingt  ift,  unb  mir  bie  (S^ifteng 
©otteS  oorauS  ju  fejjen  nicht  blofe  aisbann  genötigt  merben,  menn  mir 
i5  urttjeilen  m ollen,  fonbern  meil  mir  urtl) eilen  muffen.  ®enn  ber  reine 
praftifdje  ©ebraud)  ber  Vernunft  befielt  in  ber  Borfdjrift  ber  morali» 
fdjen  ©efeige.  @ie  führen  aber  alle  auf  bie  3bee  beS  f)ö d)ften  ©nt eS, 
maS  in  ber  SSelt  möglid)  ift,  fo  fern  eS  allein  burd)  Freiheit  möglid)  ift: 
bie  Sittlich feit;  oon  ber  anberen  ©eite  and)  auf  baS,  maS  nid)t  blojj 
20  auf  menfd)lid)e  Freiheit,  fonbern  and)  auf  bie  Batur  anfommt,  nämlich 
auf  bie  gröjjte  ©lücffeligfeit,  fo  fern  fte  in  Proportion  ber  erften  auS= 
geteilt  ift.  Bun  bebarf  bie  Vernunft,  ein  foldjeS  abhängiges  l)öd)fte 
©ut  unb  gum  Behuf  beffelben  eine  oberfte  Intelligenz  als  t)öd)fteS  un  = 
abhängiges  ©ut  anzunehmen:  jmar  nid)t  um  baoon  baS  oerbinbenbe 
25  Slnfehen  ber  moralifd)en  ©efe^e,  ober  bie  Sriebfeber  zu  ihrer  Beobachtung 
abjuleiteu  (benn  fte  mürben  feinen  tnoralifd)en  2ßerth  herben,  menn  ihr 
BemegungSgrunb  oon  etmaS  anberem,  als  oon  bem  ©efeij  allein,  baS  für 
ftd)  apobiftifd)  gemifj  ift,  abgeleitet  mürbe);  fonbern  nur  um  bem  Be» 
griffe  ootn  fmd)ften  ©ut  objectiüe  ^Realität  jn  geben,  b.  i.  gu  oerhinbern, 
30  baff  eS  jufammt  ber  gangen  ©ittlid)feit  nicht  blof  für  ein  blofeS  Sbeal 
gehalten  merbe,  menn  baSfenige  nirgenb  epiftirte,  beffen  3bee  bie  Biorali» 
tät  unzertrennlich  begleitet. 

©S  ift  alfo  nicht  ©rfenntniff,  fonbern  gefühltes*)  Bebürfnifj 
ber  Bernunft,  moburd)  ftd)  Bien belsf ohn  (ohne  fein  SBiffen)  im  fpecu» 
35  latioen  2)enfen  orientirte.  Unb  ba  biefeS  SeitungSmittel  nicht  ein  ob= 

*)  ©ie  Vernunft  fühlt  nid)t;  fte  fleht  ihren  KJtangel  ein  unb  mirtt  burch  ben 
©rlenntnifjtrieh  baS  ©efüht  bes  BebürfniffeS.  öS  ift  hnmit,  mie  mit  bem 


140 


5Ba§  Ijeifjt:  @id)  im  ©enfen  orientiren'? 


fectioeS  ^ßrinctp  ber  Vernunft,  ein  ©runbfatj  ber  ©infid)ten,  fonbern  ein 
blofj  fubfectioeS  (b.  i.  eine  2J£a,rime)  beS  iljr  burd)  i^re  ©cfyranfen  allein 
erlaubten  ©ebraud)S,  ein  $olgefaf)  beS  33ebörfniffe§,  ift  unb  für  fid) 
al  l  ei  n  ben  ganzen  23eftimmungSgrunb  unferS  UrtfyeilS  über  baS  Qafein  beS 
t)öd)ften  SBefenS  auSmad)t,  non  bem  eS  nur  ein  zufälliger  ©ebraud)  ift 
fid)  in  ben  fpeculatioen23erfud)en  über  benfelben@egenftanbzu  orientiren: 
fo  fehlte  er  hierin  atlerbingS,  bajj  er  biefer  ©pecutation  bennod)  fo  üiel 
SSermögen  zutraute,  für  fid)  allein  auf  bem  2öege  ber  Qemonftration  aÜeS 
au§jurid)ten.  3)ie  ^otljmenbigfeit  beS  erfteren  Mittels  fonnte  nur  (Statt 
finben,  menu  bie  Unzulänglid)feit  beS  lederen  oöllig  zugeftanben  mar: 
ein  ©eftänbnif),  §u  melcpem  iljn  feine  ©äjarffinnigfeit  bod)  zuletzt  mürbe 
gebraut  fyaben,  menn  mit  einer  längeren  ßebenSbauer  iljrn  aud)  bie  ben 
Sugenbfafyren  tneljr  eigene  ©emanbtfyeit  beS  ©eifteS,  alte,  gemo^nte 
QenfungSart  nad)  3?eränberung  beS  BuftanbeS  ber  2öifjenfd)aften  leid)t 
um^uänbern,  märe  oergönnt  gemefen.  Snbeffen  bleibt  iljm  bod)  baS  33er= 
bienft,  baff  er  barauf  beftanb:  ben  lebten  ^robirftein  ber  Buläffigfeit 
eines  HrtlfeilS  l)ier  mie  atlermärtS  nirgenb,  als  allein  in  ber  33er= 
nunft  zu  fud)en,;  fie  mod)te  nun  burd)  ©infid)t  ober  blofzeS  23ebürfnijz 
unb  bie  TOapime  iljrer  eigenen  Buträglid)feit  in  ber  2Bal)l  il)rer  ©ätze  ge= 
leitet  merben.  ©r  nannte  bie  SSernunft  in  il)rem  lepteren  ©ebraudje  bie 
gemeine  9Jtenfd)enOernunft;  beim  biefer  ift  if)r  eigenes  3;ntereffe  jeberzeit 
Zuerft  oorSlugen,  inbefzmanauSbemnatürlid)en©eleifefd)on  mujz  getreten 
fein,  um  jenes  zu  oergeffeu  unb  mitfjig  unter  Gegriffen  in  objectiner  3^ücf fictjt 
Zu  fpäljen,  um  blofj  feinSBiffen,  eS  mag  nöt^ig  fein  ober  nid)t,  zu  ermeitern. 

2)a  aber  ber  SluSbrucf:  ShtSfprud)  ber  gefunben  Vernunft, 
in  oorliegenber  $rage  immer  nod)  zmeibeutig  ift  unb  entmeber,  mie  il)n 
felbft2J?enbelSfol)n  mifmerftanb,  für  ein  Urteil  aus  23ernunfteinfid)t, 
ober,  mie  tfm  ber  SSerfaffer  ber  ^efultate  zu  nehmen  fd)eint,  ein  Urtljeil 
aus  SSernunfteingebun g  genommen  merben  fann:  fo  mirb  nötf)ig 
fein,  biefer  Quelle  ber  33eurtf)eilung  eine  anbere  Benennung  zu  geben, 
unb  feine  ift  iljr  angemeffener,  als  bie  eines  SSermtuftglanbenS. 
©in  jeber  ©laube,  felbft  ber  l)iftorifd)e  mufz  zmar  bernünftig  fein (benn 
ber  lepte  ^robirftein  ber  2Bab)rt)eit  ift  immer  bie  Vernunft);  allein  ein 

moralifd)en  ©efütjl  betoanbt,  tuetcfjeg  fein  moraUfdjeS  ©efefj  öerurfactjt,  bemt  biefed 
entfpringt  gänaltcf)  auS  ber  Vernunft;  fonbern  burd)  moralifd)e  ©efe^e,  mithin 
bur<b  bie  Vernunft  öerurfaäjt  ober  gemirft  wirb,  inbem  ber  rege  unb  bod)  freie 
2öiüe  beftimmter  ©ri'tnbe  bebarf. 


5 

10 

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25 

30 

35 


äüa3  tjeifst:  ©i<h  im  S>enfen  orienttren? 


141 


^ernunftglaube  ift  ber,  melier  ftd)  auf  feine  anbere  ©ata  grünbet  als 
bie,  fo  in  ber  reinen  SSernunft  enthalten  ftnb.  2111er  ©taube  ift  nun 
ein  fubjectio  jureidhenbeS,  objectio  aber  mit  23ewufjtfein  neureichem 
be§  $ürwahrl)alten;  alfo  wirb  er  bem  Sßiffen  entgegengefe^t.  2lnbrer= 
5  feitS,  wenn  aus  objectioen,  obzwar  mit  23ewufjtfein  unjureidhenben,  ©rün= 
ben  etwas  für  wahr  gehalten,  mithin  blojj  gemeint  mirb:  fo  fann  biefeS 
deinen  bod)  burd)  aümd^lige  ©rgänjung  in  berfelben  2(rt  öon  ©rünben 
enblict)  ein  Söiffen  werben.  ©agegen  menn  bie  ©rünbe  beS  ^ürtt)at)r= 
baltenS  ihrer  2lrt  nach  gar  nicht  objectio  gültig  ftnb,  fo  fann  ber  ©taube 
10  burd)  feinen  ©ebraucf)  ber  Vernunft  jemals  ein  Söiffen  werben,  ©er 
f)iftorifdje  ©laube  j.  23.  oon  bem  ©obe  eines  großen  Cannes,  ben  einige 
Briefe  berieten,  fann  ein  SBiffen  werben,  wenn  bie  ©brigfeit  beS 
Orts  benfelben,  fein  23egräbnifj,  ©eftament  u.  f.  w.  melbet.  ©aff  batjer 
etwas  ^rftorifd)  blojj  auf  Beugniffe  für  wahr  gehalten,  b.  i.  geglaubt 
is  wirb,  $.  23.  bah  eine  (Stabt  Dffom  in  ber  Söelt  fei,  unb  bod)  berjenige,  ber 
niemals  ba  gewefen,  fagen  fann:  ich  weif©  unb  nid)t  bloj©  ich 
glaube,  eS  e^iftire  ein  fftorn,  baS  fteht  gan$  wohl  beifammen.  ©a= 
gegen  fann  ber  reine  SSernunftglaube  burd)  alle  natürliche  ©ata 
ber  Vernunft  unb  @rfal)rung  niemals  in  ein  2ßiffen  oerwanbelt 
20  werben,  weil  ber  ©runb  beS  $ürwaf)rf)altenS  hier  blofj  fubjedio, 
namlid)  ein  nothwenbigeS  23ebürfnif$  ber  23ernunft,  ift  (unb,  fo  lange 
wir  2J?enfd)en  ftnb,  immer  bleiben  wirb),  baS  ©afein  eines  haften 
SßefenS  nur  »oranSguf e^en,  nicht  ju  bemonftriren.  ©iefeS  23ebürf= 
nifc  ber  Vernunft  ju  ihrem  fte  befriebigenben  theoretifd)en  ©ebraudhe 
25  würbe  nichts  anberS  als  reine  23ernunfthbpotl)efe  fein,  b.  i.  eine 
Meinung,  bie  aus  fubjectioen  ©rünben  gum  $ürwahrl)alten  gureidhenb 
wäre:  barum,  weil  man  gegebene  SBirfungen  gu  erflären  niemals 
einen  anbern  als  biefen©runb  erwarten  fann,  unb  bie  Vernunft  bod)  einen 
©rftärungSgrunb  bebarf.  ©agegen  ber  üßernunftglaube,  ber  auf 
30  bem  23ebürfnif$  iljreS  ©ebrauchS  in  praftifdher  2lbfid)t  beruht,  ein 
fßoftulat  ber  23ernunft  heilen  fonnte:  nicht  als  ob  eS  eine  Gnnftd)t  wäre, 
welche  aller  logifdjen  gforberung  jur  ©ewifeh^t  ©enüge  thäte,  fonbern 
weil  biefeS  grürwahrljalten  (wenn  in  bem  fötenfdhen  aHeS  nur  moralifdh 
gut  beftetlt  ift)  bem  ©rabe  nach  feinem  2Biffen  nad)ftel)t*),  ob  eS  gleich 
35  ber  2lrt  nach  baoon  üöHig  unterfchieben  ift. 


*)  Sur  CJeftigfeit  beS  ©lanbenS  gehört  baS  23e»ufjtfein  feiner  ltnöer= 
änberlidjfeit.  9tun  fann  ich  »öftig  gewif}  fein,  baff  mir  nientanb  ben  @ais: 


142 


28a§  t)ei§t:  ©icf)  im  2>en!en  orientiren'? 


©in  reiner  33ernunftglaube  ift  alfo  ber  2Begmeifer  ober  ©ompaß,  mo= 
burd)  ber  fpeculatioe  Oenfer  ftd)  auf  feinen  SSernunftftreifereien  im  treibe 
überftnnlict)er  ©egenftänbe  orientiren,  ber  9flenfd)  oon  gemeiner,  bod) 
(ntoralifcß)  gefunber  SSernunft  aber  feinen  2öeg  fornoßl  in  tßeoretifcßer  als 
praftifcßer  Slbftcßt  bem  ganzen  ßroecfe  feiner  33eftimmung  Döüig  ange=  5 
meffen  oorzeicßnen  fann;  unb  biefer  SSernunftglaube  ift  eS  aud),  ber 
febem  anberen  ©lauben,  ja  jeher  Offenbarung  jum  ©runbe  gelegt 
merben  muff. 

Oer  33 eg ri ff  oon  ©ott  unb  felbft  bie  Überzeugung  oon  feinem 
Oafein  tarnt  nur  adein  in  ber  Vernunft  angetroffen  merben,  oon  ißr  10 
allein  auSgeßen  unb  meber  burd)  ©ingebung,  noch  burd)  eine  ertßeilte 
Siacßricßt  oon  nod)  fo  großer  Autorität  guerft  in  uns  fonunen.  2ßiber= 
fäßrt  mir  eine  unmittelbare  Slnfdjauung  oon  einer  folgen  2lrt,  als  fte  mir 
bie  fftatur,  fo  weit  id)  fie  fenne,  gar  nid)t  liefern  fann:  fo  muß  bod)  ein 
begriff  oon  ©ott  zur  fRicßtfdjnur  bienen,  ob  biefe  ©rfcßeinung  aud)  mit  15 
allem  bem  übereinftimme,  maS  zu  bem  ©ßarafteriftifcßen  einer  ©ottßeit  er= 
forberlid)  ift.  Ob  id)  gleid)  nun  gar  nid)t  ehtfeße,  mie  eS  möglid)  fei,  baß 
irgenb  eine  ©rfd)einung  baSjenige  aud)  nur  ber  Dualität  nad)  barftede, 
maS  ftd)  immer  nur  beuten,  niemals  aber  anfdjauen  läßt:  fo  ift  bod) 
menigfteuS  fo  oiel  ftar,  baß,  um  nur  zu  urtßeilen,  ob  baS  ©ott  fei,  maS  -0 
mir  erfcßeint,  maS  auf  mein  ©efüßl  innerlid)  ober  äußerlid)  wirft,  id)  ißn 
an  meinen  SSeruunftbegriff  oon  ©ott  galten  unb  barnad)  prüfen  muffe, 
nid)t  ob  er  biefem  abäquat  fei,  fonbertt  bloß  ob  er  ißm  nid)t  roiberfprectje. 
©ben  fo:  menn  aud)  bei  allem,  moburd)  er  ftd)  mir  unmittelbar  entbecfte, 
nid)tS  angetroffen  mürbe,  maS  jenem  begriffe  miberfpräcße:  fo  mürbe  25 
bennod)  biefe  ©rfcßeinung,  ülitfdjauung,  unmittelbare  Offenbarung,  ober 
mie  man  fonft  eine  folcße  Oarftedung  nennen  mid,  baS  Oafein  eines 
SöefenS  niemals  bemeifen,  beffen  begriff  (menn  er  nid)t  unftdjer  beftimmt 
unb  baßer  ber  23eimtfcßung  alles  möglichen  SBaßneS  untermorfen  merben 
foH)  Unenblicßfeit  ber  ©röße  nad)  zur  Unterfcßeibung  oon  adern  ©e=  so 
fcf)öpfe  forbert,  melcßem  begriffe  aber  gar  feine  ©rfaßrung  ober  2tnfd)au= 
ung  abäquat  fein,  mitßin  aud)  niemals  baS  Oafein  eines  folcßen  2ßefenS 

ift  ein  ©ott,  roerbe  miberlegen  lönnen;  benn  mo  milt  er  biefe  Sinftct)t  ber« 
nehmen?  2tIfo  ift  eß  mit  bem  SBernunftgtauben  nidjt  fo,  mie  mit  bem  ßiftorifc^en 
beroanbt,  bei  bem  eß  immer  nod)  möglich  ift,  baß  93eroeife  311m  ©egentßeil  anfge«  35 
funben  mürben,  unb  roo  man  fid)  immer  nod)  ttorbebalfen  mub,  feine  Meinung  3U 
änbern  menn  ficf>  unfere  jtenntnifj  ber  ©adjen  ermeitern  foüte. 


2Ba3  Reifet:  Sich  im  ©enfen  orientiren? 


143 


ungmeibeutig  bemetfen  tarn.  3Som  ©afetn  beg  ^öc^ften  SBefeng  fann  alfo 
niemanb  burd)  irgenb  eine  2lnfd)auung  s  werft  überzeugt  »erben;  ber 
SSernunftglaube  muff  borJ)erget)en,  unb  algbann  fönnten  aHenfaüg  gemiffe 
Erfd)etnungen  ober  Eröffnungen  änlajj  jur  Unterfucfjung  geben,  ob  »ir 
5  bag,  »ag  ju  ung  fprid)t  ober  fid)  ung  barfteüt,  »of)l  befugt  finb  für  eine 
©otttjeit  ju  galten,  unb  nad)  SSefinben  jenen  ©lauben  beftätigen. 

2Benn  alfo  ber  Vernunft  in  Sachen,  »eld)e  überftnnüdje  ©egenftänbe 
betreffen,  alg  bag  £)afein  ©otteg  unb  bie  fünftigeSBelt,  bag  it)r  suftef)enbe 
9ted)t  su  er  ft  ju  fpredjen  beftrüten  »irb:  fo  ift  aller  Sd)»ärmeret,  2lber* 
10  glauben,  ja  felbft  ber  8ltl)eifterei  eine  »eite  Pforte  geöffnet.  Unb  bod) 
fd^eint  in  ber  Sacobifchen  unb  2Jknbelgfof)nifchen  (Streitigfeit  alleg  auf 
biefen  Umfturs,  id)  »eifc  nicht  red)t,  ob  bloß  ber  33er nunftein fid) t  unb 
beg  SBiffeng  (burd)  oermeinte  Starte  in  ber  Speculation),  ober  auch  fogar 
beg  SSernunftglaubeng,  unb  bagegen  auf  bie  Errichtung  eineg 
iS  anbern  ©laubeng,  ben  ftd)  ein  jeber  nad)  feinem  belieben  machen  fann, 
angelegt.  5Dtan  foltte  beinahe  auf  bag  ledere  fd)Iießen,  »enn  man  ben 
Spinosiftifchen  begriff  oon  ©ott  atg  ben  einzigen  mit  allen  ©runb= 
fä^en  ber  Vernunft  ftimmigen*)  unb  bennod)  oermerflichen  begriff  auf= 


*)  ©3  ift  faum  311  begreifen,  tote  gebaute  ©elebrte  in  ber  jfritif  ber 
20  reinen  Vernunft  Borfchnb  311m  Spino3iSm  finben  fonnten.  ©ie  .fritif  be< 
fcfjneibet  bem  ©ogmatiSm  gon3lid)  bie  Flügel  in  2lnfebung  ber  ©rfenntncfj  über= 
finnlidjer  ©egenftänbe,  unb  ber  SpinosiSm  ift  hierin  fo  bogmatifcE),  ba§  er  fogar 
mit  bem  fDtathematifer  in  Slnfeljung  ber  Strenge  beS  BeweifeS  wetteifert.  ©ie 
$ritif  beweifet:  baß  bie  ©afel  ber  reinen  BerftanbeSbegriffe  alle  fDtaterialien  beS 
25  reinen  ©enfenS  enthalten  muffe;  bet  SpinosiSm  fpricht  oon  ©ebanfen,  bie  bocf) 
felbft  benfen,  unb  alfo  oon  einem  StccibenS,  baS  hoch  sugleid)  fiir  fich  als  Subject 
ejiftirt:  ein  Begriff,  ber  fich  im  menfchlichen  Berftanbe  gar  nicht  finbet  unb  fid)  auch  in 
ihn  nicht  bringen  läfst.  ©ie  jtritif  3eigt:  eS  reiche  noch  lange  nicht  3«  Behauptung  ber 
2Jtögli<hfeit  eines  felbft  gebachten  SBefenS  3»  baß  in  feinem  Begriffe  nichts  SBiber« 
30  fprechenbeS  fei  (roieroohl  eS  atSbann  nötigenfalls  aderbingS  erlaubt  bleibt,  biefe  ©tög= 
lidjfeit  ansunehmen);  ber  SpinosiSm  giebt  aber  oor,  bie  Unmöglichfeit  eines  2BefenS 
einsufehen,  beffen  Sbee  auS  lauter  reinen  BerftanbeSbegriffen  beftetjt,  toooon  man  nur 
alle  Bebingungen  ber  Sinnlichfett  abgefonbert  hat,  rnorin  alfo  niemals  ein  SBiberfprud) 
angetroffen  merben  fann,  unb  Dermag  hoch  biefe  über  alte  ©ratzen  gehenbe  3lnmahung 
35  burch  gar  nichts  3U  uuterftühen.  ©ben  um  biefer  mitten  führt  ber  SpinoaiSm  gerabe 
3ur  Schwärmerei,  ©agegen  giebt  eS  fein  einiges  fixeres  ülfittel  ade  Schwärmerei 
mit  ber  Söurael  auS3urotten,  als  jene  ®rän3beftimmung  beS  reinen  Bernunftöer» 
mögenS.  —  ©ben  fo  finbet  ein  anberer  ©eleljrter  in  ber  Stritif  b.  r.  Bernunft  eine 
SfepfiS,  obgleich  bie  H'ritiF  eben  barauf  tjinauSgeht,  etwas  ©ewiffeS  unb  Be* 


144 


Sßas?  Ijeifjt:  Sidf  im  ©enfen  orientiren? 


gefteHt  ftef)t.  2)enn  ob  eS  fid)  gleidfc)  mit  bem  SSernunftglauben  gang  moljl 
»erträgt,  einguräumen:  bah  fpeculatioe  Vernunft  felbft  nid)t  einmal  bie 
Möglich  feit  eines  fffiefenS,  mie  mir  uns  ©ott  benfen  muffen,  eiugu* 
feljen  im  «Stanbe  fei:  fo  fann  eS  bod)  mit  gar  feinem  ©lauben  unb  über* 
all  mit  feinem  $ürmaf)rt)alten  eines  ©afeinS  gufammen  befielen,  bah 
Vernunft  gar  bie  Unmoglid)feit  eines  ©egenftanbeS  einfefjen  unb 
bennod)  aus  anberen  Quellen  bie  ÜEßirflichfeit  beffelben  erfennen  fönnte. 

fUtänner  non  ©eifteSfäljigfeiten  unb  oon  ermeiterten  ©efinuungen! 
3d)  oerehre  ©ure  Talente  unb  liebe  ©uer  fDienfdjengefühl.  Slber  ^abt 
2$r  and)  mohl  überlegt,  maS  3$r  tt)ut,  unb  mo  eS  mit  ©uren  Angriffen 
auf  bie  SSernunft  hinaus  miß?  D^ne  ßmeifel  tüoät  Sfyr,  bah  Freiheit 
gu  benfen  ungefränft  erhalten  merbe;  benn  ohne  biefe  mürbe  eS  felbft 
mit  ©uren  freien  ©chmüngen  beS  ©enieS  halb  ein  ©nbe  haben.  2Bir 
moUen  fef)en,  maS  aus  biefer  SDenffreiE)eit  natürlicher  SBeife  merben  müffe, 
menn  ein  folcheS  Verfahren,  als  3hr  beginnt,  überljanb  nimmt. 

2)er  Freiheit  gu  benfen  ift  erftlic^  ber  bürgerliche  ß mang  ent* 
gegeugefefjt.  ßmar  fagt  man:  bie  Freiheit  gu  fpred)en  ober  gu  fdjrei* 
ben  fönne  uns  gmar  burd)  obere  ©emalt,  aber  bie  Freiheit  gu  benfen 
burd)  fie  gar  nicht  genommen  merben.  SlUein  mie  oiel  unb  mit  meiner 
ütichtigfeit  mürben  mir  mof)l  benfen,  menn  mir  nicht  gleichfam  in  ©e= 
meinfchaft  mit  anbern,  benen  mir  unfere  unb  bie  uns  ihre  ©ebanfen  mit* 
th eilen,  beichten !  Sllfo  fann  man  mohl  fagen,  bah  biejenige  duffere 
©emalt,  meld)e  bie  Freiheit,  feine  ©ebanfen  öffentlich  mitgutheilen, 
ben  fDienfdjen  entreißt,  ihnen  aud)  bie  Freiheit  gu  benfen  nehme:  baS 
eingige  Äleinob,  baS  uns  bei  allen  bürgerlichen  Saften  nod)  übrig  bleibt, 
unb  moburch  allein  miber  ade  Übel  biefeS  ßuftanbeS  noch  94atf)  gefdjafft 
merben  fann. 

ßttteilenö  mirb  bie  Freiheit  gu  benfen  aud)  in  ber  SSebeutung  ge* 
nommen,  bah  ihr  ber  ©emiff  enSgmang  entgegengefetgt  ift;  mo  ohne 


ftimmteS  in  2lnfet)Urig  beä  UmfangeS  unferer  Csrlenntnif;  a  priori  feft  gu  feigen.  3nt= 
gleiten  eine  ©ialeftit  in  ben  fcitifd)en  ltnterfud)ungen,  meldje  bod)  baranf  angelegt 
finb,  Me  unüermeibtidfe  ©iateftif,  momit  bie  altermärtS  bogmatifd)  geführte  reine  ©er» 
nunft  [ich  felbft  oerfängt  unb  oertoidelt,  aufgulöfen  unb  auf  immer  gu  oertitgen.  ®ie 
füeuptatonifer,  bie  fid)  ©fleftifer  nannten,  weil  fie  ihre  eigenen  ©rillen  aüent» 
halben  in  älteren  Autoren  gu  finben  wußten,  menn  fie  foldie  oorher  hineinge» 
tragen  hatten,  oerfnhren  gerabe  eben  fo;  eS  gedieht  alfo  in  fo  fern  nid)tS  9teueS 
unter  ber  ©omte. 


5 

io 

15 

20 

25 

30 

35 


2öa3  tjeifet:  ©id)  im  ©enfeit  orienttreu'? 


145 


alle  duffere  Oexralt  in  Sachen  ber  Religion  ftd)  SSvtrger  über  anbere  ju 
SSormünbern  aufwerfen  unb  ftatt  Argument  burd)  üorgejdiriebene,  mit 
dngftlidjer  gurdjt  oor  ber  ©efal)r  einer  eigenen  Unterfud)ung  be^ 
gleitete  ©laubenSformeln  alle  Prüfung  ber  SSernunft  burd)  frühen  ©im 
5  brucf  auf  bie  ©emittier  au  nerbannen  miffen. 

®ritten§  bebeutet  aud)  greilfeit  im  ©enfen  bie  Unterwerfung  ber 
SSernunft  unter  feine  anbere  ©efepe  al§:  bie  fie  fid)  fei b ft  giebt;  unb 
ihr  ©egentfjeil  ift  bie  ßliapime  eines  gefeplofeu  ©ebraucpä  ber  Vernunft 
(um  baburd),  wie  baS  ©enie  roätjnt,  weiter  au  feljen,  als  unter  ber  ©im 
10  fcpränfung  burd)  ©efepe).  ©ie  golge  batwn  ift  natürlicher  SBeife  biefe: 
bap,  wenn  bie  Vernunft  bem  ©efepe  nicht  unterworfen  fein  will,  baS  fie  ftd) 
felbft  giebt,  fte  ftd)  unter  ba§  god)  ber  ©efepe  beugen  muff,  bie  ihr  ein  anberer 
giebt;  benn  ohne  irgenb  ein  ©efe^  faun  gar  nichts,  felbft  nicht  ber  gröjjte  Um 
finn  fein  (Spiel  lange  treiben.  Sllfo  ift  bie  unnermeibliche  golge  ber  e r  f  l  ä  r = 
is  ten  ©efeploftgfeit  im  ©enfen  (einer  Befreiung  Don  ben  ©infcpräufungen 
burd)  bie  Vernunft)  biefe:  bah  Freiheit  au  benfen  aulept  baburd)  eingebüpt 
unb,  weil  nicht  etwa  Unglücf,  fonbern  wahrer  Übermut!)  baran  fd)ulb  ift, 
im  eigentlichen  Sinne  beS  2ßort§  ü erf  d) er§t  wirb. 

©er  ©ang  ber  ©inge  ift  ungefähr  biefer.  Buerft  gefaßt  ftd)  ba§ 
•io  ©enie  fehr  in  feinem  fühnen  Schwünge,  ba  eS  ben  gaben,  woran  e§  fonft 
bie  Vernunft  lenfte,  abgeftreift  hat.  ©S  beaaubert  halb  and)  Slnbere  burd) 
3ttad)tfprüd)e  unb  grobe  ©rwartungen  unb  fdjeint  ftd)  felbft  nunmehr  auf 
einen  ©hron  gefegt  au  haben,  ben  langfame,  fcpwerfäßige  Vernunft  fo 
fdjlecht  aierte;  wobei  e§  gleichwohl  immer  bie  Sprache  berfelben  führt. 
25  ©ie  aisbann  angenommene  Sföajcime  ber  Ungültigfeit  einer  au  oberft  gefep- 
gebenben  Vernunft  nennen  wir  gemeine  fcfdjen  Schwärmerei;  fene 
©ünfttinge  ber  gütigen  Tcatur  aber  ©rteud)tung.  2Beil  inbeffen  halb 
eine  Sprad)üerwirrung  unter  biefen  felbft  entfpriugen  mup,  ittbem,  ba 
SSernunft  aßein  für  febertnann  gültig  gebieten  fann,  jept  feber  feiner  ©iw 
so  gebung  folgt:  fo  müffen  aulept  au§  inneren  ©i-ngebungen  burch  äupere 
Beugniffe  bewahrte  gada,  au§  ©rabitionen,  bie  anfänglich  felbft  gewählt 
waren,  mit  ber  Beit  aufgebrungene  Urfunben,  mit  einem  SBorte  bie 
gänaliche  Unterwerfung  ber  Vernunft  unter  gada,  b.  i.  ber  Aberglaube, 
entfpriugen,  weil  biefer  ftch  hoch  wenigftenS  in  eine  gefeplicpe  gorm 
35  unb  baburd)  in  einen  3ftul)e[ianb  bringen  läpt. 

2Beil  gleichwohl  bie  menfd)tid)e  SSernunft  immer  noch  «ad)  greiheit 
ftrebt:  fo  mup,  wenn  fte  einmal  bie  geffeln  aerbrid)t,  ihr  erfter  ©ebraud) 

Äant’3  ©Triften.  SSäetfe.  VIII.  10 


146 


2BaS  beifit:  @td)  im  Senfen  orientiren? 


einer  lange  entwöhnten  Freiheit  in  3D^t^braud)  unb  oermeffeneS  ßutrauen 
auf  Hnabhängigfett  ihres  23ermögenS  non  aller  ©tnfhränfung  auSarten, 
in  eine  Überredung  non  ber  2XUeinherrfcf)aft  ber  fpeculattoeu  SBernunft, 
bie  nichts  annimmt,  als  maS  ftdh  burch  objectiüe  ©rünbe  unb  bog= 
matifdje  Überzeugung  rechtfertigen  fann,  alles  übrige  aber  füfin  weg=  8 
läugnet.  S)ie  Sftapime  ber  Uuabhängigteit  ber  Vernunft  non  ihrem 
eigenen  23ebürfnife  (tßerjichtthuung  auf  SSernunftglauben)  helfet  nuu 
litt  glaube:  nicht  ein  t)tftortf<±)er ;  benn  ben  fann  man  ftdh  gar  nicht 
als  oorfefeltd),  mithin  auch  nicht  als  zurechnungsfähig  benfen  (weil  jeber 
einem  factum,  melcheS  nur  hinreichend  bewahrt  ift,  eben  fo  gut  als  einer  10 
mathematifchen  ©emonftration  glauben  raufe,  er  mag  wollen  ober  nicht); 
fonbern  ein  SSernunf tunglaube,  ein  mifelicfeer  guftanb  beS  menfh= 
liehen  ©emüthh  ber  ben  moralifhen  ©efefeen  juerft  alle  Äraft  ber£rieb= 
febern  auf  baS  §erz,  mit  ber  Beit  fogar  ihnen  felbft  alle  Autorität  be= 
nimmt  unb  bie  ©enfungSart  beranlafet,  bie  man  $retgeifterei  nennt,  15 
b.  i.  ben  ©runbfafe,  gar  feine  Pflicht  mehr  zu  erfenneu.  ^>ier  mengt  [ich 
nun  bie  Dbrigfett  ins  Spiel,  bamit  nicht  felbft  bürgerliche  2tngelegen= 
heilen  in  bie  gröfete  Unordnung  fommen;  unb  ba  baS  beljenbefte  unb  hoch 
nachbrücfüchfte  Mittel  ihr  gerabe  baS  befte  ift,  fo  fybt  fte  bie  Freiheit  zu 
benfen  gar  auf  unb  unterwirft  biefeS  gleich  anberen  ©ewerbeu  ben  ßan=  20 
beSoerorbnungen.  Unb  fo  zerftört  Freiheit  im  SDenfen,  wenn  fte  fogar 
unabhängig  non  ©efefeen  ber  Vernunft  üerfahren  will,  endlich  ftd)  felbft. 

Sreunbe  beS  füJenfhengefhlehtS  unb  beffen,  was  ihm  am  heiligften 
ift!  fRehmt  an,  was  ©uh  nah  forgfältiger  unb  aufrichtiger  Prüfung  am 
glaubwürbigften  fheint,  es  mögen  nun  ftacta,  es  mögen  Skrnunftgrünbe  25 
fein;  nur  ftreitet  ber  SSernunft  niht  baS,  was  fte  zum  höhften  ©ut  auf 
©rben  mäht,  näntlid)  baS  23orred)t  ab,  ber  lefete  ^robirftein  ber  2Baf)r= 
heit*)  zu  fein.  SBibrigenfaUS  werbet  3hrr  btefer  Freiheit  unwürbig,  fte 


*)  ©elbftbenf en  ben  oberften  Ißrobirftein  ber  SBahheit  in  fidf  felbft 
(b.  i.  in  feiner  eigenen  Vernunft)  fudjen;  unb  bie  5J?afime,  jeberaeit  felbft  au  benfen,  30 
ift  bie  Slttfflctnntg«  Saau  gehört  nun  eben  fo  oiel  niht,  als  fih  diejenigen 
einbilben,  melhe  bie  Slufftärnng  in  ßenntniffe  fe^en:  ba  fie  oielmehr  ein  nega» 
tioer  ©runbfab  im  ©ebrauhe  feines  GrrfenntnifiüermögenS  ift,  unb  öfter  ber,  fo 
an  ßenntniffen  überaus  reih  ift,  im  ©ebrauhe  berfelben  am  wenigften  aufgeklärt 
ift.  <Sih  feiner  eigenen  SSernunft  bebienen,  will  nihtS  weiter  fagen,  als  bei  35 
allem  bem,  waS  man  annehmen  foH,  fih  felbft  fragen:  ob  man  eS  wohl  tljunlih 
ffnbe,  ben  ©runb,  warum  man  etwas  annimmt,  ober  auh  bie  «Regel,  bie  aus  bem, 


2öa§  Reifet:  @id)  im  ©enlen  orientiren? 


147 


aud)  ftd)erlid)  einfmfjen  unb  btefe<S  lltiglüdnod)  bcgu  bem  übrigen,  fd)ulb= 
lofeti  Steile  über  ben  fpat§  jietjen,  ber  fonft  roo|t  geftnnt  gemefetr  märe, 
f^d)  feiner  $reif)eit  gefeint  äfjig  unb  baburd)  aud)  jnmcfmäffig  gum 
SBeltbeften  ju  bebienen! 

5  roas>  man  annimmt,  folgt,  jum  allgemeinen  ©runbfatte  feines  SernunftgebraudjeS 
ju  ntadjen.  2)iefe  5)3robe  fann  ein  jeber  mit  fidf  felbft  anftelten;  unb  et  wirb  2tber= 
glauben  unb  (Schwärmerei  bei  biefer  Sßrüfung  aÜSbatb  oerfchminben  fetjen,  voenn 
er  gleid)  bei  roeitem  bie  Äenntniffe  nid)t  beibe  auS  objectioen  ©rünbeti  311 
wiberlegen.  2)enn  er  bebient  fid)  b!o3  ber  Sftajime  ber  ©eXbftertjaltung  ber 

10  Vernunft.  Stufflarung  in  einjelnen  (Subjecten  burd)  ©r^iebung  ju  griinben,  ift 
alfo  gar  leidjt;  man  muff  nur  früh)  anfangen,  bie  jungen  Äopfe  ju  biefer  9teftej:ion 
ju  gewönnen.  ©in  ,geitalter  aber  aufäuftären,  ift  fefir  langwierig;  beim  es 
finben  ftct)  Diel  äußere  rP>inberniffe,  wetdje  jene  ©rjietjungäart  tfjeil^  oerbieten, 
ttjeibS  erfdjwereu. 


10* 


(Einige  Bemerkungen 

&u 

Jitömig  jheinrid)  gafto ß’$ 


Prüfung 

der 

pettöcfefoljuTdjcn  gftorgmlliutöcu. 


SBenn  man  bie  lepte  ÜReubelSfotjn’ j(i)e  Don  ihm  felbft  herausgegebene 
©d)rift  lieft  unb  baS  ni(±)t  im  minbeften  gefd)Wäd)te  Vertrauen  biefeS 
Derfudjten  ißhilofopfjen  auf  bie  bemonftratiüe  SSeweiSart  beS  widjtig= 
ften  alter  ©äpe  ber  reinen  Vernunft  barin  wahrnimmt,  fo  gerätt)  man 
5  in  SSerfudjung,  bie  engen  ©ren§en,  welche  fcrupulöfe  Äritif  biefem  @r= 
fenntnihbermögen  fejjt,  wohl  für  ungegrönbete  Sebenflid)feit  jn  galten 
unb  burd)  bie  Sttjat  alte  ©inwürfe  gegen  bie  2Rö glich feit  einer  folgen 
Unternehmung  für  mibertegt  anjufehen.  3Run  fdjeint  eS  jwar  einer  guten 
unb  ber  menfd)lid)en  Vernunft  unentbehrlichen  ©ad)e  §um  wenigften  nicht 
10  nachteilig  ju  fein,  bah  fte  allenfalls  auf  33ermutl)ungen  gegrünbet  werbe, 
bie  einer  ober  ber  anbere  für  förmliche  23eweife  halten  mag;  benn  man 
mufe  am  ©nbe  hoch  auf  benfelben  ©ap,  eS  fei  burd)  toelchen  2öeg  eS  wolle, 
tommen,  weil  Vernunft  ihr  felbft  ohne  benfelben  niemals  DöUig  ©nüge 
leiften  fann.  8Mein  eS  tritt  hier  eine  wichtige  ©ebenflichfeü  in  2lnfel)ung 
15  beS  SBegeS  ein,  beu  man  einfehlägt.  3)enn  räumt  man  ber  reinen  2Ser= 
nunft  in  ihrem  fpeculatioen  ©ebraudj  einmal  baS  Vermögen  ein,  ftd)  über 
bie  ©rennen  beS  Sinnlichen  hinaus  burd)  ©infiepten  3u  erweitern,  fo  ift 
es  nicht  mehr  möglich,  fte  bloh  auf  biefen  ©egenftanb  einjufchränfen; 
unb  nicht  genug,  bah  fte  aisbann  für  alle  Schwärmerei  ein  weites  gelb 
•io  geöffnet  finbet,  fo  traut  fte  ftd)  auch  au,  felbft  über  bie  SKöglidjtett  eines 
höd)ften  SBefenS  (nach  bemfenigen  begriffe,  ben  bie  Religion  braucht) 
burd)  SSernünfteleien  ju  entfd)eiben  —  wie  wir  baoon  an  ©pinoja  unb 
felbft  ju  unferer  Seit  SSeifpiele  antreffen  —  unb  fo  burd)  angemahten 
^Dogmatismus  jenen  ©ap  mit  eben  ber  Kühnheit  $u  ftürjen,  mit  welcher 
25  man  ihn  errichten  &u  tonnen  ftd)  gerühmt  hat;  ftatt  beffen,  wenn  biefem 
in  2tnfef)ung  beS  Überftnnlichen  burch  ftrenge  Äritil  bie  Flügel  befchnitten 
werben,  jener  ©laube  in  einer  praftifd)=wof)lgegrünbeten,  tf)eoretifd)  aber 
unwiberleglidjen  SSorauSfepung  DöUig  gefiebert  fein  fann.  ©aber  ift  eine 


152 


SSeniertungen  311  Safob’S  Prüfung 


SBiberlegung  jener  Anmaßungen,  jo  gut  fte  aud)  gemeint  fein  mögen,  ber 
Sache  felbft,  roeit  gefehlt  nadjtffeiltg  gu  fein,  oielmebr  febr  beförberlid),  ja 
unumgänglich  nöttjig. 

Diefe  hat  nun  ber  f>err  23erfaffer  beS  gegenwärtigen  SBerfS  über= 
nommen,  unb  nad)bem  er  mir  ein  fleineS  ^Srobeftücf  beffelben  mitgetljeilt  5 
bat,  welches  non  feinem  Talent  ber  Grinftdjt  fowohl  als  Popularität  geugt, 
wache  ich  mir  ein  Vergnügen,  biefe  Schrift  mit  einigen  ^Betrachtungen, 
welche  in  biefe  2J?aterie  einfehtagen,  gu  begleiten. 

2>n  ben  5D?orgenftunben  bebient  ftch  ber  fd;arfftnnige  üftenbelsfoljn, 
um  bem  befd)Werlid)en  ©efdjäfte  ber  ©ntfeheibung  beS  Streits  ber  10 
reinen  Vernunft  mit  ihr  felbft  burd)  ooUftänbige  Äritif  biefeS  it)re§  3Ser= 
wögenS  überboben  gu  fein,  gweier  Äunftftücfe,  bereu  ftd)  auch  toobl  fonft 
bequeme  Seichter  gu  bebtenen  pflegen,  nämlich  ben  (Streit  entweber  gütlich 
bei jutegen,  ober  ihn  als  für  gar  feinen  ©ericßtShof  gehörig  abgu  = 
weifen.  15 

Die  erfte  Sftapime  ftebt  S.  214  erfte  Auflage:  Sie  wiffen,  wie 
febr  ich  geneigt  bin,  alle  Streitigfeitenberphilofophifcßen 

Schulen  fürbloßeSBort  ft  reit  igfeitenguerflären, ob  er  bod) 

wenig  ft  enS  urfprünglich  non  SBortftreitigfeiten  he  rgutei= 
ten;  unb  biefer  fD?a, ritne  bebient  er  ftch  faft  burd)  alle  polemifdje  20 
Slrtifel  beS  gangen  SBerfS.  3d)  bin  hingegen  einer  gang  entgegengefeßten 
Meinung  unb  behaupte,  bah  in  Dingen,  worüber  man,  öornehmlicf) 
in  ber  ißhilofophie,  eine  geraume  Seit  hinburd)  geftritten  bat,  niemals 
eine  SBoriftreitigfeit  gmn  ©runbe  gelegen  habe,  fonbern  immer  eine 
wahrhafte  Streitigfeit  über  ©ab ben.  Denn  obgleich  in  jeber  Sprache  25 
einige  SBorte  in  mehrerer  unb  »ergebener  SBebeutung  gebraucht  werben, 
fo  fann  es  boef)  gar  nicht  lange  währen,  bis  bie,  fo  ftch  im  ©ebrauche 
beffelben  anfangs  üeruneinigt  haben,  ben  fDtißoerftanb  bemerfen  unb  ftch 
an  bereit  Statt  anberer  bebietten:  baß  es  alfo  am  ©nbe  eben  fo  wenig 
wahre  fpomonqma  als  ©pnonhma  giebt.  ©0  fud)te  9D?enbelSfohn  ben  30 
alten  Streit  über  Freiheit  unb  9taturnotl)Wenbigfeit  in  5Be= 
ftimmungen  beS  SöiUenS  (Serl.  @.  Sul.  178B)  auf  biofeen  SBortftreit 
gurücf  gu  führen,  weil  baS  2öort  müffen  in  gweierlei  oerfchiebener  23e= 
beutung  (tbetls  blofe  objectioer,  tbeils  fubjectioer)  gebraucht  wirb;  aber  eS 
ift  (um  mit  ^umen  gu  reben),  als  ob  er  ben  Durchbruch  beS  DceanS  mit  35 
einem  Strohwifd)  ftopfen  wollte.  Denn  fdjon  längft  haben  ißhilofophen 
biefen  leicht  mißbrauchten  Ausbrttcf  üerlaffen  unb  bie  Streitfrage  auf  bie 


ber  Sftenbelsfoljn’fcfjen  3Jforgenftunben. 


153 


Formel  gebraut,  bie  jene  allgemeiner  auSbrücft:  ob  bie  Gegebenheiten 
in  ber  SBelt  (morunter  aud)  unfere  miüfftrlichen  danblungen  gehören) 
in  ber  9teif)e  ber  oorhergehenben  mirfenben  tfrfachen  beftimmt  feien,  ober 
nicht;  unb  ba  ift  eS  offenbar  nicht  mehr  SBortftreit,  fonbern  ein  mistiger, 
5  burd)  bogmatifd)e  fIRetaphbP  niemals  gu  entfd)eibenber  (Streit.  2)iefeS 
ÄunftftücES  bebient  fid)  ber  fubtile  2Rann  nun  faft  allenthalben  in  feinen 
fIRorgenftunben,  mo  eS  mit  ber  Slupfung  ber  Sd)mierigfeiten  nicht  recht 
fort  miU;  eS  ift  aber  gu  beforgen:  bah,  inbern  er  fünftelt  allenthalben 
Sogomachie  gu  ergrübeln,  er  felbft  bagegen  in  Sogobäbalie  oerfaüe, 
10  über  melche  ber  ißhilofophte  nichts  9Rad)theiIigereS  miberfahren  f'ann. 

3)ie  gmeite  2Rapime  geht  barauf  hinaus,  bie  fRachforfchung  ber 
reinen  Vernunft  auf  einer  gemiffen  Stufe  (bie  lange  nod)  nicht  bie  höchfte 
ift)  bem  Scheine  nach  gefeigmähig  gu  hemmen  nnb  bem  Präger  furg  unb 
gut  ben  fDiunb  gu  ftopfen.  3n  ben  2Rorgenftunben  Seite  116  heifft  eS: 
15  „SBenn  ich  euch  fuge,  maS  ein  £)ing  wirft  ober  leibet,  fo  fragt  nicht  meiter, 
maS  eS  ift!  SBenn  ich  euch  fuge,  maS  ihr  euch  non  einem  Sbinge  für  einen 
Gegriff  gu  machen  habt:  fo  hut  bie  fernere  $rage,  maS  biefeS  2)ing  an 
fid)  felbft  fei,  meiter  feinen  Gerftanb"  ic.  2Benn  id)  bod)  aber  (mie  in  ben 
metaphhftf<hen  SlnfangSgrünben  ber  Raturmiffenfd)aft  gegeigt  morben) 
20  einfefje,  bah  mir  oon  ber  förderlichen  fRatur  nichts  anberS  erfennen,  als 
ben  fftautn  (ber  noch  gar  nichts  QjfriftirenbeS,  fonbern  bloh  bie  Gebingung 
gu  Örtern  aufferhalb  einanber,  mithin  gu  blohen  äuheren  Gerhältuiffen 
ift),  baS  £>ing  im  Gaume  auherbem,  bah  auch  Gaum  in  ihm  (b.  i.  eS 
felbft  auSgebehnt)  ift,  feine  anbere  SPrfung  als  Gemegung  (Geränberung 
25  beS  DrtS,  mithin  bloffer  Gerhältniffe),  folglich  feine  anbere  Äraft  ober 
leibenbe  (5igeufd)aft  als  bemegenbe  Äraft  unb  Gemeglid)feit  (Geränberung 
äuherer  Gerhältniffe)  gu  erfennen  giebt:  fo  mag  mir  2RenbelSfof)n,  ober 
jeber  anbere  an  feiner  Stelle  hoch  fugen,  ob  ich  gluuben  fönne,  ein  3)ing 
nad)  bem,  maS  eS  ift,  gu  erfennen,  menn  ich  meiter  nichts  oon  ihm  meih, 
so  als  bah  eS  (StmaS  fei,  baS  in  dufferen  Gerhältniffen  ift,  in  melchem  felbft 
duffere  SSerhältniffe  ftnb,  bah  fene  an  ihm  unb  burd)  baffelbe  an  anberen 
oeränbert  merben  fönnen,  fo  bah  öer  ©runb  bagu  (bemegenbe  Äraft)  in 
benfelben  liegt,  mit  einem  Sßorte,  ob,  ba  ich  nichts  als  Gegiefjungen  oon 
(ätmaS  fenne  auf  etmas  SlnbereS,  baoon  ich  gleichfalls  nur  äuhere  Ge= 
35  giehungen  miffen  fann,  ohne  bah  mir  irgenb  etmaS  inneres  gegeben  ift 
ober  gegeben  merben  fann,  ob  ich  ^a  fagen  fönne,  ich  hübe  einen  begriff 
oom  SDinge  an  fid),  unb  ob  nicht  bie  $rage  gang  rechtmäffig  fei:  maS  benn 


154 


33emerfungen  31t  Safob’ä  Prüfung 


bag  SDtng,  bag  tn  alten  biefen  3Sert)ättnxffen  bag  Subject  ift,  an  ftd) 
felbft  fei.  ©ben  biefeg  läfjt  ftct)  aud)  gar  woijl  an  bem  ©rfahrunggbegriff 
unferer  Seele  bartljun,  baf)  er  biofee  ©rfd)einungen  be§  inneren  «Sinneg 
enthalte  unb  nod)  nicht  ben  beftimmten  begriff  beg  Subjectg  fetbft;  allein 
eg  würbe  mid)  l)ier  in  gu  grofe  SBeitläuftigfeit  führen.  5 

$reilid),  wenn  wir  SBirfungen  eineg  SDingeg  lennten,  bie  in  ber 
Sljat  ©igenfdfaften  eineg  SDingeg  an  ftd)  felbft  fein  fönnen,  fo  bürften  wir 
nidjt  ferner  fragen,  wag  bag  Sing  nod)  aujjer  biefen  ©igenfd)aften  an 
ftd)  fei;  benn  eg  ift  algbann  gerabe  bag,  wag  burd)  jene  ©igenfdjaften  ge= 
geben  ift.  Nun  wirb  man  forbern,  id)  fode  hoch  bergleid)en  @igenfd)aften  10 
unb  wirfenbe  Kräfte  angeben,  bamit  man  fte  unb  burd)  fte  Singe  an  ftd) 
uon  blofen  ©rfdjeinmtgen  unterfdjeiben  föttne.  3d)  antworte:  biefeg  ift 
fd)on  längft  unb  gwar  uon  euch  felbft  gefdjeljen. 

SSeftnnet  eud)  nur,  wie  ihr  ben  Segriff  Don  ©ott,  alg  höd)fter  3fn= 
tedigeng,  gu  Staube  bringt.  Sp  beult  eud)  in  ipn  lauter  wahre  3^eali=  15 
tat,  b.  i.  etwag,  bag  nid)t  blofs  (wie  man  gemeiniglich  bafür  halt)  ben 
Negationen  entgegen  gefegt  wirb,  fottbern  aud)  unb  Dornehmlid)  ben 
Realitäten  in  ber  ©rfdjeinuttg  (realitas  Phaenomenon),  bergleidjen  ade 
finb,  bie  ung  burd)  Sinne  gegeben  werben  muffen  unb  eben  barum 
realitas  apparens  (wieWol)l  nicht  mit  einem  gang  fd)icflid)en  Mgbrucfe)  2o 
genannt  werben.  Nun  Derminbert  alle  biefe  Realitäten  (SSerftanb,  Sßide, 
Seligleit,  Ntacht  :c.)  bem  ©rabe  nach,  fo  bleiben  fte  hoch  ber  2lrt 
(Qualität)  nach  immer  biefelben,  fo  habt  ihr  @igenfd)aftett  ber  Singe  an 
ftd)  felbft,  bie  ihr  aud)  auf  anbere  Singe  auffer  ©ott  anwenben  lönnt. 
Äeine  anbere  lönnt  ihr  euch  beulen,  unb  adeg  Übrige  ift  nur  Realität  in  25 
ber  ©rfcheinung  (©igenfd)aft  eineg  Singeg  alg  ©egenftanbeg  ber  Sinne), 
woburd)  ihr  nientalg  ein  Sing  beult,  wie  eg  an  ftd)  felbft  ift.  ©g  fcheint 
gwar  befremblid),  baf  wir  unfere  «Begriffe  Don  Singen  an  ftch  felbft  nur 
baburd)  gehörig  beftimmen  fönnen,  baf  wir  ade  Realität  guerft  auf  ben 
begriff  Don  ©ott  rebuciren  unb  fo,  wie  er  barin  ftatt  finbet,  adererft  auch  30 
auf  anbere  Singe  alg  Singe  an  ftd)  anwenben  fodeu.  Mein  feneg  ift  lebig= 
lieh  bag  Scheibunggmittel  adeg  Sinnlichen  unb  ber  ©rfd)einung  Don  bem, 
wag  burd)  ben  Rerfianb,  alg  gu  Sachen  an  ftd)  felbft  gehörig,  betrachtet 
werben  fann.  Sllfo  fann  nad)  aden  ^enntniffen,  bie  wir  immer  nur  burd) 
Erfahrung  Don  Sachen  haben  mögen,  bie  fraget  wag  benn  ihre  Objecte  35 
alg  Singe  an  ftd)  felbft  fein  mögen?  gang  unb  gar  nicht  für  ftnnleer  ge= 
halten  werben. 


ber  5JtenbeI3fofjn’fdjen  Sftorgenftunben. 


155 


3)ie  Sachen  ber  9Keta^^fif  fielen  jejjt  auf  einem  folgen  Sufee,  bie 
Sieten  ju  @ntfct)eibimg  ifjrer  @treitigfeiten  liegen  beinahe  fefjon  jura 
@^rucf)e  fertig,  fo  bafj  eS  nur  noef)  ein  wenig  ©ebulb  unb  Unpartei= 
IidE)feit  im  Itrtt)eile  bebarf,  um  e§  üietleid)t  ju  erleben,  bafc  jte  enblid) 
5  einmal  in§  JReine  werben  gebracht  werben. 

Königsberg  ben  4.  Sluguft  1786. 

3-  Kant. 


p 


^fier  6en 

§diraud)  tdeofogifdjer  2frincipien 


in  5er  ^Ijifojopfjie. 


SBenn  man  unter  2ftatur  ben  Inbegriff  non  altem  üerftet)t,  maS  nad) 
©efe^en  beftimmt  epftirt,  bie  Sßelt  (als  eigentlid)  fogeuannte  Otatur)  mit 
ihrer  oberften  Urfad)e  pfammengenommen,  fo  fann  es  bie  SRaturforfdpng 
(bie  im  erften  $aHe  ^ft!,  im  peiten  9Jtetaphhfif  heifst)  auf  pei  SBegen 
5  oerfuchen,  entmeber  auf  bem  bloS  tf)eoretif<hen,  ober  auf  bem  teleo= 
togifdjen  2Bege,  auf  bem  leijtern  aber,  als  ißhhfif,  nur  fold)e  Bwede, 
bie  un§  burd)  Erfahrung  befannt  merben  fönnen,  als  3J?etapb)t)ftf  ba= 
gegen  ihrem  Berufe  angemeffen  nur  einen  Bwed,  ber  burd)  reine  SSernunft 
feft  ftet)t,  p  i£)rer  2lbfid)t  gebrauten.  3d)  ^abe  anbermärtS  gezeigt,  ba£ 
io  bie  Vernunft  in  ber  3J?etapb)pftf  auf  bem  tf)eoretifd)en  9iaturmege  (in  2ln= 
fefpng  ber  ©rfenntnif)  ©otteS)  ihre  ganp  2lbfid)t  nid)t  nad)  SBunfd)  er= 
reifen  fönne,  unb  Ufr  alfo  nur  nod)  ber  teleologifd)e  übrig  fei;  fo  bod), 
bafj  nicht  bie  9iaturpede,  bie  nur  auf  33emeiSgrünben  ber  ©rfatjrung 
berufen,  fonbern  ein  a  priori  burd)  reine  praftifdje  Vernunft  beftimmt 
15  gegebener  Btoed  (in  ber  3bee  beS  hödjften  ©utS)  ben  Mangel  ber  unp= 
länglichen  Theorie  ergänzen  muffe,  ©ine  ähnliche  23efugnif),  ja  SSebürfnih, 
non  einem  teleologifdfen  5fßrincip  auSpgelfen,  mo  uns  bie  Theorie  »erläßt, 
habe  ich  in  einem  fleinen  $erfud)e  über  bie  föienfchenracen  p  bemeifen 
gefud)t.  SSeibe  $äüe  aber  enthalten  eine  $orberung,  her  ber  SSerftanb  fid) 
20  ungern  unterwirft,  unb  bie  2lnlah  genug  ptn  fWifiberftanbe  geben  fann. 
fDtit  3fted)t  ruft  bie  Vernunft  in  aller  5üaturunterfud)uttg  perft  nad» 
Theorie  unb  nur  fpäter  nach  Btoedbeftimmung.  2)en  Mangel  ber  erftern 
fann  feine  Teleologie  noch  praftifd^e  Btoedmähigfeit  erfepn.  2ßir  bleiben 
immer  umoiffenb  in  Slnfelpng  ber  mirfenben  Urfadjen,  Wenn  mir  gleich  bie 
25  Slngemeffenheit  unferer  SSorauSfetpng  mit  ©nburfadjen,  es  fei  ber  9iatur 
ober  unferS  SöidenS,  noch  fo  einleud)tenb  machen  fönnen.  2lm  meiften 
fdjeint  biefe  Älage  ba  gegriinbet  p  fein,  mo  (mie  in  fenem  metaphhflfden 
$aüe)  fogar  praftifd)e  ©efep  oorangehen  müffen,  um  ben  B^ed  aUererft 
anpgeben,  bem  prn  23ehuf  ich  &en  SSegriff  einer  Urfache  p  beftimmen 
so  gebenfe,  ber  auf  fold)e  2lrt  bie  üftatur  beS  ©egenftanbeS  gar  nichts  anp= 


160  Über  beit  ©ebraucf)  teleologtfdjet  Sßrtncipten  iti  ber  Sßbitofoopie. 

gepen,  fonbern  blog  eine  23efdpäftigung  mit  unfern  eignen  Slbftdpten  unb 
ißebürfniffen  31t  fein  fcpeint. 

©g  T^ält  allemal  ferner,  ftct)  in  ^rincipien  31t  einigen,  in  folgen 
fallen,  mo  bie  SBernunft  ein  boppelteg,  ft  dp  med)felfeitig  einfdt)ränf'enbe§ 
Sntereffe  pat.  Slber  eg  ift  fogar  fcpwer  ft  dp  über  bie  ^rincipien  biefer 
2lrt  aud)  nur  3U  öerftetjen,  weit  fie  bie  ßltetpobe  311  benfen  oor  ber  23e= 
ftimmung  beg  Objectg  betreffen,  unb  einanber  miberftreitenbe  Slnfprücpe 
ber  Vernunft  ben  ©eftcptgpunft  jvoeibeutig  rnadpen,  aug  bem  man  feinen 
©egenftanb  3U  betrauten  pat.  3n  ber  gegenwärtigen  ßettfcprift  ftttb  3wei 
meiner  3Serfud)e  über  gnaeierlei  fepr  ßerfd)iebene  ©egenftänbe  unb  non  fepr 
ungleid)er  ©rpebücpfeit  einer  fdparfftmtigen  Prüfung  unterworfen  worben. 
Sn  einer  bin  id)  nid>t  ü  er  ft  an  ben  worben,  ob  tdp  eg  3war  erwartete, 
in  ber  anbern  aber  über  alle  Erwartung  wopl  oerftanben  worben; 
beibeg  oon  Bannern  oon  üor3Üglicpem  Talente,  jugenblidjer  «ftraft  unb 
aufblitpenbent  Lupine.  Sn  jener  gerietp  id)  in  SSerbadpt,  alg  woßte  id) 
eine  grage  ber  pppfifcpen  9taturforfd)ung  burd)  Urfunbeu  ber  Religion 
beantworten:  in  ber  anbern  würbe  id)  oon  bem  23erbad)te  befreiet,  alg 
woßte  id)  burd)  ben  Seweig  ber  Un3ulänglid)feit  einer  metappqfifcpen 
ßtaturforfcpung  ber  Religion  Slbbrud)  tpun.  Sn  beiben  grünbet  ftd)  bie 
©cpwierigfeü  oerftanben  3U  werben  auf  ber  nod)  nidjt  genug  ing  Sidpt 
gefteßten  SSefugnife,  ftd),  wo  tpeoretifdpe  ©rfenntnidqueßen  nid)t  3ulangen, 
beg  teleologifcpett  ^rincipg  bebienen  311  bitrfen,  bod)  mit  einer  folcpen  23e> 
fcpränfung  feineg  ©ebraucpg,  baf  ber  tpeoretifd)=fpeculatioen  9tad)= 
forfd)ttng  bag  ßtecpt  beg  SSortrittg  geftd)ert  wirb,  um  guerft  ipr  gan§e>S 
Vermögen  barait  3U  oerfudpen  (wobei  in  ber  metapppftfcpen  oon  ber  reU 
nen  Vernunft  mit  ßtedpt  geforbert  wirb,  baff  fte  biefeg  unb  überpaupt  ipre 
Slnmapung  über  irgenb  etwag  311  entfd)eibcn  oorper  redptfertige,  batet 
aber  ipren  3Sermögeng3uftanb  ooßftdnbig  aufbecfe,  um  auf  gutrauen 
recpnen  3U  bitrfen),  ingleicpett  baf  im  Fortgänge  biefe  ^reipeit  ipr  jeber= 
Seit  unbenommen  bleibe,  ©in  grofer  SUpeil  ber  ßflifpeßigfeit  berupt 
pier  auf  ber  SSeforgnif  beg  2lbbrud)g,  womit  bie  Sreipeit  beg  5ßernunft= 
gebraud)g  bebropt  werbe;  wenn  biefe  gepöben  wirb,  fo  glaube  idp  bie 
£>inberuiffe  ber  ©inpeßigfeit  leid)t  wegräumen  3U  föntten. 

Sßiber  eine  in  ber  33erl.  9Jt.  ßtooember  1785  eingerüdte  ©r= 
täuterung  meiner  oorlängft  geänderten  Meinung  über  ben  begriff  unb 
ben  Urfprung  ber  Wenfcpenracen  trägt  ber  £err  ©epeimeratp  ©eorg 
Sorfter  im  Xeutfdpen  fßterfur  Dctober  unb  ßtooember  1786  ©inwürfe  oor, 


5 

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15 

20 

25 

30 

35 


Über  ben  ©ebrcmct)  teleologifdjer  SPrinctpien  in  ber  5P£)tIofopl^te.  161 

bie,  mie  rnidj  bünft,  bloS  auS  bem  ÜTJi^üerftanbe  beS  ^ßrincipS,  mooon  id) 
auagetje,  Ijerrübren.  ßmar  finbet  eS  ber  berühmte  9J?ann  gleich  anfangs 
mijflid),  Dörfer  ein  ^3r inctp  feftpfe&en,  nad)  meinem  fidj  ber  9tatur= 
forfd)er  fogar  im  «Suchen  unb  93eobad)ten  falle  leiten  laffen,  unb  üor= 
o  nebmlid)  ein  foldjeS,  maS  bie  ^Beobachtung  auf  eine  baburd)  p  beförbernbe 
9taturgefd)id)te  jum  Unterfdjiebe  non  ber  blojjen  9t aturbef Abreibung 
rid)tete,  fo  mie  biefe  Unterfd)etbung  felbft  unftattbaft.  Mein  biefe  9Jtifj= 
beüigfeit  lä^t  ftd)  leicht  beben. 

2BaS  bie  erfte  23ebenflict)feit  betrifft,  fo  ift  moljl  ungepeifelt  gemife, 
io  baf$  burd)  blopeS  empirifd)eS  .fperumtappen  ohne  ein  leüenbeS  ^rincip, 
mornad)  man  p  fudjen  habe,  nichts  SwedmafeigeS  jemals  mürbe  gefunben 
merben;  benn  Erfahrung  metl)obifd)  anfteHen,  tjeifet  allein  beobachten. 
3<h  banfe  für  ben  bloS  empirifdjen  9teifenben  unb  feine  ©rpblung,  oor* 
nebmlid)  menn  es  um  eine  pfammenbängenbe  ©rfenntniff  p  tbun  ift, 
15  barauS  bie  Vernunft  etmaS  pm  33ebuf  einer  ^beorie  machen  foU.  ©emet* 
niglid)  antmortet  er,  menn  man  monadj  fragt:  id)  batte  baS  mobl  bemerfen 
tonnen,  menn  id)  gemußt  batte,  bajj  man  barnad)  fragen  mürbe,  $olgt 
bod)  £err  %.  felbft  ber  Seitung  beS  £inneifd)en  ^rincips  ber  33el)an> 
licpfeit  beS  ©barafterS  ber  23efrud)tungStbeile  an  ©emäcbfen,  ohne  meines 
20  bie  fpftematifebe  9taturbefdjreibung  beS  «Pflanzenreichs  nicht  fo  rühm* 
lief)  mürbe  georbnet  unb  ermeitert  morben  fein.  2)afi  mand)e  fo  unüorftd)tig 
finb,  ibre  Sbeen  in  bie  Beobachtung  felbft  hineinptragen,  (unb,  mie  es 
aud)  mobl  bem  großen  9taturfenner  felbft  miberfubr,  bie  §lbnli(bfeit  jener 
Gbaraftere  gemiffen  Beifpielen  pfolgefür  eine  Sinnige  ber  Sllplichfeit  ber 
25  Kräfte  ber  Bflanjen  p  halten),  ift  leiber  febr  mabr,  fo  mie  bie  Section 
für  rafdje  Bernünftler  (bie  uns  beibe  oermutblid)  nichts  angebt)  ganj 
mobl  gegrünbet;  allein  biefer  fJJtijjbraud)  fann  bie  ©ültigfeit  ber  fftegel 
bo<b  nicht  aufbeben. 

2BaS  aber  ben  bepeifelten,  ja  gar  fchledjtbin  oermorfenen  Unter* 
30  fchieb  pifchen  9taturbefd)reibung  unb  9taturgefd)id)te  betrifft,  fo  mürbe, 
menn  man  unter  ber  letzteren  eine  ©rpblung  öon  9taturbegebenl)eiten, 
mobiu  feine  menfd)li<be  Vernunft  reicht,  8-  33-  baS  erfte  ©ntfteben  ber 
^flanjen  unb  $fpre,  oerfteben  moüte,  eine  folche  freilich,  mie£r.  %.  fagt, 
eine  2Biffenf<baft  für  ©öfter,  bie  gegenmartig,  ober  felbft  Urheber  maren, 
35  unb  nicht  für  fJKenfcben  fein.  Mein  nur  ben  Bufammenbang  gemiffer 
jetziger  Befcbaffenbeiten  ber  9taturbinge  mit  ihren  Urfachen  in  ber  altern 
Beit  nach  SSirfungSgefehen,  bie  mir  nicht  erbitten,  fonbern  aus  ben 

Äaitt’8  ©Triften.  SBerfe.  VIII.  11 


162  Über  ben  (gebrauch  teteologifdjer  Sßttnctpien  in  ber  Spt)tIofop£)te. 


Kräften  ber  üftatur,  wie  fte  ftd)  uns  fetd  barbietet,  ableiten,  nur  bloS  fo 
weit  gurüd  »erfolgen,  als  eS  bie  Sinologie  erlaubt,  baS  wäre  91aturge= 
f  t <±) t e  unb  gwar  eine  folcpe,  bie  nid)t  allein  möglich,  fonbern  aud)  g.  23. 
in  ben  Gerbtheorien  (worunter  beS  berühmten  Sinne  feine  aud)  Ufren  ijßlat) 
finbet)  »on  grünblid)en  5ftaturforfd)ern  häufig  genug  »erfud)t  worben  ift,  & 
fte  mögen  nun  öiel  ober  wenig  bamit  auSgeric^tet  haben.  Sind)  gehört 
felbft  beS  Jperrn  %.  Sttuthmafeung  »om  erften  itrfprunge  beS  Negers  ge= 
»ife  nicht  gur  9taturbefd)reibung,  fonbern  nur  gur  9taturgefcf)id)te.  ©iefer 
Unterfct)ieb  ift  in  ber  @ad)en  23 efd) Offenheit  gelegen,  unb  ich  »erlange  ba= 
burd)  nichts  DleueS,  fonbern  bloS  bie  forgfältige  Slbfonberung  beS  einen  io 
©efcpäfteS  »om  anbern,  weil  fte  gang  heterogen  ftnb,  unb,  wenn  bie 
eine  (bie  Staturbefdjreibung)  als  2Biffenfd)aft  in  ber  ganzen  Fracht  eines 
großen  ©hftemS  erfdjeint,  bie  anbere  (bie  5ttaturgefd)ichte)  nur  23rud)= 
finde,  ober  wanfenbe  ^ppothefen  aufgeigen  fann.  ©urd)  biefe  Slb= 
fonberung  unb  ©arftetlung  ber  gweiten,  als  einer  eigenen,  wenn  gleich  15 
für  felgt  (»ielleid)t  aud)  auf  immer)  mehr  im  ©djattenriffe  als  im  Söerf 
ausführbaren  SBiffenfchaft  (in  welcher  für  bie  meiften  fragen  ein  23acat 
angejeichnet  gefunben  werben  möchte),  hoffe  ich  bas  gu  bewirten,  baff  man 
[ich  nicht  mit  »ermeintlid)er  ©inficht  auf  bie  eine  etwas  gu  gute  thue, 
was  eigentlich  bloS  ber  anbern  angehört,  unb  ben  Umfang  ber  wirtlichen  20 
©rfenntniffe  in  ber  9taturgefd)id)te  (benn  einige  berfelben  bejtfct  man), 
jugleich  auch  bie  in  ber  Vernunft  felbft  liegenbe  ©fronten  berfelben 
fammt  ben  ^rincipien,  wonach  fte  auf  bie  bestmögliche  Slrt  gu  erweitern 
wäre,  beftimmter  fenneit  lerne*  3)?an  muff  mir  biefe  peinlich  feit  fchon  gu 
gute  halten,  ba  ich  fo  manches  Unheil  auS  ber  ©orglofigfeit,  bie  ©rengen  25 
ber  SSiffenf (haften  in  einanber  laufen  gu  laffen,  in  anberen  fällen  erfahren 
unb  nicht  eben  gu  jebermannS  SBohlgefatten  angegeigt  habe;  Überbein 
hiebei  »öttig  überzeugt  worben  bin,  bap  burd)  bie  blope  <Sd)eibung  beS 
Ungleichartigen,  welches  man  »orher  im  ©emenge  genommen  hatte,  ben 
SBiffenfchaften  oft  ein  gang  neues  Sicht  aufgehe,  wobei  gwar  mandfe  Slrm=  30 
feltgtett  aufgebedt  wirb,  bie  ftch  »orher  hinter  frembartigen  Äenntniffen 
»erfteden  tonnte,  aber  auch  biele  ächte  Duellen  ber  ©rfenntnip  eröffnet 
werben,  wo  man  fte  gar  nicht  hatte  »ermuthen  foUen.  ©ie  größte 
0chwierigteit  bei  biefer  »ermeintlichen  Neuerung  liegt  bloS  im  tarnen. 
£>as  2Bort  ©efd)id)te  in  ber  23ebeutung,  ba  eS  einerlei  mit  bem  griechi=  35 
fchen  Historia  (©rgäl)lung,  23efchreibung)  auSbrüdt,  ift  fchon  gu  fehr  unb 
gu  lange  im  ©ebraudje,  als  bap  man  fich  leicht  gefallen  laffen  foUte,  ihm 


Über  ben  ©ebrcuuf)  teleologifdjer  Sßrincipiett  in  bet  SßJjitofop'tjie. 


163 


eine  aubere  Bebeutung,  meldje  bie  Staturforfchung  beS  UrfprungS  be= 
gelegnen  fann,  pjugeftefjen;  zumal  ba  eS  aud)  nid)t  ot)ne  Schmierigfeit 
i[t,  i^m  in  ber  legieren  einen  anbern  anpaffenben  ted)nifd)en  MSbrucf 
auSzufinben*).  55od)  bie  Sprad)fd)mierigfeit  im  Unterfd)eiben  fann  ben 
5  Unterfdjieb  ber  Sachen  nid)t  aufheben.  2l:rmuthli<h  ift  eben  bergleid)en 
SJtijjhettigfeit megen einer, obmohl untiennetblichen 2lbmeid)ung oon  ela jf i= 
T cd) e n  Msbrücfen  aud)  bei  bem  begriffe  einer  Stace  bie  Urfadje  ber  SSer= 
uneinigung  über  bie  Sache  felbft  gemefen.  ©S  ift  itnS  f)ier  miberfafjren, 
maS  Sterne  bei  Gelegenheit  eines  phi)fiognomifd)en  Streits,  ber  nad) 
10  feinen  Iaunid)ten  ©infallen  alle  Sacultäten  ber  ftraf3burgifd)en  Unioerfität 
in  ülufrufyr  üerfepte,  fagt:  3)ie  Sogifer  mürben  bie  Sache  entfliehen 
haben,  mdren  fie  nur  nid) t  auf  eine 35 efinition  geft offen.  2öaS  f[t 
eine  Stace?  3)aS  SBort  fteljt  gar  nicht  in  einem  Spftem  ber  Staturbe* 
fchreibung,  t>ermutf)li<h  ift  alfo  aud)  baS  3)ing  felber  überall  nid)t  in  ber 
is  Statur.  Mein  ber  33 egrif f ,  ben  biefer  MSbrucf  bezeichnet,  ift  boch  in  bet 
Bernunft  eines  feben  Beobachters  ber  Statur  gar  mol)l  gegrünbet,  ber  zu 
einer  ftd)  oererbenben  6igentf)ümlid)feit  oerfd)iebener  Dermifcht  jeugenben 
S^htere,  bie  nicht  in  bem  Begriffe  ihrer  ©attung  liegt,  eine  ©emeinfd)aft 
ber  Urfadje  unb  zwar  einer  in  bem  Stamme  ber  ©attung  felbft  urfprüng* 
20  lieh  gelegenen  Urfache  benft.  35ajz  biefeS  2Bort  nicht  in  ber  Staturbe* 
fchreibung  (fonbern  an  beffen  Statt  baS  ber  Barietät)  norfommt,  fann 
ihn  nicht  abhalten,  eS  in  2lb(icf)t  auf  Staturgefd)id)te  nöthig  zn  finbett. 
Stur  muh  er  eS  freilich  zu  tiefem  Behuf  beutlid)  beftimmen;  unb  biefeS 
moKen  mir  hier  oerfud)en. 

25  5)er  Stame  einer  Stace,  als  rabicaler  ©igenthümlid)feit,  bie  auf 
einen  gemeinfd)aftlid)ett  Slbftamm  Anzeige  giebt  unb  zugleich  mehrere  folche 
beharrliche  forterbenbe  ©haraftere  nicht  allein  berfelben^hürgattung,  fon= 
bern  auch  beffelben  Stammes  zuldjft,  ift  nicht  unfdjicfUch  auSgebacht.  3>d) 
mürbe  ihn  burd)3lbartung  (progenies  classißca )  überfepett,  um  eineStace 
30  ben  ber  SluSartung  (degeneratio  s.  progenies  specißca )**)  zu  unter* 


*)  Sd)  mürbe  für  bie  Staturbefdjreibung  baä  2Sort  ^Shl)ftograp£)ie,  für 
31aturgef«hi<hte  aber  Sßhbiiogortie  in  Borfd)tag  bringen. 

**)  $)te  Benennungen  ber  «lasses  unb  ordines  brüden  ganz  unzmeibeutig  eine 
bloS  logifdje  Slbfonberung  au3,  bie  bie  Vernunft  unter  ihren  Begriffen  zum  Be= 
35  huf  ber  blojjen  Bergleichung  macht:  genera  unb  species  aber  fönnen  aud)  bie 
phhfifdje  Slbfonberung  be’beuten,  bie  bie  Statur  felbft  unter  ihren  ©efd)öpfen  in 
Slnfehung  ihrer  Erzeugung  macht.  2)er  6l)arafter  ber  3tace  fann  alfo  hinreichen, 

11* 


164  Über  ben  ©ebraud)  teteologifiäjer  Sßrincipien  in  ber  SPEjtlofop^ie. 

Reiben,  bie  man  nicht  einräumen  fann,  meil  fie  bem  ©efetg  ber  Statur  (in 
ber  Spaltung  ihrer  Specieg  in  unoeränberlidjer  gorm)  gumiber  läuft. 
2)a§  Sßort  progenies  geigt  an,  bah  eg  nid)t  urfprüngliche,  burd)  fo  vielerlei 
Stämme  als  Specieg  berfelben  ©attung  auggetheüte,  fonbern  frd^  aüer= 
erft  in  ber  $olge  ber  Beugungen  entmicfelnbe  ©haraftere,  mithin  niä)t  5 
t>erfct)iebene  2lrten,  fonbern  Wartungen,  aber  bod)  fo  beftimmt  unb 
beharrlich  ftnb,  bah  fie  gu  einem  ©laffenunterfchiebe  berechtigen. 

Bad)  biefen  Borbegriffen  mürbe  bie  Blenfcpengattung  (nach  bem 
allgemeinen  Äenngeichen  berfelben  in  berBaturbefd)reibung  genommen)  in 
einem  St)ftem  ber  Baturgefd)i(hte  in  Stamm  (ober  Stämme),  9?acen  ober  10 
Slbartungen  (progenies  classificae)  unb  üerfd)iebenen  9Jkufcl)enfd)Iag 
(varietates  nativae)  abgetheüt  merben  tonnen,  meld)e  leptere  nicht  unaug= 
bleiblid)e,  nad)  einem  angugebenben  ©efejje  ftdh  Oererbenbe,  alfo  auch  ntct)t 
gu  einer  ©laffeneintheilung  ^inreichenbe  ilenngeid)en  enthalten.  SllleS 
biefeS  ift  aber  fo  lange  blofce  3bee  tion  ber  2lrt,  mie  bie  größte  ?U?annig=  15 
faltigfeit  in  ber  Beugung  mit  ber  grämten  ©inheit  berSlbftammung  non  ber 
Vernunft  gu  oereinigen  fei.  £)b  eö  mirflid)  eine  folche  Bermanbtfchaft  in 
ber  B?enfd)engattung  gebe,  muffen  bie  Beobachtungen,  melche  bie  ©inheit 
ber  Slbftammung  fenntlich  machen,  entfdjeiben.  Unb  hier  fielet  man  beut= 
Hch:  bah  man  burd)  ein  beftimmteg  ^rincip  geleitet  merben  müffe,  um  20 
bloS  gu  beobachten,  b.  i.  auf  baSjenige  2ld)t  gu  geben,  mag  Slngeige 
auf  bie  Slbftammung,  nid)t  bloS  bie  ©barafteren4hnlid)feit  geben  fönne, 
meil  mir  eg  algbann  mit  einer  Aufgabe  berBaturgefd)id)te,  nicht  berBatur* 
befdjreibung  unb  blo§  methobifchen  Benennung  gu  thun  haben.  £at 
fernanb  nicht  nad)  jenem  Brincip  feine  Bad)forfd)ung  angeftedt,  fo  muh  25 
er  noch  einmal  fudien;  benn  oon  felbft  mirb  fid)  ihm  bag  nicht  barbieten, 
roa§  er  bebarf,  um,  ob  eg  eine  reale  ober  blofse  Bominaloermanbtfd)aft 
unter  ben  ©efd)öpfen  gebe,  auggumad)en. 

Bon  ber  Berfd)iebenl)eit  beS  itrfprünglichen  Stammeg  fann  eg  feine 
fixere  Äenngeichen  geben,  alg  bie  Unmöglichfeit  burd)  Bermifchung  30 
gmeier  erblich  oerfdpebenen  2Kenfd)enabtheilungen  fruchtbare 9ftad)fommen= 


11m  ©efdmpfe  barnacf)  31t  ctaffificiren,  aber  nicht  11m  eine  befonbere  @pecie3  barau§ 

31t  inadjen,  meit  biefe  auch  eine  abfonberliche  Stbftammung  bebeutett  fßnnte,  melche 
mir  unter  bem  Hainen  einer  Sftace  nicht  oerftanben  roiffen  roolleit.  (Sä  oerftefjt  fid) 
oon  felbft,  baf;  mir  hier  ba<3  SBort  (Slaffe  nicht  in  ber  auögebehnten  aSebeutung  35 
nehmen,  ald  eä  im  öinneifchen  ©pftem  genommen  mirb;  mir  brauchen  eä  aber 
auch  gur  ©intheilung  in  gan3  auberer  2tbficf)t. 


Ü6er  ben  ©ebraucb  teteologifdjer  gSrincipien  in  ber  $I)tlofopf)te.  165 

fc^aft  au  gewinnen,  ©elingt  biefeS  aber,  fo  ift  bie  noch  fo  grofce  Verfd)ie= 
ben^eit  ber  ©eftalt  feine  £inberni&  eine  gemeinfchaftliche  Sfbftammung 
berfelben  wenigftenS  möglich  ju  finben;  benn  fo  wie  fte  ftd)  uneracf)tet 
biefer  I8erfd)iebent)eit  hoch  burch  Beugung  in  ein  Vrobuct,  baS  beiber  6l)a= 
5  rattere  enthält,  oereinigen  tonnen:  fo  hoben  fte  ftd)  aus  einem  Stamme, 
ber  bie  Anlagen  jur  ©ntwidlung  beiber  ©haraftere  urfprünglid)  in  ftd)  oer= 
barg,  butd)  Beugung  in  fo  oiet  fHacen  teilen  tonnen;  unb  bie  Vernunft 
wirb  ohne  Voll)  nid)t  oon  jwei  ißrincipien  ausgehen,  wenn  fte  mit  einem 
auSlangen  fann.  2)aS  fixere  Äenngeichen  erblicher  ©igenti)ümlid)fetten 
10  aber,  al^  ber  SRerfmale  eben  fo  oieler  dtacen,  ift  fdfon  angeführt  morben. 
Se^tift  noch  ettoaS  oon  ben  erblichen  Varietäten  anjumerfen,  welche 
gur  Benennung  eines  ober  anbern  2Kenf<henfd)lagS  (gamitien*  unb 
VolfSfdflagS)  Slttlafs  geben. 

©ine  Varietät  ift  bie  erbliche  ©igenthümlidjfeit,  bie  nid)t  flaffiftfd) 
is  ift,  weil  fie  ftd)  nicht  unausbleiblich  fortpflanjt;  benn  eine  fold)e  Veharrlid)= 
feit  beS  erblichen  (S^arafterS  wirb  erforbert,  um  felbft  für  bie  3^aturbe= 
fd)reibung  nur  jur  ©laffeneintheilung  ju  berechtigen,  ©ine  ©eftalt,  bie  in 
ber  gortpflanjung  nur  bisweilen  ben  ©harafter  ber  nächften  ©Itern 
unb  jwar  mehrentheilS  nur  einfeitig  (Vater  ober  Vtutter  nadjartenb)  re= 
so  probucirt,  ift  fein  Vterfmal,  baran  man  ben  Slbftamm  oon  beiben  ©Itern 
fennen  fann,  3.  V.  ben  Unterfd)ieb  ber  Vlonben  unb  Vrunetten.  ©ben  fo 
ift  bieOtace  ober  Wartung  eine  unausbleibliche  erbliche  ©igentb)ümlich= 
feit,  bie  3War  3ur  ©laffeneintheilung  berechtigt,  aber  hoch  nicht  fpeciftfd) 
ift,  weil  bie  unausbleiblich  halbfd)lächtige  9Rad)artung  (alfo  baS  Bufam= 
25  nt enf (hüteten  ber  ©haraftere  ihrer  Unterfcheibung)  eS  wenigftenS  nicht 
als  unmöglich  urteilen  läft,  ihre  angeerbte  Verfd)iebenl)eit  auch  in  ihrem 
Stamme  uranfängltd),  als  in  blofen  Anlagen  oereinigt  unb  nur  in  ber 
$ortpflan3ung  aümählig  entwicfelt  unb  gef  (hieben,  an3ufehen.  £)enn 
man  fann  einSdäergefchlecht  nicht  3U  einer  befonbern  SpecieS  machen,  wenn 
30  eS  mit  einem  anberen  3U  einem  unb  bemfelben  BeugungSfhftem  ber  9tatur 
gehört.  2llfo  würbe  in  ber  ?Raturgefchichte  ©attung  unb  SpecieS  einerlei, 
nämlich  bie  nicht  mit  einem  gemeinfchaftlichen  Slbftamme  oereinbare 
©rbeigenthüntlid)feit,  bebeuten.  ^Diejenige  aber,  bie  bamit  3ufammen 
beftehen  fann,  ift  entweber  nothwenbig  erblich,  ober  nicht.  Sw  erftern 
35  $aü  macht  es  ben  ©harafter  ber  Vace,  im  anbern  ber  Varietät  aus. 

Von  bem,  was  in  ber  2J?enfd)engattung  Varietät  genannt  werben 
fann,  tnerfe  id)  hier  nun  an,  bafj  man  auch  in  Slnfehung  biefer  bie  Vatur 


166  Über  ben  ©ebrancp  teteologifiper  Priucipien  in  ber  Jt?J)iIofopl)te. 

ni(J)t  al§  in  Doller  greipeit  bilbenb,  fonbern  eben  fotoot)!,  als  bet  ben 
Pacemßparafteren,  fte  nur  als  entwicfelnb  unb  auf  biefelbe  burd)  ur= 
fprüngltdje  Einlagen  DorauSbeftimmt  anzufepett  pabe:  weil  auch  in  bi ef er 
Bwecfmäpigfeit  unb  berfelben  gemäße  Slbgemeffenpeit  angetroffen  toirb, 
bie  fein  SBerf  beS  3ufallS  fein  fann.  2BaS  fcpon  2orb  ©paftsburp  an= 
tnerffe,  nämlicp,  bap  in  jebetn  DPenfcpengepcpte  eine  gewiffe  Originalität 
(gleicpfatn  ein  wirfltcpeS  Oeffein)  angetroffen  werbe,  welche  baS  SubiDi= 
buum  als  zu  befonberen  Sieden,  bie  eS  nicpt  mit  anberen  gemein  pat, 
beftimmt  auSzeicpnet,  ob^mar  biefe  Seiten  ju  entziffern  über  unfer  Ver= 
mögen  get)t,  baS  fann  ein  feber  Portraitmaler,  ber  über  feine  Äunft  benft, 
beftätigen.  Ptan  fiet)t  einem  nacp  bem  Sebett  gemalten  unb  woplauSge= 
brüdten  Vilbe  bie  SBaprpeit  an,  b.  i.  bap  eS  nid)t  aitS  ber  (Sinbilbung  ge= 
nommen  ift.  2öorin  befielt  aber  biefe  Sßaprpeit?  Op  ne  3weifel  in  einer 
beftimmten  Proportion  eines  ber  Dielen  Steile  beS  ©eficptS  zu  allen 
anberen,  um  einen  inbiDibueüen  (Sparafter,  ber  einen  bunf'el  DorgefteUten 
ßroecf  enthält,  auSzubrücf'en.  fteln  Opeil  beS  ©eficptS,  menn  er  uns  and) 
unproportionirt  fcpeint,  fann  in  ber  Scpilberei  mit  ^Beibehaltung  ber 
übrigen  abgeänbert  merben,  opne  bem  Äennerauge,  ob  er  gleich  baS 
Original  nicht  gefepen  pat,  in  Vergleicpung  mit  bem  oon  ber  Patur 
copirten  Porträt,  fofort  merflid)  p  macpen,  meldjeS  Don  beiben  bie 
lautere  Patur  unb  meldpeS  ©rbicptung  entpalte.  Oie  Varietät  unter 
Ptenfcpen  Don  eben  berfelben  Pace  ift  aller  Söaprfcpeinlicpfeit  nacp  eben 
fo  zwetfmäpig  in  bem  urfprünglicpen  Stamme  belegen  gemefen,  um  bie 
größte  PJannigfaltigfeit  zum  SSepuf  unenblicp  Derfcpiebener  3wecfe,  als 
ber  Pacenunterfcpieb,  um  bie  Oauglicpfeit  zu  meniger,  aber  wefentlicpern 
Beeden  zu  grünben  unb  in  ber  golge  zu  entmicfeln;  mobei  bocp  ber 
ltnterfcpieb  obwaltet,  bap  bie  leptern  Anlagen,  nacpbem  fte  fiep  einmal 
entmicfelt  paben  (melcpeS  fepon  in  ber  älteften  Seit  gefepepen  fein  mup), 
feine  neue  gönnen  biefer  2lrt  weiter  entftepen,  nod)  auep  bie  alte  er= 
löfcpen  laffen;  bagegen  bie  erftere  wenigftenS  unferer  Äenntnip  nacp  eine 
au  neuen  ßparafteren  (äuperen  fowopl  als  innern)  unerfd)öpflicpe  Statur 
anzuzeigett  fepeinen. 

Sn  Slufepung  ber  Varietäten  fepeint  bie  Patur  bie  3ufammen= 
f  cp  m  e  1  z  u  n  g  zu  Derpüten,  weil  fte  iprem  Swecfe,  nämlicp  ber  Mannigfaltig^ 
feit  ber  Sparaftere,  entgegen  ift;  bagegen  fte,  was  bie  Pacenunterfcpiebe 
betrifft,  biefelbe  (nämlich  Bufammenfcpmelzung)  wenigftenS  Derftattet, 
wenn  gleicp  niept  begünftigt,  weil  baburep  baS  ©efepöpf  für  meprere 


io 

15 

20 

25 

30 

35 


Über  ben  ©ebraudE)  tefeologifcfjer  SPrtnctpien  in  ber  Sßl)tIofopt)te.  167 

^liinate  tauglich  wirb,  obgleich  feinem  berfelben  in  bem  ©rabe  ange= 
meffen,  als  bie  erfte  Anartung  an  baffelbe  es  gemalt  hatte.  2)enn  was 
bie  gemeine  Meinung  betrifft,  nach  welcher  ^inber  (non  unferer  ©taffe 
ber  SBeiffen)  bie  Kennzeichen,  bie  pr  Varietät  gehören  (als  Statur,  ©e= 
5  fid)tSbilbung,  Hautfarbe,  felbft  manche  ©ebredjen,  innere  fomotjl  als 
äußere)  öon  ihren  ©Itern  auf  bie  £albfd)eib  ererben  foüen  (wie  man  fagt: 
baS  fjat  baS  Kinb  öorn  SSater,  baS  tjat  eS  non  ber  Butter),  fo  fann  id) 
nad)  genauer  Aufmerffamfeit  auf  ben  gamilienfchlag  it)r  nicht  beitreten. 
Sie  arten,  menn  gleich  nidjt  Sßater  ober  Butter  nad),  bod)  entmeber  in 
10  beS  einen  ober  ber  anbern  Familie  unnermifd)t  ein;  unb  objwar  ber 
Abfcheu  wiber  bie  Vermifd)ungen  ber  p  nahe  Verwanbten  wohl  großen* 
tfjeilS  moralifche  Urfadjen  haben,  ingleichen  bie  Unfruchtbarfeit  berfelben 
nicht  genug  betoiefen  fein  mag:  fo  giebt  bodt)  feine  weite  Ausbreitung 
felbft  bis  p  rohen  Völfern  Aniah  pr  Vermuthung,  bah  ber  ©runb 
i5  bap  auf  entfernte  2trt  in  ber  Statur  felbft  gelegen  fei,  welche  nicht  will, 
bah  immer  bie  alten  formen  wieber  reprobucirt  werben,  foubern  alle 
Vtannigfaltigfeit  herausgebracht  werben  foH,  bie  fte  in  bie  urfprüng= 
liehe  Keime  beS  9J?enfd)enftammS  gelegt  hatte,  ©in  gewiffer  ©rab  ber 
©leichförmigfeit,  ber  ftd)  in  einem  Familien*  ober  fogar  VolfSfchlage 
20  herüorfinbet,  barf  auch  nicht  ber  halbfd)lä<htigen  Anartung  ihrer  ©haraf» 
tere  (welche  meiner  Meinung  nach  in  Anfelpng  ber  Varietäten  gar  nicht 
ftatt  finbet)  pgefchrieben  werben.  £>enn  baS  Übergewicht  ber  ßeugungS* 
fraft  beS  einen  ober  anbern  2d)eil3  üerehlid)ter  Sßerfonen,  ba  bisweilen 
faft  alle  Kinber  in  ben  üäterlidjen,  ober  alle  in  ben  mütterlichen  Stamm 
25  einfchlagen,  fann  bei  ber  anfänglich  groben  Verfchiebenffeit  ber  (Shciraftere 
burch  Sötrfung  unb  ©egenwirfung,  nämlich  baburch  bah  bie  Vachartungen 
auf  ber  einen  Seite  immer  fettener  werben,  bie  Vtannigfaltigfeit  oer= 
minbern  unb  eine  gewiffe  ©leichförmigfeit  (bie  nur  fremben  Säugen  ficht» 
bar  ift)  heroorbringen.  2)och  baS  ift  nur  meine  beiläufige  Meinung,  bie 
30  ich  bem  beliebigen  Urtbeile  beS  SeferS  VreiS  gebe.  Nichtiger  ift,  bah  bei 
anbern  Spieren  faft  alles,  was  man  an  ihnen  Varietät  nennen  möchte 
(wie  bie  ©rohe,  bie  £autbefchaffenheit  rc.),  halbfcf)läd)tig  anartet,  unb 
biefeS,  wenn  man  ben  Vtenfchen  wie  billig  nach  ber  Analogie  mit  gieren 
(in  Abftdjt  auf  bie  $ortpflanpng)  betrachtet,  einen  ©inwurf  wiber  meinen 
35  Unterfchieb  ber  Vacen  oon  Varietäten  p  enthalten  fcheint.  Um  hierüber 
p  urtheilen,  muh  man  fchon  einen  höheren  Stanbpunft  ber  ©rflärnng 
biefer  Vatureinrichtung  nehmen,  nämlich  ben,  bah  oernunftlofe  £l)iere, 


168 


Über  ben  ©ebraud)  teleologifdjer  Sßrtncipten  in  ber  Sßl)itofopdte. 


bereu  (üfrifteng  blog  alg  Sittel  einen  SBertt)  daben  fann,  barunt  gu  ber* 
fd)iebcnem  ©ebraudfe  berfcdtebentlicd  fd)on  in  ber  Anlage  (wie  bie  ber* 
fd)iebenen  £uuberacen,  bie  nad)  Vuffon  non  bem  gemeinfd)aftlicden 
Stamme  beS  Sdjäferdunbeg  abguleiten  ftnb)  auggerüftet  fein  mußten; 
bagegen  bie  größere  ©indetligfeit  beg  ßwecfg  in  ber  Senfcdengattung  5 
fo  grofee  SSerfd)iebenlf)eit  anartenber  Vaturformen  nid)t  ert)eifd)te;  bie 
notdwenbig  anartenbe  alfo  nur  auf  bie  ©rfjaltung  ber  Specieg  in 
einigen  wenigen  non  einanber  borgüglid)  unterfd)iebenen  Mimaten  ange* 
legt  fein  burften.  Sebod)  ba  id)  nur  ben  Vegriff  ber  fRacen  dabe  Dertt)exbi= 
gen  wollen,  fo  |abe  id)  nid)t  nötdig,  ntid)  wegen  beg  ©rflärungggrunbeg  10 
ber  Varietäten  gu  oerbürgen. 

9iad^  lufdebung  biefer  Sprad)uneinig!eit,  bie  öfterg  an  einem  gwifte 
mefjr  fd)ulb  ift,  atg  bie  in  Vrincipien,  tjoffe  id)  nun  weniger  .fpinbernid 
wiber  bie  Vedauptung  meiner  ©rflärunggart  angutreffen.  £err  %.  ift 
barin  mit  mir  einftimmig,  bafc  er  wenigfteng  eine  erbliche  (äigent^ömlid)=  15 
teit  unter  ben  öerfd)iebenen  Senfcpengeftalten,  nämlid)  bie  ber  5Reger 
unb  ber  übrigen  Senken,  grod  genug  finbet,  um  fte  nid)t  für  blodeg 
Vaturfpiel  unb  Sirfung  gufäUiger  ©inbrücfe  gu  galten,  fonbern  bagu  ur= 
fprünglid)  bem  Stamme  einberleibte  Inlagen  unb  fpecififdje  Vaturein* 
ridjtung  forbert.  £>iefe  ©indelligfeit  unferer  ^Begriffe  ift  fdjott  wichtig  20 
unb  mad)t  aud)  in  Infe^ung  ber  beiberfeitigen  (Srflärunggprinci^ien  In* 
näderung  möglich?  anftatt  bad  bie  gemeine  feilte  Vorfteüunggart  alle 
Unterfd)iebe  unferer  ©attung  auf  gleichen  $ud,  nämlid)  ben  beg  ßufallg, 
gu  nennen  unb  fte  nod)  immer  entfielen  unb  bergeden  gu  laffen,  wie 
ändere  llmftänbe  eg  fügen,  alle  Unterredungen  biefer  Irt  für  über*  25 
flüffig  unb  diemit  felbft  bie  Vedarrlid)feit  ber  Specieg  in  berfelben  gmed* 
mäßigen  gorm  für  nichtig  erflärt.  3wei  Verfcpiebendeiten  unferer  Ve* 
griffe  bleiben  nur  nod),  bie  aber  nic^t  fo  weit  aug  einanber  ftnb,  um  eine 
nie  beigulegenbe  Siddelligfeit  notdwenbig  gu  ntaeden:  bie  erftc  ift,  bad 
gebaute  erbliche  ©igentdümtiedfeiten,  nämlid)  bte  ber  Veger  gum  Unter*  so 
fcf)iebe  oon  allen  anbern  Senfd)en,  bie  einzigen  ftnb,  welche  für  urfprüng* 

Ud)  eingepflangt  gehalten  gu  werben  berbienen  foUen;  ba  id)  dingegen  noed 
medrere  (bie  ber  Snbier  unb  Imerifaner,  gu  ber  ber  Seiden  dingu* 
gegädlt)  gur  bottftänbigen  clafftfifcden  ©intdeilung  eben  fowodl  beredjtigt 
gu  fein  urtdeile:  bie  gtoeite  Ibweid)ung,  welcde  aber  nid)t  fowopl  bie  Ve=  35 
obaedtung  (Vaturbefcdreibung)  alg  bie  angunedmenbe  ST^eorie  (Vaturge* 
fd)id)te)  betrifft,  ift:  bad  £r.  gum  Vepuf  ber  ©rflärung  biefer  ©daraf* 


169 


Über  ben  ©ebraud)  teleologifdjer  Sßrtncipien  in  ber  Sßl)ilofopl)ie. 

tere  jtoei  urfpritnglidEje  Stämme  nötljig  finbet;  ba  nad)  meiner  SReinung 
(ber  td)  fte  mit  £rn.  %.  gleid^faUS  für  itrfprüngliche  (S^araftere  halte) 
ey  möglich  unb  babei  ber  i3^ilofDüt)if(^en  (SrfldrungSart  angemeffener 
ift,  fte  ab  (äntttdcfelung  in  einem  (Stamme  eingepflanjter  jtuecfmäfsiger 
»  elfter  Anlagen  an^ufehen;  welches  benn  aud)  feine  fo  grofje  3®iftigfeit  ift, 
bafe  bie  Vernunft  ftcf)  ntd)t  hierüber  ebenfalls  bie  £>anb  böte,  menn  man 
bebenft,  baff  ber  fdjtyftfdfe  erfte  Urfprung  organifd)er  Söefen  uns  beiben 
unb  überhaupt  ber  SRenfchenoernunft  unergrünblid^  bleibt,  eben  fo  wohl 
ab  baS  f)albfcbldd)tige  Unarten  in  ber  ^ortpflangung  berfelben.  £>a  baS 
i°  Stjftem  ber  gleid)  anfangs  getrennten  unb  in  gtneierlet  Stammen  ifolir= 
ten,  gleid)inof)l  aber  nachher  in  ber  23ermifd)ung  ber  Dorfjer  abgefonberten 
einträchtig  mieber  jufammenfchmeläenben  Keime  nid^t  bie  minbefte  (5r= 
lei^terung  für  bie  a3egreiftid)feit  burd)  Vernunft  mehr  tierfdjafft,  als  baS 
ber  in  einem  unb  bemfelben  Stamme  urfprünglidt)  eingepflanjten  öerfd)ie= 
i5  benen,  ft<h  in  ber  f^olge  jmecfmd^ig  für  bie  erfte  allgemeine  SB e= 
nölferung  entmicfelnben  Keime;  unb  bie  Iefctere$hpothefe  babei  bod)  ben 
SSorjug  ber  (Srfparnih  öerfd)iebener  £ocalfd)öpfungen  bei  fid)  führt;  ba 
ohnebem  an  (Srfdarnih  teleologifd^er  (ärflarungSgrünbe,  um  fte  burd) 
Ü^ftfd)e  gu  erfejjen,  bei  organifirten  Sßefen  in  bem,  was  bie  (Spaltung 
20  ihrer  Slrt  angefjt,  gar  nid)t  gu  benfen  ift,  unb  bie  lefjtere  ©rfldrungSart 
alfo  ber  9taturforfd)ung  feine  neue  Saft  auflegt  über  bie,  meld)e  fte  ohne* 
bem  niemals  loS  merbeit  fann,  nämlich  hierin  lebiglid)  bem  $rincip  ber 
ßtnetfe  p  folgen;  ba  aud)  -§>r.  %.  eigentlich  nur  burd)  bie  (Sntbecfungen 
feines  $reunbeS,  beS  berühmten  unb  pl)ilofop^ifd)en  3er9li^bererS  §rn. 
25  Sömmering,  beftimmt  roorben,  ben  Unterfdjieb  ber  5Reger  öon  anbern 
2Renfd)en  erheblicher  p  finben,  als  eS  benen  rnohl  gefallen  möchte,  bie 
gern  alle  erbliche  ßharaftere  in  einanber  oertoifchen  unb  fte  als  bloffe  p= 
fällige  Schattirnngen  anfehett  möchten,  unb  biefer  bortreffliche  2Rann  fid) 
für  bie  botlfommene  3®ecfmähigfeit  ber  fRegerbilbung  in  betreff  feines 
so  SRutterlanbeS  erfldrt*),  inbeffen  bah  hoch  tu  bem  Knochenbau  beS  Kopfs 


*)  Sömmering  über  bie  förderliche  S3erfdE)iebenb)eit  beS  üftegerö  Dom  (Snropöer. 

79.  „2J?an  finbet  am  23au  beö  SRegerö  Grigenfcfiaften,  bie  i|n  für  fein  Älima 
gum  oollfommenften,  DieHeiäü  jum  bollfommenern  ©efdjödf,  als  ben  ©urodäer 
machen."  2)er  bortrefflidje  3Jlamt  beameifelt  (in  berfelben  Schrift  §44)  ©.  Schott’3 
35  Meinung  bon  ber  ju  befferer  cjperauSlaffung  fdjablidjer  Materien  geriefter  organi» 
firten  cjpaut  ber  fftegern.  Slüein  wenn  man  Sinb’S  (Don  ben  .ftranftjeiten  ber 
©urodäer  k.)  fRafhridjten  über  bie  Scfjablid^Feit  ber  burd)  fumdfidjte  3Balbnngen 


170  fiter  bett  ©ebrauch  teteotogifdEjer  Sßrittcipien  in  ber  SP|iiofopi)te. 

eine  begreiflichere  2Xngemeffenb)eit  mit  feinem  SSoben  eben  nicht  abzufeffen  ift, 
al§  in  ber  Drganifation  ber  Haut,  biefem  großen  SibfonberungSmerfjeitge 
aHeS  beffen,  maS  aus  bem  SSlute  abgeführt  merben  fofl,  — folglich  er  biefe 
non  ber  ganzen  übrigen  ausgezeichneten  9tatureinriChtung  berfelben  (wo* 
Don  bie  #autbefchaffenheit  ein  mihtigeS  Stücf  ift)  §u  Derftehen  fcheint  5 
unb  jene  nur  jum  beutliChften  SSBabjrjeidjen  berfelben  für  ben  Stnatomifer 
aufftellt:  fo  mirb  §r.  %.  hoffentlich,  menn  bemiefen  ift,  baff  eS  nod)  anbere 
ftch  eben  fo  beharrlich  Dererbenbe,  nach  ben  Slbftufungen  beS  Älima  gar 
nicht  in  einanber  ftiepenbe,  fonbern  fcharf  abgefdhnittene  (Sigenthümlid)1 
feiten  in  meniger  3ahl  grebt,  ob  fte  gleich  iuS  $ad)  ber  3erglieberitngS=  10 
fünft  nicht  einfdflagen,  —  nicht  abgeneigt  fein,  ihnen  einen  gleichen 
Slnfprud)  auf  befonbere  urfprünglid)e,  zmecfmaffig  bem  Stamme  eilige" 
pflanze  Meinte  zuzugeftehen.  £>b  aber  ber  Stämme  barum  mehrere,  ober 
nur  (Sin  gemeinfhaftliher  anzunehmen  nött)ig  fei,  barüber  mürben  mir 
hoffentlich  zitiert  uod)  mohl  einig  merben  fönnen.  15 

(SS  mürben  alfo  nur  bie  Schmierigfeiten  zu  heben  fein,  bie  £rn. 
abhatten,  meiner  Meinung  nicht  fomoljl  in  Slnfetjung  beS  fßrincipS,  als 
Dielmehr  ber  Shmierigfeit  eS  allen  gälten  ber  2tnmenbung  gehörig  anzu= 
paffen,  beizutreten.  3«  bem  erften  2lbfd)nitte  feiner  Slbhanblung,  Dcto= 
ber  1786,  S.  70,  führt  £r.  g.  eine  garbenteiter  ber  Haut  burh  Don  ben  20 
SSemohnern  beS  nörblid)en  Europa  über  Spanien,  ilgppten,  Arabien, 
Slbpfftnien  bis  zum  Äquator,  Don  ba  aber  mieber  in  umgefehrter  5lb= 
ftufung  mit  ber  gortrücfung  in  bie  temperirte  füblidje  3one  über  bie 
Sänber  ber  Gaffern  unb  Hottentotten  (feiner  Meinung  nah)  mit  einer 
bem  Älima  ber  Sänber  fo  proportionirten  ©rabfolge  ber  braunen  bis  ins  25 
Shmarze  unb  mieberum  zurücf  (mobei  er,  miemoht  ohne  SemeiS,  an= 
nimmt,  bah  aus  SRigritien  IjerDorgegangene  Kolonien,  bie  ftd)  gegen  bie 
Spipe  Don  Slfrifa  gezogen,  aümählig  bloS  burh  bie  Söirfung  beS  Ätima 
in  Gaffern  unb  Hottentotten  Dermanbelt  ftnb),  bap  es  ihn  SBunber 
nimmt,  mie  man  nod)  hierüber  hat  megfepen  fönnen.  2Ran  muff  fid)  so 
aber  billig  noh  mehr  munbern,  mie  man  über  bas  beftimmt  genug  unb 
mit  ©runbe  allein  für  entfheibenb  zu  haltenbe  Kennzeichen  ber  unauS= 
blciblid)  halbfhlähügen  Seugung,  baraitf  hier  boh  alles  anfommt,  hat 


Phlogifticirten  8uft  um  ben  ©ambiaftrom,  welche  ben  englifipen  SDtatrofen  fo  ge= 
fcpminbe  töbtlid)  mirb,  in  ber  gleichwohl  bie  ffteger  al<3  in  ihrem  ©temente  leben,  3s 
bamit  oerbinbet,  fo  befommt  jene  Meinung  boch  Diele  äfiahrfcheinlicbfeit. 


Über  ben  ©ebraucp  teleologiidjer  Sprincipien  in  ber  Sßpilofoppte.  ]7l 

megfepen  formen.  £>enn  rreber  ber  norblidjfte  Europäer  in  ber  3Ser= 
tnifcpung  mit  benen  oon  fpanifcpem  33Iute,  nod)  ber  Niauritanier  ober 
Araber  (oermutplicp  aucp  ber  mit  ipm  nape  oermanbte  ^abeffinier)  in 3Ser= 
tnifcpung  mit  circafpppen  SBeibern  ftttb  biefem  ©efepe  im  minbeften 
5  untertnorfen.  Nfan  pat  and)  nid)t  Urfadje  ipre  ^5arbe,  nadjbem  baS,  maS 
bie  Sonne  ipreS  SanbeS  jebent  ^nbioibnutn  ber  lederen  einbrücft,  bei 
©eite  gefegt  morben,  für  etmaS  anbereS  als  bie  33rünette  unter  bem 
meinen  Nfenfcpenfcplag  ju  urteilen.  2ßaS  aber  baS  Negeräpnticpe  ber 
Gaffern  uub  im  minbern  ©rabe  ber  Hottentotten  in  bemfelben  2Belt= 
10  tpeile  betrifft,  melcpe  oermutplicp  benSSerfucp  ber  palbfcpläcptigen  Beugung 
beftepen  mürben:  fo  ift  im  pöd)ften  ©rabe  maprfcpeinlicp,  bap  biefe  nicptS 
anberS  als  SSaftarberjengungen  eines  NegeröolfS  mit  ben  oon  ber  älte= 
ften  ßeit  per  biefe  Äüfte  befucpenben  Arabern  fein  mögen,  Senn  rnoper 
finbet  pcp  nid)t  bergleicpen  angeblicpe  garbenleiter  aucp  auf  ber  3Beft= 
15  füfte  oon  SXfrifa,  mo  oielmepr  bie  Statur  oom  brünetten  Araber  ober 
Nfauritanier  ju  ben  fcpmär^eften  Negern  am  Senegal  einen  plöplidjen 
Sprung  macpt,  opne  oorper  bie  Wittelftrape  ber  Gaffern  burd)gegangen 
ju  fein?  Hieinit  fällt  aucp  ber  ©eite  74  oorgefcplagene  unb  jum  ooranS 
entfcpiebene  ^robeoerfucp  meg,  ber  bie  23ermerpicpfeit  meines  ^rincipS  be* 
•20  meifen  foU,  nämlicp  bap  ber  fcpmargbraune  Habefftnier,  mit  einer  Gafferin 
oermifcpt,  ber  $arbe  nacp  feinen  Ntittelfcplag  geben  mürbe,  meil  beiber 
$arbe  einerlei,  nämlicp  fcpmarjbraun,  ift.  Senn  nimmt  £r.  $.  an,  bap 
bie  braune  §arbe  beS  HabefpnierS  in  ber  Siefe,  mie  pe  bie  Gaffern  paben, 
ipm  angeboren  fei  unb  jmar  fo,  bap  pe  in  oermifcpter  Beugung  mit  einer 
25  Sßeipen  notpmenbig  eine  SRittelfarbe  geben  müpte:  fo  mürbe  ber  SSerfucp 
freilicp  fo  auSfcplagen,  mie  £r.  %■  miß;  er  mürbe  aber  aud)  nicptS  gegen 
micp  bemeifen,  meil  bie  23erfcpiebenpeit  ber  Nacen  bocp  nicptnacp  bembe= 
urtpeilt  mirb,  maS  an  ipnen  einerlei,  fonbern  maS  an  ipnen  oerfcpieben  ift. 
Ntan  mürbe  nur  fagen  fönnen,  bap  es  aud)  tiefbraune  Nacen  gäbe,  bie  pcp 
30  oom  Sieger  ober  feinem  Slbftamme  in  anbern  Nterfmalen  (jum  S3ei= 
fpiel  bemÄnocpenbau)  unterfcpeiben;  benn  in-2lnfepung  beren  allein  mürbe 
bie  Beugung  einen  23lenbling  geben,  unb  meine  ^arbenlifte  mürbe  nur 
um  ©ine  oermeprt  merben.  3ft  aber  bie  tiefe  garbe,  bie  ber  in  feinem  Sanbe 
ermacpfene  Habeffinier  an  pcp  trägt,  nicpt  angeerbt,  fonbern  nur  etma  mie 
35  bie  eines  Spaniers,  ber  in  bemfelben  Sanbe  oon  flein  auf  erlogen  märe: 
fo  mürbe  feine  Naturfarbe  opne  Bumifel  mit  ber  ber  kapern  einen  ÜJttttel* 
fcplag  ber  Beugung  geben,  ber  aber,  meil  ber  jufäUige  Slnftricp  burcp  bie 


172  Über  ben  ©ebraud)  teteotogifdjer  $virtcipten  in  bet  Spf)tIofüpl)te. 

©onne  htngufommt,  uerbecft  merben  unb  ein  gleichartiger  (Schlag  (ber 
grarbe  nach)  gu  fein  fdjeinen  mürbe.  2llfo  bemeifet  biefer  projectirte 
23erfud)  nid^tS  miber  bie  37auglid)feit  ber  nothmenbig^erblichen  Hautfarbe 
gu  einer  Stacenunterfcheibung,  fonbern  nur  bie  ©chmierigfeit,  biefelbe,  fo 
fern  fie  angeboren  ift,  an  Orten  richtig  beftiinmen  gu  fönnen,  mo  bie 
©onne  fie  nod)  mit  gufaUiger  ©chntinfe  überbecft,  unb  beftätigt  bie  3Redt)t= 
mäfeigfeit  meiner  $orberung,  Beugungen  bon  benfelben  (Sltern  im 
SluSlanbegu  biefem  33ef)uf  oorgugiehen. 

23on  ben  teueren  I)aben  mir  nun  ein  etttfdjetbenbeS  23eifpiel  an  ber 
inbifchen  Hautfarbe  eines  feit  einigen  3ahrhunberten  in  unfern  norbifd)en 
Sänbern  ftch  fortpflangenben  SSölfchenS,  nämlich  ben  ßigeunern.  2)afe 
fie  ein  inbifcheS  SSolf  ftnb,  bemeifet  ihre Sprache  unabhängig  non  ihrer 
Hautfarbe.  2lber  biefe  gu  erhalten  ift  bie  Statur  fo  hartnäcfig  geblieben, 
bafe,  ob  man  gmar  ihre  Slnmefenheit  in  (Suropa  bis  auf  gmölf  (Generationen 
gurücf  verfolgen  fann,  fie  noch  immer  fo  ooUftänbig  guut  SSorfdjein  fommt, 
bafe,  menn  fte  in  Bnbien  aufmüchfen,  gmifchen  ihnen  unb  ben  bortigen 
ßanbeSeingebornen  allem  SBermutljen  nad)  gar  fein  Unterfdjieb  ange= 
troffen  merben  mürbe.  ^>ier  nun  gu  fagen,  bafe  man  nod)  12  mal 
12  Generationen  märten  müffe,  bis  bie  norbifche  Suft  ihre  anerbenbe 
Sarbe  ööHig  auSgebleid)t  haben  mürbe,  hiefee  ben  Siachforfd)er  mit  bila* 
torifcfeen  3lntmorten  hinfjalten  unb  Ausflüchte  fud)en.  ßfere  $arbe  aber 
für  blofee  Varietät  ausgeben,  mie  etma  bie  beS  brünetten  Spaniers  gegen 
ben  £)änen  heifet  bas  Gepräge  ber  Statur  begmeifeln.  5)enn  fte  geugeit 
mit  unferen  alten  (Singebornen  unausbleiblich  halbfd)läd)tige  ^inber,  wel* 
chem  Gefefee  bie  fftace  ber  SBeifeen  in  Anfehuug  feiner  einzigen  ihrer 
charafteriftifchen  Varietäten  untermorfen  ift. 

Slber  ©eite  155—156  tritt  baS  mid)tigfte  Gegenargument  auf,  mo= 
burch  im  gaüe,  bafe  es  gegrünbet  märe,  bemiefen  merben  mürbe,  bafe,  menn 
man  mir  auch  meine  urfprünglidjen  Anlagen  eiuräumte,  bie  2lnge= 
meffenheit  ber  SRenfchen  gu  ihren  SJtutterlänbern  bei  ihrer  3Serbrei  = 
tung  über  bie  (Srbfläd)e  bamit  hoch  nicht  beftehen  fönne.  (Ss  liefee  ftch, 
fagt  $r.  $.,  allenfalls  noch  öertljeibigen,  bafe  gerabe  biejenigen  2J?en= 
fchen,  beren  Anlage  ftch  für  biefeS  ober  jenes  Älima  pafet,  ba  ober 
bort  burch  eine  meife  Rügung  ber  SSorfehung  geboren  mürben:  aber, 
fährt  er  fort,  mie  ift  benn  eben  biefe  SSorfehung  fo  furgfidjtig  gemorben, 
nicht  auf  eine  gmeüe23erpflangung  gu  benfen,  mo  jener  $eitn,  ber 
nur  für  Gin  Ältma  taugte,  gang  gmecfloS  gemorben  märe. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


Uber  bert  ©ebraucf)  teleologifcfjer  SPrincipten  in  ber  SptjifofopEjie.  173 

2Ba§  ben  erften  Vunft  betrifft,  fo  erinnere  man  fd),  baff  idp  jene 
erfte Anlagen  nidpt  al§  unter  oerf  dpi  eben  eSDJenftpen  oertl)eilt  —  benn 
fonft  mdren  e§  fo  Diel  oerfdpiebene  (Stämme  geworben,  —  fonbern  im 
erften  Vtenfcpenpaare  al§  oereinigt  angenommen  Tratte;  unb  fo  pafften 
&  ipre  Slbfömmlinge,  an  benen  nodp  bie  ganze  urfprünglidpe  Anlage  für  alle 
fünftige  Wartungen  ungefcf)ieben  ift,  ju  aUen  Mimaten  (in  ^ßotentia), 
nämlidp  fo,  baff  fid)  berjenige  Äeim,  ber  fie  bemfenigen  Grrbftridpe,  in 
weldjen  fie  ober  ipre  früpe  Vacpfommen  gerätsen  mürben,  angemeffen 
machen  mürbe,  bafelbft  entmideln  fönnte.  2llfo  beburfte  e§  nicpt  einer  be= 
10  fonberen  weifen  Rügung,  fte  in  folcße  Örter  zu  bringen,  mo  ipre  Anlagen 
pafften;  fonbern  mo  fie  zufälliger  SBeife  p infamen  unb  lange  Seit  ipre 
Generation  fortfepten,  ba  entwidelte  fcp  ber  für  biefe  Grbgegenb  in  iprer 
Drganifation  befnblicpe,  fe  einem  foldjen  Älima  angemeffen  madpenbe 
Jfeirn.  Sie  Gntmidelung  ber  Anlagen  rid)tete  fd)  nad)  ben  Örtern,  unb 
iS  nid)t,  mie  e§  f?r.  %.  miffoerftept,  mufften  etwa  bie  Örter  nad)  ben  fcpon 
entmicfelten  Einlagen  auSgefudpt  werben.  SiefeS  aße§  oerftept  fd)  aber 
nur  oon  ber  älteften  Seit,  melcpe  lange  gnug  (zur  allmäpligeu  Grbbe= 
oölferung)  gemäprt  paben  mag,  um  aßererft  einem  Volle,  ba§  eine 
bteibenbe  Steße  patte,  bie  zur  Gntmicfelung  feiner  berfelben  angetneffenen 
so  Anlagen  erforberlidpe  Ginflüffe  be§  Jflima  unb  VobenS  zu  oerfcpaffen. 
Slber  nun  fäprt  er  fort:  2öte  ift  nun  berfelbe  Verfianb,  ber  pier  fo  richtig 
auSredpnete,  melcpe  ßänber  unb  melcpe  Äeime  zufammen  trefen  foßten 
fe  mufften  nad)  bem  Vorigen  immer  zufammentreffen,  wenn  man 
Uiud)  miß,  baff  fe  nicpt  ein  Verftanb,  fonbern  nur  biefelbe  Vatur,  bie  bie 
25  Drganifation  ber  Spiere  fo  burcpgängig  zmedmäfig  innerlicp  eingerid)tet 
patte,  aucp  für  ipre  Grpaltung  eben  fo  forgfältig  auSgerüftet  pabe),  auf 
einmal  fo  furzfcptig  geworben,  baff  er  nidjt  aud)  ben  $aß  einer 
Zweiten  Verpflanzung  oorauSgefepen?  Saburdp  wirb  ja  bie  angeborne 
Gigentpümlicpfeit,  bie  nur  für  Gin  ^lima  taugt,  gänjlid)  ztoecfloS  rt.  f.  m. 
so  2Ba§  nun  biefen  zweiten  Vunft  be3  Gnnwurf§  betrifft,  fo  räume  id) 
ein,  baff  jener  Verftanb,  ober,  wenn  man  lieber  miß,  jene  oon  felbft  zwecf= 
mäffig  mirfenbe  Vatur  nad)  fcpon  entmicfelten  keimen  auf  Verpflanzung 
in  ber  Spat  gar  nidpt  Vüdfcpt  getragen,  opne  bod)  beSpalb  ber  Un? 
meispeü  unb  ^urzfdptigfeit  befcpulbigt  werben  zu  bürfen.  Sie  pat 
35  oielmepr  burdp  ipre  oeranftaltete  SXngemeffenpeit  zuw  Älima  bie  Ver= 
medpfelung  beffelben,  oornepmlicp  be§  warmen  mit  bem  fältern,  oerpinbert. 
Senn  eben  biefe  übele  Slnpaffung  be§  neuen  £immel§ftricp§  zu  bem  fcpon 


174 


Über  ben  ©ebrand)  teleologifdjer  ißrincipien  in  ber  5ß^ilofopt)te. 


angearteten  üftatureK  ber  23etool)ner  be§  alten  l)ält  fte  oon  felbft  baoon 
ab.  Unb  wo  Ijaben  kubier  ober  Dteger  in  norblidjen  ©egenben  au§* 
jubreiten  gefügt?  —  2)ie  aber  baf)in  oertrieben  finb,  t^ben  in  ihrer 
9lachfommenfcf)aft  (trtie  bie  creoüfcfyen  Sieger  ober  ijnbier  unter  bem 
Hainen  ber  ßigeuner)  niemals  einen  ju  anfäffigen  Sanbanbauern  ober 
hpanbarbeitern  tauglichen  (Schlag  abgeben  wollen*). 


*)  2>ie  le^tere  Semerfung  mirb  ^)ier  rtid)t  als  beroeifenb  angeführt,  ift  aber 
bocf)  nicht  unerheblich.  Sn  £rn.  «Spreng elö  Seitreigen,  5tem  Sheile,  S.  287— 292, 
führt  ein  fad)funbiger  Sllann  gegen  StamfapS  2Bunf<h,  alte  SlegerfflaDen  als  freie 
Arbeiter  gu  brauchen,  an:  bah  unter  ben  Dielen  taufenb  freigetaffenen  Negern, 
bie  man  in  Slmerifa  unb  in  ©nglanb  antrifft,  er  fein  Seifpiel  fenne,  bah  irgenb 
einer  ein  ©efchäfte  treibe,  maS  man  eigentlich  Arbeit  nennen  famt,  Dielmehr  bah 
fie  ein  leidjteS  .«panbmerf,  meldjeS  fte  DormalS  alS  Sflaoen  gu  treiben  gegroungett 
mären,  alSbalb  aufgeben,  roenn  fie  in  Freiheit  fommen,  um  bafür  .jpöfer,  elenbe 
©aftmirthe,  SiDereibebiente,  auf  ben  gifdjgug  ober  Sagb  SluSgehenbe,  mit  einem 
SBorte  Itmtreiber  gu  merben.  ©ben  baS  finbet  man  auch  an  ben  ßigennern  unter 
unS.  2)erfelbe  Serfaffer  bemerft  hiebei:  bah  nicht  etroa  baS  norbtiche  Mima  fie  gur 
Arbeit  ungeneigt  mache;  benn  fie  halten,  metin  fie  hinter  bem  SBagen  ihrer  4?err= 
fünften,  ober  in  ben  ärgften  SBinternächten  in  ben  falten  ©ingängen  ber  Sweater 
(in  ©ngtanb)  märten  rnüffen,  bod)  lieber  auS,  alS  2)ref<hen,  ©raben,  Saften 
tragen  u.  f.  m.  «Sollte  man  hierauf  nicht  fliehen:  bah  e§  aufjer  bem  53er= 
mögen  gu  arbeiten  noch  einen  unmittelbaren,  Don  aller  SMocfung  unabhängigen 
Srieb  gur  Shätigfeit  (Dornehmlich  ber  anhaltenben,  bie  man  ©mfigfeit  nennt) 
gebe,  ber  mit  gemiffen  Staturanlagen  befonberS  Dermebt  ift,  unb  bah  Snbier  fo= 
mohl  als  Sieger  nicht  mehr  Don  biefem  Slntriebe  in  anbere  Älimaten  mitbringen 
unb  Dererben,  als  fie  für  ihre  ©rfjaltung  in  ihrem  alten  Sllutterlanbe  beburften 
unb  Don  ber  Statur  empfangen  hatten,  unb  bah  biefe  innere  Slnlage  eben  fo  menig 
erlöfche,  als  bie  äußerlich  ficfjtbare.  ®ie  meit  minbern  Sebürfniffe  aber  in  jenen 
Sänbertt  unb  bie  roenige  Sltühe,  bie  eS  erforbert,  fich  auch  nur  biefe  gu  Derfchaffen, 
erforbern  feine  gröhern  Slnlagen  gur  2d)ätigfeit.  —  ^pier  min  ich  noch  etmaS  auS 
SltarSbenS  grünblicher  Sefchreibung  Don  (Sumatra  («Siehe  SprengelS  Seiträge, 
6ter  SLheil,  S.  198—199)  anführen.  „2>ie  garbe  ihrer  (ber  StejangS)  .jpaut  ift  ge= 
möhnlid;  gelb  ohne  bie  23eimifd)ung  Don  Slotl),  melche  bie  ^upferfarbe  herDorbringt. 
Sie  finb  beinahe  burdjgäitgig  etmaS  heüer  Don  $arbe  alS  bie  SJteftigen  in  anbern 
©egenben  Don  Snbien.  —  2)ie  meihe  ^arbe  ber  ©inroohner  Don  Sumatra  in  $er= 
gleidjung  mit  anbern  Sölfern  eben  beS  £immelSftrid)S  ift  meines  ©r- 
achtens  ein  ftarfer  SemeiS,  bah  bie  $arbe  ber  £>aut  feineSmegeS  unmittelbar  Don  bem 
Minta  abhängt,  (©ben  baS  fagt  er  Don  bort  gebornen  Äinbern  ber  ©uropäer  unb 
Siegern  in  ber  gmeiten  ©eneration  unb  oermuthet,  bah  bie  bunftere  $arbe  ber  ©uro» 
päer,  bie  fich  hier  lange  aufgehalten  haben,  eine  golge  ber  Dielen  ©atlenfranfheiten 
fei,  beneit  bort  alle  auSgefept  finb.)  —  £ier  tnuh  i<h  noch  bemerfen,  bah  bie  .jpänbe 


5 

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Über  beit  ©ebraud)  teleologifher  Sßrincipien  in  ber  pijtlofopljte.  175 

2lber  eben  ba§,  was  .tpr.  g.  für  eine  unüberwinbliche  ©hwierigfeit 
gegen  mein  Vrincip  t)dlt,  wirft  in  einer  gemiffen  Slnmenbung  baStiortheil* 
haftefte  Sic^t  auf  biefelbe  unb  löfet  ©dfwierigfeiten,  ü)iber  bie  feine 
anbere  Theorie  etwas  oermag.  geh  nehme  an,  baff  fo  oiele  Generationen 
5  non  ber  Seit  beS  Einfangs  ber  Vienfchengattung  über  bie  aümählige  Gnt* 
micfelnng  ber  zur  tiölligen  Wartung  an  ein  Älima  in  ibr  beftnblic^en 
Anlagen  erforberlicb  gemefen,  baff  barüber  bie  grofcentfjeils  bureb  ge* 
maltfame  Vaturreoolutionen  erzwungene  Verbreitung  berfelben  über  ben 
beträchtlichften  £I)eil  ^er  mit  fümmerlicher  Vermehrung  ber  2Irt, 
10  bat  gefaben  fönnen.  2öenn  nun  audb  bureb  biefe  Urfadjen  ein  Völf* 
eben  ber  alten  SBelt  aus  füblicbern  Gegenben  in  bie  norblid)ern  getrieben 
morben:  fo  muff  bie  Slnartung  —  bie,  um  ben  tiorigen  angemeffen 
Zu  werben,  OieÜeicht  nod)  nicht  ooUeubet  mar,  —  aßmählig  in  ©tütftanb 
gefegt,  bagegen  einer  entgegengefefjten  Gntmicfelung  ber  Anlagen,  näm* 
15  lieb  für  baS  norblicbe  Älima,  Vlafj  gemacht  hoben,  ©e^et  nun,  biefer 
V?enfdbenfcblag  hätte  jid)  norboftmärtS  immer  weiter  bis  nad)  Stmerifa 
berübergejogen  —  eine  Meinung,  bie  geftänblicb  bie  gröffte  2ßahrfd)ein* 
Iid)feit  bot  — ,  fo  wären,  ehe  er  fid)  in  biefern  SBelttheile  wieberum  be= 
träd)tli<h  nach  ©üben  tierbreiten  fonnte,  feine  Vaturanlagen  fdjon  fo 
20  weit  entwicfelt,  als  eS  möglich  ift,  unb  biefe  Gntmicfelung,  nun  als 
ooHenbet,  müffte  alle  fernere  Slnartung  an  ein  neues  ^lima  unmöglich 
gemacht  hoben.  Vun  wäre  alfo  eine  Vace  gegrünbet,  bie  bei  ihrem  gort* 
rüden  nad)  ©üben  für  alle  Mmaten  immer  einerlei,  in  ber  Shat  alfo 
feinem  gehörig  angemeffen  ift,  weil  bie  {übliche  Slnartung  tior  ihrem  2luS* 
25  gange  in  ber  Hälfte  ihrer  Gntmicfelung  unterbrochen,  burd)  bie  ans  norb* 
liehe  ^lima  abgewechfelt  unb  fo  ber  beharrliche  ßoftanb  biefeS  Vtenfdjen* 
haufenS  gegrünbet  worben,  gn  ber  £hat  tierft<hert2)on  Ulloa  (ein  tior* 
jüglid)  wichtiger  Beuge,  ber  bie  Ginwohner  tion  Slmerifa  in  beiben  £emi= 
fphären  fannte)  bie  charafteriftifdjeGeftalt  ber  Vewohner  biefeS  SßelttheilS 
3o  burdfgängig  fehr  ähnlich  befunben  zu  hoben  (was  bie  garbe  betrifft, 
fo  befchreibt  fte  einer  ber  neuern  ©eereifenben,  beffen  Vamen  ich  jefet  nicht 
mit  Sicherheit  nennen  fann,  wie  Gifenroft,  mit  Öl  tiermifcht).  <Daff 
aber  ihr  VatureU  zu  feiner  tiölligen  Stngemeffenlfeit  mit  irgenb  einem 
Mirna  gelangt  ift,  läfft  ftdj  auch  barauS  abnehmen,  baff  fdjwerlich  ein 

35  ber  (Singebornen  unb  ber  Söieftijen  unerad)tet  beS  heifeen  ÄlimaS  gewöhnlidj  fatt  fiitb" 
(ein  michtiger  Umftanb,  ber  Sinnige  giebt,  bab  bie  eigentümliche  ^autbefchaffcnljeit 
oon  leinen  oberflächlichen  äuberen  Urfadjen  herrühren  muffe). 


176 


Über  ben  ©ebraucE)  teleologtfcjjer  5)3rtncipten  in  ber  ij3^ilofopt)te. 


anberer  ©rttnb  angegeben  »erben  fann,  »arum  biefe  3^ace,  gu  jc^tDact) 
für  fh»ere  Arbeit,  gu  gleichgültig  für  etnfige  unb  unfähig  gu  aller  (Kultur, 
»ogu  ftd)  hoch  in  ber  Laheit  Beifpiel  unb  3lufmunterung  genug  ftnbet, 
nod)  tief  unter  bem  9teger  felbft  fte£)t,  welcher  bod)  bie  niebrigfte  unter 
allen  übrigen  Stufen  einnimmt,  bie  mir  als  9facenoerfd)iebenl)eiten  ge* 
nannt  haben. 

üftun  halte  man  alle  anbere  mögliche .fpppothefen  an  bieS  Phänomen! 
SBenn  man  nicht  bie  non  §rn.  $.  fhon  tu  Sßorfdtjlag  gebrachte  befonbere 
Schöpfung  beS  3tegerS  mit  einer  gweiten,  nämlich  beS  SlmertfanerS,  Oer* 
mehren  miU,  fo  bleibt  feine  anbere  Antwort  übrig,  als  bah  3lmerifa  gu 
falt,  ober  gu  neu  fei,  um  bie  3lbartung  ber  üfteger  ober  gelben  3;nbier 
jemals  henwrgubringen,  ober  in  fo  frtrger  Seit,  als  eS  benölfert  ift,  fchon 
hernorgebracht  gu  haben.  JDie  erfte  Behauptung  ift,  »aS  baS  heifee  Älirna 
biefeS  SBelttheilS  betrifft,  fept  genugfatn  miberlegt;  unb  was  bie  gweite 
betrifft,  bah  nämlich,  wenn  »an  nur  noch  einige  ^aljrtaufenbe  gu  »arten 
©ebulb  hätte,  ftd)  bie  üfteger  (»enigftenS  ber  erblichen  Hautfarbe  nah) 
»ohl  bereinft  hier  auh  burh  ben  allmähligen  Sonneneinfluh  hernorfinben 
»ürben:  fo  mühte  man  erft  ge»ih  fein,  bah  <5onne  unb  Suft  folhe  ©in* 
Pfropfungen  oerrihten  fönnen,  um  fth  burh  einen  fo  ins  »eite  geteilten, 
immer  nad)  Belieben  »eiter  hinaus  gu  rüdenben,  bloS  oermutheten  ©rfolg 
nur  gegen  ©inwürfe  gu  oertheibigen;  »ie  oiel  »ettiger  fann,  ba  jenes 
felbft  noch  gar  feljr  begweifelt  »irb,  eine  bloh  beliebige  Bermuthung  ben 
Shaifahen  entgegen  gefteUt  »erben! 

©ine  wichtige  Betätigung  ber  Ableitung  ber  unausbleiblich  erb* 
liehen  Berfhiebenljeiten  burh  ©ntwicfelung  urfprünglih  unb  gweefmähig 
in  einem  Bfenfhenftamme  für  bie  ©rhaltung  ber  Slrt  gufammenbefinb* 
liher  Anlagen  ift:  bah  i>ie  barauS  entmicfelten  Bacen  nicht  fporabifh 
(in  allen  SBelttljeilen,  in  einerlei  Mitna,  auf  gleiche  3lrt)  oerbreitet,  fonbern 
cpflabifd)  in  vereinigten  Raufen,  bie  fth  innerhalb  ber  ©renglinie  eines 
SanbeS,  »orin  febe  berfelben  fth  hat  bilben  fönnen,  oertheilt  angetroffen 
»erben.  So  ift  bie  reine  Slbftammung  ber  ©elbfarbigen  innerhalb  ben 
©rengen  üon^inboftan  eingefhloffen,  unb  baS  niht  »eit  baoon  entfernte 
Arabien,  »elheS  grohentljeilS  ben  gleichen  §immelö[trih  entnimmt,  ent* 
hält  nihtS  baoon;  beibe  aber  enthalten  feine  5teger,  bie  nur  in  3lfrifa 
gwifhen  bem  Senegal  unb  ©apo  5ftegro  (unb  fo  »eiter  im  (gnmenbigen 
biefeS  25?elttf)eil§)  311  finbenftnb;  inbeffen  baS  gange  31m erifa  Weber  bie 
einen  noch  bie  anbern,  fa  gar  feinen  Bacenharafter  ber  alten  SBelt  aufgeigen 


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Über  ben  ©ebraup  teleologifper  ^rinctpten  in  ber  tßpilofofpie.  17? 

famt  (bie  ©Sf  tmoS  ausgenommen,  bie  napoerfpiebenenfowoplüoniprer 
©eftalt,  alSfeIbftiprem£alentpergenommenen©parafterenfpätere2lnfömm= 
linge  aus  einem  ber  altenSBelttpeilegufcinfpeinen).  S'ebe  tiefer  fRacen  ift 
gletpfam  ifolirt,  unb  ba  fie  bei  bem  gleichen  Älima  bod)  ooneinanber  unb 
5  jmar  burd)  einen  bem  ßeugungStiermögen  einer  feben  berfelben  itnab» 
trennlip  anpangenben  ©parafter  frcf)  unterfpeiben:  fo  machen  fie  bie 
Meinung  oon  bem  Urfprunge  ber  lepteren  als  SGirfmtgen  beS  Älima 
fepr  unwaprfpeinlip,  betätigen  bagegen  bie  SBermutpung  einer  par 
burpgängigen  SeugungSüerwanbtfpaft  burd)  ©inpeit  ber  Slbftammung, 
10  aber  pgleip  bie  oon  einer  in  ipnen  felbft,  nid)t  bloS  im  $lima  liegenben 
U  r  f  a  d)  e  beS  claf  jififpen  UnterfpiebeS  berfelben,  welper  lange  Seit  erforbert 
paben  mup,  um  feine  SBirfung  angemeffen  bem  £)rte  ber  ^M'tpflanpng 
p  tpun,  unb  napbem  tiefe  einmal  p  Stanbe  gefommen,  burp  feine 
SSerfepungen  neue  Wartungen  mepr  möglich  werben  lapt,  welpe  benn 
15  für  nichts  anberS,  als  eine  ftp  allmäplig  pwcftndpig  entwicfelnbe,  in  ben 
Stamm  gelegte,  auf  eine  gemiffe  3ab)l  nap  ben  .fbauptüerfpiebenpeiten 
ber  Sufteinflüffe  eingefprdnfte,  urfprünglidje  Anlage  gepalten  werben 
fann.  liefern  SeweiSgrunbe  fpeint  bie  in  ben  p  Sübapen  unb  fo 
weiter  oftwärtS  pur  Stillen  Deean  gehörigen  Snfeln  gerftreute  3tace  ber 
20  ^apuaS,  Welpe  ip  mit  ©apt.  ^orrefter  Gaffern  genannt  pabe  (weil  er 
üennutpUp  tpeilS  in  ber  Hautfarbe,  tpeilS  in  bem  ^opf=  unb  Sartpaare, 
welpe  fie  ber  ©igenfpaft  ber  Sfteger  pwiber  3U  anfepnlipem  Umfange 
auSfammen  fönnen,  llrfape  gefunben,  fie  nipt  5fteger  p  nennen),  2lb= 
brup  p  tpun.  ülber  bie  baneben  anptreffenbe  wunberfame  3^rftreu= 
25  ung  nop  anberer  Dtacen,  namlip  ber  ^araforaS  unb  gewiffer  mepr  bem 
reinen  inbifpen  «Stamme  apnliper  IRenfpen,  mapt  eS  wieber  gut,  weil 
eS  aup  ben  SSeweiS  für  bie  Söirfung  beS  Älima  auf  ipre  ©rbeigenfpaft 
fpwäpt,  inbem  biefe  in  einem  unb  bemfelben  ^immelSftripe  bop  fo  um 
gleipartig  auSfaHt.  3)aper  man  aup  mit  gutem  ©runbe  fie  nipt  für 
30  2iborigineS,  fonbernburp  wer  weip  welpe llrfape  (oieUeipt  eine  mäptige 
©rbretiolution,  bie  oon  Sßeften  nap  Dften  gewirft  paben  mup)  aus  ipren 
Sipen  oertriebene  f5remblinge  (jene  ^ßapuaS  etwa  aus  fütabagaSfar)  p 
palten waprfpeinlip finbet.  9ftitben©inwopnernüon $retiilletlanb,oon 
benen  ip  ©arteretS  Stapript  aus  bem  ©ebäptniffe (oieUeipt unriptig) 
35  anfüprte,  mag  eS  alfo  befpaffen  fein,  wie  eS  wolle,  fo  Wirb  man  bie  23e= 
weiStpümer  ber  ©ntwicfelung  ber  3ftacenunterfpiebe  in  bem  oermutplipen 
SBopnfipeipreS  StammeSaufbem  ©ontinent  unb  nipt  auf  ben  2>nfeln, 

Äant’ 8  ©djrtftert.  SBerfe.  VIII.  12 


178 


U&er  beu  ©ebraud)  teleologifdjer  Sßrincipien  in  ber  ^fjilofoptge. 


bie  allem  Stnfefjen  naä)  altererft  nad)  längft  üoUenbeter  Sötrfung  ber  $ftatur 
beaolfert  morben,  j$u  fud)en  haben. 

Soötel  ^ur  33ertl)etbigung  meines  Begriffs  bon  ber  Ableitung 
ber  erbtidjen  2RannigfaItig!eit  organifdjer  ©efdjopfe  einer  unb  ber= 
felben  9taturgattung  (species  naturalis,  fo  fern  fie  burd)  tpr 
gitngSüermogen  in  SSerbinbung  fiepen  unb  non  (Sinem  Stamme  ent= 
fproffen  fein*)  tonnen)  jum  Unterfd)iebe  bon  ber  <Sd)ulgattung  (species 
artificialis,  fo  fern  fte  unter  einem  gemeinfd)aftlid)en  fDierfmale  ber 
bloßen  SSergleidjung  fielen),  baoon  bie  erftere  jur  5ftaturgefchtd)te, 
bie  jmeite  jur  !Jtaturbefd)reibung  gehört.  Btept  nod)  etmaS  über  baS 
eigne  Spftem  beS  £rn.  %.  bon  bem  Urfprunge  beffelben.  2)arin  ftnb 
mir  beibe  einig,  bafe  alles  in  einer  5Üaturmiffenfd)aft  natürlich  müffe  er= 
Hart  »erben,  »eil  eS  fonft  ju  biefer  SBiffenfcpaft  ntd)t  gehören  mürbe, 
©iefem  ©runbfafje  bin  id)  fo  forgfältig  gefolgt,  bafe  aud)  ein  fcparffinniger 
OJtann  ($v.  D.S.Sft.  33üfd)ing  in  ber  fftecenfton  meiner  obgebacpten 
Schrift)  megen  ber  SluSbrücte  bon  2lbftd)ten,bon  SBetSheit  unb  Sßorforge  re. 
berüftaturmid)  gueinemSßaturaliften,  bod) mit  bem23eifafje  oon  eigner 
2lrt  mad)t,  meil  id)  in  SSer^anblungen,  melcpe  bie  blofje  üftaturfenntniffe 
unb,  miemeit  biefe  reifen,  angefjen  (mo  es  gan^  fdjidlid)  ift,  ftdfc)  teleo= 
logifd)  auSgubrütfen),  es  nid)t  ratpfam  finbe  eine  t^eologif d)e  Spraye 
ju  führen;  um  feber  ©rfenntnifcart  ihre  ©renjen  gan^  forgfältig  ju  be= 
jeicpnen. 

Mein  ebenberfelbe  ©runbfap,  baf$  alles  in  ber  Mturmiffenfcpaft 
natürlich  erflärt  merben  müffe,  bejeitpuet  jugletd)  bie  ©rennen  berfelben. 


*)  einem  unb  bemfelben  Stamme  ju  gehören  bebeutet  nicht  fofort  oon 
einem  einaetnen  urfprüngtichen  5ß'aare  erjeugt  ju  fein;  eS  mit!  nur  fooiel  fagen: 
bie  Sttannigfaltigfeiten,  bie  fetjt  in  einer  gemiffen  Stjiergattung  anjutreffen  finb, 
bürfen  barum  nicht  als  fo  Piel  urfprüngtidje  ©erfdpebentjeiten  angefeljen  merben. 
2Benn  nun  ber  erfte  SKenfcEjenftamm  auS  nod)  fo  oiel  tßerfonen  (beibertei  ©e. 
fdflechtS),  bie  aber  alte  gleichartig  maren,  beftanb,  fo  fann  id)  eben  fo  gut  bie 
feigen  3Jtenf<heit  Pon  einem  einigen  tßaare,  all  oon  oielen  berfelben  ableiten. 
£>r.  %.  b)ält  tnid)  im  ©erbadft,  bafj  ich  baS  letztere  als  ein  factum  unb  atoar  au* 
folge  einer  Slutoritöt  behaupten  molte;  allein  eS  ift  nur  bie  Sbee,  bie  gana  natür* 
lid)  auS  ber  2tt)eorie  folgt.  2BaS  aber  bie  Schmierigfeit  betrifft,  baff  megen  ber 
reifjenben  SEhiere  baS  ntenfchlidfe  @efd)lecht  mit  feinem  Anfänge  oon  einem  einai* 
gen  Sßaare  fchlecht  gefiebert  gemefen  fein  mürbe,  fo  fann  ihm  biefe  feine  fonber- 
liehe  ÜJtülje  machen.  2)enn  feine  attgebdrenbe  ©rbe  burfte  biefelbe  nur  fpäter  als 
bie  5Renfd)eu  heroorgebracht  haben. 


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Über  ben  ©ebrauiä)  teleologifcher  Sßrinctpien  in  ber  ^{jtlofopbte.  179 

SDenn  man  ift  zu  it)rer  äujjerften  ©renze  gelangt,  wenn  man  ben  lebten 
unter  allen  ©rflärungSgrünben  brauet,  ber  nod)  burd)  @rf atjrung  be= 
währt  werben  f'ann.  2öo  biefe  aufhören,  unb  man  mit  felbft  erbad)ten 
Kräften  ber  Materie  nad)  unerhörten  unb  feiner  Belege  fähigen  ©efetjen 
5  eS  anfangen  muff,  ba  ift  man  fctjon  über  bie  5Jtaturwiffenfd)aft  hinaus,  ob 
man  gleich  noch  immer  Vaturbinge  als  Urfadjen  nennt,  zugleich  aber 
ihnen  Äräfte  beilegt,  beren  ©feftenz  burd)  nichts  bewiefen,  fa  fogar  ihre 
9Jiöglid)feit  mit  ber  Vernunft  fchwerlid)  bereinigt  werben  fann.  SBeil 
ber  begriff  eines  organifirten  SBefenS  eS  fd)on  bei  ftd)  führt,  bah  e§ 
10  eine  Sftaterie  fei,  in  ber  2WeS  wed)felfeitig  als  Btoecf  unb  Mittel  auf  ein* 
anber  in  Beziehung  fteljt,  unb  bieS  fogar  nur  als  Shftem  oon  (Snb* 
urfachen  gebaut  werben  fann,  mithin  bie  fütöglid)feit  beffelben  nur 
teleologifdtje,  feineSwegeS  aber  phhftfd)=med)anifche  ©rflärungSart  wenig* 
ftenS  ber  menfch liehen  Vernunft  übrig  läfet:  fo  fann  in  ber  Vhhf^  nicht 
15  nachgefragt  werben,  woher  benn  alle  Drganifirung  felbft  urfprünglid)  her= 
fomme.  £>ie  Beantwortung  biefer  $rage  würbe,  wenn  fte  überhaupt  für 
uns  zugänglich  ift,  offenbar  aufer  ber  Vaturwiffenfdjaft  in  ber  SO? e t a  = 
phhfif  liegen.  meinerfeitS  leite  aße  Drganifation  oon  organifd)en 
SBefen  (burch  Beugung)  ab  unb  fpätere  formen  (biefer  Slrt  Vaturbinge) 
20  nad)©efehen ber aßmät)ligen©ntwicfelungöonurfprün  glichen Anlagen 
(bergleichen  fid)  bei  ben  Verpflanzungen  ber  ©ewächfe  häufig  antreffen 
laffen),  bie  in  ber  Drganifation  ihres  Stammes  anzutreffen  waren.  2Bie 
biefer  Stamm  felbft  entftanben  fei,  biefe  Aufgabe  liegt  gänzlich  über  bie 
©renzen  aller  bem  9D?enfd)en  möglichen  Vhhfü  hinaus,  innerhalb  benen 
25  ich  bod)  glaubte  mich  halten  zu  müffen. 

3d)  fürchte  baher  für  fmt.  $.’S  Spftem  nichts  oon  einem  Äehergerichte 
(benn  baS  würbe  ftd)  f)ier  eben  fo  iool)l  eine  @erid)töbarfeit  aufer  feinem 
©ebiete  anmafen),  aud)  ftimme  id)  erforberlichen  Falles  auf  eine  philo* 
fophtfehe  Surp  (<S.  166)  oon  biofeen  Vaturforfd)ern  unb  glaube  hoch  faitm, 
30  bafe  ihr  21uSfprud)  für  ihn  günftig  auSfaUen  bürfte.  „2)ie  freifeenbe  Gerbe 
(S.  80),  welche  2t)iere  unb  Pflanzen  ohne  Beugung  oon  ihres  gleichen 
aus  ihrem  weichen,  Dom  9tteereSfd)lamme  befruchteten  30?utterfcfeoofee 
entfpringen  lief,  bie  barauf  gegrünbete  Socafeeugungen  organifcher 
©attungen,  ba  Slfrifa  feine  2Kenfd)en  (bie  Veger),  Slfien  bie  feinige 
35  (äße  übrige)  heroorbrad)te  (S.  158),  bie  baoon  abgeleitete  Verwanbt* 
fefeaft  2Xßer  in  einer  unmerflidjen  Slbftufung  oom  Vtenfchen  zum  2ßaßftfd)e 
(S.  77)  unb  fo  weiter  hinab  (oermuthlid)  bis  zu  Vtoofen  unb  flechten, 

12* 


180  Über  ben  ©ebraud)  teteologifd;er  Sßrtncipten  in  ber  Sptjilofop^ie. 


ntcf)t  b!o§  im  Vergleid)ungSft)ftem,  fonbern  im  EräeugungSfpftem  aus  ge= 
meinfd)aftltd)em  (Stamme)  getjenben  !Jtaturfette*)  organischer  SBefen"  — 
biefe  mürben  jmar  nicht  machen,  baft  ber  Vaturforfd)er  baüor,  als  tior 
einem  Ungeheuer  (@.  75),  jurücfbebte  (bettn  eS  ift  ein  (Spiel,  momit  fich 
moffl  mancher  irgenb  einmal  unterhalten  hat,  baS  er  aber,  meil  bamit  5 
nichts  ausgerichtet  mirb,  mieber  aufgab),  er  mürbe  aber  bod)  baüon  burch 
bie  Betrachtung  jurüdgefcheud)t  merben,  baff  er  fid)  hieburd)  unoermerft 
tion  bem  fruchtbaren  Voben  ber  Vaturforfchung  in  bie  Sßüfte  ber  9Ma= 
phhftf  üerirre.  ßubern  fenneich  noch  eine  eben  nid)t  (@.75)  unmännliche 
furcht,  nämlich  t>or  allem  jurücfpbeben,  mas  bie  Vernunft  non  ihren  10 
erften  ©runbfäpen  abfpannt  unb  il)r  eS  erlaubt  macht,  in  grenjlofen  Ein= 
bilbungen  herumpfihmeifen.  Vielleicht  l)at<£>r.$.auch  hreburch  nur  irgenb 
einem  ^ppermetaphpfifer  (benn  bergleichen  giebtS  auch,  bie  näm= 
lieh  bie  Elementarbegriffe  nicht  femten,  bie  fte  auch  jfu  »erachten  fich  an' 
[teilen  unb  bo<h  her°tfcf)  auf  Eroberungen  auSgelfen)  einen  Gefallen  thun  15 
unb  @toff  für  beffen  Vh<Mtafte  geben  moHen,  um  ftd)  hernach  hierüber  ju 
beluftigen. 

SBalfre  Vietaphpftf  fennt  bie  ©renjen  ber  menfchlichen  Vernunft 
unb  unter  anberen  biefen  ihren  Erbfehler,  ben  fte  nie  üerläugnen  fann: 
bah  fte  fd)led)terbing<§  feine  ©runbfräfte  a  priori  erbenfenfann  unbbarf  io 
(meü  fte  aisbann  lauter  leere  Vegriffe  auSfjecfen  mürbe),  fonbern  nichts 
meiter  thun  fann,  als  bie,  fo  ihr  bie  Erfahrung  lehrt  (fo  fern  fie  nur  bem 
Slnfcheitte  nach  »erfdjieben,  im  ©runbe  aber  ibentifd)  jtnb),  auf  bie  fleinft* 
mögliche  ßahl  gurücf  $u  führen  unb  bie  baju  gehörige  ©runbfraft,mennS 
bie  VhDfü  gilt,  in  ber  SB  eit,  menn  eS  aber  bie  VJetaphpftf  angeht  (neun*  25 
lieh  &ie  nicht  meiter  abhängige  an^ugeben),  aüenfaUS  aufer  ber  SBelt  ju 
Tuchen.  Von  einer  ©runbfraft  aber  (ba  mir  fte  nicht  anberS  als  burch  bie 
Vejiehung  einer  Urfad)e  auf  eine  SBirfung  femten)  fönnen  mir  feinen 
anbern  Vegriff  geben  unb  feine  Venettnung  bafür  auSftnben,  als  ber  t>on  ber 
Söirfung  hergenommen  ift  unb  gerabe  nur  biefe  Vejiehung  auSbrücft**).  30 

*)  Uber  biefe  öornehmlid)  burch  Sonnet  fet)r  beliebt  geworbene  Sbee  Der* 
bient beS £rn.  Sßrof.  Slumenbad)  ©rinnerung  (£anbbud)  ber  9taturgefd)ichte  1779. 
Sorrebe  §  7)  gelefen  ju  werben.  2)iefer  einfehenbe  fDtann  legt  auch  ben  SilbungS« 
trieb,  burch  ben  er  fo  oiet  Sicht  in  bie  Sehre  ber  Beugungen  gebracht  hat,  nicht 
ber  unorganifchen  SRaterie,  fonbern  nur  ben  ©liebem  organifirter  Söefen  bei.  35 

**)  3-  33.  bie  ©inbilbung  im  Wenfdjen  ift  eine  SBirfitng,  bie  wir  mit 
anbern  Söirfungen  be3  ©emüthö  nidit  als  einerlei  erlennen.  2)ie  ^raft,  bie  fich 


Über  ben  ©ebraucb  teleologifcfjer  $ßrtncipien  in  ber  ißfyilofoptjie,  181 

9lun  ift  ber a3egriff  eines  organiftrten  SBefenS  tiefer:  ba<3  es  ein  materielles 
SBefen  fei,  teeld)eS  nur  burd)  bie  SJejieljung  altes  beffen,  teaS  in  iljm  ent* 
galten  ift,  auf  einanber  als  Sweet  unb  ÜKittel  möglich  ift  (wie  aud)  teirf* 
tid)  feber  Slnatouüfer  als  iß^ftolog  non  tiefem  begriffe  auSge^t).  ($ine 
5  ©runbfraft,  burd)  bie  eine  Drganifaüon  geteirft  mürbe,  muf)  alfo  als  eine 
nad)  Steeden  teirfenbe  Urfadje  gebaut  teerten  unb  jtear  fo,  bafe  tiefe 
ßteecte  ber  2J?öglid)feit  ber  Söirfung  jum  ©runbe  gelegt  teerten  muffen. 
2Bir  fennen  aber  bergleid^en Kräfte if) rem  SSeftimmungSgrunbe nad) 
burdf  Erfahrung  nur  in  uns  felbft,  narntid)  an  nuferem  SSerftanbe  unb 
10  SBiGen,  als  einer  Urfad)e  ber  fDtöglid)feit  geteiffer  gattj  nach  Sweden  ein* 
gerichteter  fßrobucte,  narnlid)  ber  Äunftteerfe.  SSerftanb  unb  2BiGe  ftnb 
bei  uns  ©runbfräfte,  beren  ber  leidere,  fo  fern  er  burd)  ben  erftern  be= 
ftimmt  teirb,  ein 33er mögen  ift,  ©tteaS  gemäff  einer  Sbee,  bie  Swed  ge* 
nannt  teirb,  heroorjubringen.  Unabhängig  oon  aller  Erfahrung  aber 
15  fotlen  teir  uns  feine  neue  ©runbfraft  erbenfen,  bergleid)en  hoch  biefenige 
fein  teürbe,  bie  in  einem  Söefen  jteedmäffig  teirfte,  ol)ue  bod)  ben  23e= 
ftimmungSgrunb  in  einer  Sbee  ^u  haben.  2Xlfo  ift  ber  ^Begriff  oon  bem 
Vermögen  eines  SBefenS  aus  ftd)  felbft  ^teedmä^ig,  aber  ohne  Swed 
unb  2lbfid)t,  bie  in  ihm  ober  feiner  ttrfadje  lägen,  jit  teirfen  — als  eine  be= 
20  fonbere  ©runbfraft,  üon  ber  bie  Erfahrung  fein  33eifpiel  giebt  —  ööUig  er* 
bid)tet  unb  leer,  b.  i.  ohne  bie  minbefte  ©eteäljrleiftung,  bafe  ihr  überhaupt 

darauf  beliebt;  fann  batjer  nicht  anberS  als  (SinbilbungSfraft  (als  ©runbfraft) 
genannt  »erben.  ©ben  fo  finb  unter  bem  Xitel  ber  be»egenben  Kräfte  ßurüd- 
ftoftungS- unb  SlnaiebungSfraft  ©runbfraft e.  3«  ber  ©inbeit  ber  ©nbftanj  haben 
25  oerfebieberte  geglaubt  eine  einige  ©runbfraft  annebtnen  gu  ntüffen  unb  haben  fo« 
gar  gemeint  fie  3U  erlernten,  inbem  fie  bloS  ben  gemeinfdjaftlidjen  Xitel  üer- 
fcbjiebener  ©runbfrafte  nannten,  3.  33.  bie  emsige  ©runbfraft  ber  (Seele  fei  33or« 
ftellungSfraft  ber  SBelt;  gleich  alä  ob  ich  fagte:  bie  einige  ©runbfraft  ber  Waterie 
ift  bemegenbe  Äroft,  weif  Burücfftofjung  unb  2tn3ief)ung  beibe  unter  bem  gemein- 
30  fdfaftlicben  begriffe  ber  ^Bewegung  flehen.  2Jtan  oerlangt  aber  31t  »iffen,  ob  fie 
auch  oon  biefer  abgeleitet  toerben  fönnen,  »elcheS  unmöglich  ift.  Xenn  bie  nieb» 
rigern  begriffe  fönnen  nad)  bem,  waS  fie  33erfchiebeneS  haben,  oon  bem  höheren 
niemals  abgeleitet  »erben;  unb  »aS  bie  ©inbeit  ber  Subftan3  betrifft,  oon  ber  e§ 
fdjeint,  baff  fie  bie  ©inbeit  ber  ©runbfraft  fd»n  in  ihrem  begriffe  bei  fid)  führe, 
35  fo  beruht  biefe  Xäufdjung  auf  einer  unrichtigen  ©efinition  ber  Äraft.  Xenn  biefe 
ift  nicht  baS,  »aS  ben  ©runb  ber  3ßirflid)feit  ber  Slccibenaen  enthalt  (baS  ift 
bie  Subftana),  fonbern  ift  bloS  baS  ©erbältniff  ber  Subftanj  3U  ben  Slccibensen, 
fo  fern  fie  ben  ©runb  ihrer  Söirflicbfeit  enthält.  ©S  fönnen  aber  ber  Subftana 
(unbefdfabet  ihrer  ©inbeit)  oerfdjiebene  SBerbältniffe  gar  wohl  beigelegt  »erben. 


182 


Über  ben  ©ebraud)  teleologifdjer  Sßrincipien  in  bet  ipjjUofoptjte. 


irgenb  ein  Object  correfponbiren  fönne.  ©3  mag  alfo  bie  Urfac^e  organi» 
firter  Befen  in  ber  Belt  ober  au  per  ber  Belt  angutreffen  fein,  fo  muffen 
mir  entmeber  aller  Seftimmung  iprer  Urfacpe  entfagen,  ober  ein  int  eil  U 
gente3  Befen  un§  bagu  benfen;  nicpt  als  ob  mir  (mie  ber  fei.  9Jtenbel<§= 
fopn  mit  anbern  glaubte)  einfäpen,  bap  eine  folcpe  SBirfung  au§  einer 
anbern  llrfacpe  unmöglich  fei:  fonbern  meil  mir,  um  eine  anbere  Urfadpe 
mit  2lu3fdi)Iiepung  ber  ©nburfacpen  gum©runbe  gu  legen,  un§  eine@runb= 
traft  erbitten  mufften,  mogu  bie  Vernunft  burcpaug  feine  33efugnip  pat, 
meil  es  itjr  aisbann  feine  Büpe  mailen  mürbe,  aße§,  ma3  fie  mitt  unb  mie 
fte  miß,  gu  erflären. 

*  * 

* 

Unbnun  bieSumme  Don  aßem  biefem gezogen!  ßtoecfepaben einege= 
rabeSegiepung  auf  bie  SSernunft,  fte  mag  nun  frembe,  ober  unfere  eigene 
fein.  2lßeinumfteaucpinfrembera3ernunftgufepen,müffenmirunfereeigene 
menigftenS  als  ein  Analogon  berfelben  gum  ©ntnbe  legen:  meil  fte  optte 
biefe  gar  nicpt  Dorgefteßt  merben  fönnen.  9htn  ftnb  bie  entmeber 

ßmecfe  ber  5ß atu r,  ober  ber^reipeit.  3)ape§in  ber  Sßatur  ßmecfe  geben 
muffe,  fann  fein  2J?enfcp  a  priori  einfepen;  bagegen  er  a  priori  gang  mopl 
einfepen  fann,  bap  e§  barin  eine  SBerfnüpfung  ber  Urfacpen  unb  Birfungen 
geben  muffe.  Solglicp  ift  ber  ©ebraucp  beS  teleologifcpen  ißrtncip§  in 
ülitfepung  ber  Statur  jebergeit  empirtfcp  bebingt.  ©ben  fo  mürbe  e§  mit 
ben  ßmecfen  ber  §reipeit  bemanbt  fein,  menn  biefer  oorper  bie  ©egem 
ftctnbe  beS  Boßen§  burcp  bie  üßatur  (in  Söebürfniffeu  unb  Neigungen)  als 
S8eftimmung§grünbe  gegeben  merben  müßten,  um  bloS  oermittelft  ber 
3Sergleidt)ung  berfelben  unter  einattber  unb  mit  iprer  «Summe  baSjenige 
burcp  Vernunft  gu  beftimmen,  ma§  mir  un§  gum  ßmecfe  machen.  Mein 
bie  Äritif  ber  praftifcpen  Vernunft  geigt,  bap  e§  reine  praftifcpe  ^rinci* 
pien  gebe,  moburcp  bie  Vernunft  a  priori  beftimmt  mirb,  unb  bie  alfo 
a  priori  ben  ßwecf  berfelben  angeben.  Benn  alfo  ber  ©ebraucp  be<§  teleo= 
logifcpen  ^ßriitcipS  gu  ©rflärungen  ber  %atur  barunt,  meil  e§  auf 
empirifcpe  Sebingungen  eingefcpränft  ift,  ben  Urgrunb  ber  gmecfrnapigen 
aSerbinbung  niemals  ooßftänbig  unb  für  aße  ßmecfe  beftimmt  gnug  an= 
geben  fann:  fo  muff  man  biefeS  bagegen  oon  einer  reinen  ßmecfslepre 
(meld^e  feine  anbere  als  bieber^jrreipeit  fein  fann)ermarten,  beren^rincip 
a  priori  bie  Segiepung  einer  Vernunft  überhaupt  auf  ba§  ©ange  aßer 
Bmecfe  enthält  unb  nur  praftifcp  fein  fann.  Beil  aber  eine  reine  praftifcpe 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


Übet  ben  ©ebrautp  teleologifcper  ißrtnctpten  iit  ber  5ßt)tlofoppie. 


183 


Teleologie,  b.  i.  eine  ©ioral,  i^re  ßtoede  in  ber  SB  eit  mirflicp  zu  inanen 
beftimmt  i(t,  fo  toirb  fie  beren  ÜRöglicpteit  in  berfelben,  fomoplmaS  bie 
barin  gegebene  Enbur fachen  betrifft,  als  auch  bie  Slngemefjenpeit  ber 
oberften  üffielturfacpe  ju  einem  ®anjen  alter  ßmede  als  SBirt'ung,  mit* 
5  Ein  fomopl  bie  natürliche  Teleologie,  als  auch  bie  EKöglicpfeit  einer 
©atur  überhaupt,  b.  i.  bie  TranSfcenbental=©pilofoppie,  nicht  oerab* 
fäumen  bürfen,  um  ber  praftifcpen  reinen  ßmedSlepre  objectiöe  Realität 
in  Slbficpt  auf  bie  ©föglicpfeit  beS  Objects  in  ber  Ausübung,  nämlich  bie 
beS  ßmedS,  ben  fte  als  in  ber  SBelt  ju  bemirfen  torfcpreibt,  ju  pcpern. 

10  Tn  beiber  ©üdpcpt  hat  nun  ber  ©erfaffer  ber  Briefe  über  bie 
Ä.  ©  p  i  l  o  f  o  p  p  i  e  fein  Talent,  Einfxcpt  unb  rupmmürbigeTenfungSart  jene 
p  allgemein  notpmenbigen  ßtoeden  nüpticp  an^umenben  mufterpaft  be= 
miefen;  unb  ob  eS  par  eine  ßumutpung  an  ben  oortrefflicpen  heraus* 
geber  gegenmärtiger  ßeitfcprift  ift,  melcpe  ber  SSefcheibenpeit  ju  nape  p 
i&  treten  fcpeint,  pabe  tcp  bocp  nicpt  ermangeln  tonnen,  ipn  um  bie  Erlaub* 
nip  p  bitten,  meine  Slnerfennung  beS  SSerbienfteS  beS  ungenannten  unb 
mir  bis  nur  Dor  furjem  unbetannten  ©erfafferS  jener  ©riefe  um  bie  ge* 
meinfcpaftticpe  ©acpe  einer  nacp  feften  ©runbfäpen  geführten  foroopl 
fpeculatioen  als  prattifd)en  ©ernunft,  fo  fern  xd)  einen  ©eitrag  bap  p 
so  tpun  bemüpt  gemefen,  in  feine  ßeitfcprift  einrüden  p  bürfen.  2)aS 
Talent  einer  ticptDoUen,  fogar  anmutpigen  Tarftetlung  trodener  abge* 
pgener  Sepren  opne  ©erluft  iprer  ©rünbücpfeit  ift  fo  fetten  (am  menig* 
ften  bem  Sllter  befcpieben)  unb  gteicpmopl  fo  nüpücp,  icp  miß  nicht  jagen 
bloS  pr  Empfehlung,  fonbern  felbft  pr  Älarpeit  ber  Einfxcpt,  ber  ©er* 
25  ftänblicpfeit  unb  bamit  oerfnüpften  Überzeugung,  —  bap  icp  micp  Der* 
bunben  patte,  bemjenigen  ©tanne,  ber  meine  Arbeiten,  melcpeu  icp  biefe 
Erleichterung  nicpt  Derfcpaffen  tonnte,  auf  folcpe  SSeife  ergänzte,  meinen 
T)ant  öffentlich  abzuftatten. 

Tcp  miU  bei  biefer  (Gelegenheit  nur  nod)  mit  SBenigem  ben  ©ormurf 
30  entbedter  Dorgeblicper  Söiberfprücpe  in  einem  SBerfe  Don  ziemlichem  Um* 
fange,  epe  man  eS  im  Eauzen  mopl  gefapt  pat,  berühren.  @ie  fcpminben 
inSgefammt  Don  felbft,  menn  man  pe  in  ber  ©erbinbung  mit  bem  Übri* 
gen  betrachtet.  Ta  ber  ßeipz-  gel.  ßeitung  1787  ©o.  94  rnirb  baS,  wau 
in  ber  ßritif  xc.  Auflage  1787  in  ber  Einleitung  3.  ß.  7  ftept,  mit 
3r,  bem,  maS  halb  barauf  5.  ß.  1  unb  2  angetroffen  mirb,  als  int  geraben 
Söiberfprucpe  ftepenb  angegeben;  benn  in  ber  erfteren  ©teile  patte  icp 
gefagt:  Don  ben  Erfenntniffen  a  priori  peipen  biejenige  rein,  benen  gar 


184  Über  ben  ©ebrauct)  teleologifctier  5J?rincipien  in  ber  Sß^tlofop^te. 


nichts  (SmpirifcheS  beigemifcpt  tft,  unb  als  ein  33eifpiel  beS  ©egen* 
tpeilS  ben@ap  angeführt:  afleS23eränb  erliche  pat  eineVtrfacpe.  dagegen 
führe  id)  <3.  5  eben  biefen  @ap  jurn  SSeifptel  einer  reinen  Grrfenntnip 
a  priori,  b.  i.  einet  folgen,  bie  non  nichts  ©mpirifcpem  abhängig  ift,  an; 
—  zweierlei  33ebentungenbeS  2BortS  rein,  non  benen  id)  aber  im  ganzen 
2Berfe  es  nur  mit  ber  lepteren  gu  thun  habe,  greilid)  hätte  ich  ben  5Drip= 
öerftanb  burd)  ein  23eifpiel  ber  erftern  2trt  3äpe  öerpüten  fönnen:  Stiles 
ßufällige  hateine  ttrfacpe.  Oenn  hier  ift  gar  nichts  GrmpirifcheS  b ei  g e= 
mifcpt.  SSBerbejinnt  ftd)  aber  auf  aHe23eranlaffungen  gum2Jtipüerftanbe? 
— (SbenbaS  ift  mirmit  einer ÜRote gur SSorrebe  ber  metapp.  Stnfangsg. 
b.  3Rat.=2B.  <3.  XVI — XYII  wiberfapren,  ba  ich  bie  Oebuction  ber  Äate* 
gorien  gwar  für  wichtig,  aber  nicht  für  äuperft  notpmenbig  auSgebe, 
leptereS  aber  in  ber  Äritif  bod)  gefüffentlicp  behaupte.  Slber  man  fiept 
leicht,  bap  fte  bort  nur  gu  einer  ne g  a  tiö  en  Slbficpt,  nämlich  um  gu  bemeifen, 
es  fönne öermittelft  iprer  allein  (opne  finnliche§lnfhauung)gar  fein  ©r1 
fenntnip  berOinge  gu  3tanbefomnten,in  ^Betrachtung  gezogen  mürben, 
ba  eS  benn  fcpon  flar  wirb,  wenn  man  and)  nur  bie  ©spofitton  ber^ate^ 
gorien  (als  bloS  auf  Objecte  überhaupt  angemanbte  logtfcpe  Functionen) 
gur  £anb  nimmt.  2MI  mir  aber  oon  ipnen  bod)  einen  ©ebraud)  machen, 
barin  fte  gur  ©rfenntnip  ber  Objecte  (ber  ©rfaprung)  mirflid)  gehören, 
fo  mupte  nun  auch  bie  fDtöglid)feit  einer  objectioen  ©ültigfeit  folcper  33e= 
griffe  a  priori  in  SSejiepung  aufs  ©mpirifcpe  befonberS  bemiefen  werben, 
bamitfte  nicht  garopne  SSebeutung,  ober  auch  nicpt  empirifdp  entfprungen 
gu  fein  geurtpeilt  mürben;  unb  basmar  bie pofitiüe 2Xbfid)t, in  Slnfepung 
beren  bie  Oebuction  aHerbingS  unentbehrlich  notpmenbig  ift. 

Fcp  erfahre  eben  jept,  bap  ber  SSerfaffer  obbenannter  Briefe,  -§err 
9tatp  ffteinpolb,  feit  furgent  ^rofeffor  ber  $pilojoppie  in  3ena  fei;  ein 
Buwacps,  ber  biefer  berühmten  ttnioerfität  nicpt  anberS  als  fepr  öortpeil= 
paft  fein  fann. 


5 

10 

15 

20 

25 


3-  $ant. 


^ifier  eine  Jfnfbecßitng, 


nad)  ber 


affe  neue  &xiük  5er  reinen  Vernunft 
bnrd)  eine  ältere 
enfße^rfid)  gemadjt  tneröeu  foff, 


non 


3>ntmanue(  $ant 


t 


^perr  (äberparb  hat  bie  ©ntbecfung  gemacht,  bap,  wie  fein  phil. 
2J?agaain,  erfter  Banb  S.  289,  befagt,  „bie  ßeibnigifcpe  ißhilofophie 
eben  fo  wohl  eine  Bernunftfritif  enthalte,  als  bie  neuerliche,  wobei  fie 
bertnoch  einen  auf  genaue  gerglieberung  ber  (Srfenntnipttermögen  ge= 
5  grünbeten  2)ogmatiSm  einführe,  mithin  alles  SBapre  ber  lederen, überbem 
aber  noch  mehr  in  einer  gegrünbeten  (Srwetterung  beS  ©ebietS  beS  Ber= 
ftanbeg  enthalte."  2ßie  eS  nun  gugegangen  fei,  bah  man  biefe  Sachen 
in  ber  ißhilofophiebeS  großen  Cannes  unb  ihrer  Sochter,  ber  2BoIffifd)en, 
nicht  fchon  langft  gefehen  hat,  erflärt  er  gwar  nicht;  allein  wie  oiele  für 
io  neu  gehaltene  ©ntbecfungen  fehen  jept  nicht  gefdtjicfte  Ausleger  gang  flar 
in  ben  Sitten,  naihbem  ihnen  gegeigt  worben,  wornad)  fte  fehen  follen! 

SlÜein  mit  bem  ^eplfchlagen  beS  SlnfprucpS  auf  Steuigfeit  mochte  eS 
noch  hingehen,  wenn  nur  bie  ältere  -ftritif  in  ihrem  SluSgange  nicht  baS 
gerabe  SBiberfpiel  ber  neuen  enthielte;  benn  in  biefem  gaüe  würbe  baS 
15  argumentum  ad  verecundiam  (wie  eS  So  cf  e  nennt),  beffen  fich  aud) 
*S>err  Oberharb  aus  $urd)t,  feine  eigene  möchten  nicht  gulangen,  flüglid) 
(bisweilen  auch  wie  S.  298  mit  SBortoerbrepungen)  bebient,  ber  2luf= 
nähme  ber  ledern  ein  gropeS  §inbernip  fein.  Slllein  eS  ift  mit  bem 
Söiberlegen  reiner  SSernunftfä^e  burd)  23 ü cf) er  (bie  hoch  felbft  aus  feinen 
20  auberen  Quellen  gefdjöpft  fein  fonnten,  als  beneti,  melden  wir  eben  fo 
nahe  ftnb,  als  ihre  Berfaffer)  eine  mißliche  Sache.  £>err  ©berparb  fonnte, 
fo  fd)arffid)tig  er  auch  ift,  hoch  für  bieSmal  oiedeicht  nicht  recht  gefehen 
haben.  Überbem  fpricpt  er  bisweilen  (wie  S.  381  unb  393  bie  Slnmerf.) 
fo,  als  ob  er  fich  für  Seibnigen  eben  nicht  üerbürgen  wolle.  Slm  beften  ift 
25  eS  alfo :  wir  laffen  biefen  berühmten  2J?ann  aus  bem  Spiel  unb  nehmen 
bie  Säpe,  bie  -Sperr  ©berparb  auf  beffen  tarnen  fd)reibt  unb  gu  Sßaffen 
Wiber  bie  Äritif  braucht,  für  feine  eigene  Behauptungen;  benn  fonft  ge= 
rathen  wir  in  bie  fd)limme  ßage,  bap  bie  Streiche,  bie  er  in  frembem 
tarnen  führt,  uns,  biejenigen  aber,  woburch  wir  fte  wie  billig  erwiebern , 
30  einen  gropen  SEftann  treffen  möchten,  welches  uns  nur  bei  ben  Verehrern 
beffelben  £>ap  gugiepen  bürfte. 


188 


Über  eine  ©ntbecfuttg  K. 


SaS  erfte,  worauf  wir  in  biefem  ©treitlfanbel  ju  fefjen  tjaben,  ift 
nad)  bem  23eifpiele  ber  Suriften  in  ber  Rührung  eines  ?roceffeS  baS 
formale,  hierüber  erflärt  ftd)  £r.  ©bewarb  ©.  255  auf  folgenbe  2lrt: 
„Dah  ber  Einrichtung,  bie  biefe  Seitfdbjrift  mit  ftd)  bringt,  ift  eS  fehr 
wotjt  erlaubt:  bah  wir  unfere  Sagereifen  nach  ^Belieben  abbred)en  unb  5 
wieber  fortfetcen,  bah  wir  oorwärts  unb  rücfwärts  gehen  unb  nad) 
allen  Dichtungen  ausbeugen  fönnen."  —  Dun  fann  man  wohl  einräumen: 
bah  ein  Dtagajin  in  feinen  oerfchiebenen  Abteilungen  unb  3Serfd)lagen  gar 
oerfchiebene  Sachen  enthalte  (fo  wie  auch  in  biefem  auf  eine  Abhanblung 
über  bie  logifd)e  2öal)rheit  unmittelbar  ein  ^Beitrag  §ur  ®efd)id)te  ber  10 
SSärte,  auf  biefen  ein  Eebidjt  folgt);  allein  bah  in  einer  unb  berfelben 
Abheilung  ungleichartige  Singe  burh  einanber  gemengt  werben,  ober 
baS  -fpinterfte  ju  oorberft  unb  baS  Unterfte  gu  oberft  gebraht  werbe,  oor= 
nehmlid)  wenn  eS,  wie  hier  ber  $att  ift,  bie  Eegeneinanberfteüung  zweier 
©t)fteme  betrifft,  wirb  £r.  Eberl)arb  fhwerlih  burh  bie  Eigentümlich1  15 
teit  eines  DtagajinS  (welches  alSbann  eine  Eerüüfammer  fein  würbe) 
rehtfertigen  fönnen:  in  ber  £f)ut  ift  er  aud)  weit  entfernt  fo  jn  urtl)eilen. 

Siefe  oorgeblih  funftlofe  ßnfammenfteüung  ber  ©äfje  ift  in  ber 
Shat  fehr  planmähig  angelegt,  um  ben  Sefer,  ehe  nod)  ber  ^robirftein 
ber  Wahrheit  ausgemacht  ift  unb  er  alfo  nod)  feinen  hat,  für  ©ätze,  bie  20 
einer  fharfen  Prüfung  bebürfen,  jum  oorauS  einzunehmen  unb  nachher 
bie  Eültigfeit  beS  ißrobirfteinS,  ber  hintennah  gewählt  wirb,  nid)t,  wie 
eS  bod)  fein  foüte,  aus  feiner  eigenen  23efd)affenheit,  foubertt  burh  fene 
©ä^e,  an  benen  er  bie  Drobe  hält  (niht  bie  an  ihm  bie  Drobe  halten),  §u 
beweifen.  ES  ift  ein  fünftlidjeS  uatepov  upoxepov,  welheS  abfihtlih  baju  25 
helfen  foU,  ber  Dad)forfd)ung  ber  Elemente  unferer  Erfenntnih  a  priori 
unb  beS  ErunbeS  ihrer  Eültigfeit  in  Anfehung  ber  £>bjecte  oor  aller 
Erfahrung,  mithin  ber  Sebuction  ihrer  objectioen  Dealität  (als  lang= 
wierigen  unb  fhweren  ^Bemühungen)  mit  guter  Sanier  auSjuweihen 
unb  wo  möglich  burh  einen  ^eberjug  bie  ^ritif  zu  oerniä)ten,  zugleich  30 
aber  für  einen  unbegrenzten  Sogmatism  ber  reinen  Vernunft  Dl<t 
mähen.  Senn  befanntlid)  fängt  bie  $ritif  beS  reinen  SSerftanbeS  non 
biefer  Dahforfhung  an,  weihe  bie  Auflöfuttg  ber  allgemeinen  $rage  zum 
3wecfe  hat:  Wie  ftnb  fpnthetifhe  ©äfze  a  priori  möglich?  unb  nur  nah 
einer  mühöoUen  Erörterung  aller  baju  erforberlid)en  Sebingungen  fann  35 
fte  jit  bem  entfheibenben  ©d)luhfcij3e  gelangen:  bah  feinem  begriffe  feine 
obfectioe  Dealität  anberS  gefihert  werben  fönne,  als  fo  fern  er  in  einer 


189 


itfier  eine  GmtbecEung  :c. 

il)m  correfponbxrenben  Slnfdfauung  (bie  für  uns  jebergext  ftnrtlic^  ift)  bar* 
gefteüt  »erben  fann,  mithin  über  bie  ©renje  ber  ©innlichfeit,  folglich 
and)  ber  möglichen  ©rfaljrung  hinaus  eS  fdjlechterbingS  leine  ©rfenntnif, 
b.  t.  feine  SSegriffe,  non  benen  man  ftdjer  ift,  baf  fte  nicht  leer  ftnb,  geben 
5  fbnne.  —  2)aS  ‘äftagajin  fangt  non  ber  SBiberlegmtg  biefeS  ©apes  burdf 
ben  23e»eiS  beS  ©egentlfeils  an:  nämlich  bah  es  aHerbingS  ©rmeiterung 
ber  ©rfenntnif  über  ©egenftänbe  ber  ©inne  hinaus  gebe,  unb  enbigt 
mit  ber  Unterfuchung,  mie  bergleidjen  bxxrdh  f^nthetifd^e  ©af»  a  priori 
möglich  fei. 

10  ©igentlid)  befielet  alfo  bie  ^anblung  beS  erften  23anbeS  beS  (5ber= 
harbfchen  EJtagaginS  aus  j»ei  Sieten.  3m  erften  foU  bie  objectioe  Sfteali* 
tat  unferer  SSegriffe  beS  §U<f>tfxnnIid^en  bargethan,  im  anbern  bie  Stuf* 
gäbe,  mie  fxjnthetifd^e  ©äfje  a  priori  möglich  ftnb,  aufgelöfet  »erben.  £>enn 
»aS  ben  ©alj  beS  gureichenben  ©runbeS  anlangt,  ben  er  fcbon  ©.  163—166 
15  oorträgt,  fo  fteljt  er  ba,  um  bie  Realität  beS  ^Begriffes  oont  ©runbe  in 
biefem  fqnthetifchen  ©runbfape  auSjumadjen;  er  gehört  aber  nach  &er 
eigenen  ©rflärung  beS  SSerfafferS,  ©.  316,  auch  ju  ber  Kummer  non  ben 
f^nthetifchen  unb  analptifchen  Urtheilen,  »o  über  bie  SJiöglichfeit  fgntt>e= 
tifcher  ©runbfäpe  aUererft  etmas  ausgemacht  »erben  foll.  Eides  übrige, 
20  norher  ober  baj»ifchen  hin  unb  hex  ©erebete  befiehl  aus  £intoeifungen 
auf  fünftige,  aus  ^Berufungen  auf  norhergehenbe  Sßemetfe,  Einführung  non 
ßeibnijenS  unb  anberer  ^Behauptungen,  aus  Eingriffen  ber  SluSbrüde,  ge* 
meiuiglid)  iBerbrelfungen  ihres  ©tnneS  u.  b.  g.;  recht  nach  bem  dtatlje, 
ben  SQuintiltan  bem  SKebner  in  Elnfehung  feiner  Slrguntente  giebt,  um 
25  feine  3nf»xer  ju  Überliften:  Si  non  possunt  valere,  quia  magna  sunt, 
valebunt,  quia  multa  sunt.  —  Singula  levia  sunt  et  communia,  universa 
tarnen  nocent;  etiamsi  non  ut  fulmine,  tarnen  ut  grandine;  »eiche  nur 
in  einem  Nachträge  in  ©rmägung  gezogen  ju  »erben  oerbienen.  ©S  ift 
fcplimm  mit  einem  Slutor  ju  thun  gu  haben,  ber  feine  Drbnung  fennt,  noch 
30  fd)limmer  aber  mit  bem,  ber  eine  llnorbnung  erfüuftelt,  um  fetc^te  ober 
falfche  ©ä^e  unbemerft  burchfchlüpfen  ju  laffen. 


Crrfter  Sfbfcptttth 


Über  bie  objectiüe  Realität  berjertigett  ^Begriffe,  betten  feine  cotre= 
f^onbirenbe  fimtficpe  Slnfcpauuttg  gegeben  tnerben  fattn, 

nach  £errn  ©berharb. 

gu  biefer  Unternehmung  fcpreitet  £err  (Sberparb  157 — 158  mit  5 

einer  $eierlicpfeit,  bie  ber  Wicptigteit  berfelben  angemeffen  ift :  fpricpt 
Don  feinen  langen,  oon  aller  SSorliebe  freien  33emüpungen  um  eine  Wiffen= 
fcpaft(bie  fütetapppfit),  bie  er  als  ein  3fteid)  betrachtet,  oon  melcpem,  menn 
es  üftotp  tl)äte,  ein  beträchtliches  ©tüct  fönne  oerlaffen  merben  unb  bocp 
immer  noch  ein  mett  beträchtlicheres  ßanb  übrig  bleiben  mürbe;  fpricpt  Don  10 
Sölumen  unb  Früchten,  bie  bie  unbeftrittenen  fruchtbaren  Selber  ber  Du* 
tologie  oerheifeen*),  unb  muntert  auf,  aucp  in  Slnfepung  ber  beftrittenen, 
ber  Ä'oSmologie,  bie ^>änbe  nicht  finten  plaffen;  benn,  fagt  er,  „mir  tonnen 
an  iljrer  ©rmeiterung  immer  fortarbeiten,  mir  tonnen  fee  immer  mit  neuen 
Wahrheiten  p  bereichern  fuepen,  ohne  uns  auf  bie  tranSfcenbentale  js 
©ültigfeit  biefer  Wahrheiten  (baS  foU  hier  fo  Diel  bebeuten,  als  bie 
obfectiüe  Realität  ihrer  ^Begriffe)  oor  ber  .fpanb  ein^ulaffen",  unb  nun 
fept  er  pinp:  „2luf  biefe  2lrt  haben  felbft  bie  TOatpematifer  bie  geiepnung 
ganzer  Wiffenfcpaften  Doüenbet,  opne  Don  ber  Realität  beS  ©egen- 
ftanbeS  berfelben  mit  einem  Worte  ©rmapnung  ju  tpun."  ©r  20 
mitl,  berSefer  folle  hierauf  ja  reept  aufmertfam  fein,  inbetner  fagt:  „£>aS 
lägt  fiep  mit  einem  merfmürbigen  SSeifpiele  belegen,  miteinem  23eifpiele, 
baS  p  treffenb  unb  p  leprreicp  ift,  als  bap  icp  eS  niept  foüte  pier  an= 
füpren  bürfen."  3a  mopl  leprreid) ;  benn  niemals  ift  mopl  ein  treffenbereS 
23eifpiel  pr  Warnung  gegeben  morben,  ftep  fa  niept  auf  23emeiSgrünbe  aus  jr, 

*)  ®aS  ftnb  aber  gerabe  biejemgen,  beren  SBegriffe  unb  ©runbfäise,  als  2ln« 
fprüche  auf  eine  @rfenntni§  ber  ©inge  überhaupt,  beftritten  unb  aufbaö 
fepr  Oerengte  gelb  ber  ©egenftänbe  möglicher  ©rfaprung  eingefcprdnft  morben.  Sich 
nun  oor  ber  ^anb  auf  bie  beit  titulum  possessionis  betreffeube  grage  niept  einlaffen 
ju  tooüen,  öerrätp  auf  ber  Stelle  einen  Äunftgriff,  bem  Slipter  ben  eigentlichen  30 
spmift  beS  Streits  auS  ben  3tugen  3U  rüden. 


©ri'ter  Slbfqjnttt. 


191 


2ßiffenf(^aften,  bie  man  nxct)t  öerftept,  felbft  ntdE)t  auf  ben  SluSfprup  an* 
berer  berühmten  ‘JRanner,  bie  bation  bloS  SSeript  geben,  p  berufen:  meil 
ju  ermarten  ift,  bap  man  biefe  aup  nid)t  oerftef)e.  (Denn  fräfttger  fonnte 
^>err  ©bewarb  jip  felbft  unb  fein  eben  jept  angefünbigteS  SSorpaben  nipt 
5  miberlegen,  als  eben  burp  bas  bem  33orellt  napgefagte  llrtpeil  über  beS 
SlpolloniuS  ©onica. 

SlpolIoniuS  conftruirt  guerft  ben  SSegriff  eines  ÄegelS,  b.  i.  er 
fteUt  ipn  a  priori  in  ber  Slnfpauung  bar  (baS  ift  nun  bie  erfte  -fpanblung 
rnoburp  ber  ©eometer  bie  obfectine  Realität  feines  SSegriffS  put  norauS 
'o  bartput).  ©r  fd^neibet  il)n  nap  einer  befümmten  Siegel,  3.  SS.  parallel 
mit  einer  ©eite  beS  Triangels,  ber  bie  SSafiS  beS  Hegels  (conus  rectus) 
burd)  bie  ©pipe  beffelben  reptminflig  fd)neibet,  unb  bemeifet  an  ber  2ln= 
fpauung  a  priori  bie  ©igenfpaften  ber  frummen  Sinie,  melpe  burd) 
jenen  ©pnitt  auf  ber  Dberfläpe  biefeS  ÄegelS  erzeugt  mirb,  unb  bringt 
15  fo  einen  SSegriff  beS  SSerpältniffeS,  in  melpern  bie  Drbinaten  berfelben 
put  Parameter  fiepen,  perauS,  melcper  SSegriff,  ncintlip  (in  biefem 
Säße)  ber  Parabel,  baburp  in  ber  Slnfpauung  a  priori  gegeben,  mitpiu 
feine  objectiöe  Realität,  b.  i.  bie  dRöglipfeit,  baff  eS  ein  (Ding  üou  ben 
genannten  ©igenfpaften  geben  fönne,  auf  feine  aubere  StBeife,  als  baff 
20  man  ipm  bie  correfponbirenbe  SInfpauung  unterlegt,  bemiefen 
mirb.  —  fperr  ©berparb  moUte  bemeifen:  baff  man  feine  ©rfenntnip  gar  mopl 
ermeitern  unb  fie  mit  neuen  Söaprpeiten  bereid)ern  fönne,  opne  fiep  norper 
barauf  einplaffen,  ob  fie  nipt  mit  einem  SSegriffe  umgepe,  ber  üiedeipt 
ganj  leer  ift  unb  gar  feinen  ©egenftanb  paben  fann,  (eine  SSepauptung, 
25  bie  bem  gefunben  2Renfpentierftanbe  gerabep  miberftreitet)  unb  feplug 
ftp  pr  SSeftdtigung  feiner  Meinung  an  ben  dRatpematifer.  Utiglüdliper 
fonnte  er  ftp  niept  abreffiren.  —  (Das  Unglitd  aber  fam  baper,  baff  er 
ben  SlpodoniuS  felbft  niept  fannte  unb  ben  SSorelli,  ber  über  baS  SSer* 
fapren  ber  alten  ©eometer  reflectirt,  ni(pt  oerftanb.  (Diefer  fprid)t  0011 
30  ber  meepanifepen  ©onftruction  ber  SSegriffe  oon  Äegelfpnitten  (auper 
bem  ©irfel)  unb  fagt:  bap  bie  dRatpematifer  bie  ©igenfpaften  ber  leptern 
lepren,  opne  ber  erftern  ©rmapnung  p  tpun;  eine  par  mapre,  aber  fepr 
unerpeblipe  Slnmerfung;  benn  bie  Slnmeifuug,  eine  Parabel  itap  SSor* 
fprift  ber  Speorie  p  geipnen,  ift  nur  für  ben  Zünftler,  nipt  für  ben 
35  ©eometer*).  fperr  ©berparb  patte  aus  ber  ©teile,  bie  er  felbft  aus  ber 

*)  Um  ben  Sluöbrucf  ber  Sonftruction  ber  23egrtffe,  öon  ber  bie  Äritif  ber 
reinen  SSernunft  Dielfättig  rebet  unb  baburd)  baS  Verfahren  ber  Sßernunft  in  ber 


192  Über  eine  ©ntbedung  k. 

Stnmerfung  be§  SSoretli  anfü^rt  unb  fogar  unterfingen  f)at,  jtd)  Ifieöon 
belehren  fönnen.  (§§  fjeijjt  ba:  Subjectum  enim  definitum  assumi  potest, 
ut  affectiones  variae  de  eo  demonstrentur,  licet  praemissa  non  sit  ars 
subjectum  ipsum  efformandum  delineandi.  @8  Wäre  aber  l)öd)ft  unge= 
reimt  nor^ugeben,  er  wolle  bamit  jagen:  ber  ©eometer  erwartete  allen 
erft  bon  biejer  med)anijd)en  (Sonftructton  ben  33ewetS  ber  9ttögltd)feit 
einer  folgen  Sinie,  mithin  bie  objectiöe  Realität  jeineS  33egrtff§.  IDen 
teueren  fönnte  man  eljer  einen  SSorwurf  biejer  2lrt  machen:  nid^t  bafj  jie 
bie  (5igenjd)aften  einer  frummen  fiinie  au§  ber  ^Definition  berjelben,  offne 
bodj  wegen  ber  9Jföglid)feit  tf)re§  Objects  gejid)ert  gu  jein,  ableiteten 
(benn  jie  ftnb  mit  berjelben  fxd)  jugleid)  ber  reinen,  bloS  jd)ematifd)en  (üon= 
jtructionnotlfommen  bewufetunb  bringen  aud)  bie  med)anijd)e  nad)  ben 
felben,  wenn  e§  erjorbert  wirb,  31t  ©taube),  jonbern  baf)  fte  jtd)  eine  jold)e 
ßinie  (3.  33.  bie  Parabel  burd)  bie  Formel  ax=y2)  miüfürlidj  benfen 
unb  nid)t  nad)  betn  33eijpiele  ber  alten  ®eometer  fte  3Uüor  als  im  ©dpiitte 
beS  ^egel§  gegeben  IjerauSbringen,  weites  ber  @Iegan3  ber  ©eometrie 
gemäßer  jein  würbe,  um  beren  willen  man  mehrmals  angeratljen  fjat, 
über  ber  jo  erftnbungSreid)en  anali)tijd)en  9J?ett)obe  bie  fi)ntl)etijd)e  ber 
Sllten  nicf)t  jo  gan3  3U  nerabjänmen. 

sftad)  bem  33eifpiele  aljo  nid)t  ber  fUfatfjematifer,  jonbern  jenes  fünft= 
lidjen  ÜRanneS,  ber  aus  ©anb  einen  ©trief  brel)en  fonnte,  geljt  £err  @ber= 
l)arb  auf  folgenbe  2lrt  3U  SBerfe. 


5D?atf)emattf  öon  bem  in  ber  5ßl)ilofopI)ie  auevft  genau  unterfeßieben  ^at,  wiber 
SOtißbraud)  ju  fiebern,  mag  folgenbed  bienen.  3n  allgemeiner  23ebeutung  !aun  alle 
©arftellung  eined  SSegriffö  burd)  bie  (fetbftt^ätige)  .jjeroorbringung  einer  ibjm 
correfponbirenben  Slnfdjauung  (Sonftruction  Reißen.  ©efdjießt  jie  burd)  bie  bloße 
©inbilbungdlraft  einem  begriffe  a  priori  gemäß,  fo  bjeifet  fie  bie  reine  (bergleidjen 
ber  ÜJiatbematifer  allen  feinen  ©emonftrationen  jum  ©runbe  legen  muff;  baßer  er 
an  einem  Sirtel,  ben  er  mit  feinem  (Stabe  im  <Sanbe  befcbjreibt,  fo  unregelmäßig 
er  aud)  audfaüe,  bie  Sigenfäjaften  eined  (Sirfeld  überhaupt  fo  boüfommen  be= 
meifen  !ann,  ald  ob  ißn  ber  befte  Zünftler  im  Äupferftidje  gegeidjnet  ßätte).  Söirb 
fie  aber  an  irgenb  einer  ÜJiaterie  audgeübt,  fo  mürbe  fie  bie  empirifdje  Sonftruction 
ßeißen  lönnen.  2)ie  erftere  !ann  aud)  bie  fdjemattfd)e,  bie  zweite  bie  tedjnifdje 
genannt  merben.  S)ie  leßtere  unb  wirflid)  nur  uneigentlid)  fo  genannte  (Sonftruction 
(weil  fie  nic^t  jur  SBiffenfdjaft,  fonbern  jur  $unft  gehört  unb  burd)  Snftrumente 
oerridjtet  mirb)  ift  nun  entmeber  bie  geometrif  dje  burd)  ßirlel  unb  ßineal,  ober 
bie  medjanif  dje,  moju  anbere  SBerljeuge  nättjig  finb,  wie  jumiBeifpiel  biegeid)* 
nung  ber  übrigen  ^egelfcßnitte  außer  bem  (Sirfet. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


(Srfter  Slbfctjnitt. 


193 


©r  batte  fd)on  im  lften  «Stücf  feinet  SttagaginS  bie  $principien  ber 
$orm  ber  ©rfenntnib,  welche  ber@ap  beS2Biberfprud)S  unb  beS  juretd^en^ 
ben  ©runbeS  fein  foUen,  t>on  benen  ber  fIRaterie  berfelben  (nad)  i|m  23or= 
fteüung  unb  SluSbebnung),  bereu  ^rincip  er  in  bern  ©infamen  fept, 
5  woraus  fre  befielen,  unterschieben,  unb  felgt  fucf)t  er,  ba  ihm  niemanb  bie 
tranSfcenbentale  ©ültigfeit  beS  ©aigeS  beS  SBiberfprucbS  ftreitet,  erftlid) 
bie  beS  ©apeS  oorn  gureidjenben  ©runbe  unb  hiemit  bie  obfectioe 
Realität  beS  lefgtern  ^Begriffs,  gweüenS  aud)  bie  9ieatität  beS  Begriffs  non 
einfachen  SBefen  bargutbun,  ohne,  wie  bie  Äritif  »erlangt,  fteburd)  eine 
10  correfponbirenbe  2lnfd)auung  belegen  gu  bürfen.  2)enn  was  wahr  ift,  ba= 
non  barf  nidjt  aUererft  gefragt  werben,  ob  eS  möglich  fei,  unb  fo  fern  hat 
bie  Sogit  ben  ©runbfafg:  ab  esse  ad  posse  valet  consequentia,  mit  ber 
5Retapbpfif  gemein,  ober  leiht  ihr  üielmebr  benfelben.  —  SDiefer  ©im 
theilung  gemab  wollen  wir  nun  aud)  unfere  Prüfung  eintljeilen. 


8emei§  ber  oöjectiüen  Realität  be§  23egriff3  bom  gureid)enben 

©Jrunbe 

nad)  ^errn  ©berbarb. 

ßuerft  ift  wohl  3U  bemerfen:  bab  <£>err  ©berbarb  ben  ©atg  beS  gm 
20  reid)enben  ©runbeS  bloS  gu  ben  formalen  ^rincipien  ber  ©rfenntnib  ge= 
gdljlt  wiffen  wiU  unb  bann  bod)  ©.  160  es  als  eine  grage  anfteht,  Welche 
burch  bie  jtritif  oeranlafct  werbe:  „ob  er  aud)  tranSfcenbentale  @ül= 
tigfeit  habe"  (überhaupt  ein  tranSfcenbentaleS  fßrincip  fei).  £err©ber= 
barb  mub  entweber  gar  feinen  begriff  oom  Unterfd)iebe  eines  logifcben 
25  (formalen)  unb  tranSfcenbentalen (materiellen) ißrincipS  ber  ©rfennt= 
nib  haben,  ober,  welches  wabrfd)einlid)er  ift,  biefeS  ift  eine  non  feinen 
fünftlidben  SBenbungen,  umftatt  beffen,  wooon  bie  ?5rage  ift,  etwas  anbereS 
untergufd)ieben,  wornad)  fein  $Renfd)  fragt. 

©in  je  ber  ©ajg  mub  einen  ©runb  haben,  ift  baS  logifche  (for= 
so  male)  fßrincip  ber  ©rfenntnib,  welches  bem  ©ape  beS  2Biberfprud)S  nicht 
beigefeHt,  fonbern  untergeorbnet  ift*).  ©in  jebeS  ©ing  mub  feinen 

»)  ©ie  Jttitif  bat  ben  Unterfdjieb  jttiifcben  probtematifdien  unb  affertort- 
fdjen  Urteilen  angemerft.  Sin  affertorifcbeä  Urttjetl  ift  ein  (Sab-  ®ie  Sogifer 
flaut ’l  @c§rtft*n.  SBerfe.  VIII.  13 


194 


Uber  eine  ©ntbedung  «. 


©runb  haben,  ift  bag  trangfcenbentale  (materielle)  ^rtnctp,  meines 
fein  föfenfch  aug  bem  ©ape  be§  2öiberfprucl)g  (unb  überhaupt  aug  blopen 
Gegriffen  ohne  Se^iehung  auf  finnlicpe  Slnf^auung)  jemalg  bemiefen  t)at, 
noch  bemeifen  mirb.  @g  ift  ja  offenbar  genug  unb  in  ber  Äritif  unselige 
mal  gefagt  morben,  bap  ein  trangfcenbentaleg  ^rincip  über  bie  Objecte 
unb  ihre  TOöglicpfett  etmag  a  priori  beftimmen  müffe,  mithin  nicht,  mie  bie 
logifdjen  ^rincipien  tljun  (inbem  jie  oott  allem,  mag  bie  3J?öglid)feit  beg 
Dbjectg  betrifft,  gänzlich  abftrapiren),  blog  bie  formalen  SSebingungen 
ber  Urtpeile  betreffe.  Slber  £err  (Sberljarb  roollte  ©.  163  feinen  ©ap 
unter  ber  formet:  2llteg  tjat  einen  ®runb,  burchfepen,  unb  inbem  er  (mie 
au§  bem  oon  il)tn  bafelbft  angeführten  23eifpiel  ju  erfefjen  ift)  ben  in  ber 
Spat  materiellen  ©runbfap  ber  ßaufalität  oernüttelft  be§  ©apeg  beg 
SBiberfprudjg  einfd)lei<hen  laffen  moüte,  bebient  er  fiep  beg  2öort§  Dllleg 
unb  hütet  fid)  mohl  §u  fagen:  ein  jebeg  2)ing,  meil  eg  ba  gar  ju  fehr  in 
bie  Slugen  gefallen  märe,  bap  eg  nicht  ein  formaler  unb  logifcper,  fonbern 
materialer  unb  trangfcenbentaler  ©rutibfap  ber  (Srfenntnip  fei,  ber  fcpon 
in  ber  Sogif  (mie  feber  ©runbfap,  ber  auf  bem  ©ape  beg  2Biberfprud)g 
beruht)  feinen  $lap  haben  fann. 

©)ap  er  aber  barauf  bringt,  biefen  trangfcenbentalen  ©ruttbfap  fa 
aug  bem  ©ape  beg  2Biberfprucf)g  ju  bemeifen,  bag  thut  er  gleichfalls  nicht 
of)ne  reife  Überlegung  unb  mit  einer  Slbfidpt,  bie  er  hoch  bem  Sefer  gern 
oerbergen  möchte.  (Sr  miU  ben  33egriff  beg  ©runbeg  (mit  ihm  auch  unoer= 
merft  ben  begriff  ber  (Saufalitdt)  für  alle  SDinge  überhaupt  geltenb 
machen,  b.  i.  feine  objectioe  Realität  bemeifen,  ohne  biefe  blog  auf  ©egen- 
ftänbe  ber  ©inne  einjufchränfen,  unb  fo  ber  ißebingung  augmeichen,  melche 


ttjun  gar  nicht  red)t  barati,  bafj  fie  einen  ©ap  burd)  ein  mit  äßorten  auggebrüdteg 
Urtpeil  befinireit;  benn  mir  müffen  ung  auch  ju  Urtpeilen,  bie  mir  nid)t  für  ©äpe 
auggeben,  in  ©ebanfen  ber  Sßorte  bebienen.  3n  bem  bebingten  ©ape:  Söenn  ein 
Körper  einfad)  ift,  fo  ift  er  unöeränberlid),  ift  ein  53erhältnifs  jmeier  Urtheile,  bereit 
feinet  ein  ©ap  ift,  fonbern  nur  bie  ©onfequenj  beg  lepteren  (beg  consequens) 
aug  bem  erfteren  (antecedens)  macht  ben  ©ap  aug.  2)ag  Urtpeil:  Gsinige  Körper 
finb  einfach,  mag  immer  miberfpredfenb  fein,  eg  fann  gleichmopl  hoch  aufgefteüt 
merben,  um  ju  fepen,  mag  baraug  folgte,  menn  eg  alg  Slffertion,  b.  i.  alg  ©ah, 
anggefagt  mürbe.  ®ag  affertorifche  Urtpeil:  ©in  feber  Körper  ift  tpeilbar,  fagt 
inetjr  atg  bag  blog  problematifche  (man  benfe  fiep,  ein  feber  Äorper  fei  tljeilbar  :c.) 
unb  ftept  unter  bem  allgemeinen  logifcpen  ißrincip  ber  ©äpe,  nämlich  ein  feber 
©ap  muh  gegrünbet  (nicht  ein  blog  möglicheg  ürtöeil)  fein,  melcheg  ang  bem  ©ape 
beg  SBiberfprudjg  folgt,  meil  fener  fonft  fein  ©at3  fein  mürbe. 


5 

io 

15 

20 

25 

30 

35 


(Srfier  Slöfcpitt. 


195 


bie  ^riti!  pnpfügt,  baff  er  ndrnlid)  nod)  einer  Slnfcpuung  bebürfe,  mo* 
burd)  biefe  Realität  aUererft  ermeiSlid)  fei.  Sftun  ift  flar,  bafj  ber  ©af) 
beS  2öiberfprud)S  ein  ^rincip  ift,  me!d)eS  Don  adern  überhaupt  gilt,  maS 
mir  nur  benfen  mögen,  eS  mag  ein  finnlicpr  ©egenftanb  fein  unb  il)tn 
5  eine  mögliche  Slnfcpuung  gufommen,  ober  nid)t:  meil  er  oom  3)enfen  über- 
l)aupt  ope  3Rüd'fict)t  auf  ein  Dbfect  gilt.  2öaS  alfo  mit  biefent  ^rincip 
nid)t  befielen  fann,  ift  offenbar  nid)tS  (gar  nid)t  einmal  ein  ©ebanfe). 
SBoUte  er  alfo  bie  obfectioe  Realität  beS  Segrip  oom  ©runbe  einfüpen, 
ope  fid)  bod)  burd)  bie  ©infcpdnfung  auf  ©egenftanbe  ftnnlid£)er  2ln= 
10  fd)auung  binben  p  laffen,  fo  muffte  er  baS  ^ßrincip,  maS  oom  Renten 
überhaupt  gilt,  bap  braunen,  ben  begriff  beS  ©runbeS,  biefen  aber 
aud)  fo  ftellen,  baff  er,  ob  er  par  in  ber  2pt  bloS  logifd)e  33ebeutung  pt, 
babei  bod)  fd)iene  bie  fRealgritnbe  (mitpn  ben  ber  ©aufalitdt)  unter 
frc^  p  befaffen.  ©r  pt  aber  betn  Sefer  mep  treuppgen  ©lauben  pge- 
i5  traut,  als  fid)  bei  ipr  aud)  bei  ber  mittelmdffigften  UrtpilSfraft  oorauS 
fepn  lajft. 

Allein  mie  eS  bei  giften  ppgepn  pflegt,  fo  pt  fid)  .§err  ©berprb 
burd)  bie  feinige  felbft  oermicfelt.  SSorpr  ptte  er  bie  gatp  TOetappfif 
an  gm  ei  Sprangeln  gepngen:  ben  <Saf)  beS  Sßiberfprucp  unb  ben  beS 
20  preicpnben  ©runbeS;  unb  er  bleibt  burcpdngig  bei  biefer  feiner  23e= 
puptung,  inbern  er  Seibnipr  (ndrnlid)  nad)  ber  Slrt,  mie  er  ip  auS= 
legt)  p  ft-olge  ben  erften  burd)  ben  peiten  prn  ©epf  ber  9J?etapp)fif 
ergangen  p  muffen  »orgiebt.  9Run  fagt  er  @.  163:  „£>ie  allgemeine 
Söappit  beS  <5apS  beS  preicpnben  ©runbeS  fann  nur  aus  biefern  (bem 
25  @ap  beS  2Biberfprud)S)  bemonftrirt  roerben",  melcpS  er  benn  gleid) 
barauf  rnutpg  unternimmt.  @o  pngt  fa  aber  aisbann  bie  ganje  SJteta- 
ppftf  mieberum  nur  an  einem  Singel,  ba  eS  oorpr  pei  fein  fodten; 
benn  bie  blop  Folgerung  aus  einem  ^rincip,  ope  baff  im  minbeften  eine 
neue  SSebingung  ber  SInmenbung  pnpfdme,  fonbern  in  ber  ganzen  Sldg'e- 
so  meinpit  beffelben,  ift  fa  fein  neues  ^ßrincip,  melcpS  bie  fKangelpftig- 
feit  beS  oorigen  ergänzte! 

©p  ^>err  ©berprb  aber  biefen  SemeiS  beö  @apS  oom  preicpnben 
©runbe  (mit  ilfm  eigentlid)  bie  obfectioe  Stealitdt  beS  ^Begriffs  einer 
Urfacp,  ope  bod)  etmaS  mep  als  ben  @a£  beS  SBiberfpucp  p  bebdrfen) 
35  auffteüt,  fpannt  er  bie  ©rmartung  beS  ßeferS  burd)  einen  gemiffen  ^ßomp 
ber  ©intpilung  161-162  unb  par  mieberum  burd)  SSergletcpng 

feiner  fföetpbe  mit  ber  ber  SJiatpmattfer,  meld)e  ipt  aber  jeberjeit  Der- 

13* 


196 


Über  eine  Grntbecfung  it. 


unglüctt.  ©uflibeS  felbft  foU  „unter  feinen  Spriomen  Säpe  paben,  bie 
wopl  nod)  eines  SSemeifeS  bebürfen,  bie  aber  ot)ne  33eroeiS  Dorgetragen 
werben."  fJhtn  fept  er,  inbern  er  Dom  fütatpematifer  rebet,  pingu:  „So 
halb  man  ipm  eines  Don  feinen  driomen  leugnet:  fo  fallen  freilid)  and) 
alle  Seprfäpe,  bie  üon  bem  felben  abpängen.  Das  ift  aber  ein  fo  feltener  5 
Salt,  bap  er  nicpt  glaubt  ipm  bie  unoerwicfelte  Seicptigfeit  feines  23 0 r = 
trageS  unb  bie  f d) ö n en  8erpältniffe  feines  SeprgebäubeS  aufopfern  ju 
muffen.  Die  ^pilofoppie  mup  gefälliger  fein."  ©S  giebt  alfo  bod)  fept 
aud)  eine  licentia  geometrica,  fo  Wie  eS  Idngft  eine  licentia  poetica  ge= 
geben  pat.  2ßenu  bod)  bie  gefällige  ^ßpilofoppie  (im  SSeweifen,  wie  10 
gleid)  barauf  gefagt  wirb)  aud)  fo  gefällig  gewefen  wäre,  ein  Seifpiet  auS 
bem  ©uflib  anjufüpren,  wo  er  einen  Sap,  ber  matpematifcp  erweislicp 
ift,  als  Slpiom  aufftetle;  benn  was  bloS  ppilofoppifcp  (aus  Gegriffen)  be= 
wiefen  werben  fann,  3.  23.  baS  ©an^e  ift  gröper  als  fein  Dpeil,  baooit  ge= 
pört  ber  SeweiS  nicpt  in  bie  füiatpematif,  wenn  ipre  Seprart  nad)  aller  15 
(Strenge  eingericptet  ift. 

9tun  folgt  bie  Derpeipene  2)  e  tn  0 n  ft  r  a  t  i 0 n.  ($S  ift  gut,  bap  fie  nid)t 
weitläuftig  ift;  um  befto  mepr  fällt  ipre  SSünbigfeit  in  bie  Slugen.  2£ir 
wollen  fte  alfo  ganj  perfepen.  „2ltleS  pat  entweber  einen  ©runb,  ober 
nicpt  alles  pat  einen  ©runb.  3m  leptern  Salle  tonnte  alfo  etwas  möglid)  20 
unb  bentbar  fein,  beffen  ©runb  nicpts  wäre.  —  SBenn  aber  Don  jwei  entgegen* 
gefepten  Dingen  ©ineS  opne  jureicpenben  ©runb  fein  tonnte:  fo  tonnte 
aud)  baS  SInbere  Don  ben  beiben  ©ntgegengefepten  opne  ^ureicpenben  ©runb 
fein.  2ßenn  3.  23.  eine  Portion  Suft  fiep  gegen  Dften  bewegen  unb  alfo  ber 
SBinb  gegen  Dften  wepen  tonnte,  opne  bap  im  Dften  bie  Suft  wärmer  25 
unb  Derbünnter  wäre,  fo  würbe  biefe  Portion  Suft  fiep  eben  fo  gut  gegen 
SBeften  bewegen  tonnen,  als  gegen  Dften;  biefelbe  Suft  würbe  fid)  alfo 
jugleicp  nad)  jwei  entgegengefepten  fRid)tungen  bewegen  tonnen,  rtad) 
Dften  unb  2ßeften  3U,  unb  alfo  gegen  Dften  unb  nicpt  gegen  Dften,  b.  i.  eS 
tonnte  etwas  jugleicp  fein  unb  nicpt  fein,  welcpeS  wiberfpred)enb  unb  un>  30 
möglid)  ift." 

Diefer  23eweiS,  burep  ben  fiep  ber  ^itofopp  für  bie  ©rünblicpfeit 
noep  gefälliger  bezeigen  foU,  als  felbft  ber  fJKatpematifer,  pat  alle  ©igenfd)af= 
ten,  bie  ein  23eweiS  paben  mup,  um  in  ber  Sogif  311111  23eifpiele  ju  bienen, 

—  Wie  man  nicpt  beweifen  foll.  —  Denn  erftUcp  ift  ber  31t  beweifenbe  35 
Sap  jweibeutig  gefteüt,  fo  bap  man  aus  ipm  einen  iogifdjen,  ober  auep 
tranSfcenbentalen  ©runbfap  maepen  fann,  weil  baS  2ßort  21  lies  ein  febeS 


©rfter  Slbfdjnitt. 


197 


U r 1 1; e 1 1 ,  meines  mir  als  ©ab  irgenb  mooon  fallen,  ober  aud)  ein  jebeS 
Sing  bebeuten  !ann.  SBirb  er  in  ber  erften  Sebeutung  genommen  (ba  er 
fo  lauten  nutzte:  ein  feber  ©at)  ^at  feinen  ©runb),  fo  ift  er  nic^t  allein 
allgemein  mabr,  fonbern  aud)  unmittelbar  aus  bem  ©a^e  beS  2Biber= 
5  f p r n d) §  gefolgert;  biefeS  mürbe  aber,  wenn  unter  Silles  ein  febeS  Sing 
üerftanben  mürbe,  eine  ganj  anbere  SemeiSart  erforbern. 

ßmeitenS  fehlt  bem  Semeife  (ginbeit.  ©r  befielt  aus  jmei  Semeifen. 
Ser  erfte  ift  ber  befannte  Saumgartenfd)e  SemeiS,  auf  ben  fid)  fefet  mobl 
niemanb  mehr  berufen  mirb,  unb  ber  ba,  mo  id)  ben  ©ebanfen=©trid)  ge= 
10  jogen  habe,  öößig  §u  ©nbe  ift,  auffer  baff  bie  ©d)tuffformel  fehlt  (meld)eS 
fid)  miberfprid)t),  bie  aber  ein  feber  binjubenfen  muff.  Unmittelbar  bier= 
auf  folgt  ein  anberer  SemeiS,  ber  bnrd)  baS  2öort  aber  als  ein  biofeer 
Fortgang  in  ber  Äette  ber  ©d)lüffe,  um  jurn  ©djlufffabe  beS  erfteren  ju 
gelangen,  oorgetragen  mirb  unb  bod),  menn  man  baS  SSort  aber  megläfft, 
15  allein  einen  für  fid)  beftebenben  Seroeis  auSmad)t;  mie  er  benn  and)  rnebr 
bebarf,  um  in  bem  ©afje,  bafe  etmaS  ohne  ©runb  fei,  einen  Söiberfprud) 
ju  ftnben,  als  ber  erftere,  meld)er  ibn  unmittelbar  in  biefem  ©atje  felbft 
fanb:  ba  biefer  hingegen  nocfe  ben  ©afe  bin8ufefeen  muff,  bafe  nätnlid)  als* 
bann  auch  baS  ©egentbeil  biefeS  SingeS  ohne  ©runb  fein  mürbe,  um 
20  einen  SBiberfprud)  berauSpfünfteln,  folglich  gan^  anberS  als  ber  Saturn 
gartenfcfee  SemeiS  geführt  mirb,  ber  bod)  ßon  ihm  ein  ©lieb  fein  füllte. 

SrittenS  ift  bie  neue  Sßenbung,  bie  #err  ©bedjarb  feinem  Se= 
meife  ^u  geben  gebad)te,  ©.  164  febr  oerunglücft;  benn  ber  23ernunftfd)lufe, 
burcfe  ben  biefer  ftd)  menbet,  gebt  auf  oier  $üffen.  —  (Sr  lautet,  menn  man 
25  ihn  in  fpllogiftifd)e  gorm  bringt,  foc 

©in  SBinb,  ber  ftd)  ohne  ©runb  nad)  Offen  bemegt,  fonnte  ftd)  (ft a  1 1 
beffen)  eben  fo  gut  nach  SBeften  bemegen: 

üftun  bemegt  ftd)  (mie  ber  ©egner  beS  ©at$eS  beS  §ureid)enben  ©ruu* 
beS  oorgiebt)  ber  2Binb  ohne  ©runb  nad)  Offen, 
so  folglich  fann  er  fid)  zugleich  nad)  Offen  unb  SBeften  bemegen 
(meldjeS  ftd)  miberfprid)t).  Saff  id)  mit  üölligem  $ug  unb  3ted)t  in  ben 
Sberfab  bie  Sßorte:  ftatt  beffen,  einfcfealte,  ifttlar;  benn  ohne  biefe  ©in* 
fcbränfung  im  ©inne  ju  haben,  fann  niemanb  ben  Oberfat)  einräumen. 
Söenu  fetnanb  eine  gemiffe  ©umrne  auf  einen  ©lücfSmurf  fefet  unb  ge* 
35  minnt,  fo  fann  ber,  melcber  ihm  baS  ©piel  abratben  mW,  gar  mobl  fagen: 
er  hätte  eben  fo  gut  einen  Rebler  merfen  unb  fo  Diel  oerlieren  fönnen,  aber 
nur  anftatt  beS  SrefferS,  nicht  Rebler  unb  Treffer  in  bemfelben  Sßurfe 


198 


Über  eine  ©ntbecfuug  ic. 


guglei 3)er  Äünftler,  bcr  aus  einem  Siücf  ,£olg  einen  ©oft  fdjnihte, 
fonnte  eben  fo  gut  (ftatt  beffen)  eine  Banf  barauS  machen;  aber  barauS 
folgt  nidtjt,  baff  er  betbe§  gletd)  barauS  mähen  fonnte. 

Viertens  ift  ber  Sah  felber  in  ber  unbefhränften  Allgemeinheit, 
mie  er  ba  ftef)t,  menn  er  üon  (Sachen  gelten  foH,  offenbar  falfdh ;  benn  nah 
bemfelben  mürbe  eS  fd)le<i)terbing§  nichts  UnbebingteS  geben;  biefer  Un* 
gemächlichfeit  aber  baburch  auSmeihen  gu  molten,  bah  »an  üom  Urmefen 
faßt»  eS  habe  gmar  auch  einen  ©runb  feines  JDafeinS,  aber  ber  liege  in 
ihm  felber,  ift  ein  2Biberfprud) :  weil  ber  ©runb  beS  3)afeinS  eines  SDingeS 
als  Bealgrunb  jebergeit  non  biefem  ©inge  unterfchieben  fein  unb  biefeS 
aisbann  nothmenbig  als  non  einem  anberen  abhängig  gebacht  »erben 
muh-  Bon  einem  Sa|je  fann  ich  mof)l  fagen,  er  habe  ben  ©runb  (ben 
logifdjenf)  feiner  2öal)rheit  in  fid)  felbft,  »eil  ber  Begriff  beS  SubfectS 
etmaS  anbereS,  als  ber  beS  BräbicatS  ift  unb  oon  biefem  ben  ©runb  ent* 
halten  fann;  bagegen,  menn  id)  oon  bem  2)afein  eines  SDingeS  feinen 
anberen  ©runb  angunehmen  erlaube,  als  biefeS  $)ing  felber,  fo  miO.  id) 
bamit  fagen,  eS  habe  meiter  feinen  realen  ©runb. 

£>err  ©berljarb  hat  alfo  nichts  oon  bem  gu  Staube  gebraut,  maS  er 
in  Abficht  auf  ben  Begriff  ber  ©aufalität  bemirfen  moUte,  nämlid)  biefe 
Kategorie  unb  muthmahlih  mit  ihr  auch  bie  übrigen  oon  Gingen  über* 
haupt  geltenb  gu  machen,  ohne  feine  ©ültigfeit  unb  ©ebraud)  gum  ©r= 
fenntnifg  ber  ®inge  auf  ©egenftänbe  ber  ©rfahrung  eingufhränfen,  unb 
hat  fid)  Dergeblid)  gu  biefem  ßmeefe  beS  fouüerainen@runbfaheSbeS2Biber= 
fprudjS  bebient.  SDie  Behauptung  ber  Äritif  fteht  immer  feft:  bah  feine 
Kategorie  bie  minbefte  ©rfenntnih  enthalte,  ober  heroorbringen  fönne, 
menn  ihr  niht  eine  correfponbirenbe  Anfhauung,  bie  für  uns  BJenfhen 
immer  ftnnlih  ift,  gegeben  merben  fann,  mithin  mit  ihrem  ©ebraud) 
in  Abfiht  auf  iljeoretifhe  ©rfenntnih  ber  2)inge  niemals  über  bie  ©renge 
aller  möglichen  ©rfahrung  hinaus  reihen  fönne. 


B. 

Betueis  ber  objectiüen  Realität  be§  S3egriff§  Pont  ©infachen  an 

©rfaf)rung§gegenftäuben 

nah  Ferrit  ©berfjarb. 

Borher  hatte  £err  ©bewarb  oon  einem  BerftanbeSbegriffe,  ber  auch 
auf  ©egenftänbe  ber  Sinne  angemanbt  merben  fann  (bem  bcr  ©aufalität), 


5 

10 

IS 

20 

25 

30 

35 


Qsrfter  2lbfd;nitt. 


199 


aber  bod)  als  einem  folgen  gerebet,  ber,  aud)  ot)ne  auf  ©egenftdube  ber 
©inne  eingefd)rdnft  $u  fein,  non  Singen  überhaupt  gelten  fönne,  unb  fo 
bie  objectine  Realität  menigftenS  einer  Kategorie,  nämlich  ber  Urfad)e, 
unabhängig  non  Sßebingungen  ber  Slnfdjauung  ju  bemetfen  nermeint. 
5  2>etü  geht  er  ©.  169 — 173  einen  ©d)ritt  meiter  unb  miß  felbft  einem  23e= 
griffe  non  bem,  maS  geftänblid)  gar  nid)t  ©egenftanb  ber  ©inne  fein  fann, 
nämlich  bem  eines  einfachen  SEÖefenS,  bie  objectine  Realität  ftdjern  unb 
fo  ben  ßugang  p  ben  oon  ihm  gepriefenen  fruchtbaren  Reibern  ber 
rationalen  fßfpdjologie  unb  Sh^ologie,  oon  bem  fie  baS  ?D?ebufenhaupt 
io  ber  $riti!  prücf  fd)recfen  moüte,  frei  eröffnen,  ©ein  23emeiS  ©.  169—170 
tautet  fo: 

„Sie  concrete*)  Seit,  ober  bie  Beit,  bie  mir  empfinben  (füllte  mopt 
heifeen:  in  ber  mir  etroaS  empfinben),  ift  nichts  anberS,  als  bie  ©ucceffiou 


*)  ©er  SRuSbrud  einer  abftracten  Seit  ©.  170  im  ©egenfah  beS  hier  oor* 
m  fommenben  ber  concreten  Seit  ift  ganj  unrichtig  ltitb  muff  billig  niemals,  bor* 
nefjmlid)  wo  eS  auf  bie  größte  logifcpe  Spänftlidjleit  anfommt,  augelaffen  »erben, 
menn  biefer  SRifjbrauch  gleich  felbft  burd;  bie  neueren  Cogifer  authorifirt  worben, 
gjtan  abftrahirt  nicht  einen  begriff  als  gemeinfameS  SRerfmal,  fonbern  man  ab* 
ftrahirt  in  bem  ©e  brauche  eineS  Segrip  oon  ber  SSerfd)iebenb)eit  beSjenigen,  maS 
20  unter  ihm  enthalten  ift.  2>ie  ©hemifer  finb  allein  im  Sefih,  etwas  au  abftrahiren, 
menn  fie  eine  glüffigfeit  oon  anberen  Materien  auSheben,  um  fie  befonberS  ju 
haben;  ber  abftrahirt  oon  bemienigen,  morauf  er  in  einem  gemiffen  ©e* 

brauäje  beS  Segrip  nid;t  SRüdfidp  nehmen  will.  2Ber  ©rjiehungSregeln  entwerfen 
miß,  fann  eS  thun  fo,  bah  er  entweber  bloS  ben  SSegriff  eines  3tinbeS  in  abstracto, 
25  ober  eines  bürgerlichen  £inbeS  (in  concreto)  jurn  ©runbe  legt,  ohne  oon  bem 
Unterfdjtebe  beS  abftracten  unb  concreten  ttinbeS  30  reben-  ®ie  Unterfc£)iebe  oon 
abftract  unb  concret  gehen  nur  ben  ©ebraucf)  ber  begriffe,  nicht  bie  begriffe  felbft 
an.  ®ie  *8ernad)täffigung  biefer  fdiotaftifchen  5ßünftlid)feit  oerfälfcht  öfters  baS 
Urtheil  über  einen  ©egenftanb.  SBenn  ich  fage:  bie  abftracte  3eit  ober  SJiaum 
30  haben  biefe  ober  jene  ©igenfdjaften,  fo  läfjt  eS,  als  ob  Seit  unb  tRaum  an  ben 
©egenftänben  ber  Sinne,  fo  wie  bie  rotfje  $arbe  an  fRofen,  bem  Sinnober  u.  f.  m. 
juerft  gegeben  unb  nur  logifch  barauS  ejtrahirt  mürben.  Sage  ich  aber:  an  Seit 
unb  fRanrn,  in  abftrado  betrachtet,  b.  i.  oor  alten  empirifdjen  23ebingungen,  finb 
biefe  ober  jene  ©igenfehaften  3U  bemerfen,  fo  behalte  ich  eS  mir  menigftenS  noch 
35  offen,  biefe  aitd)  als  unabhängig  oon  ber  (Srfahrung  (a  priori;  erfennbar  anau* 
fehen  welches  mir,  menn  ich  bie  Seit  als  einen  oon  biefer  bloS  abftrahirten  23e* 
griff  'anfehe,  nicht  frei  fteht.  3<h  fann  im  erfteren  gaHe  oon  ber  reinen  Seit  unb 
fRaume  3unt  ilnterfd)iebe  ber  empirifcf)  beftimmten  burd)  ©runbfähe  a  priori 
urtheilen,  menigftenS  3U  urtheilen  üerfu^en,  inbem  ich  »on  allem  ©mpirifchen  ab* 
•io  ftrahite,  welches  mir  im  ameiten  SaUe,  wenn  ich  biefe  begriffe  felber  (wie  man 


200 


Uber  eine  ©ntbecfung  ic. 


unferer  SSorftelhtngen;  benn  aud)  bie  Succeffion  in  ber  ^Bewegung  läjft  fid) 
auf  bie  Succeffion  ber  SSorfteÜungen  gurücf bringen.  2)ie  concrete  ßeit  ift 
alfo  etwas  SufammengefefcteS,  ihre  einfad^e  Elemente  ftnb  SSorftetlungen. 
®a  aKe  enblidje  fDinge  in  einem  beftänbigen  bluffe  ftnb  (woher  weif  er  bie= 
feS  a  priori  tion  alten  enbüchen  Gingen  unbnid)t  bloS  non  ©rfCheinungen 
ju  fagen?):  fo  Fönnen  biefe  Elemente  nie  entpf  unben  werben,  ber  innere 
«Sinn  tarnt  fte  nie  abgefonbert  empftnben;  fte  werben  immer  mit  etwas 
empfunben,  baS  nortjerge^t  unb  naChfoIgt.  3)a  ferner  ber  $luh  ber  Sßer= 
änberungen  alter  enblidjen  2)inge  ein  ftetiger  (biefeS  Sßort  ift  non  itjm 
felbft  angeftridjen),  ununterbrochener  $lufc  ift:  fo  ift  fein  empfinbbarer 
£f)eit  ber  Seit  ber  fteinfte,  ober  ein  tiöflig  einfacher.  3)ie  einfachen 
Elemente  ber  concreten  ßeit  liegen  alfo  tiöllig  außerhalb  ber  ©pt)äre  ber 
Sinnlid)feit.  —  Über  biefe  «Sphäre  ber  Sinnlichfeit  erhebt  ftd)  nun  aber 
ber  SSerftanb,  inbem  er  baS  unbilblid)e  ©infache  entbecft,  ohne  welches 
baS  SSitb  ber  Sinnlichfeit  auCh  in  Slnfepung  ber  Seit  nicht  möglich  ift. 
©r  erfennt  alfo,  baff  ju  beut  33ilbe  ber  Seit  ptiorberft  etwas  £)bfectioeS 
gehöre,  biefe  unheilbaren  ©lementaroorftetlungen,  welche  zugleich  mit  ben 
fubjectioen  ©ritnben,  bie  in  ben  Schranfen  beS  enbliChen  ©eifieö  liegen, 
für  bie  SinnliChfeit  baS  33ilb  ber  concreten  Seit  geben.  £>enn  tiermöge 
biefer  SChrattfen  fönnen  biefe  SSorftetlungen  nicht  ^gleich  fein,  unb  oer* 
möge  eben  biefer  Schranfen  fönnen  fte  in  bent  S3ilbe  nicht  unterfchieben 
werben."  Seite  171  heifet  eS  tiom  kannte:  „S)te  tiielfeitige  ©leichartig* 
Feit  ber  anberen  ftorm  ber  8fafdjauung,  beS  fRaumS,  mit  ber  3eit  über* 
hebt  uns  ber  2Rithe,  tion  ber  3erglieberung  berfelben  alles  baS  gu  wieber* 
holen,  was  fie  mit  ber  Serglieberung  ber  3eit  gemein  hat,  —  bie  erften 
©temente  beS  Sufammengefepten,  mit  welchem  ber  Staum  zugleich  ba  ift, 
ftttb  eben  fo  wohl,  wie  bie  ©lemente  ber  Seit  einfach  unb  aufer  bent  ©e= 
biete  ber  Sinnlichfeit;  fte  ftnb  SSerftanbeSwefen,  unbilblich,  fie  fönnen 
unter  feiner  ftnnliChen  $orm  angefchauet  werben;  fie  ftnb  aber  bem  unge* 
achtet  wahre  ©egenftänbe;  baS  2lQeS  haben  fte  mit  ben  ©lementen  ber 
Seit  gemein." 

£err  ©bewarb  hat  feine  SSeweife,  wenn  gleich  nicht  mit  befonberS 
glücflicher  logifdjen  Sünbigfeit,  bod)  allemal  mit  reifer  Überlegung  unb 

fagt)  nur  tion  ber  ©rfahrung  abftraljtrt  habe  (wie  int  obigen  SBeifpiele  tion  ber 
rothen  garbe),  oerwehrt  ift.  —  So  tnüffen  fidh  bie,  welche  mit  ihrem  @<heinmiffen 
ber  genauen  Prüfung  gern  entgehen  wollen,  hinter  SluSbrütfe  oerftecfen,  welche  baS 
Grinfchleichen  beffetben  unbemerft  machen  fönnen 


;  s 

io 

15 

20 

25 

30 

35 


Grrfter  Hbfönitt. 


201 


©ewanbtheit  ju  feiner  2lbftd)t  gemäht,  unb  wiewohl  er  aus  Ietd)t  ju  er= 
ratljenben  Urfacben  biefe  eben  nict)t  entbecft,  fo  ift  eS  bocb  nicpt  fcpteer 
unb  für  bie  23eurtheilung  berfelben  nict)t  überfiüfjig,  ben  ^3lan  berfelben 
ans  Siebt  ju  bringen.  (Sr  teilt  bie  objectioe  Realität  beS  Begriffs  non  ein= 
5  fachen  2Befen,  als  reiner  23erftanbeSteefen,  beteeifen  unb  fließt  fte  in  ben 
(Slementen  beSjenigen,  was  ©egenftanb  ber  Sinne  ift;  ein  bem  SXn= 
feben  nad)  unüberlegter  unb  feiner  2lbfid)t  teiberfpredjenber  Slnfchlag. 
Allein  er  batte  feine  gute  ©rünbe  baju.  £ätte  er  feinen  ^Beweis  allge= 
mein  aus  bloßen  Gegriffen  führen  wollen,  teie  gewöhnlicher  SSBeife  ber 
10  Sab  beteiefen  teirb,  bah  bie  Urgrünbe  beS  3ufömmengefet3ten  notbteenbig 
imtSinfachen  gefugt  teerben  müffen,  fo  würbe  man  ibm  biefeS  eingeräumt, 
aber  zugleich  hinjugefept  haben:  bah  biefeS  jtear  üon  unferen  2;been,  teenn 
teir  uns  Oinge  an  ftd)  felbft  benfen  wollen,  t»on  benen  teir  aber  nicht  bie 
minbefte  ^enntnib  befommett  fönnen,  feineSteegeS  aber  non  ©egenftän* 
is  ben  ber  Sinne  (ben  (Srfcpeinungen)  gelte,  weld)e  allein  bie  für  uns  erfenn» 
baren  Objecte  finb,  mithin  bie  objectioe  Realität  jenes  Begriffs  gar  nicht 
beteiefen  fei.  (Sr  muhte  alfo  felbft  teiber  SBiUen  jene  33erftanbeSteefen 
in  ©egenftänben  ber  Sinne  fuchen.  2Bie  war  ba  nun  herauS^ufommen? 
(Sr  muhte  bem  begriffe  beS  5ftichtftnnlid)en  burd)  eine  SBenbung,  bie  er 
20  ben  Sefer  nicht  recht  merfen  lä^t,  eine  anbere  SSebeutung  geben  als  bie, 
teelcr>e  nicht  allein  bie^ritif,  fonbern  überhaupt  jebermann  bamit  ju  Der* 
binben  pflegt.  33alb  heiht  eS,  eS  fei  baSjenige  an  ber  finnlichen  23or= 
fteüung,  teaS  nicht  mehr  mit  SSeteuhtfein  empfunben  teirb,  teooon  aber 
hoch  ber  SSerftanb  erfennt,  bah  eS  bafei,  fo  teie  bie  fleinen  Ol)eile  ber 
24  Körper,  ober  auch  ber  SSeftimmungen  unfereS  SBorfteÜungSüermögenS,  bie 
man  abgefonbert  ftd)  nicht  flar  »orfteUt:  halb  aber  (bauptfächlid)  teenn  eS 
barauf  anfommt,  bah  jene  Heine  Steile  präciS  als  einfach  gebacht  werben 
foüen),  eS  fei  baS  Unbilbtiche,  teoüon  fein  SSitb  möglich  ift,  teaS  unter  fei= 
ner  ftnnlicpen  $orm  S.  171  (nämlich  einem  Sßilbe)  oorgeftetlt  teerben 
30  fann.  —  2Benn  jemals  einem  Scpriftfteller  SSerfälfchung  eines  ^Begriffs 
(nicht  23erraechfelung,  bie  auch  untoorfe^lich  fein  fann)  mit  lRed)t  ift  oor= 
geworfen  worben,  fo  ift  eS  in  biefem  fSaüe.  3)enn  unter  bem  5ftid)tfintt= 
liehen  teirb  aßertoärtS  in  berÄntif  nur  baS  oerftanben,  waSgar  nicht,  auch 
nicht  bem  minbeften  Oheüe  nach,  in  einer  finnlichen  Slnfcpauung  enthalten 
35  fein  fann,  unb  eS  ift  eine  abfichtlicpe  Serücfung  beS  ungeübten  SeferS, 
ihm  etwas  am  Sinnenobjecte  bafür  unterschieben,  weil  ftch  öon  ihm 
fein  SSilb  (worunter  eine  ^Infchauung,  bie  ein  Mannigfaltiges  in  getoiffen 


202 


Über  eine  (Sntbecfuna  ic. 


«Berhältniffen,  mithin  eine  ©eftalt  in  fid)  enthält,  oerftanben  mirb)  geben 
Iaht.  £at  biefe  (nidf)t  feljr  feine)  2äu[d)ung  bei  ihm  angefd)lagen,  fo 
glaubt  er,  baS  ©igentlid)s©infache,  maS  ber  iBerftanb  fid)  an  Singen  benft, 
bie  bloS  in  ber  3bee  angetroffen  merben,  fei  ihm  nun  (ohne  bah  er  ben 
Söiberfprud)  bemerk)  an  ©egenftänben  ber  ©inne  getniefen  unb  fo  bie 
ßbjectiüe  Realität  biefeS  «Begriffs  an  einer  Slnfhauung  bargethan  morben. 
--  Sefjt  wollen  wir  ben  SSemeiS  in  ausführlichere  Prüfung  §iet)en. 

Ser  SßemeiS  grünbet  fid)  auf  jmei  Angaben:  erftlich,  bah  bie  con= 
crete  3eit  unb  tÄaum  aus  einfachen  (Elementen  beftehen:  jmeitenS,  bah 
biefe  ©lemente  gleidjmo^l  nichts  ©innlid)eS,  fonbern  SßerftanbeSmefen 
fxnb.  Siefe  Angaben  finb  jugleid)  eben  fo  okl  Unrid)tigfeiten,  bie  erfte, 
meil  fie  ber  «D?atl)ematif,  bie  jmeite,  weil  fte  ftd)  felbft  wiberfpric^t. 

SöaS  bie  erfte  lXnrid)tigfeit  betrifft,  fo  fönnen  mir  babei  furj  fein. 
Gbgleid)  -fperr  ©berharb  mit  ben  «Btathematifern  Cungead^tet  feiner  öfteren 
Anführung  berfelben)  in  feiner  fonberlichen SSefanntfchaft  ju  fielen  fcheint, 
fo  mirb  er  hoch  mohl  ben  «BemeiS,  ben  -Keil  in  feiner  introductio  in  veram 
physicam  burd)  bie  blo^e  Surd)fhneibung  einer  geraben  Sink  non  un= 
enblid)  oielen  anbern  führt,  üerftänblid)  ftnben  unb  barauS  erfehen:  bah 
eS  feine  einfache  ©temente  berfelben  geben  fönne  nach  bem  blohen  ©runb= 
fape  ber  ©eometrie:  bah  burd)  jmei  gegebene  fünfte  nicht  mehr  als  eine 
gerabe  Sink  gehen  fönne.  Siefe  SßemeiSart  fann  noch  auf  oielfad)e  2lrt 
nariirt  merben  unb  begreift  zugleich  ben  33emeiS  ber  Unmöglichfeit  eht= 
fache  $heile  in  ber  Seit  anjunehmen,  menn  man  bie  23emegung  eines 
«PunftS  in  einer  Sink  gum  ©runbe  legt.  —  3tun  fann  man  hier  nicht  bie 
SluSfluht  fuhen,  bie  concrete  ßeit  unb  ber  concrete  3taum  fei  bemfenigen 
nid)*  untermorfen,  maS  bie  «Dtatf)ematif  oon  ihrem  abftracten  9?aume  (unb 
Seit)  als  einem  SBefen  ber  ©inbilbung  bemeifet.  Senn  nicht  allein  bah 
auf  biefe  2lrt  bie  «ßh^P  in  fehr  oielen  $äüen  (8-  ©•  in  ben  ©efe^en  beS 
gaUeS  ber  -Körper)  beforgt  merben  mühte  in  3>rrtl)um  ju  geraden,  menn 
fte  ben  apobiftifdjen  Sehren  ber  ©eometrie  genau  folgt,  fo  leiht  fid)  eben 
fo  apobiftifh  bemeifen,  bah  ein  jebeS  Sing  im  SRaume,  eine  febe  2Ser= 
anberung  in  ber  ßeit,  fo  halb  fte  einen  Sheü  &eS  Raumes  ober  ber  Seit 
einnehmen,  grabe  in  fo  oiel  Singe  unb  in  fo  üiel  SBeränberungen  geteilt 
merben,  als  in  bie  ber  ÜRaurn  ober  bie  Seit,  meld)e  fte  einnahmen,  getheilt 
merben.  Um  auh  baS  «paraboye  ju  heben,  melheS  man  hiebei  fühlt  (in= 
bem  bie  Vernunft,  melhe  allem  ßnfnmmengefehten  julept  baS  ©infahe 
jum  ©runbe  ^u  legen  bebarf,  ftef)  baher  bem,  maS  bie  fütathematif  an  ber 


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25 

30 

35 


©rfter  Slbfdjnttt. 


203 


ftnnlicpen  Slnfcpauung  betoeifet,  roiberfe^t),  farm  unb  mujj  man  einräumen, 
bap  0fiaum  unb  ßeit  blope  ©ebanfenbinge  unb  SBefen  ber  ©inbilbungS* 
traft  ftnb,  niept  meltpe  burcp  bie  leptere  gebietet  merben,  fonbern  melcpe 
fte  aflen  iprett  ßufamtnenfepungen  unb  ©icptungen  jum  ©runbe  legen 
5  tnup,  meil  fte  bie  mefentlicpe  $ornt  nuferer  Sinnlicpfeit  unb  ber  D^ecepti= 
oität  ber  Slnftpauungen  ftnb,  baburcp  uns  überhaupt  ©egenftänbe  ge= 
geben  merben,  unb  bereit  allgemeine  33ebingungen  notpmettbig  gugleid) 
23ebingungen  a  priori  ber  3Rögli<pfeit  aller  £>bfecte  ber  «Sinne  als  ©r= 
fcpeinungen  fein  unb  mit  biefen  alfo  übereinftimmen  muffen.  £>aS  ©in» 
10  facpe  alfo  in  ber  ßeüfolge  mie  im  fftaum  ift  fc^>lect)terbing§  unntöglicp, 
unb  menn  ßeibnig  gumeilen  fiep  fo  auSgebrücft  pat,  bap  man  feine  ßepre 
üon  einfachen  Sßefen  bismeilen  fo  auSlegen  tonnte,  als  ob  er  bie  9Jiaterie 
barauS  gufammengefept  miffen  moüte,  fo  ift  eS  billiger,  ipn,  fo  lange  eS 
mit  feinen  StuSbrücfen  oereinbar  ift,  fo  gu  oerftepen,  als  ob  er  unter  beni 
iS  ©infamen  niept  einen  ST^eil  ber  Materie,  fonbern  ben  gang  über  alles 
Sinnliche  pinauSltegenben  uns  üöUig  unerfettnbaren  ©runb  ber  ©r= 
Meinung,  bie  mir  Materie  nennen,  meine  (meiner  allenfalls  auep  ein  ein» 
fad^eS  SBefen  fein  mag,  menn  bie  Materie,  melcpe  bie  ©rfd)einung  aus» 
mad)t,  ein  ßufammengefepteS  ift),  ober,  läfet  eS  ft  cp  barnit  niept  oereinigen, 
20  man  felbft  oon  ßeibnigenS  2luSfprucpe  abgepen  müffe.  £>enn  er  ift  niept  ber 
erfte,  mirb  auep  niept  ber  lepte  grope  9J?ann  fein,  ber  pep  biefe  ^reipeit 
anberer  im  Unterfucpen  gefallen  taffen  mup. 

2)ie  gmeite  Unricptigfeit  betrifft  einen  fo  offenbaren  SBiberfprucp, 
bap  £err  ©berparb  ipn  notpmenbig  bemerft  pabeu  mup,  aber  ipn  fo  gut, 
25  mie  er  tonnte,  oertlebt  unb  übertünept  pat,  um  ipn  umnerflicp  gumaepen: 
nämlicp  bap  baS  ©ange  einer  empirifepeu  SInfcpauung  innerpalb,  bie  ein= 
faepen  ©lemente  berfelben  Slnfcpauung  aber  üöüig  auperpalb  ber  Sppäre 
ber  Sinnlicpfeit  liegen,  ©r  miß  nämlicp  niept,  bap  man  baS  ©infaepe  als 
©runb  gu  ben  Slnfcpauungen  int3ftaume  unb  ber  ßeit ptngu  oernünftele 
so  (moburep  er  ftep  ber  Äritif  gu  fepr  genäpert  paben  mürbe),  fonbern  an  ben 
©lementaroorftellungen  ber  ftnnlicpen  Slnftpauung  felbft  (obgmar  optte 
flareS  23emuptfein)  antreffe,  unb  oerlangt,  bap  baS  ßufammengefepte 
aus  benfelben  ein  Sinnenmefen,  bie  Speile  beffelben  aber  feine  ©egen» 
ftänbe  ber  Sinne,  fonbern  SSerftanbSmefen  fein  follen.  „3)en  ©lementen 
so  ber  concreten  ßeit  (unb  fo  aud)  eines  folcpen  Raumes)  feplt  biefeS  9ln» 
fepauenbe  niept"  fagt  er  S.  170;  gleicproopt  „tonnen  fte  (S.  171)  unter 
feiner  ftnnlicpen  $orm  angefepauet  merben." 


204 


Uber  eine  ©ntbedmtg  ic. 


^uerft,  was  bewegte  cperrn  ©bewarb  p  einer  folgen  feltfamen  unb 
al§  ungereimt  in  bie  2lugen  faßenben  äßerwicfelung?  (Sr  fah  fetbft  ein, 
bajj,  ohne  einem  begriffe  eine  correfponbtrenbe  2tnfd)auung  p  geben, 
feine  objectiüe  ^Realität  öößig  unauSgemadjt  fei.  3)a  er  nun  bie  letztere 
gemiffen  SSernunftbegriffen,  wie  b)ier  bem  begriffe  eines  einfad)en  üßkfeuS, 
ftäjern  wollte  unb  jwar  fo,  baff  biefeS  nictjt  etwa  ein  Dbfect  würbe,  non 
bem  (wie  bie  ^ritif  behauptet)  weiter  fd)lect)terbing§  fein  ©rfenntnifj 
möglich  fei,  in  welchem  gaße  jene  Slnfdjauung,  p  beren  Wöglid)feit  jenes 
überfinnlid)e  Dbfect  gebaut  wirb,  für  blofee  ©rfd)einung  gelten  rnüjjte, 
weites  er  ber  Äritif  gleichfalls  nicht  einräumen  wollte,  fo  muhte  er  bie 
fmnliche  2lnfd)auung  aus  Dheilen  pfammenfefcen,  bie  nicht  finnlid)  finb, 
weites  ein  offenbarer  Sötberfpruch  ift*). 

2öie  hilft  ftch  aber  £err  ©bewarb  aus  biefer  Sd)Wierigfett?  2)aS 
Wittel  bap  ift  ein  blofjeS  «Spiel  mit  SBorten,  bie  burch  ihren  ©oppelfinn 
einen  Slugenblicf  Inhalten  foUen.  ©in  nid)t=empfinbbarer  Dheil  ift 
oößig  außerhalb  ber  Sphäre  ber  Sinnlichfeit;  nid)t=empfinbbar  aber  ift, 
wa§  nie  abgefonbert  empfunben  werben  fann,  unb  biefeS  ift  baS  ©infache 
in  Dingen  fowofjl  als  unferen33orftellungen.  DaS  peite  SBort,  welches  auS 
ben  Dheiten  einer  Sinnenoorfteßung  ober  ihres  ©egenftanbeS  S3erftanbeS= 
wefen  machen  foll,  ift  baS  unbilblid)e  ©infache.  SDiefer  SluSbrud  fd)eint 
ihm  am  beften  p  gefallen;  benn  er  braucht  ihn  in  ber  ftolge  am  häuftgften. 
üRicht  euipfinbbar  fein  unb  boh  einen  Dl)eil  üom  ©mpfinbbaren  auS= 
machen,  fhien  ihm  felbft  p  auffaßenb=wiberfpred)enb,  um  babnrd)  ben 
begriff  beS  5dichtfinnlichen  in  bie  ftnnliche  Slnfhauung  p  fpieleu. 

©in  nicht  e tu pfinbbarer  Dl)e^  bebeutet  hier  einen  S£heil  einer  empi= 
rifhen  2lnfd)auung,  b.  i.  beffen  SSorfteßung  man  ftch  nicht  bewufjt  ift. 
«fperr  ©bcrharb  will  mit  ber  Sprache  nicht  heraus ;  benn  hätte  er  bie  letztere 

*)  ®tati  muh  hier  wohl  bemerten,  bah  er  jefct  bie  <SinnXtct)feü  nicht  in  ber 
Hohen  ©er»orrenl)eit  ber  ©orfteUungen  gefegt  haben  »ifl,  fonbern  jugleich  barin, 
bah  eia  Object  ben  ©innen  gegeben  fei  (©.  299),  gerabe  als  ob  er  babnrd)  et»aS 
ju  feinem  ©ortheil  auSgeridjtet  hätte.  @.  170  hatte  er  bie  ©orfteüung  ber  3eit 
jur  (Sinnlichfeit  gerechnet,  weil  ihre  einfache  Steile  »egen  ber  ©thronten  beS  enb» 
liehen  ©eifteS  nicht  unterfchieben  »erben  tonnen  (jene  ©orfteüung  alfo  üemorren 
ift).  Nachher  (@.  299)  »in  er  hoch  biefen  ©egriff  et»aS  enger  mad)en,  bamit  er 
ben  gegrnnbeten  ©imoürfen  ba»iber  aitSroeichen  Ißnne,  unb  fejjt  jene  ©ebingung 
hinju,  bie  ihm  gerabe  bie  naditheiligfte  ift,  roeil  er  einfache  SBefen  als  ©er> 
ftanbeSmefen  bemeifen  »ollte  nnb  fo  in  feine  eigene  ^Behauptung  einen  SBibet« 
fpruch  hineinbringt. 


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(grfter  2lbftä)mtt. 


205 


©rflarung  baoon  gegeben,  fo  würbe  er  jugeftanben  Ijaben,  baff  bet  i^m 
Sinnlichkeit  nichts  anberS  als  ber  ßuftanb  üerworrener  35orfteC(itngen  in 
einem  Mannigfaltigen  ber  Slnfhauung  fei,  melier  [Rüge  ber  Äritif  er  aber 
ausweihen  will.  SBirb  bagegen  baSSBort  etnpftnbbar  in  eigentlicher  SSebeu* 
5  tung  gebraust,  fo  ift  offenbar:  baff,  wenn  fein  einfacher  eines  ©e* 
genftanbeS  ber  «Sinne  etnpftnbbar  ift,  biefer  als  baS  ©att^e  felbft  auch  gar 
nicht  empfunben  werben  fönne,  unb  umgefehrt,  wenn  etwas  ein  ©egen* 
ftanb  ber  Sinne  unb  ber  ©tnpfinbung  ift,  alle  einfache  $heile  eS  eben  fo* 
wohl  fein  muffen,  obgleich  an  ihnen  bie  Klarheit  ber  SSorfteßung  mangeln 
10  mag:  bah  ober  biefe  [Dunkelheit  ber  SheiloorfteHungen  eines  ©an^en,fo 
fern  ber  SSerftanb  nur  einfieht,  bah  he  gleichwohl  in  bemfelben  unb  feiner 
Slnfhauung  enthalten  fein  muffen,  he  nicht  über  bie  Sphäre  ber  Sinn* 
lihfeit  htnauSüerfehen  unb  ju  SSerftanbeSwefeu  mähen  fönne.  Newtons 
fleine  Slätthen,  barauS  bie  $arbetheil<hen  ber  Körper  beftehen,  hat  noch 
15  fein  Mifroffop  entbecfen  fönnen,  fonbern  ber  Serftanb  erfennt  (ober  Oer* 
muthet)  nicht  allein  ihr  [Dafein,  fonbern  auch  bah  he  wirflih  in  unferer 
empirifhen  Slnfhauung,  obzwar  ohne  SSetoufftfein,  oorgefteöt  werben. 
[Darum  fie  aber  für  gar  nih^empfinbbar  unb  nun  weiter  für  SSerftanbeS* 
wefen  auSpgeben,  ift  niemanben  oon  feinen  Anhängern  in  ben  Sinn  ge* 
20  fommen;  nun  ift  aber  jwifhen  fo  fleineit  £he»len  unb  gänzlich  einfahen 
^heilen  weiter  fein  Unterfhieb,  als  in  betn  ©rabe  ber  SSerminberung. 
2tUe  Jheile  müffen  notlfwenbig  ©egenftänbe  ber  Sinne  fein,  wenn  baS 
©anje  es  fein  foU. 

2)ah  aber  oon  einem  einfahen  £f)eile  fein  33 üb  ftattfinbet,  ob  er 
25  jwar  felbft  ein  Sheil  oon  einem  SSilbe,  b.  i.  oon  einer  ftnnlihen  Sin* 
fhauung,  ift,  fann  ihn  nicht  in  bie  Sphäre  beS  Überfinnlicpen  erheben. 
Gcinfahe  SBefen  müffen  aHerbitigS  (wie  bie  Äritif  jeigt)  über  bie  ©renje 
beS  Sinnlichen  erhoben  gebäht  unb  ihrem  [Begriffe  fann  fein  23ilb,  b.  i. 
irgenb  eine  Slnfhauung,  correfponbirenb  gegeben  werben;  aber  alsbautt 
30  fann  man  he  auch  nicht  als  Sheile  jum  Sinnlihen  fahlen.  SBerbeu  fie 
aber  boh  (wiber  alle  33eweife  ber  Mathematik)  ba$u  gezahlt,  fo  folgt 
barauS,  bah  ibjnen  fein  23ilb  correfponbirt,  gar  nicpt,  bah  ihre  SSorfteHung 
etwas  Überftnnlihe§  fei;  benn  fte  ift  einfache  ©ntpfinbung,  mithin 
©lement  ber  Sinnlichkeit,  unb  ber  SSerftanb  hat  fid)  baburh  niht  mehr 
35  über  bie  Sinnlichkeit  erhoben,  als  wenn  er  fte  sufammengefeht  gebäht 
hätte.  [Denn  ber  leptere  [Begriff,  oon  bent  ber  erftere  nur  bie  Negation 
ift,  ift  eben  fowohl  ein  SSerftanbeSbegriff.  Stur  aisbann  hätte  er  ft<h 


206 


Über  eine  (Sntbecfuitg  K. 


über  Me  ©innlicpfeit  erhoben,  wenn  er  baS  ©infacpe  gäitglicp  aus  ber 
ftnnlidjen  Slnfcpauung  unb  ipren  ©egenftänben  oerbannt  unb  mit  ber  inS 
Unenblicpe  gepenben  ütpeilbarfeit  ber  SRaterie  (wie  bie  ^atpematif  ge= 
bietet)  fiep  eine  2luSficpt  in  eine  SBelt  im  kleinen  eröffnet,  eben  aus  ber 
Unjulänglicpfeit  eines  folgen  inneren  ©rflärungSgrunbeS  beS  ftnttlicpen 
3ufamntengefepten  aber  (bem  eS  wegen  beS  gän^licpen  Mangels  beS  ©in¬ 
famen  in  ber  Steilung  an  23ollftänbig?eit  feplt)  auf  ein  folcpeS  auper 
bem  ganzen  $elbe  ber  ftnnlicpen  Slnfcpauung  gefd)loffen  pätte,  welkes 
alfo  nicpt  als  ein  £peil  in  berfelben,  fonbern  als  ber  unS  unbefannte 
bloS  in  ber  (sbee  beftnblicpe  ©runb  ju  berfelben  gebaut  wirb;  wobei  aber 
freilicp  baS  ©eftänbnip,  welkes  £errn  ©bewarb  fo  fcpwer  anfommt,  oon 
biefem  überftnnlicpen  ©infacpen  nic^t  baS  minbefte  ©rfenntnip  paben  ju 
fönnen,  unoermeiblid)  gewefen  wäre. 

3n  ber  £pat  perrfcpt,  um  biefem  ©eftänbniffe  auS^uweicpen,  in  bem 
oorgeblicpen  23eweife  eine  feltfame  ©oppelfpracpe.  £>ie  ©teile,  wo  eS  peipt: 
„$)er$lup  ber  3Seränbentngen  aller  enblicpen  3)inge  ift  ein  ftetiger, 
mtunterbrodjener  $lup  —  tein  empf  inbbarer  £peil  ift  ber  fleinfte,  ober 
ein  üöUig  eittfacper,"  lautet  fo,  als  ob  fie  ber  ÜJtatpematifer  bictirt  patte, 
©leid)  barauf  aber  finb  bod)  in  eben  benfelben  SSeränberungen  einfache 
£peile,  bie  aber  nur  ber  SSerftanb  erfennt,  weil  fie  nicpt  empfinbbar  finb. 
©inb  fie  aber  einmal  barin,  fo  ift  fa  fene  lex  continui  beS  $luffeS  ber 
33eränberungen  falfcp,  unb  fie  gefdpepett  rucfweife,  unb  bap  fie  nid)t, 
wie  £err  ©berparb  ft  dp  fälftpücp  auSbrüdt,  empfunben,  b.  i.  mit  Sewupt* 
fein  waprgenommen  werben,  pebt  bie  fpecififcpe  ©igenfcpaft  berfelben, 
alS$peile  ^ur  biofeen  empirifcpen  ©innenattfdpauung  gu  gep  ör  eit ,  gar  nicpt 
auf.  Sollte  £err  ©berparb  wopl  bon  ber  ©tetigf eit  einen  beftimmten 
SBegriff  paben? 

2Jtit  einem  SBorte:  £Die  -ftritif  patte  bepauptet:  bafe,  opne  einem  33e= 
griffe  bie  correfponbirenbe  SInfcpauung  gu  geben,  feine  obfectioe  Realität 
niemals  erpeüe.  .fperr  ©berparb  wollte  baS  ©egentpeil  beweifen  unb  be= 
jiept  fiep  auf  etwas,  was  jwar  notorifcp  falfdp  ift,  nämlid)  bafe  ber  3Ser= 
ftanb  an  Gingen  als  ©egenftänben  ber  2litfcpauung  in  3eit  unb  3ftaum 
baS  ©infacpe  erfenne,  welcpeS  wir  ipm  aber  einräunten  wollen.  Slber 
aisbann  pat  er  ja  bie  ^orberung  ber  Äritif  nicpt  wiberlegt,  fonbern 
fie  naep  feiner  2trt  erfüllt.  2)enn  jene  oerlangte  ja  niepts  mepr,  als 
bap  bie  obfectioe  Realität  an  ber  Slnfcpauung  bewiefen  würbe,  ba= 
burep  aber  wirb  bem  begriffe  eine  correfponbirenbe  Slnfdpauung  ge= 


ffitfler  3lbfct(nitt.  207 

geben,  toeld)e§  gerabe  bas  xft,  was  fte  forberte  unb  er  wiberlegett 
wollte. 

3üh  Wörbe  mid)  bei  einer  fo  Haren  ©ad)e  nicht  lange  tierweilen,  wenn 
fte  nicht  einen  unwiberfprechlidjen  Beweis  bei  ftd)  führte,  wie  ganj  unb 
5  gar  nicht  .fberr  ©bewarb  ben  ©inn  ber  Äritif  in  ber  Unterfcheibung  beS 
Sinnlichen  unb  !Tiichtftnnlict)en  ber  ©egenftänbe  eingefehen,  ober,  wenn  er 
lieber  wiH,  baff  er  fte  mifcgebeutet  hat. 


C. 

90^etl)obe,  oom  Sinnlichen  gum  üftichtfittn liehen  aufjufteigen, 

10  nact)  ^errrt  Gber^atb. 

Sie  Folgerung  aus  obigen  Beweifen,  oontehmlid)  bem  lederen,  bie 
£err  ©berljarb  gietjt,  ift  262  biefe:  ,,©o  wäre  alfo  bie  Söahrheit,  bah 
diaum  unb  ßeit  zugleich  fubfectiüe  unb  obfectioe  ©rünbe  haben,  —  oöllig 
apobiftifd)  erwiefen.  ©S  wäre  bewiefen,  bah  ihte  lebten  obfectioen 
i5  ©rünbe  Singe  an  ftch  ftnb."  9tun  wirb  ein  feber  Sefer  ber  Äritif  ge= 
ftehen,  bah  biefeS  gerabe  meine  eigene  Behauptungen  ftnb,  §err  ©berljarb 
alfo  mit  feinen  apobiftifchen  Beweifen  (wie  fehr  fte  eS  ftnb,  fann  man  aus 
bem  obigen  erfehen)  nichts  wiber  bie  Äritif  behauptet  habe.  2lber  bah 
biefe  obfectioe  ©rünbe,  nämlich  bie  SDinge  an  ftch,  nicht  im  kannte  unb 
20  ber  Seit  ju  fud)en  ftnb,  fonbern  in  bemfenigen,  was  bie^ritif  baS  auh.er- 
ober  überftnnliche  ©ubftrat  berfelben  (9toumenon)  nennt,  baS  war  meine 
Behauptung,  oon  ber  .perr  ©bewarb  baS  ©egent^eil  beweifen  wollte,  aber 
niemals,  auch  hier  nicht  im  ©chluhrefultate  mit  ber  rechten  Sprache  t)er= 
aus  will. 

25  ©.  258,  Dto.  3  unb  4  fagt  §err  ©bewarb:  „9taum  unb  3eit  haben 

anher  ben  fubjectioen  auch  obfectioe  ©rünbe,  unb  biefe  objectioe ©rünbe 
ftttb  feine  ©rfd)ehtungen,  fonbern  wahre,  erfennbare  Singe";  ©.259:  „^hte 
lebten  ©rünbe  ftnb  Singe  anfid)",  welkes  alles  bie Äritif  buchftäblid) 
unb  wieberholentlich  gleid)faßS  behauptet.  2öie  ging  eS  benn  gu,  bah 
30  £>err  ©berharb,  ber  fonft  fcharf  genug  ju  feinem  Bortl)eil  ftetjt,  für  bieS= 
mal  ihm  *um  9tad)theil  nicht  fah?  2Bir  haben  eS  mit  einem  fünftlid)en 
Bianne  ju  thun,  ber  etwas  nicht  jiefjt,  weil  er  es  nicht  fehen  laffen  will, 
©r  wollte  eigentlich,  bah  ber  Sefer  nicht  fehen  möchte,  bah  feine  obfectioe 


208 


Über  eine  ©ntbecfung  ic. 


©rünbe,  bie  nid)t  ©rfdjeinungen  fein  follen,  fonbern  £>inge  an  fid),  blol 
Steile  (einfache)  ber  ©rfd)einungen  finb:  benn  ba  mürbe  man  bie  Un= 
tauglidfc)feit  einer  folgen  ©rflärunglart  fofort  bemerft  haben.  ©r  bebient 
fid£)  alfo  bei  üffiortl  ©rünbe:  weil  ST^eile  boc^  aud)  ©rünbe  ber  2)?öglid)= 
feit  eines  ßufammengefehteit  finb,  unb  ba  führt  er  mit  ber  $ritif  einerlei 
«Sprache,  nämlict)  non  ben  lebten  ©rftnben,  bie  nid^t  ©rfdjeinungen  finb. 
pätte  er  aber  aufrichtig  non  Steilen  ber  ©rfdjeinungen,  bie  boct)  felbft 
nid)t  ©rfdjeinungen  finb,  non  einem  Sinnlichen,  beffen  Steile  boct)  nidt)t= 
flnnlidh  finb,  gefprodhen,  fo  märe  bie  Ungereimtheit  (felbft  menn  man  bie 
SSorauSfefjung  einfacher  Oheile  einräumte)  in  bie  Slugen  gefallen.  So 
aber  bed't  bal  SBort  ©runb  alles  biefeS;  benn  ber  unbehutfame  Sefer 
glaubt  barunter  etmal  gu  oerftetjen,  mal  non  jenen  Slnfdjauungen  gang 
oerfd)ieben  ift,  mie  bie  Äritif  miß,  unb  überrebet  fid)  ein  Vermögen  ber 
©rfenntnifj  beS  Überfinnlid)en  burch  ben  SSerftanb  felbft  an  ben  ©egen* 
ftänben  ber  Sinne  bemiefen  ju  finben. 

©I  fommt  oornetjmlid)  in  ber  ^Beurteilung  biefer  Oäufdjung  barauf 
an,  bafe  ber  Sefer  fid)  beffen  mol)l  erinnere,  mal  über  bie  ©berf)arb’fd)e 
Oebuction  oon  Otaum  unb  ßeit  unb  fo  auch  ber  Sinnenerfenntnifj  über* 
Ijaupt  non  uni  gefagt  morben.  3Ra<±)  if)m  ift  etmal  nur  fo  lange  Sinnen* 
erfenntnifs  unb  bal  Object  berfelben  ©rfdfjeinung,  all  bie  SSorfteUung 
beffelben  Steile  enthält,  bie  nid^t,  mie  er  fid)  aulbrücft,  empfinbbar  finb, 
b.  i.  in  ber  2lnfd)auung  mit  tßemufjtfein  mahrgenommen  merben.  Sie 
hört  flugS  auf  ftnnlid)  Su  fein,  unb  ber  ©egenftanb  mirb  nid)t  mehr  als 
©rfdjeinung,  fonbern  als  3)ing  an  fich  felbft  erfannt,  mit  einem  2Borte, 
el  ift  nunmehr  bal  üftoumenon,  fo  halb  ber  SSerftanb  bie  erften  ©rünbe 
ber  ©rfd)eiuung,  meldje  nach  tm  biefer  ihre  eigene  Sheile  fein  follen,  ein* 
fieht  unb  entbecft.  ©I  ift  alfo  jmifdjen  einem  £>inge  all  Phänomen  unb 
ber  SßorfteUung  bei  ihm  jum  ©runbe  liegenben  SRoumenl  fein  auberer 
Unterfd)ieb,  all  jmifd)en  einem  Raufen  9J?enfd)en,  bie  id)  in  großer  $erne 
fehe,  unb  eben  bemfelben,  menn  id)  il)m  fo  nahe  bin,  bah  i<h  bie  einzelnen 
wählen  fann;  nur  bah  er  behauptet,  mir  fönnten  ihm  nie  fo  nahe 
fornmen,  melctjel  aber  feinen  ttnterfdjieb  in  ben  Sadhen,  fonbern  nur  in 
bem  ©rabe  unferel  2Bat)rnef)mungloermögenl,  meld^eS  hiebei  ber  Slrt  nad) 
immer  baffelbe  bleibt,  aulmacht.  Sßenn  biefel  mirflid)  ber  Unterfdjieb 
ift,  ben  bie  Äritif  in  ihrer  $ftt)etif  mit  fo  grobem  Slufmanbe  jmifchen  ber 
©rfenntnifj  ber  Söinge  all  ©rfd)einungen  unb  bem  ^Begriffe  oon  ihnen  nach 
bem,  mal  fie  all  2)inge  an  fich  felbft  finb,  macht,  fo  märe  biefe  Unter* 


5 

10 

15 

20 

25 

SO 

35 


©rfter  ?lbfd)nitt. 


209 


fdt)eibung  eine  blofte  Äinberei  gemefen,  unb  felbft  eine  meitlduftige  2Biber= 
legung  berf eiben  mürbe  feinen  befferen  Flamen  oerbienen,  fltun  aber 
jeigt  bie  Äritif  (um  nur  etn  einziges  Seifptel  unter  Dielen  anjufüljren), 
baf)  e§  in  ber  Äörpenoelt,  al§  bem  Inbegriffe  aller  ©egenftättbe  dunerer 
5  Sinne,  jrnar  aüermärt<§  jufammengefetjte  25inge  gebe,  ba§  ©infame  aber 
in  U)r  gar  nicfc)t  angetroffen  merbe.  Bugleid)  aber  bemeifet  fte,  baf$  bie 
SSernunft,  trenn  fie  fid)  ein  BufamtnengefefjteS  au3  Subftanjen,  al§  ®ing 
an  ftd)  (ot)ne  e§  auf  bie  befoubere  23efd)affenf)eit  unferer  Sinne  ^u  be^ 
Sieben),  benft,  e<§  fd)led)terbing§  als  au§  einfachen  Subfianjen  beftefjenb 
10  benfen  müffe.  fftad)  bentjenigen,  ma§  bie  2Infd)auung  ber  ©egenftättbe  im 
fRaume  notfjmenbig  bei  ftd)  füfyrt,  fann  unb  fo(l  bie  Vernunft  fein  ©in= 
fad)e§  benfen,  meines  in  ifjnen  toäre,  morauS  folgt:  baff,  trenn  itnferc 
Sinne  aud)  in§  Unenbltdje  gefd)drft  mürben,  e§  bod)  für  fie  gänjlid)  uu= 
möglich  bleiben  müfjte,  bem  ©tnfad)en  and)  nur  näljer  ju  fotittnen,  riel 
IS  meniger  enblid)  barattf  ju  ftoften,  meil  e§  in  il)nen  gar  nid)t  angctroffeu 
mirb;  ba  aisbann  fein  2lu§mcg  übrig  bleibt,  als  §u  geftef)en:  bag  bie 
Körper  gar  nid)t  ©tuge  an  ftd)  felbft  unb  it)re  Sinnenüorftelluug,  bie 
mir  mit  bem  tarnen  ber  förperlidjen  2)iuge  belegen,  nid)t§  als  bie  ©r--- 
fd)etnung  ron  irgenb  etmaS  fei,  maS  als  2)tng  an  fid)  felbft  allein  bay 
2o  ©infame*)  enthalten  fann,  fitrunS  aber  gänjlid)  unerfennbar  bleibt,  meil 
bie  Slnfdjauung,  unter  ber  eS  uns  allein  gegeben  mirb,  nid)t  feine  ©igeu= 

*)  ein  Object  fiel)  alb  einfad)  üorftellen,  ift  ein  blob  negatioer  Segriff,  ber 
ber  Sernunft  unoermeiblid)  ift,  weil  er  allein  bab  llubebingte  ju  allem  311' 
füinmengefeiden  (alb  einem  Singe,  nid)t  ber  biofeen  gram)  enttjält,  beffen  3)lög= 
,5  lidjfeit  jebergeit  bebingt  ift.  Siefer  »egriff  ift  alfo  fein  erweiterabeb  ©rfenntnife» 
ftücE,  fonbern  begegnet  blo§  ein  ‘Stwab,  fofern  eb  bon  ben  ©innenobjecten  (bie 
ade  eine  ßufammenfetjung  enthalten)  untergeben  werben  foll.  SBenn  ic£)  nun 
fage:  bab,  mab  ber  2Köglid)feit  beb  ßufammengefefeten  jum  ©runbe  liegt,  wab 
alfo  allein  alb  nid)t  gufammengefefet  gebadjt  werben  fann,  ift  bab  Di o innen  (beim 
-  im  Sinnlichen  ift  eb  nic^t  ju  finben),  fo  fage  id)  bamit  nidjt:  eb  liege  bem 
törper  alb  ©rfcfjeinung  ein  Aggregat  bon  fo  Diel  einfadjen  Jßefen  alb  reinen  Sber- 
ftanbeSwefen  jum  ©runbe;  fonbern,  ob  bab  Uberfinnlidje,  wab  jener  ©rfdjemung 
alb  ©ubftrat  unterliegt,  alb  Sing  an  fid)  and)  äufammengefeid  ober  einfad)  fei, 
baoon  fann  niemanb  im  minbeften  etroab  wiffett,  unb  eb  ift  eine  gang  mifeoer* 
3,  ftanbene  SSorfteltung  ber  8et»re  bon  ©egenftfinben  ber  Sinne,  alb  blofeeu  ©r= 
fdjeinutigen,  benen  man  etwab  dticbt-Sinnlicfeeb  unterlegen  raufe,  wenn  man  |id) 
einbilbet  ober  anbern  einaubilben  fuct)t,  tjieburd)  werbe  gemeint,  bab  überfinulidie 
©ubftrat  ber  fOtaterie  werbe  eben  fo  nad)  feinen  fOionaben  getfeeilt,  wie  icf)  bie 
9J?aterie  felbft  tfeeile;  benu  ba  würbe  ja  bie  (Oionab  (bie  nur  bie  Sbee  einer  uid)t 

b'ittOü  (©5  rft  r  t  f  t 11.  SÖetfC.  VIII  W 


210 


Uber  eine  (Sntbedung  ic. 


fchaften,  bie  ihm  für  fid)  felbft  jufommen,  fonbern  nur  bie  fubjectioen  33e= 
binguttgen  ltnferer  ©innlid)feit  an  bie  fpanb  giebt,  unter  benen  mir  allein 
non  ihnen  eine  anfd)aulid)e  SSorftellung  erhalten  fönnen.  —  9Rad)  ber 
Äritif  ift  alfo  aUeS  in  einer  ©rfdjeinung  felbft  mieberum  ©rfdjeinung,  fo 
weit  ber  SSerftanb  fie  immer  in  ihre  5Tt)eile  auflöfen  unb  bie  2Birflid)feit 
ber  Steile,  ju  bereu  flarer  2Baf)rnelfmung  bie  ©inne  nid)t  mehr  zulangen, 
bemeifen  mag;  nad)  fberrn  ©berfjarb  aber  hören  fie  aisbann  fo'fort  auf 
@rfd)einungen  zu  fein  unb  finb  bie  @ad)e  felbft. 

Sßeil  eS  bem  Sefer  Dielleicht  unglaublich  oorfommen  möchte,  bah 
§err  ©berharb  eine  fo  hcmbgreiflid)e  ÜRiffbeutung  beS  Begriffs  Dom 
Sinnlichen,  ben  bie  Äritif,  welche  er  mibertegen  wollte,  gegeben  hat,  wiU= 
fürüd)  begangen,  ober  felbft  einen  fo  fdjalen  unb  in  ber  üftetaphhfif 
gänzlich  zwecflofen  ^Begriff  oom  ltuterfd)iebe  ber  ©innenwefen  Don  S5er= 
ftanbeSwefen,  als  bie  blohe  logifdje  $orm  ber  ißorftellungSart  ift,  aufge= 
(teilt  haben  foUte:  fo  wollen  wir  il)u  über  ba§,  wag  er  meint,  fid)  felbft 
erflären  taffen. 

fftad)bem  ftch  nämlich  cperr  ©berharb  ©.  271—272  Diel  unnöthige 
5Rüf)e  gegeben  hat,  §u  beweifen,  woran  niemand  fe  gejweifelt  hat,  unb 
nebenbei  wie  natürlich  ftch  auch  öerwunbert,  bah  fo  etwas  oom  fritifd)en 
^bealiSm  hat  überfehen  werben  fönnen,  bah  bie  obfectioe  Realität  eines 
^Begriffs,  bie  im  (Sinzeinen  nur  an  ©egenftänben  ber  Erfahrung  bewiefen 
werben  fann,  hoch  unftreitig  aud)  im  Allgemeinen,  b.  i.  überhaupt  Don 
2)iugen,  erweislid)  unb  ein  folcher  SSegriff  nicht  ohne  irgend  eine  obfectioe 
^Realität  fei  (wiewohl  ber  ©d)luh  falfd)  ift,  bah  biefe  DRealität  dadurch 
auch  für  ^Begriffe  oon  Gingen,  bie  nid)t  ©egenftanb  ber  Erfahrung  fein 
fönneu,  bewiefen  werbe),  fo  fährt  er  fo  fort:  ,,3d)  muh  hier  ein  23eifpiel 
gebrauchen,  oon  beffen  paffender  Anwenbbarfeit  wir  uns  erft  weiter  unten 
werben  überzeugen  fönnen.  Sie  ©innen  unb  bie  (SinbilbungSfraft  beS 
2J?enfd)en  in  feinem  gegenwärtigen  Buftanbe  fönnen  fid)  oon  einem 
Saufenbecf  feingenaues  33ilb  machen;  b.i.  ein  SSilb,  woburd)  fie  eS  z-3S- 
Don  einem  3teunhunbert=Unb^eun=llnb=5Reunzigec£  unterfd)eiben  fönnten. 
Allein  fo  bald  ich  tueih,  bah  eine  $igur  ein  Saufeubecf  ift:  fo  fann  mein 
Skrftanb  ihr  Derfchiebene  ißräbicate  beilegen  u.  f.  w.  2Bie  läjjt  eS  fid)  alfo 
beweifen,  bah  der  23erftanb  oon  einem  £>inge  an  f  ich  deswegen  gar  nid)tS 


s 

10 

15 

20 

25 

30 


nueberum  bebingten  SSebingung  beS  ,3iifamttiengefe|ten  ift)  in  ben  9taum  oerfeljt,  35 
tno  fie  auftjört  ein  fftouinen  31t  fein  unb  luiebevunt  felbft  3ufammengefei)t  ift. 


©rfter  9lbfcf)nitt. 


211 


ttieber  bejahen,  nod)  Derneinen  fönne,  weil  ftd^  bie  ©tnbilbungSfraft  fein 
23ilb  Don  bemfelben  mähen  fann,  ober  weil  mir  nicht  aße  bie  23eftimniungen 
fennen,  bie  zu  feiner  Snbioibualität  geboren?"  Sn  ber  Solge,  nämlid) 
291 — 292,  erflärt  er  fid)  über  ben  XXnlerfdjieb,  ben  bie  $ritif  jwifd)en 
5  ber  ©imtlihfeitin  logifher  unb  intranSfcenbentaler  Sßebentung  macht,  fo: 
„3Me@egenftänbe  beS23erftanbeSfinb  unbil bliebe,  ber  ©innlihfeitbim 
gegen  bilblict)e  ©egenftänbe"  unb  führt  nun  aus  Seibnijen *) ein  23eifpiel 
Don  ber  ©wigfeit,  Don  ber  wir  uns  fein  23ilb,  aber  wobl  eine  23erftanbeS= 
ibee  machen  fönnen,  zugleich  aber  auch  baS  Dom  obgebad)ten  ©biligone 
io  an,  Don  welchem  er  fagt:  ,,©)te  ©inne  unb  bie  ©inbilbungSfraftbeS  2lien= 
fhen  fönnen  fid)  in  feinem  gegenwärtigen  ßuftanbe  fein  genaues 
23ilb,  woburh  fte  es  Don  einem  9ieunbunbert=3teun=Unb=ßteunjigecf  unter* 
fheiben,  mähen." 

5ftun,  einen  fläreren  SßeweiS,  ih  tüiü  nid)t  fagen,  Don  wißfürtiher 
15  fDtifjbeutung  ber  Äritif,  benn  um  baburd)  zu  täufhen,  ift  fte  bei  weitem 
nid)t  fhetnbar  genug,  fonbern  einer  gänzlichen  Unfunbe  ber  Srage,  worauf 
eS  anfommt,  fann  man  nid)t  Derlangen,  als  ben  bier-fperr  ©bewarb  giebt. 
©in  Sünfecf  ift  nah  ihm  noh  ein  ©innenwefen,  aber  ein  SLaufenbecf 
fhon  ein  blofjeS  SSerftanbeSwefen,  etwas  9tiht*@innliheS  (ober  wie  er 
20  fth  auSbrücft,  UnbübliheS).  Sh  befolge,  ein  9teunecf  werbe  fd)on  über 
bem  halben  SBege  Dom  ©innlihen  zum  Überftmtlihen  binauSliegen;  benn 
wenn  man  bie  ©eiten  niht  mit  Ringern  nahsäblt,  fann  man  fhwerlid) 
burh  bloßes  Überfeben  bie  ßaljl  berfelben  beftimmen.  £>ie  $rage  war: 
ob  wir  Don  bem,  welchem  feine  correfponbirenbe  Slnfhauung  gegeben 
25  werben  fann,  ein  ©rfenntnifj  ju  befommen  hoffen  fönnen.  2)aS  würbe 
Don  ber  Äritif  in  Slnfebung  beffen,  was  fein  ©egenftanb  ber  ©inne  fein 
fann,  Derneint:  weil  wir  zu  ber  obfectioen  ßtealität  beS  SßegriffS  immer 
einer  Slnfhauung  bebürfen,  bie  unfrtge  aber,  felbft  bie  in  ber  5CRatbe= 


*)  ©er  Sefer  wirb  gut  tbun,  nicht  fofort  adeS,  waS  |>err  (Sberharb  aus! 
so  Seibn^enS  Sehre  folgert,  auf  biefeS  feine  9ted)uung  31t  fchreiben.  öeibniä  wollte 
ben  ©mpiriSm  beS  Socfe  roiberlegen.  ©iefer  Stbficht  waren  bergleichen  23eifpiete, 
als  bie  mathematifchen  finb,  gar  wohl  angemeffen,  um  31t  beweifen,  bah  bie 
lederen  ©rfenntniffe  oiel  weiter  reichen,  als  empirifch-erworbene  begriffe  leiften 
fbnnen,  unb  baburd)  ben  Urfprung  ber  erfteren  a  priori  gegen  SotfeS  Singriffe  311 
35  pertheibigen.  ©ah  bie  ©egenftänbe  baburch  aufhören  blohe  Objecte  ber  finnlidjeu 
Slnfchauung  3U  fein  unb  eine  anbere  Slrt  SBefen  als  3um  ©ruube  liegenb  Porauö- 
fehen,  fonnte  ihm  gar  nicht  in  bie  ©ebanfen  fomrnen  311  behaupten. 

14* 


212 


Itter  eine  (äntbecfmii)  ic. 


matif  gegebene  nur  finnlidt)  ift.  £err  ©bewarb  bejaht  bagegen  biefe 
$rage  unb  führt  unglücflid)ermeife  —  ben  9J?atf)ematifer,  ber  alles  febcr= 
geitin  ber5Änfd)auungbemonftrirt,an,alSob  btefer,  otjne feinem SSegriffe  eine 
genau  correfponbirenbe  2tnfd)auung  in  ber  (äinbilbnngSfraft  gu  geben, 
ben  ©egenftanb  beffelben  burd)  ben  tßerftanb  gar  mol)l  mit  «ergebenen 
i|3rabicaten  belegen  unb  if)n  alfo  aud)  ot)ne  jene  23ebingung  erfennen 
tonne.  üffienn  nun  2lrd)imebeS  ein  Sed)S=Unb  =  Neun gigeef  um  ben 
Gürtel  unb  aud)  ein  bergleid)eS  in  bemfelben  befd)rieb,um,  baf$  unb  mie  Diel 
ber  Gürtel  Heiner  fei  als  baS  erfte  unb  größer  als  baS  gmeite,  gu  bemeifen: 
legte  er  ba  feinem  begriffe  Don  beut  genannten  regulären  33ielecf  eine 
2lnfd)auung  unter,  ober  nid)t?  ©r  legte  [re  unDermeiblid)  gum  ©runbe, 
aber  nid)t  inbent  er  baffelbe  toirflid)  geiebnete  (meld)eS  ein  unnötf)ige§  unb 
ungereimtes  Slnftnnen  märe),  fonbern  inbem  er  bie  0Regel  ber  ©onftruc= 
tion  feines  Begriffs,  mithin  fein  Vermögen,  bie  ©röfce  beffelben  fo  nal)e 
ber  beS  Objects  felbft,  als  er  motlte,  gu  beftimmen  unb  alfo  biefeS  bem 
SSegriffe  gernäfj  in  ber  2Infd)auung  gu  geben,  fannte  unb  fo  bie  Realität 
ber  Negel  felbft  unb  tjiemit  aud)  biefeS  Begriffs  für  ben  ©ebraud)  ber 
GünbilbungSfraft  bemieS.  £ätte  man  ihm  aufgegeben  auSguftnben,  mie 
aus  N?onabeti  ein  ©angeS  gufammengefejjt  fein  tonne :  fo  mürbe  er,  meil 
er  muffte,  bafj  er  bergleid)en  SSernunftmefen  nid^t  im  Naurne  gu  fuä)en 
bjabe,  geftanben  haben,  bafe  man  baoon  gar  nid)tS  gu  fagen  Dermoge,  meil 
es  überfinnlid)e  SBefen  ftnb,  bie  nur  in  ©ebanfen,  niemals  aber  als  folc^e 
in  ber  2lnfd)auitng  Dortommen  tonnen.  —  tperr  ©bewarb  aber  miü  bie 
lefjtern,  fo  fern  fte  nur  entmeber  für  ben  ©rab  ber  Sdjärfe  unferer  Sinne 
gu  flein,  ober  bie  3Sielf)eit  berfelben  in  einer  gegebenen  anfd)aulid)en  3Sor= 
fteÜung  für  ben  bermaligen  ©rab  ber  GünbilbungSfraft  unb  fein  $affungS= 
Dermögen  gu  grofe  ift,  für  nid)tfinnlid)e  ©egenftänbe  gehalten  miffen, 
Don  benen  mir  DieleS  foüen  burd)  ben  SSerftanb  erfennen  tonnen;  mobei 
mir  il)n  benn  auch  laffeti  moüen:  meil  ein  foldjer  ©egriff  Dom  Nid)tfinn= 
lieben  mit  bem,  meldtjen  bie  Äritif  baoon  giebt,  nichts  9(l)nlid)eS  bat  unb, 
ba  er  fcf)on  im  StuSbrucfe  einen  Söiberfprud)  bei  fid)  fütjrt,  mol)l  fd)merlicb 
Nachfolger  haben  mirb. 

2Ran  ftetjt  aus  bem  bisherigen  beutlicb:  £err  ©bewarb  fuebt  ben 
Stoff  gu  aller  ©rfenntnijä  in  ben  Sinnen,  moran  er  aud)  nid)t  Uured)t 
tl)ut.  ©r  miU  aber  bod)  aud)  biefen  Stoff  gutn  ©rfenntnifg  beS  Überftnn= 
lid)en  oerarbeiten.  gur  23rüde,  bahin  herüber  gu  fornmen,  bient  ihm  ber 
Sab  beS  gureid)enben  ©runbeS,  ben  er  nid)t  allein  in  feiner  unbefebränfteu 


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Grrfter  2Xbfd>nitt. 


213 


Allgemeinheit  annimmt,  mo  er  aber  eine  gang  anbere  Art  ber  Unter* 
fd)eibung  beS  Sinnlichen  nom  gnteHectueüen  erforbert,  als  er  mohl  ein* 
räumen  miU,  fonbern  aud)  feiner  gönnet  nach  üorfid)tig  üom  Sa^e  ber 
©aufalität  unterfcheibet,  meil  er  fid)  baburd)  in  feiner  eigenen  Abficht  im 
5  Wege  fein  mürbe*).  Aber  eS  ift  mit  biefer  Srücfe  nicht  genug;  benit  am 
fenfeitigen  Ufer  !ann  man  mit  feinen  Materialien  ber  ©inneSüorfteHung 
bauen.  !Jhtn  bebient  er  fid)  biefer  grnar,  meil  eS  ihm  (wie  jebem  Menfchen) 
an  anberen  mangelt;  aberbaS©infad)e,  maSer  oorljer  alS^heit  ber  ©innen* 
oorftetlung  aufgefunben  gu  haben  glaubt,  mäfcht  unb  reinigt  er  baburd) 
10  öonbiefemMafel,bafj  ereSin  bie  Materie  hineinbemonftrirt  gu  haben 
fid)  berühmt,  ba  eS  in  ber  ©innenoorftettung  burd)  blofee  Wahrnehmung 
nie  märe  aufgefunben  morben.  9Run  ift  aber  hoch  biefe  fßartialöorftettung 
(baS  ©infache)  einmal  in  ber  Materie,  als  ©egenftanbe  ber  ©inne,  feinem 
Sßorgeben  nach  ttürfltd);  unb  ba  bleibt  jener  Oemonftration  unbefdjabet 
15  immer  ber  Heine  ©crupel,  mie  man  einem  [Begriffe,  ben  man  nur  an  einem 
©innengegenftanbe  bemiefen  hat,  feine  Realität  fid)ern  foU,  menn  er  ein 
Wefen  bebeuten  foll,  baS  gar  fein  ©egenftanb  ber  ©inne  (auch  nicht  ein 
homogener  eines  folgen)  fein  fann.  Oenn  es  ift  einmal  ungemif),  ob, 
menn  man  bem  ©infachen  alle  bie  @igenfd)aften  nimmt,  moburch  eS  ein 
20  2hetl  ber  Materie  fein  fann,  überhaupt  irgenb  etmaS  übrig  bleibe,  maS  ein 
mögliches  Otng  heilen  fönne.  folglich  hätte  er  burci)  jene  Oemonftration 
bie  objectioe  [Realität  beS  ©infachen,  als  &heil3  ber  Materie,  mithin  als 
eines  tebiglid)  gur  ©innenanfd)auung  unb  einer  an  fid)  möglichen  @r= 
fahrung  gehörigen  Objects,  feineSroegeS  aber  als  für  einen  jeben  ©egen* 

25  *)  ©er  ©ab:  Sitte  ©inge  tjaben  tE)ren  ©runb,  ober  mit  anberen  Worten, 

alles  ejiftirt  nur  als  golge,  b.  i.  abtjängtg  feiner  SBeftimmung  na  cf)  bon  etmaS 
anberem,  gilt  ohne  SluSnabme  bon  alten  ©ingen  atS  ©rfcbeinungen  im  Sttaume  unb 
ßeit,  aber  feineSmegeS  bon  ©ingen  an  fid)  felbft,  um  berenmitten  iperr  ©bewarb  bem 
©a^e  eigentlich  jene  Stilgemeinheit  gegeben  batte.  3b»  aber  als  ©runbfah  ber  Saufa» 
30  lität  fo  allgemein  auSjubrüden:  SllteS  ©jiftirenbe  bat  eine  Urfacbe,  b.  i.  ejiftirt  nur  als 
Wirfung,  märe  nod)  roeniger  in  feinen  ^ram  tauglich  gemefen:  roeit  er  eben  borbatte, 
bie  Diealität  beS  23egrip  bon  einem  Urmefen  31t  beroeifen,  meldp  meiter  bon  feiner 
Urfacbe  abhängig  ift.  ©0  fiebt  man  fid)  genötigt  fid)  hinter  SluSbrüden  31t  berbergen, 
bie  fid)  nad)  belieben  brehen  taffen;  mie  er  benn  @.  259  baS  Wort  ©runb  fo 
35  braudbt,  bafi  man  oerteitet  roirb  31t  glauben,  er  habe  etmaä  bon  ben  ©mpftnbungen 
Unterfä)tebeneS  im  ©inne,  ba  er  hoch  für  bieSmat  btoS  bie  ©heÜempfinbungen 
berfteht,  meldje  man  im  logifdjen  *8etrad)t  auch  mofjl  ©rünbe  ber  Wögticf)feit  eines 
®an3en  311  nennen  pflegt. 


214 


Uber  eine  ©ntbetfung  ic. 


[taub,  felbft  ben  überftnttlidjen  aufter  betreiben  bemiefen,  welches  bod)  ge* 
rnbe  ba§  mar,  mornad)  gefragt  mürbe. 

3n  allem,  ma§  nun  non  @.  263— B06  folgt  unb  $ur  SSeftcitigung  be§ 
Obigen  bienen  foü,  ift  nun,  mie  man  leid)t  norauSfeljen  !ann,  nichts 
auberS  als  SSerbretping  ber  ©ätje  ber  ßritif,  nornefjmlid)  aber  9D?if5= 
beutung  unb  33ermed)felung  logifdjer  ©äpe,  bie  bloS  bie  $orm  beS 
OenfenS  (ofjne  irgenb  einen  ©egenftanb  in  23etrad)tung  j}u  gieren)  be= 
treffen,  mit  tranSfcenbentalen  (meiere  bie  Strt,  mie  ber  SSerftanb  jene 
ganj  rein,  unb  ol)ne  eine  anbere  Duelle  als  ftd)  felbft  ju  bebürfen,  gur 
(Srfenntnife  berSingea  priori  braucht)  anjutreffen.  3«  ber  erften  gehört 
unter  nielen  anberen  bie  Überfepung  ber  ©djlüffe  in  ber  Äritif  in  eine 
foüogiftifäe  $orm  @.  270.  (Sr  fagt,  id)  fd)löffe  jo:  „Stile  SSorfteüungen, 
bie  feine  ©rfdjetnungen  ftnb,  ftnb  leer  non  formen  fmnltdjer  Stnfcfyauung 
(ein  unfdt)icflidt)er  SluSbrucf,  ber  nirgenb  in  ber  Äritif  norfommt,  aber 
fielen  bleiben  mag).  — Stile  23orfteüungen  non  2)ingen  an  ftd)  ftnb  23or* 
fteüungen,  bie  feine  (Srfdjeinungen  ftnb  (and)  biefeS  ift  miber  ben  ®e= 
braud)  ber  Äritif  auSgebrüdt,  ba  eS  Reifet:  fte  ftnb  SSorfteüungen  non 
Oingen,  bie  feine  (5rfd)einungen  ftnb).  —  Stlfo  ftnb  fte  fd)led)terbingS 
leer."  £ier  ftnb  nier  -jpauptbegriffe  unb  id)  Tratte,  mie  er  fagt,  fdjliefjen 
muffen:  „Stlfo  ftnb  biefe  SSorftellungen  teer  non  ben  formen  ber  ftnn= 
liefen  Stnfdjauung." 

Sinn  ift  baS  teuere  mirflid)  ber  ©djliifefatj,  ben  man  allein  au§  ber 
^ritif  jiefjen  fann,  unb  ben  erfteren  tjat  £err  (Sberljarb  nur  f)tnjugebid)tet. 
Stber  nun  folgen  nad)  ber  Äritif  folgenbe  (SpifpüogiSmen  barauf,  burd) 
meld)e  am  (Snbe  bod)  jener  ©djlujjfajj  IjerauSfomntt.  Stamlid):  33or= 
fteüungen,  bie  non  ben  formen  finnlid)er  Stnfd)auung  leer  ftnb,  ftnb  leer 
non  aüer  Stnfdjauung  (benn  aüe  ttnfere  Stnfd)auung  ift  ftnnlid)).  —  Stun 
ftnb  bie  SSorfteüungen  non  SMttgen  an  ftd)  leer  non  u.  f.  m.  —  Stlfo  ftnb 
fte  leer  non  aüer  Slnfdjauung.  Unb  enblid) :  SSorfteüungen,  bie  non  aüer 
Stnfd)auung  leer  finb  (benen  als  Gegriffen  feine  correfponbirenbe  Stn= 
fdjauung  gegeben  merbett  fann),  finb  fd)led)terbtngS  leer  (of)ne  (Srfenntnifj 
ifyreS  Objects).—  Stun  ftnb  SSorfteüungen  non  ©tilgen,  bie  feine  ©rfdjei» 
nungen  ftnb,  non  aüer  Stnfcpauung  leer.  —  Stlfo  finb  fte  (an  (Srfenntnif?) 
fd^led)terbing§  leer. 

SBaS  foü  man  t)ier  an  -fpernt  ©bewarb  bejmeifeln:  bie  (Stnftdjt  ober 
bie  Stufridjtigfeit? 


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©rfter  Slbfdjnitt. 


215 


23on  feiner  gctnglidjen  (Benennung  beS  wahren  ©inneS  ber  Kritif 
unb  oon  ber  ©runblofigfeit  beffen,  maS  er  an  bie  ©teile  beffelben  gunt 
33eJ)uf  eines  befferen  ©pftemS  fepen  gu  fönnen  oorgiebt,  fönnen  t)ier 
nur  einige  (Beläge  gegeben  rnerben;  benn  felbft  ber  entfct)loffenfte  Streit* 
5  genoffe  beS  §errn  ©berfjarbö  mürbe  über  ber  Arbeit  ermüben,  bie  Momente 
feiner  ©inmenbungen  unb  ©egenbepauptungen  in  einen  mit  ftd)  felbft 
ftimmenben  ßufammenpang  gu  bringen. 

9tad)bem  er  6.  275  gefragt  f)at:  „2Ber  (maS)  giebt  ber  ©innlicpfeit 
ifjren  Stoff,  nämlid)  bie  ©mpfinbungen?"  fo  glaubt  er  toiber  bie  Kritif 
io  abgefprodjengu  f)aben,inbem  er  ©.276  fagt:  „3öir  mögen  mäl)len,meld)eS 
mir  mollen  —  fo  fommen  mir  auf  (Dinge  an  fid)."  (Ruit  ift  ja  bas  eben 
biebeftänbige(BeI)auptungberKritif;nur  baff  fie  btefen@runb  beSStoffeS 
ftnnlidjer  (Borfteüungen  nid^t  felbft  mieberutn  in  Gingen,  als  ©egen* 
ftänben  ber  Sinne,  fonbern  in  etmaS  Überfinnlidjem  fept,  maS  jenen  gum 
iö  ©ruttbe  liegt  unb  mooon  mir  fein  ©rfenntnifj  fjaben  fönnen.  Sie  fagt: 
(Die  ©egenftänbe  als  (Dinge  an  fid)  geben  ben  ©toff  gu  empirifcpen  An* 
fdjauungen  (fie  enthalten  ben  ©runb,  baS  (BorfteUungSoermögen  feiner 
©innlicpfeit  getnäfj  gu  beftimmen),  aber  fie  finb  nid)t  ber  ©toff  berfelben. 
©leid)  barauf  mirb  gefragt,  mie  ber  (Berftanb  nun  jenen  ©toff  (er 
20  mag  gegeben  fein,  mof)er  er  moHe)  bearbeite.  (Die  Kritif  bemieS  in  ber 
tranSfcenbentalen  Sogif:  bafj  biefeS  burd)  ©ubfumtion  ber  ftnnlicpen 
(reinen  ober  empirifcpen)  Anfcpauungen  unter  bie  Kategorien  gefcpepe, 
meldje  begriffe  oon  (Dingen  überhaupt  gänglid)  im  reinen  Berftanbe 
a  priori  gegrünbet  fein  müffen.  dagegen  becft  £>err  ©bewarb  ©.  276—279 
25  fein  ©pftern  auf,  baburd)  bafj  er  fagt:  „2Sir  fönneu  feine  allgemeine 
(Begriffe  paben,  bie  mir  nid)t  oon  ben  (Dingen,  bie  mir  burd)  bie  ©innen 
mafjrgenommen,  ober  oon  benett,  beren  mir  uns  in  unferer  eigenen  Seele 
bemujjt  fhtb,abgegogen  f)aben,"  melcpe  Abfonbentng  oon  bem  ©ingelnen 
er  bann  in  bemfelben  Abfape  genau  beftimmt.  (DiefeS  ift  ber  erfte  ActuS 
so  beS  (BerftanbeS.  (Der  gmeite  befielt  @.  279  barin:  bafj  er  aus  jenem 
fublimirten  Stoffe  mieberum  (Begriffe  gufammenfept.  (Bermütelft  ber  Ab* 
ftraction  gelangte  alfo  ber  (Berftanb  (oon  ben  (Bestellungen  ber  Sinne) 
bis  gu  ben  Kategorien,  unb  nun  fteigt  er  oon  ba  unb  ben  mefentlidjen 
(Stücfen  ber  (Dinge  gu  ben  Attributen  berfelben.  @o,  l)eifjt  eS  @.  278, 
35  „erhalt  alfo  ber  (Berftanb  mit  ^)ütfe  ber  Vernunft  neue  gufammengefepte 
Begriffe;  fo  mie  er  felbft  burcp  bie  Abftraction  gu  immer  allgemeineren 


216 


Über  eine  ©ntbecfung  ic. 


uttb  einfacheren  Ijinauffteißt,  Bis  ju  ben  Gegriffen  be§  Möglichen 
unb  ©egrüttbeten"  u.  f.  m. 

©iefe§  .ipinauffieigen  (menn  nämlich  ba§  ein  §inauffteigen  tjeifeen 
fann,  ma<§  nur  ein  2Xb(trat)iren  non  bem  @nipirifd)en  in  beut  (Erfahrung^* 
gebrauche  be§  3ßerftanbe§  ift,  ba  bann  ba§  SnteÜectuefle,  ma§  mir  felbft  nad)  & 
ber  3Raturbefd)affent)eit  unfereg  25erftanbe§  Dörfer  a  priori  hineingelegt 
haben,  nämlich  bie  Kategorie,  übrig  bleibt)  ift  nur  logifdj,  nämlich  ju 
allgemeineren  Regeln,  beren  ©ebraud)  aber  nur  immer  innerhalb  bem  Um= 
fange  möglicher  (Erfahrung  bleibt,  meil  non  bem  SSerftanbedgebraud)  in  ber= 
felben  fette  fftegeln  eben  ab[tral)irt  ftnb,  mo  ben  Kategorien  eine  correfpom  10 
birenbe  finnlictje  2lnfd)auung  gegeben  tnirb.  —  gum  mähren  realen  £in* 
auffteigen,  nämlich  ju  einer  anberen  ©attung  Sßefen,  al§  überhaupt  ben 
©innen,  felbft  ben  tioüfommenften,  gegeben  merben  fönnen,  mürbe  eine  an= 
bere  2trt  oon  2lnfd)auung,  bie  mir  inteflectuell  genannt  haben  (meil,  mag 
jutn  (Erfenntnifc  gehört  unb  nicht  finnlid)  ift,  feinen  anberen  Namen  unb  is 
Sebeutung  haben  fann),  erforbert  merben,  bei  ber  mir  aber  ber  Kategorien 
nicht  allein  nicht  mehr  bebürften,  fottbern  bie  aud)  bei  einer  fotchen  SSe* 
fdhaffenheit  be§  SSerftanbeS  fd)led)terbingg  feinen  ©ebraud)  haben  mürben. 
2ßer  ung  nur  einen  folchen  anfd)auenben  SSerftanb  eingeben,  ober,  liegt 
er  etma  oerborgenermeife  in  ung,  ihn  ung  fennen  lehren  möchte?  20 

2lber  hieju  meifj  nun^err  (Eberharb  auch  Natt).  2)enn  „e§  giebt  nach) 
@.280—281  auch  2ln fd) au ungen,  bie  nid) t  finnlid)  f i n b , (aber  auch 
nicht  Slnfchaunngen  beg  33erftanbeg)  —  eine  anbere  2fnfd)auung  alg  bie 
ftnnliche  in  Naum  unbßeit".  —  „SDie  erften  (Elemente  ber  concreten  3eit 
unb  bie  erften  (Elemente  beg  concreten  Naumg  ftnb  feine  (Erfd)einungett  25 
(Objecte  ftnnlidjer  Slnfchauung)  mehr."  2Ufo  ftnb  fte  bie  mähren  <£)inge, 
bie  3Dinge  an  fid).  ©iefe  nichtamtliche  2lnfd)auung  unterfdjeibet  er  oon 
ber  ftnultchen  ©.  299  baburd),  bah  fie  btejenige  fei,  in  meld)er  etmag 
„burch  bie@ittnen  unbeutlid)  ober oermorren norgeftelltmirb", unb  ben 
SSerftanb  raitl  er  @.  295  burd)  ba§  „Vermögen  beutlid)er  (Erfenntnif)"  30 
befinirt  haben.  —  Sllfo  befteht  ber  Unterfd)ieb  feiner  nid)t>ftnnlid)en  2ln* 
fchauung  oon  ber  ftnnlidjen  baritt,  baff  bie  einfachen  Steile  int  concreten 
Naunte  unb  berßeitin  ber  fittnlichen  oermorren,  in  ber  nid)t=ftnnlid)en  aber 
beutlid)  üorgefteUt  merben.  Natürlicher  SBeife  mirb  auf  biefe  2Irt  bie 
^orberung  ber  Kritif  in  2lbftd)t  auf  bie  obfectioe  Realität  beg  23egriffg  35 
oon  einfachen  SBefen  erfüllt,  ittbem  ihm  eine  correfponbirenbe  (nur  nicht 
ftnnliche)  3lnfd)auung  gegeben  mirb. 


Grftev  Slbfdjnitt. 


217 


£)aS  mar  nun  ein ^inauffteigen,  um  befto  tiefer  gu  fallen.  55enn 
maren  jene  einfache  SBefen  in  bic  2lnfä)auung  felbft  hinein  öernünftelt,  fo 
maren  ifjre  33orftetlungen,  al§  in  ber  empirifcfyen  Slnfchauung  enthaltene 
37l)eile,  bemiefen,  unb  bie  2lufd)auutig  blieb  auch  &ei  ihnen,  ma§  fie  in 
5  Slnfeljung  be§  ©äugen  mar,  nämlich  finnlich-  3)a§  SSemujjtfein  einer 
SSorfteltung  macht  feinen  Unterfchieb  in  ber  fpectftfdjen  SSefchaffenheit 
berfelben;  benn  e§  fann  mit  allen  SSorfteUungen  berbunben  rnerben.  £)a§ 
SSemufätfein  einer  empirifcpen  Slnfcpauung  heifet  SBahrnehmung.  SDajj  alfo 
jene  norgebli^e  einfache  Steile  nicht  mahrgenommen  rnerben,  macht 
10  nicht  benminbeftenllnterfchieb  non  ihrer  SSefdfaffenljeit  als  finnlictjer  21n= 
fchanungen,  um  etma,  menn  unfere  «Sinne  gefchärft,gugleich  auch  bie  ©in* 
bilbungSfraft,  ba§  Mannigfaltige  ihrer  Slnfcpauung  mit  33emuf5tfein  auf* 
guf affen,  noch  fofehr  ermeitert  mürbe,  an  ihnen  üermoge  ber  £)eutlid)!eit*) 


*)  (Denn  eS  giebt  aud)  eine  ©eutlichf  eit  in  ber  Slnfdjauung,  alfo  aud)  ber 
15  S3orfteHung  beS  ©inaelnen,  nicht  bloS  ber  (Dinge  im  (allgemeinen  (S.  295),  welche 
afthetifd)  genannt  werben  fann,  bietwnber  Io  gif  dien,  burd)  (Begriffe,  gana  unter« 
fchieben  ift  (fo  wie  bie,  wenn  ein  neubolläubifdjer  SBilber  juerft  ein  .IpauS  ju 
fef)en  befäme  unb  ihm  nahe  genug  wäre,  um  alle  $heile  beffelben  au  unterfd)eiben, 
ohne  hoch  ben  minbeften  (Begriff  baöon  an  hoben),  aber  freilich  in  einem  togifdjen 
20  £>anbbuch  nicht  enthalten  fein  fann;  weswegen  eS  aud)  gar  nicht  auläffig  ift,  ftatt 
ber  (Definition  ber  Kritif,  ba  (Berftanb  als  (Bermögen  ber  ©rfenntnijj  burd) 
(Begriffe  erflärt  wirb,  wie  er  oerlangt,  baS  (Bermögen  beuttid)er  ©rfenntnifj  an 
biefem  (Behuf  anaunehmen.  (Bornehmlich  aber  ift  bie  erftere  ©rftärung  barum  bie 
eingige  angemeffene,  weil  ber  (Berftanb  baburch  aud)  als  tranSfcenbentaleS  (Bermögen 
25  urfprünglich  auS  ihm  allein  entfpringenber  (Begriffe  (ber  Kategorien)  beaeichnet 
wirb,  ba  bie  aroeite  hingegen  bloS  baS  logifdje  (Bermögen,  allenfalls  and)  ben 
(BorfteHungen  ber  Sinne  (Deutlichfeit  unb  Sttlgemeinheit  burd)  blofje  flare  (Bor« 
fteflung  unb  Stbfonberung  ihrer  (Uierfmate  au  berfdjaffen,  angeigt-  ©S  ift  aber 
£errn  ©bewarb  baran  fefjr  gelegen,  ben  wichtigen  fritifdjen  Unterfud)ungcn 
30  baburch  auSauweicheu,  baf)  er  feinen  (Definitionen  aweibeutige  (Dterfmale  unterlegt. 
(Dahin  gehört  auch  ber  SluSbrud  (S.  295  unb  anberwärtS)  einer  ©rfenntnifj  ber 
allgemeinen  (Dinge;  ein  gana  oerwerflicher  fcholaftifcher  SluSbrud,  ber  ben  Streit 
ber  9tominaIiften  unb  Sftealiften  wieber  erwecfen  fann,  unb  ber,  ob  er  a^ar  in 
manchen  metaphhftfd)en  Gompenbien  fteht,  hoch  fd)ted)terbingS  nicht  in  bie  (DranS« 
35  fcenbentalphilofophie,  fonbern  lebigtich  in  bie  Sogif  gehört,  inbem  er  feinen  Unter« 
fdfieb  in  ber  (Besoffenheit  ber  (Dinge,  fonbern  nur  beS  ©ebraudjS  ber  (Begriffe, 
ob  fie  im  Stilgemeinen  ober  aufS  ©inaelne  angewanbt  werben,  anaeigt.  Snbeffen 
bient  biefer  StuSbrucf  hoch  neben  betn  beS  Unb  Üblichen,  um  ben  Sefer  einen  Slugen« 
blicf  hinauhotten,  als  ob  baburch  eine  befoubere  Slrt  oon  Objecten,  a-  23.  bie  ein« 
40  fachen  ©temente  gebacht  würben. 


218 


Über  eine  Sntbeofung  ic. 


biefer  33orfteÜung  etwas  9tid)tftnnlid)eS  maferjunefemen.  —  £iebei  toirb 
öieUeid)t bem  Sefer einfaUen, gu  fragen:  warum,  wenn  #err  ©bewarb  nun 
einmal  beim  ©rfeeben  über  bieSpfecire  ber  Sinnlid)!eit(S.  169)  ift,  er  bocf) 
benSlttSbrucf  beS  9tid)tftnnlidjen  immer  brauet  unb  nicf)t  oielme^r  ben  beS 
Überfinnlidjen.  Mein  baS  gefc^ietjt  aud)  mit  gutem  23orbebad)t.  Senn 
bei  bem  lederen  mürbe  eSgar  ju  fefer  in  bieSlugen  gefallen  fein,  bafe  er  eS 
nidjt  aus  ber  finnlidjcn  Mfdjauung,  eben  barum  weil  fte  ftnttlidj  ift, 
IjerauSflauben  fonnte.  9Ud)tfinnlidj  aber  bejeidinet  einen  biofeen  Mangel 
(j.  23.  beS  23emufetfeinS  öon  etwas  in  ber  SSorfteUung  eines  ©egenftanbeS 
ber  (Sinne),  unb  ber  ßefer  wirb  eS  nicfet  fofort  inne,  bafe  ifem  baburd)  eine 
SSorfteUung  üon  wirflidjen  ©egenftanben  einer  anberen  2lrt  in  bie  §anb 
gefpielt  werben  füll,  ©ben  fo  ift  eS  mit  bem,  wooon  wir  nacfefeer  reben 
wollen,  bem  MSbrucfe  Mgemeine  Singe  (ftatt  allgemeiner  fßräbicate  ber 
Singe),  bewanbt,  woburd)  ber  ßefer  glaubt  eine  befonbere  ©attung  üon 
2öefen  oerftefeen  ju  müffen, ober  bem  üluSbrucfe  nidjt=ibentifd)er  (ftatt 
fpntfeetifcfeer)  Urtfeeile.  ©S  gefeört  oiel  Äunft  in  ber  2Baljl  unbeftimmter 
MSbrütfe  baju,  um  üirmfeligfeiten  bem  ßefer  für  bebeutenbe  Singe  ju 
oerfaufen. 

SBenn  alfo  fperr  ©berfearb  ben  ßeibni3ifd)=2Bolffifd)en  SSegriff  ber 
Sinnlicfefeit  ber  Mfcfeanung  red)t  aufgelegt  feat:  bafe  fte  bloS  in  ber  3Ser= 
worrenfeeit  beS  Mannigfaltigen  ber  SSorfteHungen  in  berfelben  beftefee,  in* 
beffen  bafe  biefe  bod)  bie  Singe  an  ftd)  felbft  üorfteßen,  beren  beutlid)eS 
©rfenntnife  aber  auf  bem  SSerftanbe  (ber  bie  einfachen  Sfeeile  in  jener 
Slitfcfeauung  erfennt)  berufee,  fo  feat  ja  bie  Äritif  jener  ffßljilofopljie  nid)tS 
angebidjtet  unb  fälfdjlid)  aufgebürbet,  unb  eS  bleibt  nur  nod)  übrig  auS* 
jumacfeen,  ob  fte  attd)  SRed)t  feabe,  $u  fagen:  biefer  Stanbpunft,  ben  bie 
lefetere  genommen  feat,  um  bie  Sinnlicfefeit  (als  ein  befonbereS  Vermögen 
ber  9teceptiüität)  ju  d)ara!teriftren,  fei  unrichtig*),  ©r  beftätigt  bie 
SKid)tigfeit  biefer  ber  Seibnijifdjen  fßfeilofopfete  in  ber  j?riti!  beigelegten 
23ebeutung  beS  33egriffS  ber  @innlid)feit  S.  303  baburd) :  bafe  er  ben 

*)  &err  Gfbertjarb  fdjilt  unb  ereifert  fidj  and)  auf  eine  beluftigenbe  Slrt  298 
über  bie  Sermeffentjeit  eineö  foldjen  Sabels  (bem  er  obenein  einen  falfdjen  SluS» 
brud  unterfdjiebt).  SBenn  eä  femanben  eiufiele  ben  Gicero  311  tabein,  bafe  er 
nicfet  gut  Catein  gef djrieben  feabe:  fo  mürbe  irgenb  ein  (ScioppiuS  (ein  belannter 
grammatifcfeer  (Siferer)  ifen  jiemlid)  unfanft,  aber  bod)  mit  Stedjt  in  feine 
©djranfen  meifen;  benn  roaS  gut  Cat  ein  fei,  fönnen  mir  nur  auS  bem  (Sicero 
(unb  feinen  geitgenoffen)  lernen.  SBenn  jemanb  aber  einen  gefeler  in  Sßlato’3 
ober  Ceibnigenö  ißfeitofopfeie  anjutreffen  glaubte,  fo  märe  ber  Gsifer  barüber,  bafe 


s 

io 

15 

20 

25 

30 

35 


(Srfter  2lbf<hnitt. 


219 


fubjectiöen  ©rutib  ber  ©rfdjeinungen  als  öermorrener  SSorfMungen  im 
Unoermögen  fe|t,  aCe  SJierfmale  (SnjeilöorfteHungen  ber  (Sinnenan= 
fdjauung)  jn  unterbleiben,  unb  inbem  er  @.  377  bie  Äritif  tnbelt,  bah 
fie  biejen  nid)t  angegeben  habe,  fagt  er:  er  beftefje  in  ben  @d)ranfen  beS 
5  (SubjectS.  Sah  aufjer  biefen  fubjectioen  ©rünben  ber  logifd)en$orm  ber 
2lnfd)auung  bie©rfdjeinungen  aud)  objectioe  haben,  behauptet  bie  Äritif 
fetbft,  unb  barin  mirb  fie  Seibnijen  nicht  miberftreiten.  Slber  bah,  toenn 
biefe  objectioe  ©rünbe  (bie  einfachen  ©lemente)  als  2f)eile  in  ben  ©r= 
fd)einungen  felbft  liegen  unb  bloS  ber23ermorrenl)eit  rnegen  nüfjt  alsfolcpe 
io  mahrgenommen,  fonbern  nur  l)ineinbemonftrirt  merben  tonnen,  fie  finn* 
lidje  unb  bod)  nid)t  bloS  finnlidje,  fonbern  um  ber  leptern  Urfad)e  millen  aud) 
inteüectueUe  2lnfd)auungen  tjei^en  foHen,  baS  ift  ein  offenbarer  2öiber= 
fprudj,  unb  fofann  SeibnigenS  begriff  oon  ber  @innlid)feit  unb  ben  ©r= 
Meinungen  nicht  aufgelegt  merben,  unb  £err  ©bewarb  hat  entmeber  eine 
15  ganj  unrichtige  Auslegung  oon  beffen Meinung  gegeben,  ober  biefe  mufe  ol)ne 
SSebenfen  oermorfen  »erben.  ©ins  oon  beiben:  ©ntmeber  bie  2tnfd)auung 
ift  bem  Objecte  nach  gang  inteUectueH,  b.  i.  mir  flauen  bie  Singe  an,  mie 
fie  an  fid)  finb,  unb  aisbann  befteht  bie  @innlichfeit  lebiglid)  in  ber  2ßer= 
morrenheit,  bie  oon  einer  folgen  oielbefaffenben  Stnfdjauung  ungertrenm 
20  lieh  ift :  ober  fie  ift  nid)t  intellectueH,  mir  üerftehen  barunter  nur  bie  Slrt, 
mie  mir  oon  einem  an  fid)  felbft  uns  ganj  unbefannten  Object  afficirt 
merben,  unb  ba  befteht  bie  @innlid)feü  fo  gar  nicht  in  ber23ermorrenljeit, 
bah  oielmehr  ihre  2lnfdjauung  immerhin  auch  ben  haften  ©rab  ber 
Oeutlichfeit  haben  möchte  unb,  mofern  in  ihr  einfache  Sheile  fteefen,  fid) 
25  auch  auf  biefer  ihre  flare  Unterfd)eibung  erftreefen  tonnte,  bennod)  aber  nicht 
im  fUünbeften  etmaS  mehr  als  blofte  ©rfetjeinung  enthalten  mürbe.  SSeibeS 
jufammen  fann  in  einem  unb  bemfelben  ^Begriffe  ber  @innlid)feit  nid)t 
gebadjt  merben.  Sllfo  bie  ©innlidjfeit,  mie  .fperr  ©berharb  Setbnijen  ben 
Sßegriff  berfelben  beilegt,  unterfcheibet  fid)  oon  ber  33erftanbeSerfenntnih 
30  entmeber  bloS  burch  bie  logifdje  $orm  (bie  23ermorrenf)eit),  inbeffen  bah 
fie  bem  Snljalte  nach  lauter  SSerftanbeSüorfteltungen  oon  Singen  an  ftch 
enthält,  ober  fie  unterfcheibet  fid)  oon  biefer  aud)  tranSfcenbental,b.  i.  bem 
Urfprung  unb  Inhalte  nact),  inbem  fie  gar  nichts  oon  ber  fBefdjaffenljeit 

fogar  an  Ceifmijen  etmaS  ju  tabein  fein  füllte,  lächerlich-  2>etin  roa3  Phi©' 
3s  fopbiih’rtchttgfei,  fann  unb  muff  feiner  auSßeibnijen  lernen, fonbern  ber5ßrol>h> 
ftein,  ber  bem  einen  fo  nabe  liegt  mie  bem  anberen,  ift  bie  gemeinfchaftliche 
HJtenfchenbernunft,  unb  eS  giebt  feinen  flaffifctjen  Slutor  ber  fßljilofopljie. 


220 


Über  eine  Sntbecfung  ic. 


ber  Objecte  an  fid),  fonbern  bloS  bie  2lrt,  mie  baS  Subjcct  afficirt  mirb, 
enthält,  fte  möd)te  übrigens  jo  bentlid)  fein,  als  jte  raoüte.  3m  legieren 
$aüe  ift  baS  bie  Behauptung  ber  ßritif,  melcper  man  bie  erjtere  Meinung 
nicht  entgegenfepen  fann,  ofjne  bie  <Sinnlict)feit  lebiglid)  in  ber  23er= 
morrenljeit  ber  Borfteüungen  jn  fepen,  meld)e  bie  gegebene  2tnjd)auuug  * 
enthält. 

fDRan  lann  ben  unenbliä)en  itnterjd)ieb  gmijchen  ber  Oljeorie  ber 
Sinnlichfeit,  als  einer  bejonberen  2Xn jdjauungSart,  meldje  ihre  a  priori 
nad)  allgemeinen  ißrincipien  bejtimmbare  $orm  hat,  unb  berjenigen, 
meldje  biefe  Hnfchauung  als  bloS  empirifche  Slpprehenfion  ber  2)inge  an  w 
ftd)  fetbft  annimmt,  bie  fid)  nur  burd)  bie  Unbeutlidjfeit  ber  Borfteltung 
non  einer  inteHectueden  2tnfd)auung  (als  finnlicpe  Slnfchauung)  auS= 
jeicpne,  nicht  beffer  barlegen,  als  eS  £err  (Sberharb  miber  jeinen  SBiüen 
ttjut.  2luS  bem  Unoermßgen,  berOhnmad)t  unb  ben  Sdjranfen  ber 
BorfteHungSfraft (lauter 21  uSbrücfe,  bereu  fid)  £err  ©berljarb  jelbft  bebient)  15 
fann  man  nämlich  feine  ©rmeiterungen  beS  ©rfenntniffeS,  feine  pofttiüe 
Beftimmungen  ber  Objecte  herleiten.  OaS  gegebene  ijßrincip  muh  jelbjt 
etrr»aS  ^jßofitiöeS  jein,  meld)eS  ju  foldjen  Sähen  baS  Subftrat  auSmad)t, 
aber  freilici)  nur  bloS  fubjectio  unb  nur  in  jo  fern  tmn  Objecten  gültig,  als 
biefe  nur  für  ©rjdjeinuugen  gelten.  2öenn  mir  ^errn  ©berharb  jeine  ein.  20 
jache  Oheile  ber  ©egenftänbe  jinnlid)er  8lnjd)auung  jdjenfen  unb  jugeben, 
bafe  er  ihre  Berbinbitng  nach  jeinem  Sat^e  beS  ©runbeS  auf  bie  bejte  2trt, 
mie  er  fann,  öerftänblid)  mache,  mie  unb  burcpmelcpe  Schlüffe  miU  er  nun 
bie  BorfteHung  beS  DRaumS:  bah  er  als  üoüftänbiger  9Raum  brei  2lb= 
meffuugen  habe,  imgleichen  bon  feinen  breierlei  ©rennen,  baoon  ^mei  felbft  25 
nod)  [Räume,  ber  britte,  nämlich  ber  ißunft,  bie  ©renje  aller  ©renje  ift, 
auS  feinen  Begriffen  non  2Jionaben  unb  ber  Berbinbung  berjelben  burd) 
flräjte  herauSbefommen?  Ober  in  Slnfeljung  ber  Objecte  beS  inneren 
Sinnes,  mie  miU  er  bie  biefem  jum  ©runbe  liegenbe  Bebingung,  bie  Seit, 
als  ©rohe,  aber  nur  oon  einerSlbmeffung,  unb  als  ftetige  ©rohe  (jo  mie  30 
aud)  ber  [Raum  ift)  auS  feinen  einfachen  Oheilen,  bie  feiner  Meinung 
nad)  ber  Sinn  jmar,  nur  nicht  abgejonbert  mahrnimmt,  ber  Berftanb  ba= 
gegen  pinjubenft,  herauSüernünfteln  unb  auS  ben  Scpranfen,  ber  Unbeut» 
lichfeit,  unb  mithin  btohen  Mängeln  ein  jo  pofitioeS  ©rfenntnih,  meld)eS 
bie  Bebingungen  ber  fid)  unter  allen  am  meiften  a  priori  ermeiternben  35 
SBiffenfcpaftcn  (©eometrie  unb  allgemeine  iRaturlepre)  enthält,  herleiten? 

©r  muh  alle  biefe  ©igenfdjaften  für  faljch  unb  bloS  htnjugebichtet  an= 


©rfter  Slbfdjnitt. 


221 


nehmen  (mie  fie  benn  aud)  jenen  einfachen  feilen,  bie  er  annimmt,  ge= 
rabe  miberfprecpen),  ober  er  mnfe  bte  objectioe  Realität  berfelbett  nicht 
in  ben  Singen  an  ftd),  fonbern  in  ihnen  als  ©rfdjeinungen  fud)en,  b.  i. 
inbent  er  bte  $ornt  ihrer  Sorftedung  (als  Objecten  ber  ftnnlid)en  5ln= 
r  fchauung)  im  ©ubjecte  unb  in  ber  Üfeceptioität  beffelbett  fud)t,  einer  un= 
mittelbaren  SSorfteXXung  gegebener  ©egenftänbe  empfänglich  ju  fein, 
meld)e  $orm  nun  a  priori  (aud)  beoor  bie  ©egenftänbe  gegeben  ftnb)  bie 
Möglid)feit  eines  mannigfaltigen  ©rfenntniffeS  ber  Sebingungen,  unter 
benen  adein  ben  ©innen  Objecte  oorfommen  tonnen,  begreiflich  macht. 
10  cpiemit  t>ergleid)e  man  nun,  maS  .jperr  ©berfjarb  377  fagt:  „2BaS 
ber  fubjectioe  ©runb  bei  ben  ©rfcbeinungett  fei,  hat  .Sperr  nicht  be= 
ftimmt.  —  ©S  ftnb  bie  ©chranfett  beS  ©ubjectS"  (baS  ift  nun  feine  Se= 
ftinttnung).  Man  lefe  unb  urteile. 

Ob  ich  „unter  ber  fp-ortn  ber  ftnnlidpen  2lnfd)auung  bie  ©cpranfen 
15  ber  ©rfenntniffraft  oerftehe,  moburd)  baS  Mannigfaltige  ju  bem  Silbe 
ber  Seit  unb  beS  9iaumS  mtrb,  ober  biefe  Silber  im  Mgemeinen  felbft," 
barüber  ift  £err  ©berfjarb  (@.391)  ungemifc.  —  ,,2Ber  fte  ftd)  felbft  ur= 
fprünglich,  nicht  in  ihren  ©ritnben  anerfdpaffen  benft,  ber  benft  ftd)  eine 
qualitatem  occultam.  Üdimmt  er  aber  eine  oon  ben  betben  obigen  (5r* 
20  flärungen  an,  fo  ift  feine  Ofjeorie  entmeber  gan<$,  ober  jum  Shetl  in  ber 
ßeibnisifd)en  Oheone  enthalten."  @.  378  oerlangt  er  über  jene  $or nt  ber 
©rfcheinttng  eineSelehrnng,  „fiemag,  fagt  erjanftober  rauh  fein". Sh™ 
felbft  beliebt  eS  in  biefetn  2lbfd)nitte  ben  ledern  Oon  ooraitglid)  an^m 
nehmen.  3<±)  mid  bei  bem  erfteren  bleiben,  ber  bemjenigen  gemeint,  melther 
25  übermiegenbe  ©rttnbe  auf  feiner  ©eite  hat. 

Sie  Jfritif  erlaubt  fd)led)terbingS  feine  anerfchaffene  ober  angeborne 
Sorftellungen;  ade  inSgefammt,  fie  mögen  ^ur  21nfd)auungober  ju  Ser= 
ftanbeSbegriffen  gehören,  nimmt  fie  als  ermorben  an.  ©S  giebt  aber  aud) 
eine  urfprünglid)e  ©rmerbung  (mie  bte  ßehrer  beS  5ßaturred)tS  ftd)  auS= 
so  brücfen),  folglich  aud)  beffen,  maS  oorher  gar  noch  nicht  epifürt,  mithin 
feiner  @ad)e  oor  biefer  fpanblung  angehört  hat.  Sergleid)en  ift,  mie  bie 
^ritif  behauptet,  erftlid)  bte  gönn  ber  Singe  im  tRaum  unb  ber  Seit 
^meitenS  bie  fpnthetifd)e  Einheit  beS  Mannigfaltigen  in Segriffen;  benn 
feine  oon  beibett  nimmt  unfer  ©rfentitnifocrmögen  oon  ben  Objecten, 
35  als  in  ihnen  an  ftd)  felbft  gegeben,  her,  fonbern  bringt  fte  aus  ftd)  felbft 
a  priori  ju  ©tanbe.  ©S  muf  aber  bod)  ein  ©runb  ba^u  im  ©ltbjecte  fein, 
ber  es  möglich  mad)t,  baj)  bie  gebad)ten  Sorftedungen  fo  unb  nid)t  anberS 


222 


Über  eine  (SntbecEung  rc. 


entfielen  unb  nodj  baju  auf  Objecte,  bie  nod)  nid)t  gegeben  finb,  bezogen 
raerbett  fönnen,  unb  biefer  ©runb  menigftenS  ift  angeboren.  (Oa  £err 
(Sbert;arb  felbft  anmerft,  baff,  ump  bem  SluSbrucfe  anerf Raffen  bered)= 
tigt  ^u  fein,  man  baS  Oafeüt  ©otteS  fd)on  als  bemiefeit  oorauSfepen  muffe, 
marum  bebient  er  fid)  beffelben  bann  in  einer  Äritif,  meld)e  mit  ber  erften  5 
©runblage  alter  ©rfenntnijf  ju  tljun  hat,  nnb  nid)t  beS  alten  2luSbrucfS 
ber  angebornen?)  -fberr  ©bewarb  fagt  S.  B90:  „Oie  ©rünbe  ber  aüge= 
meinen,  nod)  unbeftimmten  Silber  oon  Üiaum  unb  3^it,  nnb  mit  ihnen 
ift  bie  (Seele  erfdjaffen",  ift  aber  auf  ber  folgenben  Seite  mieber  §tr»eifel= 
haft,  ob  id)  unter  ber  $orm  ber  2lnfd)auung  (foUte  heijfen:  bem  ©runbe  10 
aller  formen  ber  2lnfd)auitng)  bie  Sdjranfen  ber  ©rfenntnijjfraft,  ober 
jene  Silber  felbft öerftelje.  SBieer  baSerftereaud)  nur  auf  jmeifelhafteSlrt 
l)at  oermuthen  tonnen,  läjjt  fid)  gar  ni(±)t  begreifen,  ba  er  ftd)  bod)  bemüht 
fein  muff,  baf)  er  jene  ©rflarungSart  ber  Sinnlid)feit  im  ©egenfape  mit 
ber  Äritif  burchfepen  motlte:  baS  jmeite  aber,  ndmlid)  baff  er  jmeifel*  15 
haft  ift,  ob  id)  nid)t  bie  unbeftimmten  Silber  non  3eit  unb  ütaum  felbft 
oerftehe,  lafjt  ftc^  mol)t  erflären,  aber  nid)t  billigen.  2)enu  mo  habe  id) 
jemals  bie  2lnfd)auungen  Oon  IRaum  unb  3^it,  in  melden  aüererft  Silber 
möglich  finb,  felbft  Silber  genannt  (bie  jeberjeit  einen  Segriff  oorauS* 
fet$en,baoon  fte  bie  2)arftellung  finb,  j.S.baS  unbeftimmteSilb  für  ben  20 
Segriff  eines  OriangelS,  baju  meber  baS  Serhdltnifj  ber  Seiten  nod)  bie 
Sßinfel  gegeben  finb)?  ©r  hat  fid)  in  baS  trftglid)e  Spielmerf,  ftatt  finn= 
lid)  ben  SluSbrucf  bilblid)  ju  braud)en,  fo  hinein  gebaut,  bajf  er  il)it 
allenthalben  begleitet.  2)er  ©runb  ber  5J?öglid)feit  ber  finnlid)en  2ln= 
fd)auung  ift  feines  oon  beiben,toeber  Sd)ranfebeS©rfenntnifmermögenS,  25 
nod)  Silb;  eS  ift  bie  blofm  eigentümliche  fKeceptioitat  beS  ©emütljS, 
menn  eS  oon  etmaS  (in  ber  ©mpfinbung)  afficirt  mirb,  feiner  fubjectioen 
Sefdjaffenheit  gemdjj  eine  SorfteHung  gu  befotnmen.  Oiefer  erfte  formale 
©runb  3.  S.  ber  9Jtöglid)feit  einer  9iaumeSanfd)auuug  ift  allein  angebo= 
ren,  nid)t  bie  3ftaumoorfteüung  felbft.  2)enn  eS  bebarf  immer  ©inbrücte,  so 
um  baS  ©rfenntniffoermögen  juerft  ju  ber  Sorftetlung  eines  Objects 
(bie  jeberjeit  eine  eigene  -fbanblung  ift)  gu  beftimmen.  So  entfpringt  bie 
formale  21nfd)auung,  bie  man  Iftaum  nennt,  als  urfprünglid)  ermorbene 
Sorftellung  (ber  $ortn  äußerer  ©egenftänbe  überhaupt),  bereu  ©runb 
gleid)mol)t  (als  blofje  ffteceptioitdt)  angeboren  ift,  unb  beren  ©rmerbuug  35 
lange  üor  bem  beftimmten  Segriff  e  oon  Oingen,  bie  biefer  gönn  gemdg 
finb,  oorhergeht;  bie  ©rmerbuug  ber  lepteren  ift  acquisitio  derivativa, 


©rfter  Sibfchnitt. 


223 


inbetn  fie  fchon  allgemeine  tranSfcenbentale  SSerftanbeShegriffe  twrauSfept, 
bie  eben  fo  wohl  nicht  angeboren*),  fonbern  erworben  ftnb,  beren  acqui- 
sitio  aber  wie  jene  beS  UtaumeS,  eben  fo  woi)l  originaria  ift  unb  nichts 
SIngeborne§,  als  bie  fubfedioen  33ebingungen  ber  (Spontaneität  beS 
5  £>enfenS  (©emähheit  mit  ber  (Einheit  ber  Slpperception)  üorauSfejK.  Über 
biefe  SSebeutung  beS  ©runbeS  ber  fDtöglichfeit  einer  reinen  finnlichen  Sin* 
fchauitng  fann  nietnanb  zweifelhaft  fein  als  ber,  welker  bie  Kritif  etwa 
mit  .fpülfe  eines  SBörterfmchS  burchfireift,  aber  nicht  bur<ä)badfc)t  hat. 

2Bie  gar  wenig  §err  ©berharb  bie  Kritif  in  ihren  flärften  Sätzen  oer= 
10  ftehe,  ober  auch  wie  er  fie  tiorfeplich  tnifwerftehe,  baoon  fann  folgenbeS 
Zum  23eifpiele  bienen. 

3fn  ber  Kritif  würbe  gefagt:  bah  bie  bloffe  Kategorie  ber  Subftanz 
(fo  wie  jebe  anbere)  fd)lecf)terbingS  nichts  weiter,  als  bie  logifche  Function, 
in  Slnfehung  beren  ein  Object  als  beftimmt  gebaut  wirb,  enthalte,  unb 
15  alfo  baburch  allein  gar  fein  ©rfenntnih  beS  ©egenftanbeS,  amh  nur 
burdh  baS  minbefte  (fpntpetifche)  ißräbicat,  wofern  wir  ihm  nicht  eine 
finnlicheSlnfchauung  unterlegen,  erzeugt  werbe;  woraus  beim  mit 
Utecht  gefolgert  würbe,  bah,  ba  wir  °hne  Kategorien  gar  nicht  oonlDingen 
urteilen  fönnen,oom  Üb  er  finnlichen  fd)led)terbingS fein CSrfenntnih (eS 
20  oerfteht  ftd)  hiebei  immer  in  theoretifcher  Beziehung)  möglich  fei-  «fperr 
©berharb  giebt  S.  384—385  oor,  biefeS  ©rfenntnih  ber  reinen  Kategorie 
ber  Subftanz  auch  c>hne  23eihülfe  ber  finnlichen  Stnfdjauung  berfchaffeit 
ZU  fönnen:  ,,©S  ift  bie  Kraft,  welche  bie  Slccibenzeti  wirft."  Utun  ift  ja 
aber  bie  Kraft  felber  Wieberum  nichts  anberS  als  eine  Kategorie  (ober  baS 
25  $ßräbicabileberfelben),nämltch  bie  berUrfadje,  üon  ber  ich  gleichfalls  be= 
hauptet  habe,  bah  »an  ihr  bie  obfectioe  ©ültigfeit  ohne  ihr  untergelegte 
ftnnliche  Slnfcßauung  eben  fo  wenig  fönne  bewiefen  werben,  als  üon  ber 
beS  Begriffs  einer  Subftanz.  Ulun  grünbet  er  S.  385  biefen  23eweiS 
auch  wirflid)  auf  2)arfteUung  ber  Slccibenzen,  mithin  auch  ber  Kraft, 
30  als  ihrem  ©runbe,  in  ber  finnlichen  (inneren)  Slnfchauung.  5)enn  er  be= 
Zieht  ben  begriff  ber  tfrfache  wirflidf)  auf  eine  $olge  non  ßuftänben  beS 
©emüthS  in  ber  3eit,  Don  auf  einanber  folgenben  33orfteHungen  ober 
©raben  berfelben,  beren  ©runb  „in  bern  nach  aßen  feinen  gegenwärtigen, 

*)  3n  welkem  Sinne  ßeibnij  ba§  SBort  Angeboren  nehme,  wenn  er  e3  Oon 
35  gewiffen  ©lementen  ber  ©rfenntnif;  braucht,  wirb  hiernach  beurteilt  werben  fönnen. 
@ine  Stbhanblung  oon  Zpifimann  im  Seutfchen  fDtercur,  October  1777,  fann  biefe 
SSeurtheilung  erleichtern. 


224 


filier  eine  ©ntbeefung  :c. 


»ergangenen  unb  fünftigen  Verankerungen  »öllig  beftimmten  £>inge" 
enthalten  fei,  „unb  baruni,  fagt  er,  ift  biefeS  £>ing  eine  traft,  barmn  ift 
es  eine  ©ubftanj."  fJRefer  »erlangt  ja  aber  bie  tritit  and)  ni(f)t,  als  bie 
(Darftellung  beS  VegriffS  »on  traft  (weldjer,  beiläufig  anpmerfewgan* 
etwas  anbereS  ift  als  ber,  bem  er  bie  3Realität  ficfeern  trollte,  nämltcfe  ber  5 
(£ubftanj) *)tn  ber  innern  finnlid)en21nfd)auung,  unb  bie  obfectiöe  9fea= 
litdt  einer  ©ubftang  als  <Sinnenwefen  wirb  baburd)  gefriert.  Slber  eS 
war  bie  ^Rebe  ba»on,  ob  jene  Realität  betn  Vegriffe  »on  traft  als  reiner 
tategorie,  b.  i.  au d)  ol)ne  ihre  Slntrenbung  auf  ©egenftänbe  ftnulid)er 
Slnfdjauung,  mithin  als  gültig  aud)  »on  itberfinnltcfeen,  b.  i.  biofeen  Ver=  10 
fianbeStnefen,  tonne  betriefen  werben:  ba  benn  alles  Vewufetfein,  welches 
auf  ßeitbebingungen  berufet,  tnitfein  au<fe  jebe  $o!ge  beS  Vergangenen, 
©egenwärtigen  unb  tünftigen  fatnmt  bem  ganzen  ©efefee  ber  Kontinuität 
beS  oeränberten  ©emütfeSjuftanbeS  wegfallen  mufe,  unb  fo  nicfetS  übrig 
bleibt,  moburcfe  baS  StccibenS  gegeben  worben  unb  was  bem  Vegriffe  »on  13 
traft  jittn  23 ela g e  bienen  tonnte.  5htn  nefeme  er  alfo  ber  ^orberung 
gemäfe  ben  Vegriff  »om  Vtenftfeen  weg  (in  welcfeetn  fcfeon  ber  Vegriff  eines 
törfeerS  entfealten  ift),  ungleichen  ben  ron  VorfteÜungen,  beren  2)afein 
in  ber  ßeit  beftimntbar  ift,  tnitfein  alles,  was  Vebingungen  ber  äufeeren 
fowofel  als  inneren  Slnfcfeauung  entfeält  (benn  baS  mufe  er  tfeun,  wenn  20 
er  ben  Sßegriff  ber  ©nbftanj  unb  einer  Urfad)e  als  reine  tategorien,  b.  i. 
als  foldje,  bie  allenfalls  aud)  ^um  Krfenntnife  beS  ilberfinnlid)en  bienen 
tonnten,  ihrer  ^Realität  nad)  ftcfeeren  will),  fo  bleibt  ifemrom  Vegriffe  ber 

*)  Ser  ©ofe:  bad  Sing  (bie  ©ubftaua)  ift  eine  traft,  ftatt  bed  ganj  natür* 
(idjen;  bie  ©ubftans  t) a t  eine  traft,  ift  ein  allen  ontologifchen  Gegriffen  miber*  21 
ftreitenber  unb  in  feinen  folgen  ber  5Dietapbhfif  fet)r  nadjt^eiliger  ©ai).  Senn 
baburd)  getjt  ber  33egriff  ber  ©nbftanj  im  ©runbe  gan3  berloren,  nämlid)  ber  ber 
3nl)ärena  in  einem  ©ubjecte,  ftatt  beffen  aldbann  ber  ber  Sepenben3  tum  einer 
llrfadje  gefegt  mirb;  red)t  fo,  roie  ed  ©pinoaa  tjaben  toollte,  welcher  bie  allge« 
meine  3lb£)ängigfeit  aller  Singe  ber  2BeIt  bon  einem  Untiefen,  ald  ihrer  gemein«  30 
fdjaftlidien  Urfadje,  inbetn  er  biefe  allgemeine  mirtenbe  straft  felbft  jur  ©ubftaua 
machte,  eben  baburd)  jener  ifjre  Sepenbena  in  eine  Snpärena  in  ber  lederen  Der* 
roanbelte.  ©ine  ©ubftana  tjat  wohl  aufeer  ihrem  SSerEjättniffe  ald  ©ubject  311  ben 
Slccibeuaen  (unb  beren  3nt)äreriä)  110$  bad  93erl)ältuife  311  eben  benfelben,  als 
1t r f  a cf)  e  3U  Sßirfungen;  aber  jened  ift  nicht  mit  bem  letzteren  einerlei.  Sie  traft  35 
ift  nidjt  bad,  road  ben  ©runb  ber  ©jiftenj  ber  3lccibenaen  enthalt  (benn  ben  ent* 
hält  bie  ©ubftana):  fonbern  ift  ber  Segtiff  bon  bem  biofeen  33erhältniffe  ber 
@ubftan3  3U  ben  letzteren,  fo  fern  fie  ben  ©rnnb  berfelben  enthält,  unb  biefed  Hier* 
hältnife  ift  bon  bem  ber  2>ukärena  cjän^licl;  unterfd)ieben. 


(Srfter  Stbfcfenitt. 


225 


©ubftang  nichts  anberS  übrig,  als  ber  eines  ©tmaS,  beffen  ©jciftenj  nur 
als  bie  eines  ©ubjectS,  nicfet  aber  eines  biofeen  ißräbicatS  non  einem 
anbern  gebacfet  merben  tnufe:  oon  bem  ber  itrfacfee  aber  bleibt  ifetn  nur 
ber  eines  SSerfeältniffeS  oon  ©tmaS  p  etmaS  Slnberem  im  ©afein,  nacfe 
5  meinem,  menn  icfe  baS  erftere  feefee,  baS  anbere  arnfe  beftimmt  unb  notfe= 
menbig  gefeefet  mirb.  5luS  biefeen  SSegriffen  oon  beiben  fann  er  nun  fcfelecfe= 
terbingS  fein  (Srfenntuife  oon  bem  fo  befecfeaffeenen  ©inge  feerauSbringen, 
fogar  nid)t  einmal,  ob  eine  feolcfee  Sefcfeaffenfeeit  aud)  nur  möglicfe  fei,  b.  i. 
ob  eS  irgenb  (StrnaS  geben  tonne,  moran  fee  angetroffen  merbe.  £iefeer 
10  barf  feefet  bie  Frage  nicfet gezogen  merben:  ob  in  SSejiefeung  auf  praf= 
tifcfee  ©runbfafee  a  priori  menn  ber  begriff  oon  einem  ©inge (als 9lou* 
men)pm@runbe  liegt,  aisbann  bieKategorie  ber  ©ubftanj  unb  berllrfadfee 
nicfet  objectioe  Realität  in  2lnfefeung  ber  reinen  praftifcfeen  ©eftimmung 
ber  Vernunft  befomme.  ©enn  bie  9Röglid)feit  eines  ©ingeS,  maS  bloS  als 
15  ©ubject  unb  nicfet  immer  miebernm  alS^ßrabicat  oon  einem  Inberen  epiftiren 
tonne,  ober  ber  ©igenfefeaft,  in  Slnfefeung  ber  ßfeftenj  Slnberer  bas  3Ser= 
fealtnife  beS  ©runbeS,  nicfet  umgefefert  baS  ber  $o!ge  oon  eben  benfeeiben 
p  feaben,  mufe  p>ar  p  einem  tfeeoretifcfeen  ©rfenntnife  beffelben  burcfe  eine 
biefen  Gegriffen  correfponbirenbe  Slnfcfeauung  belegt  merben,  meil  biefeer 
so  ofene  baS  feine  objectioe  ^Realität  beigelegt,  mitfein  fein  (Srfenntnife  eines 
feolcfeen  Objects  p  @tanbe  gebracfet  merben  mürbe;  aüein  menn  jene  2Öe= 
griffe  nicfet  conftitutioe,  fonbern  bloS  regulatioe  ^rincipien  beS  ©ebraucfeS 
ber  Vernunft  abgeben  füllen  (mie  biefeS  allemal  ber  Faß  mit  ber  Sbee 
eines  5ftoumenS  ift),  fo  tonnen  fee  aucfe  als  blofee  logifcfee  Functionen 
25  p  Gegriffen  oon  ©ingen,  beren  Wöglicfefeit  unermeislicfe  ift,  iferen  in 
praftifcfeer  Slbfecfet  unentbeferlidjen  ©ebraucfe  für  bie  Vernunft  feaben, 
meil  fee  alSbann  nicfet  als  objectioe  ©rünbe  ber  Woglicfefeit  ber  SRom 
menen,  fonbern  als  fubjectioe  ^rincipien  (beS  tfeeoretifcfeen  ober  praf* 
tifcfeeu  ©ebraucfeS  ber  Vernunft)  in  Slnfefeung  ber  ißfeanomenen  gelten.  — 
30  5)0Cfe,  mie  gefagt,  ift  feier  nocfe  immer  bloS  oon  ben  conftitutioen  ^rin- 
cipien  ber  ©rfenntnife  ber  ©inge  bie  fRebe,  unb  ob  eS  möglicfe  fei,  oon  im 
genb  einem  Objecte  baburcfe,  bafeid)  bloS  burcfe  Kategorien  oon  ifemfprecfee, 
ofene  biefe  burcfe  Slnfcfeauung  (metcfee  bei  unS  immer  fenntiefe  ift)  p  belegen, 
ein  ©rfenntnife  p  befommen,  mie  £err  ©berfearb  meint,  eS  aber  burd) 
35  alle  feine  gerüfemte  Frucfetbarfeit  ber  bürren  ontologifcfeen  Sßüften  nicfet 
p  bemerfftetligen  oermag.  _ 


Ännt’S  Schriften.  SBetfe.  VIII. 


15 


ßmeiter  Slbfdjnitt. 

Sie  Sluflöftmg  ber  Aufgabe: 

2öie  finb  fputfjetifche  Urteile  a  priori  mögticf)  ? 
nach  4>errn  ©berharb. 

©iefe  Aufgabe,  in  itjrer  Mgemeinheit  betrachtet,  ift  ber  Stein  bed 
Slnftoßed,  moran  alle  metaphhfifche  ©ogmatifer  unüermeiblid)  fd)  eitern 
müffen,  um  ben  fie  bafjer  fo  raeit  berumgeben,  ald  ed  nur  möglich  ift:  wie 
id)  benu  nod)  feinen  ©egner  ber  Äritif  gefunben  habe,  ber  jid)  mit  ber 
Slnflöfung  berfelben,  bie  für  alle  gälte  geltenb  märe,  befafet  hätte.  £err 
(5berl)arb,  auf  feinen  Sa£  bed  2ßiberfprud)d  unb  ben  bed  gitreichenben 
©runbed  (ben  er  bod)  nur  ald  einen  analQtifdjen  üorträgt)  geftüfd,  magt 
ftd)  an  biefe  Unternehmung;  mit  roeldjem  ©lücf,  merben  mir  halb  fehen. 

>&err  ©bewarb  hat,  mie  ed  fdjeint,  non  bem,  mad  bie  Äritif  ©og  = 
mattdrn  nennt,  feinen  beutlictjen  begriff.  So  fprid)t  er  S.  262  üon  apo= 
biftifchen  Bemetfen,  bie  er  geführt  haben  miU,  unb  fetdhingu:  „2Benn  ber 
ein  ©ogmatifer  ift,  ber  mit  ©eroifeheit  ©inge  an  ftd)  annimmt,  fo  müffen 
mir  und,  es  fofte,  mad  ed  moüe,  bem  Schimpf  untermerfen  ©ogmatifer  gu 
heißen",  unb  bann  fagt  er  S.  289,  „bafc  bie  Seibnigifche  Vhüofophie 
eben  fo  mol)t  eine  Vernuuftfritif  enthalte,  ald  bie  Äantifche;  öenn  fie 
grünbe  ihren  ©ogmatidm  auf  eine  genaue  ßerglieberung  ber  grfenntnif$= 
üermögeu,  mad  burd)  ein  febed  möglich  fei".  Vun  —  menn  fie  biefed 
mtrflid)  ttjut,  fo  enthält  fie  ja  feinen  ©ogmatidm  in  bem  Sinne,  morin 
unfere  Ärttif  biefed  SBort  febergeit  nimmt. 

Unter  bem  ©ogmatidm  ber  Vtetaphhftf  berfteht  biefe  nämlich:  öad 
allgemeine  Betrauen  gu  ihren  ^rincipien  ohne  oorhergelienbe  Äritif  bed 
Vernunftüermögend  felbft  blöd  um  ihred  ©elingend  mitten:  unter  bem 
Scepticidm  aber  bad  ohne  üorhergegangene  ^ritif  gegen  bie  reine  Ver= 
nunft  gefaxte  allgemeine  Vfifdrauen  blöd  um  bed  9)?ifelingend  ihrer 
Behauptungen  mtllen*).  ©er  Äriticidm  bed  Verfahrend  mit  aaem,  mad 

)  ©ad  ©elingen  im  ©ebraudfe  ber  fßrtncipien  a  priori  ift  bie  burcbgcingige 
Beseitigung  berfelben  in  ihrer  SInroenbuug  auf  (Srfabrung;  benn  ba  fdjenft  man 


5 

10 

15 

20 

25 

30 


Broettev  Slbfcpnitt. 


227 


gur  fDcetaphpftf  gehört,  (ber  3®eifel  beS  StuffdpubS)  ift  bagegeit  bie 
Biapime  eines  allgemeinen  ÜRifjtrauenS  gegen  aße  ftjntjjetifd^e  ©dpe  ber= 
felben,  beoor  nid)t  ein  allgemeiner  @runb  ihrer  9Jiöglid)feit  in  ben  mefent^ 
liefen  Bebingungen  uuferer  ©rfenntnipoermögen  eingefeljen  morben. 

5  Bon  bem  gegrünbeten  Bormurfe  beS  ©ogmattSm  befreiet  man  fid) 
alfo  nicpt  baburd),  bap  man,  mie  @.  262  gefcpiept,  fid)  auf  fogenanute 
apobiftifc^e  Bemeife  feiner  metapppfifchen  Behauptungen  beruft;  benu 
ba§  ^ehlfcplagen  berfelben,  felbft  menn  fein  ficptbarer  fehler  barin  am 
getroffen  mirb  (meld)eS  gemip  oben  ber  Saß  nid)t  ift),  ift  an  ihnen 
io  fo  gemöpnlid),  unb  bie  Bemeife  öom  ©egentpeil  treten  ihnen  oft  mit 
nicht  minber  großer  ^larpeit  in  ben  2ßeg,  bap  ber  ©ceptifer,  menn 
er  gleid)  gar  nid)tS  miber  baS  Argument  peroor^ubringen  müpte,  hoch  fein 
non  liquet  bajmifä)en  §u  legen  gar  mopl  bered)tigt  ift.  Bur  menn  ber 
BemeiS  auf  bem  Söege  geführt  morben,  mo  eine  jur  Steife  gefommene 
ls  Äritif  oorher  bie  9Böglid)!eit  ber  ©rfenntnip  a  priori  unb  ihre  allgemeine 
Bebingungen  fid)er  angejeigt  hat,  fann  fid)  ber  Bietaphpfifer  bom  £Dog= 
matiSm,  ber  bei  aßen  Bemeifen  ohne  jene  bod)  immer  blinb  ift,  red)t= 
fertigen,  unb  ber  $anon  ber  jfritif  für  biefe  2lrt  ber  Beurtheilung  ift  in 
ber  aßgemeinen  Sluflöfung  ber  Aufgabe  enthalten:  mie  ift  ein  f p n= 
20  thetifdjeS  (ärfenntnip  a  priori  mögltd)?  Jjft  biefe  Aufgabe  oor« 
her  nod)  nicht  aufgelöfet  gemefen,  fo  maren  aße  BMaphpfifer  bis  auf 

beinahe  bem  ©ogmatifer  feinen  23emeiS  a  priori.  ©aS  SDtiptingen  aber  mit 
bemfelben,  roetcpeS  ben  SceptiäSm  oeranlafst,  finbet  nur  in  ben  gälten  ftatt,  roo 
lebiglicb)  iöemeife  a  priori  oertangt  roerbeti  tonnen,  weit  bie  ©rfaprung  hierüber 
25  nichts  beftätigen  ober  miberlegen  fann,  unb  beftept  barin,  baff  SSeroeife  a  priori 
oon  gleicher  (Starte,  bie  gerabe  baS  ©egentpeit  bartpun,  in  ber  allgemeinen  2)cenfcpen= 
oernunft  enthalten  finb.  ©ie  erftern  finb  aucp  nur  ©rmtbfäpe  ber  tötögticpfeit  ber 
(Srfaprung  unb  in  ber  Stnatptif  enthalten.  Sßeit  fie  aber,  menn  bie  $ritif  fie 
nicpt  öorper  als  fotcpe  mopt  geficpert  pat,  teicpt  für  ©runbfäpe,  roetcpe  roeiter  als 
30  btoS  für  ©egenftänbe  ber  ©rfaprung  gelten,  gepalten  merben,  fo  entfpringt  ein 
©ogmatiSm  in  2-tnfepung  beS  Überfinnticpen.  ©ie  jmeiten  gepen  auf  ©egenftänbe, 
nicpt  mie  jene  burcp  SerftanbeSbegriffe,  fonbern  burcp  Sbeett,  bie  nie  in  ber 
©rfaprung  gegeben  merben  tonnen.  SBeil  fiep  nun  bie  Semeife,  baju  bie  tfkim 
dpien  tebigtiep  für  ©rfaprungSgegenftänbe  gebaept  morben,  in  fotepem  gatte  notp* 
35  menbig  miberfpreepen  müffen:  fo  mup,  menn  mau  bie  tritit  oorbeigept,  melcpe 
bie  ©renjfcpeibung  allein  beftimmen  fann,  nicpt  altem  ein  SceptiäSm  in  Stnfepung 
atteS  beffen,  roaS  burcp  blo^e  Sbeen  ber  Vernunft  gebaut  mirb,  fonbern  enblicp 
ein  SBerbacpt  gegen  alle  ©rfenntnifj  a  priori  entfpringen,  roeteper  benn  autept  bie 
allgemeine  metappgfifepe  3n>eifettepre  perbeifüprt. 


15* 


228 


lt 6  er  eine  (Sntbectung  K. 


biefen  ßeitpnnft  »om  SSormurfe  beS  blinben  ©ogmatiSmS  ober  @cepti= 
ciSmS  nicht  frei,  fie  mochten  nun  burd)  anbermeitige  SSerbtenfte  einen  noch 
fo  großen  -Kamen  mit  adern  3Red)te  heftigen. 

35em  -perrn  ©bewarb  beliebt  eS  anberS.  6r  ttjut,  als  ob  ein 
folcfjer  marnenber  Stuf,  ber  burd)  fo  üiel  SSeifpiele  in  ber  tranSfcenben* 
taten  ©ialeftit  gerechtfertigt  mirb,  an  ben  ©ogmatiler  gar  nicht  ergangen 
märe,  unb  nimmt  lange  oor  ber  ßritif  unfereS  Vermögens  a  priori 
ft)uif)etifd)  gu  urtheilen  einen  non  jeher  fel)r  beftrittenen  fpnthetifchen  @afc: 
nämlich  bah  Seit  unb  Staunt  unb  bie  Singe  in  ihnen  auS  einfachen 
Elementen  hefteten,  als  ausgemacht  an,  ohne  auch  nur  megen  ber  SJtög* 
lidjfeit  einer  folgen  SSeftimmung  beS  (Sinnlichen  burd)  Sbeen  beS  Über* 
ftnnlichen  bie  minbefte  oorhergehenbe  fritifd)e  Unterfuchung  angufteden, 
bie  fid)  il)m  burd)  ben  SBiberfprud)  ber  2Kathematif  gleid)mol)l  aufbringen 
muhte,  unb  giebt  an  feinem  eigenen  Verfahren  baS  befte  Sßeifpiel  non 
bem,  maS  bie  ßriti!  ben  SogmatiSm  nennt,  ber  auS  ader  TranSfcenben* 
talpt)ilofoph)ie  auf  immer  »ermiefeu  bleiben  muh,  unb  beffen  ißebeutung 
ihm,  mie  id)  hoffe,  fehl  an  feinem  eigenen  SBeifpiele  oerftänblicher  fein  mirb. 

(SS  ift  nun,  ehe  man  an  bie  Sluflöfung  jener  ißrincipal=2iufgabe  geht- 
freilich  unumgänglich  nothmenbig,  einen  beutUd)en  unb  beftimmten  23e* 
griff  baoon  gu  haben,  maS  bie  Äritif  erftlid)  unter  fpnthetifd)en  Urtheilen 
gutnUnterfchiebe  oon  ben analt)tifd)en  überhaupt  »erflehe:  gmeitenS,  maS 
fie  mit  bem  SluSbrucfe  non  bergleidjen  Urtheilen,  als  Urtheilen  a  priori  gum 
Unterfd)iebe  oon  empirifdjen,  fagen  mode.  —  SaS  erftere  hat  bie  ßritif  fo 
beutlid)  unb  mieberholentlid)  bargelegt,  als  nur  »erlangt  merben  fann- 
<Sie  fmb  Uttljeile,  burcf)  beren  ^räbicat  ich  bem  Subjecte  beS  UrtheilS 
mehr  beilege,  als  id)  in  bem  ^Begriffe  ben!e,  non  bem  id)  baS  ißräbicat 
auSfage,  melcheS  le^tere  alfo  baS  Gfrfenntnih  über  baS,  maS  jener  SSegriff 
enthielt,  »ermel)rt;  bergleid)en  burd)  analt)tifd)e  Urtheile  nicht  gefd)ieht, 
bie  nichts  tl)un,  als  baS,  maS  fd)on  in  bem  gegebenen  begriffe  mirflid) 
gebacht  unb  enthalten  mar,  nur  als  gu  ihm  gehörig  flar  »orgufteden  unb 
auSgufagen.  —  SaS  gmeite,  nämlich  maS  ein  Urt h e il  a  priori  gum 
Unterfchiebe  beS  empirifd)en  fei,  macht  hier  feine  Schmierigfeit,  meil  eS 
ein  in  ber  Sogif  längft  befannter  unb  benannter  Unterfd)ieb  ift  unb  nid)t 
mie  ber  erftere  menigftenS  (mie  perr  @berf)arb  mid)  unter  einem  neuen 
Stauten  auftritt.  Sod)  ift  um  beS  perrn  (SberharbS  miden  hier 
nicht  überflüffig  angumerfen:  bah  ein  ^räbicat,  melcheS  burd)  einen  «Sah 
a  priori  einem  Subjecte  beigelegt  mirb,  eben  baburd)  als  bem  lefeteren 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


ßroeiter  Slbfdpiitt. 


229 


notl)»enbig  angehßrig  (oon  bem  begriffe  befjelben  unabtrennlid))  auS= 
gesagt  »irb.  ©old)e  Ißräbicate  »erben  aud)  $utn  SBefeti  (ber  inneren 
9)iügltd)feit  beS  ^Begriffs)  gehörige  (ad  essentiam*)  pertinentia)  ^ßräbtcate 
genannt,  begleichen  folglich  ade  ©ä^e,  bte  a  priori  gelten,  enthalten 
5  muffen;  bie  übrigen,  bie  nämlich  notn  ^Begriffe  (unbefd^abet  befjelben)  ab* 
trennlid)e,  heihen  auher»efentlid)e  fJJierftnale (extraessen tialia).  Sie  erftc= 
ren  gehören  nun  $um  SBefen  entmeber  als  Sßeftanbftütfe  befjelben  (ut 
constitutiva),  ober  als  barin  jureidjenb  gegrünbete  folgen  aus  bemfelben 
(ut  rationata).  Sie  erfteren  ^eifeen  mefentlid)e  ©ti'tcfe  (essentialia),  bie 
10  alfo  fein  ^Sräbicat  enthalten,  »elcheS  aus  anberen  in  bemfelben  SSegriffe 
enthaltenen  abgeleitet  »erben  formte,  unb  if)r  Inbegriff  macht  baS  logifd)e 
SBefen  (essentia)  au§;  bie  $»eiten  »erben  <$igenfd)aften  (attributa)  ge= 
nannt.  Sie  auher»efentlid)en  5)fJerfmale  finb  ent»eber  innere  (raodi), 
ober  33erl)ältnihmerfmale  (relationes)  unb  fönnen  in  ©äfjen  a  priori  nid)t 
io  $u  ißräötcaten  bienen,  »eil  fte  oonr  ^Begriffe  be§  ©ubfectS  abtrenntid)  unb 
alfo  nicht  noth»enbig  mit  ihm  oerbunben  finb.  —  9fun  ift  flar,  bah,  »enn 
man  nicht  oorljer  fdjon  irgenb  ein  Kriterium  eines  fQnthetifdjen  ©afeeS 
a  priori  gegeben  hat,  baburd),  bah  man  jagt,  fein  ^Sräbicat  fei  ein  Attribut, 
auf  leinerlei  Sßeife  ber  Unterfd)ieb  befjelben  oon  analijtifd)en  erhelle, 
•io  Senn  baburd),  bah  ?S  ein  Attribut  genannt  »irb,  »irb  »eiter  nichts  ge= 
jagt,  als  bah  eS  als  noth»eubige  golge  oorn  SBefen  abgeleitet  »erben 
fönne:  ob  analt)tifd)  nach  bem  ©at)e  beS  2Biberfprud)S,  ober  fpnthetifd) 
nach  irgenb  einem  anbern@runbfahe,  baS  bleibt  babeigän$lid)  unbeftimmt. 
©o  ift  in  bem  ©at»:  ein  ieber  Körper  ift  theilbar,  baS  ißräbkat  ein 
•25  Attribut,  »eil  eS  oon  einem  »efentlid)en  ©tücfe  beS  ^Begriffs  beS  ©ubjectS, 
nämlich  ber  2luSbef)nung,  als  nothraenbige  $olge  abgeleitet  »erben  f'ann. 
es  ift  aber  ein  foldjeS  Attribut,  »eldjeS  als  nad)  bem  ©afee  beS  2Biberfprnd)S 
$u  bem  SSegriffe  beS  ÄorperS  gehörig  oorgeftellt  »trb,  mithin  ber  ©ah 
felber,  unerad)tet  er  ein  Attribut  oorn  ©ubjecte  auSfagt,  bennoch  analptifd). 
30  Sagegen  ift  bie  23ef)arrlid)feit  and)  ein  Attribut  ber  ©ubftan$;  benn  fte 
ift  ein  fd)lechterbingS  noth»enbigeS  ifSrabicat  berfelben,  aber  im  begriffe 
ber  ©ubftan$  felber  nicht  enthalten,  fann  alfo  burd)  feine  2lnalt)fiS  aus 
ihm  (nach  bem  ©ahe  beS  28iberfprud)S)  gezogen  »erben,  unb  ber  ©ah: 
eine  jebe  ©ubftan$  ift  beharrlid),  ift  ein  fpnthetifdjer  ©ah-  Söenn  eS  alfo 

*)  2)amit  bet  biefem  2öorte  aud)  ber  geringfie  ©dient  einer  ©rflcirnitg  im 
35 (5trf et  öertttieben  merbe,  fann  man  ftatt  be§  älmSbrudS  ad  essentiain  ben  an 
biefem  Orte  gteidjlautenben  ad  internam  possibilitatem  pertinentia  brauchen. 


230 


Über  eilte  (SrttbecJung  ic. 


oon  einem  ©ajze  ijei^t:  er  habe  ju  feinem  ^Präbicat  ein  Slttribut  beS  ©ub= 
ject§,  fo  weif  nientanb,  ob  jener  anal^tifd)  ober  fhntf)etifd)  fei;  man  muh 
alfo  Ijinjufejjen:  er  enthalte  ein  ft)nthetifd)eS  Attribut,  b.  i.  ein  nothwem 
bigeS  (obzwar  abgeleitetes),  mithin  a  priori  fennbareS  ^ßräbicat  in  einem 
fpntfyetifcfyen  Urteile.  Sllfo  ift  nad)  ^)errn  ©berharb  bie  ©rflärung  fpn* 
tt>etifd)er  Urtheile  a  priori:  fie  ftnb  Urteile,  welche  fhnthetifd)e  Slttribute 
oon  ben  Tingen  auSfagen.  £err  ©bewarb  ftürzt  ftd)  in  biefe  Tautologie, 
um  mo  möglich  nid)t  allein  etwas  SeffereS  unb  SSefümmtereS  oon  ber 
@igentt)ümlid)feit  fhntl)etifd)er  Urteile  a  priori  ju  fagen,  fonbern  auch 
mit  ber  ^Definition  berfelben  jitgleic^  ihr  allgemeines  ^Srincip  anjujeigeu, 
wornad)  ihre  ÜJ?öglid)feit  beurteilt  werben  fann,  welches  bie  Kritif  nur 
bnrd)  mancherlei  befd)werlid)e  Bemühungen  ju  leiften  üermod)te.  5Radt) 
ihm  ftnb  ©.  315  „analt)tifd)e  Urtheile  folche,  beren  ißräbicate  baS  SBefen, 
ober  einige  oon  ben  wefentlid)en  ©tücfen  beS  ©ubjectS  auSfagen;  fpnthe= 
tifd)e  Urtheile  aber,  6.  316,  menn  fie  nothtoenbige  SBahrheiten  ftnb, 
haben  Attribute  jrt  ihren  Bräbicaten".  T>urd)  baS  SBort  Slttribut  begeid)= 
nete  er  bie  fpnthetifd)en  Urtheile  als  Urtheile  a  priori  (megen  ber  iftotlp 
menbigfeit  ihrer  ^ßräbicate),  aber  zugleich  als  fold)e,  bie  rationata  beS 
äßefenS,  nicht  baS  SBefen  felbft  ober  einige  ©tücfe  beffelben  auSfagen,  unb 
giebt  alfo  2lnjeige  auf  ben  ©ah  beS  zureid)enben  ©ruttbeS,  oermittelft 
beffen  fte  allein  oom  ©ubjecte  präbicirt  03erben  fönnen,  unb  oerlieh  ftd) 
barauf,  man  toerbe  nicht  bemerfen,  baff  biefer  ©runb  hier  nur  ein  logifcper 
©runb  fein  bürfe,  ndmltd)  ber  nichts  weiter  bezeichnet,  als  bah  baS 
^ßräbicat  zwar  nur  mittelbar,  aber  immer  bod)  bem  ©atze  beS  SBiber= 
fprud)S  znfolge  aus  bem  Begriffe  beS  ©ubjectS  hergeleitet  werbe,  woburd) 
er  bann,  unerad)tet  er  ein  Slttribut  auSfagt,  bod)  analptifd)  fein  fann 
unb  alfo  baS  Kennzeichen  eines  fpnthetifdjen  ©atjeS  nicht  bei  ftd)  führt. 
Tah  eS  ein  fpnthetifcheS  Attribut  fein  müffe,  um  ben  ©ah,  bem 
eS  zum  spräbicate  bient,  ber  lederen  (Slaffe  beizählen  zu  fönnen,  hütete 
er  ftd)  forgfältig  fjerauSzufagen,  unerachtet  eS  ihm  wohl  beigefallen 
fein  muh,  &aÜ  &tefe  ©infd)ränfung  nothwenbig  fei:  weil  fonft  bie 
Tautologie  gar  zu  flar  in  bie  Singen  gefallen  fein  würbe,  unb  fo 
brachte  er  ein  Ting  heraus,  wag  bem  Unerfahrenen  neu  unb  oon  ©ehalt 
Zit  fein  fcheint,  in  ber  That  aber  bloher  leicht  burchzufel)enber  SDunft  ift. 

Btan  ftef)t  nun  and),  was  fein  ©ah  beS  zureidjenben  ©runbeS  fagen 
will,  ben  er  oben  fo  oortrug,  bah  man  (oornehmlid)  nach  beut  Beifpiele, 
baS  er  babei  angeführt,  zu  urteilen)  glauben  foHte,  er  hätte  ihn  oom 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


3weiter  2lbfcf)mtt. 


231 


9ftealgrunbe  oerftanben,  ba  ©runb  unb  $olge  realiter  non  einanber  unter* 
fcpieben  finb,  unb  ber  ©ap,  ber  fie  oerbinbet,  auf  bie  SBeife  ein  fpntpe* 
tifdjer  ©ap  ift.  ÄeineSwegeS !  melmepr  pat  er  fiel)  woplbebacptig  bamalS 
fdt)on  auf  bie  fünftigen  ^älle  feines  ©ebraucpS  tiorgefepen  unb  if)n  fo  un= 
5  beftimmt  auSgefagt,  bamit  er  it)m  gelegentlid)  eine  SSebeutung  geben 
fönnte,  wie  eS  9iotp  tpdte,  mithin  ihn  aud)  bisweilen  jutn  iprincip  anall)* 
tifeper  Urteile  braunen  fönnte,  opne  bap  ber  fiefer  eS  bod)  bemerfte.  3ft 
benn  ber  ©ap:  ein  feber  Körper  ift  tpeilbar,  barum  weniger  analptifd), 
weil  fein  ^rdbicat  aüererft  aus  bem  unmittelbar  zunt  ^Begriffe  ©epörigen 
10  (bem  wefentlicpen  ©tücfe),  ndmlicp  ber  2luSbepnung,  burd)  Slnalpfin  ge= 
Zogen  werben  fann?  2Benn  non  einem  ^rabicate,  weld)eS  nach  bem 
©ape  beS  2Biberfprud)S  unmittelbar  an  einem  begriffe  erfannt  wirb,  ein 
anbereS,  welches  gleichfalls  naep  bem  ©ape  bes  SBiberfprucpS  non  biefent 
abgeleitet  wirb,  gefolgert  wirb:  ift  aisbann  baS  leptere  weniger  nad)  bem 
15  ©ctpe  beS  2ßiberfprud)S  non  bem  erfteren  abgeleitet,  als  biefeS ? 

3Sor  ber  £anb  ift  alfo  erftlid)  bie  Hoffnung  gur  ©rfldrung  ft>ntt)e= 
tifeper  ©äpe  a  priori  burd)  ©üpe,  bie  Attribute  ihres  ©ubfectS  ju  $rdbi= 
caten  paben,  vernichtet,  wenn  man  nicht  zu  biefen,  bap  fie  fpntpetifd) 
finb,  pinzufepen  unb  fo  eine  offenbare  ©autologie  begehen  will;  zweitens 
20  bem  ©ape  beS  zureiepenben  ©runbeS,  wenn  er  ein  befonbereS  ^Srincip 
abgeben  foü,  ©epranfen  gefept,  bap  er  als  ein  fold)er  niemals  anberS, 
als  fo  fern  er  eine  fpntpetifcpe  Sßerfnüpfung  ber  begriffe  berechtigt,  in 
ber  ©ranSfcenbentalppüofoppie  zugeiaffen  werbe.  £iemit  mag  man  nun 
ben  freubigen  SluSruf  beS  «BerfafferS  ©.  317  nergleid)en.  „@o  hätten  wir 
25  alfo  bereits  bie  Unterfcpeibung  ber  Urtpeüe  in  analptifcpe  unb  fpntpetifcpe 
unb  zwar  mit  ber  fd)drfft en  Angabe  ihrer  ©rdnjbeftimmung  (bap 
bie  erfte  bloS  auf  bie  ©ffentialien,  bie  zweite  lebiglich  auf  Attribute  gehen) 
auS  bem  frueptbarften  unb  einleucptenbften  ©intpeilungSgrunbe  (biefeS 
beutet  auf  feine  oben  gerühmte  fruchtbare  gelber  ber  Dntologie)  hergeleitet 
30  unb  mit  ber  oölligften  ©ewippeit,  bap  bie  ©intpeilung  ihren  ©intpei* 
lungSgrunb  ganglid)  erfepöpft." 

^nbeffen  fepeint  £err  ©berparb  bei  biefem  triumphirenben  SluSruf 
beS  ©iegeS  hoch  nidpt  fo  ganz  gewip  ju  fein.  ©)enn  ©.  318,  naepbem  er 
eS  für  gang  auSgemacpt  angenommen,  bap  2Bolff  unb  SSaumgarten 
35  baffetbe,  was  bie  Äritif  nur  unter  einem  anberen  Dtamen  auf  bie  23apn 
'bringe,  Idngft  gefannt  unb  auSbrücflicp,  obzwar  anberS,  bezeichnet  patten, 
wirb  er  auf  einmal  ungewip,  welche  ^ßrabicate  in  fpntpetifd)en  Urtpeilen 


232 


Uber  eine  Gtntbecfung  ic. 


id)  molfl  meinen  möge,  unb  nun  rnirb  eine  ©taubmolfe  non  Diftinctionen 
unb  ©laffificationen  ber  ffräbicate,  bie  in  Urteilen  oorfommen  fönnen, 
erregt,  ba&  bafür  bie  @ad)e,  mooon  bie  Siebe  ift,  nid)t  mehr  gefefjen 
merben  fann;  altes,  um  ju  bemeifen,  baff  id)  bie  fgnthetifcpen  Urteile, 
oornehmlid)  bie  a  priori  gum  Unterfd)iebe  non  ben  analptifd)en  an  ber  §  5 
l) ab e  befiniren  fallen,  als  id)  getljan  Ifabe.  Die  Siebe  ift  t)ier  auch 
gar  nod)  nid)t  non  meiner  2lrt  ber  Sluflöfung  ber  $rage,  mie  bergleidjen 
Urteile  möglid)  finb,  fonbern  nur,  maS  id)  barunter  oerftehe,  unb  bajj, 
menn  id)  in  il)nen  eine  2lrt  ffräbicate  annehme,  fie  (©.  319)  ju  meit,  ner= 
ftelje  id)  fie  aber  non  einer  anberen  2lrt,  fie  (©.  320)  gu  enge  fei.  Slun  io 
ift  aber  flar,  baff,  menn  ein  begriff  aüererft  aus  ber  Definition  Ijeroor* 
gel)t,  eS  unmöglid)  ift,  baff  er  ju  enge  ober  §u  meit  fei,  beim  er  bebeutet 
alsbann  nichts  mel)r,  aud)  nid)tS  meniger,  als  maS  bie  Definition  oon 
il)m  fagt.  SllleS,  maS  man  biefer  nod)  oorroerfen  fönnte,  märe:  baff  fie 
etmaS  an  fid)  Unöerftänblid)eS,  maS  alfo  ^um  ©rflären  gar  nid)t  taugt,  15 
enthalte.  Der  größte  Zünftler  im  23erbunfeln  beffen,  maS  flar  ift,  fann 
aber  gegen  bie  Definition,  meld)e  bie  Äritif  oon  ft)ntl)etifd)en  ©ä^en 
giebt,  nid)ts  auSricpten:  fie  ftnb  ©ä^e,  Deren  ^räbicat  mef)r  in  fid)  ent= 
hält,  al§  im  begriffe  beS  ©ubfects  mirflid)  gebad)t  mirb;  mit  anberen 
^Sorten,  burd)  beren  ^rabicat  etmaS  gu  bem  ©ebanfen  beS  ©ubfects  20 
f)iniugetl)an  mirb,  maS  in  bemfelben  nid)t  enthalten  mar;  anah)tifd)e 
finb  foldje,  beren  S$räbicat  nur  eben  baffelbe  enthält,  maS  in  bem  SSegriffe 
beS  ©ubfects  biefer  Urteile  gebaut  mar.  Slun  mag  baS  ^räbicat  ber 
elfteren  2lrt  ©äpe,  menn  fie  ©äfje  a  priori  finb,  ein  Attribut  (oon  bem 
©ubject  beS  UrtheilS),  ober  mer  meijf  maS  anberS  fein,  fo  barf  biefe  23e=  25 
ftiuimung,  ja  fie  mufe  nicfjt  in  bie  Definition  fommen,  menn  eS  aud)  auf 
eine  fo  belefyrenbe  Slrt,  mie  ^perr  ©bewarb  es  auSgefüt)rt  t)at,  oon  bem 
©ubfecte  bemiefen  märe;  baS  gehört  jur  Debuction  ber  SJlöglidjfeit  ber 
©rfenntniff  ber  Dinge  burd)  foldje  2lrt  Urteile,  bie  aüererft  nad)  ber 
Definition  erfdjeinen  muff.  Sinn  finbet  er  aber  bie  Definition  unoer=  30 
ftänblid),  ju  meit  ober  ju  enge,  meil  fie  biefer  feiner  öernieinten  näheren 
Deftimmu&g  beS  ffräbicats  foldjer  Urteile  nid)t  anpafft. 

Um  eine  ganj  flare,  einfache  ©ad)e  fo  feljr  als  möglid)  in  SSermirrung 
ju  bringen,  bebient  fid)  ^»err  ©bewarb  allerlei  SJtittel,  bie  aber  eine 
für  feine  Slbfidjt  ganj  mibrige  SBirfung  tl)un. 

©.  308  heiff4  eS:  „Die  gan$e  SJtetaphhfif  enthält,  mie  fperr  Äaut 
behauptet,  lauter  anali)tifd)e  Urtl)eile"  unb  führt  als  23elag  feiner 


35 


4 


3® etter  2lbfd;nitt.  233 

3umutf)ung  eine  ©teile  aus  ben  «#rolegomenen  6.  33  au.  ©r  fprid)t 
biefeS  fo  aus,  als  ob  id)  eS  Don  ber  9Jietapl)t)fif  überhaupt  fagte,  ba  bod) 
an  biefem  Drte  fd)led)terbing§  nur  non  ber  bisherigen  «Ketaphpfif,  fo 
fern  ihre  ©ä$e  auf  gültige  33 emetfe  gegrunb et  fi nb,  bie  Kebe  ift. 
s  2)enn  non  berfKetaphpfif  an  ftch  Reifet  eS  ©.36  ber  «Uroleg.:  „(Eigentlich 
metapf)i)fifd)e  Urtheile  finb  inSgefammt  frjnthetifch-^  2lber  and)  Don 
ber  bisherigen  roirb  in  ben  «ßrolegomenen  unmittelbar  nad)  ber  am 
geführten  ©teHe  gefagt:  „bah  fie  aud)  f t) n t h e t i f d) e  ©ät^e  Dortrage, 
bie  man  ihr  gerne  einräumt,  bie  fie  aber  niemals  a  priori  bemiefen 
10  ha&e."  SUfo  nid)t:  bah  bie  bisherige  «KetaphpfU  feine  fi)ntl)etifd)e  ©ähe 
(beim  fie  hat  beren  mehr  als  guüiel)  unb  unter  biefen  aud)  gang  mahre 
©ähe  enthalte  (bie  nämlid)  bie  «ßrincipien  einer  möglichen  Erfahrung 
finb),fonbern  nur  bah  fte  feinen berfelben  auS©rünbeti  a  priori  bemiefen 
habe,  mirb  an  ber  gebad)ten  ©teile  behauptet,  unb  um  biefe  meine  23e= 
i5  hauptung  gu  miberlegen,  hätte  Herr  ©bewarb  nur  einen  bergleid)en  apo= 
biftifd)  bemiefenen  ©ah  anführen  bürfcn;  benn  ber  Dom  gureid)enben 
;©runbe  mit  feinem  23emeife  ©.  163—164  feines  «IRagagtnS  mirb  meine 
«Behauptung  mahrlid)  nicht  miberlegen.  ©ben  fo  angebicptet  ift  aud) 
©.  314,  „bah  id)  behaupte,  bie  2Uatl)ematif  fei  bie  einzige  Sßiffenfchaft, 
•io  bie  fpnthetifche  Urtheile  a  priori  enthalte."  ©r  hat  bie  ©teile  nicht  am 
geführt,  mo  biefeS  Don  mir  gefagt  fein  foüe ;  bah  aber  Dielmehr  baS  ©e= 
gentheil  Don  mir  umftänblid)  behauptet  fei,  mühte  ihm  ber  gmeite  3H)eil 
ber  tranSfcenbentalen  Hauptfrage,  mie  reine  «ftaturmiffenfchaft  möglid) 
fet,  («ßrolegom.  ©.  71  bis  124)  unDerfef)lbar  Dor  Slugen  ftellen,  menn  eS 
‘'25  ihm  nicht  beliebte  gerabe  baS  ©egentheil  baoon  gu  fehen.  ©.  318  fchreibt 
er  mir  bie  «Behauptung  gu,  „bie  Urtheile  ber  «Katl)emaüf  ausgenommen, 
mären  nur  bie  ©rfahrungSurtheile  fpnthetifch",  ba  bod)  bie  Äritif  (erftc 
Slufl.  ©.  158  bis  235)  bie  «Borfteltung  eines  gangen  ©pftemS  Don  meta= 
phhftfd)en  unb  gmar  fpntf)etifd)en  ©runbfätgen  auffteltt  unb  fie  burd) 
so  «Bemeife  a  priori  barthut.  «Keine  «Behauptung  mar:  bah  gleichwohl  biefe 
©runbfätge  nur  «ßrincipien  ber  «Köglid)feit  ber  ©rfahrnng  finb;  er 
macht  barauS,  „bah  fie  nur©rf  at)rungSurtt)eile  finb", mithin  auSbem, 
maS  id)  als  ©runb  ber  ©rfahrnng  nenne,  eine  §o!ge  berfelben.  ©o  mirb 
alles,  maS  aus  ber  Äritit  in  feine  £änbe  fommt,  Dorher  Derbreht  unb 
35  Derunftaltet,  um  eS  einen  Slugenblicf  im  falfdjen  £id)te  erfcheinen  gu  laffeu. 

Kod)  ein  anbereS  .fiunftftücf,  um  in  feinen  ©egenbeljauptungen  fa 
nicht  feftgehalten  gu  merbcu,  ift:  bah  er  fie  in  aang  allgemeinen luSbrücfen 


234 


Uber  eine  ©ntbecf'ung  ic. 


unb  jo  abftract,  als  tfym  nur  mögtict),  oorträgt  unb  fi<^  fjütet  ein  SSetfpiel 
anjufübren,  baran  man  fid)er  erfennen  fönne,  maS  er  bamit  moüe.  @o 
tfjeilt  er  <S.  318  bie  Attribute  in  joldje  ein,  bie  entmeber  a  priori  ober  a 
posteriori  erfannt  merben,  unb  jagt:  es  jd)iene  if)m,  td)  oerftefje  unter 
meinen  jgnt^etijc^ert Urtt)eiten  „bloS  bie  nid)t  jd)led)terbingS  notljmenbigen 
2ßat)rt)eiten  unb  oon  ben  fd)led)terbingS  notfymenbigen  bie  legiere  Art  Ur= 
t£)eile,  beren  notfpoenbige  ißräbicate  nur  a  posteriori  oon  bem  menfdp 
liefen  SSerftanbe  erfannt  merben  fönnen."  ^Dagegen  fc^eint  eS  mir,  baff 
mit  biejen  SBorten  etmaS  AnbereS  fyabe  gejagt  merben  füllen,  als  er  mirf* 
lid)  gejagt  Ijat;  benn  jo,  mie  jte  ba  fielen,  ijt  barin  ein  offenbarer  2Biber= 
fprud).  ißrabicate,  bie  nur  a  posteriori  unb  boct)  alSnotljmenbig  erfannt 
merben,  imgleidjen  Attribute  oon  jolcfyer  Art,  bie  man  nämlid)  nad)  €>.321 
„aus  bem  SBefen  beS  €ubjectS  nict)t  Verleiten  fann",  ftnb  nad)  ber  @r= 
flärung,  bie  jperr  ©bewarb  jelbft  oben  non  ben  letzteren  angab,  ganj 
unbenfbare  3)inge.  2Benn  nun  barunter  bennod)  etmaS  gebaut  unb  ber 
©inmurf,  ben  |>err  ©bewarb  oon  biejer  menigftenS  unoerftänblid)en 
©iftinction  gegen  bie  23raud)barfeit  ber  ^Definition,  meldje  bie  ^riüf  oon 
ji)ntt)etijc^en  Urteilen  gab,  beantmortet  merben  foü,  jo  nuijjte  er  non 
jener  jeltjatnen  Art  oon  Attributen  boct)  menigftenS  ein  23eijpiel  geben; 
jo  aber  fann  id)  einen  (Sinmurf  nic^t  miberlegen,  mit  bem  id)  feinen  €inn 
ju  oerbinben  meife.  @r  oermeibet,  jo  Diel  er  fann,  23eifpiele  aus  ber 
ÜJtetaptjpfif  angufüljren,  fonbern  Ijält  ftc^,  jo  lange  eS  ntöglid)  ift,  an  bie 
aus  ber  üftatljematif,  moran  er  and)  feinem  ^ntereffe  gang  gemäjj  »erfährt. 
5)enn  er  miü  bem  garten  SSormuvfe,  bajj  bie  bisherige  fDtetapfypfif  it)re 
fi)ntf)etifd)e  €äj)e  a  priori  jd)led)terbingS  nid)t  bemeijen  fönne  (meif  jte 
fold)e,  als  oon  ^Dingen  an  ftd)  jelbft  gültig,  aus  ifyren  ^Begriffen  bemeijen 
miü),  auSmeidjen  unb  mal)lt  baf)er  immer  SSeijpiele  aus  ber  9Jtatf)ematif, 
beren  @ät}e  auf  ftrenge  SSemeije  gegrünbet  merben,  meit  fte  Anfd)auung 
a  priori  jum  ®runbe  legen,  melc^e  er  aber  burdjaitS  nic^t  als  mefentlid)e 
^Bedingung  ber  2Röglid)fett  aller  ji)ntl)etifd)en  €äfse  a  priori  gelten  laffen 
fann,  menn  er  nid)t  §ugleid)  alle  Hoffnung  aufgeben  miü,  jein  (Srfenntnijj 
bi§  jum  Überfinnlidjen,  bem  feine  uns  mögliche  Anjdjauung  correjponbirt, 
ju  ermeitern,  unb  jo  jeine  frudjtoerljeijjenbe  gelber  ber  ‘jSfpdjologie  unb 
Geologie  unangebaut  lafjen  miü.  Söenn  man  aljo  feiner  ©inftdjt,  ober 
aud)  feinem  2öiüen,  in  einer  ftreitigen€ad)e  Aufjd)Iuf)  ju  oerjd)affett,  nid)t 
fonberlid)  Sßeifaü  geben  fann,  jo  muff  man  bod)  feiner jtlugfyeit  ®ered)tigfeit 
miberfafyren  lafjen,  feine  aud)  nur  fdjeinbare  SSort^eile  unbenutzt  ju  lafjen. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


groeiter  gifcfcfjnitt. 


235 


2ragt  e§  fid)  aber  $u,  bafe  iperr  ©bewarb  wie  non  ungefähr  auf 
ein  23eifpiel  au3  ber  Metaphpfif  ftöfjt,  fo  üerunglücft  er  bamit  feberjeit 
unb  jwar  fo,  baf  e<§  gerabe  ba§  ©egentheil  oon  betn  beweifet,  wa<§  er  ba= 
burd)  hat  beftdtigen  wollen.  Oben  hatte  er  beweifen  wollen,  baf  e§  aujjer 
5  bem  @at)e  be§  2Biberfprud)§  nod)  ein  anbereS  ißrincip  ber  Möglid)feit 
ber  £)inge  geben  tnüffe,  unb  fagt  bod),  baff  biefeS  au<§  bem  @ape  be§ 
2Biberfprud)S  gefolgert  werben  tnüfcte,  wie  er  e§  benn  aud)  wirflid) 
baoon  ab^uleiten  öerfucpt.  9tun  fagt  er  @.319:  „®er  @ap:  2lüe§  ’Jlotfp 
wenbige  ift  ewig,  alle  notljwenbige  SBaljrheiten  finb  ewige  SBaprlfeiten, 
io  ift  augenfdfeinlid)  ein  fgntljetif  d)er  @ap,  unb  bod)  !ann  er  a  priori 
erfannt  werben."  ©r  ift  aber  augenfd)  einüd)  analptifd),  unb  man 
fann  au§  biefem  SSeifpiele  ^inreii^enb  erfefjen,  welken  üerfe£>rten  begriff 
ftd)  §err  ©berljarb  non  biefem  Unterfd)iebe  ber  @dpe,  ben  er  bod)  fo  au§ 
bem  ©runbe  ^u  fennen  oorgiebt,  nod)  immer  mad)e.  2)enn  SBaprpeit 
iS  wirb  er  bod)  nid)t  als  ein  befonbereS  in  ber  ßeit  epiftirenbeS  2)ing  an* 
fefjen  wollen,  beffen  ©afein  entweber  ewig  fei,  ober  nur  eine  gewiffe  ßeit 
baure.  Saft  alle  Körper  auSgebefjnt  finb,  ift  notlfwenbig  unb  ewig  wahr, 
fte  felbft  mögen  nun  epiftiren  ober  nid)t,  furg  ober  lange,  ober  aud)  alle 
£eit  Ijinburd),  b.  i.  ewig,  epiftiren.  2)er  @ap  will  nur  fagen:  fie  Rängen 
■jo  nid)t  oon  ber  ©rfahrung  ab  (bie  ju  irgenb  einer  ßeit  angefteHt  werben 
muff)  unb  finb  alfo  auf  gar  feine  ßeitbebingung  befcpränft,  b.  i.  fie  ftnb 
a  priori  als  2Baf)rpeiten  erfennbar,  weldjeg  mit  bem  @ape:  fie  finb  als 
nothwenbige  Wahrheiten  erfennbar,  ganj  ibentifd)  ift. 

©ben  fo  ift  eS  auch  mit  bem  @.  325  angeführten  Seifpiele  bewanbt, 
25  wobei  man  jugleid)  ein  SSeifpiel  feiner  ©enauigfeit  in  ^Berufung  auf  @dpe 
ber  Äritif  bemerfen  mufj,  inbem  er  fagt:  „Sch  fe£)e  nicht,  wie  man  ber 
Metaphhfif  alle  fpnthetifdje  Urtpeile  abfpredjen  wolle."  5ftun  hat  bie 
jfritif,  weit  gefehlt  biefeS  gu  thun,  oielmehr  (wie  fd)on  oorher  gemelbet 
worben)  ein  ganzes  unb  in  ber  £l)at  ooUftanbigeS  ©pftem  folcher  Urtheile 
so  als  wahrer  ©runbfahe  aufgeführt;  nur  hat  fte  zugleich  gezeigt,  baf  biefe 
inSgefammt  nur  bie  fpnthetifd)e  ©inheit  beS  Mannigfaltigen  ber  2lm 
fchauung  (als  SSebingung  ber  Möglid)feit  ber  ©rfahrung)  auSfagen  unb 
alfo  aud)  lebiglid)  auf  ©egenftanbe,  fo  fern  fie  in  ber  2lnfd)auung  gegeben 
werben  fönnen,  anwenbbar  finb.  £>aS  metaphpfifd)e  SBeifpiel,  was  er 
ss  nun  oon  f p) n t h et i f d) e n  @apen  a  priori,  bod)  mit  ber  behutfamen  ©in* 
fdfranfung:  wenn  bie  Metaphpftf  einen  folcpen  @ap  bewiefe,  anführt: 
„5lUe  enbliche  SDinge  ftnb  oeranberlid),  unb:  baS  unenblicpe  2)ing  ift  um 


236 


Uber  eine  Gsntbedung  rc. 


oeränberlid)" ,  ift  in  bei  ben  analQtif  (t>.  ©enn  realiter,  b.i.  be  m  ©  a  f  e  i  n 
nad),  oeränberlid)  ift  bas,  beffert  33eftimmungen  in  ber  ßeit  einanber 
folgen  fönnen;  mithin  ift  nur  baS  oeränberlid),  rnaS  nict)t  anberS  als  in 
ber  ßeit  epiftiren  fann.  ©iefe  ©ebingung  aber  ift  nid)t  nothmenbig  mit 
bem  begriffe  eines  enblid)en  ©ingeS  überhaupt  (rnelheS  nidjt  ade  3Reali*  5 
tat  bat),  fonbern  nur  mit  einem  ©inge  als  ©egenftanbe  ber  finnlid)en  2ln= 
fcbauung  oerbunben.  ©a  nun  £err  ©bewarb  feine  ©äfee  a  priori  als 
non  biefer  lefeteren  SSebingung  unabhängig  behaupten  mid,  fo  ift  fein 
©ab,  bafe  adeS  ©übliche  als  ein  folcbeS  (b.  i.  um  feines  biofeen  SBegriffS 
roiüen,  mithin  aud)  als  fdoumenon)  neränberlid)  fei,  falfd).  Sllfo  müßte  10 
ber  ©afe:  SttteS  ©nblicfee  ift  als  ein  folcbeS  oeränberlid),  nur  non  ber  23e= 
ftimmung  feines  SSegriffS,  mithin  logifd)  nerftanben  merben,  ba  bann 
unter  „neränberlid)"  baSjenige  gemeint mirb,  toa§ burcfe  feinen SSegriff nicht 
durchgängig  beftimmt  ift,  mithin  maS  auf  mancherlei  entgegengefet3te  2lrt 
beftimmt  merben  fann.  Sllsbann  aber  märe  ber  8afe,  bafe  en  bliche  ©inge,  15 
b.  i.  ade  aufeer  bem  aderrealften,  logifd)  (in  2lbfid)t  auf  ben  SSegriff,  ben 
man  ftd)  non  ihnen  machen  fann)  neräitberlih  ftnb,  ein  analptifher  ©afe; 
benn  eS  ift  ganj  ibcutifch,  3U  fagen:  ein  endliches  ©ing  benfe  ih  mir 
baburd),  bafe  eS  nid)t  alle  Realität  habe,  unb  ju  fagen:  burd)  biefett 
begriff  non  ifern  ift  nid^t  beftimmt,  melhe  ober  mie  niel  Realität  ih  ihm  2o 
beilegen  folle;  b.  i.  ih  fann  ihm  halb  biefeS,  halb  jenes  beilegen  unb 
bem  begriff  non  ber  ©nbliä)feit  beffelben  unbefcfeabet  bie  SSeftimmung 
beffelben  auf  mancherlei  Söeife  neränberen.  ©ben  auf  biefelbe  2lrt, 
nämlih  logifh,  ift  baS  unenblihe  28efen  mrneränberlih  ♦  weil,  menn 
barunter  baSjenige  Sßefen  nerftanben  mirb,  maS  nermöge  beS  Begriffs  25 
non  il)m  nid)t§  als  Realität  pim  ^räbicate  haben  fann,  mithin  burd.) 
beufelben  fhon  burcfegängig  (mohl  §u  nerftehen,  in  Stnfefeung  ber 
'Ißräbicate,  non  benen  mir,  ob  fte  mat)rhaftig  real  finb  ober  uiht, 
gemife  ftnb)  beftimmt  ift,  feinem  ©egriffe  unbefhabet  an  bie  «Stelle 
feines  einzigen  ^räbicatS  beffelben  ein  anbereS  gefefet  merben  fann;  aber  30 
ba  erhellt  aud)  sugleid):  kafe  biefer  ©afe  ein  bloS  anatptifher  ©afe  fei,  ber 
nämlih  fein  anbereS  ^präbicat  feinem  ©ubjecte  beilegt,  als  aus  biefem 
burd)  ben  ©afe  beS  2Biberfprud)S  entmicfelt  merben  fann*).  SBenn  man 

*)  ßu  ben  ©ahen,  bie  bloS  in  bie  8ogif  gehören,  ober  fid)  burd)  bie  ßmeU 
bentigfeit  il)re3  2lugbrucfg  für  in  bie  SJtetaphhfef  gehörige  einfchleichen  mtb  fo,  ob  35 
fie  gleid)  aualptifd)  finb,  für  fpnthetifd)  geholten  loerbcn,  gehört  anh  ber  ©ah:  bie 
SSefen  ber  2)inge  finb  uuoeranberlid),  b.  i.  man  fann  in  bem,  mag  mefentliä) 


Bweiter  2tbfd)nitt. 


237 


mit  blojjen  Gegriffen  fpielt,  um  bereu  objectiue  Realität  einem  nichts  p 
tfjun  ift,  fo  fann  man  ötel  begleichen  taufdjenbe  Gfrmeiterungen  ber 
SBiffenfdjaft  fetjr  leidet  herausbringen,  ohne  Slnfdjauung  p  bebürfen, 
meines  aber  ganj  anberS  lautet,  fo  halb  man  auf  oermeprte  Grrfenntnifj 
5  beS  DbjectS  binau§ge^t.  $u  einer  fotcfjen,  aber  bloS  fcpeinenben  (Sr= 
meiterung  gehört  aud)  ber  ©ap:  ©aS  unenblid)e  SBefen  (in  jener  meta= 
phhftfdjen  93ebeutung  genommen)  ift  felbft  nid)t  realiter  oeranberlid), 
b.  i.  feine  SSeftimmungen  folgen  in  ihm  nidjt  in  ber  ßeit  (barum  meil  fein 
©afein,  als  btofjen  5ltoumenS,  ofjne  SBiberfprud)  nicht  in  ber  ßeit  gebad)t 
10  merben  fann),  roelcf)eS  eben  fo  mol)l  ein  bloS  analt)tifct)er  @ap  ift,  menn 
man  bie  fgnt^etifctjen  Principien  non  9?aum  unb  Seit  al§  formalen  2ln= 
fdjauungen  ber  ©inge,  als  Phänomenen,  oorauSfept.  ©enn  ba  ift  er  mit 
bem  ©ai)e  ber  Äritif:  ©er  SSegriff  beS  allerrealften  SBefenS  ift 
fein  begriff  eines  Phänomens,  ibentifd),  unb,  toeit gefehlt  bah  er  baS 
15  Gfrfenntnifj  beS  unenblicpen  SßefenS  als  fpnthetifdier  ©ap  ermeitern  füllte, 
fo  fdjliefjt  er  üietmehr  feinen  ^Begriff  baburd),  bafe  er  ihm  bie  2lnfd)auung 
abfpridjt,  oon  aller  ©rmeiterung  aus.  —  Poch  ift  anpmerfen,  baff  .jperr 
(fberljarb,  inbem  er  obbenannte  ©atp  auffteHt,  behutfam  hinpfept: 
„2Benn  bie  fJJfetaphhfif  fte  bemeifen  fann."  3d)  habe  ben  23emeiSgrunb 
20  berfelben  fofort  mit  ange^eigt,  burd)  ben  fte,  als  ob  er  einen  fpntf)etifd)en 
©a^  mit  ftd)  führte,  p  tauften  pflegt,  unb  ber  aud)  ber  einzige  mögliche 

ju  ihrem  SBecjrtffe  gehört,  nid)tl  änbern,  ohne  biefen  begriff  felber  gugleicE)  mit 
aufpheben.  ©iefer  Sah,  welcher  in  23aumgarten!  ffftetaphpfif  §  132  unb  ^mar 
im  fpauptj'tüde  oon  bem  23eränberlid)en  unb  Unoeranberlidjen  fteht,  mo  (mie  e! 
25  aud)  recht  ift)  23eranberung  burch  bie  ©jiftenj  ber  23eftimmungen  eine!  ©inge! 
nach  einanber  (ihre  Succeffion),  mithin  burch  bie  ffolge  berfelben  in  ber  Beit  er» 
ftärt  mirb,  lautet  fo,  all  ob  baburd)  ein  ©efei)  ber  fftatur,  weldje!  unfern  Säegriff 
oon  ben  ©egenftänben  ber  (Sinne  (oornehmlid)  ba  oon  ber  ©riftenj  in  ber  Bpit 
bie  (Rebe  ift)  erweiterte,  oorgetragen  mürbe,  ©aber  aud)  Sefjrlinge  baburd)  et« 
so  mal  (Srbeblicbe!  gelernt  p  haben  glauben,  unb  3.  23.  bie  Meinung  einiger  fDiitie» 
ralogen,  all  ob  Siefeierbe  mohl  nach  unb  nad)  in  ©honerbe  oerroanbelt  merben 
forme,  baburd)  furg  unb  gut  abfertigen,  bafs  fie  fagen:  bie  2Befen  ber  ©inge  finb 
unoeränberlid).  Sillein  biefer  metaphhfifdje  ©innfprud)  ift  ein  armer  ibentifd),er 
(Sa|,  ber  mit  bem  ©afeiti  ber  ©inge  unb  ihren  möglichen  ober  unmöglichen  23er» 
35  änberungen  gar  nicht!  p  tljun  hot,  fonbern  ganglid)  jur  8ogif  gehört  unb  etwa! 
einfdjärft,  mal  ohnebem  feinem  2Renfd)en  p  leugnen  einfallen  fann,  nämlid)  bafe, 
menn  id)  ben  Säegriff  oon  einem  unb  bemfelben  Object  behalten  will,  id)  nicht! 
an  ihm  abänbern,  b.  i.  ba!  ©egentheil  oon  bemjenigen,  mal  id)  burd)  jenen  benfe, 
nicht  oon  ihm  präbiciren  muffe. 


238 


Uber  eine  ©ntbecfung  ic. 


ift,  um  Beftimmungen  (lute  bie  beS  Unoercinberlid)en),  bie,  auf  baS  logi= 
fdje  Söefen  (beS  Begriffs)  bezogen,  eine  getriffe  Bebeutung  haben,  nachher 
nom  O^eatixtefen  (ber  Statur  beS  Objects)  in  ganj  anberer  Bebeutung  p 
braunen,  ©er  ßefer  barf  ftd)  bal)er  nid)t  burd)  bilatorifc^e  Antworten 
(bie  am  (Snbe  bod)  auf  ben  lieben  Baumgarten  auSlaufen  merben,  ber  5 
aud)  begriff  für  @ad)e  nimmt)  ^intjalten  taffen,  fonbern  fann  auf  ber 
©teile  fetbft  urteilen. 

9ftan  ftet)t  aus  ber  ganzen  Berhanblung  biefer  ÜJhtmmer:  bah  perr 
Gsberljarb  non  fhntljetifd)en  Urzeiten  a  priori  entweber  fd)led)terbingS 
feinen  ^Begriff  habe,  ober,  welches  ooab)rf(i)einlic^er  ift,  ifjn  abfid)tlict)  fo  10 
p  oerioirrett  fud)e,  bamit  ber  ßefer  über  baS,  was  er  mit  pänben  greifen 
fann,  zweifelhaft  werbe,  ©ie  zwei  einzige  metapfjpfif^e  Beifpiele,  bie  er, 
ob  fie  gleid),  genau  befetjen,  analt)tifd)  finb,  bod)  gerne  für  fgnttfetifd) 
möchte  burd)fd)lüpfen  taffen,  ftnb:  atte  nothmenbige  2Baf)rt)eiten  finb  ewig 
(hier  hatte  er  eben  fo  gut  baS  SBort  unoeränberlid)  brauchen  fönnen),  15 
itnb:  baS  nothmenbige  Söefen  ift  unoeränbertich.  ©ie  Slrmutl)  an  23ei= 
fpieten,  inbeffen  bah  ihm  bie  ^ritif  eine  fUtenge  berfelben,  bie  acht  ft)n= 
thetifch  ftnb,  barbot,  läft  fid)  gar  wohl  erflaren.  ($S  mar  ihm  baratt  ge= 
legen,  folche  ^ßrabicate  für  feine  Urtheile  p  haben,  bie  er  als  Attribute 
beS  ©ubjectS  aus  beffen  blohem  begriffe  bemeifen  fonnte.  ©a  biefeS  nun,  20 
mentt  baS  ^räbicat  fpnthetifd)  ift,  gar  nicht  angeht,  fo  muhte  er  ftd)  ein 
fotdjeS  auSfudjen,  womit  man  fd>on  in  ber  üftetaphhftf  gewöhnlich  gefpielt 
hat,  inbem  man  eS  halb  in  bloS  logifcher  Beziehung  auf  ben  Begriff  beS 
©ubjectS,  balb  in  realer  auf  ben  ©egenftanb  betrad)tete  uttb  bod)  barin 
einerlei  Bebeutung  zu  ftnben  glaubte,  natnlid)  ben  Begriff  beS  Beränber=  25 
liehen  unb  Unoeränberlichen;  welches  ^räbicat,  wenn  man  bie  (Spftenz 
beS  ©ubjectS  beffelben  in  bie  ßeit  fehl,  aHerbingS  ein  Attribut  berfelben 
unb  ein  fipthetifcheS  Urtheil  giebt,  aber  aisbann  auch  ftnnlid)e  2ln= 
fchauung  unb  baS  ©ing  felber,  obwohl  nur  als  Phänomen,  üorauSfeijt, 
welches  aber  zur  Bebingung  fpnthetifcher  Urtheile  anzunehmen  ihm  gar  30 
nicht  gelegen  war.  3lnftatt  nun  baS  ^rabicat  untteränberlid)  als  non 
©ingen  (in  ihrer  (Spcifteng)  geltenb  p  brauchen,  bebient  er  ftd)  beffelben 
bei  Begriffen  oon  ©ingen,  ba  alsbattn  freilich  bie  Unoeränberlid)feit  ein 
Attribut  aller  ^räbicate  ift,  fo  fern  fte  notfjmenbig  p  einem  gemiffen 
Begriffe  gehören;  biefent  Begriffe  felbft  mag  nun  irgenb  ein  ©egenftanb  35 
correfponbiren,  ober  er  mag  auch  ein  leerer  Begriff  fein.  —  Borljer  hatte 
er  fd)on  mit  öem  ©at)e  beS  ©rttnbeS  eben  baffetbe  «Spiel  getrieben.  Btan 


3tueiter  Slbfdjnitt. 


2B9 


foGte  benfen,  er  trage  einen  metaphhftfdjen  Sat$  Dor,  ber  etwas  a  priori 
Don  Singen  beftintme,  nnb  er  ift  ein  bloS  logifdjer,  ber  nichts  weiter  fagt, 
al§:  bamit  ein  Urteil  ein  Sah  fei,  muff  eS  nid)t  bloS  als  möglich  (pro* 
blematifd)),  fonbern  sugleid)  als  gegrünbet  (ob  anal^tifdE)  ober  fpnthetifd), 
5  ift  einerlei)  oorgefteGt  werben.  Ser  metaphhfifd)e  Sah  ber  Eaufalität 
lag  ihm  gan*  nahe;  er  hütete  fid)  aber  wohl  if)n  anprühren  (benn  baS 
33eifpiel,  welches  er  Don  bem  lederen  anfitljrt,  pajjt  nid)t  ^ur  2lGgemeinf)eit 
fene§  oberften  oorgeblidjen  ®runbfa|e§  aGer  fpnthetifheu  Urteile).  Sie 
Urfad)e  war:  et  woüte  eine  logifdje  Vegel,  bie  gänzlich  analptifd)  ift  nnb 
10  Don  aGer  Vefhaffenheit  ber  Singe  abftratjirt,  für  ein  Vaturprincip,  um 
weld)e§  e§  ber  Vtetaphhfif  aGein  gu  tf)un  ift,  bnrd^fct)lüpfen  laffen. 

£err  Eberf)arb  muh  gefürd)tet  haben,  bah  ber  3efer  biefeS  Vlenb* 
wert  enblid)  hoch  burd)f<hauen  möchte,  unb  fagt  baher  $um  Schluffe  biefer 
-Gümmer  S.  BB1,  bah  „ber  Streit,  ob  ein  Sah  ein  analijtifdjer  ober  fpn* 
is  thetifcher  fei,  in  3^ücffid)t  auf  feine  logifche  Wahrheit  ein  unerheblicher 
Streit  fei",  um  ihn  bem  2efer  einmal  für  aüemal  aus  ben  Slugen  $u 
bringen.  Slber  Dergeblid).  Ser  blojje  gefunbe  5Genfd)enüerftanb  muh 
an  ber  $rage  fefthalten,  fo  halb  fte  ihm  einmal  flar  Dorgelegt  worben. 
Saß  ich  über  einen  gegebenen  begriff  mein  Erfenntnijj  erweitern  fönne, 
20  lehrt  mid)  bie  tägliche  Vermehrung  meiner  Äenntniffe  burd)  bie  ftd)  immer 
Dergröhernbe  Erfahrung.  SIGein  wenn  gefagt  wirb:  bah  ich  fte  über  bie  ge= 
gebenen  Vegriffe  hinaus  auch  ohne  (Erfahrung  Dermehren,  b.  i.  a  priori 
fpnthetifd)  urtheilen  fönne,  unb  man  fehle  hinju,  bah  E)ie^u  nothwenbig 
etwas  mehr  erforbert  werbe,  als  biefe  Vegriffe  ju  haben,  eS  gehöre  noch 
25  ein  Erunb  ba$u,  um  mehr,  als  id)  in  jenen  fd)on  benfe,  mit  SBaljrheit 
hinju  ju  thun:  fo  würbe  ich  ihn  auSlachen,  wenn  er  mir  fagte,  biefer 
Sah,  ich  ntüffe  über  meinen  Vegriff  noch  irgenb  einen  ©runb  haben,  um 
mehr  ju  fagen,  als  in  ihm  liegt,  fei  berjentge  ©runbfah  felbft,  weiter  ju 
jener  Erweiterung  fchon  hinreichenb  fei,  inbem  ich  nur  nur  oorfteüen 
30  bür fe,  biefeS  9Gehrere,  was  ich  a  priori  als  jum  Vegriffe  eines  SingeS 
gehörig,  hoch  aber  nid)t  in  ihm  enthalten  benfe,  fei  ein  Attribut.  Senn 
ich  n>iü  wiffen,  was  benn  baS  für  Erunb  fei,  ber  mich  auher  bem,  was 
meinem  Vegriffe  wefentlich  eigen  ift,  unb  was  ich  fchon  muffte,  mit  mel)= 
rerem  unb  jwar  nothwenbig  als  Attribut  gu  einem  Singe  Gehörigen, 
35  aber  hoch  nicht  im  Vegriffe  beffelben  Enthaltenen  befannt  macht.  5Gun 
fanb  ich:  bah  bie  Erweiterung  meiner  Erfenntnih  burd)  Erfahrung  auf 
ber  empirifhen  (Sinnen*)  2lnfd)auung  beruhte,  in  welcher  ich  Vieles  an* 


240 


Über  eine  (gntbecfung  ic. 


traf,  maS  meinem  begriffe  correfponbirte,  aber  aud)  nod)  MeljrereS,  maS 
in  biefem  begriffe  nod)  nid)t  gebaut  mar,  als  mit  jenem  oerbunben  lernen 
fonnte.  SRnn  begreife  id)  leicht,  menn  man  mid)  nur  barauf  füßrt:  baß, 
rnenn  eine  ©rmeiterung  ber  ©rfenntniß  über  meinen  SSegriff  a  priori 
ftattfinben  foü,  fo  merbe,  mie  bort  eine  etnpirifcße  Slnfdjauung,  fo  ju  öem  5 
lederen  33el)uf  eine  reine  2lnfd)auung  a  priori  erforberlid)  fein;  nur  bin 
id>  oerlegen,  mo  id)  fie  antreffen  unb  mie  id)  mir  bie  Möglid)feit  berfelben 
erflären  foü.  geßt  merbe  id)  burd)  bie  jtritif  angemiefen,  alles  ©mpirifcße 
ober  2Bir!ücfy=©mpfinbbare  im  fftaum  unb  ber  ßett  meg^nlaffen,  mithin 
alle  ©inge  ifjrer  empirifcßen  ißorftettung  nad)  gu  oernid)ten,  unb  fo  finbe  10 
id),  baß  ütaum  unb  ßeit  gleid)  als  einzelne  SBefen  übrig  bleiben,  oon 
benen  bie  2lnfd)auung  oor  allen  Gegriffen  oon  ißnen  unb  ber  ©inge  in 
ißtien  oorßergeßt,  bei  meld)er  SSefcßaffenßeit  biefer  urfprünglidßen  35or= 
ftetlungSarten  id)  fie  mir  nimmermeßr  anberS,  als  blofee  fubjectioe  (aber 
poßtioe)  formen  meiner  ©innlicßfeit  (nid)t  bloS  als  Mangel  ber  ©eut=  15 
üd)feit  ber  SSorfteÜungen  burd)  biefelbe),  nid)t  als  formen  ber  ©inge 
an  fid)  felbft,  alfo  nnr  ber  Objecte  aller  ßnnlicßen  iJlnfcpauung,  mithin 
bloßer  (Srfcßeinuugen  benfen  rnüffe.  .jbieburd)  mirb  mir  nun  flar,  nicßt 
allein  mie  fpntßetifdje  ©rfenntniffe  a  priori  fomol)l  in  ber  Matßematif 
al§  9taturmiffenfcßaft  möglid)  feien,  inbem  jene  2lnfd)auungen  a  priori  20 
biefe  ©rroeiterung  möglid)  unb  bie  fi)ntl)etifd)e  ©inßeit,  meld)e  ber  23er= 
ftanb  allemal  bem  Mannigfaltigen  berfelben  geben  muß,  um  ein  Object 
berfelben  ju  benfen,  fie  mirfüd)  machen;  fonbern  muß  aud)  jugleid)  inne 
merben,  baß,  ba  ber  SSerftanb  feinerfeits  nicßt  and)  anfcßauen  fann,  jene 
fpntßetifcße  ©ciße  a  priori  über  bie  ©rennen  ber  ßnnlicßen  Slnfcßauuug  25 
ßinauS  nid)t  getrieben  merben  fönnen:  meü  aHe  ^Begriffe  über  biejeS  gelb 
ßinauS  leer  unb  oßne  einen  ißnen  correfponbirenben  ©egenftanb  fein 
muffen;  inbem  id),  um  ju  folgen  ©rfenntniffen  ju  gelangen,  oon  meinem 
SSorratße,  ben  id)  jur  ©rfenntniß  ber  ©egenftanbe  ber  @inne  brauche, 
einiges  meg^ulaffen,  maS  an  jenen  niemals  meggulaffen  ift,  ober  baS  3Ü 
anbere  fo  §u  oerbinben,  als  eS  niemals  an  jenem  oerbunben  fein  fann, 
unb  mir  fo  ^Begriffe  ju  mad)en  magen  müßte,  oon  benen,  obgleid)  in  ißnen 
fein  SBiberfprud)  ift,  id)  bod)  niemals  miffen  fann,  ob  ißnen  überhaupt 
ein  ©egenftanb  correfponbire,  ober  nicßt,  bie  alfo  für  mid)  oöHig 
leer  ßnb. 

3tun  mag  ber  fiefer,  inbem  er  baS  ßier  ©efagte  mit  bem,  maS  tperr 
(äberßarb  oon  <5.  316  an  oon  feiner  ©fpoßtion  ber  fpntßetifcßen  Ur= 


35 


Bweiter  SXbfdEjnitt. 


241 


t^eile  rühmt,  oergleicht,  felbft  urteilen,  ln  er  unter  uns  betben  einen 
leeren  Söörterfram  (tatt  Sad)fenntnih  pm  öffentlidjeu  2Serfef)r  auSbiete. 

9cod)  S.  316  ift  ber  (Sharafter  berfelben,  „bah  fie  bei  einigen  2£aljr= 
beiten  Attribute  beS  SubfectS,  bei  ben  ßeitwahrheiten  ^ufdUige  23e= 
5  fchaffenheiten  ober  33erb)dltniffe  p  ihren  ^3räbicaten  bjaben,^  unb  nun 
öergleidjt  er  S.  316  mit  biefetn  nach  S.  317  f r u cf) t b ar ft en  unb  ein= 
leud)tenbften  GrintheilungSgrunbe  ben  ^Begriff,  ben  bie  Äritif  non  ihnen 
ßiebt,  nämlich  baff  fpnthetifche  Urtheile  folche  finb,  beren  ^rincip  nicht 
ber  Sah  beS  2Biberfprud)S  fei!  „3lber  welcher  bann?"  fragt  .fberr  (5ber= 
io  harb  unwillig  unb  nennt  barauf  feine  (Sntbecfung  (oorgeblid)  aus  ßeib= 
nipnS  Schriften  gezogen),  nämlich  ben  Sah  beS  ©runbeö,  ber  alfo  neben 
bem  Sat^e  beS  2Biberfpruch§,  um  ben  fid)  bie  analptifchen  Urtheile 
breljen,  ber  jweite  3:h^rangel  ift,  woran  fid)  ber  menfd^liche  SSerftanb 
bewegt,  nämlich  in  feinen  frjnthetifchen  Urtheilen. 
a5  3Run  fielet  man  aus  bem,  was  ich  nur  eben  als  baS  furpefaffte  9ie= 
fultat  beS  analt}tifcf)en  STheitS  ber  Äritif  beS  -SSerftanbeS  angeführt  höbe, 
bah  biefe  baSißrincip  fputhetifcher  Urtheile  überhaupt,  welches  notljwenbig 
aus  ihrer  ^Definition  folgt,  mit  aller  erforberlidjen  SluSführlichfeit  bar= 
lege,  nämlich:  bah  fie  nicht  anberS  möglich  finb,  als  unter  ber 
■20  SSebingung  einer  bem  begriffe  ihres  SubfectS  untergelegten 
Slnfcpauung,  welche,  wenn  fie  ßrfahrungSurthetle  finb,  empirifd),  finb 
eS  fpnthetifcbe  Urtheile  a  priori,  reine  2tnfd)auung  a  priori  ift.  2öeld)e 
folgen  biefer  Sap  nicht  allein  pr  ©renjbefiimmung  beS  Gebrauchs  ber 
menfchltchen  Vernunft,  fonbern  felbft  auf  bie  (Sinficpt  in  bie  wahre  SRatur 
25  uitferer  Sinnlichfeit  höbe  (benn  biefer  Sap  fann  unabhängig  oon  ber  2fb= 
leitung  ber  SSorfteHungen  beS  DtaumS  unb  ber  ßett  bewiefen  werben  unb 
fo  ber  ßjbealttät  ber  lepteren  pm  23eweife  bienen,  noch  ehe  wir  fie  aus 
beren  inneren  23efcf)affenbeit  gefolgert  hoben),  boS  muh  ein  feber  Sefer 
leicht  einfehen. 

30  5ftun  oergleiche  man  bamit  baS  vorgebliche  ^rincip,  welches  bie 
©berharb’fche  23eftimmung  be*-  üftatur  fpnthetifcher  Säpe  a  priori  bei 
ftch  führt.  „(Sie  finb  folche,  welche  oon  bem  begriffe  eines  SubfectS  bie 
Attribute  beffelben  auSfogen,"  b.  i.  folche,  bie  nothwenbig,  aber  nur  als 
folgen  p  bemfelben  gehören,  unb  weil  fie,  als  folche  betrachtet,  auf  irgenb 
35  einen  ®runb  bepgen  werben  müffen,  fo  ift  ihre  2Jiögli<hfeit  burdf  baS 
ißrincip  beS  ©runbeS  begreiflich-  9lun  fragt  man  aber  mit  fftecht,  ob 
biefer  ©runb  ihres  ^räbicatS  nach  bem  Sape  beS  2Biberfprud)§  im  Sub= 

Äant'3  ©Stiften.  SBnEe.  VIII.  16 


242 


Über  eine  Gsntbecfung  xt. 


jede  au  fudjen  ift  (in  meldjem  §aüe  baS  Urzeit  tro^  bem  ^ßrincip  beS 
©runbeS  immer  nur  analQtifd)  fein  mürbe),  ober  nad)  bem  ©afje  beS 
2öiberfprud)S  auS  bem  begriffe  beS  ©ubfectS  nid)t  abgeleitet  merben  tonne, 
in  meldjem  ßfatle  baS  Slttribut  allein  tyntfjetifd)  ift.  Sllfo  unterfcfoeibet 
meber  ber  %ame  eines  Attributs,  ttod)  ber  ©ata  beS  jurei^enben  ©runbeS  5 
bie  ft)ntl)etifd)en  Urteile  oon  analt)tifd)en,  fonbern  menn  bie  erftern  als 
Urteile  a  priori  gemeint  ftnb,  fo  fann  man  nad)  biefer  ^Benennung  nid)tS 
metter  fagen,  als  baft  baS  ißrdbicat  berfelben  notljmenbig  im  ßöefen  beS 
^Begriffs  beS  ©ubfectS  auf  irgenb  eine  2lrt  gegrünbet,  mittjin  Attribut 
fei,  aber  nid)t  bloS  jufolge  beS  ©atjeS  beS  2Biberfprud)S.  2ßie  eS  nun  10 
aber  alS  fgntl)etifd)eS  Attribut  mit  bem  begriffe  beS  ©ubfectS  in  3Ser= 
btnbung  tomme,  ba  eS  burd)  bie  ßerglieberung  beffelben  barauS  nid)t  ge= 
jogen  merben  fann,  ift  aus  bem  ^Begriffe  eines  Attributs  unb  bem  @a^e: 
baf}  irgenb  ein  ©runb  beffelben  fei,  nid)t  au  erfefyett;  unb  £errn  ©berfyarbS 
iBeftimmung  ift  alfo  gana  leer,  £>te  ßritif  aber  aeigt  biefen  ©runb  ber  i5 
2J?öglid)feit  beutlid)  an,  namlidj:  baf)  eS  bie  reine,  bem  ^Begriffe  beS  ©ub-= 
jectS  untergelegte  5lnfd)auung  fein  muffe,  an  ber  eS  möglich,  fa  allein 
möglid)  ift,  ein  fqntfjetifcfyeS  ißräbicat  a  priori  mit  einem  ^Begriffe  au 
oerbinben. 

2BaS  hierin  entfdjeibet,  ift,  bafj  bie  ßogif  fd)led)terbingS  feine  2luS=  20 
funft  über  bie  §rage  geben  fann:  mie  tyntljetifdje  ©äfje  a  priori  möglid) 
ftnb.  SßoUte  fte  fagen:  Seifet  aus  bem,  maS  baS  SBefen  eures  Begriffs 
auSmad)t,  bie  l)inreid)enb  baburd)  beftimmten  fyntfyetifcfyen  ^ßräbicate  (bie 
aisbann  Slttribute  f)ei|en  merben)  ab:  fo  ftnb  mir  eben  fo  meit  mie  Dorier. 
2öie  foll  id)  eS  anfangen,  um  mit  meinem  begriffe  über  btefeit  ^Begriff  25 
felbft  IjinauS  au  gefjen  unb  mel)r  baoon  a u  fagen,  als  in  if)m  gebaut 
morben?  3)ie  Aufgabe  mirb  nie  aufgelßfet,  menn  man  bie  53ebingungen 
ber  ©rfenntnif),  mie  bie  ßogif  tlfut,  bloS  oon  ©eiten  beS  SSerftanbeS  in 
2lnfd)lag  bringt.  2)ie  @innlid)feit  unb  amar  als  aSermögen  einer  2ln= 
fd)auung  a  priori  muff  babei  mit  in  aöetrad)tung  geaogen  merben,  unb  3C, 
mer  in  ben  (Slafftficationen,  bie  bie  ßogif  oon  aSegriffen  mad)t  (tnbern 
fte,  mie  eS  aud)  fein  muff,  oon  allen  Objecten  berfelben  abftraf)irt),  Oroft 
au  finben  oermeint,  mirb  Wüfye  unb  Slrbeit  oerlieren.  £err  ©bewarb 
beurteilt  bagegen  bte  ßogif  in  biefer  2lbftd)t  unb  nad)  ben  Stn^etgen,  bie 
er  oon  bem  ^Begriffe  ber  Slttribute  (unb  bem  biefen  auSfd)liefälid)  an=  35 
geprenben  ©runbfa^e  fpntfjetifdjer  Urteile  a  priori,  bem  ©a|e  beS  au= 
retdjenben  ©runbeS)  Vernimmt,  für  fo  reichhaltig  unb  oieloerljeiffenb  aum 


Broeiter  jlbfcpnitt. 


243 

iHn f|d)Iuffe  bunfeler  fragen  in  ber  ütransfceubentalphilofophie,  bafe  er 
gar  @.  322  eine  neue  Stafel  ber  ©intheilung  ber  Urteile  für  bie  Sogif 
entwirft  (in  welker  aber  ber  $erfaffer  ber  Äritif  feinen  ihm  barin  an= 
gewiefenen  ^Sla^  «erbittet),  woju  ihn  (sacob  SSer non illi  burd)  eine 
5  320  angeführte  Dermeintlid)  neue  (Sinttjeilung  berfelben  Deranlafet. 

35on  bergleihen  logifhen  ©rfhtbung  fönnte  man  wohl,  wie  eS  einmal  in 
einer  gelehrten  ßeitung  t)ie^,  fagen:  Bit  9t.  ift,  lei  ber!  miebernm  ein  neues 
S^bjermometer  erfunben  worben.  SDenn  fo  lange  man  ftd)  nod)  immer  mit 
ben  beiben  feften  fünften  ber  ©intfjeilung,  bem  $roft=  unb  ©iebepunfte 
io  beS  SSafferS,  begnügen  raufe,  ohne  baS  IBerhältnife  ber  SBärme  in  einem 
oon  beiben  jur  abfoluten  SBarme  beftimmen  gu  tonnen,  ift  eS  einerlei,  ob 
ber  Bwifdjenraum  in  80  ober  100  ©rabe  u.  f.  w.  eingekeilt  werbe.  @o 
lange  man  alfo  nod)  ni d)t  int  Allgemeinen  belehrt  wirb,  wie  benn  Slttrt* 
bute  (üerfteljt  ftd)  fonthetifhe),  bie  bod)  nicht  aus  bem  begriffe  beS  <Sub^ 
i5  jectS  felbft  entwicfelt  werben  fönnett,  baju  tommen,  nothwenbige  ^räbicate 
beffelben  gu  fein  (@.  322.  I,  2),  ober  woljl  gar  als  folcfee  mit  bem  @ub= 
fecte  recipirt  werben  tonnen,  ift  alle  jene  fpftematifhe  ©inttjeilung,  bie 
bie  5Jtöglid)feit  ber  Urteile  ^gleich  angeben  foll,  welches  fte  hoch  in  ben 
wenigften  fällen  fann,  eine  gan^  unnüpe  Saft  fürs  ©ebäd>tnip  unb  möchte 
20  wohl  fchwerltch  in  einem  neueren  ©pftetn  ber  Sogif  einen  $lap  erwerben, 
wie  benn  auch  bie  blope  3bee  Don  fpnthettfhen  Urtpeilen  a  priori  (welche 
£err  ©berparb  fehr  wiberftnnifh  nichtwefentliche  nennt)  fchledjter* 
bingS  nicht  für  bie  Sogif  gehört. 

ßutept  noch  etwas  über  bie  Don  £errn  ©berparb  unb  anberen  üor= 
25  'gebrachte  ^Behauptung:  bap  bie  Unterfheibung  ber  fpntpetifhen  Don  aua= 
tptifcpen  llrtheilen  nicht  neu,  fonöern  langft  befannt  (Derntuthlich  and) 
wegen  ihrer  Unwichtigfeit  nur  nacpläffig  bepanbelt)  gewefen  fei.  ©S  fann 
bem,  welchem  eS  um  SBaprpeit  ju  tpun  ift,  Dornehmlid)  wenn  er  eine 
Unterfheibung  Don  einer  wenigftenS  bisher  unoerfuhten  Art  brauht, 
3o  wenig  baran  gelegen  fein,  ob  fie  fhon  fonft  Don  jemanben  gemäht  worben, 
unb  eS  ift  auch  fhon  baS  gewöhnliche  <§d)ictfal  alles  9teuen  in  2Biffen= 
fhaften,  wenn  man  ihm  nicplS  entgegeitfepen  fann,  bap  man  eS  bod) 
wenigftenS  als  langft  befannt  bei  älteren  antreffe.  Allein  wenn  boh  aus 
einer  als  neu  Dorgetragenen  SSemerfung  auffatlenbe  wichtige  folgen  fofort 
35  in  bie  Augen  fpringen,  bie  unmöglich  hätten  überfeinen  werben  fönnen, 
wäre  jene  fhon  fonft  gemäht  gewefen:  fo  rnüfete  boh  ein  23erbad)t  Wegen 
ber  SRicptigfeit  ober  2Bid)tigfeit  jener  ©intpeiluitg  felbft  entftehen,  welcher 

16* 


244 


Über  eine  GSntbecfurtg  ic. 


trem  ©ebraute  im  Sßege  fielen  formte.  3>ft  nun  aber  bie  festere  aufjer 
ßmeifel  gefegt,  unb  jugleit  aut  bie  5ftotmenbigfeit,  mit  ber  ftdj  biefe 
folgen  non  felbft  aufbringen,  in  bie  2lugen  faHenb,  fo  fann  man  mit  ber 
größten  Söaljrfteinlitfeit  annefjmen,  fte  fei  not  nicßt  gemadjt  morben. 

üftun  ift  bie  $rage,  mie  ©rfenntnijj  a  priori  möglich  fei,  IdngftenS, 
üornefymlit  feit  £odeS  Beit  aufgeworfen  unb  belfanbelt  morben;  maS  mar 
natürlicher,  als  bafj,  fo  halb  man  ben  Unterftieb  beS  Sfnalßtifd^en  üom 
Spntetiften  in  bemfelben  beutlid)  bemerft  l)dtte,  man  biefe  allgemeine 
Stage  auf  bie  befonbere  eingeftvänft  paben  mürbe:  mie  finb  fpntfjetift  e 
Urteile  a  priori  möglich?  3>nn  fo  halb  biefe  aufgemorfen  morben,  fo 
geht  febermann  ein  Sicht  auf,  nämlid)  bafe  baS  Stepen  unb  fallen  ber 
2Retapftftf  lebigüd)  auf  ber  2lrt  beruhe,  mie  bie  leßtere  Aufgabe  aufge= 
löfet  mürbe;  man  hätte  ficherlid)  aHeS  bogmatifte  Verfahren  mit  ifjr  fo 
lange  eingefteHt,  bis  man  über  biefe  einzige  Aufgabe  hinreichenbe  2luS= 
funft  erhalten  hätte;  bie  Kritif  ber  reinen  Vernunft  märe  baS  £ofungS= 
mort  gemorben,  oor  meinem  and)  bie  ftärffte  ^ofaune  bogmatifcher  23e= 
pauptungen  berfelben  nicht  hätte  auffommen  fönuen.  £>a  biefeS  nun  nicht 
gefd)ef)en  ift,  fo  fann  man  nid)t  anberS  urteilen,  als  bafj  ber  genannte 
Unterftieb  ber  ltrtfjeile  niemals  gehörig  eingefeljen  morben.  2)iefeS  mar 
aut  unoermeiblid),  menn  fte  i£)n  mie  ^»err  ©bewarb,  ber  aus  treu 
^räbicaten  ben  blofsen  Unterftieb  ber  Attribute  oom  SBefen  unb  mefent= 
liehen  Stüden  beS  SubjectS  matt,  beurteilten  unb  ihn  alfo  jur  Sogif 
wählten,  ba  biefe  eS  niemals  mit  ber  2ftögltd)feit  beS  ©rfenntniffeS  trern 
Spalte  nach,  fonbern  bloS  mit  ber  Sorrn  berfelben,  fo  fern  eS  ein  biS= 
curfiöeS  ©rfenntnijj  ift,  §u  tun  t)at,  ben  Urfprung  ber  ©rfenntnijf  aber 
a  priori  oon©egenftänben  gu  erforften  auSftliefelit  ber£ranSfcenbental= 
ppilofopljie  übertaffen  mufj.  5)iefe  ©inftd)t  unb  beftimmte  33rauchbarfeit 
fonnte  bie  genannte  Gnntf)eilung  aut  nicht  erlangen,  menn  fte  für  bie 
SluSbrüde  ber  analptiften  unb  fontljetiften  fo  übel  gemähte,  als  bie  ber 
ibentiften  unb  nitti bentij djen  Urteile  eS  ftnb,  eingetauftt  hätte. 
3)enn  burt  bie  leptern  mirb  nicht  bie  tninbefte  Sinnige  auf  eine  befonbere 
2lrt  ber  2Röglitfeit  einer  folgen  $erbinbung  ber  SSorfteHungen  a  priori 
getan;  an  beffen  Statt  ber  SluSbrud  eines  fpntfjetiften  Urteils  (im 
©egettfape  beS  analptiften)  fofort  eine fpinmeifung  ju  einer  SpntpefiS 
a  priori  überhaupt  bei  fit  führt  unb  natürlid)er  Sßeife  bie  Unterfudjung, 
melte  gar  nitt  mepr  logift,  fonbern  fton  tranSfcenbentat  ift,  oeranlaffen 
mu^:  ob  eS  nid)t  begriffe  (Kategorien)  gebe,  bie  nichts  als  bie  reine  f pn= 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


gioeitei'  StEffcffmtt. 


245 


thetifdje  (Einheit  eines  Mannigfaltigen  (in  irgenb  einer  Anfdjauuug) 
jurn  SSeljuf  beS  ^Begriffs  eines  Objects  überhaupt  auSfagen,  unb  bie  a 
priori  aller  ©rfenntniff  beffelben  gum  ©runbe  liegen;  itnb  ba  biefe  nun 
bloS  baS  Oenfen  eines  ©egenftanbeS  überhaupt  betreffen,  ob  nicht  auch  gu 
5  einer  folgen  fffnttjetifchen  ©rfenntniff  bie  Art,  wie  berfelbe  gegeben  werben 
nutffe,  nämlich  eine  gorm  feiner  Anfcffauung,  eben  fo  wohl  a  priori  oorauS11 
gefefft  werbe;  ba  benn  bie  barauf  gerichtete  Aufmerffamfeit  jene  logifdje 
Unterfcheibung,  bie  fonft  feinen  Muffen  haben  fann,  unüerfefffbar  in  eine 
tranSfcenbentale  Aufgabe  würbe  üerwanbelt  haben. 

10  ©S  war  alfo  nicht  bloS  eine  SBortfünftelei,  fonbern  ein  Schritt  naher 
gur  ©achfenntniff,  wenn  bie  Äritif  guerft  ben  Unterfdffeb  ber  Urtheile,  bie 
gang  auf  bem  ©affe  ber  gbentität  ober  beS  ABiberfpruchS  beruhen,  üon 
benen,  bie  noch  eines  anberen  bebürfen,  burch  bie  ^Benennung  analptifdjer 
rnt  ©egenfaffe  mit  fpnthetifchen  Urtffeilen  fennbar  machte.  2)enn  bah 
is  etwas  aufser  bem  gegebenen  ^Begriffe  noch  als  ©ubftrat  Iffngu  fornmen 
muffe,  was  eS  möglich  macht,  mit  meinen  ißräbicaten  über  ihn  hinaus  git 
gehen,  wirb  burcff  ben  AuSbrncf  ber  ©hnthefiS  flar  angegeigt,  mithin  bie 
Unterfucffung  auf  bie  Möglichfeit  einer  ©pnthefiS  ber  SSorfteHungen  gum 
23ehuf  ber  ©rfenntniff  überhaupt  gerichtet,  welche  halb  bafffn  auSfchtagen 
20  muffte,  Anfchauung,  für  baS  ©rfenntniff  a  priori  aber  reine  Anfcbau» 
ung  als  bie  unentbehrlichen  SSebingnngen  berfelben  anguerfennen;  eine 
Leitung,  bie  man  üon  ber  ©rflärung  fpnthetifd)er  Urtheile  burch  nicht 
ibentifche  nicht  erwarten  fonnte:  wie  ffe  benn  aus  biefer  auch  niemals  er» 
folgt  ift.  Um  fid)  fpüon  gu  üerfid)ern,  barf  man  nur  bie  23eifpiete  prüfen, 
25  bie  man  bisher  angeführt  hat,  um  gu  beweifen,  baff  bie  gebad)te  Unter» 
fcheibung  fchon  gang  entwicfelt,  obgwar  unter  anberen  AuSbrücfen,  in  ber 
^hilofophie  befannt  gewefen.  3)aS  erfte (üon  mir  felbft,  aber  nur  als  etwas 
bem  Ähnliches  angeführte)  ift  üon  So  cf  e,  welcher  bie  non  iffm  fogenannten 
©rfenntniffe  ber  ©oepifteng  unb  Relation,  bie  erfte  in  ©rfaljrungS»,  bie 
30  zweite  in  moralifdjen  Urtheiten  auffteUt;  er  benennt  aber  nicht  baS  ©pn= 
tffetifche  ber  Urtheile  im  Allgemeinen;  wie  er  benn  auch  aus  btefem  Unter» 
fchiebe  üon  ben  ©affen  ber  Sbentität  nicht  bie  minbeften  allgemeinen 
Regeln  für  bie  reine  ©rfenntniff  a  priori  überhaupt  gezogen  hat.  OaS 
S3eifpiel  aus  3fteufd)  ift  gang  für  bie  Sogtf  unb  geigt  nur  bie  gwei  üer» 
35  fchiebenen  Arten,  gegebenen  Gegriffen  ®eutlid)feit  gu  üerfdjaffen,  an,  ohne 
fid)  um  bie  ©rweiterung  ber  ©rfenntniff  üornehmlich  a  priori  in  Anfeffung 
ber  Objecte  gu  befümntern.  OaS  britte  üon  ©rufiuS  führt  bloS  meta» 


246 


Ü&er  eine  (Jntbetfung  ic. 


ppppfdpe  <Säpe  an,  bie  nic^t  burdp  ben  @ap  beS  SöiberfprudpS  bemiefen 
merben  fönnen.  9ttemanb  pat  alfo  biefe  Unterfdpeibung  in  il)rer  Allge- 
meinpeit  jurn  23epuf  einer  «ftritif  ber  Vernunft  überhaupt  begriffen;  benn 
fonft  patte  bie  fDJatpematif  mit  iprent  gropen  ffteicptpum  an  fpntpetifdpem 
Erfenntnip  a  priori  jurn  23eifpiele  oben  an  aufgefteHt  merbett  muffen, 
beren  Abftecpung  aber  gegen  bie  reine  ^pilofoppie  unb  biefer  ipre  Armutp 
in  Anfepung  bergleidjen  @äpe  (inbeffett  bap  pe  an  analptifdpen  reicp  genug 
ift)  eine  2ftadpforfdpung  megen  ber  fjflöglidpfeit  ber  erfteren  unauSbleiblidp 
patte  oeranlaffen  muffen,  ^nbeffen  bleibt  eS  eines  jeben  Urtpeile  über- 
laffen,  ob  er  pdp  bemupt  ift,  biefen  Unterfcpieb  im  Allgemeinen  fcpon  fonft 
oor  Augen  gepabt  unb  bei  Anberen  gefunben  ju  paben,  ober  nicpt;  wenn 
er  nur  barum  bie  gebacpte  Utadpforfdpung  nidpt  als  überflüfpg  unb  ipr 
ßiel  als  fdpon  längft  erreidpt  üernacpläfpgt. 

*  * 

* 

W\t  biefer  Erörterung  einer  atrgeblidp  nur  noieberpergefteHten,  älteren, 
bie  fJJtetappppf  ju  gropen  Anfprücpen  beredptigenben  $riti!  ber  reinen 
Vernunft  mag  eS  nun  für  fept  unb  für  immer  genug  fein.  @o  oiel  erpeUt 
barauS  pinreidpenb,  bap,  toenn  eS  eine  foldpe  gab,  eS  menigftenS  £errn 
Eberparb  nidpt  befdpieben  mar  pe  ju  fepen,  §u  oerftepen,  ober  in  irgenb 
einem  fünfte  biefem  2Sebürfniffe  ber  ^ßpilofoppie,  menn  aucp  nur  burdp 
bie  jmeite  £anb,  abgupelfen.  —  3)ie  anbern  macferen  Männer,  meld)e 
biSper  bitrcp  ipre  Einmürfe  baS  fritifdpe  Eefdpäfte  im  ©ange  ju  erpalten 
bemüpt  gemefen,  merben  biefe  einzige  AuSnapme  oon  meinem  SSorfape 
(tnidp  in  gar  feine  förmlidpe  ©treüigfeit  einjulaffen)  nicpt  fo  auslegen, 
als  menn  ipre  Argumente  ober  ipr  ppilofoppifdpeS  Anfepen  mir  oon  min- 
berer  SBidptigfeit  ju  fein  gefdpienen  patten:  eS  gefdpap  für  bieSmal  nur, 
um  ein  gemiffeS  Senepmen,  baS  etmaS  EparafteriftifdpeS  an  pdp  pat  unb 
£errn  Eberparb  eigen  ju  fein  unb  Aufmerffamfeit  gn  oerbienen  fdpeint, 
bemerflidp  ju  madpen.  Übrigens  mag  bie  jfritif  ber  reinen  Vernunft, 
menn  pe  fann,  burdp  ipre  innere  geftigfeit  pdp  felbft  meiterpin  aufrecpt 
erpalten.  SSerfcpminben  mirb  pe  nidpt,  nadpbem  pe  einmal  in  Umlauf  ge- 
fommen,  opne  menigftenS  ein  feftereS  @pftem  ber  reinen  ^püofoppie,  als 
biSper  öorpanben  mar,  oeranlapt  ju  paben.  2i!enn  man  pdp  aber  bodp 
einen  folcpen  gaü  jutn  33erfudpe  benft,  fo  giebt  ber  jepige  ©ang  ber  £)inge 
pinreidpenb  ju  erfennen,  bap  bie  fcpeinbare  Eintradpt,  meldpe  fept  nodp 


5 

10 

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20 

25 

30 


ßtueiter  91bfct)nitt. 


247 


^wifchen  ben  ©egnent  berfelben  herrfd)t,  nur  eine  üerftedte  Sinietrad)t  fei, 
inbem  fie  in  2tnfel)ung  beS  ^rincipS,  welches  fte  an  jener  ifjre  ©teile 
fefjen  wollen,  himmelweit  aus  einanber  finb.  ©S  würbe  baher  ein  be= 
luftigenbeS,  jugleid)  aud)  beleljrenbeS  ©piel  abgeben,  wenn  fte  ihren 
&  ©treit  mit  ihrem  gemeinschaftlichen  feinte  auf  einige  3eit  bei  ©eite  gu 
fetjen,  bafür  aber  ftd)  üortjer  über  bie  ©runbfähe,  weld)e  fie  bagegen  an* 
nehmen  wollten,  ju  einigen  oerabrebeten;  aber  fte  würben  bamit  eben  fo 
wenig  wie  ber,  welker  bie  SSrüde  längs  bem  ©trome  ftatt  quer  über  ben* 
felben  ju  fdjlagen  meinte,  jemals  ju  ©nbe  foramen. 

10  23ei  ber  Anarchie,  welche  unter  bem  pljilofophirenben  SSolfe  unöer* 
meiblicher  SBeife  herrfcht,  weil  es  bloS  ein  unfehlbares  (Ding,  bie  Vernunft, 
für  feinen  alleinigen  Qberherrn  erfennt,  ift  eS  immer  eine  üdothhülfe  ge* 
wefen,  ben  unruhigen  Raufen  um  irgenb  einen  großen  9J?ann,  als  ben 
SSereinigungSpunft,  ^u  oerfammlen.  Allein  biefen  ju  oerfteljen,  war  für 
15  bie,  welche  ihren  eigenen  Skrftanb  nicht  ntitbrad)ten,  ober  ihn  §u  braunen 
nicht  ßuft  hatten,  ober,  ob  eS  ihnen  gleich  an  beibem  nicht  mangelte,  ftd) 
hoch  anftetlten,  als  ob  fte  ben  ihrigen  nur  oon  einem  anberen  ju  Sehne 
trügen,  eine  ©chmiertgfeit,  welche  eine  baitrenbe  SSerfaffung  gu  erzeugen 
bisher  oerljinberte  unb  nod)  eine  gute  3eü  wenigftenS  fefr  erfdjwerenwirb. 
20  (DeS  herrn  oon  ßeibnij  fIRetapljqftf  enthielt  oornehmlid)  brei  ©igen* 
thümlidjfeiten:  1.  ben  @atj  beS  jureichenben  ©runbeS,  unb  jwar  fo  fern 
er  bloS  bie  ttttäulänglidjleit  beS  ©ajjeS  beS  2Biberfprud)S  $unt  ©rfenntniffe 
nottjwenbiger  2ßaf)rheiten  anjeigen  foüte;  2.  bie  fHtonabenlehre;  3.  bie 
gefre  oon  ber  oorherbeftimmten  Harmonie.  2Begen  biefer  brei  ^ßrincipien 
25  ift  er  oon  oielen  ©egnern,  bie  ihn  nicht  oerftanben,  ge^wadt,  aber  aud)  (wie 
ein  großer  Kenner  unb  würbiger  ßobrebner  beffelben  bei  einer  gewiffen 
(Gelegenheit  fagt)  oon  feinen  oorgeblidjen  Anhängern  unb  Auslegern 
mifhanbelt  worben;  wie  eS  aud)  anbern  ip^ilofop^en  beS  StlterthumS 
ergangen  ift,  bie  wof)l  hatten  fagen  fönnen:  (Gott  bewahre  uns  nur  oor 
30  mtferen  ^reunben;  oor  unferen  f^einben  wollen  wir  uns  wohl  felbft  in 
Sicht  nehmen. 

I.  3ft  eS  wof)l  glaublich,  baf  Seibni^  feinen  @a|  beS  jureidjenben 
©runbeS  objectio  (als  3Raturgefeh)  habe  oerftanben  wiffen  wollen,  inbem 
er  eine  grofce  2Bid)tigfeit  in  biefem,  als  3ufa|e  jur  bisherigen  Phtlofopljie 
35  fefcte?  (Sr  ift  ja  fo  allgemein  befannt  unb  (unter  gehörigen  ©infd)ränfun= 
gen)  fo  augenfdjeralid)  flar,  bafc  aud)  ber  fd)Ied)tefte  ßopf  bamit  nicht  eine 
neue  ©ntbedung  gemacht  §u  haben  glauben  fann;  auch  ift  er  oon  ihn  mifs* 


248 


Über  eine  ©ittbecfung  ic. 


Derftebenben  ©egnern  barüber  mit  manchem  Spotte  angelaffen  morben. 
Mein  biefer  ©runbfap  mar  3hm  bloS  ein  fubfectiDeS,  nämlich  bloS  auf 
eine  Äritif  ber  Vernunft  bezogenes,  ^ßrincip.  £>enn  maS  peifet  baS:  über 
ben  Sab  beS  SßiberfpruchS  muffen  noch  attbere  ©runbfäbebinpfotnmen? 
@S  beifet  fo  Diel  alS:  nach  bem  Safje  beS  2Biberfprud)S  fann  nur  baS,  maS 
fcbjon  in  ben  Gegriffen  beS  Objects  liegt,  erlannt  merben;  foU  nun  nod) 
ctmaS  mehr  non  biefern  gefagt  merben,  fo  mub  etmaS  über  biefen  begriff 
btnpfommen,  unb  mie  biefeS  b^äufommen  fönne,  bap  mu|  noch  ein 
befottbereS,  Dom  Sape  beS  SßtberfprudjS  unterfdjiebeneS  $rinäp  gefugt 
merben,  b.  i.  fte  müffen  ihren  befonberen  ©runb  buben.  2)a  nun  bie 
leptere  2Irt  Sdpe  (jept  menigftenS)  fpntbetifdj  beiden,  fo  moHte  ßeibnij 
nichts  meiter  fagen,  alS:  eS  muff  über  ben  Sab  &eS  2Biberfprud)S  (als  baS 
$rincip  analptifcber  Urteile)  noch  ein  anbereS  ißrincip,  nämlid)  baS 
ber  fpntbetifcben  Urtbeile,  binpfommen.  ©iefeS  mar  aßerbingS  eine  neue 
unb  bemerfenSmürbige  «fbinmeifung  auf  itnterfud)ungen,  bie  in  ber  ÜDMa* 
pbpfif  nod)  anpfteßen  mären  (unb  bie  aud)  mirflid)  feit  furpm  angefteßt 
morben).  SBenn  nun  fein  Slnbänger  biefe  ^inmeifung  auf  ein  befonbereS 
bamalS  noch  p  fudtjenbeS  $rincip  für  baS  (fdjon  gefitnbene)  ^rincip 
(ber  fpntbetifdjen  ©rfenntnifc)  felbft  auSgtebt,  momit  Seibnij  eine  neue 
©ntbecfung  gemacht  p  haben  gemeint  gemefen,  fept  er  ihn  ba  nicht  bem 
©efpötte  aus,  inbern  er  ihm  eine  Sobrebe  p  halten  gebaute? 

II.  Sft  es  mobl  p  glauben,  bah  Seibnig,  ein  fo  grober  3Hatbema= 
tifer!  bie  Körper  aus  2J?onabeit  (biemit  auch  ben  3ftaum  aus  einfachen 
^heilen)  bube  pfammenfetjen  moflen?  @r  meinte  nicht  bie  ^örpermelt, 
fonbern  ihr  für  uns  unerfennbareS  Subftrut,  bie  inteßigibele  SSelt,  bie 
bloS  in  ber  Sbee  ber  Vernunft  liegt,  unb  morin  mir  freilich  aßeS,  maS 
mir  barin  als  pfammengefehte  Subftanj  benten,  uns  als  aus  einfachen 
Subftanjen  beftebenb  Dorftetlen  müffen.  2lud)  fcheint  er  mit  ißlato  bem 
menfd)lid)en  (Seifte  ein  urfprünglicbeS,  objmar  jept  nur  DerbunfelteS, 
inteUectuelleS  2Xnfct)auen  biefer  überfinnlicpen  SBefen  beiplegen,  baoon 
er  aber  nichts  auf  bie  Sinnenmefen  bepg,  bie  er  für  auf  eine  befonbere 
2lrt  2Infd)auung,  beren  mir  allein  pm  ©eljuf  für  uns  möglicher  ©rfennt* 
niffe  fähig  ftnb,  bezogene  SDinge,  in  ber  ftrengften  SSebeutung  für  blobe 
©rfdjeinungen,  (fpecififd)  eigenthümliche) formen  ber  Mfdpuung  gehalten 
miffen  miß;  mobei  man  ftd)  burch  feine  ©rflärung  Don  ber  Sinnltd)feit  als 
einer  üermorrenen  23orfteßungSart  nicht  ftören  laffen,  fonbern  Dielmehr 
eineanbere,  feiner  Slbftd^t  angemeffenere  an  beren  Stelle  fepen  mub:  meil 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


.groetter  SHfcfcfjnitt. 


249 


fonft  fein  Spftem  nid)t  mit  ftct)  felbft  jufammenftimmt.  SDiefen  $ef)ler 
nun  für  abfichtlidje,  rneife  SSorficht  beffelben  aufeunehmen  (rnie  2fia<h= 
ahmer,  um  i^rem  Originale  recht  ähnlich  P  werben,  auch  feine  ©eberbe= 
ober  Sprachfehler  nachmachen),  tann  if)nen  f^merlidt)  jum  SSerbienft 
5  um  bie  ©hre  itjreS  ÜReifterS  angerechnet  merben.  3)aS  Slngeborenfein 
gemiffer  ^Begriffe,  als  ein  SluSbrucf  für  ein  ©runboer mögen  in 
2lnfef)ung  ber  ißrincipien  a  priori  unferer  ©rfenntnifj,  beffen  er  fie^  btoS 
gegen  Sode,  ber  feinen  cmberen  als  empirifchen  Urfprung  anerfennt, 
bebient,  mirb  eben  fo  unrecht  oerftanben,  menn  man  es  nach  bem  SSuct)= 
10  ftaben  nimmt. 

III.  3ft  eS  möglich  ju  glauben,  bafj  Setbnig  mit  feiner  üorf)er= 
beftimmten  Harmonie  jmifchen  (Seele  unb  Körper  ein  ffufammenpaffen 
jmeier  oon  einanber  ihrer  5Ratur  nad)  ganj  unabhängiger  unb  burd)  eigene 
Kräfte  aud)  nicht  in  ©emeinfdjaft  ju  bringenber  SBefen  oerftanben  haben 
15  foHte?  3)aS  märe  ja  gerabe  ben  3bealiSm  angefünbigt;  benn  marum  foK 
man  überhaupt  Körper  annehmen,  menn  eS  möglich  ift,  alles,  maS  in 
ber  (Seele  oorgeht,  als  Söirfung  ihrer  eigenen  Kräfte,  bie  fte  auch  jjctnj 
ifolirt  eben  fo  auSüben  mürbe,  anjufehen?  Seele  unb  baS  uns  gänfüd) 
unbefannteSubftrat  ber©rfcheinungen,  meldje  mirÄörper  nennen, ftnb 
20  jmar  gang  öerfd)iebene SBefen,  aber  biefe  Grrf Meinungen  felbft,  als  blojje 
auf  beS  SubjectS  (ber  Seele)  IBefchaffenheit  beruhenbe  formen  ihrer  2lm 
fdjauung,  fiub  blofe  SSorftellungen,  uub  ba  läfjt  ft<h  bie  ©emeinfchaft 
gmifchen  SSerftanbe  unb  Sinnlichfeit  in  bemfelben  Subjecte  nach  gemiffen 
©efepen  a  priori  mol)l  benfen  unb  bocp  zugleich  bie  nothmenbige  natürliche 
25  ülbhängigfeit  ber  le|teren  oon  äußeren  Gingen,  ohne  biefe  bem  SbealtSm 
preiSjugeben.  3Son  biefer  Harmonie  jmifcpen  bem  SSerftanbe  unb  ber 
Sinnlicpfeit,  fo  fern  fießrfenntniffe  oon  allgemeinen üftaturgefepen  a  priori 
möglich  macht,  hat  bie  Äritif  3um  ©runbe  angegeben,  bah  ohne  biefe  feine 
Erfahrung  möglich  ift,  mithin  bie  ©egenftänbe  (meil  fte  theilS  ihrer  2ln= 
30  fchauung  nach  ben  formalen  Sßebingungen  unferer  Sinnlichfeit,  theilS  ber 
SSerfnüpfung  beS  üliannigfaltigen  nach  ben  ^rincipien  ber  ßufammenorb= 
nung  in  ein  Sßemuftfein,  als  SBebingung  ber  2J?ögli<hfeit  einer  ©rfenntnifj 
berfelben,  gemäfe  ftnb)  oon  uns  in  bie  ©infjeit  beS  23emuf$tfeinS  gar  nicht 
aufgenommen  merben  unb  in  bie  Erfahrung  hineütfommen,  mithin  für 
35  uns  nichts  fein  mürben.  2Sir  fonnten  aber  hoch  feinen  ©runb  angeben, 
marum  mir  gerabe  eine  folcpe  2lrt  ber  Sinnlichfeit  unb  eine  foldje  ülatur 
beS  SSerftanbeS  haben,  burd)  beren  SSerbinbung  Erfahrung  möglich  mirb; 


Über  eine  SntbecfutiQ  :c. 


250 

nod)  mehr,  warum  fie,  als  fonft  oöüig  heterogene  ©rfenntniffquetten,  p 
ber  Sftöglidjfeit  eines  GrrfahrungSerfenntniffeS  überhaupt,  ^auptfäd)lid) 
aber  (rote  bie  Jbritif  ber  UrttjeilSfraf  t  baraitf  aufmerffam  mähen 
wirb)  p  ber  fDföglid)feit  einer  Erfahrung  non  ber  9latur  unter  ihnen 
mannigfaltigen  befonberen  unb  bloS  empirifhen  ©efepen,  non  benen 
uns  ber  SSerftanb  a  priori  nichts  lehrt,  hoch  fo  gut  immer  pfammen* 
ftimmen,  als  wenn  bie  tftatur  für  unfere  ^affungSfraft  abfid^tlid)  ein* 
gerietet  wäre;  biefeS  fonnten  wir  nicht  (unb  baS  fann  auch  niemanb) 
weiter  erflären.  ßeibnij  nannte  ben  ©runb  banon  üornehmlih  in  2tn= 
fehung  beS  ©rfenntniffeS  ber  Körper  unb  unter  biefen  guerft  unfereS 
eigenen,  als  ÜJfittelgrunbeS  biefer  Sejiehung,  eine  norherbeftim mte 
Harmonie,  woburd)  er  augenfheinlih  jene Übereinftimmung  wohl  nicht 
erflärt  tjatte,  auch  nicht  erflären  wollte,  fonbern  nur  angeigte,  bah  wir 
baburä)  eine  gewiffe  Bwecfmäpigfeit  in  ber  Slnorbnung  ber  oberften  ltr* 
fache  unferer  felbft  fowofjl  als  alter  SDinge  auffer  uns  p  benfen  hätten 
unb  biefe  jwar  fchon  als  in  bie  ©höpfung  gelegt  (oorher  beftimmt),  aber 
nicht  als  33orherbeftimmung  auffer  einanber  befinblidjer  $Dtnge,  fonbern 
nur  ber  ©emüthSfräfte  in  uns,  ber  ©iitnlid)feit  unb  beS  SSerftanbeS,  nach 
feber  ihrer  eigenthümlichen  23e|chaffent)eit  für  einanber,  fo  wie  bie  Äritif 
lehrt,  bah  ffe  pm  ©rfenntniffe  ber  £)inge  a  priori  im  ®emütf)e  gegen 
einanber  in  SSerhältniff  ftetjen  mviffen.  3)ah  biefeS  feine  wahre,  obgleich 
nicht  beutlid)  entwicfelte,  Meinung  gewefen  fei,  läht  fich  barauS  abnehmen, 
bah  er  jene  öorherbeftimmte  Harmonie  noch  oiel  weiter  als  auf  bie  Über* 
einftimmung  jwifhen  ©eele  unb  Körper,  nämlih  noch  auf  bie  jwifhen 
bem  9leid)e  ber  9iatur  unb  bem  ffteihe  ber  ©naben  (bem  fReid^e  ber 
ßwecfe  in  23egiehung  auf  ben  ©nbgwecf,  b.  t.  ben  Sftenfdjen  unter  mora* 
lifhen  ©efeffen)  auSbehnt,  wo  eine  Harmonie  pnfhen  ben  folgen  aus 
unferen  3Raturbegriff en  unb  benen  aus  bem^reiheitSbegriffe,  mithin  zweier 
ganj  nerfdffebener  Vermögen  unter  ganj  ungleichartigen  ^rincipien  in 
uns  unb  nicht  zweierlei  oerfdffebene  anher  einanber  beffnblihe  2)inge 
in  Harmonie  gebäht  werben  foUen  (wie  eS  wirflid)  ffttoral  erforbert),  bie 
aber,  wie  bie  Äritif  lehrt,  fhlehterbingS  niht  aus  ber  33efhaffent)eit  ber 
SBeltwefen,  fonbern,  als  eine  für  uns  wenigftenS  gufäUige  Überein* 
ftimmung,  nur  burd)  eine  intelligente  2Belturfad)e  fann  begriffen  werben. 

©o  möhte  benn  woffl  bie  Äritif  ber  reinen  Vernunft  bie  eigentlihe 
Apologie  für  Seibnig  felbft  wiber  feine  ihn  mit  niht  eTjrenben  2obfprüd)en 
erhebenbe  Anhänger  fein;  wie  ffe  eS  benn  auh  für  üerfdffebene  ältere 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


^weiter  3lbfcl)nttt. 


251 


^feilofopfeen  fein  fann,  bie  mancher  ©efcfeicfetfcfereiber  ber  $f)tlofofefete  bei 
allem  ifenen  erteilten  £obe  boc^  lauter  Unfinn  reben  läfet,  beffen  Abfidjt  er 
nicfet  errate  inbern  er  ben  «Scfelüffel  aller  Auflegungen  reiner  3Sernunft= 
probucte  auf  biofeen  Gegriffen,  bie  ^ritif  ber  Vernunft  felbft  (alf  bie  ge= 
5  meinfcfeaftlicfee  Quelle  für  alle),  oernacfeläffigt  unb  über  bem  üffiortforfcfeen 
beffen,  maf  fene  gefügt  feaben,  baffenige  nicfet  fefeen  fann,  maf  fie  feaben 
fagen  moHen. 


..  :■  .  ■  ' 


'äifier  bas  ^i^finden 

aUer 

p^ifofopöif^cn  ^erfucfj 

in  ber 


‘©fjeobicee. 


f 


»  •  • 


Unter  einer  Sheobicee  oerfteht  man  bie  SSertljeibigung  ber  höchften 
2BeiSf)eit  beS  2Belturl)eberS  gegen  bte  Ülnflage,  welche  bte  Vernunft  aus 
betn  ßwecfmibrigen  in  ber  SSelt  gegen  jene  ergebt.  —  fUtan  nennt  biefeS, 
bie  Sache  ©otteS  »erfechten;  ob  eS  gleid)  im  ©runbe  nichts  mef)r  als  bie 
5  Sache  unterer  anmahenben,  bjiebei  aber  it)re  ©d)ranfen  oertennenben 
SSernunft  fein  möchte,  meiere  jmar  nicht  eben  bie  befte  Sache  tft,  infofern 
aber  hoch  gebilligt  merben  f'ann,  als  (jenen  ©igenbünfel  bei  ©eite  gefegt) 
ber  ÜRenfd)  als  ein  üernünftigeS  SBefen  berechtigt  ift,  alle  ^Behauptungen, 
alle  Sehre,  melche  ihm  Achtung  auferlegt,  §u  prüfen,  ehe  er  ftd)  ihr  unter* 
10  wirft,  bamit  biefe  Achtung  aufrichtig  unb  nicht  erheuchelt  fei. 

ßu  biefer  ^Rechtfertigung  wirb  nun  erforbert,  bah  ber  oermeintlid)e 
Sachwalter  ©otteS  entmeber  bemeife:  bah  baS,  maS  mir  in  ber  2Belt 
als  ^roeefmibrig  beurtheilen,  eS  nicht  fei;  ober:  bah,  wenn  eS  auch  her* 
gleichen  Ware,  eS  hoch  gar  nicht  als  factum,  fonbern  als  unoermeibliche 
iö  S'olge  aus  ber  fRatur  ber  ©inge  beurtheilt  merben  müffe;  ober  enblich : 
bah  eS  menigftenS  nicht  als  factum  beS  höchften  Urhebers  aEer  SDinge, 
fonbern  bloh  ber  SBeltmefen,  benen  etmaS  ungerechnet  merben  fann,  b.  i. 
ber  9ttenfdjen,  (aEenfaEs  auch  höherer,  guter  ober  böfer,  geiftiger  SBefen) 
angefehen  merben  müffe. 

20  ©er  SSerfaffer  einer  5©heobicee  miEigt  alfo  ein,  bah  biefer  3fied)tS* 
hanbel  oor  bem  ©erid)tSl)ofe  ber  SSernunft  anhängig  gemacht  merbe,  unb 
macht  ftdh  anheifchig,  ben  angeflagten  Shell  als  Sachwalter  burd)  form* 
liehe  SSiberlegung  aEer  23efd)werben  beS  ©egnerS  ju  oertreten:  barf 
lefetern  alfo  mährenb  beS  fRed)tSgangeS  nicht  burd)  einen  2Rad)tfprud) 
25  ber  Unftatthaftigfeit  beS  ©erichtShofeS  ber  menfd)lichen  Vernunft  (excep- 
tionem  fori)  abmeifen,  b.  i.  bie  33efd)werben  nicht  burd)  ein  bem  ©egner 
auferlegtes  ßugeftänbnih  ber  höchften  2BeiSl)eit  beS  2Belturf)eberS,  welches 
fofort  aEe  ßweifel,  bie  ftd)  bagegen  regen  möchten,  auch  ohne  Unterfud)ung 
für  grunbloS  erftart,  abfertigen;  fonbern  muh  fid)  auf  bie  ©inwürfe  ein* 


256  Über  baS  gD?i%Iingen  aller  ptjilofopfiifcfjen  &erfud)e  in  ber  Sljeobicee. 


Kaffen  unb,  wie  fte  bem  begriff  ber  ^oc^ften  BeiSheit*)  feineSmegeS  2Ib= 
örud)  tt)un,  burct»  Beleuchtung  unb  Tilgung  berfelben  begreiflich  machen. 
—  £)od)  auf  eines  hat  er  nicht  nötf)ig  fich  einjulaffen:  nämlich  bah  « 
bie  hoch  fte  SZBeiS^eit  ®otteS  aus  bem,  maS  bie  Erfahrung  an  biefer  2öelt 
lehrt,  auch  fogar  bemeife;  beim  hiermit  mürbe  eS  ihm  aud)  fd)Ied)terbingS 
nicht  gelingen,  meü  SWmtffeuheü  ba$u  erforberüch  ift,  um  an  einer  ge* 
gebnen  Belt  (wie  fte  ftch  in  ber  Erfahrung  ju  ertennen  giebt)  btefenige 
SSoUfommenheit  gu  erlernten,  üon  ber  man  mit®emifeheit  fagen  fönne,  eS  fei 
überall  feine  gröbere  in  ber  <Sd)öpfung  unb  Regierung  berfelben  möglich. 

£>aS  3mecfmibrtge  in  ber  Belt  aber,  was  ber  BeiSi>eit  ifjreS  Ur* 
heberS  entgegengefe^t  werben  fönnte,  ift  nun  breifacher  2lrt: 

I.  33aS  fchlechthin  3mecfwibrtge,  was  Weber  als  3wecü  noch  als 
2Jitttel  oon  einer  BeiS^eit  gebilligt  unb  begehrt  werben  fann. 

II.  3)aS  bebingt  3wecfmibrige,  weldjeS  jwar  nie  als  3mecf,  aber  bod) 
als  Mittel  mit  ber  BeiSlfeit  eines  Bittens  jufammen  befielt. 

£)aS  erfte  ift  baS  moralifche  3mecfmibrige,  als  baS  eigentliche  Böfe 
(bie  ©ttttbe);  baS  jwette  baS  3wecfwibrige,  baS  Übel  (ber 

*)  Obgleich  ber  eigenti)ümIicE)e  SSegriff  einer  SB eiS^eit  nur  bie  ©igenfdjaft 
eines  BillenS  Dorfteltt,  3um  haften  ©ut  als  bem  ©u  bä  me  cf  aller  Singe  311= 
fammen  3U  ftimmen;  hingegen  Äunft  nur  baS  Vermögen  im  ©ebraud)  ber  taug= 
üdjften  gjlittel  3U  beliebigen  Sieden:  jo  wirb  hoch  Äunft,  wenn  fte  fiel)  als 
eine  folcfje  beweifet,  welche  Sbeen  abäquat  ift,  beren  Bögfichfeit  alle  ©inficht  ber 
menfchtichen  Vernunft  überfteigt  (3.  33.  wenn  Mittel  unb  ßwede  mie  in  organifchen 
Körpern  einanber  wechfelfeitig  herüorbringen),  als  eine  göttliche  Äun|t  nicht 
unrecht  auch  mit  bem  Stauten  ber  BeiSljeit  belegt  werben  fönnen;  bo<h,  um  bie 
begriffe  nicht  31t  nerwedjfetn,  mit  bem  Slamen  einer  ®uu  ft  Weisheit  beS  Belt= 
urheberS  3um  Unterfäuebe  twn  ber  moralifchen  BeiSheit  beffelben.  Sie  Seleo= 
logie  (auch  burch  fte  bie  ^hhPotheologie)  giebt  reichliche  Seweife  ber  erftern  in  ber 
Erfahrung.  Slber  non  ihr  gilt  fein  ©djlufj  auf  bie  moralifche  BeiSheit  beS  Belt» 
urheberS,  weil  Slaturgefeh  unb  (Bittengefeh  gan3  ungleichartige  «ßrincipien  er= 
forbern,  unb  ber  23eweiS  ber  ledern  BeiSheit  gütlich  a  priori  geführt/  alfo 
fchtechterbingS  nicht  auf  ©rfahrung  non  bem,  waS  in  ber  Belt  nörgelt,  gegrünbet 
werben  muff.  Sa  nun  ber  23egriff  non  ©ott,  ber  für  bie  [Religion  tauglich  fein 
foll  (benn  3um  23ef)uf  ber  Staturerflärung,  mithin  in  fpeculatiner  31bfid)t  brauchen 
wir  ihn  nicht),  ein  Begriff  non  ihm  als  einem  moralifchen  Befen  fein  muff;  ba 
biefer  Begriff,  fo  wenig  als  er  auf  ©rfahrung  gegrünbet,  eben  fo  wenig  auS  blofj 
tranSfcenbentalen  ^Begriffen  eines  fchlechthin  nothwenbigen  BefenS,  ber  gar  für 
unS  überfchwenglich  ift,  herausgebracht  werben  fann:  fo  leuchtet  genugfam  ein, 
bah  ber  Beweis  beS  SafeinS  eines  folgen  BefeuS  fein  anbrer  als  ein  moralifdjer 
fein  fönne. 


& 

10 

15 

20 

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40 


II 

Uber  baß  fDlifflingen  aller  pIjitofoptjifcEjen  33erfud)e  in  ber  Sttjeobicee.  257 

©djrnerj).  —  fftun  giebt  e<§  aber  nod)  eine  ßmecfmäfeigfeit  in  bem  3Ser= 
Ifältniff  ber  ltbel  bem  moralifdjen  23ofenr  rnenn  ba§  legiere  einmal  ba 
ift  unb  nid)t  üer^inbert  merben  tonnte  ober  füllte:  nätnlid)  in  ber  ©er= 
binbung  ber  Übel  unb  ©dftnergen  al§  ©trafen  mit  bem  ©Öfen  als  ©er= 
bredfen;  unb  oon  biefer  3»ec!mäfeig!eit  in  ber  2£elt  fragt  e§  jtd),  ob  jebem 
in  ber  SBelt  Ijierin  fein  tRed)t  miberfäljrt.  f^olglict)  muff  and)  nod)  eine 
Ulte  5lrt  beS  ßmedroibrigen  in  ber  Sßelt  gebadet  merben  tonnen, 
nämüd)  ba§  föftffüerfjältniff  ber  ©erbrechen  unb  ©trafen  in  ber  Söelt. 

£)ie  ©igenfdjaften  ber  t)öd)ften  2Bei§t)eit  be§  2Belturl)eber§,  mogegen 
jene  ßmedmibrigfeiten  als,  ©inmürfe  auftreten,  finb  alfo  aud)  bret : 

©rftltd)  bie  Jpeiligfeit  beffelben  al<§  ©efefggeberg  (©djöpferS) 
im  ©egenfafge  mit  bem  9ttoralifd)=©öfen  in  ber  SBelt. 

3meiten§  bie  ©ütigfeit  beffelben  als  fRegiererS  (©rf)alter§)  tm 
(Sontrafte  mit  ben  jal)llofen  Übeln  unb  ©d)inerjen  ber  oernünftigen 
2Beltmefen. 

^Drittens  bie  ©ered)tigfeit  beffelben  als  i d) t e r S  in  33ergletd)ung 
mit  bem  Übelftanbe,  ben  baS  ÜRtfsoerfjdttnifi  jmifd)en  ber  ©traflofigfeit 
ber  Saftertiaften  unb  tf)ren  ©erbrechen  in  ber  SBelt  ju  geigen  fd)eint*). 


*)  Siefe  bret  ©igerifc^aften  gufammen,  bereit  eine  fid)  feineßwegß  auf  bie 
anbre,  wie  etwa  bie  ©eredjtigfeit  auf  ©üte,  unb  fo  baß  ©ange  auf  eine  tleinere 
3at)l  guriidführen  (afft,  machen  ben  moralifchen  Segriff  oon  ©ott  auß.  ©ß  läfet 
fid)  aud)  bie  Drbnung  berfetben  nidjt  oeränbern  (wie  etwa  bie  ©ütigfeit  jur 
oberfteti  tßebingung  ber  2ßeltfd)ßpfung  inanen,  ber  bie  .öeiligfeit  ber  ©efetjgebung 
untergeorbnet  fei),  offne  ber  Stetigion  Slbbrud)  gu  tl)un,  welcher  eben  biefer  mora= 
tifdje  ©egriff  ginn  ©raube  liegt.  Unfre  eigene  reine  (unb  gwar  oraftifdje)  Sßernunft 
beftimmt  biefe  (Rangorbnung,  inbem,  wenn  fogar  bie  ©efetjgebuug  fid)  nach  ber 
©üte  bequemt,  eß  feine  Sffiürbe  berfelben  unb  feinen  feften  Segriff  twn  fßflid)ten 
mehr  giebt.  Ser  SDtenfd)  wünfd)t  gwar  guerft  glüdlid)  gu  fein;  fiebjt  aber  bod)  ein 
unb  befcfjeibet  fid)  (obgwar  ungern),  baff  bie  SBürbigfeit  gtüdtid)  gu  fein,  b.  i.  bie 
Ubereinftitnmung  bei  ©ebrauctjß  feiner  ^reibjeit  mit  bem  heiligen  ©efetje,  in  bem 
Stathfchlufj  beß  Urheber^  bie  ©ebiitgung  feiner  ©ütigfeit  fein  unb  alfo  nothmenbig 
oorhergehen  müffe.  Senn  ber  2Bunfd),  welcher  ben  fubjectioen  3n>ecf  (ber  ©elbft» 
liebe)  gurn  ©runbe  hat,  fann  nicht  ben  objeciioen  3roed  (ber  Sßeißheit),  ben  baß 
©efeij  oorfchreibt,  beftimmen,  weldfeß  bem  SBitlen  unbebingt  bie  Siegel  giebt.  — 
9lud)  ift  bie  (Strafe  in  ber  Stußübung  ber  ©ered)tigfeit  feineßwegß  alß  bloffeß 
gjlittel,  fonbern  alß  3mecf  in  ber  gefehgebenben  SBeißheit  gegriinbet:  bie  Über» 
tretung  wirb  mit  Übeln  oerbunben,  nicht  bamit  ein  anbereß  ©ute  heraußfomme, 
fonbern  weil  biefe  Serbinbung  an  fid)  felbft,  b.  i.  moralifch  nothwenbig  unb  gut 
ift.  Sie  ©erechtigfeit  fefct  gwar  ©üte  beß  ©efeijgeberß  oorauß  (benn  wenn  fein 
.(feint ’J  ©Triften.  SBerfe.  VIII.  17 


258  Über  bad  SJtijftiugen  aller  pfjilofoptjifdjen  Ißerfudje  in  ber  S^eobicee. 


©S  wirb  alfo  gegen  jene  brei  Klagen  bie  Verantwortung  auf  bie 
oben  ernannte  breifad)  oerfd)ieöene  2lrt  oorgefteUt  unb  tfjrer  ©ültigfeit 
nach  geprüft  werben  muffen. 

I.  ©tber  bte  Vefdfwerbe  gegen  bie  ^etligfeit  beS  göttlichen  ©ißenS 
aus  bemVforalifdpVöfen,  weither  bie  ©eit,  fein  SBerf,  üerunftaltet,  befte^t 
bie  erfte  Vedjtfertigung  barin: 

a)  2)ah  eS  ein  folcheS  fd)lect)terbing§  3ir»ecfti)ibrige,  als  wofür  mir  bie 
Übertretung  ber  reinen  ©efetw  unferer  Vernunft  nehmen,  gar  nicht  gebe, 
fonbern  bah  eS  nur  Verftöhe  wiber  bie  menfchliche  ©eisheit  feien;  bah 
bie  göttliche  fte  nad)  ganj  anbern,  uns  unbegreiflichen  ^Regeln  beurtheile, 
wo,  wa§  wir  jwar  bejiehungSweife  auf  unfre  prafttfche  Vernunft  unb 
bereu  Vefiimmung  mit  3ted)t  öermerfltd)  finben,  bod)  in  Verhältnih  auf 
göttliche  ßmecfe  unb  bie  höchfte  ©eisheit  Diedeid)t  gerabe  baS  fd)icflichfte 
Mittel  fowohl  für  unfer  befonbereS  ©of)l,  als  baS  ©eltbefte  überhaupt 
fein  mag;  bah  bie  ©ege  beS  £)ö(hften  nicht  unfre  ©ege  feien  (suntSuperis 
sua  iura),  unb  wir  barin  irren,  wenn,  was  nur  relatio  für  üftenfchen  in 
biefetn  geben  ©efet)  ift,  wir  für  fdt)lechtt)in  als  ein  folcheS  beurtheüen  unb 
fo  baS,  was  unfrer  Betrachtung  ber  SDinge  aus  fo  niebrigem  (Stanbpunfte 
als  jmecfmibrig  erfcheint,  bafür  auch,  aus  bem  höchften  ©tanbpunfte  be= 
trachtet,  halten.  —  £)iefe  Apologie,  in  welcher  bie  Verantwortung  ärger 
ift  als  bie  Vefdjwerbe,  bebarf  feiner  ©iberlegung  unb  fann  ficher  ber 
Verabfcheuung  jebeS  2Renfd)en,  ber  baS  minbefte  ©efüt)l  für  @ittlid)feit 
hat,  frei  überlaffen  werben. 

b)  2)ie  zweite  oorgebliche  Oiechtfertigung  würbe  ^war  bie  ©irflid)fett 
beS  V?oralifd)=Vöfen  in  ber  ©eit  einräumen,  ben  ©elturlfeber  aber  bamit 
entfd)ulbigen,  bah  eS  nicht  ju  oerhinbern  möglich  gewefen:  weil  eS  jtd) 

Stßitten  nicht  auf  bad  SBobl  feiner  llnterttjanen  ginge,  fo  mürbe  biefer  fie  auch 
nicht  öerpflidjten  fönnen  ihm  ju  gehorchen);  ober  fie  ift  nicht  ©iite,  fonbern  ald 
©eredjtigfeit  üon  biefer  mefentlid)  uiiterfd)ieben,  obgleich  im  allgemeinen  «Begriffe 
ber  SBeisheit  enthalten.  $al)er  geht  aud)  bie  Mage  über  ben  «Dtangel  einer  ©e* 
red)tigfeit,  bie  fid)  im  Soofe,  roeldjed  ben  9)teuf<hen  hier  in  ber  SBelt  311  Shell 
toirb,  jeige,  nid)t  barauf,  baff  es  ben  ©Uten  hier  nicht  moht,  fonbern  bafj  ed  ben 
S3öfen  nicht  übet  geht  (obarnar,  wenn  bad  erftere  3U  bem  le^teru  hinju  fommt, 
ber  ßontraft  biefen  Slnftojj  noch  oergröfjert).  ®enn  in  einer  göttlichen  Regierung 
fann  auch  ber  befte  SRenfd)  feinen  Sßunfd)  jutn  2öof)lergehen  nicht  auf  bie  gött= 
liehe  ©erechtigfeit,  fonbern  mufs  ihn  jeberjeit  auf  feine  ©üte  griinben:  meil  ber, 
welcher  blofe  feine  ©chulbigfeit  thut,  feinen  9ted)tdanfprud)  auf  bad  2Bohlü)un 
©otted  haben  fann. 


5 

10 

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25 

30 

35 


Über  baS  üJtifetingen  aller  pfeilofopbtfcfjen  ®erfucfee  in  ber  $£feeobicee.  259 

auf  ben  ©cferanfen  ber  fftatur  ber  Wenfcfeeii,  als  enblicfeer  SBefen,  grünbe. 
—  2lber  baburd)  mürbe  jenes  23bfe  felbft  gercdt)tfertigt  werben;  unb  man 
müfete,  ba  eS  triefet  als  bie  ©cfeulb  ber  Wenfcfeen  ifenen  jugered)net  merben 
fann,  aitffeören  eS  ein  moralifd^eg  23öfe  ju  nennen. 

5  c)  2Dxe  britte  SSeantmortung:  bafe,  gefegt  aud),  eS  rufee  mirflicfe  mit 
bem,  maS  mir  moralifcfe  böfe  nennen,  eine  ©d)ulb  auf  betn  fIRenfcfeen,  bod) 
©ott  feine  beigemeffen  merben  muffe,  meil  er  jenes  als  $feat  ber  SRenfcfeett 
aus  meifen  llrfacfeen  blofe  jugelaffen,  feineSmegS  aber  für  frd)  gebilligt 
unb  gemoüt  ober  oeranfialtet  feat,  —  läuft  (menn  man  aud)  an  bem  23e= 
10  griffe  beS  biofeen  BulaffenS  eines  SöcfenS,  meldjeS  gan^  unb  alleiniger 
Urfeeber  ber  üffielt  ift,  feinen  Slnftofe  nefemett  will)  bod)  mit  ber  Dortgen 
Apologie  (b)  auf  einerlei  g-otge  feinauS:  nämlid)  bafe,  ba  es  felbft  ©ott 
unmöglid)  mar  biefeS  23öfe  $u  Derfeinbern,  ofene  anbermeitigen  feöfeerti  unb 
felbft  tnoralifcfeen  Beeden  ülbbrud)  j\u  tfeun,  ber  ©runb  biefeS  Übels  (benn 
i5  fo  müfete  man  eS  eigentlich  nun  nennen)  unDermeiblicfe  in  bem  SBefeti  ber 
2)inge,  nämlid)  ben  notfemenbigen  ©cferanfen  ber  ÜJtenfcfefeeit  als  enbüdjer 
fftatur,  ju  fud)en  fein  muffe,  mitfein  ifer  aud)  nicfetsugeredjnet  merben fönnc. 

II.  Stuf  bie  23efcfemerbe,  bie  miber  bie  göttliche  ©ütigfeit  aitS  ben 
Übeln,  nämlid)  ©efemeren,  in  biefer  SBelt  erfeoben  mirb,  beftefet  nun  bie 
20  fRecfetfertigung  berfelben  gleichfalls 

a)  barin:  bafe  in  ben  ©cfeicffalen  ber  fDIenfcfeen  ein  Übergewicht  beS 
Übels  über  ben  angenefemen  ©enufe  beS  SebenS  fälfcfeUd)  angenommen 
merbe,  meil  bocfe  ein  3>eber,  fo  fcfelimm  eS  ifem  audj  ergefet,  lieber  leben 
als  tobt  fein  miH,  unb  biejenigen  Sßenigen,  bie  baS  lefetere  befd)liefeen,  fo 

25  lange  fie  es  felbft  auffefeoben,  felbft  baburefe  noefe  immer  jenes  Übergewicht 
eingeftefeen  unb,  menn  fte  $um  lefetern  tfeoriefet  genug  finb,  aud)  alSbaun 
blofe  itt  ben  Buftanb  ber  fftid)teinpfinbung  übergehen,  in  melcfeem  eben* 
falls  fein  ©efemerj  gefüfelt  merben  fönne.  —  Slllein  mau  fann  bie  23e* 
antmortuug  biefer  ©opfeifterei  fiefeer  bem  SluSfprucfee  eines  jeben  füfenfcfeeu 
30  non  gefunbem  33erftanbe,  ber  lange  genug  gelebt  unb  über  ben  SBertfe  beS 
SebettS  naefegebaefet  feat,  um  feierüber  ein  Urtfeeil  fällen  ju  fonnen,  über* 
laffen,  menn  man  ifen  fragt:  ob  er  Wofel,  ich  teilt  nicht  fagen  auf  btefelbe, 
fonbern  auf  jebe  anbre  ifem  beliebige  33ebingungen  (nur  nicht  etma  einer 
geen=,  fonbern  biefer  unferer  (ärbenmelt)  bas  ©piel  beS  Gebens  nod)  ein* 
35  mal  burcfe^ufpielen  ßuft  feätte. 

b)  2luf  bie  gweite  Rechtfertigung :  bafe  nämlicfe  baS  Übergewicht  ber 
fefemer^feaften  ©efftfele  über  bie  angenefemen  Don  ber  Statur  eines  tfeieri* 

17* 


260  Über  baä  9D?ifjtingen  alter  philofophifdjen  33erfud)e  in  ber  S££)eobtcee. 

fcfjen  ©efd)öpfeS,  wie  ber  ÜRenfd)  i[t,  rtid)t  fönne  getrennt  werben  (wie  etwa 
©raf  33 e r i  in  bem  23ud)e  über  bie  Statur  beS  Vergnügens  behauptet), 

—  würbe  man  erwtbern:  bajj,  wenn  bem  alfo  i[t,  ft eine  anbre  ?jrage 
ein finbe,  woher  nämlich  ber  Urheber  unferS  (DafeinS  uns  überhaupt  ins 
Seben  gerufen,  wenn  eS  nad)  unferm  richtigen  Überfchlage  für  unS  nid)t  5 
wünfdjenSWertf)  ift.  (Der  Unmuts  würbe  tjter,  Wie  jene  inbianifdfe 
$rau  bem  (Dfd)ingiSchan,  ber  ihr  wegen  erlittener  ©ewalttf)ätigfeit 
feine  ©enugtljuung,  nod)  wegen  ber  fünftigen  Sicherheit  »erraffen 
fonnte,  antworten:  „SBenn  bu  unS  nicf)t  fd)ü£en  Wißft,  warum  eroberft 
bu  un§  benn?"  10 

c)  <Die  britte  Üluflöfung  beS  Knotens  foß  biefe  fein:  baf)  uns  ©ott 
um  einer  fünftigen  ©lücffeligfeit  wißen,  alfo  bod)  aus  ©üte,  in  bie  2Belt 
gefegt  habe,  baff  aber  oor  jener  ,$u  f)offenben  überfä)Wenglid)  großen 
(Seligfeit  burdjauS  ein  mül)e=  unb  trübfalooßerSuftanb  beS  gegenwärtigen 
SebenS  oorhergehen  mftffe,  wo  wir  eben  burd)  ben  Äarnpf  mit  SBiber-  15 
wärtigfeiten  jener  fünftigen  §errlid)feit  wiirbig  werben  follteu.  —  Slßein 
bafj  biefe  VrüfungSgeit  (ber  bie  fUteiften  unterliegen,  unb  in  weither  and) 
ber  ÜBefte  feines  SebenS  nid)t  fro^  Wirb)  oor  ber  höchften  SBeiSheit  burd)= 
aus  bie  Vebingung  ber  bereinft  oon  uns  ju  geniefeenben  föreuben  fein 
müffe,  unb  bafj  eS  nid)t  thunlid)  gewefen,  baS  ©efdjöpf  mit  jeber  ©poche  20 
feines  SebenS  jufrieben  werben  ju  laffen,  fann  jwar  oorgegeben,  aber 
fd)led)terbingS  nicht  eingefehen  werben,  unb  man  fann  alfo  freilich  biefen 
knoten  burd)  Berufung  auf  bie  h»<hfte  3BeiSb)eit,  bie  eS  fo  gewoßt  hat, 
abhauen,  aber  nicht  auflöfen:  welches  bod)  bie  Sheobicee  »errichten  $u 
fönnen  ftd)  anfjeifchig  macht.  25 

III.  Stuf  bie  lefcte  Auflage,  nämlich  wiber  bie  ©ered)tigfeit  beS  Sßelt® 
rid)terS,*)  wirb  geantwortet: 


*)  ©<3  ift  merfnntrbig,  bah  unter  alten  ©chtoierigfeiten,  ben  Cauf  bet  SBett- 
begebenheiten  mit  ber  ©öttlicl)feit  ihreö  Urhebers  ju  Bereinigen,  feine  fict)  bem 
©emütf)  fo  heftig  aufbringt,  als  bie  bon  bem  SXnftfjein  einer  barin  mangelnbeit  30 
©erechtigfeit.  £rägt  eS  fith  ju  (ob  eS  jmar  feiten  gefct)ief)t),  baff  ein  unge= 
rechter,  DornehmIi<h  ©eioalt  tjabenber  23öfemicht  nicht  ungeftraft  auS  ber  Sßelt 
entmifcht:  fo  frohtoeft  ber  mit  bem  Fimmel  gleichfant  oerföhnte,  fonft  parteilofe 
ßufefjauer.  Äeitte  ßmecfmäfjigfeit  ber  Sftatur  Wirb  ihn  burch  23eiounberung  ber» 
fetben  fo  in  Slffect  fefcen  unb  bie  £>anb  ©otteS  gteichfam  baran  oernehmen  laffen.  35 
Sßarum?  ©ie  ift  hier  moralifd)  unb  einzig  oon  ber  2trt,  bie  man  in  ber  2ßelt 
einigermaßen  roahräunehmeu  hoffen  fann. 


Uber  tmS  ÜJlifjlingen  aller  pßilofopßifcßen  23er[ucE)e  in  ber  Sljeoöicee.  261 

a)  5)aß  baS  3?orgeben  oon  ber  ©trafloßgfeit  ber  Safterßaften  in  ber 
2BeIt  feinen  ©runb  ßabe,  weil  febeS  SSerbred)en  feiner  ültatur  gemäß  fd)on 
ßier  bie  ißm  angemeffene  ©träfe  bei  ßd)  fitere,  inbern  bie  innern  33or= 
würfe  beS  ©ewiffenS  ben  Safterßaften  ärger  nod)  als  Furien  plagen.  — 

5  Mein  in  biefetn  Urteile  liegt  offenbar  ein  Sftißoerftanb.  2)enn  ber 
tugenbßafte  2J?ann  leißt  hierbei  betn  lafterßaften  feinen  ©emütßsdjarafter, 
nämlid)  bie  ©ewiffenßaftigfeit  in  ißrer  gangen  Strenge,  welche,  je  tugenb= 
bjafter  ber  2Renfcß  ift,  ißn  befto  tjdrter  wegen  ber  geringften  Übereilung, 
wel^e  baS  ftttlicf>e  ©efeß  in  ißm  mißbilligt,  beftraft.  Allein  wo  biefe 
10  SenfungSart  unb  mit  ißr  bie  ©ewiffenßaftigfeit  gar  feßlt,  ba  fehlt  aud) 
ber  Reiniger  für  begangene  SSerbredjen;  unb  ber  Safterßafte,  wenn  er  nur 
ben  äußern  ßücßtigungen  wegen  feiner  ^reoeltßaten  entfcßlüpfen  fann, 
Iad£)t  über  bie  Mgftlicßfeit  ber  dteblicßen  ßd)  mit  felbfteigenen  SSerweifen 
innerlich  su  plagen ;  bie  fleinen  SSorwürfe  aber,  bie  er  ßd)  bisweilen 
iS  macßen  mag,  macßt  er  ßd)  entweber  gar  nid)t  burcßS  ©ewiffen,  ober,  ßat 
er  baoon  nod)  etwas  in  ßd),  fo  werben  ße  burd)  baS  ©itmenoergnügen, 
als  woran  er  allein  ©efcßmacf  ßnbet,  reichlich  aufgewogen  unb  oergütet. 
- Söenn  jene  Mflage  ferner 

b)  baburd)  wiberlegt  werben  foll:  baß  gwar  nicht  gu  läugnen  fei,  eS 
20  finbeßd)  fd)led)terbingS  fein  ber  ©erecßtigfeit  gemäßes  $erßältniß  gwißßen 

©cßulb  unb  ©trafen  in  ber  SBelt,  unb  man  muffe  im  Saufe  berfelben  oft 
ein  mit  fcßreienber  Ungerecßtigfeü  geführtes  unb  gleicßwoßl  bis  ans  ©nbe 
glücflicßeS  Seben  mit  Unwillen  waßrneßtnen;  baß  biefeS  aber  in  ber  Mtur 
iiegenbe  unb  nicht  abßcßtlicß  oeranftaltete,  mitßin  nid)t  moralifd)e  5D?iß= 
25  heüigfeit  fei,  weil  eS  eine  ©igenfcßaft  ber  £ugenb  fei,  mit  2BiberWärtig= 
feit  gu  ringen  (wogu  ber  ©cßmerg,  ben  ber  £ugenbßafte  burcß  bie  23er= 
gleicßung  feines  eigenen  UnglücfS  mit  bem  ©lücf  beS  Safterßaften  leiben 
muß,  mitgehört),  unb  bie  Seiben  ben  Söertß  ber  £ugenb  nur  gu  ergeben 
bienen,  mitßin  oor  ber  Vernunft  biefe  ©dffonang  ber  unüerfcßulbeten  Übel 
30  beS  SebenS  hoch  in  ben  ßerrlicßften  ßttticßen  SBoßllaut  aufgelöfet  werbe: 
—  fo  floßt  biefer  Sluflöfung  entgegen:  baß,  obgleich  biefe  Übel,  wenn  ße 
als  Sßeßftein  ber  Sugenb  oor  ißr  oorßergeßen  ober  ße  begleiten,  gwar 
mit  ißr  als  in  moralifd)er  Übereinftimmung  fteßenb  oorgeftetlt  werben 
fönnen,  wenn  wenigftenS  baS  ©nbe  beS  SebenS  nocß  bie  leßtere  frönt  unb 
35  baS  Safter  beftraft;  baß  aber,  wenn  felbft  biefeS  ©nbe,  Wie  bocß  bie  ©r= 
faßrung  baoon  oiele  ©eifpiele  giebt,  wiberßnnig  auSfäßt,  bann  baS  Seiben 
bem  Sugenbßaften,  nicßt  bamit  feine  £ugenb  rein  fei,  fonbern  Weil  ße 


262  Uber  ba§  5D?i§Xingen  aller  l)[jtIofopf)ifct)en  SSerfuc^e  in  ber  peobicee. 

es  gemefett  ift  (bagegen  aber  ben  Regeln  ber  flugen  ©elbftliebe  juwiber 
mar),  ^gefallen  ju  fein  fd)cine;  weldjed  gerabe  bad  ©egentheil  ber  ©e= 
redjtigfeit  ift,  tote  ftd)  ber  fIRenfd)  einen  ^Begriff  üon  t^r  mad)en  fann. 
(Denn  wad  bie  9Röglid)feit  betrifft,  baff  bad  ©nbe  biefcd  ©rbenlebend  bocf) 
oielleidjt  nidjt  bad  ©nbe  aßed  gebend  fein  möge:  fo  fann  biefe  2Röglid)feit  5 
nicht  für  ^Rechtfertigung  ber  SSorfeljung  gelten,  fonbern  ift  bloh  ein 
9Rad)tfprud)  ber  ntoralifd)=gläubigen  SSernnnft,  moburd)  ber  ßaeifelnbe 
3ur  ©ebulb  oermiefen,  aber  nicht  befriebigt  toirb. 

c)  SBenn  enblid)  bie  britte  Slupfung  biefed  unfjarmonifchen  2Ser= 
hältniffed  jmifchett  betn  moralifd^en  SSertf)  ber  2Rettfd)en  nnb  betn  goofe,  10 
bad  ihnen  ju  Sßjeil  wirb,  babnrch  Derfud)t  toerben  miß,  bah  man  fagt:  in 
biefer  2Belt  muffe  aßed  SBohl  ober  Übel  bloh  ald  ©rfolg  and  bent  ©e= 
braune  ber  Vermögen  ber  fIRenfchen  nach  ©efeßen  ber  ÜRatitr  proportionirt 
ihrer  angemanbten  ©efd)irflid)feit  nnb  Klugheit,  jugleid)  and)  ben  Utn= 
ftänben,  barein  fte  gufaHiger  SBeife  gerathen,  nicht  aber  nach  per  3«=  15 
fammenftinunnng  ju  uberfinnlic^en  ßwecfen  beurtheilt  toerben;  in  einer 
fünftigen  üffielt  bagegen  merbe  fich  eine  anbere  Drbttung  ber  (Dinge  l)er= 
oorthun  unb  febent  ju  Spü  toerben,  toeffen  feine  Saaten  l)ienieben  nad) 
moralifcher  SSeurtheilung  toerth  finb:  —  fo  ift  biefe  ^oraudfepng  auch 
toillfürlid).  Vielmehr  muh  bie  SSernunft,  mentt  fre  nicht  ald  ntoralifd)  20 
gefehgebettbed  Vermögen  biefem  ihrem  gsntereffe  getnäjf  einen  SRachtfprud) 
tt)ut,  nad)  blohen  ^Regeln  bed  theoretifd)en  ©rf'enntniffed  ed  toal)rfd)einlid) 
fiuben:  bah  ber  gauf  ber  2Belt  nad)  ber  Drbnung  ber  fRatur,  fo  mie  hier, 
alfo  aud)  fernerhin  unfre  <2d)icffale  beftimmen  merbe.  (Denn  mad  hat 
bie  SSernunft  für  ihre  tl)eoretifd)e  üBermuthung  anberd  jum  geitfaben,  ald  25 
bad  fRaturgefeh?  Unb  ob  fte  ftd)  gleid),  toie  ihr  oorher  (fRr.  b)  gugemuthet 
morben,  jur  ©ebulb  unb  Hoffnung  eitied  fünftig  beffern  oermeifen  liehe: 
»nie  fann  fte  erwarten,  bah,  ba  ber  gauf  ber  (Dinge  nad)  ber  Drbnung 
ber  fRatur  hier  and)  für  ftd)  felbft  meife  ift,  er  nad)  eben  bettifelben  ©e= 
fetce  in  einer  fünftigen  SBelt  unmeife  fein  mürbe?  (Da  alfo  nad)  berfelben  30 
3toifd)en  ben  innern  SBeftimmungdgrünben  bed  SBißend  (nämlich  ber 
moralifd)ett  (Dettfungdart)  nad)  ©efeijen  ber  Freiheit  unb  jtoifd)en  ben 
(gröhtentheild  äuhern)  oon  unferut  SBilten  unabhängigen  Urfadjen  unferd 
2öol)lergef)end  nach  5Raturgefe^en  gar  fein  begreifliches  SSerhältnih  ift: 
fo  bleibt  bie  SSertnnthung,  bah  bie  Übereinftitnmitng  bed  @d)icffald  ber  35 
9Renfd)en  mit  einer  göttlichen  ®ered)tigfeit  nach  ben  ^Begriffen,  bie  mir 
und  oon  ihr  machen,  fo  wenig  bort  wie  hier  ju  erwarten  fei. 


Über  bae>  2J?ifeüngen  per  pljtlofopbjtfdjen  äkrfucfje  in  ber  Stjeobicee.  263 

$)er  2luSgang  biefeS  3ted)tShanbelS  oor  bem  (Gerichtshöfe  ber  sß^ilo* 
fop()ie  ift  nun:  baß  alle  bisherige  &l)eobicee  baS  nid)t  leifte,  maS  fie  oer= 
fpridjt,  nämlich  bie  nioralifdje  2Beiet)eit  in  ber  SBeltregierung  gegen  bie 
Btueifel,  bie  bagegen  auS  bem,  maS  bie  Erfahrung  an  biefer  Sßelt  p  er* 
5  f'ennen  giebt,  gemacht  merben,  p  rechtfertigen;  obgleich  freilich  biefe 
ßmeifel  als  ßinmürfe,  fo  weit  unfre  Sinfidjt  in  bie  SSefchaffenheit  unfrer 
Vernunft  in  Slnfelpng  ber  ledern  reid)t,  and)  ba§  (Gegenteil  nicht  be= 
roeifen  fönnen.  £)b  aber  nicht  nod)  etroa  mit  ber  Beit  tüchtigere  (Grünbe 
ber  Rechtfertigung  berfelben  erfunben  merben  fönnten,  bie  angeflagte 
10  2BeiSl)eit  nid)t  (rnie  bisher)  blojj  ab  instantia  p  abfolüiren ;  baS  bleibt 
Dabei  bod)  nod)  immer  unentfd^ieöen,  menn  mir  eS  nid)t  baljiit  bringen, 
mit  (Gemifsheit  barpthun:  bafj  unfre  Vernunft  pr  ©inficht  beS  Ver* 
hältniffeö,  in  meld)em  eine  255 eit,  fo  mie  mir  fie  burd)  (Sr* 
fahrung  immer  fennen  mögen,  ju  ber  h  ö  <f)  ft  e  n  Söeisljeit  ft  eh  e, 
i6  fchled)terbing§  unocrmögenb  fei;  benn  aisbann  ftnb  ade  fernere  Verfud)e 
öermeintltcher  menfd)lid)er  SBeiSljeit,  bie  SBege  ber  göttlichen  einpfehen,- 
üötlig  abgemiefen.  2)aü  alfo  menigftenS  eine  negatioe  2BeiSl)eit,  nämlid) 
bie  (5infid)t  ber  notljmenbigen  Vefdjränfung  unfrer  ÜInmajpngen  in  2ln* 
fefpng  beffen,  maS  unS  p  hod)  ift,  für  unS  erreichbar  fei :  baS  muff  nod) 
20  bemiefen  merben,  um  biefen  Vtocejj  für  immer  p  enbigen;  unb  biefeS 
läfjt  fid)  gar  mof)l  tljun. 

2Bir  haben  nämlich  oon  einer  ÄunftmeiSheit  in  ber  (Einrichtung 
biefer  2Belt  einen  begriff,  bem  eS  für  unfer  fpeculatioeS  Vernunftoer= 
mögen  nicht  an  obfectioer  Realität  mangelt,  um  p  einer  ^pfrfotljeologie 
•25  p  gelangen.  (Eben  fo  haben  mir  aud)  einen  begriff  oon  einer  tnora* 
lifd)en  255ei§hett,  bie  in  eine  Sßelt  überhaupt  burd)  einen  ooü* 
fommenften  Urheber  gelegt  merben  tonnte,  an  ber  fittlidjen  Sbee  unferer 
eigenen  praftifd)en  Vernunft  —  ülber  oon  ber  © i n h e i t  in  ber  Bu= 
fautmenftimmung  jener  ÄunftmeiSljeit  mit  ber  moratifdjen  SBeiSljeit 
so  in  einer  ©innenmelt  haben  mir  feinen  Vegriff  unb  fönnen  and)  511  bem* 
felben  nie  p  gelangen  hoffen.  2>nn  ein  (Gefdjöpf  p  fein  unb  als  Ratur* 
mefen  blofe  bem  SBiüen  feines  Urhebers  p  folgen;  bennod)  aber  als  frei* 
hanbelnbeS  SBefen  (meld)eS  feinen  oom  äufeern  ©influfe  unabhängigen 
SBiüen  hat,  ber  bem  erftern  oielfältig  pmiöer  fein  fann)  ber  Buredpung 
35  fähig  p  fein  unb  feine  eigne  S^hnt  hoch  auch  pßleld)  als  bie  SBirfung 
eines  h^ent  SBefenS  anpfehen:  ift  eine  Vereinbarung  oon  Gegriffen, 
bie  mir  par  in  ber  Bbee  einer  SBelt,  als  beS  f)öd)ften  (Guts,  pfammen 


264  Über  bas  ÜRijjlinßen  aller  pI)ilofop|ifd)eit  23erfud)e  in  ber  Sijeobicee. 


bent'en  müffen;  bie  aber  nur  ber  einfeben  fann,  melier  bis  ^ur  Äenntnifc 
ber  überftnnlidjen  (intetligiblen)  2Belt  burd)bringt  unb  bie  Art  einfie^t, 
mie  fie  ber  Sinnenmelt  jmn  ©runbe  liegt:  auf  meldje  ©infid)t  allein  ber 
23emeiS  ber  moralifdjen  Söeisbeit  beS  2BelturbeberS  in  ber  leidem  ge= 
grünbet  merben  fann,  ba  biefe  bod)  nur  bie  ©rfdjeinung  jener  erftern 
Sßelt  barbietet,  —  eine  ©inftdjt,  ju  ber  fein  (Sterblicher  gelangen  fann. 

*  # 

* 

AHe  ^eobicee  folt  eigentlich  Auslegung  ber  Statur  fein,  fofern 
©ott  burd)  biefelbe  bie  Abfid)t  feines  SBiUenS  funb  mad)t.  SRnn  ift  jebe 
Auslegung  beS  beclarirten  2BiüenS  eines  ©efejigeberS  entroeber  boctri= 
nal  ober  autljentifd).  £>ie  erfte  ift  biejenige,  roelche  jenen  SBiHen  aus 
ben  Ausbauten,  beren  ftd)  biefer  bebient  bat,  in  SSerbinbung  mit  ben  fonft 
befannten  Abftd)ten  beS  ©efejjgeberS  berauSoernünftelt;  bie  jmeite  mad)t 
ber  ©efe^geber  felbft. 

£>ie  SBett,  als  ein  2Berf  ©otteS,  fann  oon  uns  aud)  als  eine  göttliche 
33efanntmad)ung  ber  21  b fid)ten  feines  SBitlenS  betrachtet  merben.  Allein 
hierin  ift  fie  für  uns  oft  ein  oerfdjloffeneS  Sßud);  jeberjeit  aber  ift  fie 
bieS,  menn  eS  barauf  angefeljen  ift,  fogar  bie  ©nbabfid)t  ©otteS  (meld)e 
jeberjeit  moralifd)  ift)  auS  ihr,  obgleich  einem  ©egenftanbe  ber  ©rfabrung, 
abpnebmen.  25ie  pbilofopbifd)en  2$erfud)e  biefer  Art  Auslegung  finb 
boctrinal  unb  madjen  bie  eigentliche  &beobicee  auS,  bie  man  baber  bie 
boctrinale  nennen  fann.  —  <Dod)  fann  man  auch  ber  bloßen  Abfertigung 
aller  ©tnmürfe  raiber  bie  göttliche  2BeiSl)cit  ben  tarnen  einer  ^beobicee 
nicht  oerfagen,  menn  fie  ein  göttlicher  2ftad)tfp rud),  ober  (meld)eS  in 
biefem  $al(e  auf  (SiuS  binauSlauft)  menn  fie  ein  AuSfprud)  berfelben 
SSernunft  ift,  moburcb  mir  uns  ben  begriff  oon  ©ott  als  einem  moralifd)en 
unb  meifeit  SBefen  notl)loenbig  unb  oor  aller  ©rfabrung  macben.  3)enn 
ba  mirb  ©ott  burch  unfre  SSernunft  felbft  ber  Ausleger  feines  burd)  bie 
Sd)öpfung  öerfünbigten  SBiüenS ;  unb  biefe  Auslegung  tonnen  mir  eine 
a  n t b e n t  i f  d) e  3:heobicee  nennen.  $>aS  ift  aber  aisbann  nicht  Auslegung 
einer  oernünftelnben  (fpeculatiüen),  fonbern  einer  mad)tbabenben 
praftifd)en  Vernunft,  bie,  fo  mie  fie  ohne  meitere  ©rünbe  im  ©efeijgeben 
fd)Ied)tl)in  gebietenb  ift,  als  bie  unmittelbare  ©rflärung  unb  Stimme 
©otteS  angefeben  merben  fann,  burd)  bie  er  bem  33ud)ftaben  feiner 
Schöpfung  einen  Sinn  giebt.  ©ine  fotd)e  autbentifd)e  Interpretation 
finbe  ich  nun  in  einem  alten  heiligen  33ud)e  allegorifd)  auSgebrücft. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


Uber  baä  SDiifjlingen  öfter  pl^tlofopXjticfjen  SJerfudje  in  ber  SEtjeobicee.  265 

-fbiob  wirb  als  ein  Wann  oorgefteKt,  p  beffen  SebenSgenuh  ftct) 
2löe§  bereinigt  hatte,  was  man,  um  ilp  oollfommen  p  machen,  nur  immer 
auSbenfen  mag.  ©efttnb,  tro^Itjabenb,  frei,  ein  ©ebieter  über  SXnbre,  bie 
er  glücflid)  tnad)en  !ann,  im  ©d)ohe  einer  glücflidjen  Familie,  unter 
&  geliebten  g-reunben;  unb  über  bas  2lUe§  (was  baS  SBorne^mfte  ift)  mit 
ftd)  felbft  pfrieben  in  einem  guten  ©eWtffen.  Sitte  biefe  ©üter,  baS  letzte 
ausgenommen,  entriß  it)m  plö^Udt)  ein  ferneres  über  it)n  pr  Prüfung 
»erlangtes  ©chicffal.  33on  ber  Betäubung  über  biefen  unerwarteten  Um= 
fturj  atlmählig  ptn  aSeftnnett  gelangt,  brid)t  er  nun  in  Etagen  über 
10  feinen  Unftern  auS;  worüber  jwifd)en  itjm  unb  feinen  oorgeblid)  ftd)  put 
Sröften  etnftnbenben^reunben  eS  halb  p  einer  ©isputation  fommt,  wor= 
in  beibe  Streite,  feber  nach  feiner  IDenfungSart  (üornehmlid)  aber  nad) 
feiner  2age),  feine  befonbere  £f)eobicee  pr  moralifdjen  Grrflärung  jenes 
fd)ltmmen  ©d)icffalS  auffteUt.  2)ie  ^reunbe  cpiobs  befennen  ftd)  p  bem 
15  ©pftem  ber  ©rflärung  aller  Übel  in  ber  SGBelt  aus  ber  göttlichen  ©ered)= 
tig f eit,  als  fo  oieler  ©trafen  für  begangene  SSerbredjen;  unb  ob  fie  pjar 
feine  p  nennen  wußten,  bie  bem  unglücflidjen  SJtann  p  ©dplben  fommen 
foUten,  fo  glaubten  fte  bod)  a  priori  urtbjeilen  p  fönnen,  er  mühte  bereu 
auf  ftd)  ruhen  haben,  weil  eS  fonft  nach  ber  göttlid)en  ©erecptigfeit  nicht 
20  möglich  wäre,  bah  er  unglücflidj  fei.  £iob  bagegen  —  ber  mit  Grntrüftung 
betheuert,  bah  ihm  fein  ©ewiffen  feines  ganzen  ßebenS  halber  feinen 
SSorwurf  mache;  was  aber  menfchliche  unoermeiblid)e  fehler  betrifft,  ©ott 
felbft  wiffen  werbe,  bah  er  ihn  als  ein  gebred)lid)eS  ©efcpöpf  gemacht  habe 
—  erflärt  fid)  fürbaS  ©pftem  beS  unbedingten  göttlichen  9tatljfd)luf= 
25  feS.  ,,©r  ift  einig,"  fagt  er,  „er  mad)ts,  wie  er  will*)." 

^n  bem,  was  beibe Sheüe  oernünfteln  ober  überöernünftetn,  ift  Wenig 
9JierfmürbtgeS;  aber  ber  ©fprafter,  in  welchem  fte  eS  ttpn,  oerbient  befto 
mehr  Stuf  merff  am  feit.  £iob  fprid)t,  wie  er  benft,  unb  wie  ihm  p  ÜJtuthe 
ift,  aud)  wohl  jebent  3J?enfd)en  in  feiner  ßage  p  SJZuthe  fein  würbe;  feine 
30  ^reunbe  fpredjen  bagegen,  wie  wenn  fte  ingeheim  oon  bem  5Räd)tigern, 
über  beffen  ©ad)e  fte  lRed)t  fpredjen,  unb  bei  bem  ftd)  burd)  ihr  Hrttjeil 
in  ©itnft  p  fepen  ihnen  mehr  am  ^terjeit  liegt  als  an  ber  2Bat)rljeit,  be= 
hord)t  würben.  2)iefe  ihre  ©ücfe,  2)inge  pnt  ©d)eiu  p  behaupten,  oon 
denen  fte  bod)  geftepen  muhten,  bah  fte  he  nicht  einfatjen,  unb  eine  Über* 
35  jeugung  p  heucheln,  bie  fte  in  ber  £l)at  nicht  hatten,  flieht  gegen  £iobS 


*)  £tob  XXIII,  13. 


266  Über  baö  SDiifeüugen  aller  {vtjilofoptjifdjen  2?er]'u(ä)e  in  ber  Stjeobicee. 

gerate  greimüthigfeit,  bie  fid)  fo  roeit  oon  falfctjer  Schmeichelei  entfernt, 
bah  fie  faft  an  35ermeffenJ)eit  grünet,  fel)r  jum  3Sortt)eü  be§  lefjtern  ab. 
„SSBotlt  it)r,"  fagt  er*),  ,,©ott  oertheibigen  mit  Unrecht?  üffioüt  ihr  feine 
'fßerfon  anfehen?  Söotlt  ihr  ©ott  oertreten?  ©r  rairb  euch  [trafen,  mentt 
it)r  ^erfonen  an[et)t  tjeimlid) !  —  ©§  fomint  fein  Heuchler  oor  3hn."  5 

Sa§  ledere  beftätigt  ber  SluSgang  ber  ©efd)id)te  toirflid).  Senn 
©ott  toürbigt  £>iob,  ihm  bie  Söeisfyeit  feiner  Schöpfung  oornehmlid)  non 
Seiten  ihrer  Uiterforfd)lid)feit  oor  Singen  ju  [teilen,  ©r  läfjt  ihn  23licfe 
auf  bie  [d)öne  Seite  ber  Sctjöpfung  tljun,  rno  betn  üftenfchen  begreifliche 
Sroecfe  bie  2ßeisl)eit  unb  gütige  ^Borforge  beS  SBetturheberS  in  ein  utu  10 
ZtoeibeutigeS  £id)t  fteüen ;  bagegen  aber  auch  auf  bie  abfd)recfenbe,  inbetn 
er  ihm  ißrobucte  [einer  Wacht  unb  barunter  auch  [d)äbltc£)e,  furchtbare 
Singe  hernennt,  beren  jebesfür  [ich  unb  [eine  SpecieS  zmar  jmecfmäfcigein* 
gerichtet,  in  Slnfehung  anberer  aber  unb  felbft  ber  Wenfchen  zerftörenb, 
Zioecfroibrig  unb  mit  einem  allgemeinen  burch  ©üte  unb  2Bei§heit  angc=  is 
orbnetenEplane  nicht  jufammenftimmenb  ju  [ein  fcheint;  mobei  er  aberbod) 
bie  ben  meifen  2Belturl)eber  oerfünbigenbe  Slnorbnung  unb  ©rhaltung 
be§  ©anjen  bett)ei[et,  ob^mar  zugleich  [eine  für  un§  unerfor[d)liche  SEBege 
felbft  [cf)on  in  ber  phhfifd)en  Drbnung  ber  Singe,  mie  oielmehr  benn  in 
ber  SSerfuüpfung  berfelben  mit  ber  moralifd)en  (bie  uufrer  Vernunft  nod)  20 
unburchbringlidjer  i[t)  oerborgen  [ein  mitffen.  —  Ser  Schluß  i[t  biefer: 
bah,  inbem  £iob  gefleht,  nicht  etma  freoelhaft,  benn  er  ift  [ich  [einer 
3teblid)feit  benoufet,  [onbern  nur  unmeiSlid)  über  Singe  abgefprocheu  311 
haben,  bie  ihm  ju  hod)  [inb,  unb  bie  er  nicht  oerfteljt,  ©ott  ba§  SSerbatm 
mungSurtheil  miber  feine  greunbe  fällt,  weil  fie  nicht  [o  gut  (ber  @e=  25 
miffenhaftigfeit  nach)  »on  ©ott  gerebet  hätten  als  fein  Unecht  Jpiob.  23e* 
trachtet  man  nun  bie  She°ne,  bie  jebe  oon  beiben  Seiten  behauptete:  [o 
möchte  bie  [einer  ^reitnbe  eher  ben  Slnfchein  mehrerer  fpeculatioen  SSer= 
nunft  unb  frommer  Semuth  bei  fid)  führen;  unb  £iob  mürbe  mahr* 
[d)einlicher  SBeife  oor  einem  [eben  ©erid)te  bogmatifcher  Sinologen,  oor  30 
einer  Spnobe,  einer  Snquijitiou,  einer  ehrtoürbigen  ©laffis,  ober  einem 
[eben  Dberconftftorium  unferer  ßeit  (ein  einiges  ausgenommen),  ein 
fd)limmeSSchicffal  erfahren  haben.  Stlfo  nur  bieSlufrid)tigfeit  beS-fperjenS, 
nicht  ber  SSorjug  ber  ©inficht,  bie  9fteblid)Feit,  [eine  ßroeifel  unoerhohlen 
ju  geftehen,  unb  ber  2lb[d)eu,  Überzeugung  31t  heucheln,  mo  man  fie  bod) 


’)  ^)tob  XIII,  7  btsS  II;  16. 


Über  baS  Sftifslingett  aller  pfjitofoptjifdjen  23erfud)e  in  ber  2£)eobicee.  267 


nicht  Dornehmüd)  nid)t  oor  ©oft  (moibiefe  ßift  ohnebaS  ungereimt 
ift):  biefe  ©igenfd^aften  fitib  eS,  meld)e  ben  33orjug  beS  reblid^en  fDianneS 
in  ber  $ßerfon  [Mobs  oor  bem  religiöfen  Sd)tneid)ler  im  göttlichen  3Rici)ter= 
auSfprud)  entfliehen  haben. 

5  £>er  ©tauben  aber,  ber  ihm  burdj  eine  fo  befrembüd)e  Sluflöfung 
feiner  Steifet,  nämlich  bloh  bie  Überführung  non  feiner  Unmiffenheit, 
entfprang,  tonnte  auch  nur  in  bie  Seele  eines  üftanneS  tommen,  ber  mitten 
unter  feinen  lebhafteren  3®eifeln  fagen  tonnte  (XXVII,  5,  6):  „53iS  bah 
mein  ©nbe  fommt,  tritt  idt)  nicht  meichen  oon  meiner  grömmigfeit"  u.  f.  tn. 
io  3)enn  mit  biefer  ©efinnung  bemieS  er,  bah  er  nicht  feine  ÜOioralität  auf 
ben  ©tauben,  fonbern  ben  ©tauben  auf  bie  Moralität  grünbete:  in 
meinem  gatte  biefer,  fo  fd)trad)  er  and)  fein  mag,  bod)  allein  lauter  unb 
achter  2trt,  b.  i.  ron  beseitigen  Slrt  ift,  melcbe  eine  Religion  ntd)t  ber 
©unftbemerbung,  fonbern  beS  guten  ßebenSmanbelS  grünbet. 

15  Schtuhanmertung. 

SDie  S^heobicee  hat  eS,  mie  hier  gezeigt  morben,  nicht  fotrohl  mit  einer 
Stufgabe  gumSSortljeil  ber  SBiffenfchaft,  als  rielmehr  mit  einer  ©lanbettS* 
fache  ju  thun.  SluS  ber  authentifchen  fahen  trir:  bah  e§  in  folgen  Gingen 
nicht  fo  riet  aufs  Sßernünftetn  anfomtne,  als  auf  Stufrid)tigfeit  in  33e= 
20  merfung  beS  UnrermögenS  unferer  SSernnnft  unb  auf  bie  Süeblichfeit,  feine 
©ebanfen  nicht  in  ber  StuSfage  311  nerfälfchett,  gefchehe  bieS  and)  in  noch 
fo  frommer  Stbftdjt,  als  eS  immer  motte.  —  tDiefeS  neranlaht  noch  folgenbe 
fur^e  ^Betrachtung  über  einen  reichhaltigen  Stoff,  nämlich  über  bie  Stuf* 
richtigfeit  als  baS  ^aupterforbernih  in  ©laubenSfachen  im  Sßiberftreite 
25  mit  bem  [pange  jur  galfd)heit  unb  Unlauterfeit,  als  bem  fpauptgebrechen 
in  ber  menfdjlichen  üftatur. 

$)ah  baS,  maS  getnanb  [ich  felbfl  ober  einem  Stnbern  fagt,  mahr  fei: 
bafür  fantt  er  nicht  feberjeit  flehen  (benn  er  fann  irren);  bafür  aber 
fann  unb  muh  er  flehen,  bah  fein  SSefenntnih  ober  ©eftänbnih 
3o  mahrhaft  fei:  benn  beffen  ift  er  [ich  unmittelbar  bemüht,  ©r  oergleicht 
nämlich  im  erftern  gatte  feine  StuSfage  mit  bem  £}bfect  im  Iogifd)en  Ur= 
theile  (burdj  ben  SSerftanb);  im  jmeiten  galt  aber,  ba  er  fein  gürmaf)r= 
halten  befennt,  mit  bem  Subfect  (oor  bem  ©emiffen).  SShat  er  baS  23e= 
fenntnih  in  Stnfehung  beS  erftern,  ohne  fid)  beS  le^tern  bemüht  *u  fein: 
35  fo  lügt  er,  meil  er  etmaS  anberS  oorgiebt,  als  meffen  er  ftd)  bemüht  ift.  — 
«Die  SBemerfung,  bah  eS  folche  Unlauterfeit  im  menfchlichen  ^erjen  gebe, 


268  Über  bad  SDZifeXiugen  aller  ptjilojoptjifdjen  ©erfudje  in  ber  Sljeobicee. 

ift  nid)t  neu  (beiin^tob  t)at  fte  fct)on  gemacht);  aber  faftfoIXte  man  glauben, 
bajg  bie  Slufmerffamfeit  auf  biefelbe  für  Sitten*  unb  üteligionSleljrer  neu 
fei:  fo  wenig  finbet  man,  bajj  fte  ungead)tet  ber  Sdjwierigfeit,  welche  eine 
Sduterung  ber  ©eftnnungen  ber  -Utenfdfen,  felbft  wenn  fte  pflidjtmfifjig 
banbeln  wollen, bei  fid)  fütjrt, üon  jener  ©emerfunggenugfamen@ebraud)  5 
gemad)t  tjätten.  —  5)?an  fann  biefe  SBaljrljaftigfeit  bie  formale  ©e* 
wiffenljaftigf  eit  nennen;  bie  materiale  befielt  in  ber  ©ef)utfamfeit, 
nichts  auf  bie  ©efaljr,  bajß  eS  unred)t  fei,  ju  wagen:  ba  hingegen  jene  in 
bem  ©ewujjtfein  befielt,  biefe  ©eljutfamfeit  im  gegebnen  Sülle  angweanbt 
3u  Ijaben.  —  Woraliften  reben  oon  einem  irrenben  ©ewiffen.  Slber  ein  10 
irretibeS  ©ewiffen  ift  ein  Unbing;  unb  gäbe  es  ein  fold)eS,  fo  tonnte  man 
niemals  freier  fein  red)t  geljanbelt  ju  tjaben,  weil  felbft  ber  Stifter  in  ber 
letzten  Snftanj  noch  irren  tonnte.  3d)  fann  jwar  in  bem  Urtfjeile  irren, 
in  meldjetnid)  glaube  3fted)t  ju  l)aben:  benn  baS  gehört  bem  SSerftanbe 
jn,  ber  allein  (waljr  ober  falfd))  objectio  urteilt;  aber  in  bem  ©ewufstfein:  15 
ob  td)  in  ber  3:1) a t  glaube  3Red)t  gu  l)aben  (ober  eS  blojs  üorgebe), 
fann  id)  fd)led)terbing§  nid^t  irren,  weil  biefeS  Urteil  ober  ütelmeljr 
biefer  Sajj  blofj  fagt:  bajj  id)  ben  ©egenftanb  fo  beurteile. 

3n  ber  Sorgfalt  fid)  biefeS  ©laubenS  (ober  5Jtid)tglauben§)  bewußt 
ju  werben  unb  fein  Sürmafjrfjalten  oorjugeben,  beffen  man  fid)  nid)t  bc*  20 
roujjt  ift,  befielt  nun  eben  bie  formale  ©ewiffenljaftigfeit,  welche  ber  ©runb 
ber  2Bal)rf)aftigfeit  ift.  derjenige  alfo,  welker  ftcfc)  felbft  (unb,  meldjeS 
in  ben  fReligionSbefenntniffen  einerlei  ift,  oor  ©ott)  fagt:  er  glaube, 
oljne  öielleid)t  aud)  nur  einen  ©lief  in  fid)  felbft  getfjan  jit  fjabert,  ob  er 
fid)  in  ber  Sljat  biefeS  Sürwal)rf)alten§  ober  and)  eines  folgen  ©rabeS  25 
beffelben  bewußt  fei*),  ber  lügt  nidjt  blofj  bie  ungereimtere  Si'tge  (oor 


*)  Sad  Gsrpreffungsmittel  ber  2Bahrl)aftigfeit  in  äußern  2lu3fagen,  ber  (St b 
^tortura  spiritualis),  wirb  oor  einem  menfdjtidjen  ®erid)t3hofe  nicht  b!o§  für  er« 
taubt,  fonbern  ancl)  für  unentbehrlich  gehalten:  ein  trauriger  23emei<§  non  ber  ge« 
ringen  Sichtung  ber  fUienfchen  für  bie  SBahrljeit  felbft  im  Stempel  ber  üffentlidjeit  so 
©eredjtigfeit,  wo  bie  bloße  3bee  oon  ihr  f rf) 0 u  für  fid)  bie  grüßte  2Xc£)tung  ein« 
flößen  follte!  SIber  bie  füienfdjen  lügen  aud)  Überzeugung,  bie  fie  menigftenä  nicht 
oon  ber  2lrt  ober  in  bem  ©rabe  haben,  als  fie  oorgeben,  felbft  in  ihrem  innern 
23efenntniffe;  unb  ba  biefe  Itnrebtidjfeit  (»eil  fie  nad)  unb  nach  in  wirtliche  Über« 
reburtg  audfdjlägt)  aud)  äußere  fcl)üblid)e  folgen  haben  fann,  fo  fantt  jened  (Sr=  35 
preffungSmittet  ber  SBahrhaftigteit,  ber  @ib  (aber  freilich  nur  ein  innerer,  b.  i.  ber 
iöerfud),  ob  baö  gürwat)rhalten  aud)  bie  Sßrobe  einer  innern  eiblictjeu  2lbf)öruug 


Über  bad  SDtihlingen  aller  philofopljifchen  SSerfuche  in  ber  $t)eübicee.  269 

einem  bper^en-ofimbiger),  fonöern  aud)  bie  fretieUfaftefte,  meil  fie  beti  ®runö 
febeg  tugenbhaften  Borfaheg,  bie  2lufrid)tigfett,  untergräbt.  2Bie  halb 
fold)e  blinbe  unb  äußere  33  e f enntnif  f  e  (tüeldfcje  fetjr  letd)t  mit  einem  eben 
jo  unmat)ren  innern  oereinbart  werben),  menn  fie  6rw erb  mittel  ab= 
5  geben,  aGmählid)  eine  gewifje  ^aljdj'ljeit  in  bie  ®en!ung§art  felbft  beg 
gemeinen  SBefeug  bringen  fönnen,  ijt  leicht  abpfeffen.  —  SBäljrenb  tnbejj 
bieje  öffentliche  Säuterung  ber  ©enfunggart  mahrfcheinltcher  SBeife  auf 
entfernte  Seiten  auggefe^t  bleibt,  big  fte  öielleid)t  einmal  unter  beut 
(Schule  ber  ©enffreiheit  ein  aügemetneg  @rjiel)ungg=  unb  Sehrprinctp 
io  merben  mirb,  mögen  h^r  noch  einige  auf  bie  Betrachtung  jener 

Unart,  melche  in  ber  menfd)Ud)en  Batur  tief  gemurmelt  ju  fein  fd^eint,  üer= 
manbt  merben. 

6g  liegt  etmag  Bühreubeg  unb  (Seelenerlfebenbeg  in  ber  Slufftebung 
eineg  aufrichtigen,  non  aber  $alfd)heit  unb  pofitiöen  Berftebung  ent= 
15  fernten  (St)arafter§ ;  ba  hoch  bie  @^rlid)feit,  eine  blojje  Oinfalt  unb  @erab= 


bed  Sefenntniffed  audhalte),  bagu  gleidjfaltd  fefjr  wohl  gebraucht  merben,  bie  Ser= 
meffenbeit  breifter,  jubelt  aud)  wof)l  äuherlid)  gemaltfamer  ^Behauptungen,  wo  nicht 
abzühatten,  bod)  wenigftend  ftutjig  zu  wachen.  —  Son  einem  menfchlichen  ©eriihtd» 
pofe  wirb  bent  ©ewiffen  bed  <Sd)Wörenben  nid)td  weiter  zugemuthet,  ald  bie  3ltt= 
■io  6eifd£)igmad)ung :  baff,  wenn  ed  einen  füuftigen  2SeItrict)ter  (mithin  ©ott  unb  ein 
fiinftiged  Seben)  giebt,  er  ifjm  für  bie  2Ba£jrl)eit  feined  andern  Sefenntniffed  öer= 
antwortlid)  fein  wotte;  bah  ed  einen  foldjen  SBeltrichter  gebe,  baoon  hat  er 
nicht  nöthig  ihm  ein  Sefenntniff  abjuforbern,  weil,  wenn  bie  erftere  Settjeurung 
bie  Süge  nid)t  abhalten  lann,  bad  zweite  falfche  Sefenntnih  eben  fo  wenig  Se» 
25  benfen  erregen  würbe.  Stadf  biefer  innern  ©ibedbelation  würbe  man  fich  alfo 
felbft  fragen:  ©etraueft  bu  bir  wohl,  bei  allem,  wad  bir  theuer  unb  heit>9  ift, 
bich  für  bie  SSahrheit  fened  wichtigen  ober  eined  anbern  bafitr  gehaltenen  ©laubend» 
fa|ed  au  oerbürgen?  Sei  einer  folgen  Sumnthung  wirb  bad  ©ewiffen  aufgefdjrecft 
burd)  bie  ©efatjr,  ber  man  fich  audfe|t,  mehr  oorzugeben,  ald  man  mit  ©ewifebjett 
30  behaupten  lann,  wo  bad  Dafürhalten  einen  ©egenftanb  betrifft,  ber  auf  bem 
Söege  bed  üöiffend  (theoretifcfjer  ©inficht)  gar  nicht  erreid)bar  ift,  beffen  Innehmung 
aber  baburch,  bah  fte  allein  ben  Bufammenhang  ber  haften  praftifdjen  Vernunft- 
principien  mit  benen  ber  tljeoretifchen  Staturerfenntnih  in  einem  ©pfteut  möglich 
(unb  alfo  bie  Sernunft  mit  fich  felbft  gufammenftimmenb)  macht,  über  aüed  em» 
35  p fehlbar,  aber  immer  bocb  frei  ift.  —  Stoch  mehr  aber  muffen  ©laubendbefenntniffe, 
beren  Quelle  hiftorifch  ift,  biefer  Feuerprobe  ber  SBahrhaftigleit  unterworfen  werben, 
wenn  fie  Slnbern  gar  ald  Sorfdjriften  auferlegt  werben:  weil  hier  bie  Unlauterfeit 
unb  geheuchelte  Überzeugung  auf  Mehrere  oerbreitet  wirb,  unb  bie  ©äjulb  baoon 
bem,  ber  fich  für  Slnberer  ©ewiffen  gleichfam  oerbürgt  (benn  bie  3)?enfd)en  ftitb 
40  mit  ihrem  ©ewiffen  gerne  paffio),  zur  Saft  fällt. 


270  Über  baS  (Diijjlinflen  aller  pfjilofoptjifc^en  33erfuc^e  in  ber  Sitjeobicee. 

heit  ber  (DenfungSart  (oornehmlid)  menn  man  il)r  bie  Dffenberjigfeit  er= 
läfet),  bas  ßleinfte  ift,  maS  man  p  einem  guten  (Sf)arafter  nur  immer 
forbern  fann,  unb  baljer  nid)t  abpfeljen  ift,  morauf  fid)  benn  jene  23e= 
munberung  grflnbe,  bie  mir  einem  foldjen  ©egenftanbe  mibtnen:  eS  mühte 
benn  fein,  bafj  bie  Slufridjtigfeit  bie  (Sigenfcbaft  märe,  oon  ber  bie  menfd)= 
lic^e  Statur  gerabe  am  meiteften  entfernt  ift.  Sine  traurige  (Bemerfung! 
Snbem  eben  burd)  jene  alle  übrige  (Sigenfd)aften,  fofern  fie  auf  ©runb® 
fäjjen  beruhen,  allein  einen  innern  mähren  2Bertt)  haben  fönnen.  (Sin 
conteimplatioer  (Dtifanthrop  (ber  feinem  (UJenfdjen  (BöfeS  münfdjt,  mohl 
aber  geneigt  ift  non  ihnen  aüe§  (Böfe  p  glauben)  fann  nur  pjeifelfjaft 
fein,  ob  er  bie  3Renfd)en  b) a f f e n §  =  ober  ob  er  fie  eher  oerad)tungS= 
mürbig  finben  folle.  (Die  Gngenfdjaften,  um  berentmitlen  er  fie  für  bie 
erfte  Begegnung  qualificirt  p  fein  urtheilen  mürbe,  ftnb  bie,  burd)  roelc^e 
fie  üorfä^lidh  fd)aben.  (Diejenige  (Sigenfd)aft  aber,  meld)e  fie  ihm 
eher  ber  lefetern  2lbmürbigung  auSpfefjen  fdjeint,  fönnte  feine  anbere 
fein,  al§  ein  ^ang,  ber  an  fid)  böfe  ift,  ob  er  gleich  Viemanben 
fchabet:  ein  £ang  p  bemjenigen,  maS  p  feiner  2lbfid)t  als  dRittel  ge= 
braucht  merben  foü,  maS  alfo  objectio  p  nichts  gut  ift.  (Das  erftere  (Böfe 
märe  mohl  fein  anbereS,  als  baS  ber  $einbfeligfeit  (gelinber  gejagt, 
Siebloftgfeit);  baS  jmeite  fann  fein  anbereS  fein  als  Sügenfjaftigfeit 
©alfd)l)eit,  felbft  ohne  alle  2Xbftd)t  p  fd)aben).  (Die  erfte  Neigung 
hat  eine  2lbfid)t,  beren  ©ebraud)  bod)  in  gemiffen  anbern  (Beziehungen  er= 
laubt  unb  gut  fein  fann,  j.  23.  bie  geiubfeligfeit  gegen  unbefferlid)e  ^-rie= 
benSftörer.  (Der  jmeite  £ang  aber  ift  ber  pm  Gebrauch  eines  Mittels 
(ber  Süge),  baS  p  nichts  gut  ift,  p  melcher  Slb ficht  es  and)  fei,  meil  eS 
an  fid)  felbft  böfe  unb  oermerflid)  ift.  Sn  ber  (Befd)affenf)eit  beS  Vtenfdjen 
oon  ber  erften  2lrt  ift  (Bosheit,  momit  ftd)  bod)  noch  Süchtigfeit  p 
guten  ßrceefen  in  gemiffen  äufcern  Verhältniffen  oerbinben  läjjt,  unb  fie 
fünbigt  nur  in  ben  Mitteln,  bie  bod)  auch  nicht  in  aller  2lbfid)t  üermerf= 
lieh  ftnb.  ®aS  23öfe  oon  ber  ledern  2lrt  ift  SRid)tS  mürbigfeit,  mobitrd) 
bem  2Renfd)en  aller  ©hatafter  abgebrochen  mirb.  —  S<h  halte  mich  h^r 
hauptfäd)lich  an  ber  tief  im  Verborgnen  liegenben  Unlauterfeit,  ba  ber 
ÜRenfd)  fogar  bie  innern  2luSfagen  üor  feinem  eignen  ©emiffen  p  oer= 
fälfehen  meifj.  Um  befto  meniger  barf  bie  äußere  (Betrugsneigung  befrem* 
ben;  eS  mü^te  benn  biefeS  fein,  bah,  obpar  ein  jeber  oon  ber  $alfd)f)eit 
ber  ÜJtünje  belehrt  ift,  mit  ber  er  Verfehr  treibt,  fie  fich  bennoch  immer 
fo  gut  im  Umlaufe  erhalten  fann. 


Über  bas  SDtifelingen  aller  ptjtlofopljif^en  93erfnct)e  in  her  Stjeobtcee.  271 

3n  £errn  be  2itc  ^Briefen  über  bie  ©ebirge,  bie  ©efd)id)te  ber  ©rbe 
unb  Menfd)en  erinnere  id)  mid)  folgetibeg  ffiefnltat  feiner  jum  &f)eil  an= 
tf)ropotogifd)en  31eife  gelefen  git  f)aben.  (Der  nienfd)enfreunblid)e  SSerfaffer 
mar  mit  ber  (Borangfefaung  ber  urfprünglid)en  ©utartigfeit  nnferer  ©at= 
5  tung  auggegangen  unb  fnd)te  bie  (Betätigung  berfelben  ba,  mo  ftäbtifdje 
Üppigfeit  ntd)t  folgen  ©inftufe  tjaben  f'ann,  ©emntfjer  p  Derberben:  in 
@ebirgen,Don  ben  fd)mei$eri‘fd)en  an  bis  pm  §arp;  unb  nad)bem  fein 
©lanben  an  ltneigennü^ig  tplfleiftenbe  Neigung  bnrd)  eine  ©rfafjrung  in 
ben  erftern  etmag  manfenb  geworben,  fo  bringt  er  bod)  am  ©nbe  biefe 
10  @d)Iu§fo!ge  fjeraug;  bafj  ber  Menfd),  mag  bag  2öof)lraollen  be= 
trifft,  gut  genug  fei  (fein  SBunber!  benn  biefeg  beruht  auf  einge= 
Pflanzer  Neigung,  mooon  ©oit  ber  Urheber  ift);  menu  ifym  nur  nid)t 
ein  fd)limmer  ^ a n g  gur  feinen  (Betrügerei  beimofjnte  (meldjeg 
aud)  nid)t  poerwunbern  ift;  benn  biefe  abpfyalten  beruht  auf  bem  @f)a= 
io  rafter,  meld)en  ber  Menfd)  felber  in  fid)  bilben  muff)!  —  ©in  (Kefultat 
ber  Unterfttdpng,  weld)eg  ein  3eber,  aud)  of)ne  in  ©ebirge  gereifet  p  fein, 
unter  feinen  Mitbürgern,  ja  nod)  nätjer,  in  feinem  eignen  (Bufen,  t)ätte 
antreffen  fönnen. 


Über  ben©emetnfprud) 

pciö  maa  in  6er  i§l)eorie  ridjlig  fein, 

tauctt  afier  tticfjf  für  5ie  Praxis. 


«an  t’8  ©«Stifte«.  ffierfe.  VIII. 


18 


9Jian  nennt  einen  Inbegriff  felbft  üon  praftifdpen  Regeln  alSbann 
ütpeorie,  menn  biefe  Regeln  als  ^rincipien  in  einer  gegriffen  2iUgemein= 
t)eit  gebaut  merben,  unb  babei  non  einer  fDfenge  SSebingungen  abftrapirt 
tüirb,  bie  bocp  auf  ipre  Ausübung  notpmenbig  (Sinfluf  paben.  Umgefeprt 
5  peipt  nicb)t  jebe -fbantirung,  fonbern  nur  biefenige  Sßemirfung  eines  ßmecfs 
^3ra;riS,  meldpe  als  ^Befolgung  gemiffer  im  Slügemeinen  öorgeftellten 
^rincipien  beS  2SerfaprenS  gebaut  mirb. 

£>ap  pifcpenber  Speorie  unb  ^rapiS  nodp  ein  fUtittelglieb  ber  3Ser= 
fnüpfung  unb  beS  Überganges  öon  ber  einen  pr  anberen  erfordert  merbe, 
10  bie  £peorie  mag  audp  fo  oollftänbig  fein,  mie  fie  motte,  fällt  in  bie  Slugen; 
benn  p  bem  ißerftanbeSbegriffe,  melier  bie  Siegel  enthält,  rnuf  ein  2lctuS 
ber  UrtpeilSfraft  pinpfommen,  moburdp  ber  ^raftifer  unterfdpeibet,  ob 
etmaS  ber  gall  ber  IRegel  fei  ober  nicpt;  unb  ba  für  bie  UrtpeilSfraft  nidpt 
immer  mieberum  Regeln  gegeben  merben  fönnen,  monadp  fie  ft  dp  in  ber 
15  (Subfumtion  p  ridpten  pabe  (meil  baS  ins  Unenblidpe  gepen  mürbe),  fo 
fann  eS  Speoretifer  geben,  bie  in  iprem  2eben  nie  praftifcp  merben  tonnen, 
meil  e§  ipnen  an  UrtpeilSfraft  feplt:  j.  23.  Slrjte  ober  IRecptSgeleprte,  bie 
ipre  ©dpule  gut  gemacpt  paben,  bie  aber,  menn  fie  ein  ©onftlium  p  geben 
paben,  nidpt  miffen,  mie  fie  fiep  benepmen  follen.  —  2Bo  aber  biefe  9iatur= 
20  gäbe  audp  angetroffen  mirb,  ba  fann  es  boep  nodp  einen  Mangel  an  $rä= 
miffen  geben;  b.  i.  bie  £peorie  fann  unoollftänbig  unb  bie  Grrgänpng 
berfelben  oielteidpt  nur  burdp  nodp  anpfteHenbe  SSerfucpe  unb  ©rfaprungen 
gefepepen,  oon  benen  ber  aus  feiner  <5cpule  fommenbe  2trjt,  Sanbmirtp 
ober  (Eameralift  fidp  neue  Regeln  abftraptren  unb  feine  £peorie  oollftänbig 
25  maepen  fann  unb  foU-  £)a  lag  eS  bann  nidpt  an  ber  Stpeorie,  menn  fie 
pr  ^ßrapiS  noep  menig  taugte,  fonbern  baran,  bafj  nidpt  genug  SIpeorie 
ba  mar,melcpe  ber  OJtann  oon  ber  (ärfaprung  patte  lernen  follen,  unb  meldpe 
mapre  Speorie  ift,  menn  er  fie  gleidp  nidpt  oon  fiep  p  geben  unb  als  ßeprer 
in  allgemeinen  ©äpen  fpftematifcp  oorptragen  im  ©tanbe  ift,  folglidp  auf 
30  ben  tarnen  eines  tpeoretifepen  ÜIrjteS,  SanbmirtpS  unb  bergl.  feinen 


276 


Uber  ben  ©emehtfprucE) :  ®aö  mag  in  ber  £l)eorie 


2lnfprud)  machen  fann.  —  Es  fann  alfo  9tiemanb  fid)  für  prafttfdf)  be* 
manbert  in  einer  Söiffenfdpft  auSgeben  unb  boc^  bie  Jfjeorie  oerad)ten, 
ot)ne  fid)  blofe  p  geben,  bah  er  in  feinem  $ad)e  ein  Ignorant  fei:  inbem 
er  glaubt,  burd)  £>erumtappen  in  33erfud)en  unb  Erfahrungen,  ohne  ftd) 
gemiffe  ^rincipien  (bie  eigentlich  baS  auSmad)en,  maS  man  Jheorie  nennt)  5 
p  fammeln  unb  ohne  fid)  ein  EanjeS  (meld)eS,  menn  babei  tnethobifd) 
oerfahren  mirb,  Spftem  het^t)  über  fein  @efd)äft  gebadet  p  hoben,  meiter 
fonunen  p  fönnen,  als  ihn  bie  Theorie  p  bringen  oermag. 

Srnbeh  ift  bod)  noch  eher  p  bulben,  bah  ein  Unmiffenber  bie  Theorie 
bei  feiner  oermeintlidjen  ^SrapiS  für  unnötig  unb  entbehrlich  auSgebe,  10 
als  bah  ein  Klügling  fte  unb  ihren  SBertf)  für  bie  Schule  (um  etloa  nur 
ben  Äopf  p  üben)  einräumt,  babei  aber  pgleidj  behauptet:  bah  eS  in  ber 
$rapiS  gang  anberS  laute;  bah,  toenn  man  aus  ber  Schule  ftd)  in  bie  2Belt 
begiebt,  man  inne  merbe,  leeren  Jbealen  unb  phtlofophifd)en  Jräunten 
nach  gegangen  p  fein;  mit  Einem  SBort,  bah,  ü>aS  in  ber  Theorie  fid)  15 
gut  hören  Iaht,  für  bie  ^rapiS  üott  feiner  Eültigfeit  fei.  (2Jian  brücft 
biefeS  oft  aud)  fo  auS:  biefer  ober  jener  Sah  gilt  jmar  in  thesi,  aber  nid)t 
in  hypothesi.)  üftnn  mürbe  man  ben  empirifchen  9Rafd)iniften,  meld)er 
über  bie  allgemeine  9Jted)anif,  ober  bett  SlrtiUeriften,  meldjer  über  bie 
mathematifche  £ef)re  oorn  Söombenrnurf  fo  abfpred)en  moüte,  bah  bie  20 
Theorie  baoon  ptar  fein  auSgebad)t,  in  ber  JprapiS  aber  gar  nicht  gültig 
fei,  rneil  bei  ber  Ausübung  bie  Erfahrung  gan^  anbere  Stefultate  gebe  als 
bie  Theorie,  nur  belachen  (bettn  menn  p  ber  erften  noch  bie  Theorie  ber 
Reibung,  pr  pieiten  bie  beS  SBiberftanbeS  ber  2uft,  mithin  überhaupt 
nur  nod)  mehr  Theorie  f)inp  fäme,  fo  mürben  fte  mit  ber  Erfahrung  gar  25 
moht  3ufamnten  ftimmen).  Mein  eS  hat  hoch  eine  gan$  anbere  «emanbtnih 
mit  einer  3lheorier  meld)e  Eegenftanbe  ber  Mfd)auung  betrifft,  als  mit 
berjenigen,  in  meldjer  biefe  nur  burd)  begriffe  oorgeftellt  merben  (mit 
£)bjecten  ber  Httathematif  unb  Dbjecten  ber  ^Ijilofophie):  meld^e  lederen 
oteHeicht  ganj  mohl  unb  ohne  Jabel  (oott  Seiten  ber  Vernunft)  gebacht,  50 
aber  oielleicht  gar  nicht  gegeben  merben  fönnen,  fonbern  mohl  bloh  leere 
Jbeeu  fein  mögen,  oon  betten  in  ber  (ßrapiS  entmeber  gar  fein,  ober  fogar 
ein  ihr  nachtheiliger  Gebrauch  gemacht  merben  mürbe.  Mithin  fönnte  jener 
Eemeinfprud)  hoch  mohl  tu  folgen  fällen  feine  gute  3^ii)tigfeit  haben. 

Mein  in  einer  JEjeorie,  meldje  auf  bem  ^3 fl t d) tb e gri ff  gegrünbet  35 
ift,  fäüt  bie  SSeforgnih  megen  ber  leeren  Jbealität  biefeS  Begriffs  gan* 
loeg.  (Denn  es  mürbe  nicht  Pflicht  fein,  auf  eine  gemiffe  Söirfung  nnferS 


ridjtig  fein,  taugt  aber  nicht  für  bie  SPrajtiS. 


277 


SBiüeng  auggugehen,  Wenn  btefe  ntc^t  axidf)  in  ber  Erfahrung  (fie  mag 
nun  alg  öoHenbet,  ober  ber  SSoÜenbung  fid)  immer  annäffernb  gebaut 
merben)  möglich  Wäre;  unb  non  biefer  Slrt  ber  2i)eorie  ift  in  gegenwärtiger 
Slbhanblung  nur  bie  Siebe.  -Denn  non  ihr  wirb  pm  ©fanbal  ber  fßtjilo* 
5  fopljie  nicht  feiten  norgefcfjü^t,  baff,  wag  in  U)r  richtig  fein  mag,  bod)  für 
bie  ^rapig  ungültig  fei:  unb  gWar  in  einem  norne^men  wegwerfenben  Qon 
notl  Slnmafjung,  bie  SSernunft  felbft  in  bem,  Worin  fie  ihre  b)ö(f)fte  ©§re 
fefjt,  burd)  (Erfahrung  refortniren  31t  wollen;  unb  in  einem  3Beig^eitg= 
bünfel  mit  SJiaulwurfgaugen,  bie  auf  bie  letztere  geheftet  finb,  weiter  unb 
10  fidlerer  feffen  p  fönnen,  alg  mit  Singen,  weld)e  einem  Söefen  p  S^fjeil  ge= 
worben,  bag  aufrecht  p  flehen  unb  ben  Fimmel  anpfdjauen  getnad)t  War. 

SDiefe  in  unfern  fpruc^reicfjen  unb  thatleeren  .gelten  fehr  gemein  ge= 
worbene  SJiapime  richtet  nun,  Wenn  fie  etwag  2Jioralifd)eg  (37ugenb=  ober 
Stedflgpflicht)  betrifft,  ben  größten  ©(haben  an.  SDenn  hier  ift  eg  um  ben 
15  Jlanon  ber  33ernunft  (im  Ißraftifchen)  p  tljun,  wo  ber  3Bertf)  ber  ^)3rag:i§ 
gänzlich  auf  ihrer  Slngemeffenheit  p  ber  ihr  untergelegten  Theorie  beruht, 
unb  Sllleg  uerloren  ift,  wenn  bie  empirifdjen  unb  baher  jufäüigen  33e= 
bingungen  ber  Slugführung  beg  ©efetjeg  p  SSebingungen  beg  ©efetjeg 
felbft  gemacht  unb  fo  eine  fßratäg,  Welche  auf  einen  nad)  bisheriger  @r* 
20  fahrung  wat)rfcheinlicf)en  Sluggang  berechnet  ift,  bie  für  fid)  felbft  be= 
ftehenbe  Theorie  p  meiftern  berechtigt  wirb. 

2)ie  ©intheilung  biefer  Slbhanblung  mad)e  ich  nach  ben  brei  üew 
fd)iebeneit  ©tanbpunften,  aug  Welchen  ber  über  SLtjeorien  unb  ©pfietne  fo 
fecf  abfprechenbe  (Shrenmann  feinen  ©egenftanb  p  beurtheilen  pflegt; 
25  mithin  in  breifacher  Qualität:  1)  alg  tßrioat=,  aber  bod)  ©efdfäftg- 
mann,  2)  alg  ©taatgmann,  3) alg  SBeltmann  (ober  SBeltbürger  itber= 
haupt).  Qtefe  brei  Ißerfonen  finb  nun  barin  einig,  bem  ©d)ulmann 
p  Seibe  p  gehen,  ber  für  fie  alle  unb  p  ihrem  Söeften  Theorie  bearbeitet: 
um,  ba  fie  eg  beffer  p  nerftehen  wähnen,  ihn  in  feine  ©dfule  p  weifen 
30  (illa  se  iactet  in  aula!),  alg  einen  gebauten,  ber,  für  bie  ^Srapig  Per= 
borben,  ihrer  erfahrenen  2Beied)eit  nur  im  SBege  ftef)t. 

2öir  werben  alfo  bag  SSerhältnijf  ber  3lheorie  pr  ißrapig  in  brei 
Stummem:  er  ft  lieh  in  ber  SDiorat  überhaupt  (in  Slbficfft  auf  bag  2Bof)l 
febes  SDtenfdjen) ,  jweiteng  in  ber  ^olitif  (in  äßephung  auf  bag2Bol)l 
35  ber  ©taaten),  britteng  in  fogmopolitifd)er  ^Betrachtung  (in  Stbfid)t 
auf  bag  SBofjl  ber  9Jienfd)engattung  im  ©anjen,  unb  jwar  fo  fern  fie 
im  ^ortfdjreiten  311  bemfelben  in  ber  3Reif)e  ber  geugungen  aller  fünfttgen 


278  Über  ben  ©emeinfprud):  2)a3  mag  in  bev  Stjeorie  richtig  fein  ic. 

feiten  begriffen  ift)  oorfteHig  mad)en.  —  ©ie  Betitelung  ber  Hummern 
aber  trirb  aus  ©rünben,  bie  ffcff  aus  ber  Slbffanblung  felbft  ergeben, 
burd)  baS  Berffciltniff  ber  Sffeorie  jur  fßrapiS  in  ber  Bioral,  bem 
©taatSrecfft  unb  bem  Bölferredjt  auSgebrücft  merben. 


I. 

Bon  bem  Berffältniff  ber  Sffeorie  jur  Brapte  in  ber  BJoral  überhaupt. 

(3ur  ^Beantwortung  einiger  ©inwürfe  beä  ,£>rn.  ißrof.  ©arbe*). 

Grfje  id)  p  bem  eigentlichen  ©treitpuufte  über  baS,  maS  im  ©ebraucffe 
eines  unb  beffelben  Begriffs  bloff  für  bie  £l)eorie,  ober  für  bie  BrapiS 
gültig  fein  mag,  fomnte:  muff  id)  meine  Sffeorie,  fo  mie  ich  ffe  anbermärtS 
Dorgeftetlt  habe,  mit  ber  Borfteüung  pfammen  halten,  meld)e  £err  ©aroe 
baoon  giebt,  um  oorffer  311  feffen,  ob  mir  uns  einanber  aud)  oerfteffen. 

A.  3d)  hatte  bie  5Roral  oorläufig  als  pr  Einleitung  für  eine  SBiffen* 
fcffaft  erklärt,  bie  ba  lehrt,  nicht  mie  mir  glücflid),  fonbern  ber  ©lüdfelig» 
feit  mftrbig  merben  foüen**).  Riebet  hatte  ich  nicht  oerabfäumt  anp= 
rnerfen,  baff  baburd)  bem  Bfenfdfen  nicht  angefonnen  merbe,  er  fotle,  menn 
eS  auf  BffWffbefolgung  anfommt,  feinem  natürlichen  ßmecfe,  ber  ©lücf* 
feligfeit,  entfagen;  benn  baS  fann  er  nicht,  fo  mie  fein  enblicffeS  Der* 
nünftigeS  SBefen  überhaupt;  fonbern  er  müffe,  menn  baS  ©ebot  ber  fßflidff 
eintritt,  gcuglid)  Don  biefer  Büdffdff  abftraffiren;  er  müffe  ffe  burdjauS 
nicht  pr  Bebingung  ber  Befolgung  beS  iffm  burd)  bie  Bernunft  Dor* 


*)  Söerfucbe  über  berfcbtebne  ©egenftänbe  au3  ber  SJtoral  unb 
Siteratur,  bon  ©b-  ®arbe.  ©rfter  &bcil,  ©•  Hl  bi3  116.  3<b  nenne  bie 

Seftreitung  meiner  <£äbe  ©in würfe  biefeö  würbigen  2)tanne§  gegen  ba3,  wor» 
über  er  fid)  mit  mir  (wie  icf)  hoffe)  einjuberfteben  münfcbt;  nicht  Singriffe,  bie 
aI3  abfprecbenbe  ^Behauptungen  jur  SSertbeibigung  reifen  füllten:  W03U  weber  hier 
ber  Drt,  noch  bei  mir  bie  Steigung  ift. 

**)  3)ie  SSürbigfeit  glüdlid)  31t  fein  ift  biejenige  auf  bem  felbft  eigenen 
SSitlen  beö  ©ubjectS  berubenbe  Qualität  einer  Sßerfon,  in  ©emäffbett  mit  welcher 
eine  allgemeine  (ber  Statur  fornobl  als?  bem  freien  SSiüen)  gefebgebenbe  Vernunft 
3U  allen  gmecfen  biefer  Sßerfon  3ufammenftimmen  mürbe.  Sie  ift  alfo  bon  ber 
Oefchicflichfett  ficb  ein  ©lüd  3U  erwerben  gänjlich  unterziehen.  ®enn  felbft  biefer 
unb  be<3  £alent§,  welche^  ibm  bie  Statur  ba3u  berlieben  bat,  ift  er  nicht  werth* 
wenn  er  einen  SiMCten  bat,  ber  mit  bem,  welcher  allein  fid)  3U  einer  allgemeinen 
©efebgebung  ber  Vernunft  fcbidt,  nicht  sufammen  ftimmt  nnb  barin  nicht  mit  ent» 
halten  fein  fann  (b.  i.  welcher  ber  SRoralität  wiberftreitet). 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


33on  bern  23ert)ältnij;  ber  Sfeeorie  jur  5Praji<3  in  ber  iötoral  überhaupt.  279 


gefctjriebetiett  ©efefeeS  macfeen;  ja  fogar,  jo  oiel  ifent  möglicfe  ift,  ftdf)  be= 
teufet  gu  teerben  jucken,  bafe  fecfe  feine  oon  jener  feergeleitete  £riebfeber 
in  bie  ^flicfetbeftimmung  nnbemerft  mit  einmijdje:  teelcfeeS  baburdfebeteirft 
teirb,  bafe  man  bie  ißflicfet  lieber  mit  Slufopfernngen  öerbunben  oorfteHt, 
5  melcfee  ifere  Beobad)tung  (bie  Sugenb)  fojtet,  als  mit  ben  Bortfeeilen,  bie 
fee  uns  einbringt:  um  baS  Bflicfetgebot  in  feinem  gangen,  unbebingten  ©e= 
feorfam  jorbernben,  fecfe  jelbjt  genugfamen  unb  feines  anbern  (äinflnffeS 
bebürftigen  Slnfefeen  fiep  oorftellig  gu  macfeen. 

a.  liefen  meinen  Safe  brücft  £>r.  ©aroe  nun  jo  auS:  „icfe  feätte  be= 
10  feauptet,  bafe  bie  Beobacfetung  beS  moralifcfeen  ©efefeeS  gang  ofene  0^ücf= 
jicfet  auf  ©lücf jeligfeit  ber  einzige  (Sn bgteecf  für  ben  Bfenfcfeen  fei,  bafe 
fee  als  ber  einzige  ßteecf  beS  ScfeöpferS  angefefeen  teerben  tnüffe".  (fftad) 
meiner  Sfeeorie  ijt  teeber  bie  Moralität  beS  Bienfcfeett  für  fecfe,  nocfe  bie 
©lüdfeltgfeü  für  fecfe  allein,  jonbern  baS  feöcfefte  in  ber  2Belt  mögliche 
15  ©ut,  teelcfeeS  in  ber  Bereinigung  unb  ßujatemenjtimmung  beiber  beftefet, 
ber  einzige  Brnecf  beS  ScfeöpferS.) 

B.  3d)  featte  ferner  bemerft,  bafe  biefer  Begriff  oon  Bflicfet  feinen 
bejonbern  ßroecf  gum  ©runbe  gu  legen  nötfeig  feabe,  üieltnefer  einen  anbern 
ßteecf  für  ben  SBillen  beS  ÜRenfcfeen  feerbei  füfere,  nätnlicfe:  auf  baS 
so  feöcfefte  in  ber  SBelt  möglicfee  ©ut  (bie  im  2Beltgangen  mit  ber  reinften 
Sittlicfefeit  aucfe  oerbunbene  allgemeine,  jener  gemäfee  ©lücffeligfeit)  nad) 
allem  Bermögen  feinguteirfen:  teelcfeeS,  ba  eS  gmar  oon  einer,  aber  nicfet 
oon  beiben  Seiten  gujammengenommen,  in  unferer  ©etoalt  ift,  ber  Ber= 
nunft  ben  ©lauben  an  einen  moralifcfeen  2ßeltfeerrf(feer  unb  an  ein  fünfe 
25  tigeS  Beben  in  praftifcfeer  Slbficfet  abnötfeigt.  liefet,  als  ob  nur  unter 
ber  BorauSfefeung  bei  r  ber  allgemeine  ^3flict)tbegriff  allererft  „.'palt  unb 
^eftigfeit,"  b.  i.  einen  feefeeren  ©rnnb  unb  bie  erforberüefee  Starfe  einer 
Sriebfeber,  fonbern  bamit  er  nur  an  jenem  3^1  ber  reinen  Bernunft 
aucfe  ein  Dbject  befomme*).  ®enn  an  fecfe  ift  Bflicfet  nicfetS  anberS,  als 


so  *)  2>a3  Sebürfnife,  ein  feödjfteS  auch  bnret»  unfere  fDtitmirfung  tnöglidjeä 
©ut  in  ber  ©eit  al3  ben  ©nbgroeef  aller  Pinge  anaunefetnen,  ift  nicfet  ein  33e= 
biirfnife  auS  SDiangel  an  moralifcfeen  Sriebfebern,  fanbern  an  anderen  iüerfeättniffen, 
in  benen  allein  biefen  Sriebfebern  gemcifi  ein  Dbject  als  Qmeä  an  feiet)  felbfet  (als 
moralifcfeer  ©nbaraeef)  feeroorgebraefet  merben  fann.  2>enn  ofene  allen  ßweef 
35  fann  fein  ©ille  fein;  obgleich  man,  wenn  eS  blofe  auf  gefefeliifee  fftötfeigung  ber 
.ftanblungen  anfommt,  bon  ifent  abftrabiren  tnu§  unb  baS  ©efefe  allein  ben  33e= 
ftimntungSgrunb  beffelben  auSmacfet.  2lber  nicfet  jeher  3r»ecf  ift  moralifefe  (3.  SB. 


280  Über  beit  ©emeinfprud):  SaS  man  in  bet  Sporte  richtig  fein  ic. 

©infchränfung  be§  ©iUend  auf  bie  »ebingung  einer  allgemeinen,  burd) 
eine  angenommene  SJiapme  möglichen  ©efetggebung,  ber  ©egenftanb  bef= 
felben  ober  ber  ßrceii  mag  fein,  meldjer  er  mode  (mithin  and)  bie  ©lüct= 
feligfeit);  oon  meinem  aber  unb  aud)  oon  febem  3»^,  &en  man  ^a&en 
mag,  tjiebei  gang  abftrahirt  mirb.  33ei  ber  $rage  oom  ©rincip  ber 
flfloral  fann  alfo  bie  ßetjre  oom  t) o cf) ft e n  ©ut,  al§  lebten  3weü  eine§ 
burcf)  jte  befiimmten  unb  ihren  ©efepen  angemeffenen  SBidenS,  (als  epi* 
fobifd))  gang  übergangen  unb  beifeite  gefegt  merben;  mte  ftd)  aud)  in  ber 
^olge  geigt,  baff,  too  e§  auf  ben  eigentlichen  (Streitpunkt  anfommt,  barauf 
gar  nicht,  fonbern  blofg  auf  bieaÜgemeineüRoral3tüc!ftcht  genommen  toirb. 

b.  pr.  ©aroe  bringt  biefe  @ätge  unter  folgenbe  SluSbrücfe:  „bah  ^er 
Sugenbpafte  jenen  ©efid)t§punft  (ber  eigenen  ©lücffeligfeit)  nie  aus  ben 
Slugen  oerlieren  fönne,  noch  bürfe,  —  toeil  er  fonft  ben  Übergang  in  bie 
uufid)tbare  2Belt,  ben  gur  Übergeugung  öom  2)afein  ©otte§  unb  oon  ber 
Unfterblid)feit,  gangticf)  oerlöre;  bie  bod)  nach  tiefer  Theorie  burd)au§ 

nid)t  ber  ber  eigenen  ©lüdfeligfeit),  fonbern  biefer  muff  nneigennüfcig  fein;  unb 
ba3  ©ebürfniff  eines  burd)  reine  Vernunft  aufgegebenen,  baS  ©ange  aller  gtoecfe 
unter  einem  ©rincip  befaffenben  ©nbgroedS  (eine  2BeIt  als  baS  b)ö<±)fte  aud)  burd) 
unfere  ©litmirfung  mögliche  ©ut)  ift  ein  ©ebiirfnifj  be<S  fid)  noch  über  bie  ©eob* 
adjtung  ber  formalen  ©efet;e  gu  ^eroorbringung  eines  Objects  (baS  fjödifte  ©ut) 
ermeiternben  uneigenni'^igen  SBitlenS.  —  SiefeS  ift  eine  SBittenSbeftimmung 
oon  befonberer  Slrt,  nämlid)  burd)  bie  Sbee  beS  ©äugen  aller  BroecEe,  mo  gum 
©runbe  gelegt  mirb:  bafs,  roettn  mir  gu  Singen  in  ber  2öelt  in  gemiffen  mo= 
ralif^en  ©erhöltniffen  ftefjen,  mir  aüermärtS  bem  moralifdien  ©efefc  gehörten 
muffen;  unb  über  baS  nod)  bie  ©flicht  hingufommt,  nach  allem  ©ermögen  eS 
gu  bemirfen,  ba&  ein  foldjeS  SSer^ältnife  (eine  2Belt,  ben  fittlidjen  b)öct)ften 
ßroeden  angemeffen)  ejiftire.  hiebei  bentt  fid)  ber  SRenfd)  nad)  ber  Sinologie  mit 
ber  ©ottbeit,  meld)e,  obgrnar  fubjectio  feinet  äufeeren  SingeS  bebürftig,  gteic^motjl 
nidjt  gebaut  merben  fann,  baff  fie  fid)  in  fid)  felbft  oerfdilöffe,  fonbern  baS  I)5d)fte 
©ut  aufser  fid)  tjeroorgubringen  felbft  burd)  baS  ©emufjtfein  ihrer  Slügenugfamfeit 
beftimmt  fei:  roelche  ©othmenbigfeit  (bie  beim  ©tenfdjen  ©ftiä)t  ift)  am  haften 
SBefen  oon  unS  nid)t  anberS  als  moralifd)eS  ©ebürfnif)  oorgeftetlt  merben  fann. 
©eint  ©tenfchen  ift  baf)er  bie  Sriebfeber,  meldje  in  ber  3bee  beS  t)5d)ften  burd) 
feine  ©titmirfung  in  ber  2ßelt  möglidjen  ©utS  liegt,  aud)  nicht  bie  eigene  babei 
beabfidjtigte  ©tüdf eligfeit,  fonbern  nur  biefe  Sbee  als  ßmed  an  fid)  felbft,  mitfjin 
ihre  ©erfolgnng  als  ©flicht.  Senn  fie  enthält  nicht  9luSfid)t  in  ©liidfeligfeit 
fd)Ied)thin,  fonbern  nur  einer  ©roportion  gmifdjen  ihr  unb  ber  SSnrbigfeit  beS 
©ubjectS,  meldjeS  eS  and)  fei.  ©ine  SSiüenSbeftimmung  aber,  bie  fid)  felbft  unb 
ihre  9lbfid)t,  gu  einem  folcpen  ©angen  gu  gehören,  auf  biefe  ©ebingung  einfchränft, 
ift  nid)t  eigennübig. 


5 

io 

15 

20 

25 

30 

35 

40 


33ort  bem  ©erpättmb  ber  Sfjeorie  gur  SßrajtS  in  ber  ÜOtorat  überhaupt.  281 

notpmenbig  ift,  bem  moralifepen  Spftem  alt  un  b  $eftigfeit  gu 
geben";  unb  befcpliept  bamit,  bie  Summe  ber  mir  gugefcpriebenen 23e= 
pauptung  furg  unb  gut  fo  gufammen  gu  faffen :  „©er  ©ugenbpafte  ftrebt 
jenen  «Rrincipien  gu  ^olge  unaufhörlich  barnacp,  ber  ©lücffeligfeit  mürbig, 
5  aber,  in  fo  fern  er  maprpaftig  tugenbpaft  ift,  nie  barnad),  glüdEIidt)  31t 
fein."  (©aS  SBort  in  fo  fern  macht  hier  eine  ßmeibeutigfeit,  bie  oorper 
ausgeglichen  merben  muff.  @3  fann  fo  Diel  bebeuten  alS:  in  bem  21  ctu S , 
ba  er  fid)  als  ©ugenbpafter  feiner  Pflicht  untermirft;  unb  ba  ftimrnt  biefer 
Sah  mit  meiner ©peorie  ooUfommen  gufammen.  ©ber:  menn  er  überhaupt 
io  nur  tugenbhaft  ift  unb  alfo  felbft  ba,  mo  eS  nicht  auf  Pflicht  anfommt  unb 
ipr  nicht  miberftritten  mirb,  fotle  ber  ©ugenbpafte  auf  ©lücffeligfeit  bod) 
gar  feine  SRücf fiept  nehmen;  unb  ba  miberfpriept  baS  meinen  23epaup= 
tungen  ganglicp.) 

©iefe  ©inmürfe  finb  alfo  nichts  als  fJJtipoerftanbniffe  (benn  für  «Dfip- 
15  beutungen  mag  icp  fte  nicht  palten),  beren  «Dföglicpfeit  befremben  müpte, 
menn  nicht  ber  menfcblicpelpang  feinem  einmal  gelohnten  ©ebanfengange 
auch  ^  ber  SSeurtpeilung  frember  ©ebanfen  gu  folgen  unb  fo  jenen  in 
biefe  hinein  gu  tragen  ein  folcpeS  Phänomen  pinreid)enb  erflärte. 

2luf  biefe  polemifcpe  «Bepanblung  beS  obigen  moralifepen  ißrincipS 
20  folgt  nun  eine  bogmatifepe  «Behauptung  beS  ©egentpeilS.  -fpr.  ©.  fcpliept 
ndmlicp  analptifcp  fo:  „Sit  ber  Drbnung  ber  begriffe  mup  baS  3Bapr= 
nepmen  unb  Unterfcpeiben  ber  ßuftanbe,  rnoburd)  einem  oor  bem  anbern 
ber  «Borgug  gegeben  mirb,  oor  ber  2Bapl  eines  unter  benfelben  unb  alfo 
oor  ber  SSorauSbeftimmung  eines  gemiffen  ßweefs  oorper  gepen.  ©in 
25  ßuftanb  aber,  ben  ein  mit  bem  «Bemuptfein  feiner  felbft  unb  feines  ßu= 
ftanbeS  begabtes  SBefen  bann,  menn  biefer  ßuftanb  gegenmartig  ift  unb 
oon  ipm  maprgenommen  mirb,  anberen  2lrten  gu  fein  oorgiept,  ift  ein 
guter  ßuftanb;  unb  eine  fReipe  folcper  guten  ßuftanbe  ift  ber  aügemeinfte 
begriff,  ben  baS  2öort  ©lücffeligfeit  auSbrücft."  —  ferner:  „©in 
30  ©efep  fept  9Rotiüe,  2Rotioe  aber  fepen  einen  oorper  rnaprgenommenen 
Unterfcpieb  eines  fcplecpteren  ßuftanbeS  oon  einem  befferen  oorauS.  ©biefer 
maprgenommene  Unterfcpieb  ift  baS  ©lement  beS  ^Begriffs  ber  ©lücffelig* 
feit  u.  f.  m."  ferner:  „2luS  ber  ©lücffeligfeit  im  allgemeinften Sinne 
beS  SBortS  entfpringen  bie  fUiotioe  gu  jebem  «Beftreben;  alfo  au<p 
35  gur  Befolgung  beS  moralifepen  ©efepeS.  ©cp  mup  erft  überhaupt  miffen, 
bap  etmaS  gut  ift,  epe  icp  fragen  fann,  ob  bie  ©rfültung  ber  moralifepen 
Pflichten  unter  bie  fRubrif  beS  ©uten  gepöre;  ber  3Renfcp  mup  eine 


282  Über  ben  ©emeinfprud):  2>a3  mog  in  ber  Sljeorie  richtig  fein  ic. 


Sriebfeber  laben,  bie  i|n  in  ©emegung  fe|t,  e|e  man  i|m  ein  Biel 
oorfteden  fann*),  mo|in  biefe  ©emegung  gerietet  merben  foll." 

«DiefeS  Argument  i(t  nidjts  meiter,  als  ein  «Spiel  mit  ber  Sweibeutig* 
feit  beS  3BortS  baS  ©ute:  ba  biefeS  entmeber,  als  an  fid)  unb  unbebingt 
gut,  im  ©egenfatj  mit  bem  an  fid)  ©Öfen;  ober,  als  immer  nur  bebingter= 
meife  gut,  mit  bem  fd)led)teren  ober  befferen  ©uten  oerglid)en  mirb,  ba 
ber  ßuftanb  ber  2Baf)l  be§  letzteren  nur  ein  comparatimbefferer  Buftanb, 
an  fiel)  felbft  aber  boep  böfe  fein  fann.  —  «Die  ©ia, rime  einer  unbebingten, 
auf  gar  feine  gum  ©runbe  gelegte  Broeüe  3tüdfid)t  net)tnenben  ©eob= 
adftung  eines  fategorifd)  gebietenben  ©efe|eS  ber  freien  SSißfür  (b.  i.  ber 
Sßfüdjt)  ift  oon  ber  5Dta,rime,  bem  als  ©iotio  *u  einer  gemiffett  #anblungS* 
meife  unS  üoit  ber  SRatur  felbft  untergelegten  Bmed  (ber  im  Mgemeinen 
©lüdfeligfeit  fjeifjt)  nadpugefjen,  mefentlid),  b.  i.  ber  21  rt  nad),  unter* 
fd)ieben.  «Denn  bie  erfte  ift  an  fid)  felbft  gut,  bie  jmeite  feineSmegS;  fte 
fann  im  $aß  ber  ©oßifton  mit  ber  fjSflid)t  fepr  böfe  fein,  hingegen  menn 
ein  gemiffer  B®ed  gnm  ©runbe  gelegt  mirb,  mithin  fein  ©efep  unbebingt 
(fonbern  nur  unter  ber  ©ebingung  biefeS  BümdS)  gebietet,  fo  fönnen  gmei 
entgegengefe^te  panblungen  beibe  bebingtermeife  gut  fein,  nur  eine  beffer 
als  bie  anbere  (roeldfe  letztere  bafjer  comparatiD=böfe  peilen  mürbe);  benn 
fte  ftnb  nid)t  ber  21  r t,  fonbern  blof)  bem  ©rabe  nad)  oon  einanber 
unterfd)ieben.  Unb  fo  ift  eS  mit  aßen  panblungen  befd)affen,  bereu 
©totio  nid)t  baS  unbebitigte  ©ernunftgefe|  (^ßflidft),  fonbern  ein  oon  unS 
mißfürlid)  ;;um  ©runbe  gelegter  B^ed  ift:  benn  biefer  gehört  jur  Summe 
aßer  B^ecfe,  beren  ©rreid)ung  ©lüdfeligfeit  genannt  mirb;  unb  eine 
panblung  fann  rnefjr,  bie  anbere  meniger  ju  meiner  ©lüdfeligfeit  bei* 
tragen,  mithin  beffer  ober  fd)Ied)ter  fein  als  bie  anbere.  —  SDaS  ©or* 
giefjen  aber  eines  BuftanbeS  ber  SöißenSbeftimmung  oor  bem  anberu  ift 
bloff  ein  2lctnS  ber  ^-reipeit  (res  merae  facultatis,  mie  bie  Buriften  fagen), 
bei  meldjem,  ob  biefe  (SBiflenSbeftimmung)  an  ftd)  gut  ober  böfe  ift,  gar 
niept  in  ©etrad)tung  gezogen  mirb,  mithin  in  2lnfe|ung  beiber  gleid)geltenb. 


*)  2)a3  ift  ja  gerabe  baSjenige,  roorauf  ich  bringe.  2)ie  Sriebfeber,  meldje 
ber  SRenfct)  üorher  haben  fann,  ehe  ihm  ein  B^t  (Bmed)  öorgeftedt  mirb,  fann 
bod£)  offenbar  nichts*  anbreö  fein,  ahS  ba§  ©efet;  felbft  burd)  bie  Sichtung,  bie  es* 
(nnbeftimmt,  melcfje  Bmede  man  haben  nnb  burd)  beffen  ^Befolgung  erreichen  mag) 
einftöfet.  S)enn  ba§  ©efetj  in  Stnfehung  be3  ^formalen  ber  SBiCtfur  ift  ja  ba§ 
einaige,  rr>a<S  übrig  bleibt,  mann  ich  bie  Materie  ber  SBiHfür  (baö  Bieh  mie  fie 
f?r.  ®.  nennt)  au3  bem  Spiel  gelaffen  habe. 


5 

io 

15 

20 

25 

30 

35 


23on  bem  Sertjaltnif;  ber  S£jeorie  gur  $rajiS  in  ber  fDtoral  überhaupt.  283 

©in  3uftanb,  in  93erfnüpfung  mit  einem  gemiffen  gegebenen 
3 tt) e cf e  gu  fein,  ben  id)  febem  anberen  non  berfelben  St r t  oorgieffe,  ift 
ein  comparatio  befferer  ßuftanb,  nämlid)  im  $elbe  ber  ©lücffeligfeit  (bie 
nie  anberg  als  blofe  bebingter  SBeife,  fofern  man  ihrer  rnürbig  ift,  oon 
5  ber  Vernunft  alg  gut  anerfannt  mirb).  ^Derjenige  3uftanb  aber,  ba 
id)  im  §aHe  ber  ©olüfion  gemiffer  meiner  3mecfe  mit  bem  moralifd)en 
©efefee  ber  ^ßftict)t  biefe  oorgugiehett  mir  bemufet  bin,  ift  nid)t  blofe  ein 
befferer,  fonbern  ber  allein  an  ftd)  gute  3uftanb:  ein  ©uteg  aug  einem 
gang  anbern  $elbe,  mo  auf  Steife,  bie  fid)  mir  anbieten  mögen,  (mithin 
io  auf  iljre  (Summe,  bie  ©lücffeligfeit)  gar  nic^t  DMcfficht  genommen  mirb, 
unb  mo  nid)t  bie  Materie  ber  SBiltfür  (ein  ihr  gum  ©runbe  gelegteg 
Dbfect),  fonbern  bie  blofee  gorm  ber  allgemeinen  ©efefemäfeigfeit  ihrer 
9JJa;rime  ben  SSeftimmungggrunb  berfelben  augmad)t.  —  Sllfo  fann  feineg= 
megg  gefagt  merben,  baff  jeber  3uftanb,  ben  id)  feber  anbern  Strt  gu  fein 
15  oorgiefee,  oon  mir  gur  ©lücffeligfeit  gerechnet  merbe.  (Denn  juerft  mufe 
id)  fieser  fein,  baff  id)  meiner  fßflid)t  nid)t  gumiber  fjanble;  nachher  aüer= 
erft  ift  eg  mir  erlaubt,  mid)  nad)  ©lücffeligfeit  umgufehen,  mie  oiel  id) 
beren  mit  jenem  meinem  moralifcf)=  (nid)t  phhfefd)5)  guten  3nftanbe  oer= 
einigen  fann*). 

20  Sltlerbingg  muff  ber  SßiÜe  Sftotioe  haben;  aber  biefe  ftnb  nicht 
gemiffe  oorgefejgte,  aufg  p^^fifefje  ®efüf)l  begogene  Objecte  alg3ü>ede, 
fonbern  nid)tg  alg  bag  unbebingte  ©efefe  felbft,  für  meld)eg  bie  ©m* 
pfänglicfefeit  beg  SBiUeng,  fief)  unter  ihm  alg  unbebingter  SRöthigung  gu 
befinben,  bag  moralifd)e  ©efühl  helfet;  meld)eg  alfo  nid)t  Urfadje, 
25  fonbern  SBirfung  ber  2Biüengbeftimmung  ift,  oon  meld)ern  mir  nicht  bie 
minbefte  SBahrnehmung  in  ung  haben  mürben,  menn  jene  9tötf)igung  in 

*)  ©lüdfeligfeit  enthält  aüeS  (unb  auch  nid)tS  mehr  als),  mag  unS  bie  Sftatur 
öerfc^affen ;  Sugenb  aber  baS,  maS  9Rtemanb  als  ber  URenfd)  felbft  ftch  geben  ober 
nehmen  fann.  SBoIlte  man  bagegen  fagen:  baff  burd)  bie  3tbroeid)ung  oon  ber 
30  letjteren  ber  9Renfd)  fid)  hoch  menigftenS  23otmürfe  unb  reinen  moralifchen  ©elbft* 
tabel,  mithin  Ungufriebenheit  gugieljen,  folgli«±)  fid)  unglüdlicf)  machen  fßnne,  fo 
mag  baS  allenfalls  eingeräumt  loerben.  älber  biefer  reinen  moralifdjeit  ttngufriebem 
heit  (nicht  auS  ben  für  ihn  nachtheiligen  folgen  ber  Jpanblung,  fonbern  auS  ihrer 
©efeijmibrigfeit  felbft)  ift  nur  ber  Saigenbbafte,  ober  ber  auf  bem  Sffiege  ift  es  gu 
35  merben,  fähig,  folglich  ift  fie  nicht  bie  Urfad)e,  fonbern  nur  bie  SCßirfung  babon, 
bafe  er  tugenbhaft  ift;  unb  ber  töemegungSgrunb  tugenbbaft  gu  fein  fonnte  nid)t 
oon  biefem  Unglücf  (menn  man  ben  @cf)merg  auS  einer  llnthat  fo  neunen  mid)  fjer= 
genommen  fein. 


284  Über  ben  ©emeinfpruä):  2)a3  mag  in  ber  Speorie  richtig  fein  ic. 


un§  ntd)t  norperginge.  ©aper  baS  alte  Sieb:  bap  biefeS  ©efüpl,  mithin 
eine  Suft,  bie  mir  uns  gum  3mecf  machen,  bie  erfte  Urfacpe  ber  2BiÜenö= 
beftimmung,  folglich  bie  ©lücffeligfeit  (mogu  jene  als  Element  gehöre) 
boct)  ben  ©runb  aller  objectinen  Votpmenbigfett  gu  panbeln,  folglidb)  aller 
Verpflichtung  auSmacpe,  unter  bie  üernünftelnben  ©änbeleien  gehört, 
jhann  man  ndmlid)  bei  Einführung  einer  Urfacpe  gu  einer  gemiffen 
SSirfung  nicpt  aufpören  gu  fragen,  fo  mad)t  man  enblidj  bie  2öirfung 
gur  Urfadje  non  ftd)  felbft. 

Sfept  f'omtne  id)  auf  ben  Vunft,  ber  uns  pier  eigentlich  befcpäftigt: 
nämlich  baS  nermeintlid)  in  ber  Vpilofoppie  fid)  miberftreitenbe  ^ntereffe 
ber  Speorie  unb  ber  VrapiS  burd)  SSeifpiele  gu  belegen  unb  gu  prüfen, 
©en  beften  Velag  b)tegu  giebt  §r.  ©.  in  feiner  genannten  Elbpanblung. 
ßuerft  fagt  er  (tnbem  er  non  betn  ltnterfdjiebe,  ben  ich  gtnifcpen  einer  Sehre 
finbe,  mie  mir  glücflicp,  unb  berjenigen,  mie  mir  ber  ©lücffeligfeit 
mürbig  merben  faden,  fprid)t):  „3<h  für  mein  ©peil  geftepe,  bap  ich 
biefe  ©peilung  ber  Sbeen  in  meinem  Äopfe  fepr  mahl  begreife,  bah  i<h 
aber  biefe  ©peilung  ber  EBi'tnfcpe  unb  Veftrebungen  in  meinem  cp  er  gen 
nicht  finbe;  bap  eS  mir  fogar  unbegreiflich)  ift,  mie  irgenb  ein  V?enfcp  fich 
bemupt  merben  fann,  fein  Verlangen  nach  ©lücffeligfeit  felbft  rein  ab= 
gefonbert  unb  alfo  bie  Pflicht  gang  uneigennützig  auSgeübt  gu  haben." 

3>d)  antmorte  gunörberft  auf  baS  letztere.  Vämlicp  ich  räume  gern 
ein,  bap  fein  VJenfcp  pch  mit  ©emippeit  bemnpt  merben  fönne,  feine  Pflicht 
gang  uneigennützig  an§ geübt  gu  haben:  benn  baS  gehört  gur  inneren 
©rfaprung,  unb  eS  mürbe  gu  biefem  SSemuptfein  feines  ©eelenguftanbeS 
eine  bnrcpgängig  flare  Vorftedung  ader  ftd)  bem  Vftiöptbegriffe  burcp 
©inbübungSfraft,  ©emopnpeit  unb  Neigung  beigefedenben  Vebenuor= 
[bedungen  unb  Vücfficpten  gehören,  bie  in  feinem  $ade  geforbert  merben 
fann;  aud)  überhaupt  fann  baS  Vuptfein  non  ©trnaS  (rnitpin  aucp  nicpt 
non  einem  ingepeim  gebadjten  Vortpeü)  fein  ©egenftanb  ber  ©rfaprung 
fein,  ©ap  aber  ber  Vtenfcp  feine  Vflicpt  gang  uneigennützig  ausüben 
folle  unb  fein  Verlangen  nad)  ©lücffeligfeit  oödig  nom  ^Sflid^tbegriffe  ab-- 
fonbern  uuiffe,  um  ipn  gang  rein  gu  paben:  beffen  ift  er  ftd)  mit  ber 
gröpten  ftlarpeit  bemnpt;  ober,  glaubte  er  nicpt  eS  gu  fein,  fo  fann  non 
ipin  geforbert  merben,  bap  er  eS  fei,  fo  meit  es  in  feinem  Vermögen  ift: 
meil  eben  in  biefer  Veinigfeit  ber  mapre  SBertp  ber  Moralität  angutreffen 
ift,  unb  er  tnup  eS  alfo  aucp  fönnen.  Vielleicht  mag  nie  ein  Vtenfd)  feine 
erfannie  unb  non  ipm  aud)  nereprte  Pflicht  gang  uneigennützig  (opne  Vei= 


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»on  bem  Sertjältntfc  bet  $f)eorie  aur  ißrajid  in  bet  ©loral  überhaupt.  285 


mifcfjung  anberer  Sriebfebern)  auggeübt  haben ;  Dielleid)t  mirb  auch  nie 
einer  bei  ber  größten  Beftrebung  fo  meit  gelangen.  Ülber  fo  Diel  er  bei 
ber  forgfältigften  feelbfiprüfung  in  ft<h  mahrnehmen  fann,  nicht  allein 
feiner  foldjen  mitmirfenben  WotiDe,  fonbern  Dielmehr  ber  SeIbftDerläug= 
5  nung  in  Slnfehung  Dieter  ber  3bee  ber  Pflicht  entgegenftefjenben,  mithin 
ber  Wafeme  su  jener  ^einigfeit  htnguftreben  ftch  bemüht  su  merben:  ba§ 
oermag  er;  unb  bag  ift  auch  für  feine  fßftichtbeobachtung  genug.  £in= 
gegen  bie  Begünftigung  beg  (Sinfluffeg  foldjer  WotiDe  [ich  jur  Wa? ime 
p  machen,  unter  bem  Bormanbe,  bah  bie  menfchliche  datier  eine  folcf)e 
io  Beinigfeit  nicht  Derftatte  (melcheg  er  hoch  auch  nicht  mit  ©emifcheit  be¬ 
haupten  fann):  ift  ber  £ob  ad  er  Woralität. 

2Ba§  nun  bag  fürs  öorhergeljenbe  Befenntnifc  beg  .fern.  ©.  betrifft, 
jene  Sfjeilung  (eigentlich  Sonberung)  nicht  in  feinem  feersen  su  finben : 
fo  trage  ich  fein  Bebenfen,  ihm  in  feiner  Selbftbefdjulbtgung  gerabesu  su 
15  miberfhrechen  unb  fein  feers  miber  feinen  Äopf  in  (Schüfe  su  nehmen.  (Sr, 
ber  rechtfchaffene  Wann,  fanb  fte  mirflicf)  jeberseit  in  feinem  fersen  (in 
feinen  SBittengbeftimmungen);  aber  fte  mollte  ftch  nur  nicht  sum  33efeuf 
ber  ©peculation  unb  sur  Begreifung  beffen,  mag  unbegreiflich  (unerflärlich) 
ift,  nämlich  ber  Wöglichfeit  fategorifefeer  ^mperatiue  (begleichen  bie  ber 
Pflicht  ftnb),  in  feinem  ft'opf  mit  ben  gemohnten  ^Srincifeien  feft)d)ologifcher 
(Srflärungen  (bie  inggefammt  ben  Wechanigm  ber  Baturnothmenbigfeit 
Sunt  ©runbe  legen)  jufammen  reimen*). 

SBenn  aber  fer.  ©.  gulefet  fagt :  „Solche  feine  Unterfchiebe  ber  3been 
Derbunfein  ftch  ftfeon  im  ffiachbenfett  über  fearttculäre  ©egenftänbe ; 
25  aber  fte  Derlieren  f iefe  gdn^lid),  menn  eg  aufg  feanbeln  anfommt, 


*)  S)r.  iß.  ©arüe  tfiut  (in  feinen  Sinnterfungen  ju  ßicero’d  23ucfe  non  ben 
Pflichten  @.  69.  2ludg.  öon  1783)  bad  merfwürbige  nnb  feines  ©cfjarffinnS  inertlje 
SBefeuntnifj:  „2)ie  Freiheit  werbe  nach  feiner  innigften  Uberjeugung  immer  um 
auflöslid)  bleiben  unb  nie  erflärt  werben".  (Sin  23eweid  üon  ihrer  2öirf(ichfeit  fann 
30  fd)Ied)terbingd  nicht,  meber  in  einer  unmittelbaren  nod)  mittelbaren  Erfahrung, 
angetroffen  werben;  unb  ohne  allen  93eweid  fann  man  fie  hoch  auch  nicht  am 
nehmen.  2)a  nun  ein  SSeweid  berfelben  nicht  aud  blofj  tt»eoretifcfeen  ©rünben 
(benn  biefe  würben  in  ber  (Erfahrung  gefucEjt  werben  muffen),  mithin  aud  blofj 
praftifbben  ffiernunftfähen,  aber  auch  nicht  aud  tedjnifdj^praftifcfjen  (benn  bie  würben 
35  wieber  ©rfabrungdgrünbe  erforbern),  folglich  nur  aud  moralifdhfmiftifchen  geführt 
werben  fann:  fo  muß  man  fid)  mttnbern,  warum  fer.  ©.  nicht  3um  iöegriffe  ber 
Freiheit  feine  ffuflucht  nahm,  um  wenigftend  bie  3KögIid)Ieit  foldjer  Smheratiöen 
3u  retten. 


286  Über  ben  ®emeinforu<$:  $>ag  mag  in  ber  Sheorie  richtig  fein  it. 

tuenn  fte  auf  33egierben  unb  Slbfihten  angewanbt  werben  fotlen.  ße  ein* 
faher,  fd)neller  unb  non  flaren  33orftellungen  entblößter  ber  @d)ritt 
tft,  burcb  ben  wir  oon  ber  33etra<htung  ber  fDtotioe  gum  wirflihen  Vanbeln 
übergeben:  befto  weniger  ift  eS  möglich,  baS  beftimmte  ©ewictjt,  welches 
jebeS  fÄotiü  fjinju  gethan  ßat,  ben  @hritt  fo  unb  nrcbt  anberS  §u  leiten,  5 
genau  unb  ftdjer  ju  erfennen"  —  fo  muh  ih  ihm  laut  unb  eifrig  Wiber* 
fprehen. 

©er  33egriff  ber  Pflicht  in  feiner  ganjen  Dteinigfeit  ift  nicht  allein 
obue  allen  33ergleih  einfacher,  flärer,  für  febermann  ^um  praftifhen  ©e= 
brauch  faßlicher  unb  natürlicher,  als  jebeS  oon  ber  ©lücffeligfeit  herge=  10 
nommene,  ober  bamit  unb  mit  ber  fftücffiht  auf  fie  oermengte  -JJtotio 
(welches  feberjeit  oiel  Äunft  unb  Überlegung  erforbert);  fonbern  auch  in 
bem  Urtbeite  felbft  ber  gemeinften  fUtenfhenoeruunft,  wenn  er  nur  an  bie* 
felbe,  unb  jwar  mit  Slbfonberung,  ja  fcgar  in  ©ntgegenfehung  mit  biefen 
an  ben  Söiflen  ber  2J?enfhen  gebraut  wirb,  bei  weitem  fräftiger,  ein*  15  ■ 
bringenber  unb  ©rfolg  oerfprehenber,  als  alle  oon  bem  leßteren,  eigen* 
nüfügen  fßrincip  entlehnte  33ewegungSgrünbe.  —  @S  fei  5.  33.  ber  $ali : 
bah  fernanb  ein  anoertrauteS  frembeS  ©ut  (depositum)  in  ^änben  habe, 
beffen  ©igenthümer  tobt  ift,  unb  bah  bie  ©rben  beffelben  baoon  nichts 
wiffen,  nod)  ie  etwas  erfahren  fönnen.  fDtan  trage  biefen  $aü  felbft  einem  20 
Äinbe  oon  etwa  acht  ober  neun  ßahren  oor,  unb  jugleih,  bah  ber  Inhaber 
biefeS  ©epofitumS,  (ohne  fein  33erfhulben)  gerabe  um  biefe  ßeit  in  gän^= 
liehen  Verfall  feiner  ©lücfSumftänbe  gerathen,  eine  traurige,  burh  fütangel 
nieöergebrücfte  Familie  üon  $rau  unb  itinbern  um  fih  fehe,  ouS  tttelcher 
Sftoth  er  fih  augenblicflih  Üehen  würbe,  wenn  er  jenes  ffsfanb  fih  jueignete;  25 
§ugleih  fei  er  fUtenfhenfreunb  unb  wohltätig,  jene  ©rben  aber  reih, 
lieblos  unb  babei  im  höhften  ©rab  üppig  unb  oerfhwenberifh,  fo  bah  eS 
eben  fo  gut  wäre,  als  ob  biefer  ßufaij  an  ihrem  Vermögen  ins  2J?eer  ge* 
worfen  würbe.  Unb  nun  frage  man,  ob  eS  unter  biefen  llmftänben  für 
erlaubt  gehalten  werben  fönne,  biefeS  ©epofitum  in  eigenen  fJtufjen  ju  30 
oerwenben.  Ohne  ßweifel  wirb  ber  ^Befragte  antworten:  fitein!  unb  ftatt 
aller  ©rünbe  nur  bloh  fagen  fönnen:  eS  ift  unrecht,  b.  i.  eS  wiberftreitet 
ber  Pflicht.  fJMhtS  ift  flarer  als  biefeS;  aber  wahrlich  nicht  fo:  bah  er 
feine  eigene  ©lücffeligfeit  burh  bie  Verausgabe  beförbere.  ©enn 
wenn  er  oon  ber  Slbfiht  auf  bie  leßtere  bie  33eftimmung  feiner  ©ntfhlie*  35 
hung  erwartete,  fo  fönnte  er  j.  33.  fo  benfen:  „©iebft  bu  baS  bei  bir  be* 
finblihe  frembe  ©ut  unaufgeforbert  ben  wahren  ©igenthümern  hin, 


33on  bem  Serljältnifj  bet  2^eorie  gur  $raj;tg  in  bet  5)?oral  überhaupt.  287 

fo  werben  fte  bidt)  oermutl)lid)  für  beine  (g^rlic^feit  belohnen;  ober  gefd)iel)t 
ba§  ntcfjt,  fo  wirft  bu  bir  einen  auggebreüeten  guten  fftuf,  ber  bir  fefyr 
einträglidt)  werben  fann,  erwerben.  2tber  alleg  biefeg  ift  feljr  ungewiß, 
hingegen  treten  freilict)  aud)  mand)e  33ebenf lid^feiteu  ein:  SBenn  bu  baö 
5  Slnoertraute  unterfdjlagen  wollteft,  um  bid)  auf  einmal  aug  beinen  be= 
bräugten  Umftänben  gu  gieljett,  fo  wiirbeft  bu,  wenn  bu  gefd)Winben  ®e= 
braud)  baoon  madjteft,  Sßerbad^t  auf  bidf)  steten,  wie  unb  burd)  welche 
Sßege  bu  fo  halb  gu  einer  SSerbefferung  beiner  Umftänbe  gefommen  wäreft; 
woüteft  bu  aber  bamit  langfam  gu  SBerfe  getjeu,  fo  würbe  bie  iftotl)  mittler 
10  weile  fo  Ijod)  fteigen,  bajj  iljr  gar  ntd^t  tneljr  abguljelfen  wäre".  —  2)er 
SBiHe  alfo  nad)  ber  2J?a,rime  ber  ©lüdfeligfeit  fdjwanft  gwifdjett  feinen 
Sriebfebern,  wag  er  befcfyliefen  folle;  benn  er  ftel)t  auf  ben  Erfolg,  unb 
-  ber  ift  feljr  ungewife;  eg  erforbert  einen  guten  Äopf,  um  fid)  aug  bem 
©ebränge  non  ©rünben  unb  ©egengrünben  l)eraugguwicfeln  unb  fid)  in 
15  ber  3ufamtnenred)uung  nidjt  gu  betrügen.  ^Dagegen  wenn  er  fid)  fragt, 
wag  f)ier  ißflid)t  fei:  fo  ift  er  über  bte  ftd)  felbft  gu  gebenbe  Antwort  gar 
nidf)t  oerlegen,  fonbern  auf  ber  ©teile  gewifj,  wag  er  gu  tl)un  Ejabe.  3a, 
er  fiiE)lt  fogar,  wenn  ber  begriff  oon  ißflid)t  bei  iljm  etwag  gilt,  einen  2lb= 
fd)eu  fid)  aud)  nur  auf  ben  Überfd)lag  oon  23ortljeilen,  bie  iljm  aug  ifyrer 
20  Übertretung  erwad)fen  fönnten,  eingulaffen,  gleid^  alg  ob  er  liier  nod)  bie 
2Baf)l  Ijabe. 

2)a^  alfo  biefe  Unterfd)iebe  (bie,  wie  eben  gegeigt  worben,  nid)t  fo 
fein  finb,  alg  .pr.  ©.  meint,  fonbern  mit  ber  gröbften  unb  leferlid)fteu 
@d)rift  in  ber  ©eele  beg  9J?enfd)en  getrieben  finb)  fidt),  wie  er  fagi, 
25  gänglid)  verlieren,  wenn  eg  aufg  £anbeln  anfommt:  wiberfprid)t 
felbft  ber  eigenen  ©rfafjrung.  3®^  nid^t  berjenigen,  welche  bie  ®e= 
f  dl) i df) t e  ber  aug  bem  einen  ober  bem  anberenißrincip  gefct)öpften  ÜRa.rimen 
barlegt:  benn  ba  beweifet  fie  leiber,  baf  fte  gröfjtentfjeilg  aug  bem  lederen 
(beg  ©igennuijeg)  fließen;  fonbern  ber  ©rfaljrung,  bie  nur  innerlid)  fein 
30  fann,  bafj  feine  3bee  bag  menfd)lid)e  ©emütl)  mel)r  ergebt  unb  big  gur 
23egeifterung  belebt,  alg  eben  bie  oon  einer  bie  $flid)t  über  alleg  oer= 
e^renben,  mit  gaf)llofen  Übeln  beg  Sebeng  unb  felbft  ben  oerfül)rerifd)ften 
Slnlocfungen  beffelben  ringenben  unb  bennod)  (wie  man  mit  37ed)t  annimmt, 
bafj  ber  Sßenfd)  eg  oermöge)  fie  befiegenben  reinen  moralifd)en  ©efinnung. 
35  2)a§  ber  2J?enfd)  fidt)  bewußt  ift,  er  fönne  biefeg,  weil  er  eg  foH:  bag  er= 
öffnet  in  il)m  eine  £iefe  göttlicher  Anlagen,  bie  iljm  gleid)fam  einen  f)eili= 
gen  ©djauer  über  bie  ©röfje  unb  @rl)abenljeit  feiner  wahren  23eftimmung 


288  Uber  ben  ©emetnfprud) :  S)a3  mag  in  ber  itjeorie  richtig  fein  U. 

füllen  läfet.  Unb  menn  ber  SJtenfch  öfters  barauf  aufmerffam  gemacht 
unb  gett)öt)nt  mürbe,  bie  ü£ugenb  non  allem  Steid)tl)um  itjrer  auS  ber  S3e= 
obachtung  ber  sf3fltd)t  ^u  mad)enben  23eute  non  3Sortt)eilen  gänjUd)  gu 
entlaben  unb  fte  in  ihrer  ganjen  [Reinigfeit  fid)  oor^uftellen;  menn  eS  im 
Vrioat*  unb  öffentlidjen  Unterricht  ©runbfat)  mürbe  baoon  beftanbig  & 
©ebraud)  ju  machen  (eine  SJtethobe,  Pflichten  ein^ufchärfen,  bie  faft  feber= 
$eit  oerfäumt  morben  ift):  fo  mühte  eS  mit  ber  Sittlichfeit  ber  SJtenfdjen 
halb  b  eff  er  fielen.  Qah  bie  ®efd)id)tSerfal)rung  bisher  nod)  nicht  ben 
guten  ©rfolg  ber  £ugenblef)ren  hat  bemeifen  motlen,  baran  ift  mohl  eben 
bie  falfche  VorauSfetjung  fdjutb:  bah  bie  non  ber  2>bee  ber  Pflicht  an  fid)  10 
felbft  abgeleitete  Sriebfeber  für  ben  gemeinen  ^Begriff  r»iel  $u  fein  fei, 
mogegen  bie  gröbere,  non  gemiffen  in  biefer,  ja  mohl  auch  in  einer  fünftigen 
SBelt  au§  ber  ^Befolgung  beS  ©efeüeS  (ohne  auf  baffelbe  als  Sriebfeber 
Sicht  ju  haben)  gu  erroartenben  Vorteilen  hergenommene  fräftiger  auf 
baS  ©emütt)  müden  mürbe;  unb  bah  man  bem  brachten  nad)  ©tüdfeligfeit  15 
oor  bem,  maö  bie  Vernunft  jur  oberften  Vebingung  mad)t,  narnlid)  ber 
SBürbigfeit  glüdlid)  ju  fein,  ben  Vorzug  ju  geben  bisher  jurn  ©runbfaljber 
(Sr^iehung  unb  beS  Äan^eloortrageS  gemacht  hat.  2)enn  Vorgriffen, 
mie  man  fid)  glüdlich  machen,  menigftenS  feinen  Stad)theil  oerhüten  fönne, 
finb  teine  ©ebote.  Sie  binben  niemanben  fd)led)terbingS;  unb  er  mag,  20 
nadfbem  er  gemarnt  morben,  mahlen,  maS  ihm  gut  bünft,  menn  er  fid)  ge= 
fallen  leiht  ^u  leiben,  maS  ihn  trifft.  ®ie  Übel,  bie  ihm  alSbanu  aus  ber 
Verabfäumung  beS  ihm  gegebenen  3tatf)S  entfpringen  bürften,  hat  er  nicht 
Urfache  für  (Strafen  an^ufeljen:  benn  biefe  treffen  nur  ben  freien,  aber 
gefehmibrigen  Sßiüen;  Statur  aber  unb  Steigung  tonnen  ber  Freiheit  nicht  25 
©efe|e  geben,  ©anj  anberS  ift  eS  mit  ber  3bee  ber  Vflidjt  bemanbt, 
bereu  Übertretung,  auch  ohne  auf  bie  ihm  barauS  ermachfenben  Stachtheile 
SRüdftcht  ju  nehmen,  unmittelbar  auf  baS  ©entiith  wirft  unb  ben  SStenfd)en 
in  feinen  eigenen  Slugen  oermerflich  unb  ftrafbar  mad)t. 

£>ier  ift  nun  ein  flarer  VemeiS,  bah  alles,  maS  in  ber  SJtoral  für  30 
bie  Theorie  richtig  ift,  auch  für  bie  ^rayiS  gelten  müffe.  —  Sn  ber  Qualität 
eines  Sftenfd)en,  als  eines  burd)  feine  eigene  Vernunft  gemiffen  ^flidjten 
untermorfenen  SBefenS,  ift  alfo  febermann  ein  ©efd)äftS mann;  unb  ba 
er  hoch  als  ÜJtenfd)  ber  Schule  ber  2öeiSl)eit  nie  entmächft,  fo  fann  er  nicht 
etma,  als  ein  oermeintlid)  burd)  Erfahrung  über  baS,  maS  ein  SStenfd)  ift  35 
unb  maS  man  Don  ihm  forbern  fann,  beffer  ^Belehrter,  ben  Slnfjänger  ber 
Theorie  mit  ftolger  Verachtung  jur  Schule  jurüdmeifen.  £>enn  alle  biefe 


Öom  $erf)äUnifs  ber  X^eorie  jur  iprajiö  im  (Staatbrectjt. 


289 


©rfa^rung  fjilft  ihm  nichts,  um  fiel)  ber  aSorfcf)rift  ber  $l)eorie  p  ent* 
gieren,  fonbern  aUenfatlS  nur  p  lernen,  wie  [ie  beffer  unb  allgemeiner 
ing  2Berf  gerietet  merben  fönne,  wenn  man  [ie  in  [eine  ©runbfatje  auf* 
genommen  hat;  tion  melier  Pragmatiken  ©efd)icflid)feit  aber  hier  nicht, 
5  [onberu  nur  oon  lederen  bie  Diebe  i[t. 

II. 

SSorn  äkrhaltnifj  ber  Sdjeorie  pr  ^Bra.risS  im  Staatgred)t. 

(©egen  ^iobbeö.) 

Unter  allen  Verträgen,  woburd)  eine  DJtenge  oon  9J?enfd)en  fid)  511 
10  einer  ©efellfchaft  oerbinbet  (pactum  sociale),  i[t  ber  Vertrag  ber  ©rrich* 
tung  einer  bürgerlichen  2?erfaffung  unter  ihnen  (pactum  unionis 
civilis)  oon  [0  eigentt)ümlid)er  Dlrt,  bah,  ob  er  par  in  Dlnfel)ung  ber  Ding* 
führung  SSieleS  mit  jebem  anberen  (ber  eben  fowohl  auf  irgenb  einen 
beliebigen  gemeinfchaftlid)  p  beförbernben  ßweef  gerichtet  ift)  gemein  hat, 
15  er  [ich  bod)  im  ißrincip  [einer  (Stiftung  (constitutionis  civilis)  oon  allen 
anberen  mefentlid)  unterfd)eibet.  SSerbinbung  Vieler  p  irgenb  einem  (ge* 
mein[amen)ßroe<fe  (ben  Dille  hoben)  ift  in  allen ©efellfdpftgüerträgen  an* 
ptreffen;  aber  SSerbinbung  berfelben,  bie  an  [ich  felbft  ßroeef  ift  (ben  ein 
[eher  haben  [oll),  mithin  bie  in  einem  [eben  dufteren  33erf)dltniffe  ber 
20  Dttenfchen  überhaupt,  meldje  nicht  umhin  fönnen  in  med)[el[eitigen  ©in* 
fluB  auf  einanber  p  gerätsen,  unbebingte  unb  erfte  Pflicht  ift:  eine  fo!d)e 
ift  nur  in  einer  ©efetlfchaft,  [o  fern  fte  [ich  im  bürgerlichen  ßuftanbe  be= 
finbet,  b.  i.  ein  gemeineg  Söefen  augmacht,  anptreffen.  2)er  ßroeef  nun, 
ber  in  [olchern  duhernDSerhdltnih  an  fid)  [elbft  Pflicht  unb  [elbft  bie  oberfte 
25  formale  DSebingung  (conditio  sine  qua  non)  aller  übrigen  dufferen  Pflicht 
ift,  ift  bag  9ted)t  ber  2J?en[ct)en  unter  öffentlichen ßroangggefefjen, 
burd)  welche  [ebem  bag  Seine  beftimmt  unb  gegen  [ebeg  Dlnberen  Eingriff 
gefiebert  merben  fann. 

IDer  SSegriff  aber  eineg  aujferen  Dtechtg  überhaupt  geht  gdnglict)  aug 
30  bem  ^Begriffe  ber  Freiheit  im  aufeeren  SSerhaltniffe  ber  2Jienfd)en  p  ein* 
anber  heroor  unb  hat  gar  nicf)tg  mit  bem  ßroeefe,  ben  alle  DJJenfchen  na* 
türlidjer  3Beife  haben  (ber  2lbfid)t  auf  ©lücffeligfeit),  unb  ber  58or[d)rift 
ber  Mittel  bap  p  gelangen  p  thun:  fo  bah  auch  baher  biefer  le^tere  ftd) 
in  [eneg  ©efefje  fchlechterbingg  nicht  alg  IBeftimmungggrunb  berfelben 
35  mifchen  muh-  3ted)t  ift  bie  Sin[d)ranfung  ber  Freiheit  eineg  [eben  auf 
Ännt’3  ©Triften.  SBerfe.  VE3.  19 


290  Über  ben  ©emeinfprucf) :  2)ae?  mag  in  ber  Sporte  richtig  fein  rc. 

bte  iBebingung  it)rer  3ufammenftimmung  mit  ber  Freiheit  pon  jebermann, 
in  fo  fern  biefe  nad)  einem  allgemeinen  @efej3e  möglich  i[t;  unb  baS 
öffentliche  SRed)t  ift  ber  Inbegriff  ber  äußeren  ©efetje,  toelcfje  eine 
folihe  bitrhgängige  Bnfammenftimmuug  möglid)  machen.  3)a  nun  jebe 
©infhränfnng  ber  Freiheit  burch  bieSßillfiir  eines  Slnberen  3mang  heifet: 
fo  folgt,  bafj  bie  bürgerliche  SSerfaffung  ein  üßerhältnifj  freier  2Renfd)en 
ift,  bie  (unbefd)abet  ihrer  Freiheit  im  ©an^en  ihrer  Skrbinbung  mit  an= 
beren)  bod)  unter  BttangSgefeijen  flehen:  meil  bie  SSernunft  felbft  eS  fo 
mill  unb  jmar  bie  reine,  a  priori  gefetjgebenbe  Vernunft,  bie  auf  feinen 
empirifhen  B^ecf  (bergleihen  alle  unter  bem  allgemeinen  Flamen  ©lücf= 
feligfeit  begriffen  merben)  3ftüäfid)t  nimmt;  als  in  2lnfef)ung  beffen,  unb 
morin  ihn  ein  feber  fe^en  miü,  bie  SRenfhen  gar  perfhicben  benfen,  fo 
bah  hr  SSille  unter  fein  gemeinfhaftUheS  Ißrincip,  folglich  auh  unter 
fein  äußeres,  mit  jebermannS  Freiheit  jufammenftimmenbeS  ©efefj  ge= 
brad)t  merben  fann. 

$er  bürgerlihe  Bnftanb  alfo,  blofc  als  redlicher  Buftanb  betrad)tet, 
ift  auf  folgenbe  ißrincipien  a  priori  gegrünbet: 

1.  25ie  Freiheit  febeS  ©liebes  ber  ©ocietät,  als  2Renfd)en. 

2.  £)ie  ©leihheit  beffelben  mit  jebem  Slnberen,  als  Unterthan. 

3.  3)ie  Selbftftänbi  gfeit  febeS  ©UebeS  eines  gemeinen  SBefenS, 
als  SSürgerS. 

©iefe  ißrincipien  ftnb  nid)t  fomohl  ©efe^e,  bie  ber  fhon  errihtete 
Staat  giebt,  fonbern  nah  benen  allein  eine  StaatSerrid)tung  reinen  ißer* 
nunftprincipien  beS  äufeeren  2Renfhenred)tS  überhaupt  gemäh  möglid)  ift. 

1.  2)ie  Freiheit  als  fJRenfd),  beren  ißrincip  für  bie  ©onftitution 
eines  gemeinen  SBefenS  id)  in  ber  Formel  auSbrücfe:  Dliemanb  fann  mih 
jmingen  auf  feine  2lrt  (mie  er  fid)  baS  Sßohlfein  anberer  2Renfhen  benft) 
glücflid)  äu  fein,  fonbern  ein  feber  barf  feine  ©lücffeligfeit  auf  bem  SBege 
fuhen,  melher  ihm  felbft  gut  bünft,  menn  er  nur  ber  Freiheit  3lnberer, 
einem  ähnlichen  3mecfe  nahjuftreben,  bie  mit  ber  Freiheit  non  jebermann 
nah  einem  möglichen  allgemeinen  ©efefce  jufammen  beftehen  fann,  (b.  i. 
biefem  fRehte  beS  2lnbern)  niht  Slbbrud)  tf)ut.  —  ©ine  Regierung,  bie 
auf  bem  iRrincip  beS  SöohltPollenS  gegen  baS  $olf  als  eines  Katers  ge= 
gen  feine  Äinber  errid)tet  märe,  b.i.  eine  Päterlihe  Regierung  (im- 
perium  paternale),  mo  alfo  bie  Untertanen  als  unmünbige  Äinber,  bie 
uid)t  unterfheiben  fönnen,  maS  ihnen  mahrhaftig  nü|Ud)  ober  fhäblid) 


$om  $erf)ältntfi  ber  Sporte  jur  ^rajitS  im  @taat§recf)t. 


291 


ift,  fid)  blofe  pafjio  ju  »erhalten  genötigt  ftnb,  um,  wie  fte  glücflid)  [ein 
[ollen,  blofe  oon  betn  Urteile  beS  Staatsoberhaupts  unb,  bafj  biefer  eS 
and)  wolle,  blofj  oon  [einer  ©ütigfeit  gu  erwarten:  ift  ber  größte  benfbare 
^Despotismus  (2Serfa[[ung,  bie  alle  Freiheit  ber  Untertanen,  bie  alS= 
5  bann  gar  feine  9ted)te  haben,  auftjebt).  9tid)t  eine  üäterlidje,  fottbern 
eine  oaterlänbi [dtje  ^Regierung  (imperium  non  patemale,  sed  patrio- 
ticum)  ift  biejenige,  welche  allein  für  fffJenfdjen,  bie  ber  9ted)te  fähig  ftnb, 
jugleid)  inSSejie^ung  auf  baS  2Bof)lrr>oHen  beö  33ef)err[i±)er<S  gebaut  werben 
fann.  ^Satriotifcf)  ift  nämlich  bie  £DenfungSart,  ba  ein  [eher  im  Staat 
10  (baS  Oberhaupt  beff eiben  uid)t  ausgenommen)  baS  gemeine  SBefen  als 
ben  mütterlichen  Schoojj,  ober  baS  Saab  als  ben  oäterlid)en  2Soben,  auS 
unb  auf  betn  er  felbft  entfprungen,  unb  welchen  er  aud)  [o  als  ein  teures 
Unterpfanb  hintertaffen  muh,  betrachtet,  nur  um  bie  9ted)te  beffetben  burd) 
©efefee  beS  gemeinfamen  SßiüenS  ju  fd)üi3en,  nicht  aber  eS  [einem  unbe= 
i5  bingten  belieben  pm  ©ebraud)  su  unterwerfen  ftch  für  befugt  hält.  — 
2)iefeS  9ted)t  ber  Freiheit  fomrnt  ihm,  bem  ©liebe  beS  gemeinen  SBefenS, 
als  ÜRenfd)  JU,  fo  fern  biefer  namlid)  ein  SBefeit  ift,  baS  überhaupt  ber 
9ted)te  fähig  ift. 

2.  Sie  ©leid)heit  als  Unterthan,  bereit  formet  fo  lauten  fann*. 
20  ©in  febeS  ©lieb  beS  gemeinen  iffiefenS  hni  Öe9en  jebeS  nnbere  ßwangS* 
rechte,  wooon  nur  baS  Dberhaupt  beffelben  ausgenommen  ift  (barum  weil 
er  oon  jenem  fein  ©lieb,  fonbern  ber  Schöpfer  ober  ©rljalter  beffelben  ift), 
welcher  allein  bie  23efugnip  hat  ju  swingen,  ohne  felbft  einem  3mangS= 
gefejse  unterworfen  $u  fein.  ©S  ift  aber  SllleS,  was  unter  ©efepen  ftel)t, 
25  in  einem  Staate  Unterthan,  mithin  bem  ßwangSred)te  gleich  aßen  anbern 
ÜRitgliebern  beS  gemeinen  SöefenS  unterworfen;  einen  ©innigen  (phhftfdje 
ober  moralifche  ^erfon),  baS  Staatsoberhaupt,  burch  baS  aller  rechtliche 
ßwang  allein  auSgeübt  werben  fann,  ausgenommen.  Senn  tonnte 
biefer  aud)  gezwungen  werben,  fo  wäre  er  nid)t  baS  Staatsoberhaupt,  unb 
Do  bie  9teihe  ber  Unterorbnung  ginge  aufwärts  ins  Unenbliche.  SBären  aber 
ihrer  ßwei  (jwangSfreie  ijßerfonen),  fo  würbe  feiner  berfelben  unter 
ßwangSgefehen  ftehen  unb  ©iner  bem  Slnbern  fein  Unrecht  Ihuit  fönnen: 
welches  unmöglich  ift 

Siefe  burchgängige  ®teid)heit  ber  IRenfchen  in  einem  Staat,  als 
35  Untertanen  beffetben,  befiehl  aber  gans  wohl  mit  ber  größten  Ungleichheit 
ber  ÜRenge  unb  ben  ©raben  ihres  23efipthumS  nach,  eS  fei  an  förperlid)er 
ober  ©eifteSüberlegenheit  über  SInbere,  ober  an  ©lücf'Sgütern  aufer  ihnen 

19* 


292  Über  bert  ©emeinfprucE) :  3)a3  mag  in  ber  $f)eorie  richtig  fein  ic. 


unb  an  3fted)ten  überhaupt  (beren  eS  Diele  geben  fann)  refpectü)  auf 
Slnbere;  fo  bah  beS  ©inen  SBohlfahrt  feljr  Dom  SßiHen  beS  Slnberen  ab* 
hangt  (beS  Ernten  Dont  SReidjen),  bah  ber  ©ine  geljorfamen  mu|  (toie  baS 
^inb  ben  filtern,  ober  baS  2Beib  betn  Wann)  unb  ber  Slnbere  if)tn  befiehlt, 
bag  ber  (Sine  bient  (als  Saglöhner),  ber  Slnbere  lohnt,  u.  f.  to.  Slber  betn 
fRedjte  nad)  (meld)eS  als  ber  SluSfprud)  beS  allgemeinen  2BillenS  nur 
ettt  einiges  fein  fann,  unb  roeldfeS  bie  $orm  3ffed)tenS,  nicht  bie  Waterie 
ober  baS  Dbfect,  morin  id)  ettt  9ted)t  habe,  betrifft)  ftnb  fie  bennod)  als 
Untertbanen  alle  eittanber  gleid) :  raeil  feiner  irgenb  femanbett  anberS 
gtüingen  fann,  als  burd)  baS  öffentliche  ©efeß  (unb  ben  Q^oU^iefjer  beffelben, 
baS  (Staatsoberhaupt),  burd.)  biefeS  aber  auch  feber  attbere  ibut  in  gleicher 
Wage  miberfteht,  niemanb  aber  biefe  23efugnih  ^u  jmingen  (mithin  ein 
9ied)t  gegen  attbere  jtt  haben)  anberS  als  burd)  fein  eigenes  Verbrechen 
verlieren  unb  eS  aud)  oon  felbft  nicht  aufgeben,  b.  i.  burd)  einen  3Ser= 
trag,  mithin  burd)  eine  rechtliche  ^anblung  machen  fattn,  bafe  er  feine 
^Rechte,  fonbern  blog  Pflichten  habe:  meil  er  baburch  ftd)  felbft  beS  9tecf)tS 
einen  ©ontract  jn  machen  berauben,  mithin  biefer  fid)  felbft  aufheben 
mürbe. 

3luS  biefer  $bee  ber  ©leid)heit  ber  Wenfdjen  im  gemeinen  Wefett  als 
Unterthanen  gel)t  nun  aud)  bie  Formel  heroor:  SebeS  ©Heb  beffelben 
muh  ?u  feber  Stufe  eines  StanbeS  in  bemfelbett  (bie  einem  Unterthan 
jufomtnen  fatttt)  gelangen  bürfett,  moju  ihn  fein  Talent,  fein  §leih  unb 
fein  ©litcf  hinbrittgen  fönnen;  unb  eS  bürfett  ihm  feine  Wituntertl)anen 
burd)  ein  erblidjeS  fßrärogatiD  (als  ißriüilegiaten  für  einen  gemiffett 
Staub)  nid)t  im  Söege  ftel)en,  um  ihn  unb  feine  Vadjfontmen  unter  beim 
felben  emig  nieberjul)alten. 

®enn  ba  atle§  9ted)t  bloh  in  ber  @iufd)ränfuitg  ber  Freiheit  febeS 
Slnberen  auf  bie  Vebingung  befteht,  bah  he  mit  ber  meintgett  nad)  einem 
allgemeinen  ©efeße  jufammen  beftef)en  föttne,  unb  baS  öffentliche  3üed)t 
(in  einem  gemeinen  SBefen)  bloh  ber  3uftanb  einer  mirflid)en,  biefetn 
^rittcip  getnähen  unb  mit  Wad)t  öerbuttbenett  ©efehgebuttg  ift,  oerntöge 
roeld)er  ftd)  alle  $u  einem  Volf  ©eßörige  als  Unterthanen  in  einem  recht* 
liehen  ßuftanb  (status  iuridicus)  überhaupt,  nämlich  ber  ©leid)heit  ber 
SBirfnttg  unb  ©egettmirfung  einer  bem  allgemeinen  ‘fyreiheitSgefe^e  getttäh 
einanber  einfd)ranfenben  Willfür,  (roelcheS  ber  bürgerliche  ßuftanb  heißt) 
befinben:  fo  ift  baS  angeborne  «Recht  eines  feben  in  biefent  ßufiattbe, 
(b.  t.  oor  aller  rechtlichen  3fhat  beffelben)  in  5lttfel)ung  ber  Vefugniff  feben 


23om  33erl)ciltmfi  ber  2£)eorte  jur  Sßrajtä  tm  ©taatSred^t. 


293 


anbern  gu  gingen,  bamit  er  immer  innerhalb  ben  ©rangen  ber  (Sin* 
ftimmung  beS  ©ebraud)S  feiner  Freiheit  mit  ber  meinigen  bleibe,  burd)= 
gängig  gleich-  £)a  nun  ©eburt  feine  £f)at  beSjenigen  ift,  ber  geboren 
rairb,  mithin  biefem  baburd)  feine  Ungleichheit  beS  rechtlichen  BuftanbeS 
5  unb  feine  Unterwerfung  unter  BwangSgefeige  als  blof$  biefenige,  bie  ihm 
al§  Unterthan  ber  alleinigen  oberften  gefetggebenben  Vtad)t  mit  aUeu 
anberen  gemein  ift,  gugegogen  wirb:  fo  fann  eS  fein  angeborneS  Vorred)t 
eines  ©HebeS  beS  gemeinen  BefenS  als  9J?ituntertf)anS  oor  bem  anberen 
geben;  unb  niemanb  fann  baS  Vorrecht  beS  ©tartbeS,  ben  er  im  ge= 
10  meinen  SBefen  inne  hat,  an  feine  Vad)fommen  oererben,  mithin,  gleichfatit 
als  gum  ^errenftaube  burd)  ©eburt  quaüficirt,  biefe  auch  nicht  gwangS= 
mähig  abhalten,  gu  ben  höheren  «Stufen  ber  Unterorbnung  (beS  superior 
unb  inferior,  üon  benen  aber  feiner  imperans,  ber  anbere  subiectus  ift) 
burih  eigenes  SSerbienft  gu  gelangen.  2ltleS  anbere  mag  er  oererben,  was 
15  Sache  ift  (nicht  Verfönlid)feit  betrifft)  unb  als  ©igenthum  erworben  unb 
auch  oon  ihm  oeräuhert  werben  fann,  unb  fo  in  einer  ffteihe  üon  3Racf)= 
fommen  eine  beträchtliche  Ungleichheit  in  VermßgenSumftänben  unter  ben 
©Hebern  eines  gemeinen  BefenS  (beS  ©ölbnerS  unb  9J?iefherS(  beS  ©utS= 
eigenthümerS  unb  ber  acferbauenben  Unechte  u.  f.  w.)  heroorbringen;  nur 
20  nicht  oerhiubern,  bah  biefe,  wenn  ihr  Talent,  ihr  grleiff  unb  ihr  ©Iitcf  eS 
ihnen  möglich  macht,  fich  nicht  gu  gleichen  Umftänben  gu  erheben  befugt 
wären.  £Denn  fonft  würbe  er  gwingen  burfen,  ohne  burd)  anberer  ©egen= 
wirfung  wieberum  gegwungen  werben  gu  fönnen,  unb  über  bie  Stufe  eines 
fütitunterthanS  hinausgehen.  -  2luS  biefer  ©leichhrit  fann  auch  fein  V?enfd), 
25  ber  in  einem  rechtlichen  Buftanbe  eines  gemeinen  BefenS  lebt,  anberS  als 
burd)  fein  eigenes  Verbrechen,  niemals  aber  weber  burd)  Vertrag  ober 
burd)  ^riegSgewalt  (occupatio  bellica)  fallen ;  benn  er  fann  burd)  feine 
rechtliche  2:hnt (ftueber  feine  eigene,  noch  bie  eines  anberen)  aufhören, ©igner 
feiner  felbft  gu  fein,  unb  in  bie  klaffe  beS  £auSoieheS  eintreten,  baS  man 
30  gu  allen  2)ienften  braucht,  wie  man  will,  unb  eS  aud)  barin  ohne  feine 
(Einwilligung  erhält,  fo  lange  man  will,  wenn  gleich  mit  ber  ©infdjränfung 
(welche  auch  wohl  wie  bei  ben  Ubiern  bisweilen  burd)  bie  Religion 
fanctionirt  wirb),  eS  nicht  gu  oerfrüppeln  ober  gu  tobten.  Vfan  fann  ihn 
in  febem  ßuftanbe  für  glücklich  annehmen,  wenn  er  ftd)  nur  bewufft  ift, 
35  bah  eS  nur  an  ihm  felbft  (feinem  Vermögen,  ober  ernftlid)en  Billen) 
ober  an  Umftänben,  bie  er  feinem  Slnberen  ©d)ulb  geben  fann,  aber  nicht 
an  bem  nnwiberftehlid)en  Bitten  Slnberer  liege,  bah  er  nicht  gu  gleicher 


294  Über  ben  ©emeinfprud) :  2>aS  mag  in  ber  Theorie  richtig  fein  ic. 


(Stufe  mitSlnberen  tjinauffteigt,  bie  als  feine  2J?ituntertl)anen  hierin,  maS 
baS  9ted)t  betrifft,  oor  if)tn  nichts  oorauS  ^aben*) 

3.  2)ie  Selbftftänbigfeit  (sibisufficientia)  etneS  ©HebeS  beS  ge* 
meinen  SßefenS  als  (Bürgers,  b.  i.  als  (DZitgefehgeberS.  &em  fünfte 
ber  ©efetjgebung  felbft  finb  Sitte,  bie  unter  fd)on  norfyanbenen  offentlidjen 
@efe|en  frei  unb  gleid)  finb,  boct)  ntd)t,  maS  baS  (Recht  betrifft,  biefe 
©efetje  ju  geben,  alle  für  gleid)  ju  ad)ten.  ^Diejenigen,  meld)e  biefeS 
3ted)t§  nid)t  fäf)ig  finb,  finb  gleid)mof)l  als  ©lieber  beS  gemeinen  SBefenS 
ber  (Befolgung  biefer  ©efe^e  untermorfen  unb  baburd)  beS  Schußes  nad) 
benfelben  tl)eilt)aftig ; mir  nicht  als  (Bürg  er,  fonbern  al§Sc^u^ genoffen. 
—  SlUeS  (Red)t  l)ängt  nätnlid)  öon  ©efetjen  ab.  ©in  öffentliches  ©efef)  aber, 
melcheS  für  Sille  baS,  maS  ihnen  red)tlid)  erlaubt  ober  unerlaubt  fein  foü, 
beftimmt,  ift  ber  SlctuS  eines  öffentlichen  SßiüenS,  oon  bem  alles  (Red)t 
auSge^t,  unb  ber  alfo  felbft  niemanb  muh  Unrecht  tf)un  fönnen.  ^iep 
aber  ift  fein  anberer  SBitte,  als  ber  beS  gefammten  (BolfS  (ba  Sitte  über 
Sille,  mithin  ein  feber  über  fid)  felbft  befehlet)  möglich:  benn  nur  fid) 


*)  Sffienn  man  mit  bem  Sßort  gnäbig  einen  beftimmten  (non  gütig,  wohl* 
tptig,  fd)üi)enb  u.  bergl.  noch  unterfdjiebenen)  33egriff  oerbinben  roiü,  fo  fann  eS 
nur  bemjenigen  beigetegt  merben,  gegen  welchen  fein  ßwangSredjt  ©tatt  hat- 
2tlfo  nur  baS  Oberhaupt  ber  StaatSoerwaltung,  ber  alles  ©ute,  waS  nach 
öffentlidjen  ©efeüen  möglich  ift,  beroirft  unb  ertfjeilt  (benn  ber  Souüerän,  ber 
fie  giebt,  ift  gleichfam  unfid)tbar;  er  ift  baS  perfonificirte  ©efet;  felbft,  nicht  Slgent), 
fann  gnäbiger  fperr  betitelt  werben,  als  ber  ©innige,  roiber  ben  fein  BwangS« 
recht  Statt  hat-  So  ift  felbft  in  einer  Slriftofratie,  wie  3.  23.  in  93enebig,  ber 
Senat  ber  eingige  gnäbige  £)err;  bie  (Robili,  welche  ihn  auSmachen,  finb  inS= 
gefammt,  felbft  ben  2)oge  nicht  ausgenommen  (benn  nur  ber  grobe  (Rath  ift 
ber  ©ouberän),  Untertftanen  unb,  waS  bie  (Red)tSauSübung  betrifft,  allen  anberen 
gleich,  nämlid)  bah  gegen  {eben  berfelben  ein  gwangSrecht  bem  llnterthan  3ufommt. 
ißrir^en  (b.  i.  Sßerfonen,  beiten  ein  ©rbredjt  auf  (Regierungen  gufommt)  werben  aber 
nun  awar  auch  in  biefer  2luSfid)t  unb  wegen  jener  Slnfprüdje  (hofmäfeig, 
par  courtoisie)  gnäbige  sperren  genannt;  ihrem  23efitsftanbe  nach  aber  finb  fie  hoch 
SRitunterthanen,  gegen  bie  auch  bem  geringften  ihrer  2)iener  oermittelft  beS  Staats¬ 
oberhaupts  ein  BumngSrecht  3ufomttten  muff.  @S  fann  alfo  im  Staate  nicht  mehr 
als  einen  einzigen  gnäbigen  ,£>errn  geben.  SSaS  aber  bie  gnäbige  (eigentlich 
oornehme)  grauen  betrifft,  fo  fönnen  fie  fo  angefehen  werben,  bah  ihr  @tanb 
3ufammt  ihrem  ©efd)lecht  (folglich  nur  gegen  baS  männliche)  fie  3U  biefer  23e= 
titelung  berechtige  unb  baS  oermöge  ber  SSerfeinerung  ber  Sitten  (©alanterie 
genannt),  nach  welcher  baS  männliche  fid)  befto  mehr  felbft  3U  ehren  glaubt,  als 
eS  bem  fdjönen  ©efdjledjt  übet  fid)  tßo^üge  einräumt. 


& 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


SBorn  Skrfjältmfs  ber  Stjeorie  gur  5j3rajt§  im  Staat<3recf)t.  295 

felbft  fann  niemanb  unrecht  tfjun.  3ft  eS  aber  ein  anberer,  fo  fann  ber 
bloße  2BiHe  eines  non  ii)in  SSerfc^iebenen  über  ißn  nidjts  befdjlteßen,  mag 
nicht  unrecht  fein  tonnte;  folglich  »ürbe  fein  ©efeß  noct)  ein  anbereS 
©efeß  erforbern,  welches  feine  ©efeßgebung  einfdfränfte,  mithin  fann  fein 
befonberer  2BiHe  für  ein  gemeines  Sßefen  gefeßgebenb  fein,  (©igentlid) 
tommen,  um  biefen  SBegriff  auSgumadjen,  bie  begriffe  ber  äußeren 
Freiheit,  ©Ieid)t)eit  unb  ©inheit  beS  SöiHenS  2111er  gufammen,  gu 
weither  lederen,  ba  Stimmgebung  erforbert  wirb,  wenn  beibe  erftere 
gufammen  genommen  werben,  Selbftftänbigfeit  bie  Vebingung  ift).  5D?an 
nennt  biefeS  ©runbgefeß,  baS  nur  aus  bem  allgemeinen  (oereinigten) 
VolfSwiüen  entfpringen  fann,  ben  urfprünglicben  Vertrag. 

^Derjenige  nun,  welcher  baS  (Stimmrecht  in  biefer  ©efeßgebung  hat, 
heißt  ein  Vürger  (citoyen,  b.  i.  Staatsbürger,  nicht  Stabtbürger, 
bourgeois).  £Die  bagu  erforberliche  Qualität  ift  außer  ber  natürlichen 
(baß  eS  fein  Äinb,  fein  Sßeib  fei)  bie  einzige:  baß  er  fein  eigener  .fperr 
(sui  iuris)  fei,  mithin  irgenb  ein  ©igenthum  habe  (wogu  auch  febe  Äunft, 
Cpanbwerf  ober  fchöne  ^unft  ober  SBiffenfdjaft  gegäßlt  werben  fann), 
welches  ihn  ernährt;  b.  i.  baß  er  in  ben  fällen,  w0  er  ooit  2lnbern  er= 
werben  muß,  um  gu  leben,  nur  burcß  Veräußerung  beffen,  was  fein') 
ift,  erwerbe,  nicht  burd)  Vewißigung,  bie  er  anberen  giebt,  oon  feinen 
Kräften  ©ebraud)  gu  machen,  folglich  baß  er  niemanben  als  bem  gemeinen 
SBefen  im  eigentlichen  Sinne  beS  SBortS  biene.  £ier  ftnb  nun  Äunft* 
oerwanbte  unb  große  (ober  fleine)  ©utSeigenthümer  alle  einanber  gletd), 


*)  derjenige,  welcher  ein  opus  oerfertigt,  fann  e§  burd)  Sßeräufjernng  an 
einen  anberen  bringen,  gleich  al§  ob  eä  fein  ©igenthum  märe.  ®ie  praestatio 
operae  aber  ift  feine  tBeräufjerung.  2)er  fjaucsbebiente,  ber  Sabenbiener,  ber  £ag= 
lößner,  felbft  ber  grifeur  finb  bloß  operarii,  nicht  artifices  (in  weiterer  Sebeutung 
beä  2ßortc§)  unb  nicht  Staatdglieber,  mithin  auch  nicht  Sürger  gu  fein  qualificirt. 
Obgleich  ber,  welchem  ich  mein  Srennßolg  aufguarbeiten,  unb  ber  Schweiber,  bem 
ich  mein  2m<h  9ef)e'  um  baraud  ein  >^teib  3U  machen,  ficf)  in  gang  ähnlichen  33er= 
hättniffen  gegen  mich  gu  befinben  fdjetnen,  fo  ift  hoch  jener  oon  biefem,  wie 
^rifeur  oom  Sßerrücfenmacher  (bem  ich  auch  ba§  £aar  bagu  gegeben  haben  mag), 
alfo  wie  Saglöhner  oom  ffünftler  ober  fpanbwerfer,  ber  ein  SBerf  macht,  bad  ihm 
gehört,  fo  lange  er  nicht  befahlt  ift,  unterfchieben.  2)er  ledere  al§  ©ewerb= 
treibenbe  oerfebjrt  alfo  fein  ©igenthum  mit  bem  3lnberen  (opus),  ber  erftere  ben 
gebrauch)  feiner  Kräfte  ben  er  einem  Slnberen  bewilligt  (operam).  —  ©ä  ift,  ich 
geftehe  eä,  etwas  fchwer  bie  ©rforbernifj  gu  beftimmen,  um  auf  ben  Staub  eine‘3 
fUienßhen,  ber  fein  eigener  £err  ift,  2lnfprud)  machen  gu  föunen. 


296  Über  ben  ©emeinftmtd):  mag  in  ber  $tjeorie  richtig  fein  rc. 

namlidj  jeder  nur  gu  einer  ©timme  berechtigt.  ©enn  roaS  bie  leptern 
betrifft,  ohne  einmal  bie  $rage  in  2tnfd)lag  gu  bringen:  mie  eS  bod)  mit 
fJledjt  gugegangen  fein  mag,  bap  jemand  meljr  ßanb  gu  eigen  befommen 
bat,  al§  er  mit  feinen  pdnben  felbft  benutzen  fonnte  (benn  bie  ©rmerbung 
burd)  triegsbemäcbtigung  ift  feine  erfte  ©rmerbung);  nnb  mie  eS  guging, 
bafe  Diele  ÜJienfdjen,  bie  fonft  inSgefammt  einen  beftdnbigen  23eftpftanb 
batten  ermerben  fönnen,  baburd)  babin  gebracht  find,  jenem  blop  gu  bienen, 
um  leben  gu  fönnen?  fo  mürbe  eS  fcfjon  miber  ben  oorigen  ©runbfajg  ber 
®leid)tjeit  [freiten,  roenn  ein  ©efep  fte  mit  bem  SSorredjt  beS  ©tanbeS 
prioüegirte,  bafe  ihre  fftadjfommen  entmeber  immer  grofee  ©utSeigen» 
ttjünier  (ber  Sehne)  bleiben  follten,  ohne  bap  fte  oerfauft  ober  burd)  23er* 
erbung  getbeilt  nnb  alfo  mehreren  im  SSolf  gu  fftufje  fommen  bürften, 
ober  auch  felbft  bei  biefett  Stellungen  niemand  als  ber  gu  einer  gemiffen 
miUfürlid)  bagu  angeorbneten  fDtenfhenflaffe  ©ehörige  baoon  etmaS  er* 
merben  fonnte.  ©er  grope  ©utsbepper  oernid)tigt  nämlid)  fo  oiel  fleinere 
©igentljümer  mit  iljren  ©timmen,  als  feinen  fßla|  einnebmen  tonnten; 
ftimmt  alfo  nicht  in  ihrem  Flamen  und  bat  mithin  nur  ©ine  ©timme.  — 
©a  eS  alfo  bloß  oon  bem  Vermögen,  bem  gdeip  unb  bem  ©litcf  jedes 
©liebeS  beS  gemeinen  SBefenS  abljängenb  gelaffen  merben  muff,  bap  jeber 
einmal  einen  ©hert  baoon  unb  alle  baS  ©ange  ermerben,  biefer  Unterfcpieb 
aber  bei  ber  allgemeinen  ©efepgebung  nicht  in  Stnfdjlag  gebraut  merben 
faun:  fo  mup  nad)  ben  köpfen  berer,  bie  im  23eftpfianbe  ftnb,  nidjt  nad) 
ber  ©röpe  ber  SBeftpungen  bie  3af)l  ber  ©timmfdbigen  gur  ©efepgebung 
beurtfjeilt  merben. 

©S  muffen  aber  auch  2X11  e ,  bie  biefeS  ©timmredjt  haben,  gu  biefem 
©efeb  ber  öffentlichen  ©credjtigfeit  gufammenftimmen;  benn  fonft  mürbe 
gmifdjen  denen,  bie  bagu  nicht  übereinftimmen,  unb  ben  erfteren  ein  [Recht* 
ftreit  fein,  ber  felbft  noch  eines  höheren  9ied)tSprincipS  bedürfte,  um  ent» 
fcpieben  gu  merben.  2Benn  alfo  baS  ©rftere  oon  einem  gangen  fßolf  nicht  er* 
märtet  merben  darf,  mithin  nur  eine5Ref)rl)eit  ber  ©timmen  unb  gmar  nicht 
ber  ©timmenben  unmittelbar  (in  einem  großen  SSolfe),  fotibern  nur  ber 
bagu  ©elegirten  als  fReprafentanten  beS  23olfS  dasjenige  ift,  maS  allein 
man  als  erreichbar  oorauSfeheti  fann:  fo  mirb  bod)  felbft  ber  ©runbfap, 
fid)  biefe  9Ref)rl)eit  genügen  gu  laffen,  als  mit  allgemeiner  ßufamtnen* 
ftimmung,  alfo  burd)  einen  ©ontract,  angenommen,  ber  oberfte  ©rund 
ber  ©rricptung  einer  bürgerlichen  2Serfaffung  fein  müffen. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


33om  SBerpltnife  ber  Sfjeorte  511t  Sprajtä  im  ©taatSredjt. 


297 


Folgerung. 

£ier  ift  nun  ein  urfprünglidjer  ©ontract,  auf  ben  allein  eine 
bürgerliche,  mithin  burdhgängig  rechtliche  SSerfaffung  unter  ÜWenfdjen  ge= 
grünbet  unb  ein  gemeines  SSefen  errichtet  merben  fann.  —  -Slfiein  biefer 
Vertrag  (contractus  originarius  ober  pactum  sociale  genannt),  als  ©oa= 
lition  jebeS  befonbern  unb  fßrioatmillenS  in  einem  SSolf  $u  einem  gemein* 
fchaftliihen  unb  öffentlichen  SBillen  Qum  SSehuf  einer  blofe  rechtlichen  ©e* 
fe^gebung),  ift  feineSmegeS  als  ein  factum  öorauöjufehen  nöthig  (ja 
als  ein  folcheS  gar  nicht  möglich);  gleihfam  als  ob  aUererft  aus  ber  @e* 
fhihte  norher  bemiefen  merben  mühte,  bah  ein  SSolf,  in  beffen  3Re<hte  unb 
2Serbinblid)feiten  mir  als  Stahfommen  getreten  ftnb,  einmal  mirflih 
einen  folhen  SlctuS  oerrihtet  unb  eine  ftchere  Stahriht  ober  ein  3;n= 
ftrument  baoon  uns  münblih  ober  fdjriftlid)  hinterlaffen  haben  müffe,  um 
fth  an  eine  fhon  beftehenbe  bürgerliche SSerfaffung  für  gebunben  pachten. 
Sonbern  eS  ift  eine  blofje  3bee  ber  SSernunft,  bie  aber  ihre  unbejmeifelte 
(praftifhe)  Realität  hat:  nämlid)  feben  ©efeügeber  p  oerbinben,  bah  er 
feine  ©efetje  fo  gebe,  als  fte  aus  bem  oereinigten  SBillen  eines  ganzen 
SSolfS  haben  entfpringen  fönnen,  unb  jeben  Untertan,  fo  fern  er  SBürger 
fein  mill,  fo  anpfeljen,  als  ob  er  31t  einem  folhen  Sßillen  mit  pfammen 
geftimmt  habe.  2)enn  baS  ift  ber  ijSrobirftein  ber  9ted)tmähigfeit  eines 
jeben  öffentlichen  ©efetjeS.  3ft  namlih  biefeS  fo  befhaffen,  bah  e'n  ganzes 
SSolf  unmöglih  bap  feine  ©inftimmung  geben  fönnte  (mie  3.  33.  bah 
eine  gemiffe  klaffe  oon  Untertanen  erblih  ben  SSorpg  beS  Herren* 
ftanbeS  haben  foQten),  fo  ift  eS  niht  gereht;  ift  eS  aber  nur  möglich» 
bah  ein  SSolf  bap  pfammen  ftimrne,  fo  ift  eS  Pflicht,  baS  ©efeij  für  ge* 
reht  p  halten:  gefegt  and),  bah  baS  SSolf  je^t  in  einer  folhen  Sage,  ober 
Stimmung  feiner  ©enfungSart  märe,  bah  eS,  menn  eS  barum  befragt 
mürbe,  mahrfheinlihermeife  feine  SSeiftimmung  oermeigern  mürbe*). 

Slber  biefe  ©infhränfung  gilt  offenbar  nur  für  baS  Urtheil  beS  ®e= 
fehgeberS,  nicht  beS  UntertljanS.  SBenn  alfo  ein  SSolf  unter  einer  ge* 
miffen  je|t  mirfUhen  ©efe^gebung  feine  ©lücffeligfeit  einpbühen  mit 
gröhter  SBahrfheinlihfeit  urteilen  follte:  maSift  für  baffelbe  gu thun? foll 


*)  Sßenn  5.  23.  eine  für  aüe  Unterhalten  proportionirte  ÄriegSfteuer  au§-- 
gefhrieben  mürbe,  fo  tonnen  biefe  barum,  meil  fie  briictenb  ift,  niht  fagen,  baf] 
fie  u'ngereht  fei,  meit  etroa  ber  Ärieg  ihrer  Meinung  nach  unuöthig  märe:  benn 
baö  finb  fie  niht  berechtigt  ju  heurtheilen;  fonbern  meil  e<3  boh  immer  möglich 


298  Über  ben  ©enteinfprucf):  2)a§  mag  in  ber  S^eorie  richtig  fein  ic. 

e§  ftd)  nidft  miberfejfen?  ©ie  2lntmort  fann  nur  fein:  es  ift  für  baffelbe 
nidftS  gu  tf)un,  als  gu  gelfordfen.  ©enn  bie  3ffebe  ift  Ifier  nidft  non  ®lüd> 
feligfeit,  bie  aus  einer  Stiftung  ober  SSermaltung  beS  gemeinen  SBefenS 
für  ben  ltnterttjan  gu  ermarten  [telft;  fonbern  aüererft  blofj  nom  tRedfte, 
baS  baburd)  einem  jebetr  gefidfert  merben  füll:  meldfeS  baS  oberfte  fßrincip 
ift,  non  meinem  alle  fWapimen,  bie  ein  gemeines  ÜBefen  betreffen,  auS= 
gef)en  müffen,  unb  baS  bnrct)  fein  anbereS  eingefdt)ranft  mirb.  !gn  2Xn= 
feljung  ber  erfteren  (ber  ©lücffeligfeit)  fann  gar  fein  allgemein  gültiger 
©rnnbfafe  für  ©efetje  gegeben  merben.  ©enn  fomolfl  bie  ßeiturnftünbe, 
als  aud)  ber  fefjr  einanber  miberftreitenbe  unb  babei  immer  üeranberlidtje 
2öatfn,  morin  femanb  feine  ©lücfjeligfeit  fejft  (morin  er  fie  aber  felgen  foü, 
fann  ilfm  niemanb  oorfdfreiben),  madft  alle  fefte  ©runbfätge  unmöglid) 
unb  gum  fßrincip  ber  ©efejggebung  für  ftd)  allein  untauglid).  ©er  Sajg: 
Salus  publica  suprema  civitatis  lex  est,  bleibt  in  feinem  unüerminberten 
SBertf)  unb  Slnfelfen;  aber  baS  öffentliche  £)eil,  meines  guerft  in  Betrag 
titng  gu  gieren  ftelft,  ift  gerabe  biejenige  gefetglidfe  SSerfaffung,  bie  febetn 
feine  greilfeit  burdl)  ©efe£e  jidfert:  mobei  eS  ilftn  unbenommen  bleibt,  feine 
©lücffeligfeit  auf  febern  Sßege,  melier  ifftn  ber  befte  bünft,  gu  fudfen,  menn 
er  nur  nid)t  jener  allgemeinen  gefeigmäfjigen  gretlfeit,  mithin  bem 
tRedfte  anberer  iüiituntertlfanen  2lbbrud)  tlfut. 

SBenn  bie  oberfte  fUtadft  ©efe^e  giebt,  bie  gunädfft  auf  bie  @lüd> 
feligfeit  (bie  Sßolfllfabenlfeit  ber  ^Bürger,  bie  ©eoölferung  u.  bergl.)  ge= 
ridtftet  ftnb:  fo  gefdfiefft  biefeS  nidft  als  ßmecf  ber  ©rridftung  einer  bürger= 
lidfen  tBerfaffung,  fonbern  blof  als  Mittel,  ben  rechtlichen  3 w ft a n b 
Dorneffmlid)  gegen  äußere  geinbe  beS  33olfS  gu  fidfern.  hierüber  mu| 
baS  StaatSoberlfaupt  befugt  fein  felbft  unb  allein  gu  urtffeilen,  ob  ber= 
gleichen  gurn  glor  beS  gemeinen  SBefenS  gehöre,  meldfer  erforberlid)  ift, 
um  feine  Starte  unb  geftigfeit  fomolfl  innerlich,  als  miber  aufeere  geinbe 
gu  ftdfern;  fo  aber  baS  SSolf  nidft  gleidffam  miber  feinen  ÜBißen  glüdflicff 


bleibt,  bafj  er  uimermeiblid)  unb  bie  ©teuer  unentbetjrlid)  fei,  fo  muf?  fie  in  bem 
Itrtfjeite  beS  Unterttjand  für  redftmäfjig  gelten.  SBenn  aber  gemiffe  ©uideigem 
tpmer  in  einem  foldfen;  Kriege  mit  Sieferung!*!  beläftigt,  anbere  aber  beffelben 
©tanbed  bamit  oerfdjont  mürben:  fo  fielft  man  Ieicf)t,  ein  ganged  3SoIf  fönne  ju 
einem  foldfen  ©efetj  nidft  gufammenftimmen,  unb  e3  ift  befugt,  miber  baffelbe 
menigften<3  S3orfteüungen  ju  tlfun,  meit  e£  biefe  ungleidje  SluStheitung  ber’ Saften 
nidft  für  gerecht  galten  tarnt. 


aSom  a3er|ältnife  ber  Sporte  jur  ißrajiä  im  ©taatSredjt. 


299 


gu  machen,  fottbern  nur  gu  machen,  bafj  eS  als  gemeines  SBefen  ejüftire*). 
Sn  biefer  23eurtheilung,  ob  jene  ÜRapregel  flüglid)  genommen  fei  ober 
nid)t,  fann  nnn  gmar  ber  ©efepgeber  irren,  aber  nid]t  in  ber,  ba  er  fiep 
felbft  fragt,  ob  baS  ©efep  aud)  mit  bem  9ied)tSprincip  gufammen  ftimme 
5  ober  nic^t;  benn  ba  f)at  er  jene  Sbee  beS  urfprünglichen  Vertrags  gum 
unfehlbaren  9tid)tmafee  unb  gmar  a  priori  bei  ber  £anb  (unb  barf  nicpt 
mie  beim  ©lücffeligfeitgprincip  auf  (Erfahrungen  beirren,  bie  it)n  non  ber 
©auglicpfeit  feiner  Mittel  aüererft  belehren  mitffen).  ©enn  menn  eS  fid) 
nur  nid)t  miberfprid)t,  bap  ein  gangeS  33olf  gu  einem  folgen  ©efepe  gu= 
10  famrnen  ftimme,  eS  mag  ihm  auch  fo  faner  anfommen,  mie  eS  moHe:  fo 
ift  eS  bem  9ied)te  gerndp.  Sft  aber  ein  öffentlidjeS  ©efep  biefem  gemap, 
folglid)  in  9iücffid)t  auf  baS  3Red)t  untabelig  (irreprebenfibel):  fo  ift 
bamit  and)  bie  SSefugnip  gu  gmingen  unb  auf  ber  anberen  Seite  baS 
Verbot  fid)  bem  Sßitten  beS  ©efepgeberS  ja  nid)t  tt)dtlid)  gu  miberfepen 
15  oerbunben:  b.  i.  bie  2ftad)t  im  (Staate,  bie  bem  ©efepe  (Effect  giebt,  ift 
aud)  unmiberfteblicb  (irrefiftibel),  unb  eS  egriftirt  fein  red)tlich  be= 
ftepenbeS  gemeines  Söefen  ohne  eine  folcbe  ©emalt,  bie  allen  innern 
SBiberftanb  nieberfd)lägt,  meil  biefer  einer  Warnte  gemap  gefd^etjen 
mürbe,  bie,  allgemein  gemad)t,  alle  bürgerliche  IBerfaffung  gemixten  unb 
20  ben  ßuftanb,  morin  allein  9Jieufd)en  im  23efip  ber  [Rechte  überhaupt  fein 
fönnen,  nertilgen  mürbe. 

hieraus  folgt:  bap  alle  Söiberfeplicpfeit  gegen  bie  oberfte  gefep= 
gebenbe  3Rad)t,  alle  Slufmiegelung,  um  Ungufriebenheit  ber  Untertpanen 
tpdtlicb  merben  gu  laffen,  aller  Slufftanb,  ber  in  Diebellion  auSbridjt,  baS 
25  pöcpfte  unb  ftrafbarfte  23erbred)en  im  gemeinen  2Befen  ift:  meil  eS  beffen 
©runbfefte  gerftört.  Unb  biefeS  Verbot  ift  unbebingt,  fo  bah,  eS  mag 
and)  jene  2Rad)t  ober  ihr  Slgent,  baS  Staatsoberhaupt,  fogar  ben  ur= 
fprünglicpen  Vertrag  oerlept  unb  fiep  baburd)  beS  3iecptS  ©efepgeber  gu 
fein  nach  bem  SSegriff  beS  UntertpanS  oerluftig  gemacht  haben,  inbem  fte 
so  bie  Regierung  beooUmacpttgt,  burchauS  gemaltthätig  (tprannifdp)  gu  üer= 
fahren,  bennoih  bem  Untertpan  fein  SBiberftanb  als  ©egengemalt  erlaubt 
bleibt,  ©er  ©runb  batmn  ift:  meil  bei  einer  fepon  fubjiftirenben  bürger= 

*)  ©aptn  gehören  getoiffe  Verbote  ber  Grinfuhr,  bamit  bie  Srmertunittet  bem 
Untertpanen  jum  heften  unb  nicht  gum  33ortljeiI  ber  aiuöroärtigen  unb  9lufmunte= 
35  rung  be3  gletfeeö  älnberer  beforbert  merben,  meil  ber  ©taat  ohne  3Boblhabenl)eit 
be§  33olI3  nicht  grafte  genug  befi^en  mürbe,  auämärtigen  $einben  gu  miberftehen, 
ober  fiep  felbft  als  gemeine^  äßefen  ju  erhalten. 


300  Über  ben  ©emeinfpruct):  Sad  mag  in  ber  S£)eor>e  ridjtig  fein  ic. 


licken  SSerfaffung  baS  SSolf  fein  p  Red)t  beftanbigeS  Urtfjeil  mepr  pat, 
p  beftimmen:  tote  jene  folle  öermaltet  roerben.  SDenn  man  fepe:  eS  pabe 
ein  folcpeS  unb  par  bem  Urteile  beS  tDtrUtcpen  (Staatsoberhaupts  p= 
miber;  mer  fott  entfcpeiben,  auf  meffen  Seite  baS  Recpt  fei?  deiner  oon 
beiben  f'ann  eS  als  dichter  in  feiner  eigenen  Sacpe  tpun.  2llfo  müpte  eS 
nod)  ein  Oberhaupt  über  bem  Oberhaupte  geben,  melcheS  gtoifdjen  biefem 
unb  bem  Rolf  entfcpiebe:  melcpeS  ftcp  nnberfpricpt.  —  Ülucp  faun  nidt)t 
etroa  ein  Rotprecpt  (ius  in  casu  necessitatis),  treld)eS  ohnehin  als  ein  ner- 
meinteS  Recpt,  in  ber  hofften  (pppfifcpen)  3Roth  Unrecht  p  thun,  ein 
Unbing  ift*),  hier  eintreten  unb  gur  Hebung  beS  bie  Gegenmacht  beS  Rolfs 
einfcpränfenben  Schlagbaums  ben  Schlüffe!  hergeben.  Oenn  baS  Ober= 
haupt  beS  Staats  famt  eben  fo  mol)l  fein  hartes  Verfahren  gegen  bie 
Untertanen  burch  ihre  SBiberfpenftigfeit,  als  biefe  ihren  Slufrupr  burct) 
J^lage  über  ihr  ungebührliches  Setben  gegen  ihn  p  rechtfertigen  meinen; 
unb  mer  foK  hier  nun  entfd£)eiben?  2Ber  fiep  im  Refip  ber  oberften  öffent= 
liehen  Rechtspflege  befinbet,  unb  baS  ift  gerabe  baS  Staatsoberhaupt,  bie= 
feS  fann  eS  allein  thun;  nnb  itiemanb  im  gemeinen  SBcfen  fann  alfo  ein 
Red)t  haben,  ihm  biefeu  Reftp  ftreitig  p  mad)en. 


*)  ©d  giebt  feinen  Casus  necessitatis,  ald  in  bem  galt,  mo  Sßflichten,  nämlith 
nnbebingte  nnb  (amar  bieüeid)t  groffe,  aber  both)  bebingte  Sßflicht,  gegen  ein* 
anber  ftreiten;  3.  23.  menti  ed  auf  2lbroenbung  eined  Unglücfd  omu  Staat  burct) 
ben  Verratl)  eined  Rfenfdjen  anfomint,  ber  gegen  einen  Stnberu  in  einem  Verhältnis 
etma  roie  Vater  unb  Sol)n  ftänbe.  Siefe  2lbmenbung  bed  Übeld  bed  ©rfteren  ift 
nnbebingte,  bie  bed  Itngliicfd  bed  leideren  aber  nur  bebingte  i)3flid)t  (nämlith  fo 
fern  er  fich  nicht  eined  Verbrechend  miber  ben  Staat  fdjulbig  gemacht  hat).  Sie 
Stnjeige,  bie  ber  tehtere  oon  ber  Unternehmung  bed  erfteren  ber  öbrigfeit  tnathen 
mürbe,  thut  er  vielleicht  mit  bem  größten  SBibermitten,  aber  burch  Roth  (nämlich 
bie  moralifche)  gebrungen.  —  2Benn  aber  oon  einem,  melier  einen  anbern  Sd)iff= 
brüd)igen  oon  feinem  23rett  flögt,  um  fein  eigned  Sehen  ju  erhalten,  gefagt  mirb, 
er  habe  burch  feine  Roth  (bie  f>hhfif<he)  ein  Red)t  baju  befommen:  fo  ift  bad  ganj 
falfd).  Senn  mein  Sehen  jn  erhalten,  ift  nur  bebingte  Vflidp  (roenn  ed  ohne 
Verbrethen  gesehen  fann);  einem  Slnbern  aber,  ber  mich  nitpt  beleibigt,  ja  gar 
nitht  einmal  in  ©efahr  bad  meinige  au  verlieren  bringt,  ed  nicht  ju  nehmen,  ift 
nnbebingte  Pflicht.  Sie  Sehrer  bed  allgemeinen  bürgerlichen  Redjtd  Verfahren 
gteichmohl  mit  ber  rechtlichen  Sefugnifc,  bie  fie  biefer  Rothhülfe  augeftehen,  gana 
confequent.  Senn  bie  Dbrigfeit  fann  feine  Strafe  mit  bem  Verbot  oerbinben, 
meit  öiefe  ©träfe  ber  Sob  fein  mühte.  ©d  märe  aber  ein  nngereimted  ©efeh,  je= 
manben  ben  Sob  anbrohen,  menn  er  fid)  in  gefährlichen  Ilmftänben  bem  Sobe 
nictjt  freimütig  überlieferte. 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


301 


93om  SSerljältntfj  ber  Sfjeorie  pr  gratis  im  6taat«recfct. 

©leichmopl  finbe  id)  achtunggmürbige  SMmter,  rnelche  biefe  93efugnip 
be§  Untergang  jur  ©egengemalt  gegen  feinen  Obern  unter  gemiffen  Um* 
ftänben  behaupten,  unter  benen  id)  hier  nur  ben  in  feinen  Sehren  beg 
Staturrecptg  fet)r  betiutfamen,  beftimmten  unb  befdjeibenen  Sld)enmall 
5  anführen  will/)  Er  fagt:  „SBenn  bie  ©efaljr,  bie  bem  gemeinen  Sßefen 
aug  längerer  Oulbung  ber  ilngeredjtigfeit  beg  Oberpauptg  brol)t,  größer 
ift,  alg  non  Ergreifung  ber  SBaffen  gegen  ihn  beforgt  merben  fann:  alg= 
bann  tonne  bag  3?olf  jenem  miberftehen,  jum  «Behuf  biefeg  9ted)tg  oon 
feinem  Untermerfunggoertrag  abgeben  unb  ihn  alg  Scannen  ent= 
10  thronen."  Unb  er  fcpUept  barauf:  „Eg  fef)re  bag  «Bolf  auf  fold)e  Strt  (be= 
Siel)unggmeife  auf  feinen  oorigenOberberrn)  in  ben  Staturjuftanb  $urücf". 

3d)  glaube  gern,  bap  meber  Slcpenroall,  noch  irgenb  einer  ber 
matteren  Männer,  bie  hierüber  mit  ipm  einftimmig  oernünftelt  haben,  je 
in  irgenb  einem  oorfommenbeu  galt  gu  fo  gefä£)rlid)en  Unternehmungen 
io  ihren  Statt)  ober  «Bestimmung  mürben  gegeben  haben;  aud)  ift  fautn  ju 
begmeifeln,  bap,  menn  jene  Empörungen,  moburd)  bie  ©d)mei,$,  bie  3Ser= 
einigten  Stieberlanbe,  ober  aud)  ©ropbritanuien  ihre  jepige  für  fo  glücflid) 
gepriefene  Skrfaffung  errungen  haben,  mißlungen  mären,  bie  ßefer  ber 
@efd)id)te  berfelben  in  ber  £)iurid)tung  ihrer  jept  fo  erhobenen  Urheber 
20  nid)tg  alg  oerbiente  ©träfe  grober  ©taatgoerbredper  fepen  mürben.  «Denn 
ber  Sluggang  mifdpt  fid)  gemöbnlid)  in  unfere  33eurtheilung  ber  3ted)tg= 
gritnbe,  objmar  jener  uttgeroip  mar,  biefe  aber  gemip  finb.  Eg  ift  aber 
flar,  bap,  mag  bie  lepteren  betrifft  —  menn  man  aud)  einräumt,  bap  burch 
eine  foldpe  Empörung  bem  gaubegperrn  (ber  etraa  eine  joyeuse  entree  alg 
25,  einen  roirflicpen  jum  ©runbe  liegetiben Vertrag  mit  beni33olfoerIept  hätte) 
fein  Unrecht  gefd)ät)e,  —  bag  SSolf  bod)  burch  biefe  Slrt  ihr  3ted)t  ju  fuchen 
im  höd)ften  ©rabe  Unrecht  gethan  habe:  meil  biefelbe- (^ur  SRayime  ange= 
nommen)  alle  rechtliche  SBerfaffung  uttfidper  xnad)t  unb  ben  Buftanb  einer 
oölligen  ©efeptopgfeit  (status  naturalis),  mo  atleg  [fted)t  aufl)ört,  menig* 
30  fteng  Effect  $u  haben,  einführt.  —  Stur  miß.  id)  bei  biefern  £ange  fo  Dieter 
mohlbenfenben  SSerfaffer  bem  3Solf  (ju  feinem  eigenen  SSerberben)  bag 
2Bort  ^u  reben  bemerfen:  bap  ba^u  tpeilg  bie  gemöhnlid)e£äufd)ung,  menn 
oom  ^rincip  beg  Siecptg  bie  Siebe  ift,  bag  ^rincip  ber  ©lücffeligfeit  ihren 
Urteilen  unterschieben,  bie  Urfactje  fei;  tljeilg  aud),  mo  fein  ^nftrument 
35  eineg  mirftid)  bem  gemeinen  Sßefen  oorgelegten,  oom  Oberhaupt  beffelben 


*)  Ius  Naturae.  Editio  Vta.  Pars  posterior,  §§  203—206. 


302  Über  ben  Demeinfprucp:  $ad  mag  in  ber  Speorie  richtig  fein  U. 

accepürten  unb  oon  beiben  fandionirten  Vertrags  anjutreffen  ift,  fte  bie 
3bee  oon  einem  urfprünglicpen  Vertrag,  bie  immer  in  ber  Vernunft  jum 
©runbe  liegt,  als  (StmaS,  meines  mirflid)  ge[d)et>en  fein  muffe,  annapmen 
unb  fo  bem  SBolfe  immer  bie  SSefugnife  ju  erlfalten  meinten,  baoon  bet 
einer  groben,  aber  non  ipm  felfeft  bafür  beurteilten  Serlepung  nad) feinem 
©utbünfen  af^ugepen*). 

2ftan  ftept  f)ier  offenbar,  maS  baS  ^rincip  ber  ©lücffeligfeit  (toelcpe 
eigentlich  gar  feines  beftimmten  ^rineipS  fäf)ig  ift)  aud)  im  StaatSrecpt 
für  23öfeS  anricptet,  fo  rnie  eS  folcpeS  in  ber  fUtoral  tf)ut,  aud)  felbft  bei 
ber  beften  Meinung,  bie  ber  £eprer  beffelben  beabficptigt.  ©er  Souoerän 
roiü  baS  33olf  nad)  feinen  Gegriffen  glücflid)  machen  unb  rairb  ©eSpot; 
baS  3Solf  miU  fid)  ben  allgemeinen  menfd)lid)en  Sfnfprucp  auf  eigene  ©lücf= 
feligfeit  nid)t  nepmen  laffen  unb  mirb  3tebeH.  2Benn  man  ^u  adererft  ge= 
fragt  patte,  maS  dtecpteuS  ift  (roo  bie  fßrincipien  a  priori  feftftepen,  unb 
feinßtnpirifer  barin  pfufcpen  fann):  fo  mürbe  bie^bee  beS  SocialcontradS 
in  iprern  unbeftreitbaren  Slnfepen  bleiben;  aber  nid)t  als  factum  (mie 
©an ton  miü,  opne  melcpeS  er  alle  in  ber  mirflid)  epiftirenben  bürgen 
lid)en  SSerfaffung  befinblicpe  3tecpte  unb  alles  ©igentpum  für  null  unb 
nicptig  erflärt),  fottbern  nur  als  SSernunftprincip  ber  23eurtpeilung  aller 
öffentlidjen  red)tlicpen  33erfaffung  überhaupt.  Unb  man  mürbe  einfepen: 
bap,  epe  ber  allgemeine  2Biüe  ba  ift,  baS  SSolf  gar  fein  ßmangSrecpt  gegen 
feinen  ©ebieter  befipe,  meil  eS  nur  burd)  biefen  red)tlid)  jmingen  fann; 
ift  jener  aber  ba,  eben  fomopl  fein  oon  ipm  gegen  biefen  auS^uübenber 
ßmang  (Statt  finbe,  meil  eS  aisbann  felbft  ber  oberfte  ©ebieter  märe; 
rnitpin  bem  ißolf  gegen  baS  Staatsoberhaupt  nie  ein  ßmangSred)t(2Biber= 
feplicpfeit  in  Porten  ober  SBerfen)  jufomme. 

*)  ©§  mag  aud)  immer  ber  wirftidje  Vertrag  beö  33olf3  mit  bem  Ober* 
tjerren  oerlept  fein:  fo  fann  biefeö  bod)  alSbann  nidjt  fofort  als  gemeined  Sßefen, 
fonbern  nur  burd)  Sftottinmg  entgegenmirfen.  Stenn  bie  bisher  beftanbene  ©er= 
faffnng  mar  bom  33olf  jerriffen;  bie  Drganifation  aber  gu  einem  neuen  gemeinen 
äöefett  füllte  allererft  nod)  gefdretjen.  pier  tritt  nun  ber  3llftQtib  ber  Anarchie  mit 
allen  ihren  ©reuein  ein,  bie  menigfiewS  baburd)  möglich  finb;  unb  ba§  llnredjt, 
meldjeö  pier  gefcpiept,  ift  aläbann  baS,  ma§  eine  jebe  Partei  ber  anbern  im  Solfe 
gufügt :  mie  aud)  auö  bem  angeführten  Seifpiel  erpeUt,  roo  bie  aufrüprerifd)en  ltnter= 
tpaueu  jenes  (Staate  guletjt  eiuanber  mit  ©eroalt  eine  S3erfaffung  aufbringen  rootlten, 
bie  roeit  brüdenber  geworben  roäre  alö  bie,  welche  fie  öerliepen;  nämlict)  oon  ®eift= 
lidjen  unb  Ütriftofraten  öergeprt  ju  werben,  ftatt  bap  fie  unter  einem  91lle  beperrfct)en= 
ben  Oberpaupt  mepr  ©leicppeit  in  aSertpeilung  ber  (StaatSbitrben  erwarten  fonnten. 


Sorrt  SBerhältnip  ber  Sheorie  jur  Sßrajid  im  Staatdrecht. 


BOB 


2Bir  fepen  auch  btefe  2peorie  in  ber  fßrapig  pinreicpenb  bestätigt.  2>n 
ber  aßerfaffung  non  ©rofebritannien,  mo  bag  Bolf  mit  feiner  ©onftitution 
fo  groh  t^ut,  alg  ob  fie  bag  fDtufter  für  alle  Sßelt  märe,  finben  mir  bodt), 
bah  fie  non  ber  Befugnifj,  bie  bem  Bolf,  im  $aß  ber  BJonard)  ben  (Son= 
s  tract  oon  1688  übertreten  foßte,  guftept,  ganj  ftiß  fdjroeigt;  mithin  ftd) 
gegen  it>n,  menn  er  fie  »erleben  moßte,  meil  fein  ©efep  hierüber  ba  ift, 
ingeheim  Bebeßion  oorbepält.  £>enn  bah  bie  ©onftitution  auf  biefen  $aß 
ein  ©efep  enthalte,  melcpeg  bie  fubftftirenbe  Berfaffung,  non  ber  alle  be= 
fonbern  ©efepe  auggepen,  (gefegt  auch  ber  ©ontract  fei  oerlept)  umju= 
io  ftürjen  berechtigte,  ift  ein  flarer  SBiberfprucp:  meil  fie  algbann  audj  eine 
öffentlich  conftituirte  *)  ©egenmacht  enthalten  mühte,  mithin  nod) 
ein  jmeites  ©taatgoberpaupt,  meid]  eg  bie  23olf§red£)te  gegen  bag  erftere 
befdjü^te,  fein  mühte,  bann  aber  auch  ein  britteg,  melcpeg  jmifcpen  Beibeit, 
auf  meffen  Seite  bag  Becpt  fei,  entfchiebe.  —  2lud)  haben  jene  Bolfgleiter 
io  (ober,  menn  man  miß,  Bormünber),  beforgt  megen  einer  folgen  Slnflage, 
menn  ihr  Unternehmen  etroa  fehl  fd)lüge,  bem  oon  ihnen  meggefdjredten 
Bfonarcpen  lieber  eine  freimiüige  Berlaffung  ber  Regierung  augebid)tet, 
alg  fid)  bag  Becpt  ber  Slbfepung  beffelben  angcmaht,  mobnrch  fie  bie  Ber= 
faffung  in  offenbaren  SBiberfprud)  mit  fid)  felbft  mürben  oerfept  haben. 
2o  Söenn  man  mir  nun  bei  biefen  meinen  Behauptungen  ben  Bormurf 
gemih  nicht  machen  mirb,  bah  ich  burd)  biefe  Unoerlepbarfeit  ben  Monarchen 
ju  Oiel  fhmeidjele:  fo  mirb  man  mir  hoffentlich  and)  benfenigen  erfparen, 
bah  ich  bem  Bolf  gu  ©unften  ^u  oiel  behaupte,  menn  ich  fage,  bah  biefeg 
gleicpfaßg  feine  unoerlierbaren  Becpte  gegen  bag  Staatgoberpaupt  habe, 
25  obgleich  biefe  feine  Broanggrecpte  fein  fönnen. 

|)obbeg  ift  ber  entgegengefefeten  Meinung.  Bad)  ihm  (de  Cive, 
cap.  7,  §  14)  ift  bag  Staatgoberpaupt  burd)  Bertrag  bem  Bolf  ju 
nid)tg  oerbunben  unb  fann  bem  Bürger  nicht  Unrecht  tpun  (er  mag 
über  ihn  oerfügen,  mag  er  mofle).  —  £)iefer  @ap  mürbe  ganj  richtig 
30  fein,  menn  man  unter  Unrecht  biefenige  Säfron  üerftept,  melhe  bem 


*)  Äein  9ted)t  im  Staate  tann  burd)  einen  geheimen  ©orbepalt  gletdßam 
heimtndifh  oerfcproiegen  roerben;  am  roenigften  bad  [Recht,  meldjed  fid)  bad  33olf 
atd  ein  jur  (Sonftitution  getjöriged  anmafjt:  meil  alle  ©efetje  berfelben  ald  and 
einem  öffentlichen  2Btßen  entfprungen  gebacht  roerben  muffen.  @3  mühte  alfo, 
35  roenn  bie  ©onftitution  21ufftanb  erlaubte,  biefe  bad  3Rec£)t  bagu,  unb  auf  roetdje  Slrt 
batron  ©ebraud)  3U  machen  fei,  öffentlich  erttären. 


304  Über  ben  ©emeintyrudj :  $>a3  mag  tn  ber  S^eorie  richtig  fein  iC. 

Sfleleibigten  ein  3tt>ang§red)t  gegen  benfenigen  einräumt,  ber  ihm 
Unrecht  tfjut;  aber  fo  im  Allgemeinen  ift  ber  Sai}  erfd)recflid). 

£)er  nid)t=miberfpenftige  Untertan  muh  annehmen  fönnen,  fein 
Dberljerr  molle  ihm  nicht  Unrecht  tl)un.  Vtühin  ba  feber  ÜRenfd)  bod) 
feine  unoerlietbaren  Rechte  hat,  bie  er  nicht  einmal  aufgeben  fann,  menn  er  5 
aud)  rnollte,  unb  über  bie  er  felbft  511  urteilen  befugt  ift;  ba§  Unred)t  aber, 
roeld)e§  ihm  feiner  Meinung  nach  miberfährt,  nad)  jener  Vorau<§fej3ung 
nur  au§  Sjrrtljum  ober  Unfunbe  gemiffer  folgen  au§  ©efef)en  ber  oberften 
ÜJ?ad)t  gefd)iel)t;  fo  mufc  bem  Staatsbürger  unb  grnar  mit  Vergünftigung 
be§  Oberherrn  felbft  bie  Vefugnif)  gufteljen,  feine  Meinung  über  baS,  ma§  10 
oon  ben  Verfügungen  beffelben  ihm  ein  Unrecht  gegen  ba§  gemeine  2Befen 
ju  fein  fdjeint,  öffentlich  befaunt  gu  machen.  SDenn  bah  ba§  Oberhaupt 
aud)  nid)t  einmal  irren,  ober  einer  «Sache  unfunbig  fein  fönne,  an^it= 
nehmen,  mürbe  ihn  als  mit  himmlifchen  (Singebungen  begnabigt  unb  über 
bie  2ftenfd)f)e<t  erhaben  oorftellen.  Alfo  ift  bie  Freiheit  ber  Sfeber  —  in  15 
ben  Sd)ranfen  ber  Hochachtung  unb  Siebe  für  bie  Verfaffung,  morin  man 
lebt,  burch  bie  liberale  OenfungSart  ber  Unterthanen,  bie  jene  nod)  ba= 
ju  felbft  einflöht,  gehalten  (unb  bat)in  befd)räu!en  ftch  auch  bie  Gebern 
einanber  ooit  felbft,  barnit  jte  nicht  ihre  Freiheit  üerlieren),  —  baS  einzige 
VaUabium  ber  VolfSred)te.  Oenn  biefe  Freiheit  ihm  auch  abfpred)en  ju  20 
mollen,  ift  nicht  allein  fo  oiel,  als  ihm  allen  Anfprud)  auf  3fted)t  in  Ati= 
fehuitg  beS  oberften  Vefel)l§haberS  (nach  HobbeS)  nehmen,  foubern 
auch  bem  letzteren,  beffen  SBiUe  bloh  baburch,  bah  er  ben  allgemeinen 
VolfSmillen  repräfentirt,  Unterthanen  als  Bürgern  Vefehle  giebt, 
alle  Äenntnife  oon  bem  entziehen,  rnaS,  menn  er  eS  mühte,  er  felbft  25 
abänbern  mürbe,  unb  ihn  mit  ftd)  felbft  in  SBiberfprud)  fetjen.  2)em  Ober= 
haupte  aber  Veforgnifj  einjuflöhen,  bah  burd)  Selbft*  unb  Sautbenf'en  Un= 
ruhen  im  Staate  erregt  merben  bürften,  helfet  fo  oiel,  als  ihm  SRijjtrauen 
gegen  feine  eigene  V?ad)t,  ober  auch  Haff  9e9en  fein  ermecfen. 

OaS  allgemeine  ^Srincip  aber,  mornad)  ein  Volf  feine  Rechte  nega=  30 
tio,  b.  i.  blofe  ju  beurtheilen  hat,  maS  oon  ber  hofften  ©efe|gebung 
al§  mit  ihrem  beften  2ßiÜen  nicht  oerorbnet  anjufehen  fein  möchte,  ift 
in  bem  Saj?  enthalten:  2BaS  ein  Volt  über  fid)  felbft  nicht  be= 
f chliefee n  fann,  baS  fann  ber  ©efejjgeber  auch  nicht  über  baS 
Volf  befcfeliefeen. 

2öenn  alfo  V.  bie  §rage  ift:  ob  ein  ©efeh,  baö  eine  gemiffe  ein= 
mal  angeorbnete  fird)tid)e  Verfaffung  für  beftänbig  fortbaurenb  anbe= 


35 


®om  SÖei’pÜntB  ber  Sljeorte  gur  5ßrajt§  trn  ©taat&edjt.  305 

fö^Ie,  al§  Dort  bem  eigentlichen  SßiHen  beS  ©efejjgeberS  (feiner  2Ibftd)t) 
auSgehenb  angefehen  merben  fömte,  fo  frage  man  ftd£)  juerft:  ob  ein  SSolf 
e§  ftd)  felbft  jum  ©efeij  machen  bürfe,  bah  gerrtiffe  einmal  angenommene 
©laubenSfäbe  unb  formen  ber  äußern  Religion  für  immer  bleiben  füllen; 

5  alfo  ob  eS  fid)  felbft  in  feiner  9Rad)fommenfd)aft  Ijinbern  bürfe,  in  9leli= 
gionSetnftd)ten  meiter  fort^ufd^reiten,  ober  etmanige  alte  3rrtl)ümer  ab^u= 
anbern.  2)a  mirb  nun  !lar,  bah  ein  urfprünglid)er  ©ontract  beS  23olfS, 
welcher  biefeS  jum  ©efet)  machte,  an  ftd)  felbft  null  unb  nichtig  fein  mürbe: 
meil  er  miber  bie  Seftimmung  unb  ßmecfe  ber  !D?enfct)t)eit  ftreitet;  mithin 
io  ein  barnach  gegebenes  ©efep  nicht  als  ber  eigentliche  2BiHe  beS  Monarchen, 
bem  alfo  ©egenoorftetlungen  gemacht  merben  fönnen,  anjufehen  ift.  — 
3m  allen  fallen  aber,  menn  etmaS  gleichmohl  hoch  oon  ber  oberften  ©e= 
fepgebung  fo  oerfügt  mdre,  fönnen  jmar  allgemeine  unb  öffentliche  Urtheile 
barüber  gefällt,  nie  aber  mörtlicher  ober  tl)ätli<her  SSiberftanb  bagegen 
15  aufgeboten  merben. 

SS  mufe  in  jebem  gemeinen  SBefen  ein  ©ehorfant  unter  bem  2)?ed)a= 
niSmuS  ber  ©taatSüerfaffung  nachßmangSgefeben  (bie  aufs  ©ait^e  gehen), 
aber  zugleich  ein  ©eift  ber  Freiheit  fein,  ba  jeber  in  bem,  maS  aüge= 
meine  2Renfd)enpflid)t  betrifft,  burd)  SSentunff  überzeugt  ju  fein  oerlangt, 
20  baß  biefer  ßrnang  rechttnähig  fei,  bamit  er  nicht  mit  ftd)  felbft  in  2ßiber= 
fprucf)  gerathe.  2)er  erftere  ohne  beu  letzteren  ift  bie  oeranlaffenbe  Ur= 
fache  aller  geheimen  ©efellfdjaf ten.  £>enn  eS  ift  ein  üftaturberuf  ber 
2Renfd)l)eit,  ftd)  oornehmlid)  in  bem,  maS  bett  2Renfd)en  überhaupt  angeht, 
einanber  mitjutheilen;  jene  ©efetlfcpaften  alfo  mürben  megfallen,  menn 
25  biefe  Freiheit  begünftigt  mirb.  Unb  moburd)  anberS  fönnen  and)  ber  )Re= 
gierung  bie  Äeuntniffe  fomtnen,  bie  ihre  eigene  mefentliche  2lbftd)t  be- 
förbern,  als  bah  fte  ben  in  feinem  Urfprung  unb  in  feinen  SBirfungen  fo 
ad)tungSmürbigen  ©eift  ber  Freiheit  ft<h  äuhern  lafet? 


iftirgenb  fpricht  eine  alle  reine  äkrnunftprincipien  oorbeigehenbe 
30  ^ßrapiS  mit  mehr  Slnmahung  über  Theorie  ab,  als  in  ber  grrage  über  bie 
©rforberniffe  §u  einer  guten  ©taatSüerfaffung.  2Die  Urfad)e  ift,  meil  eine 
lange  beftanbene  gefefjjlidje  ÜBerfaffung  baS  SSolf  nach  unb  nach  an  eine 
Iftegel  gemöpnt,  ihre  ©lücffeligfeit  fomohl  als  ihre  9fecf)te  nach  bem  ßrn 
ftanbe  gu  beurtheilen,  in  melchem  Stiles  bisher  in  feinem  ruhigen  ©ange 
3ö  gemefert  ift;  nicht  aber  umgefehrt  biefeu  lepteren  nad)  Gegriffen,  bie  ihnen 

.Rant’3  Schriften.  SBJcrfe.  VIII.  20 


306  Über  ben  ©emeinfprud):  2>a3  mag  in  ber  $t)eovie  richtig  fein  ic. 


oon  beiben  burd)  bie  Vernunft  an  bie  panb  gegeben  »erben,  p  fdba^en: 
üielmehr  jenen  pafftüen  ßitftanb  immer  bod)  ber  gefahrüotten  Sage  noch 
üorju^ietjen,  einen  beffern  p  finden  (mo  baSfenige  gilt,  »ab  ^»ippofrateg 
ben  Strjten  p  beherzigen  giebt:  iudicium  anceps,  experimentum  peri- 
culosum).  2)a  nun  ade  lange  genug  beftanbenen  SSerfaffungen,  fte  mögen 
Mängel  haben,  »eld)e  fte  motten,  hierin  bei  aller  ihrer  SSerfhiebenheü 
einerlei  Slefultat  geben,  nämlich  mit  ber,  in  welcher  man  ift,  pfrieben  p 
fein:  fo  gilt,  menn  auf  ba§  5Bolf§mol)lergef)en  gefeljen  mirb,  eigentlich 
gar  feine  Sheorie,  fonbern  2ltte§  beruht  auf  einer  ber  (Erfahrung  folgfamen 
gratis». 

©iebt  e§  aber  in  ber  Vernunft  fo  etwas,  als  fich  burdt)  baS  2Bort 
@taat§reä)t  auSbrücfen  läfet;  unb  hat  biefer  Sßegriff  für  OJ?enfdt)en,  bie 
im  SlntagoniSm  ihrer  Freiheit  gegen  einanber  fielen,  oerbinbenbe  Äraft, 
mithin  objectioe  (praftifhe)  Slealität,  ohne  bah  auf  baS  2Bohl=  ober  Übel= 
befinben,  baS  ihnen  barauS  entfpringen  mag,  no<h  f)ingefet)en  »erben  barf 
(»ooon  bie  Äenntnifj  blop  auf  (Erfahrung  beruht):  fo  grünbet  e§  ftä)  auf 
^rincipien  a  priori  (benn,  »aS  Siecht  fei,  fann  nicht  (Erfahrung  lehren); 
unb  eg  giebt  eine  Stlje.orie  beS  StaatSred)tS,  ohne  (Einftimmung  mit 
melier  feine  gratis  gültig  ift. 

piewiber  fann  nun  nichts  aufgebracht  »erben  alS:  bah,  obprnr  bie 
Sftenfhen  bie  3bee  üon  ihnen  pfteljenben  Siechten  im  Äopf  haben,  fie  hoch 
ihrer  perjenShärtigfeit  halber  unfähig  unb  unmürbig  »ären  barnad)  be= 
hanbelt  p  »erben,  unb  baljer  eine  oberfte  bloh  nach  JflugheitSregeln  üer= 
fahrenbe  ©ewalt  fte  in  Drbnung  halten  bürfe  unb  müffe.  SMefer  SSer= 
Z»eifelungSfprung  (salto  mortale)  ift  aber  üon  ber  Slrt,  bah,  wenn  ein^ 
mal  nicht  Dom  Siecht,  fonbern  nur  üon  ber  ©ewalt  bie  Siebe  ift,  baS  Sßolf 
aud)  bie  feinige  üerfud)en  unb  fo  alle  gefehlte  SSerfaffung  unftcher  machen 
bürfe.  SBenn  nicht  etwas  ift,  »aS  burd)  SSernunft  unmittelbar  Sichtung 
abnöthigt  (»ie  baS  SRenfchenrecht),  fo  finb  alle  (Einflüffe  auf  bie  SBittfür 
ber  SJJenfhen  unüermögenb,  bie  Freiheit  berfelben  p  bänbigen;  aber  teenn 
neben  bem  SBohlwotten  baS  Siecht  laut  fpridjt,  bann  zeigt  ftch  bie  menfd)= 
liehe  Statur  nicht  fo  oerunartet,  bah  feine  «Stimme  üon  berfelben  nicht  mit 
(Ehrerbietung  angehört  »erbe.  (Tum  pietate  gravem  meritisque  si  forte 
virum  quem  Conspexere,  silent  arrectisque  auribus  adstant.  Virgil.) 


5 

10 

15 

20 

25 

30 


äSom  35erl)ältnifi  ber  j^eorie  jur  ißrajiS  im  &ötferrect)t.  307 

III. 

Sorn  3?erE)altnife  ber  Theorie  gur  Praxis  im  Sölferred)t. 

3n  allgemein  pt)il<mtt)ropifct)er,  b.  i.  loSmopoütifdjer  Slbfidjt  betrautet*), 
©egen  SDtofeö  9öt e nbeläfotjn. 

5  3>ft  menfd)lid)e  ®efd)led)t  im  ©angen  gu  lieben;  ober  ift  e§  ein 
©egenftanb,  ben  man  mit  Unwillen  betrauten  muff,  bem  man  gwar  (um 
nid)t  2Rifant^rop  gu  merben)  aUe§  ©ute  Wünfd)t,  e§  boct)  aber  nie  an  il)tn 
erwarten,  mithin  feine  Singen  lieber  t>on  if)m  abmenben  mufj?  2)ie  Seant* 
mortung  biefer  $rage  beruht  auf  ber  Stntwort,  bie  man  auf  eine  anbere 
i-o  geben  wirb:  Sinb  in  ber  menfd)Iichen  Statur  Stnlagen,  auS  melden  man 
abne^men  fann,  bie  ©attung  werbe  immer  gum  Seffern  fortfehreiten  unb 
baS  Söfe  feiger  unb  »ergangener  Seiten  ftd^  in  bem  ©uten  ber  fünftigen 
»erlieren?  SDenn  fo  tonnen  wir  bie  ©attung  bod^  wenigftenS  in  ihrer  be= 
ftanbigen  2lnndt)erung  gum  ©uten  Heben,  fonft  mufften  wir  fie  Raffen  ober 
iS  »erachten ;  bie  Siererei  mit  ber  allgemeinen  9Jlenfd)enliebe  (bie  alsbann  höd)= 
ftenS  nur  eine  Siebe  beSSBohlwoüenS,  nicht  beS  SEBohlgefaÜenS  fein  würbe) 
mag  bagegenfagen,  was  fie  wolle.  5)enn  wa§  bbfe  ift  unb  bleibt,  öornehm* 
lid)  ba§  in  »orfetdidjer  medffelfeitiger  Serletgung  ber  ^eiligften  SJtenfdjem 
redete,  ba§  fann  man  —  audj  bei  ber  größten  Semühung,  Siebe  in  ftdb)  gu  er* 
2n  gwingen  —  bod^)  nicht  oermeibengu  Raffen:  nid^t  gerabe  um 2Jtenfd)en Übels 
gugufügen,  aber  boct)  fo  wenig  wie  möglid)  mit  ihnen  gu  tf)un  gu  fjaben. 

SJtofeS  fDtenbet§fo^n  war  ber  teueren  fDWnung  OJerufalem, 
gweiter  Slbfc^nitt,  S.  44  bis  47),  bie  er  feines  g-reunbeS  SeffingS  pp* 
pot^efe  non  einer  göttlichen  ©rgieljung  beS  fJJJenfd)engefchlechtS  entgegen* 
25  fefct.  @S  ift  i^m  pirngefpinft:  „bafi  baS  ©ange,  bie  5D?enfdb)f)eit  l)ienieben, 
in  ber  golge  ber  Seiten  immer  »orwärtS  rüden  unb  fid)  »erüoüfommnen 
foHe.  —  2Bir  fel)en,"  fagt  er,  „baS  Ufenfchengefchlecht  im  ©angen  fleine 
Schwingungen  machen;  unb  eS  that  nie  einige  Schritte  »orwärtS,  ohne 
halb  nachher  mit  gehoppelter  ®efd)winbigfeit  in  feinen  »origen  ßnftanb 
so  gurüd  gu  gleiten."  (3)aS  ift  fo  recht  ber  Stein  beS  SifpphuS;  unb  man 

*)  @<§  fällt  ntd)t  fofort  in  bie  Slugen,  roie  eine  allgemein  *  pljilantljro’ 
pifdje  Sorauäfe^ung  auf  eine  roettbürgerlidje  ©erfaffung,  biefe  aber  auf  bie 
©riinbung  eine3  ©ßlferredjtS  t)in  weife,  als  einen  .ßuftanb,  in  welchem  allein 
bie  Einlagen  ber  SJienfcbbeit  gehörig  entmirfelt  merben  fönnen,  bie  itnfere  ©attung 
35  liebenSmürbig  machen.  —  ©er  33efc^tufe  biefer  Stummer  wirb  biefen  Sufammen« 
bang  twr  2lugen  ftetten. 


20* 


308  Ü&er  ben  ©emeinfprud):  23a3  mag  in  her  Sfjeorie  richtig  fein  ic. 


nimmt  auf  biefe  Slrt  gleict)  bcm  Snbier  bie  ©rbe  alg  ben  Büfjunggort  für 
alte,  fei^t  nicht  mehr  erinnerliche  Sünben  an.)  —  „©erBienfd)  geht  meiter; 
aber  bie  SJtenfchheit  fchmanft  beftänbig  jmifchen  feftgefe|ten  Säjranfen 
auf  unb  nieber;  behält  aber,  im  ©anjen  betrachtet,  in  allen  gerieben 
ber  Beit  ungefähr  biefelbe  (Stufe  ber  Sittlichfeit,  baffelbe  Biah  üon  Be=  5 
ligton  unb  S^eligion,  bon  Sugenb  unb  Safter,  non  ©lücffeligfeit(?)  unb 
©lenb."  —  25iefe  Behauptungen  leitet  er  (S.  46)  baburd)  ein,  bah  er 
fagt:  „Shr  moßt  erratlfen,  mag  für  Stbfidjten  bie  Borfehung  mit  ber 
ßRenfd)heit  habe?  Sd)miebet  feine  «fpppothefen"  (Sheorie  hatte  er  biefe 
Dorther  genannt);  „flauet  nur  umher  auf  bag,  mag  mirflid)  gefd)ief)t,  unb,  10 
menn  Shr  einen  Überbticf  auf  bie  ©efd)i<hte  aller  ßeiten  merfen  fönnt, 
auf  bag,  ma§  non  feher  gefchehen  ift.  ®iefeg  ift  Shatfache;  biefeg  muh 
$ur  2lbficht  gehört  haben,  muh  in  bem  ^ßlane  ber  2Bet§t)eit  genehmigt, 
ober  menigfteng  mit  aufgenommen  morben  fein." 

Sch  bin  anberer  Meinung.  —  SBenn  eg  ein  einer  ©ottheit  mürbiger  15 
Stnblicf  ift,  einen  tugenbhaften  Biann  mit  Söibermärtigfeiten  unb  Ber* 
futhungen  jum  Böfen  ringen  unb  ihn  bennoef)  bagegen  Stanb  halten  311 
fehen:  fo  ift  eg  ein,  id)  miß  nicht  fagen  einer  ©ottheit,  fonbern  felbft  beg 
gemeinften,  aber  mohlbenfenben  9D?enfd)en  hoch  ft  unmürbiger  Stnblicf,  bag 
menfd)liche  ©efchledjt  non  Beriobe  ju  ißeriobe  jur  Sugenb  hinauf  Schritte  20 
thun  unb  halb  barauf  eben  fo  tief  mieber  in  Safter  unb  (Slenb  jurüdfaßen  ju 
fehen.  ©ine  SBeile  biefem  Srauerfpiel  ^ujufchauen,  fann  oießeidht  rührenb 
unb  belehrenb  fein;  aber  enblid)  muh  boch  ber  Borhang  faßen.  2)enn  auf 
bie  Sänge  mirb  eg  jum  ^Soffenfptel;  unb  menn  bie  Slfteure  eg  gleich  nicht 
mübe  merben,  meil  fie  Starren  finb,  fo  mirb  eg  bod)  ber  3ufd)auer,  ber  an  25 
einem  ober  bent  anbern  Siet  genug  hat,  menn  er  baraug  mit  ©runbe  ab* 
nehmen  fann,  bah  bag  nie  §u  ©nbe  fommenbe  Stücf  ein  emigeg  (Einerlei 
fei.  2)ie  am  ©nbe  folgenbe  «Strafe  fann  gmar,  menn  eg  ein  btoffeg  Scham 
fpiel  ift,  bie  unangenehmen  ©mpfinbungen  burcf)  ben  Sluggang  mieberum 
gut  machen.  Slber  Safter  ohne  ßahl  (menn  gleich  mit  bajmifchen  eintretem  30 
ben  Sitgenben)  in  ber  2Birflid)feit  ftd)  über  einanber  thürmen  gu  laffen, 
bamit  bereinft  recht  oiel  geftraft  merben  fönne:  ift  menigfteng  nach  unferen 
Begriffen  fogar  ber  Moralität  eineg  meifen  2Selturl)eberg  unb  3^egiererg 
jumiber. 

Sch  »erbe  alfo  annehmen  bürfen:  bah,  ba  bag  menfchlid)e  ®efd)led)t  35 
beftänbig  im  S'ortrüd'en  in  Slnfehung  ber  ©ultur,  alg  bem  Statur^mecfe 
beffelben,  ift,  eg  auch  fyortfehreiten  jum  Befferen  in  Slnfeljung  beg 


&mn  äßertjültnifj  ber  Sterne  jur  Sßrajiä  im  Sötferrecht. 


309 


moralifhen  Bmecfg  feineg  ©afeing  begriffen  fei,  unb  bah  biefeg  $mar  big= 
meilen  unterbro hen,  aber  nie  abgebrochen  fein  rnerbe.  IDiefe  25or= 
augfeffung  ju  bemeifen,  tjabe  ich  nicht  nöttjig;  ber  ©egner  berfelben  muh 
bemeifen.  2)enn  ich  ftü^e  mid)  auf  meine  angeborne  $flid)t,  in  febem 
©liebe  ber  3beif)e  ber  Beugungen  —  toorin  id^  (alg  50Renfcf)  überhaupt) 
bin,  unb  bod)  nicht  mit  ber  an  mir  erforberlidjen  moratifchen  Befd)affen= 
heit  fo  gut,  alg  id)  fein  fottte,  mithin  auch  fönnte  —  fo  auf  bie  9Rad)fom= 
menfehaft  ju  mirfeu,  bah  fte  immer  b  eff  er  merbe  (monon  alfo  aud)  bie 
2J?öglid)feit  angenommen  tnerben  muh),  unb  bah  fo  biefe  Pflicht  non  einem 
©liebe  ber  Beugungen  pm  anbern  fid)  rechtmähig  nererben  fönne.  ©ö 
mögen  nun  auch  noch  fo  niel  Bmeifel  gegen  meine  Hoffnungen  au§  ber 
©efdffhte  gemacht  merben,  bie,  toenn  fte  bemeifenb  mären,  mid)  bemegen 
tonnten,  non  einer  bem  2lnfd)ein  nah  üergeblid)en  Arbeit  abjulaffen; 
fo  !ann  ih  bod),  fo  lange  biefeS  nur  niht  ganj  gemih  gemäht  merben 
fann,  bie  Pflicht  (alg  ba§  liquidum)  gegen  bie  Mugheitgregel  aufg  Um 
thunlid)e  niht  hinjuarbeiten  (alg  bag  illiquidum,  meil  eg  blohe 
tlfefe  ift)  niht  nertaufhen;  unb  fo  ungemih  ih  immer  fein  unb  bleiben 
mag,  ob  für  bag  menfhlihe  ©efhleht  bag  Beffere  ju  hoffen  fei,  fo  fann 
biefeg  boh  niht  ber  Sfapime,  mithin  aud)  nicht  ber  nothmenbigen  Boraitg* 
fepung  berfelben  in  praftifher  üibfid)t,  bah  eg  thunlih  fei,  2ibbrnd)  tl)un. 

SDiefe  Hoffnung  befferer  Beiten,  ohne  melhe  eine  ernftlihe  SBegierbe, 
etma§  bem  allgemeinen  2Bof)l  ©rfpriehlid)e§  31t  thun,  nie  bag  menfhlihe 
Herj  ermannt  hätte,  hot  auh  feber^eit  auf  bie  Bearbeitung  ber  2Bof)l= 
benfenben  ©influfj  gehabt;  unb  ber  gute  fUienbelgfohn  muhte  boh  auh 
barauf  gerechnet  haben,  menn  er  für  Slufflärung  unb  SBohlfaljrt  ber  Station, 
ju  meld)er  er  gehörte,  fo  eifrig  bemüht  mar.  ©enn  felbft  unb  für  fid) 
allein  fte  ju  bemirfen,  menn  niht  Slnbere  nah  ihm  auf  berfelben  Bahn 
meiter  fort  gingen,  tonnte  er  vernünftiger  SBeife  niht  hoffen-  Sei  bem 
traurigen  Slnblicf  nid)tfomol)l  ber  Übel,  bie  bag  menfhlihe  ©efhleht  auö 
3ftatururfad)en  brüden,  alg  oielmehr  berfenigen,  melhe  bie  Bienfhen  fid) 
unter  einanber  felbft  anthun,  erheitert  fid)  bod)  bag  ©emüth  burd)  bie  2lug= 
fiht,  eg  fönne  fünftig  beffer  merben:  unb  ^mar  mit  uneigennü^igem  SBohl* 
mollen,  menn  mir  längft  im  ©rabe  fein  unb  bie  brühte,  bie  mir  jum  Sheil 
felbft  gefäet  haben,  niht  einernten  merben.  ©mpirifhe  Bemeiggrünbe 
miber  bag  ©elingen  biefer  auf  Hoffnung  genommenen  ©ntfd)liehungen 
rihten  hier  nichts  aug.  3)enn  bah  bagfenige,  mag  bisher  noh  niht  ge= 
Jungen  ift,  barum  auh  nie  gelingen  merbe,  berechtigt  niht  einmal  eine 


310  Über  bert  ©etneinfprud) :  2>a3  mag  in  ber  "Xtjeorie  richtig  fein  :c. 

yragmatifdjc  ober  tehnifhe  2lbfid)t  (wie  g.  25.  bie  ber  Suftfahrten  mit 
aeroftatifhen  23äÜen)  aufgugeben;  nod)  weniger  aber  eine  moralifhe, 
welche,  wenn  it)re  23ewirfung  nur  nicht  bemonftratto-unmöglid)  ift,  Pflicht 
wirb.  Überbein  laffen  ftd)  manche  23eweife  geben,  bah  baS  menfd)Uche 
©efhleht  im  ©angen  wirtlich  in  unferm  ßeitalter  in  Vergleichung  mit  5 
allen  Dorigen  anfetjnXicf)  moralifd)  gum  felbft  23efferen  fortgerüdt  fei  (furg* 
baurenbe  Hemmungen  fönnen  nichts  bagegen  beweifen);  unb  bah  baS©e* 
fchrei  Don  ber  unaufhaltfam  gunehmenben  Verunartung  beffelben  gerabe 
baher  fomrnt,  bah,  wenn  eS  auf  einer  höheren  Stufe  ber  Vioralität  fteht, 
e§  noch  meiter  Dor  fid)  fteht,  unb  fein  Urteil  über  baS,  was  man  ift,  in  10 
Vergleichung  mit  bem,  was  man  fein  foHte,  mithin  unfer  Selbfttabel 
immer  befto  ftrenger  wirb,  je  mehr  «Stufen  ber  Sittlichfeit  wir  im  ©angen 
beS  un§  befannt  geworbenen  SöeltlaufS  fchon  erftiegen  haben. 

fragen  wir  nun:  burd)  welche  Mittel  biefer  immerwährenbe  $ort= 
fchritt  gum  25efferen  bürfte  erhalten  unb  auch  wohl  befd)leunigt  werben,  fo  15 
fteht  man  balb,  bah  biefer  ins  unermehlid)  Söeite  gebenbe  ©rfolg  nicht 
fowohl  baDon  abhangen  werbe,  waS  wir  thun  (5.  23.  Don  ber  ©rgieljung, 
bie  wir  ber  jüngeren  SBelt  geben),  unb  nach  Weiher  Viethobe  wir  oer= 
fahren  fotlen,  um  eS  gu  bewirfen;  fonbern  Don  bem,  was  bie  menfhlihe 
Vatur  in  unb  mit  uns  thun  wirb,  um  uns  in  ein  ©leis  gu  nötigen,  20 
in  welches  wir  uns  Don  felbft  nid)t  leiht  fügen  würben.  2)enn  non  ihr, 
ober  oielmehr  (weit  höhfte  2BeiSf)eit  gu  Voüenbung  biefeS  3n>ecfS  erforbert 
wirb)  non  ber  Vorfehung  allein  fönnen  wir  einen  ©rfolg  erwarten,  ber 
aufs  ©ange  unb  Don  ba  auf  bie  £heüe  geht,  ba  im©egentf)eil  bie  Vienfhen 
mit  ihren  ©nt würfen  nur  Don  ben  feilen  auSgehen,  wohl  gar  nur  bei  25 
ihnen  fteljen  bleiben  unb  aufs  ©ange  als  ein  folheS,  welheS  für  fie  gu 
groh  ift,  gwar  ihre  ^been,  aber  nid^t  ihren  ©influh  erftrecfen  fönnen: 
Dornehmlih  ba  fte,  in  ihren  Entwürfen  einanber  wiberwärtig,  fid)  aus 
eigenem  freien  Vorfall  fhmerlid)  bagu  Dereinigen  würben. 

So  wie  aüfeitige  ©ewaltthätigfeit  unb  barauS  entfpringenbe  Voll)  30 
enblih  ein  Volf  gur  ©ntfhliehung  bringen  muhte,  ftd)  bem  3n>ange,  ben 
ihm  bie  Vernunft  felbft  als  -Kittel  Dorfhreibt,  nämlich  bem  öffentlicher 
©efeije,  gu  unterwerfen  unb  in  eine  ftaatSbürgerlihe  Verfaffung  gu 
treten:  fo  muh  und)  bie  9loth  aus  ben  beftänbigen  Kriegen,  in  weihen 
wieberum  Staaten  einanber  gu  fhmätern  ober  gu  unterjochen  fuhen,  fie  35 
gule^t  bahin  bringen,  felbft  wiber  SBiUen  entweber  in  eine  Weltbürger* 
lihe  Verfaffung  gu  treten;  ober,  ift  ein  foldjer  3uftanb  eines  allgemeinen 


3Jom  Siertjältntß  ber  Sheurte  gur  $raj;ib  im  SSßtferrec^t. 


311 


Erlebens  (toie  es  mit  übergroßen  «Staaten  tr»ot)l  aud)  mehrmals  gegangen 
ift)  auf  einer  anbern  Seite  ber  $reißeit  nod)  gefährlicher,  inbem  er  bett 
fcßrecflicbften  ^Despotismus  herbei  führt,  fo  muß  fie  biefe  3Roth  bocß  gu 
einem  ßuftanbe  gmingen,  ber  gmar  fein  meltbürgerlicßeS  gemeines  SBefen 
unter  einem  Oberhaupt,  aber  hoch  ein  rechtlicher ßuftanb  ber^öberation 
nad)  einem  gemeinfcßaftlid)  oerabrebeten  $ölferred)t  ift 

©enn  ba  bie  fortrücfenbe  Gultur  ber  Staaten  mit  bem  zugleich 
matßfenben  hange,  ftd)  auf  Äoften  ber  2lnbern  burd)  Sift  ober  ©emalt  gu 
oergrößern,  bie  Kriege  oeroielfdltigen  unb  burd)  immer  (bei  bleibenber 
Sößnung)  oermeßrte,  auf  fteßenbem  $uß  unb  in  SMfcipUn  erhaltene,  mit 
ftetS  zahlreicheren  .ftriegSinftrumenten  oerfeßene  heere  immer  höhere 
Soften  oerurfacßen  muß;  inbeß  bie  greife  aller  SSebürfniffe  fortbaurenb 
noachfeu,  oßne  baß  ein  ißnen  proportionirter  fortfcßreitenber  Suttacßs  ber 
fte  oorfteüenben  Metalle  gehofft  merben  fann;  fein  Uneben  and)  fo  lange 
bauert,  baß  baS  ©rfparniß  mäßrenb  bemfelben  bem  Äoftenaufmanb  für 
beu  nächften  Ärieg  gleich  fäme,  momiber  bie  (ärfinbung  ber  Staatsfcßulben 
gmar  ein  ftnnreid)eS,  aber  ft  cf)  felbft  guleßt  oernicßtenbeS  hülfSmittel  ift: 
fo  muß,  rnad  guter  2Me  hätte  tßun  follen,  aber  nicht  tßat,  enblicß  bie 
Oßnmad)t  bemirfen:  baß  ein  feber  Staat  in  feinem  inneren  fo  organifirt 
roerbe,  baß  nicht  baS  Staatsoberhaupt,  bem  ber  Ärieg  (meü  er  ißn  auf 
eines  Slnbern,  nämlid)  beS  33olfS,  Äoften  führt)  eigentlich  nichts  foftet, 
fonbern  baS  23olf,  bem  er  felbft  foftet,  bie  entfcßeibenbe  Stimme  habe,  ob 
jtrieg  fein  foUe  ober  nicht  (mogu  freilich  bie  tRealiftrung  fener  3bee  beS 
urfprünglichen  Vertrags  nothmenbig  üorauSgefeßt  merben  muß).  Oenn 
biefeS  mirb  eS  moßl  bleiben  laffen,  aus  bloßer  SSergrößerungSbegierbe, 
ober  um  oermeinter,  bloß  wörtlicher  SBeleibigungen  mitten  ft<h  in  ©efaßr 
perfönlidjer  ©ürftigfeit,  bie  baS  Oberhaupt  nicht  trifft,  gu  oerfeßen.  Unb 
fo  mirb  auch  bie  ^achfommenfcßaft  (auf  bie  feine  non  ißr  unoerfd)ulbete 
Saften  gemalzt  merben),  oßne  baß  eben  Siebe  gu  berfelben,  fonbern  nur 
Selbftliebe  jebeS  ßeitalterS  bie  Urfadje  baüon  fein  barf,  immer  gum  23ef= 
feren  felbft  im  moralifcßen  Sinn  fortfehreiten  fönnen:  inbem  febeS  ge= 
meine  SBefen,  unoermögenb  einem  anberen  gemalttßätig  gu  feßaben,  ftd) 
allein  am  3fted)t  halten  muß  unb,  baß  anbere  eben  fo  geformte  ißm  bariu 
gu  hülfe  fommen  merben,  mit  ©runbe  hoffen  fann. 

OiefeS  ift  inbeß  nur  Meinung  unb  bloß  hßpotßefe:  ungemiß  mte  aüe 
Urtheile,  melcße  gu  einer  beabfießtigten  Sßirfung,  bie  nicht  gänglid)  in 
unfrer  ©emalt  ließt,  bie  ißt  eingig  angemeffene  gtatururfadße  angeben 


312  Über  beit  ©emeinfprucf) :  ©al  mag  in  ber  Stjeorie  richtig  fein  :c. 


molleu;  unb  felbft  als  eine  folcpe  enthält  fie  in  einem  fcfjon  beftet>enben 
Staat  nid)t  ein  ^rincip  für  ben  Untertan  fie  p  ergingen  (roie  üorfyer 
gezeigt  morben),  fonbern  nur  für  pangSfreie  Oberhäupter.  Ob  eS  par 
in  ber  Statur  beS  ÜRenfcpen  nad)  ber  gemöf)nlid)en  Drbnung  eben  nid)t 
liegt,  non  feiner  ©eroalt  mtUfftrlid)  nadjplaffen,  gleidpopl  eS  aber  in  5 
bringenben  llmftdnben  .bod)  nid)t  unmöglich  ift:  fo  fann  man  eS  für  einen 
ben  moralifdjen  2Bünfd)en  unb  Hoffnungen  ber  SJtenfdjen  (beim  SBemupt* 
fein  ihres  UnOerntögenS)  nid)t  unangemeffenen  StuSbrud  galten,  bie  bap 
erforberlidjeu  Umftänbe  non  ber  SSorfepung  p  er U3 arten:  melcpe  bem 
Bmcde  ber  e n f d)  ü e  i  t  im  ©anjen  ibjrer  ©attnng  p  ©rreidpng  ihrer  10 

enblidien  ÜBeftimmung  bnrd)  freien  ©ebraud)  ihrer  Kräfte,  fo  meit  fie 
reidien,  einen  SluSgang  nerfdpffen  merbe,  meinem  bie  B^ede  ber  9)ien= 
fcpen,  abgefonbert  betradjtet,  gerabe  entgegen  mirfen.  5)enn  eben  bie 
©ntgegenmirfung  ber  Neigungen,  auS  melden  baS  35öfe  entfpringt,  unter 
einanber  öerfdtjafft  ber  Vernunft  ein  freies  Spiel,  fte  inSgefammt  p  unter=  15 
jochen  unb  ftatt  beS  SSöfen,  maS  fid)  felbft  jerftört,  baS  Oute,  meines, 
menn  eS  einmal  ba  ift,  fid)  fernerhin  non  felbft  erhält,  t)errjd)enb  p 
machen. 

j}>  sfc 

* 


2)ie  menfd)lid)e  Statur  erfcpeint  nirgenb  treniger  liebensmürbig,  als 
im  23erl)ältniffe  ganzer  Voller  gegen  einanber.  Äein  Staat  ift  gegen  ben  20 
anbern  megen  feiner  Selbftftänbigfeit  ober  feines  ©igentputnS  einen 
Slugenblid  gefid)ert.  2)er  SBille  einanber  p  unterjochen  ober  an  bem 
Seinen  p  fd)mdlern  ift  jeberpt  ba;  unb  bie  diüfiung  pr  23ertl)eibigung, 
bie  ben  ^-rieben  oft  nod)  brüdenber  unb  für  bie  innere  SBoplfahrt  jerftö= 
renber  mad)t,  als  felbft  ben  Ärieg,  barf  nie  nad)laffen.  Stun  ift  piermiber  25 
fein  anbereS  SJtittel,  als  ein  auf  öffentlf d)e  mit  9J?ad)t  begleitete  ©efepe, 
benen  fid)  feber  Staat  nntermerfen  müpte,  gcgrünbeteS  3?ölf'erred)t  (nad) 
ber  Sinologie  eines  bürgerlichen  ober  StaatSredjtS  einzelner  2Jtenfd)en) 
möglich;  —  benn  ein  baurenber  allgemeiner  Triebe  bnrd)  bie  fo  genannte 
Balance  ber  SJ?äd)te  in  ©uropa  ift,  mie  SmiftS  HauS,  melcpeS  non  hu 
einem  33aumeifter  fo  nollfommcn  nad)  allen  ©efepeit  beS  ©leid)gemid)tS 
erbauet  mar,  bap,  als  fid)  ein  Sperling  brauf  fepte,  eS  fofort  einfiel,  ein 
blofceS  Hüngefpinft.  —  Slber  foldjen  BwangSgefepen,  mirb  man 
fügen,  rnerben  fid)  Staaten  bod)  nie  nntermerfen;  unb  ber  2>orfd)lag  p 
einem  allgemeinen  SPIferftaat,  unter  beffen  ©emalt  fid)  alle  einzelne  35 


® out  ©erpltniß  ber  Sporte  jur  Sßrajig  tut  33oI!erred)t.  313 

Staaten  freimütig  bequemen  fotten,  um  feinen  ©efeßen  gu  geporcpen,  mag 
in  ber£peorie  eines  21bbe  non  St.  Pierre,  ober  eines  Ütouffeau  nod)  fo 
artig  flingen,  fo  gilt  er  bod)  nidpt  für  bie  ißrapiS:  mie  er  benn  aud)  öon 
großen  Staatsmännern,  rnepr  aber  nodp  non  StaatSoberpäuptern  als 
eine  pebarrtifc^ =finbifd)e  aus  ber  Schule  peroorgetretene  Sbee  feberjeit 
ift  üerladjt  morben. 

(scp  meinerfeits  tiertraue  bagegen  bod)  auf  bie  £peorie,  bie  oon  bern 
bRed)tSprincip  anSgept,  mie  baS  23erpältniß  unter  ÜRenfdjen  unb  Staaten 
fein  foll,  unb  bie  ben  (Srbengöttern  bie  fUJapime  anpreifet,  in  ipren 
Streitigfeiten  feberjeit  fo  gu  üerfapren,  baß  einfoldper  allgemeiner  33ölfer= 
ftaat  baburd)  eingeleitet  merbe,  unb  ipn  alfo  als  möglicp  (in  praxi),  unb 
baff  er  feinfann,  anjunepmen;  —  gugleidp  aber  aud)  (in  subsidium)  auf 
bie  Sftatur  ber  5)inge,  meldpe  baßin  gtoingt,  moßin  man  nidßt  gerne 
roiH  (fata  volentem  dncunt,  nolentem  trahunt).  33ei  biefer  legieren  mirb 
bann  aucß  bie  menfdßlidße  üRatur  mit  in  2Infdßlag  gebraut:  meldje,  ba  in 
ißr  immer  nod)  ülcßtung  für  dtecßt  unb  ^ßflid^t  lebenbig  ift,  icß  nidßt  für  fo 
oerfitnfen  im  23ßfen  palten  fann  ober  miß,  baff  nidßt  bie  moralifdß*praf= 
tifdße  Vernunft  nacß  Dielen  mißlungenen  SSerfucßen  enblidß  über  baffelbe 
fiegen  unb  fte  and)  als  liebenSmürbig  barfteßen  foßte.  So  bleibt  eS  alfo 
aud)  in  foSmopolitifdßer  dtüdficßt  bei  ber  SSeßauptung:  2ßaS  aus  23er= 
nunftgrünben  für  bie  £ßeorie  gilt,  baS  gilt  aucp  für  bie  $rapiS. 


. 


' 


1 

cStlDdS 
über  bett 

nffit§  ft  es  o n t> e 

auf  bie  Zitierung. 


£err  -fpofratf)  Sxc£)tenb e rg  in  Eöttingen  jagt  in  feiner  aufgetoecften 
unb  geöanfenretchen  Spanier  irgenötno  in  feinen  (Schriften:  „©er  9J?onb 
füllte  jtcar  nict)t  auf  bie  SBitterung  Einflufj  Ifaben;  er  hat  aber  bocf)  bar* 
auf  Einfluß." 

5  A.  ©er  ©aij:  „Er  füllte  ihn  nid£)t  haben."  ©enn  toir  f'ennen  nur 
§toei  Vermögen,  moburd)  er  in  fo  großer  Entfernung  auf  unfre  Erbe  Ein* 
flufj  Ijaben  fann:  fein  2id)t*),  tr>etd)e§  er  at§  ein  non  ber  Sonne  erleuct)^ 

*)  Sei  ©elegenheit  ber  Ejter  angumerfenben  ©d)roäd)e  bed  SRonbtihtS  in 
Sergleihung  fogar  nur  mit  bent  eigenen  ftratjtenben  Sicht  eitted  ^ijfterrtö,  ben 
10  ber  3)tonb  gu  üerbeden  in  Sereitfhaft  fteht,  fei  ed  mir  ertaubt,  gu  einer  Seobad)» 
tung  bed  um  bie  genauere  Äenntnifj  ber  ©eftalt  ber  SBeltförper  fo  oevbienten  £rn- 
D.  3t.  ©diröter  in  ßilienttfal  (3tftronom.  Slbtjanbl.  1793,  ©.  193)  eine  mutt> 
ma^tidje  ©rftärung  binauäuttjun.  „Sttbebaran  (tjeiht  ed)  oerfdiwanb  nidjt  fofort 
burä)  Sorrüdmtg  bed  ÜJtonbed:  unb  (inbem  f?r.  ©.  beibed,  tDtonbranb  unb  Silbe» 
15  baran,  mit  erroünfhter  ©djarfe  fat))  mar  er  reidflid)  2  bid  3  ©ecunben  lang  oor 
bem  SHonbranbe  auf  ber  ©djeibe  fidjtbar:  ba  er  bann,  ohne  baff  man  einige 
8id)tabnabme  nod)  einen  oeränberten  2)urd)tneffer  an  ihm  bemerfte,  fo  ptoblid) 
oerfchmanb,  baß  über  bem  Serfdjminben  fetbft  bei  meitem  feine  gange,  fottbern  etma 
nur  eine  hflIbe  ©ecunbe  3ett,  roenigftend  geroih  nid)t  oiet  barüber  oerftrid)." 
•20  ©iefe  ©rfdjeinung  ift  meiner  tDteinung  nach  nicht  einer  ofitifdjen  $äuf(hung,  fonbern 
ber  ßeit  gugufhreiben,  bie  bad  Sicht  bebarf,  um  üon  bem  ©tern  in  ber  äßeite 
bed  Sttonbed  bid  gur  ©rbe  gu  fommen,  metche  etroa  1-J-  ©ecunben  beträgt,  inner= 
halb  roetcher  ber  3tlbebaran  fchon  burch  ben  tttlonb  oerbedt  mar.  Db  nun  über 
bem  Sefinnen,  bah  ber  ©tern  fchon  innerhalb  ber  tDlonbdftäche  (nicht  btoh  in 
25  Serütjrung  mit  ihr)  gefetjen  roerbe,  imgteichen  über  ber  2ßahrnet)mung  unb  bem 
Semuhtfein,  bah  ex  nun  oerfchmunben  fei,  nicht  bie  übrigen  j  einer  ©ecunbe  (bie 
eigerttlicf)  niht  gur  ^Beobachtung  gehören)  oergangen  fein  mögen,  bie  roatjre  atfo 
unb  bie  üermeinte,  obgroar  unoermeibtihe,  ©hein=Seobad)tung  gufamtnen  niht 
etroa  bie  2  ©ecunben  (atd  fo  oiet  £r.  ©•  aüenfaüd  einräumt)  audtragen:  muh 
so  bem  eigenen  Urtheit  biefed  fharffihtigen  unb  geübten  Seobad)terd  überlaffen 
roerben. 

9tah  anbermeitigen  berounberndroitrbigen  ©ntbedungen  eben  beffetben,  bie 
©tructnr  ber  3Jtonbftähe  betreffenb,  fheint  bie  und  gugefehrte  Hälfte  bed  SRonbed 
ein  einer  audgebrannten  outfanifhen  ©htade  ähnlicher  unb  unberoohnbarer  Aörper 


318  ©twaö  über  ben  (Sinftu^  beä  2J?onbeiS  auf  bie  SBitterung. 

teter  Körper  reflectirt,  unb  feine  2t  n^iefiungSfraft,  bie  al§  Itrfadje  ber 
©chmere  ihm  mit  aller  Materie  gemein  ift.  Bon  beiben  tonnen  mir  fomof)l 
bie  ©efe^e  at3  aud)  burd)  ihre  SBirfungen  bie  ©rabe  it)rer  2Birffam!eit 
hinreid)enb  angeben,  um  bie  Beränbrungen,  bie  fie  gur  golge  ^aben,  au§ 
jenen  al§  Urfadjen  3U  erfläten;  neue  oerborgene  Kräfte  aber  3um  33et)uf 
gemiffer  Erfcheinungen  auSjubenfen,  bie  mit  ben  fdjon  befannten  nid)t  in 
genugfam  burd)  Erfahrung  beglaubigter  Berbinbung  ftetjen,  ift  ein  2Bag* 
ftüd,  ba§  eine  gefunbe  Baturmiffenfd)aft  nidjt  leicl^tlict)  einräumt,  ©o 
mirb  fte  3.  23.  fid)  ber  angeblichen  Beobachtung,  bah  in  ben  2ftonbfd)ein 
gelegte  §ifd)e  eher,  al§  bie  im  ©chatten  beffelben  liegenben  faulen,  fehr 
meigern:  ba  jene§  Sicht,  felbft  burd)  bie  größten  Brennglafer  ober  Brenn- 
fpiegel  jufammengebrängt,  bod)  auf  ba§  aUeretmpfinblichfte  Thermometer 
nicht  bie  minbefte  merflid)e  SBirfung  thut;  —  für  bie  Beobachtung  aber 
be§  burd)  ben  BtonbeSeinflujj  fehr  befd)leunigten  Tobe§  ber  gieberfranfen 
in  Bengalen  3ur  3^it  einer  ©onnenfinfternifs  hoch  einige  Sichtung  ha&en: 
meil  bie  Slnjiehung  be§  BionbeS  (bie  fid)  3U  biefer  ßeit  mit  ber  ber  ©onue 
oereinigt)  ihr  Bermögen,  auf  bie  Körper  ber  Erbe  fehr  merflid)  311  mirfen, 
burch  anbere  Erfahrungen  unsmeibeutig  bartfjut. 


3U  fein.  2Benn  mau  aber  annimmt,  bah  bie  ©ruptionen  ber  elaftifcfjen  fbtaterien 
au<3  bem  Snnern  beffelben,  fo  lange  er  noch  im  ßuftanbe  ber  glüffigfeit  mar,  fid) 
mehr  nad)  ber  ber  ©rbe  jugetehrten,  als  öon  ihr  abge!el)rten  ©eite  gemanbt  haben 
(meldjeä,  ba  ber  itnterfctjieb  ber  3lnäiehungeit  ber  erfteren  öon  ber  be§  fDtittel* 
pmtttä  be§  fötonbeä  gröber  ift,  al§  ber  3Wifdjen  ber  Slnjiehung  be<3  ÜRittelpunltS 
unb  ber  abgelebten  ©eite,  unb  etaftifche  in  einem  griffigen  auffteigenbe  iDiaterien 
befto  mehr  fid)  auSbehnen,  }e  weniger  fie  gebrüdt  roerben,  beim  ©rfiarren  biefeä 
2BeItförper3  aud)  größere  fpöhlungen  tm  Snmenbigen  beffelben  auf  ber  erfteren 
al§  ber  letjteren  Hälfte  hat  juritd  taffen  muffen):  fo  mirb  man  fid)  gar  wohl  benlett 
fönnen,  bah  ber  Diittelpunft  ber  ©djwere  mit  bem  ber  ©rohe  biefeä  üörperd  nicEjt 
jufammentreffen,  fonbern  311  ber  abgefehrten  ©eite  hin  liegen  werbe,  weld)e<8  bann 
3ur  {folge  haben  würbe,  bah  SBaffer  unb  8uft,  bie  fid)  etwa  auf  biefem  ©rbtra* 
banten  befinben  mödjten,  bie  erftere  ©eite  oerlaffen  unb,  inbem  fie  auf  bie  zweite 
abfloffen,  biefe  baburd)  allein  bewohnbar  gemaiht  hätten.  —  Ob  übrigen^  bie 
©igenfd)aft  beffelben,  fid)  in  berfelben  3eit  um  feine  3t;re  ju  brehen,  in  weldjer 
er  feinen  Jfreiälauf  mad)t,  aud  ber  nämlichen  Xlrfadje  (nämlid)  bem  Unterfdjieb 
ber  Slnjiehung  beiber  fpälften  bei  einem  SJionbe,  ber  um  feinen  Planeten  läuft, 
wegen  feiner  oiel  gröberen  SRaheit  311m  leideren,  al3  ber  beä  Planeten  3ur  ©onne) 
allen  SJionben  aI3  eigen  angenommen  werben  bürfe:  muh  benen,  bie  in  ber  2tt< 
tractionötheorie  bewanberter  finb,  3n  entfdjeiben  überlaffen  werben. 


©troag  über  ben  ©inftub  beg  Sonbeg  auf  bie  Sitterung. 


319 


2öentt  eg  alfo  barauf  anfommt  a  priori  $u  entfdjeibeu:  ob  ber  2)?oiib 
auf  SBitterungen  Einfluß  ßabe  ober  nidjt,  fo  !amt  öon  bem  ßidjt,  toeld)e§ 
er  auf  bie  Erbe  mirft,  nid)t  bie  Siebe  fein;  unb  eg  bleibt  folglich  nur  feine 
Stn^ießunggtraft  (nacß  allgemeinen  Eraoitationggefeßen)  übrig,  moraug 
5  biefe  2Birfung  auf  bie  Sltmofpßare  erflarlid)  fein  müßte.  fJtun  fann  feine 
unmittelbare  SSirhmg  burd)  biefe  üraft  nur  in  ber  SBermeßrung  ober 
33erminberung  ber  Scßmere  ber  Suft  befielen;  biefe  aber,  mentt  fte  merflid) 
fein  fott,  muff  ftdj  am  Barometer  f>eobad)ten  taffen.  2tlfo  mürbe  obiger 
Slugfprud)  (A)  fo  lauten:  2)te  mit  ben  3ftotib§fteIIungen  regelmäßig 
10  fammenftimmenben  SSeränberungen  beg  33arometerftanbeg  taffen  ficß  nid)t 
aug  ber  Stttraction  biefeg  Erbtrabanten  begreifließ  macßen.  £>enn 

1)  laßt  ftd)  a  priori  bartßutt:  baß  bie  fUtonbegan^ießung,  fofern  ba* 
burd)  bie  Scßmere  unfrer  Suft  oermeßrt  ober  üerminbert  merben  mag,  Diel 
§u  flein  fei,  alg  baß  biefe  SSeränberung  am  ^Barometer  bemerft  merben 

i5  fönnte  (ßutof’g  Einleitung  jur  matßern.  unb  pßßftf.  Äenntniß  ber 
Erbfugel,  §312):  man  mag  ftcß  nun  bie  Suft  bloß  alg  flüffigeg  (nicßt 
elaftifcßeg)  SBefen  benfen,  mo  ißre  Dberflädje  bei  ber  burd)  beg  fJJtonbeg 
Slnjießung  üerdnberten  fRicßtung  ber  Sdßmere  berfelben  oöttig  SBafferpaß 
ßalten  mürbe;  ober  jugleicß,  mie  fte  eg  mirtlid)  ift,  alg  elaft  if  ct) e  f^lüfftg= 
so  feit,  mo  nocß  bie  $rage  ift,  ob  ißre  gleicßbicßte  @d)id)ten  in  öerfcßiebnen 
-Soßen  aucß  ba  nocß  im  Eleicßgemicßt  bleiben  mürben,  melcßeg  leßtere  juer= 
örteren  aber  ßier  nicßt  ber  £)rt  ift. 

2)  bemeifet  bie  Erfaßrung  biefe  Ungulänglidffeit  ber  501onbeganjie= 
ßung  pr  merflicßen  SSeränberung  ber  Suftfcßmere.  £Denn  fte  müßte  ftcß 

25  mie  bie  Ebbe  unb  $lutß  in  24  Stunben  gmeintal  am  ^Barometer  geigen; 
mooon  aber  nicßt  bie  minbefte  (Spur  maßrgenommen  mirb*)« 

*)  SJtan  muß  fid)  nur  richtige  SSegriffe  Bon  ber  Sirlung  ber  Slngießuugert 
beg  Sonbeg  unb  ber  Sonne  macßen,  fofern  fie  unmittelbaren  ©influß  auf  ben 
SBarometerftanb  ßaben  mögen.  Senn  bag  9J?eer  (unb  fo  aucß  bie  9ttmo= 
30  fpßäre)  flutßet,  unb  fo  bie  (Säulen  biefeg  glitffigen  ßößer  toerben:  fo  fieUen  fid) 
SERancEje  oor,  bag  ©eroicßt  berfelben  (fo  mie  ber  2)rud  ber  Suft  aufg  ^Barometer) 
muffe  nacß  ber  SEjeorte  gröber  (mitßin  ber  33arometerftanb  ßößer)  merben;  aber 
el  ift  gerabe  umgefeßrt.  5)ie  Säulen  ft  eigen  nur  barum,  meit  fie  burd)  bie 
äubere  Slngießung  leicßter  merben;  ba  fie  nun  im  offenen  3J?eere  nientalg  ^eit 
35  genug  befommen  bie  gange  £öße  gu  erreiißen,  bie  fie  oermöge  jener  Eingießungen 
anneßmen  mürben,  menn  SEftonb  unb  Sonne  in  ber  Stellung  ißreg  größten  Bereinigten 
(Sinfluffeg  fteßen  bleiben:  fo  mub  an  bem  Orte  ber  gröbten  glutß  ber  $rud  beg 
SDleereg  (unb  fo  aucß  ber  $>rud  ber  Suft  aufg  Barometer)  Heiner,  mitßin  aucß  ber 


320  ©troasS  übet  ben  ©influfj  bed  SJtonbed  auf  bie  Sßitterung. 

B.  ©er  ©egenfah:  „©er  fUtonb  hat  gleichmohl  einen  (tf)eil§  am  Ba= 
rometerbemer!lid)ett,  t'tjetlä  fonft  ftctjtbaren)  (Sinflufs  auf  bte  SBitterung."  — 

©ie  SBitterung  (temperies  aeris)  enthält  ^toet  ©tücfe:  Sßtnb  unb  2B etter. 
©a§  ledere  ift  entmeber  blofi  ftdjtbar:  al§  geller,  tt)eil§  reiner  tf)eil§  mit 
Sßolfen  beftreueter  tJ)eil§  bezogener  pimmel;  über  and)  fühlbar:  !alt  ober  5 
marm,  feud)t  ober  troden,  im  ©inathmen  erfrifdbjenb  ober  beflemmenb. 
©enfelben  SBinb  begleitet  nid)t  immer,  bod)  oft  bie  nctmlid)e  Sßitterung; 
ob  eine  locale,  bie  ßuftmifd)ung  unb  mit  il)r  bie  Sßitterung  abanbernbe 
Urfadje  einen  gemiffen  2Bittb,  ober  biefer  bie  SBitterung  herbeiführe,  ift 
nicJ)t  immer  au§^uma(^en:  unb  mit  bemfelben  Barometerftanbe,  menn  er  10 
and)  mit  ber  fJflonbgfteUung  nach  einer  gemiffen  Siegel  in  Harmonie  märe, 
fann  boef)  oerfd)iebene§  Sßetter  oerbunben  fein.  —  Snbefj,  menn  ber  2ßinb= 
med)fel  fid)  nad)  bem  fDionbmedjfel  fomoljl  für  ftd),  al§  am d)  in  Berbitibung 
mit  bem  2Bed)fel  ber  oier  3ahr§j$eiten  richtet,  fo  hat  ber  2ftortb  bod)  (birect 
ober  inbirect)  Einfluß  auf  bie  SBitterung:  menn  ftd)  gleict)  nad)  if)m  15 
ba§  2B etter  nid)t  beftimmen  läjjt,  mithin  bie  auSgefunbenen  Regeln 
mehr  bem  Seemann  als  bem  Sanbmann  brauchbar  fein  füllten.  — 
geigen  ftd)  aber  gu  biefer  Behauptung  menigftenS  vorläufig  f)inreid)enbe 
Analogien,  meldje,  menn  fie  gleid)  nid)taftronomifd)  berechneten  ^alenber= 
gefefjen  gleid)  fommen,  bod)  als  Siegeln,  um  auf  jene  bei  fünftigen  mete=  20 
orologifchen  Beobachtungen  fftüdftd)t  ju  nehmen,  Slufmerffamfeit  oer= 
bienen.  Slamlid): 

1)  Bur  Bert  beS  neuen  £idjt§  bemerft  man  faft  allemal  menigfteneS  Be» 
ftrebungen  ber  2Xtrnofpb)are,  bie  ffttdjtung  be§  SBinbeS  juoeränbern, 
bie  bahin  au§fd)lagen,  bah  er  entmeber  nach  einigem  pin=  unb  per=  25 

Barometerftanb  niebriger,  jur  ©bbejeit  aber  t)ö^er  fein.  —  Sofern  ftimmen  alfo 
bte  Regeln  bed  Soalbo  gar  toot)I  mit  ber  Sdjeorie  jufatnmen:  bafj  nämlid)  bad 
Barometer  in  ben  Späpgien  im  gatten,  in  bett  öuabraturen  aber  im  Steigen  fei: 
roenn  bie  letjtere  ed  nur  begreiflid)  tnadjen  tonnte,  mie  bie  2lti3iet)ungen  jener  .ftimnteld* 
törper  überhaupt  auf  ben  Barometerftanb  mertlidjen  ©influfs  haben  tonnen.  3u 

Sßad  aber  ben  attfjerorbenüid)  t)ot)en  Staub  ber  See  in  fBle  er  engen  unb 
langen  Bufen,  oornehmlid)  jur  Beit  ber  Springflut!)  betrifft,  fo  foinmt  biefer  bei 
unfrer  Aufgabe  gar  nicht  in  SlnfcEjlag :  roeil  er  nid)t  unmittelbar  unb  tjpbrofta» 
tifd)  oon  ber  Slngieljung,  fottbern  nur  mittelbar  burd)  eine  oon  jener  Beränberuug 
Ijerrütjrenbe  Strontberoeguitg,  alfo  hhbraulifcf),  bemirft  roirb;  unb  fo  mag  35 
ed  auh  mot)l  mit  ben  Sßinben  befdjaffen  fein,  menn  fie,  burd)  jette  ülttgieljung  in 
Bemegung  gefegt,  burd)  Borgebirge,  Seeftrafjen  unb  ihnen  allein  offen  bleibenbe 
(Singen  in  einem  Snfelmeer  31t  fireidjen  genbtl)igt  merben. 


Sttt>a3  über  ben  ©influfs  beä  SRonbeä  auf  bie  SBitterung. 


B21 


manfen  fid)  lieber  in  feine  alte  ©teile  begiebt,  ober  (wenn  er  t>or= 
nel)mlid)  ben  ©ompah  in  ber  9tid)tung  ber  täglichen  Sonnenbeme* 
gung  ganz  ober  zum  Stjeil  burcpgelaufen  t>at)  eine  Stelle  einnimmt, 
in  meldjer  er  ben  5Ronat  l)inburdt)  herrfd)enb  bleibt. 

2)  Pierteljährig,  jur  Seit  ber  Solftitien  unb  Aquinoctien  unb  beS 
auf  fie  zunäd)ft  folgenben  Aeulid)tS,  mirb  biefe  Peftrebung  noct) 
beutlict)er  mahrgenommen;  unb  melier  SBinb  nad)  bemfelben  bie 
erften  jmei  bis  brei  2Bod)en  bie  Dberljanb  t)at,  ber  pflegt  aud)  baS 
ganze  Quartal  fyittburd)  ber  herrfdjenbe  zu  fein. 

Stuf  biefe  Regeln  fdjeinen  aud)  bie  SBetteroorperfagungen  im  Ra-- 
lenber  feit  einiger  3eit  9tücffid)t  genommen  zu  haben.  £)enn  mie  ber  ge* 
meine  Ptann  felbft  bemerft  haben  mill,  fie  treffen  jetzt  bod)  beffer  ein,  noie 
oor  biefem:  oermuthlid)  meil  bie  SSerfaffer  beffelben  jetzt  aud)  ben  £oalbo 
hierbei  zu  Btat^e  jie^en  mögen.  So  mar  eS  am  (Snbe  bod)  mol)l  gut,  bah 
ber  Anfdjlag,  ^alenber  oljne  Aberglauben  (eben  fo  menig  mie  ber 
rafdje  ©ntfd)luh  eines  SBilliamS,  öffentlichen  PeligionSoortrag  ohne 
Pibel)  in  ©ang  zu  bringen,  feinen  ©rfolg  hatte.  2)enn  nun  mirb  ber  33er= 
faffer  jenes  PolfSbucbS,  um  ber  £eid)tgläubigfeit  beS  Polfs  nicht  bis  zu 
beffen  gänzlichem  Unglauben  unb  barauS  folgenbem  SSerluft  feines  zum 
häufigen  Abfaiz  nöthigen  ©rebitS  zu  mifzbrauchen,  genötigt,  ben  bisher 
aufgefunbenen  obgleich)  nod)  nicht  oölUg  gefieberten  Regeln  ber  ^Bitterungen 
nachzugehen,  ihnen  allmählich  mehr  Peftimmung  zu  t»erfd)affen  unb  fie 
ber  ©emifeheit  einer  Erfahrung  menigftenS  näher  zu  bringen:  fo  bah  bas 
üorher  aus  Aberglauben  blinblingS  Angenommene  enblid)  mohl  in  einen 
nicht  bloh  oernünftigen,  fonbern  felbft  über  bie®rünbeoernünfteln* 
ben  ©lauben  übergehen  fann.  —  3)aher  mag  ben  3eid)en:  ®ut  pflan* 
Z en ,  ©u  t  Pauholz  fällen,  ihr  Plajz  im Äalenber  noch  immer  bleiben, 
meil,  ob  bem  P?onbe,  mie  auf  baS  Peid)  ber  organifirten  Aatur  überhaupt, 
fo  inSbefonbere  aufs  Pflanzenreich  nicht  mirflid)  ein  merflicher  ©influjz 
Zuftehe,  fo  ausgemacht  noch  nicht  ift,  unb  philofophifche  ©arten*  unb 
^orftfunbige  baburch  aufgeforbert  rcerben,  auch  biefem  Pebi'trfnih  beS 
PublicumS  mo  möglich  ©enüge  zu  tpun.  Aur  bie  3eict)en,  bie  ben  ge* 
meinen  2J?ann  zur  Pfufd)erei  an  feiner  ©efunbheit  oerleiten  fönnen, 
müfeten  ohne  Perfd)onen  meggetaffen  merben. 

£ier  ift  nun  gtüifdjen  ber  Theorie ,  bie  bem  Ptonbe  ein  Permögen 
abfprid)t,  unb  ber  Erfahrung,  bie  es  ihm  zufpridjt,  ein  Sßiberftreit. 


Jfatit’ä  ©c&rifte«.  Cffietfe.  VIII. 


21 


322 


fötlDCiS  über  ben  ©ittfluh  be<§  Sftonbeä  auf  bie  Witterung. 


Ausgleichung  btefeS  SßiberftreitS. 

©ie  Ansehung  beS  2Ronbe§,  atfo  bie  einzige  bewegenbe  flraft  bej= 
felben,  woburd)  er  auf  bie  Atmofpl)äre  unb  allenfalls  aud)  auf  SSBitterungen 
©tnflufc  haben  fann,  wirft  birect  auf  bie  ßuft  nad)  ftatif d) en  ©efefcen, 
b.  t. foferrt  biefe  eine  wägbare  ßflüfftgfeit  ift.  Aber  hteburd)  ift  ber  DJfonb 
üiel  ju  unoermögenb,  eine  merflid^e  SSeränberung  am  fBarometerftanbe 
unb,  fofern  bie  Witterung  oon  ber  Urfad>e  beffelben  unmittelbar  ab» 
hängt,  aud)  an  biefer  ju  bewirfen;  mithin  foüte  (nad)  A)  er  fofern  feinen 
(Sinflufc  auf  Witterung  haben.  —  Sßenn  man  aber  eine  weit  über  bie 
#öhe  ber  wägbaren  ßuft  fich  erftredenbe  (eben  baburd)  auch  ber  35er» 
änberung  burd)  ftärfere  TOonbeSanjiehung  beffer  auSgefehte),  bie  Atmo» 
fphäre  bebecfenbe  imponberable  Materie  (ober  Materien)  annimmt,  bie, 
burd)  bes  «KonbeS  Ansehung  bewegt  unb  baburch  mit  ber  untern  ßuft 
ju  oerfd)iebnen  Seiten  oermifcht  ober  oon  %  getrennt,  burd)  Affinität 
mit  ber  ledern  (alfo  nicht  burd)  ihr  ©ewicht)  bie  ©lafticität  berfelben  theilS 
ju  oerftärfen,  theilS  §u  fchwäd)en  unb  fo  mittelbar  (nämlid)  im  elfteren 
galt  burd)  ben  bewirften  Abflufc  ber  gehobenen  ßuftfäulen,  im  ^weiten 
burd)  ben  Suflufe  ber  ßuft  §u  ben  erniebrigten)  ihr  ®ewid)t  ju  üeränbern 
oermag*):  fo  wirb  man  eS  möglich  finben,  bafe  ber  5Konb  inbirect  auf 


*)  2)tefe  ©rflcirung  geht  3War  eigentlich  nur  auf  bie  Sorrefponbenj  ber  SSBitte« 
rung  mit  bem  »arometerftanbe  (alfo  auf  Ä);  unb  eS  bleibt  noch  übrig,  bie  ber 
sffiinbe  mit  ben  DRonb^afpecten  unb  ben  Sahre^eiten  (nach  B)  bei  allerlei  Sßetter* 
unb  «öarometerftanbe  au§  bemfelben  Sßrincip  au  erflären  (wobei  immer  wohl  3» 
merfen  ift,  bah  fchled)terbing3  nur  oom  ©influh  beS  DRonbeS  unb  allenfalls  auch 
bem  Diel  Heineren  ber  (Sonne,  aber  nur  burd)  ihre  Ai^ieljung,  nicht  burd)  bie 
Söärme  bie  Diebe  fei).  $a  ift  nun  befremblid),  bah  ber  SRonb  in  ben  genannten 
aftronomifdjen  fünften  über  öerfdjiebene,  hoch  in  einerlei  Sreite  belegene  Sauber 
SBinb  unb  SBetter  auf  oerfchiebne  Art  fteUt  unb  oorherbeftimmt.  2Beil  aber  üerfd)ie= 
bene  Sage,  ja  äöodjen  311  geftftellung  unb  Veftimmung  beS  herrfchenben  SöinbeS 
erforbert  werben,  in  weld)er  Seit  bie  SBirfungen  ber  5RonbeSan3iet)ung  auf  bad 
©ewid)t  ber  Suft,  mithin  aufS  Sarometer  einanber  aufheben  mühten  unb  alfo 
leine  befiimmte  3Rid)tung  beffelben  herüorbringen  lonnen:  fo  fann  ich  mir  jene 
©rfcheittung  nicht  anberS  auf  einige  Art  begreiflich  machen,  als  bah  ich  mir  Diele 
auher  unb  neben  einanber,  ober  auch  innerhalb  einanber  (fid)  einfäjliehenbe)  freiS«  ober 
wirbelfbrmige,  burd)  beS  DRonbeS  Ansiebung  bewirfte,  ben  äöafferbofen  analogifdje 
Bewegungen  Jener  über  bie  Atmofpbäre  bmauSreid)enben  imponberablen  DRaterie 
benfe:  welche  nach  Verfd)iebenf)eit  beS  Bo  ben  S  (ber  ©ebirge,  ber  ©ew&ffer,  felbft  ber 
Vegetation  auf  bemfelben)  unb  beffeu  chemifcher  ©egenwirfung  ben  ©influh  berfelben 


(Stiua3  über  ben  ©infXuB  be3  StonbeS  auf  bie  Sitterung.  323 

Verdnberwtg  ber  Söitterung  (nad)  B),  aber  eigentlich  nach  djemifdjen 
©efe^en  ©influfs  hdben  tonne.  —  3tr)if(d)en  bem  (Sah  aber:  ber  Vfotib  hat 
birect  feinen  ©influh  auf  bie  SBitterung,  uttb  bem  ©egenfa|:  er  hat 
in  bi  re  et  einen  ©influh  auf  biefelbe,  —  ift  fein  SBiberfprud). 

5  £iefe  imponberable  Materie  mirb  oieüeid)t  aud)  als  inco|ercibet 
(unfperrbar)  angenommen  merben  muffen,  bas  ift  als  eine  folche,  bie  oon 
anbern  2Raterien  nicht  anber§  al§  baburd),  bah  fte  mit  ihnen  in  chemifcher 
Vermanbtfd)aft  fteht  (begleichen  smifchen  ber  magnetifchen  unb  bem  aUei= 
nigen  (Sifen  Statt  finbet),  gefperrt  merben  fann,  burct)  alle  übrigen 
10  aber  frei  hinburcf)  mirft:  menn  man  bie  ©emeinfd)aft  ber  Suft  ber 
höheren  (fooialifchen),  über  bie  Legion  ber  23U|e  hinaus  liegenben 
Legionen  mit  ber  unterirbifchen  (üulfanifdjen),  tief  unter  ben  ©ebirgen 
befinblichen,  bie  fich  in  manchen  Meteoren  nicht  unbeutlich  offenbart,  in 
©rmägung  §ieb)t.  Vielleicht  gehört  baf)in  auch  bie  £uftbefd)affenheit, 
15  meld)e  einige  Äranffjeiten  in  gemiffen  Säubern  gu  gemiffer  ßeit  ep i  b e= 
mifh  (eigentlich  graffirenb)  macht,  unb  bie  ihren  ©influfs  nicht  btoff  auf 
ein  Volt  oon  2Renfd)en,  fonbern  auch  ein  Volf  oon  gemiffen  Wirten  oon 
gieren  ober  ©emächfen  bemeifet,  beren  SebenSprincip  £r.  £)r.  Schaffer 
in  3tegen§burg  in  feiner  fcharffmniger.  Schrift  über  bie  Senf ib ilität 
20  nicht  in  ihnen,  fonbern  in  einer  fie  burchbringenben,  jener  analogifhen 
dufferen  Materie  fe|t. 


*  * 

* 

2)tefe§  ,,©tma§"  ift  alfo  nur  flein  unb  mol)l  menig  mehr,  al§  ba§ 
©eftänbnih  ber  Unmiffenheit:  melche§  aber,  feitbem  un§  ein  be  2uc  be= 
miefen  hat,  bah  wir,  ma§  eine  Sßolfe  unb  mie  fie  möglich  fei,  (eine  Sache, 
25  bie  oor  20  fahren  finberleicht  mar)  gar  nicht  einfehen,  nicht  mehr  fonber= 
lieh  auffallen  unb  befremben  fann.  ©et)t  e§  un§  bod)  f)iemit  eben  fo,  mie 
mit  bem  Äated)i§m,  ben  mir  in  nnfrer  ^inbheit  auf  ein  fpaar  inne  hatten 
unb  §u  oerftehen  glaubten,  ben  mir  aber,  je  alter  unb  überlegenber  mir 
merben,  befto  meniger  oerftehen  unb  beSljalb  noch  einmal  in  bie  Schule 
30  gemiefen  ju  merben  mohl  oerbienten:  menn  mir  nur  B;emanben  (aufser 
un§  felbft)  auffinben  fönnten,  ber  ihn  beffer  oerftänbe. 

auf  bie  2ttmofnt)äre  itt  bemfelben  ^aratteljirfel  Derfdjieben  machen  fönnen.  SXber 
tjier  üerläfjt  unä  bie  @rfat)rung  gu  fetjr,  um  mit  erträgtidjer  2Bat)rfd)eintid)feit 
aud)  nur  ju  meinen. 


21* 


324  (Sttnog  über  ben  (Stnflufj  be3  üötonbe^  auf  bie  SBitterung. 

2£enn  aber  £r.  be  Suc  üon  feiner  SBolfe  if>re  fXeifetgere  23eob* 
ad)tung  tonnt  uns  nod)  bereinft  mistige  3Iuffd)lüffe  in  ber  Gfjemie  oer* 
fd)affen:  fo  ift  baran  rooX)l  nid)t  ju  benfen,  fonbern  biefe§  roarb  üermutf)= 
lief)  ben  2lntipf)logiftifern  nur  fo  in  ben  2Beg  gemorfen.  25enn  bie  $abrit 
berfelben  liegt  mof)l  in  einer  Legion,  mof)in  mir  nid)t  gelangen  fonnen,  5 
um  bafelbft  ©rperimente  ju  machen;  unb  man  fann  oernünftigermeife 
oiel  el)er  ermarten,  baff  bie  (S^emte  für  bie  ÜReteorologie,  als  baf)  bieje 
für  jene  neue  2luffd)lüffe  oerfcfyaffen  merbe. 


pas 

cSnöe  aff  er  piiuje. 


©3  ift  ein  oornehmlid)  in  ber  frommen  @prad)e  üblicher  2lu3brucf, 
einen  fterbenben  9J?enfchen  fpredjen  *u  laffen :  er  get)e  au 3  ber  B^it  in 
b te  ©migfeit. 

£>iefer  SluSbrucf  mürbe  in  ber  2t)at  nichts  fagen,  menn  t)ier  unter 
ber  ©migfeit  eine  in3  Unenblicfje  fortge^enbe  ßeit  oerftanben  merbeu 
fotlte;  benn  ba  fäme  ja  ber  'DJfenfch  nie  au3  ber  Seit  heraus,  fonbern 
ginge  nur  immer  au3  einer  in  bie  anbre  fort.  2llfo  muff  bamit  ein  ©ube 
aller  Seit  bei  ununterbrochener  ^-ortbauer  be3  2Renfchen,  biefe  2)auer 
aber  (fein  ©afein  al3  ©rohe  betrachtet)  bocf)  auch  al3  eine  mit  ber  Beit 
gan^  unvergleichbare  ©röffe  (duratio  Noumenon)  gemeint  fein,  üon  ber 
mir  un3  freilich  feinen  (a!3  blofe  negativen)  begriff  machen  fönnen.  ©iefer 
©ebanfe  hat  etma3  ©raufenbeS  in  fi<h :  weil  er  gleichfam  an  bentRanb 
eine3  IbgrunbS  führt,  au3  melchem  für  ben,  ber  barin  berfinft,  feine 
2Bieberfef)r  möglich  ift  („3hn  aber  hält  am  ernften  Drte,  2)er  nichts  jm 
„rücfe  läfet,  SDie  ©migfeit  mit  ftarfen  Slrmen  feft."  Malier);  unb  bod) 
auch  etmaS  ÜltgiehenbeS:  benn  man  fann  nicht  aufhören,  fein  prücfge= 
fd)recfte3  2luge  immer  mieberum  barauf  §u  menben  (nequeunt  expleri 
corda  taendo.  Virgil.).  ©r  ift  furd)tbar=er haben :  jum  &heil  wegen 
feiner  ©unfelheit,  in  ber  bie  ©inbilbungSfraft  mächtiger  als  beim  hellen 
2id)t  ju  wirfen  pflegt,  ©nblid)  muff  er  hoch  auch  mit  ber  allgemeinen 
füfenfhenoernunft  auf  wunberfame  Sßeife  oermebt  fein:  weil  er  unter  allen 
oernünftelnben  Golfern,  ju  aUen  Seiten,  auf  eine  ober  anbre  2lrt  einge* 
fleibet,  angetroffen  wirb.  —  Snbeui  wir  nun  ben  Übergang  aus  ber  Seit  in 
bie  ©migfeit  (biefe  3bee  mag,  theoretifh,  als  ©rfenntnih=©rweiterung,  be« 
trachtet,  obfectioe  Realität  haben  ober  nicht),  fo  mie  il)n  ftd)  bie  Vernunft 
in  moralifher  fftücffid)t  felbft  macht,  »erfolgen,  flogen  wir  auf  bas  ©nbe 
aller  2)  in  ge  als  ßeitmefen  unb  als  ©egenftänbe  möglicher  (Erfahrung: 
melcheS  ©nbe  aber  in  ber  moralifcheu  Drbnung  ber  Swecfe  zugleich  ber  Sin- 
fang  einer  f$mrtbauer  eben  biefer  als  überfinnlicher,  folglich  nicht  unter 
Seitbebingungen  ftehenber  2öefen  ift,  bie  alfo  unb  bereu  Suftanb  feiner 
anbern  als  moralifcher  tBeftimmung  ihrer  23efd)affenheit  fähig  fein  wirb. 


328 


®a§  (Snbe  aller  2>ittge. 


Sage  ftttb  gleichfatn  hinter  ber  Beit,  weil  ber  folgenbe  Jag  mit 
bem,  wag  er  enthalt,  bag  Ergeugnip  beg  oorigen  ift.  2Bie  nun  bag  letzte 
Äinb  feiner  (SItern  jüngfteg  $inb  genannt  wirb:  fo  hat  unfre  Sprache 
beliebt,  ben  lebten  Sag  (ben  ßeitpunft,  ber  alle  Bett  befcpltept)  ben  jüng* 
ft en  Sag  gu  nennen,  ©er  jüngfteSag  gehört  alfo  annod)  gur  Beit;-benn 
e§  gef  d)ief)t  an  ihm  noch  irgenb  Etwag  (nicht  gur  Ewigfeit,  wo  nid)tg 
mehr  gefd)ief)t,  weil  bagBeitfortfepung  fein  Wörbe,  ©epörigeg):  nämlich  2lb= 
legung  ber  Sftedjnung  ber  ÜRenfcpen  oon  ihrem  Verhalten  in  tf)rer  ganzen 
Sebenggeit.  Er  ift  ein  Gerichtstag;  bag  Vegnabigungg*  ober  Verbam= 
munggsUrtljeil  beg  Sßeltrichterg  ift  alfo  bag  eigentliche  Enbe  aller  ©inge 
in  ber  Beit  nnb  zugleich  ber  Anfang  ber  (feligen  ober  unfeligen)  Ewigfeit, 
in  welcher  bag  Bebem  gugefallne  Soog  fo  bleibt,  wie  eg  in  bem  ülugenblicf 
beg  3lugfpruch§  (ber  ©enteng)  ihm  gu  Sheil  warb.  Sllfo  enthält  ber 
füngfte  Sag  auch  bag  föngfte  ©ericpt  zugleich  in  fid).  —  SBenn  nun 
gu  ben  Iepten©ingen  noch  bag  Enbe  ber 2ßelt,  fo  wie  fte  in  ihrer  jepigen 
©eftalt  erfcheint,  nämlich  bag  Abfallen  ber  ©terne  Dom  fSttnmel  alg  einem 
©ewölbe,  ber  Einfturg  biefeg  ^immelg  felbft  (ober  bag  Entweichen  bef* 
felben  alg  eineg  eingewicfelten  Vud)g),  bag  Verbrennen  beiber,  bie 
©chöpfung  eineg  neuen  £immelg  unb  einer  neuen  Erbe  gum  ©ip  ber 
©eligen  unb  ber  fpölle  gu  bem  ber  Verbanunten,  gewählt  werben  fotlten: 
fo  würbe  jener  ©ericptgtag  freilich  nicht  ber  füngfte  Sag  fein;  fonberti  eg 
würben  noch  oerfcpiebne  anbre  auf  ihn  folgen.  Sillein  ba  bie  Bbee  eineg 
Enbeg  aller  ©inge  tpren  Urfprung  ni<±)t  Don  bem  Vernünfteln  über  ben 
Phhfifd)en,  fonbern  über  ben  moralifchen  Sauf  ber  ©inge  in  ber  2ßelt 
hernimmt  unb  baburd)  allein  Deranlapt  wirb;  ber  leptere  auch  allein  auf 
bagliberfinnliche  (weicheg  nur  am  Vtoralifcpen  üerftänblid)  ift),  bergleidben 
bie  (sbee  ber  Ewigfeit  ift,  bezogen  werben  fann:  fo  tnup  bie  Vorfteüung 
jener  lepten  ©inge,  bie  nad)  bem  jüngften  Sage  fomtnen  foden,  nur  alg 
eine  Verftnnlidjung  beg  leptern  fammt  feinen  moralifd)en,  ung  übrigeng 
nicht  theoretifd)  begreiflid)en  folgen  angefehen  werben. 

Eg  ift  aber  angumerfen,  bap  eg  oon  ben  älteften  Beiten  per  gwei  bie 
fünftige  Ewigfeit  betreffenbe  ©pftetne  gegeben  hat:  eineg  bag  ber  Uni= 
tarier  berfelbetr,  welche  allen  Vtenfcpen  (burd)  mehr  ober  weniger  lauge 
Vüpungen  gereinigt)  bie  ewige  ©eligfeit,  bag  anbre  bag  ber  ©  u  a  l  i  ft  e  n  *), 


5 

10 

15 

20 

25 

30 


*)  ©in  foldfeg  ©Aftern  mar  in  ber  altperfifctjen  Religion  (beg  .goroafter)  auf 
ber  93oraugfe|ung  grneier  im  emigen  stampf  mit  einanber  begriffenen  ttrroefeu, 


35 


®a§  ©nbe  aller  Singe. 


329 


meld)e  einigen  StuSermählten  bie  ©eligfeit,  allen  übrigen  aber  bie 
einige  SBerbammnifj  ^ufpredhen.  $>enn  ein  ©pftem,  mornad)  Sitte  oer* 
bammt  ju  fein  beftimmt  mären,  fonnte  mohl  nicht  $lah  ftnben,  toetl 
fonft  fein  rec^tfertigenber  ©rutib  ba  märe,  marum  fie  überhaupt  mären  er* 
5  fchaffen  morben;  bie  23er  nid)  tu  ng  Sitter  aber  eine  perfekte  2BeiSl)eit  am 
jeigen  mürbe,  bie,  mit  ihrem  eignen  SBerf  nnjnfrieben,  fein  anber  Mittel 
mei§,  ben  Mängeln  beffelben  abjulfelfen,  als  eS  511  gerftören.  —  SDen  <Dtt= 
aliften  ftefft  inbeb  immer  eben  biefelbe  ©d)mierigfeit,  meldfe  fjinberte  fid) 
eine  emige  23erbammung  aüer  ju  benfen,  im  Sßege:  benn  moju,  fonnte 
10  man  fragen,  maren  auch  bie  SBenigen,  marum  aud)  nur  ein  (Sinniger  ge= 
fdEjaffen,  menn  er  nur  bafein  fottte,  um  emig  oermorfen  ju  merben?  meld)eS 
bod)  ärger  ift  als  gar  nicht  fein. 

ßmar,  fomeit  mir  eS  einfetjen,  fomeit  mir  uns  felbft  erforfd)en  fönnen, 
bat  baS  bualiftifd)e  ©pftern  (aber  nur  unter  einem  t)öd) ftguten  Urmefen) 
is  in  praftifd)er  2tt>fid)t  für  feben  9D?enfchett,  mie  er  fic^  felbft  ju  richten  bat 
(obgleich  nicht,  mie  er  ttnbre  ju  ridjten  befugt  ift),  einen  übermiegenben 
®runb  in  ficf) :  benn  fo  Diel  er  ftd)  fennt,  läbt  il)m  bie  Vernunft  feine 
anbre  Sluöftdht  in  bie  (Smigfeit  übrig,  als  bie  ihm  aus  feinem  bisher  ge= 
führten  SebenSmanbel  fein  eignes  ©emiffen  am  Günbe  beS  Sehens  eröffnet. 
2u  Slber  jum  2)ogma,  mithin  um  einen  an  fid)  felbft  (obfectio)  gültigen, 
theoretifdhen  ©ab  barauS  ju  machen,  baju  ift  es  als  blofceS  23ernunftur= 
theil  bei  meüem  nicht  hinreidjenb.  ®enn  meld)er  fDienfd)  fennt  fidh  felbft, 
mer  fennt  Slnbre  fo  burcl)  unb  burd),  um  ju  entfcheiben:  ob,  menn  er  Don 
ben  Urfachen  feines  oermeintlid)  molflgeführten  SebenSmanbelS  alles,  maS 
25  man  23erbienft  beS  ©lücfs  nennt,  als  fein  angeborneS  gutartiges  £empe= 
rament,  bie  natürliche  gröbere  ©tärfe  feiner  obern  Kräfte  (beS  23erftanbeS 
unb  ber  Vernunft,  um  feine  Sriebe  ju  jähmen),  überbem  auch  nod)  bie 

bem  guten  ißrincip,  Drmugb,  unb  bem  böfen,  Sltjriman,  gegrünbet.  —  ©onber« 
bar  ift  e§:  bafj  bie  Spraye  jweier  weit  oon  einanber,  nod)  weiter  aber  oon  bem 
30  feigen  ©iij  ber  beutfcbjen  Sprache  entfernten  San  ber  in  ber  Benennung  biefer 
beiben  Urwefen  beutfd)  ift.  3<h  erinnere  mid)  bei  ©onnerat  getefen  ju  haben, 
ba§  in  Üttia  (bem  öanbe  ber  Surathwanen)  bad  gute  ißrincip  ©obeman  (welches» 
SBort  in  bem  9tamen  Darius  Codomannus  and)  ju  liegen  fcfjeint)  genannt  werbe; 
unb  ba  basi  Sßort  Sttjriman  mit  bem  arge  SOtann  fefjr  gleich  lautet,  bad  fe^ige 
35  iJJerfifdje  auch  eine  fDtenge  urfprünglid)  beutfcper  Sßörter  enthält:  fo  mag  ed  eine 
Aufgabe  für  ben  3llterthum3forfd)er  fein,  auch  an  bem  Ceitfabeu  ber  ©prachöer» 
wanbtfdjaft  bem  ltrfprunge  ber  je^igen  9t eligiond begriffe  mancher  23ölfer  nach* 
jugehn  (fKan  f.  ©onnerat’3  9teife,  4.  23ud),  2.  jfap.,  2.  33.). 


330 


2)a8  (Silbe  aller  ©iitge. 


Gelegenheit,  tr»o  ihm  bei  3ufalt  glüdliherweife  üiele  Verfügungen  er- 
fparte,  bie  einen  SInbern  trafen;  wenn  er  bieS  SldeS  non  feinem  trtirflicfjen 
Gljarafter  abfonberte  (wie  er  baS  benn,  um  biefen  gehörig  p  tnftrbtgen, 
nothmenbig  abrechnen  muh,  weil  er  eS  als  GlücfSgefhenf  feinem  eignen 
Verbienft  nicht  pfdjreiben  tann);  wer  will  bann  entfdjeiben,  fage  ich,  ob  5 
nor  bem  aüfeljenben  Singe  eines  2ßeltrid)terS  ein  2JZenf<h  feinem  innern 
moralifchen  SBertlje  nach  überall  noch  irgenb  einen  Vorzug  nor  bem  anbern 
habe,  unb  eS  fo  nielleid)t  nicht  ein  ungereimter  Gigenbünlel  fein  biirfte, 
bei  biefer  oberflächlichen  ©elbfterfenntnih  p  feinem  Vortheil  über  ben 
moralifchen  SBertl)  (unb  baS  nerbiente  ©chicffal)  feiner  felbft  fowohl  als  n> 
Slnberer  irgenb  ein  Urtfjeil  p  fpredjen?  —  Mithin  fcheint  baS  @pftem 
beS  Unitarierö  fotnohl  als  beS  3)ualiften,  beibes  als  £Dogtna  betrachtet, 
baS  fpeculatiöe  Vermögen  ber  menfchlicheit  Vernunft  gänjlid)  p  über= 
fteigen  unb  SMeS  uns  bahin  prücfpführen,  jene  Vernunftibeen  fct)lect)ter= 
bingS  nur  auf  bie  Vebingungen  beS  praftifdjeu  Gebrauchs  einpfchränfen.  « 
ÜDenn  mir  fehen  hoch  nichts  nor  uns,  baS  uttS  non  unferm  ©dficffal  in  einer 
fünftigen  Sßelt  jetjt  fchon  belehren  fönnte,  als  baS  llrtheil  unferS  eignen 
GemifferiS,  b.  i.  maS  unfer  gegenwärtiger  moralifcher  ßuftanb,  fo  weit 
wir  ihn  fennen,  uns  barüber  neruünftigermeife  urtheilen  läfjt:  bah  näm= 
lid),  welche  Vrincipien  unferS  ßebenSWanbelS  wir  bis  p  beffen  Gnbe  in  20 
uns  herrfchenb  gefunben  haben  (fie  feien  bie  beS  Guten  ober  beS  Vöfen), 
aud)  nach  bem  3üobe  fortfahren  werben  eS  p  fein;  ohne  bah  wir  eine  2lb= 
änberung  berfelben  in  jener  ßufunft  anpnehmen  ben  minbeften  Gntnb 
haben.  Mithin  mühten  wir  uns  au<h  ber  jenem  Verbienfte  ober  biefer 
@d)ulb  angemeffenen  folgen  unter  ber  £>errfd)aft  beS  guten  ober  beS  25 
böfeu  VrincipS  für  bie  Gwigfeit  gewärtigen;  in  welcher  3?ücffid)t  eS  folg= 
lid)  weife  ift,  fo  p  hanbeln,  als  ob  ein  anbreS  ßeben  unb  ber  moralifhe 
ßuftanb,  mit  bem  wir  baS  gegenwärtige  etibigen,  fammt  feinen  ^otgeit 
beim  Gintritt  in  baffelbe  unabänberlih  fei.  Sn  praftifher  2lbfrd)t  wirb 
alfo  baS  anpnehmenbe  @hftetn  baS  bualiftifhe  fein  tnüffen;  ohne  boh  30 
auSmahen  p  wollen,  Weihes  oon  beiben  in  theoretifher  unb  bloh  fpecula= 
tioer  ben  Vorpg  üerbieite:  pmal  ba  baS  unitarifhe  p  feljr  in  gleid)gül= 
tige  «Sicherheit  einpmiegen  fcheint. 

2£arunt  erwarten  aber  bie  ÜRenfhen  überhaupt  ein  Gnbe  ber 
2BeIt?  unb,  wenn  biefeS  ihnen  auh  eingeräumt  wirb,  warum  eben  ein  Gnbe  35 
mit  @d)recfen  (für  ben  gröhten  Jljeil  beS  menfdjlihen  Gefhled)t§)?  •  •  • 

Grunb  beS  erftern  fcheint  barin  31t  liegen,  weil  bie  Vernunft  ihnen  fagt, 


Sad  ©nbe  aller  Singe. 


331 


fraß  bie  Sauer  ber  Sßelt  nur  fofern  einen  2\?ertt)  ßat,  als  bie  vernünftigen 
SBefen  in  ißr  betn  ©nfr^med  ißreS  SafeinS  gemäß  ftnfr,  rnenn  biefer  aber 
uid)t  erreicht  raerfren  füllte,  bie  Schöpfung  felbft  it)nen  gmecflüS  ju  fein 
fd)eint:  mie  ein  @d)aufpiel,  bas?  gar  feinen  SluSgang  f)at  unb  feine  üer= 
5  nünftige  2lbßd)t  ^u  erfenneu  giebt.  SaS  leßtere  grünbet  fid)  auf  ber 
Meinung  von  ber  verberbten  SSefdjaffenpeit  beS  menfcßlidfen  ®efd)led)tS*), 
bie  bis  gur  -fpoffnungSloßgfeit  groß  fei;  welkem  ein  ©nbeunfr  jmar  ein 
fdjrecfltdjeS  ©nbe  gu  tnadjen,  bie  einzige  ber  ßödjften  SBeiSßett  unb  ©e= 
red)tigfeit  (bem  größten  Sßeil  ber  fDtenfdjen  nacß)  anftanbige  Maßregel 
10  fei.  —  Saßer  finb  aud)  bie  SSorjeidien  beS  jftngften  SageS  (benn 
wo  läßt  eS  eine  burd)  große  ©rmartungen  erregte  ©inbilbungSfraft  moßl 
an  3eid)en  unb  Söunbern  feßlen?)  alle  von  ber  fcßrecflicßen  2lrt.  ©inige 
fepen  fte  in  ber  rtberpanbnepmenben  Ungerecptigfeit,  Unterbrftcfung  ber 
Slrmen  burd)  übermütpige  @d)metgerei  ber  3teid)en  unb  bem  allgemeinen 

15  *)  3U  alten  3eüen  ^aben  fid)  bünfenbe  SDBeife  (ober  Ißbilofopfjen),  oßne  bie 

Stntage  jum  ©uten  in  ber  menfdjtidjen  fttaiur  einiger  Stlufmerffamfeit  31t  witrbigen, 
fid)  in  wibrtgen,  3um  Stjeil  efellfaften  ©teidjniffen  erfdfopft,  um  untere  ©rbeumelt, 
ben  Stufentpiatt  für  SD?enfd)en,  red)t  üeräd)tlid)  üorsuftetten:  1)  2Ud  ein  28irtl)d* 
£)  a u d  (^araoanferai),  wie  jener  Serroifd)  fie  anfie£)t :  ttio  jeber  auf  feiner  Sehend» 
20  reife  ©infeljrenbe  gefaßt  fein  muß,  üon  einem  folgenben  balb  Derbrängt  3U  merben. 
2)  2ltd  ein  3ud)tf)aud,  weldjer  üfteinung  bie  braf)manifd)en,  tibetanifdjen  unb 
anbre  SBeifen  bed  Drientd  (auch  fogar  5ßIato)  gugettjan  finb :  ein  Ort  ber  3üd)ti= 
gung  unb  Steinigung  gefaüner,  aud  bem  Fimmel  üerftoßner  ©eifter,  jeßt  menfcfp 
lidfer  ober  Sf)ier= Seelen.  3)  3lld  ein  Sott!) and:  wo  nidjt  alleixt  3eber  für  fid) 
25  feine  eignen  Slbfidjten  üernidjtet,  fonbern  ©iner  bem  Slnbern  alled  erbenftidje  Jper3e= 
leib  jufügt  unb  obenein  bie  ©efd)idlid)feit  unb  fB?ad)t  bad  tßun  31t  fönnen  für  bie 
größte  ©tjre  tfält.  ©nblid)  4)  ald  ein  ^toa!,  wo  alter  llnratl)  aud  anberu  Sßetteu 
fjingebannt  worben.  Ser  leidere  ©infall  ift  auf  gewiffe  Strt  originell  unb  einem 
perfifcßen  353i^ting  3U  üerbanfen,  ber  bad  tßarabied,  ben  ftlufentljalt  bed  erfteu 
30  fDtenfdfenpaard,  in  ben  Fimmel  üerfeßte,  in  weldjem  ©arten  Säume  genug,  mit 
tferrlidjen  grüßten  reicfjlid)  üerfeljen,  an3utreffeu  waren,  beren  Überfdjuß  nad)  ißrem 
©enuß  fid)  burd)  unmerflidje  91udbünftung  üerlor;  einen  ein3igen  Saum  mitten 
im  ©arten  audgenommen,  ber  awar  eine  re^enbe,  aber  foldje  grüdjt  trug,  bie  fid) 
nidjt  audfdjwißen  ließ.  Sa  unfre  erften  ©Itern  fid)  nun  getüften  ließen,  ungeachtet 
35  bed  Serbotd  bennod)  baüon  3U  foften:  fo  war,  bamit  fie  ben  fpintmel  nidjt  be= 
fdjmußten,  fein  anbrer  Statt),  ald  baß  einer  ber  ©ngel  itjnen  bie  ©rbe  in  weiter 
$erne  3eigte  mit  ben  Söorten:  „Sad  ift  ber  Abtritt  für  bad  gan3e  Uniüerfum," 
fie  fobann  bafjinfüfjrte,  um  bad  Senöttjigte  3U  üerridjten,  unb  barauf  mit  hinter« 
laffung  berfetben  3um  Fimmel  3urüdftog.  Saüon  fei  nun  bad  menfdjlidje  ©efdjledd 
40  auf  ©rben  entfprungen. 


332 


SaS  6nbe  aller  Singe. 


SSerlnft  non  Sreu  ltnb  ©lauben;  ober  in  ben  an  allen  ©rbenben  fid)  ent* 
pnbenbenblutigen  Kriegen  n.  f.  m.:  mit  einem  SBorte,  an  betn  moralifcpen 
aSerfaCt  unb  ber  fcpnetlen  ßintapute  aller  Safter  fammt  ben  fie  begleitenben 
Übeln,  bergleicpen,  mie  fie  mahnen,  bie  oorige  ßeit  nie  fap.  Slnbre  ba= 
gegen  in  nngemöpnlicpeniftaturoercinberungen,  an  benlSrbbeben,  ©türmen 
unb  Überfcpmemtnnngen,  ober  Kometen  unb  Suft^eicpen. 

3n  ber  Spat  füllen  nicpt  opne  Urfadje  bie  SRenfcpen  bie  Saft  iprer 
(g^-ifteng,  ob  fie  gleich)  felbft  bieUrfacpe  berfelben  ftnb.  Ser  ©runb  baoon 
fdt)eint  mir  hierin  p  liegen.  —  iftatürlicpermeife  eilt  in  ben  Sfortfcpritteu 
be§  menfd)li(pen  ©efcpled)t§  bie  ©ultur  ber  Salente,  ber  ©efcpicflicpfeit 
unb  be§  ©efdpnacfS  (mit  iprer  $olge,  ber  Üppigfeit)  ber  ©ntmicftung  ber 
Moralität  oor;  unb  biefer  ßuftanb  ift  gerabe  ber  läftigfte  unb  gefäprlicpfte 
für  6ittlid)feit  fomopl  al§  pppftfcpeä  2ßot)l:  meil  bie  SSebürfniffe  oiel 
ftärfer  anmacpfett,  al§  bie  Mittel  fie  p  befriebigen.  Slber  bie  fittlicpe  2ln= 
läge  ber  SRenfcppeit,  bie  (mieibora^enS  poena  pede  claudo)  ipr  immer  nacp* 
pinft,  mirb  fte,  bie  in  iprem  eilfertigen  Sauf  fid)  felbft  oerfangt  unb  oft 
ftolpert,  (mie  man  unter  einem  meifen  2£eltregierer  mopl  poffen  barf)  ber* 
einft  überpolen;  unb  fo  füllte  man  felbft  nad)  ben  ©rfaprungSbemeifen  be§ 
23orpg§  ber  6ittlid)feit  in  unfertn  Beitalter  in  SSergleicpung  mit  allen 
oorigen  mopl  bie  Hoffnung  napren  fönnen,  baf$  ber  füngfte  Sag  eper  mit 
einer  ©liaSfaprt,  al§  mit  einer  ber  Utotte  .ftorap  apnlid)en  £)öllenfaprt  ein* 
treten  unb  ba§  ©nbe  aller  Singe  auf  ©rben  perbeifüpren  bitrfte.  Mein  biefer 
peroifcpe  ©laube  an  bie  Sugenb  fcpeint  bod^  fubfectio  feinen  fo  allgemein* 
fräftigen  ©influff  auf  bie  ©emütper  pr  33efeprung  p  paben,  al§  ber  an 
einen  mit  ©cprecfen  begleiteten  Auftritt,  ber  oor  ben  lepten  Singen  al<§ 
oorpergepenb  gebacpt  mirb. 

*  * 

* 

21  nm  erfun  g  Sa  mir  e§  pier  blof  mit  ißbeen  p  tpun  paben  (ober 
bamit  fpielen),  bie  bie  Vernunft  fid)  felbft  fcpafft,  mooon  bie  ©egenftänbe 
(menn  fie  beren  paben)  ganj  über  unfern  ©eficpt§frei3  pinau§liegen,  bie 
inbep,  objmar  für  ba<§  fpeculatioe  ©rfenntnip  überfcpmenglid),  barum  bod) 
nicpt  in  aller  SSeppung  für  leer  p  palten  ftnb,  fonbern  in  praftifcper 
Mfupt  nn§  oon  ber  gefepgebenben  Vernunft  felbft  an  bie  £anb  gegeben 
merben,  ni<±)t  etma  um  über  ipre  ©egenftänbe,  ma§  fie  an  fid)  unb  iprer 
latur  nacp  ftnb,  nacppgrübeln,  fonbern  mie  mir  fie  pm  23epuf  ber  mo* 


s 

10 

15 

20 

25 

30 


£)a§  Grnbe  aller  2)inge. 


333 


raltften,  auf  ben  ©nbgwecf  aller  (Dinge  genuteten  ©runbfäffe  gu  beulen 
l)aben  (woburt  fie,  bie  fonft  gänglid)  leer  waren,  objectiüe  praftiffffe  9te= 
alität  befomnten):  —  fo  Waben  wir  ein  freies  gelb  oor  uns,  biefeS  ^5ro= 
buct  uufrer  eignen  Vernunft,  ben  allgemeinen  begriff  non  einem  (Snbe 
5  aller  (Dinge,  uad)  bem  SSerffaltniff,  baS  er  gu  unferm  ©rfenntniffüermögen 
t)at,  einstweilen  unb  bie  unter  iffrn  fteffenben  gu  llafftficiren. 

liefern  nat  wirb  baS  ©äuge  1)  in  baS  natürliche*)  ©nbe  aller 
(Dinge  nat  ber  ©rbnung  moralifter  Brcecfe  göttlicher  2BeiSffeit,  weites 
wir  alfo  (in  ffraftifter  Stbficht)  woffl  uerfteffen  fönnen,  2)  in  baS  mff  = 
io  ft i f  d) e  (übernatürliche)  ©nbe  berfelben  in  ber  Drbnung  ber  wirfenben 
Urfadjen,  oon  weiten  wir  nid)td  oerfteffen,  3)  inbaS  wibernatürlite 
(öerfehrte)  ©nbe  aller  (Dinge,  welches  non  uns  felbft  baburt,  baff  wir  ben 
©nbgwecf  miffo  erfteffen,  herbeigeführt  wirb,  eingetheilt  unb  in  brei 
Abteilungen  oorgeftellt  werben:  wotwn  bie  erfte  fo  eben  abgeffanbelt 
15  worben,  unb  nun  bie  gwei  not  übrigen  folgen. 


’l* 


Sn  ber  Affofalfffffe  (X,  5,  6)  „Webt  ein  ©ngel  feine  £anb  auf  geu 
Fimmel  unb  ftwört  bei  bem  Sebenbigen  üon  ©wigfeit  gu  ©wigfeit,  ber 
ben  Fimmel  erftaffen  Wat  u.  f.  w.:  baff  ffinfort  feine  Beit  meffr  fein 
füll." 

20  Sßenn  man  nitt  annimmt,  baff  biefer  ©ngel  „mit  feiner  Stimme 
oon  fieben  (Donnern"  (23.  3)  Wabe  Unfinn  ftreien  wollen,  fo  muff  er  bamit 
gemeint  Waben,  baff  Winfort  feine  23eränberung  fein  foll;  bennwäreinber 
2Belt  not  SSeränberung,  fo  wäre  aut  bie  Beit  ba,  weil  jene  nur  in  biefer 
Statt  finben  lann  utib  offne  iffre  23orauSfeffung  gar  nitt  benfbar  ift 
25  (pier  wirb  nun  ein  ©nbe  aller  (Dinge  als  ©egenftänbe  ber  Sinne  oor= 
geftetlt,  wooon  wir  uns  gar  feinen  begriff  maten  fönnen:  weil  wir  uns 
felbft  unoermeiblit  in  SBiberftmtte  oerfangen,  wenn  wir  einen  einzigen 
Stritt  auS  ber  Sinnenwett  in  bie  inteUigible  tffun  wollen;  weitet  ffier 

*)  Sßatürlid)  (formaliter)  ffeifft,  ma3  nad)  ©efefcen  einer  gemiffen  Drbnung, 
30  roeldje  e§  and)  fei,  mithin  and)  ber  moratifdjen  (alfo  nicfft  immer  bloff  ber 
ptWfifdjen)  notffmenbig  folgt.  Sb™  ift  ba3  SRidjtnaifirltäje,  meldjeS  entmeber 
baS  Übernatürliche,  ober  ba<3  Sßibernatürlidje  fein  tann,  entgegengefe|t.  2)a3  Olotff» 
rcenbige  auS  SRatururfacffen  mürbe  auch  als  materialitermatürlid;  (pfwfifdjmotf)' 
menbig)  oorgeftellt  merben. 


334 


2)a§  Silbe  aller  2)itige. 


babitrd]  gejdjiefyt,  bajj  bei-  Slugenblicf,  ber  ba3  ©nbe  ber  erftern  augmadjt, 
aud)  ber  Anfang  ber  anbern  fein  foü,  mithin  bieje  mit  jener  in  eine 
unb  biefelbe  ßeitreiltje  gebraut  mirb,  meld)e§  fid)  miberfprid)t. 

Stber  mir  jagen  aud),  bajj  mir  un§  eine  3)auer  al§  unenblid)  (als 
©migfeit)  benfen:  nid)t  barum  meil  mir  etma  non  iljrer  ©röjje  irgenb  einen  5 
beftimmbaren  Söegriff  fjaben  —  benn  ba§  ijt  unmöglich,  ba  üjr  bie  ßeit 
al§  jDtaj)  berfelben  gänjlid)  fefjlt  — ;  jonbern  jener  ^Begriff  ijt,  meit,  mo  e§ 
feine  ßeit  giebt,  auch  fein  ©nbe  Statt  f)at,  blofj  ein  negativer  oon  ber 
einigen  3)auer,  mobitrd)  mir  in  unjerm  ©rfenntnij)  nid)t  um  einen  $uj)= 
breit  meiter  fotnmen,  jonbern  nur  gejagt  merben  miß,  bajj  ber  SSeruunjt  10 
in  (praftijdjer)  2fbjid)t  auj  ben  ©nbjmecf  auj  bem  2Bege  beftänbiger  33er= 
änberungen  nie  ©einige  getfjan  merben  fann:  objrnar  aud),  menn  jie  e§ 
mit  bem  ^rinctp  be§  Stißftanbeä  unb  berltnüeränberlid)feitbe§ßuftanbe§ 
ber  2Beltmejen  nerjuc^t,  jte  ftdt)  eben  jo  menig  in  Stnjefjung  if)re§  tf)eore= 
ti  jct)  en  ©ebraud)§  genug  tf)un,  jonbern  nielme^r  in  gdn^lid)e  ©ebanfem  15 
lofigfeit  geratfjen  mürbe;  ba  il)r  bann  nichts  übrig  bleibt,  als  ftd)  eine  in§ 
Unenblid^e  (in  ber  B^it)  fortge^enbe  Seränberung  im  bejtänbigen  §ort= 
jd)reiten  jum  ©nb^mecf  ju  benfen,  bei  meinem  bie  ©ejinnung  (meld)e 
nid)t  mie  jenes  ein  ^fyanomen,  jonbern  etma§  ÜberjtnnlidjeS,  mithin  nid^t 
in  ber  ßeit  oeränberlid)  ijt)  bleibt  unb  beßarrlid)  biejelbe  ijt.  2)ie  jRegel  20 
beS  praftijd)en  ©ebraud)§  ber  Vernunft  biejer  ßbee  gemäj)  »iß  alfo  nid)tS 
meiter  jagen  als:  mir  rnüjjen  unjre  2J?a;rime  jo  nehmen,  al§  ob  bei  aßen 
in<§  Unenblidje  geljenben  33eränbrungen  oom  ©uten  jum  23efjent  unjer 
moralijd)er  ßujtanb  ber  ©eftnnung  nad)  (ber  homo  Noumenon,  „befjen 
SBanbel  im  £immel  ijt")  gar  feinem  ßeitmed)fel  untermorfen  märe.  25 

2)ab  aber  einmal  ein  ßeityunft  eintreten  mirb,  ba  aße  SSeränbrung 
(unb  mit  it)r  bie  ßeit  jelbjt)  aujfjört,  ijt  eine  bie  ©inbilbungSfraft  empö= 
reube  SSorjteßung.  2ll§bann  mirb  närnlid)  bie  ganje  Statur  jtarr  unb  gleid)= 
jarn  oerfteinert:  ber  lejjte  ©ebanfe,  ba§  leiste  ©efutjl  bleiben  al§bann  in 
bem  benfenben  Subject  jtefjenb  unb  of)ne  2öed)fel  immer  biefelben.  gür  ein  so 
SBejen,  meld)eS  fid)  jeineS  ^DajeinS  unb  ber  ©rofce  befjelben  (al§  harter) 
nur  in  ber  Seit  bemufet  merben  fann,  mufjeinjoldjeäöeben,  menn  e3  anberä 
Seben  ^eifeen  mag,  ber  $ernid)tung  gleid)  jd)einen:  meil  e§,  um  fid)  in 
einen  jold)en  ßuftanb  ^inein^ubenfen,  bod)  überhaupt  etma§  benfen  rnufj, 
3)enfen  aber  ein  SKeflectiren  enthalt,  meld)e§  jelbjt  nur  in  ber  ßeit  ge=  35 
jd)ef)en  fann.  —  2)ie  23emol)ner  ber  anbern  2Belt  merben  baljer  jo  oorge- 
jteßt,  mie  fte  uad)  23erfd)iebenl)eit  il;reS  2ßol)nort§  (bem  ^pimuiel  ober  ber 


3)as>  (Snbe  aller  2)trtge. 


335 


bpöüe)  enttreber  immer  baffelbe  Sieb,  ihr  ^aüeluja!),  ober  ernig  eben  bie= 
felbett  (sammertöne  anftimmen  (XIX,  1—6.;  XX,  15):  moburb  ber  gang= 
lic^e  Mangel  alles  SßebfelS  in  ihrem  3uftanbe  angegeigt  merben  foO. 
©leibmohl  ift  biefe  (sbee,  fo  fet)r  fie  auch  unfre  ^affungStraft  über= 
5  fteigt,  bob  mit  ber  SSernuuft  in  ^»raftifd^er  SSegiehung  nahe  Dermanbt. 
Sßenn  mir  ben  moralifcf)=p^t)fifcb»en  3nftanb  beS  BJlenfben  hier  im  geben 
and)  auf  bem  beften  $ufg  annehmen,  narnlib  eines  beftänbigen  ^ort= 
fbreitenS  unb  ülnnahernS  gum  hobften  (ibrn  gum  3iel  auSgeftecften)  ®ut: 
fo  tann  er  boeb  (felbft  im  BSemuptfein  ber  Unoeränberlibfeit  feiner  ®e= 
io  finnung)  mit  ber  BluSfibt  in  eine  emig  bauernbe  Bkrdnberung  feines  3n= 
ftanbeS  (beS  fittlicben  fomobt  als  phpfifben)  bie  3 wf riebenb eit  nicht 
oerbinben.  3)enn  ber  3nftanb,  in  melcbem  er  feist  ift,  bleibt  immer  bod) 
ein  Übel  DergleibungSmeife  gegen  ben  beffern,  in  ben  gu  treten  er  in  33e= 
reitfbaft  ftebt;  unb  bie  BSorfteüung  eines  unenblicpen  gortfbreitenS 
15  gum  ©nbgmect  ift  bob  gugleib  ein  B?rofpect  in  eine  unenblibe  Bleibe  Don 
Übeln,  bie,  ob  fie  gmar  Don  bem  gröfsern  ©uten  ftbermogen  merben,  bob 
bie  3ufriebenbeü  nibt  «Statt  finben  taffen,  bie  er  fib  nur  babitrb,  baff  ber 
©nbgmect  enblib  einmal  er r ei b t  noirb,  benfen  tann. 

^Darüber  gerath  nun  ber  nabgrübelnbe  BJlenfb  in  bie  BXpftif  (benn 
20  bie  Vernunft,  meil  fie  bb  nibt  leibt  mit  ihrem  immanenten,  b.  i.  praf= 
tifben,  ©ebraub  begnügt,  fonbern  gern  im  SranSfcenbenten  etmaS  magt, 
hat  aub  ihre  ©eheimniffe),  rao  feine  Vernunft  fib  felbft,  unb  maS  fie  miß, 
nibt  Derfteht,  fonbern  lieber  fbmdnnt,  als  fib,  mie  eS  einem  intetlectueHen 
33emohner  einer  ©innenmelt  gegiemt,  innerhalb  ben  ©rangen  biefer  einge= 
25  fbranft  gu  halten.  2)af)er  fommt  baS  Ungeheuer  oon  @p(tem  beS  2ao  = 
fiun  Don  bem  höbfien  ©ut,  baS  im  BlibtS  beftehen  foU :  b.  i.  im  23e= 
mufstfein,  fib  in  ben  Blbgrwib  ber  ©ottheit  burb  baS  3ufammenfliefsen 
müberfelbenunb  alfo  burb  33ernibtung  feiner  B$erföntib?eit  üerfblnngeu 
gu  fühlen;  Don  melbem  guftanbe  bie  SSorempftnbung  gu  haben,  finefifbe 
so  ^ßhüafophen  fib  in  buntein  3immern  mit  gefbloffenen  Slugen  anftrengen, 
biefeS  ihr  BlibtS  gu  benten  unb  gu  empfinbeu.  ®al)er  ber  BSantljeiSm 
(ber  Tibetaner  unb  anbrer  öftlibeu  SSölfer)  unb  ber  aus  ber  metaphh* 
fifben  @ublimirung  beffelben  in  ber  $olge  ergeugte  ©pinogiSm:  melbe 
beibe  mit  bem  uralten  ©manatiouSfpftem  aller  BJlenfbenfeelen  aus  ber 
35  ©ottheit  (unb  ihrer  enbliben  Bleforption  in  eben  biefelbe)  nahe  nerfbtni= 
ftert  finb.  BlßeS  lebiglib  barum,  bamit  bie  BJlenfben  fib  enblib  bob  einer 
emigen  Blühe  gu  erfreuen  haben  möbten,  melbe  benn  ihr  DermeinteS 


336 


®aä  Gsnbe  aller  ©tilge. 


feligeS  ©nbe  aber  ©inge  auSntad)t ;  eigentlich  ein  begriff,  mit  bem  ihnen 
gugleid)  ber  SSerftanb  auSgel)t  un^  alles  ©enfett  felbft  ein  Gcnbe  hat- 


©aS  ©nbe  aller  ©inge,  bie  burd)  ber  2J?enfd)en  £ünbe  gehen,  ift 
jelbft  hei  ihren  guten  ßraecten  S^ort)eit:  ba§  ift,  ©ebraud)  fold)er  Mittel 
gu  ihren  Sieden,  bie  biefen  gerabe  gumiber  ftnb.  2Bei§f)eit,  b.  i.  praf* 
tifhe  Vernunft  in  ber  Slngemeffenbjeit  ihrer  bem  ©nbgmed;  aller  ©inge, 
bem  hofften  ©ut,  »obig  entfprehenben  SRafcregeln,  raohnt  allein  bei  ©ott; 
unb  ihrer  Sftee  nur  nicht  ftd)tbarlid)  entgegen  gu  hanbeln,  ift  baS,  maS 
man  etma  menfc^lic^e  Söeisheit  nennen  fönnte.  ©iefe  Sicherung  aber 
miber  S^or^eit,  bie  ber  9Renfd)  nur  burd)  SSerfucfje  unb  öftre  Sßeränberung 
feiner  ißlane  gu  erlangen  hoffen  barf,  ift  mehr  „ein  ^leinob,  melhem 
auch  ber  befte  3Jtenfch  nur  nachfagen  fann,  ob  er  es  etma  ergreifen 
möchte;"  mooon  er  aber  niemals  fid)  bie  eigenliebige  Überrebung  barf 
anmanbeln  laffen,  »ielmeniger  barnad)  »erfahren,  als  ob  er  es  ergriffen 
habe.  —  ©aber  auch  bie  oon  3eit  gu  ßeit  üeranberten,  oft  miberfinnigen 
©ntmürfe  gu  fd)icflihen  Mitteln,  um  ^Religion  in  einem  gangen  33olf 
lauter  unb  gugleid)  fraftooU  gu  machen;  fo  baff  man  mohl  auSrufen 
fann:  2lrme  Sterbliche,  bei  eud)  ift  nichts  beftanbig,  als  bie  ttnbeftän* 
bigfeit! 

SSenn  eS  inbefj  mit  biefen  33erfud)en  boh  enblih  einmal  fo  meit  ge* 
biehen  ift,  bah  baS  ©emeinmefen  fähig  unb  geneigt  ift,  nicht  blojf  beu  her* 
gebrachten  frommen  Sehren,  fonbern  auh  ber  burd)  fte  erleuchteten  praf* 
ttfhen  Vernunft  (mieeSgu  einer  Religion  auh  fhlehterbingS  nothmenbig 
ift)  ®el)ör  gu  geben;  menn  bie  (auf  menfhlihe  2lrt)  SBeifen  unter  bem 
33olf  niht  burd)  unter  fid)  genommene  2lbreben  (als  ein  Klerus),  fonbern 
als  fUtitbürger  ©ntmürfe  mähen  unb  barin  gröfftentheüs  übereinfommen, 
melhe  auf  unoerbahtige  2lrt  bemeifen,  bah  ihnen  um  SBahrljeit  gu  thun 
fei;  unb  baS  S3olf  mohl  auh  int  ©angen  (menn  gleich  noh  nid)t  im  fleinften 
©etail)  burh  baS  allgemein  gefühlte,  niht  auf  Autorität  gegrünbete  93e* 
bürfniff  ber  nothmenbigen  Slnbauung  feiner  moralifhen  Anlage  baran 
Sntereffe  nimmt:  fo  fheint  nihts  rathfamer  gu  fein,  als  3ene  nur  mähen 
unb  ihren  ©ang  fortfefjen  gu  laffen,  ba  fte  einmal,  maS  bie  3bee  betrifft, 
ber  fte  nahgehn,  auf  gutem  2Bege  ftnb;  maS  aber  ben  ©rfolg  aus  ben 
gum  beften  ©nbgmecf  gem&hlten  Mitteln  betrifft,  ba  biefer,  mie  er  nah 


5 

10 

15 

20 

25 

30 


2)a$  @nbe  aller  2)itige. 


B37 


betn  Saufe  ber  Statur  auSfaßen  bürfte,  immer  ungemib  bleibt,  if)n  ber 
SBorfeljung  gu  überlaffen.  £)enn,  man  mag  fo  fd)mergläubig  fein, 
mie  man  miH,  fo  muh  man  bod),  mo  eS  fd)ledt)terbingi§  unmöglich  ift,  ben 
©rfolg  aus  gemiffeu  nad)  aller  menfdjlic^eu  SBeiS^ext  (bie,  menn  fie  ihren 
5  tarnen  üerbienen  foU,  lebiglid)  auf  baS  9Dtoralifd)e  gel)en  muh)  genom* 
menen  Mitteln  mit  ©emißheit  üorauS  gu  fehn,  eine  ©oncurreng  göttlicher 
Söeisfjeit  gurn  Saufe  ber  Statur  auf  praftifd)e  Slrt  glauben,  menn  man 
feinen  ©nbgmecf  nicht  lieber  gar  aufgeben  mitl.  —  ßmar  mirb  man  ein* 
menben:  Schon  oft  ift  gefagt  morben,  ber  gegenmärtige  ißlan  ift  ber  befte; 
10  bei  ihm  muh  eS  öon  nun  an  auf  immer  bleiben,  baS  ift  feigt  ein  ßuftanb 
für  bie  ©migfeit.  „2Ser  (nach  biefem  ^Begriffe)  gut  ift,  ber  ift  immerhin 
gut,  unb  mer  (ihm  gumiber)  böfe  ift,  ift  immerhin  böfe"  (Slpofal.  XXII, 
11):  gleich  als  ob  bie  ©migfeit  unb  mit  ihr  baS  ©nbe  aller  2)inge  fchon 
felgt  eingetreten  fein  !önne;  —  unb  gleidjmohl  finb  feitbem  immer  neue 
i5  s$lane,  unter  meld)en  ber  neuefte  oft  nur  bie  SBieberherfteUung  eines  alten 
mar,  auf  bie  33af)n  gebracht  morben,  unb  eS  mirb  aud)  an  mehr  lebten 
©ntmürfen  fernerhin  nicht  fehlen. 

SCh  bin  mir  fo  fehr  meines  UnoermögenS,  hierin  einen  neuen  unb 
glücflichen  SSerfud)  gu  machen,  bemüht,  bah  id),  toogu  freilich  feine  grobe 
20  ©rfinbungSfraft  gehört,  lieber  rathen  möchte:  bie  Sachen  fo  gu  taffen,  mie 
fie  giriert  ftanben  unb  beinahe  ein  SJtenfd)enalter  hinburd)  fid)  als  ertrag* 
lieh  gut  in  ihren  folgen  bemiefen  hatten.  2)a  bas  aber  mol)l  nicht  bie 
Meinung  ber  SJtänner  non  entmeber  grobem  ober  bod)  unternehmenbem 
©eifte  fein  möchte:  fo  fei  eS  mir  erlaubt,  nicht  fomoljl,  maS  fie  gu  thun, 
25  fonbern  mogegen  gu  öerftofjen  fie  fleh  ja  in  Sicht  gu  nehmen  hätten,  meil 
fie  fünft  ihrer  eignen  Slbfidjt  (menn  fie  aud)  bie  befte  märe)  gumiber 
hanbeln  mürben,  befCheibentlich  angumerfen. 

SDaS  ©hriftenthum  hat  anher  ber  größten  Achtung,  meld)e  bie  heilig* 
feit  feiner  ©efeige  unmiberftehlich  einflöht,  noCh  etmaS  SiebenSmür* 
so  bigeS  in  fleh-  (3<h  meine  hier  nicht  bie  SiebenSmürbigfeit  ber  fßerfon, 
bie  eS  uns  mit  groben  Slufopferungen  ermorben  hat,  fonbern  ber  Sadje 
felbft:  nämlich  ber  jittlid)en  SSerfaffung,  bie  ©r  ftiftete;  benn  fene  läht 
fid)  nur  aus  biefer  folgern.)  £>ie  Sichtung  ift  ohne  3w,eifel  baS  ©rfte, 
meil  ohne  fie  auch  feine  mat)re  Siebe  Statt  finbet;  ob  man  gleich  ohne  Siebe 
35  bod)  grobe  Sichtung  gegen  Sernanb  hegen  fann.  Slber  menn  eS  nicht  blob 
auf  ^füchtoorftellung,  fonbern  aud)  auf  $fUd)tbefolguttg  anfommt,  menn 
mau  nad)  beut  fubfectioen  ©runbe  ber  £anblungen  fragt,  ans  meldjern, 

Äant’ä  ©dptifttn.  SBeete.  VIII.  22 


338 


5)a§  (£nbe  alter  Singe. 


trenn  man  iljn  oorauSfepen  barf,  am  erften  p  ermarten  ift,  maS  ber  ÜJcenfd) 
tt) n n  trerbe,  nid)t  blofe  nad)  bem  objectinen,  maS  er  tljun  f oll:  fo  ift 
bod)  bie  Siebe,  als  freie  ülufnaljme  beS  SBillenS  eines  Slnbern  unter  feine 
5Jta;rimen,  ein  unentbeljrlidjeS  ©rgänpngSftücf  ber  Unoollfommenpeit  ber 
menfd)ltd)en  2ßatur  (p  bem,  maS  bie  Vernunft  bitrdjS  ©efep  öorfdjreibt, 
genötigt  trerben  p  muffen):  benn  maS  ©tner  nxct)t  gern  tljut,  baS  tfjut  er 
fo  färglict),  aud)  mol)l  mit  foppiftifcpen  2luSflüd)ten  rom  ©ebot  ber  ^ßflidjt, 
baff  auf  biefe  als  Qriebfeber  opne  ben  Beitritt  jener  nid)t  feljr  biet  p 
rechnen  fein  möchte. 

2Benn  man  nun,  um  eS  recht  gut  p  madjen,  pm  ©fjriftentlpm  nod) 
irgeitb  eine  Autorität  (märe  eS  aud)  bie  göttlid)e)  tjinptlpt,  bie  3lbfxd)t 
berfelben  mag  aud)  nod)  fo  moljtmeinen'o  unb  ber  Srnmcf  aud)  mirttid)  nod) 
fo  gut  fein,  fo  ift  bod)  bie  SiebenSmürbigfeit  beffelben  öerfdjmunben:  benn 
eS  ift  ein  SBiberfpruch,  Semanben  p  gebieten,  bap  er  etmaS  nicht  attein 
tpue,  fonbern  eS  auch  gern  tt)un  foUe. 

£)aS  (Shriftenthuxn  Ijat  pr  2lbficf)t:  Siebe  p  bem  ©efd)äft  ber  SSeob* 
adpttng  feiner  Pflicht  überhaupt  p  beförbern,  unb  bringt  fte  aud)  fjerror, 
meil  ber  Stifter  beffelben  nicht  in  ber  Qualität  eines  ^Befehlshabers,  ber 
feinen  ©eporfam  forbernben  Villen,  fonbern  in  ber  eines  fntenfdjen* 
freunbeS  rebet,  ber  feinen  2Jiitmenfd)en  ihren  eignen  moljlberftanbnen 
Söiüen,  b.  i.  mornad)  fte  oon  felbft  freimütig  panbeln  mürben,  memt  fxe 
Jid)  felbft  gehörig  prüften,  ans  ^erj  legt. 

©3  ift  alfo  bie  liberale  ©enfrtngSart  —  gleicpmeit  entfernt  bom 
Sflaüenfinn  unb  bon  23anbenlofig!eit  — ,  mobon  baS  ©priftentlpm  für 
feine  Sepre  ©ffect  ermartet,  burd)  bie  eS  bie  ^eqen  ber  21?enfd)en  für 
fiep  p  gemimten  berntag,  beren  SSerftanb  fd)on  burch  bie  SSorfteüung  beS 
©efepeS  tprer  Pflicht  erleuchtet  ift.  2)aS  ©efüpl  ber  Freiheit  in  ber  SBapl 
beS  ©nbpeefs  ift  baS,  maS  ipnen  bie  ©efepgebmtg  liebenSmürbig  mad)t. 
—  Dbgleid)  alfo  ber  Seprer  beffelben  aud)  Strafen  anfrinbigt,  fo  ift  baS 
bod)  nicht  fo  p  berfteljen,  menigftenS  ift  eS  bereigentpümlidjen23efd)affen= 
heit  beS  ©priftentpumS  nicht  angemeffen  eS  fo  p  erflären,  als  foUten  biefe 
bie  Qriebfebern  merbeti,  feinen  ©eboten  golge  p  leiften:  benn  fofern 
mürbe  es  aufl)ören  liebenSmürbig  p  fein.  Sonbern  man  barf  bieS  nur  als 
liebreiche,  aus  bem  SBoplmoUeit  beS  ©efepgeberS  entfpringenbe  SBarnung, 
fith  bor  bem  Staben  p  hüten,  meld)er  unüermeiblid)  aus  ber  Übertretung 
beS  ©efeheS  entfpringen  rnüfjte  (benn:  lex  est  res  surda  et  inexorabilis. 
L  i  v  i  us),  auslegen :  meil  nicht  bas  ©priftentfum  als  freimitlig  angenommene 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


2Daä  Silbe  aller  Singe. 


339 


SebenSmapime,  fonbern  baS  ©efe£  fjier  brof)t:  weld)eS,  als  unwanbelbar 
in  ber  Natur  ber  fDiuge  liegettbe  Orbnuug,  felbft  nid)t  ber  SBidfür  beS 
@d)öpferS,  bie  fyolge  berfelben  fo  ober  auberS  ju  entfdjexben,  überlaffen  ift. 
Sßemi  baS  (Spiftentljum  (Belohnungen  öcrlieift  ($.  33.  „@eib  fröf)Ud) 
5  unb  getroft,  eS  wirb  (Sud)  im  Fimmel  aüeS  moljl  vergolten  werben"): 
jo  inufe  baS  uad)  ber  liberalen  ©enfungSart  nid)t  fo  aufgelegt  toerbeti, 
als  wäre  eS  ein  Angebot,  um  baburd)  ben  9Nenfd)en  jum  guten  SebenS= 
manbel  gleid)fam  ju  hingen:  benn  ba  noürbe  baS  (5f)riftentf)um  mieberum 
für  ftd)  felbft  nid)t  liebenSwürbig  fein.  Nur  ein  Nnfinnen  foldjer  ^>anb= 
10  lungeit,  bie  aus  uneigennützigen  23eweggrünben  entfpringen,  fann  gegen 
ben,  welcher  baS  Nuftnnen  tfjut,  bem  N?enfd)en  Sichtung  einpfjen;  ofyne 
Sichtung  aber  giebt  eS  feine  waljre  Siebe.  Nlfo  mu|  man  jener  SBerfjeifjung 
nic^t  ben@inn  beilegen,  als  füllten  bie  ^Belohnungen  fürbie£riebfebernber 
■jpanblungeit  genommen  toerben.  2)ie  Siebe,  moburd)  eine  liberale  SDenfart 
15  an  einen  2BoI)ttf)äter  gefeffelt  mirb,  richtet  ftd)  nid)t  nad)  bem  ©uten,  was 
ber  23ebürftige  empfängt,  fonbern  blofj  nac^  ber  ©ütigfeit  beS  SBillenS 
beffen,  ber  geneigt  ift  eS  ju  ertfjeilen:  foHte  er  aud)  etma  nicf)t  bajn  üermö= 
gettb  fein,  ober  burdt)  anbre  SSeweggrünbe,  meld)e  bie  Nücffidjt  auf  baS  aü= 
gemeine  SBeltbefte  mit  ftd)  bringt,  an  ber  NuSfitfirung  gef)inbert  werben. 
20  2)aS  ift  bie  moralifdje  SiebenSwürbigfeit,  meldje  baS  (Spifteipum 
bei  ftd)  fül)rt,  bie  burd)  mannen  äufjerlid)  iljnt  beigefügten  Swang  bei 
bem  oftern  2£ed)fel  ber  Meinungen  immer  nod)  burd)gefd)immert  unb  eS 
gegen  bie  Abneigung  erfjalten  fiat,  bie  eS  fonft  fjätte  treffen  müffen,  unb 
meld)e  (was  merfmürbig  ift)  jur  Seit  ber  größten  Slufflärung,  bie  je  unter 
25  5fRenfd)en  toar,  ftd)  immer  in  einem  nur  befto  Ijetlern  Sichte  geigt. 

@odteeSmitbem(Sf)riftentf)um  einmal  bafünfomnten,  baf  eS  aufl)örte 
liebenSwürbig  ju  fein  (welches  ftd)  mol)l  ^tragen  fönnte,  menn  es  ftatt  feines 
fanften  ©eifteS  mit  gebieterifdjer  Autorität  bemannet  mürbe):  fo  müfs te,  weil 
tn  moralifdjen  fDingen  feine  Neutralität  (nod)  weniger  Koalition  entgegen* 
so  gefegter  ^rincipien)  (Statt  finbet,  eine  Abneigung  unb  2Biberfejzlid)feit  gegen 
baffelbe  bie  l)errfd)enbe2)enfart  berNienfdjen  werben;  unbber2lntid)rifi, 
ber  of)nef)in  für  ben  Vorläufer  beS  jüngften  £ageS  gehalten  wirb,  würbe 
fein  (oermutf)lid)  auf  gurd)t  unb  ©igennufz  gegrünbeteS),  obzwar  fur^eS 
Regiment  anfangett:  aisbann  aber,  weil  baS  ©fyriftentljum  adgemeine 
35  Sßeltreligion  ju  fein  ^war  b  eftimmt,  aber  es  ju  werben  non  bem  @d)icffal 
nid)t  begünftigt  fein  würbe,  baS(oerfepte)(Snbe  allerfDinge  inrnora* 
lifd)er  Nücfficfjt  eintreten. _ 

22* 


' 


. 


3 it nt  enngen  Trieben. 

cSin  pfjilbfopfjifcfier  cSntnmrf 

tum 

gmmanitef  juuti 


gumetütgen^rteben. 

Ob  biefe  fatirifcße  Überschrift  auf  bern  Scßilbe  jenes  ßoüänbifcßen 
©aftmirtßS,  morauf  ein  Kirchhof  gemalt  mar,  bie  2Ji  enfcßen  überhaupt, 
ober  befonberS  bie  Staatsoberhäupter,  bie  beS  Krieges  nie  fatt  merben 
fönnen,  ober  moßl  gar  nur  bie  ^ßilofopßen  gelte,  bie  jenen  fftßen  Oraum 
träumen,  mag  baßin  gefteUt  jein.  OaS  bebingt  ßcß  aber  ber  SSerfaffer 
beS  ©egenmärtigen  aus,  baß,  ba  ber  praftifeße  Kolititer  mit  bem  tßeore= 
tifcßen  auf  bem  $uß  fielet,  mit  großer  Selbftgefättigfeit  auf  ißn  als  einen 
Sißulmeifen  ßerab^ufeßen,  ber  bem  Staat,  melier  oon  @rfaßrungSgrunb= 
fäßen  auSgeßen  müjje,  mit  feinen  facßleeren  Sbeen  feine  ©efaßr  bringe, 
unb  ben  man  immer  feine  eilf  Jtegel  auf  einmal  merfen  laffen  fann,  oßne 
bafe  ftch  ber  meltfunbige  Staatsmann  baran  feßren  barf,  biefer  and) 
im  gaß  eines  Streits  mit  jenem  fofern  confequent  »erfahren  muffe,  hinter 
feinen  auf  gut  ©löcf  gemagten  unb  öffentlich  geäußerten  Meinungen  nicht 
©efaßr  für  ben  Staat  jumittern;  —  burth  melcße  Glaufula  faloatoria 
ber  SSerfaffer  biefeS  fuß  bann  ßiemit  in  ber  beften  $orm  miber  alle  böS= 
ließe  Auslegung  auSbrücflicß  oermaßrt  miffen  miH. 


Srfter  Slbfcßnitt, 

meteßer  bie  ^Sräliminarartifel  jurn  emigen  ^rieben  unter  Staaten  enthält. 

1.  „®s  foH  fein  $riebenSf<ßluß  für  einen  folcßen  gelten,  ber  mit  bem  ge= 
ßeimen  23orbeßalt  beS  Stop  ju  einem  fiinftigen  Kriege  gemaeßt 
morben." 

Oenn  aisbann  märe  er  ja  ein  bloßer  Sßaffenftißftanb,  Sluffcßnb  ber 
fteinbfeligfeiten,  nießt  Triebe,  ber  baS  ($nbe  aßer  £oftilitäten  bebeutet, 
unb  bem  baS  33eimort  emig  angußängen  einfeßon  »erbädjtiger  «ßleonaSm 
ift.  Oie  oorßanbene,  obgleich  jeßt  oießeießt  ben  ißacifcirenben  felbft  rtod) 
nießt  befannte,  lirfaeßen  jum  fiinftigen  Kriege  ftnb  bureß  ben  ‘JriebenS^ 
feßluß  inSgefammt  oernießtet,  fte  mögen  and)  aus  areßinarifeßen  Oocm 


344 


3um  ewigen  ^rieben. 


menten  mit  notß  fo  fdjarfßcßtiger  9tuSfpäßungSgefdji(fli(ß!eit  auSgeflanbt 
fein.  —  2)er  Vorbeßalt  (reservatio  mentalis)  alter  aüererft  fünftig  auS= 
jubenfenber  Vrätenfionen,  beren  fein  £ßeil  für  feßt ©rmäßnung  tßun  mag, 
roeil  beibe  $u  feßr  erfcßöpft  finb,  ben  Ärieg  fortgufeßen,  bei  bem  böfen 
SBifleti,  bie  erfte  günftige  Gelegenheit  311  biefem  ßtrtecJ  ju  benußen,  ge* 
hört  jur  fjefuitencafuiftif  unb  ift  unter  ber  SBürbe  ber  Regenten,  fo 
mie  bie  2BiUfäßrigfeit  ju  bergleicßen  ©ebuctionen  unter  ber  SBürbe  eines 
fUiinifterS  öeffelben,  menn  man  bie  Sacße,  mie  ße  an  ft<h  felbft  ift,  be= 
urteilt.  — 

Sßenn  aber  nacß  aufgeflärten  Gegriffen  ber  StaatSflugßeit  in  be= 
ftdnbiger  Vergrößerung  ber  Viacßt,  burcß  melcße  Mittel  es  and)  fei,  bie 
maßre  ©ßre  beS  (Staats  gefeßt  mirb,  fo  fällt  freilich  feneS  Urtßeil  als 
fcßulmäßig  unb  pebantifh  in  bie  2lugen. 

2.  ,,©s  foU  fein  für  ßd)  befteßenber  Staat  (flein  ober  groß,  baS  gilt  hier 
gleidpiel)  oon  einem  anbern  Staate  burcß  ©rbung,  £aufd),  Äauf  ober 
Scßenfung  ermorben  merben  fönnen." 

©in  Staat  ift  nämlicß  nid)t  (mie  etma  ber  Voben,  auf  bem  er  feinen 
Siß  hat)  eine  £abe  (patrimonium).  ©r  ift  eine  ©efeUfcßaft  oon  Vfenfcßen, 
über  bie  Viemanb  anberS,  als  er  felbft  ^u  gebieten  nnb  ju  bisponiren  ßat. 
3ßu  aber,  ber  felbft  als  Stamm  feine  eigene  SBurjel  hatte,  als  Vfropf* 
reis  einem  anbern  Staate  ein^uoerleiben,  heißt  feine  ©piftenj  als  einer 
moralifcßen  Verfon  aufßeben  unb  aus  ber  letzteren  eine  Sad)e  macßen  unb 
miberfpricßt  alfo  ber  3bee  beS  urfprünglidien  Vertrags,  oßne  bie  ßd)  fein 
9ted)t  über  ein  Volf  benfen  läßt*).  (511  melcße  Gefahr  baS  Vorurtßeil  biefer 
©rmerbungSart  ©uropa,  benn  bie  anbern  SBelttßeile  ßaben  nie  baoon  ge= 
mußt,  in  unfern  bis  auf  bie  neueften  ßeiten  gebrad)t  ßabe,  baß  ßcß  näm® 
lieh  aud)  Staaten  einanber  ßeitratßenfönuten,  ift  febermannbefannt,  tßeilS 
als  eine  neue  2lrt  oon  Snbuftrie,  ßcß  aueß  oßne  üiufmanb  oon  Kräften 
bureß  $amüienbünbniffe  übermäeßtig  311  maeßen,  tßeils  aud)  auf  folcße 
Slrt  ben  Sänberbeßß  ju  ermeitern.  —  Sind)  bie  Verbingung  ber  Gruppen 
eines  Staats  an  einen  anbern  gegen  einen  nießt  gemeinfcßaftUcßen  $einb 
ift  baßin  gu  jäßlen;  benn  bie  Untertßanen  merben  babei  als  nacß  Velieben 
ju  ßanbßabenbe  Sacßen  gebraueßt  unb  oerbraueßt. 

*)  ®in  ©rbreieß  ift  nicf)t  ein  Staat,  ber  oon  einem  anbern  Staate,  fonbern 
beffen  Steißt  3a  regieren  an  eine  anbere  pßofifcfje  5ßerfon  oererbt  werben  fann. 
2)er  Staat  erwirbt  allbann  einen  Regenten,  nid)t  biefer  all  ein  foltßer  (b.  t.  ber 
'4; ou  ein  attberel  9tei<ß  befifct)  ben  Staat. 


1.  Slbfdjnitt.  SßräUmtnarartifel  311m  ewigen  ^rieben.  345 

3.  „Stebenbe«heere  (miles  perpetuus)  foHeu  mit  ber  Beit  gan^  aufbören." 

®enn  fte  bebrüten  anbere  Staaten  unaufhörlich  mit  Ärieg  bttrd)  bie 
SSereitfchaft,  immer  baju  gerietet  ju  erscheinen;  reifen  biefe  an,  ficb  ein* 
anber  in  2J?enge  ber  ©erüfteten,  bie  feine  ©rennen  fennt,  ju  übertreffen, 
5  ltnb  inbem  burd)  bie  barauf  üertoanbten  Äoften  ber  Triebe  enblich  noch 
brücfenber  mirb  als  ein  furjer  «ftrieg,  fo  ftnb  fie  felbftUrfache  oon  Angriffs* 
Wegen,  um  biefe  Saft  loSjuwerben;  Woju  fommt,  bafe,  jutn  lobten  ober 
getöbtet  3U  toerben  in  Solb  genommen  fein,  einen  ©ebraud)  oon  2)?en* 
fdien  als  bloßen  5Jfafd)inen  unb  Sßerf^eugen  in  ber  £anb  eines  Slnbern 
io  (bes  Staat«)  p  enthalten  fcheint,  ber  [ich  nicht  mol)l  mit  bem  9ted)te  ber 
9J?enfchheit  in  unferer  eigenen  ^erfon  oereinigen  Iä&t.  ©anj  anberS  ift 
eS  mit  ber  freitoiüigett  periobifd)  oorgenommenen  Übung  ber  Staatsbürger 
in  SBaffen  bemanbt,  fid)  unb  ihr  23aterlanb  baburd)  gegen  Angriffe  oon 
uufjen  gu  fiebern.  —  5J?it  ber  Anhäufung  eines  Sä)a|eS  mürbe  eS  eben  fo 
15  geben,  baf  er,  oon  anbern  Staaten  als  ©ebrobung  mit  «ftrieg  angefeben, 
ju  juoorfommenben  Eingriffen  nötigte  (toeil  unter  ben  brei  9J?äd)ten,  ber 
feeres  macht,  ber  23unbeSmad)t  unb  ber  ©elbmacbt,  bie  leidere 
iDoblbaS^uoerläfftgfte^riegSmerheng  fein  bürfte),  menn  nicht  öie  Schmie* 
rigfeit,  bie  ©rofe  beffelben  ju  erforfd)en,  bem  entgegenftanbe. 

20  4.  „es  foHen  feine  StaatSfchulben  in  33ejiebung  auf  duffere  Staats* 
banbel  gemacht  merben." 

ßum  SSeljuf  ber  SanbeSöfonomie  (ber  SBegebefferung,  neuer  Slnfiebe* 
lungen,  Slnfcbaffung  ber  SWagajine  für  beforglidje  ajlifiwadjsiabre  u.  f.  m.) 
außerhalb  ober  innerhalb  bem  Staate  «hülfe  31t  fudjen,  ift  biefe  hülfSqitelle 
25  unoerbächtig.  Elber  als  entgegenmirfenbe  !U?afchine  ber  ÜCRächte  gegen  ein* 
anber  ift  ein  ©rebitfpftem  ins  Unabfeblicbe  anmachfenber  unb  bodb  immer 
für  bie  gegenwärtige  Sorberung  (toeil  fte  hoch  nicht  oon  allen  ©laubigem 
auf  einmal  gefebeben  toirb)  gefieberter  Sd)ulben  —  bie finnreid)e  ©rfinbung 
eines  bunbeltreibenben  SBolfS  in  biefem  Babrbunbert  —  eine  gefährliche 
30  ©elbmacht,  nämlich  ein  Schah  3um  Äriegfübren,  ber  bie  Schäle  aller  an* 
bern  Staaten  jufammengenommen  übertrifft  unb  nur  bur<h  ben  einmal 
beoorftebenben  EluSfaÜ  ber  £a,ren  (ber  bodb  auch  burch  bie  ^Belebung 
beS  SBerfehrS  oermittelft  ber  DRücftüirfung  auf  ^nbuftrie  unb  ©rmerb  noch 
lange  biugebalten  toirb)  erfd)öpft  toerben  fann.  3)iefe  Seichtigfeit  Ärieg 
36  p  führen,  mit  ber  Neigung  ber  9J?acbtbabenben  baju,  welche  ber  menfcbs 
liehen  Statur  eingeartet  3U  fein  fcheint,  oerbunben,  ift  alfo  ein  groffeS 
«fMnberniff  beS  ewigen  SriebenS,  welches  p  oerbieten  um  befto  mehr  ein 


346 


3um  ewigen  Trieben. 


Vräliminarartifel  beffelben  fein  müfete,  meil  ber  enblid)  bod)  unt>ernteiblid)e 
StaatSbanferott  manche  anbere  Staaten  unoerfdplbet  in  ben  Staben 
mit  nermicfeltt  ntu|,  tr»eld)e§  eine  öffentliche  Säfton  ber  legieren  fein  mürbe. 
9Jtitf)in  ftnb  menigftenS  anbere  Staaten  berechtigt,  ftd)  gegen  einen  folgen 
nnb  beffen  Stnntafpngen  p  öerbftnben. 

5.  ,,^ein  Staat  foü  [ich  in  bie  Verfaffung  nnb  Regierung  eines  anbern 
Staats  gemalttlfätig  eintnifdjen." 

®enn  maS  fann  ihn  ba^it  berechtigen?  Gftma  baSSfanbal,  maS  er  ben 
Itnterthanen  eines  anbern  Staats  giebt?  @S  fann  biefer  üielmehr  burd) 
baS  Veifpiel  ber  großen  Übel,  bie  ftd)  ein  Sßolf  burcf)  feine  ©efeplofig* 
feit  pgepgen  hat,  pr  SBarnnng  bienen;  unb  überhaupt  ift  baS  böfe  Vei- 
fpiel,  maS  eine  freie  ^Serfon  ber  anbern  giebt,  (als  scandalum  acceptam) 
feine  Säfton  berfelben.  —  £)al)in  mürbe  pmr  nicpt  p  jiepen  fein,  menu 
ein  Staat  fid)  burd)  innere  Veruneinigung  in  jmei  Steile  fpaltete,  bereu 
feber  für  ftd)  einen  befonbern  Staat  tmrfteüt,  ber  auf  baS  ©anje  Slnfprud) 
mad)t;  mo  einem  berfelben  Veiftanb  p  leiften  einem  äufern  Staat  nid)t 
für  ©inmifd)ung  in  bie  Verfaffung  beS  anbern  (benn  eS  ift  aisbann  2lttar= 
<hie)  angerechnet  merben  fönnte.  So  lange  aber  biefer  innere  Streit  nod) 
nicht  entfliehen  ift,  mürbe  biefe  ©inmifcpung  äußerer  fDtäd)te  Verlegung 
ber  Rechte  eines  nur  mit  feiner  innern  Äranfheit  ringenben,  oon  feinem 
anbern  abhängigen  VolfS,  felbft  alfo  ein  gegebenes  Sfanbal  fein  unb  bie 
Slutonomie  aller  Staaten  unfid)er  mad)en. 

6.  „($S  foü  fid)  fein  Staat  im  Kriege  mit  einem  anbern  fold)e  5einbfelig= 
feiten  erlauben,  meld)e  baS  mecbfelfeitige  ßutrauen  im  fünftigen 
Trieben  unmöglich  machen  müffen:  als  ba  ftnb  Slnfteüung  ber  5CT? e u= 
d)eltnörber  (percussores),  ©iftmifdjer  (venefici),  Vrecpungber 
Kapitulation,  Slnftiftung  beS  Verratl)§  (perduellio)  in  betn 
befriegten  Staat  k.“ 

3)aS  ftnb  eprlofe  Stratagemen.  3)enn  irgenb  ein  Vertrauen  auf  bie 
SenfungSart  beS  $einbeS  muff  mitten  im  Kriege  nod)  übrig  bleiben,  meil 
fonft  atnh  fein  Triebe  abgefd)loffen  merben  fönnte,  unb  bie  $eitibfeligfeit 
in  einen  2luSrottungSfrieg  (bellum  internecinum)  auSfd)lagen  mürbe; 
ba  ber  $rieg  bod)  nur  baS  traurige  Vothmittel  im  Vaturpftanbe  ift  (mo 
fein  ©ericptShof  oorl)anben  ift,  ber  red)tsfräftig  nrtheilen  fönnte),  burd) 
©emalt  fein  3Red)t  p  behaupten;  mo  feiner  oon  beiben  2f)eilen  Ü"ir  einen 
ungerechten  $eittb  erflärt  merben  fann  (meil  baS  fd)on  einen  3iid)terauS- 
fprud)  oorauSfept),  fonbern  ber  2luSfd)lag  beffelben  (gleich  als  oor  einem 


5 

10 

15 

20 

25 

30 

35 


1.  Slbfdjnttt,  Sßraltminarartifel  jutn  ewigen  grtebeit. 


347 


fo  genannten  ©otte§gerid)te)  entfdjeibet,  auf  meffen  «Seite  ba§  Ved)t  ift; 
zmifd)en  Staaten  aber  fid)  fein  VeftrafungSfrteg  (bellum  punitivum) 
benfen  lajjt  (toeil  zmifdfen  ihnen  fein  Verhältnis  eines  Obern  ju  einem 
Untergebenen  ftatt  finbet).  —  SBorauS  benn  folgt:  bah  ein  SluSrottungS* 
5  frieg,  mo  bie  Vertilgung  beibe  Steile  zugleich  unb  mit  biefer  aud)  aüe§ 
Rechts  treffen  fann,  ben  emigen  ^rieben  nur  auf  bem  großen  Äircf)f)ofe 
ber  VJenfdjengattung  ftatt  finben  laffen  mürbe.  ©in  fold)er  Jbrieg  alfo, 
mitbin  aucf)  ber  ©ebraud)  ber  Vtittel,  bie  bahin  führen,  muh  fd)lechter* 
bing§  unerlaubt  fein.  —  Oah  aber  bie  genannte  Mittel  unoermeiblid) 
io  bahin  führen,  erhellt  barauS:  bah  fene  höUifche  fünfte,  ba  fie  an  ftd)  felbft 
nieberträcbtig  ftnb,  wenn  fie  in  ©ebraud)  gefommen,  ftc i>  nicht  lange  inner* 
halb  ber  ©renze  be§  Krieges  halten,  toie  etma  ber  ©ebraud)  ber  Spione 
(uti  exploratoribus),  wo  nur  bie  ©hrlofigfeit  Stnberer  (bie  nun  einmal 
niä)t  auSgerottet  merben  fann)  beituptmirb,  fonbern  aud)  in  ben  $rieben§* 
i5  pftanb  übergehen  unb  fo  bie  2lbfid)t  beffelben  gänzlich  öernicfjten  mürben. 


Obgleich  bie  angeführte  ©efepe  obfectio,  b.  i.  in  ber  Intention  ber 
V?ad)tl)abenben,  lauter  Verbotgefepe  (leges  prohibitivae)  ftnb,  fo  ftnb 
hoch  einige  berfelben  oon  ber  ftrengen,  ohne  Unterfd)ieb  ber  Umftünbe 
geltenben  ülrt  (leges  strictae),  bie  fofort  auf  2lbfd)affung  bringen  (wie 
so  Vr.  1,  5,  6),  anbere  aber  (mie  Vr.  2,  3,  4),  bie  jmar  nicht  als  Ausnahmen 
oon  ber  Ved)t3regel,  aber  hoch  in  Vücffid)t  auf  bie  Ausübung  berfelben, 
burd)  bie  Umftänbe,  fubfectio  für  bie  Vefugnifj  ermeiternb  (leges  latae), 
unb  ©rlaubniffe  enthalten,  bie  Vollführung  auf zrtfd)ieben,  ohne  bod) 
ben  3umcf  aus  ben  Singen  zu  oerlieren,  ber  biefen  2luffd)ub,  z-  V.  ber 
25  Söiebererftattung  ber  gemiffen  Staaten  nach  Vr.  2  entzogenen  ^rei= 
heit,  nicht  auf  ben  Vimmertag  (mie  Sluguft  zu  üerfprechen  pflegte,  ad  ca- 
lendas  graecas)  auSzufepen,  mithin  bie  Vid)terftattung,  fonbern  nur,  ba* 
mit  fie  nicht  übereilt  unb  fo  ber  2lbfid)t  felbft  zumiber  gefchehe,  bie  Ver* 
Zögerung  erlaubt  Oenn  ba§  Verbot  betrifft  hier  nur  bie  ©rmer* 
30  bungSart,  bie  fernerhin  nicht  gelten  foll,  aber  nicht  ben  Vefipftanb, 
ber,  ob  er  ztoar  nicht  ben  erforberlid)en  Ved)tStitel  hat,  bod)  zu  feiner  $dt 
(ber  pntatioen  ©rmerbung)  nad)  ber  bamaligen  öffentlichen  Vteinung  oott 
allen  Staaten  für  redUtnäfig  gehalten  mürbe*). 


*)  Db  e$  aufer  bem  ©ebot  (leges  praeceptivae)  unb  Verbot  (leges  prohibi- 
35  tivae)  noch  @rlaubnifsgefet;e  (leges  permissivae)  ber  reinen  Sßernnnft  geben 


348 


ßurn  ewigen  grieben. 


Streiter  Slbfdjnitt, 

tr>elct)er  bie  ©efinitiöartifel  jum  einigen  ^rieben  unter  Staaten  enthält. 

©er  SrlebenSjuftanb  unter  5ttenfchen,  bie  neben  einanber  leben,  ift 
fein  SRaturftanb  (status  naturalis),  ber  nielmebr  ein  ßuftanb  be§  Krieges 

forme,  ift  biglcr  nicht  ohne  ©runb  beaweifelt  worben.  Senn  ©efefec  überhaupt 
enthalten  einen  ©runb  objectioer  praftifc£)er  9tott)wenbigfeit,  ©rlaubniß  aber  einen 
ber  praftifcßen  ßufälligfeit  gewiffer  £anblungen;  mithin  würbe  ein  ©rlaubniß- 
gef  eh  SWthigung  jn  einer  £anblung,  au  bem,  woju  jemanb  nidjt  genötigt  werben 
fann,  enthalten,  welkes?,  wenn  bag  Object  beg  ©efe^eS  in  beibertei  »eateßung 
einerlei  ÜBebeutung  hätte,  ein  SBiberfpruä)  fein  würbe.  9tun  geht  aber  hier  ’,u 
©rlaubnißgefeße  bag  öorauggefeßte  Verbot  nur  auf  bie  fünftige  erwerbunggart 
eines  Rechts  (3.  SB.  burä)  (Srbfdjaft),  bie  Befreiung  aber  oon  biefem  »erbot,  b.  i. 
bie  ©rlaubniß  auf  ben  gegenwärtigen  SBefißftanb,  welcher  leßtere  im  Uberfdjritt 
aus  beut  SRaturauftanbe  in  ben  bürgerlichen  alg  ein,  obwohl  unrechtmäßiger,  bem 
noih  ehrlicher  SBefiß  (possessio  putativa)  nach  einem  ©rlaubnißgefeß  bes 
2daturred)tg  noch  fernerhin  fortbauern  fann,  obgleich  ein  pntatioer  S3efiß,  fo  halb 
er  alö  ein  folcher  erfannt  worben,  im  fftaturauftanbe,  imgleichen  eine  ähnliche  (£r= 
werbunglart  im  nachmaligen  bürgerlichen  (nach  gefächenem  llberfchritt)  oerboten  ift, 
weide  »efugniß  beg  fortbaurenben  »efißeg  nicht  ftatt  finben  würbe,  wenn  eine 
folcfje  bermeintliche  ©rwerbung  im  bürgerlichen  ßuftanbe  gefächen  wäre;  benn  ba 
würbe  er,  alg  Säfion,  fofort  nach  ©ntbeäung  feiner  Unrechtmäßigfeit  aufhören  müffen. 

Sch  habe  hiemit  nur  beiläufig  bie  Sefjrer  beg  ERaturrechtS  auf  ben  Scgtiff  einer 
lex  permissiva,  welcher  fich  einer  fpftematifdpeintheilenben  »ernunft  bon  felbft  bar¬ 
bietet,  attfmerffam  machen  wollen;  oornehmlich  ba  im  ©ioilgefeße  (ftatutarifäcn) 
öfters  baöon  ©ebraucß  gemacht  wirb,  nur  mit  bem  Uitterfchiebe,  baß  bag  »er- 
botgefeß  für  fid)  allein  bafteßt,  bie  ©rlaubniß  aber  nicht  alg  einfchränfenbe  SBebim 
gütig  (wie  eg  foüte)  in  jetteg  ©efeß  mit  hinein  gebracht,  fonbern  unter  bie  Slug¬ 
nahmen  geworfen  wirb.  —  Sa  heißt  eg  bann:  bieg  ober  feneg  wirb  öerboten: 
eg  fei  benn  SRr.  1,  9tr.  2,  9tr.  3  unb  fo  weiter  ing  Unabfeßliäc,  ba  ©rtaubniffe 
nur  anfälliger  SBeife,  nicht  nach  einem  »riucip,  fonbern  burä)  ^erumtappen  unter 
uorfommeuben  gälten,  auut  ©efeß  hinauf otnmen;  benn  fonft  hätten  bie  SBebinguugen 
in  bie  gormel  beg  »erbotggefeßeg  mit  hineingebrad)t  werben  müffen,  wo* 
burä)  eg  bann  angleiä)  ein  ©rlaubnißgefeß  geworben  wäre.  —  ©g  ift  baßer  au 
bebauern,  baß  bie  finnreicße,  aber  unaufgelöft  gebliebene  tßreigaufgabe  beg  eben  fo 
weifen  alg  fcßarffinnigen  £errn  ©rafen  oonäöinbifchgräß,  welche  gerabe  auf 
bag  leßtjre  brang,  f obalb  berlaffen  worben.  Senn  bie  üftöglicßfeit  einer  folgen 
(ber  mathematifchen  ähnlichen)  gormel  ift  ber  einaige  ächte  gSrobirftein  einer  con» 
fequetit  bleibeitben  ©efeßgebuug,  ohne  welche  bag  fo  genannte  ius  certum  immer 
ein  frommer  äöunfcß  bleiben  wirb.  —  @onft  wirb  man  bloß  generale  ©efeße 
fbie  im  Slltgemeineu  gelten),  aber  feine  unioerfale  (bie  allgemein  gelten) 
haben  wie  eg  bod)  ber  Segriff  eiueg  ©efeßeg  au  erforbern  fcßeint. 


5 

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30 

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40 


2.  Slbjdjuitt.  ©efinitiüartifel  gum  ewigen  Trieben.  349 

i[t(  b.  i.  luenn  gletdj  nicht  immer  ein  Ausbruch  ber  fteinbfeligfeiten,  bod) 
itnmerwährenbe  2Sebrobung  mit  benfelben.  (Sr  muff  alfo  gefüftet  wet> 
ben;  benn  bie  Unterlaffuug  ber  lederen  ift  nod)  nicht  Sicherheit  bafür,  unb 
ohne  bafe  fie  einem  Machbar  öon  bem  anbern  geleiftet  wirb  (welches  aber 
5  nur  in  einem  gef  etlichen  Suftanbe  gefchel)cn  fann),  fann  jener  biefen, 
welchen  er  ba^u  aufgeforbert  hat,  als  einen  fteinb  behanbeln*). 


(Sr  ft  er£)efinitiüartifeljum  ewigen  ^rieben. 

®ie  bürgerlid)e  SSerfaffung  in  febent  Staate  foU  republifanifd)  fein. 

3)ie  erftlidh  nach  ^rincipien  ber  Freiheit  ber  ©lieber  einer  @e= 
10  feUfcpaft  (als  fDZenfchett),  jweitenS  nad)  ©runbfäjgen  ber2lbhängigfeit 
aller  non  einer  einzigen  gemeinfamen  ©efepgebuitg  (als  Untertanen)  unb 

*)  ©emeiniglidj  nimmt  man  an,  baß  man  gegen  Stiemanb  feinblid)  üerfahven 
bürfe,  alä  nur  wenn  er  mich  fdwn  tßätig  läbirt  hat,  unb  bas>  ift  au